Scheinverlobt – und schon verführt?

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Eine Scheinverlobung ist die Lösung! So kann seine gute Freundin Reagan das Vermögen beanspruchen, das ihre Großmutter ihr hinterlassen hat – und Ezekiel Holloway ist endlich seine aufdringlichen Verehrerinnen los. Doch dann wird das Unternehmen seiner Familie in einen Skandal verwickelt. Sein Ruf ist in Gefahr! Um sie zu schützen, will er Reagan freigeben. Aber ihn erwartet eine sexy Überraschung: Seine schöne Scheinverlobte besteht auf einer spontanen Hochzeit in Las Vegas. Etwa inklusive einer heißen Hochzeitsnacht?


  • Erscheinungstag 03.08.2021
  • Bandnummer 2196
  • ISBN / Artikelnummer 9783751503778
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Das Leben hielt für einen Mann durchaus ein paar Annehmlichkeiten bereit.

Für Ezekiel „Zeke“ Holloway bestanden diese zum Beispiel darin, es sich in dem großen Gästehaus gemütlich zu machen, das er auf dem Anwesen der Wingates gemeinsam mit seinem älteren Bruder Luke bewohnte. Wäre er jetzt dort gewesen, würde er auf dem schwarzen Ledersofa sitzen mit einem eiskalten Bier in der Hand und einer üppig belegten Pizza. Vielleicht würde sogar gerade ein Spiel der Pittsburgh Steelers laufen, das er sich auf dem riesigen Bildschirm ansehen könnte.

Zeke sah hinunter auf die Zigarre in seiner Hand. Er betrachtete die berühmte schwarz-rote Binde und schaute auf die Glut, ehe er einen Zug nahm und das Aroma von Pfeffer, Schokolade, gerösteten Macadamianüssen und einem Hauch Cognac genoss. Er hätte süchtig danach werden können – wenn er es zugelassen hätte. Eine Schachtel dieser Zigarren kostete fünfzehntausend Dollar. Daher gönnte er sich nur eine Zigarre pro Monat. Nicht, weil er es sich nicht hätte leisten können. Es ging um Disziplin, um Selbstbeherrschung.

In einer Welt, die urplötzlich fremd, kalt und unsicher geworden war, brauchte er das Gefühl, sein Leben unter Kontrolle zu haben. Selbst wenn es sich nur um eine Zigarre handelte.

Er seufzte, stützte sich mit einer Hand auf die Balustrade des Balkons und blies den Rauch in die Nachtluft. Von drinnen, aus dem Salon, drangen gedämpfte Stimmen. James Harris, Präsident des Texas Cattleman’s Club, hielt dort das ab, was er eine „kleine Dinnerparty“ nannte. Auch Ezekiel war Mitglied dieses Clubs, und wenn James Harris als erfolgreicher Pferdezüchter und Geschäftsmann in Royal, Texas, eine Einladung aussprach, leistete jede und jeder Folge.

Selbst wenn man bei diesem Event auf die Wingates treffen würde, die seit Neuestem Negativschlagzeilen machten.

Ezekiel nahm noch einen Zug von seiner Zigarre und starrte hinaus in die sternklare Nacht. In der Dunkelheit konnte er die weitläufigen Stallungen, Reitplätze und Pferdekoppeln nur schwach erkennen. Selbst hier draußen, wo er das Gerede nicht verstehen konnte, fühlte er sich unbehaglich, denn er wusste, dass über seine Familie und deren Probleme getratscht wurde. Und dass die Daumen alle nach unten zeigten.

Daran konnte auch der Einfluss von James Harris nicht viel ändern.

Immerhin galt eine Einladung von James so viel, dass kein Angehöriger der High Society von Royal abzusagen wagte, nur weil die Wingates ebenfalls kommen würden.

„Und ich dachte, ich hätte das perfekte Versteck vor denen da draußen gefunden.“

Als er die rauchige Frauenstimme hörte, wandte Ezekiel den Kopf und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend ehrlich erfreut.

Aus dem Schatten trat Reagan Sinclair. Das Licht, das durch die großen Panoramafenster des Salons nach draußen fiel, umschmeichelte ihre schlanke Silhouette. Ohne es zu wollen, registrierte er ihre festen Brüste, ihre schmale Taille, ihre femininen Hüften. Als sie näher kam und ihr verführerischer Duft ihn umhüllte, rief er sich zur Ordnung.

Reagan war sechsundzwanzig und damit vier Jahre jünger als er. Doch da sie eng mit seiner Cousine Harley befreundet war, kannte er sie fast ihr ganzes Leben lang. Sie war eine Tochter aus gutem, konservativem Hause. Also war es nicht passend für sie, allein mit ihm hier draußen zu sein. Schon gar nicht in seinem derzeitigen Gemütszustand.

Normalerweise hatte er seinen Dämon unter Kontrolle. Diesen Dämon, der ihn dazu trieb, Frauen flachzulegen. Es ging ihm dabei nur um Sex. Um heißen, schmutzigen Sex.

Ezekiel stieß frustriert den Atem aus. Wann hatte er das letzte Mal aus Zuneigung oder gar Liebe mit einer Frau geschlafen? Vor acht Jahren, um genau zu sein.

Sein Verstand und jene Moral, von der es hieß, dass er sie nicht besaß, sagten ihm, dass es Zeit war, die Zigarre auszumachen, Reagan freundlich hineinzubegleiten und sie bei ihren Eltern abzuliefern.

Da berührte sie ihn.

Ihre Hand auf seinem Arm zu spüren, war auf seltsame Weise beruhigend. Seine Wut und seine Angst verflogen. Ebenso die Begierde. Zumindest konnte er Reagan jetzt in die dunklen, langbewimperten Augen schauen, ohne sich zu wünschen, Lust in ihnen zu wecken.

„Ich weiß, warum ich mich verstecke“, sagte er und bemühte sich um einen scherzhaften Tonfall. „Was ist deine Ausrede?“

Ihr Blick wurde sanft, und Ezekiel wich ihm unwillkürlich aus. Gleichzeitig brachte er etwas Abstand zwischen sich und Reagan und tat so, als wolle er die Zigarre zu Ende rauchen. Doch er konnte es nicht lassen und musterte ihr Gesicht, ihre hohen, eleganten Wangenknochen, ihren üppigen Mund. Wie schön ihre dunkle Haut schimmerte …

Mann, dachte er. Du kennst sie, seit sie ein Kind war. Also reiß dich zusammen, und hör auf, dir vorzustellen, wie sie nackt und heiß auf dich unter dir liegt.

Ganz gleich, was manche Leute von ihm denken mochten – es gab eine rote Linie, die er niemals überschritt. Schließlich war ihm von Kindheit an eingeimpft worden, was Anstand hieß. Selbst jetzt, da der Name Wingate einige Schrammen davongetragen hatte, galt er doch noch etwas in Royal.

Und dieser Name bedeutete auch ihm sehr viel.

„Hm, meine Ausrede? Lass mich nachdenken“, sagte Reagan, und ein Lächeln umspielte ihre sinnlichen Lippen. „Erstens möchte ich meinen Eltern aus dem Weg gehen, die ständig versuchen, mich zu verkuppeln und mir jeden ledigen Mann zwischen zweiundzwanzig und zweiundachtzig vorstellen. Zweitens langweilt mich der Small Talk da drin. Und drittens, weil ich die Anrufe dieser Klatschtante Tracy Drake seit einer Woche ignoriert habe. Leider sitze ich beim Dinner neben ihr.“

Ezekiel grinste amüsiert und fing ihren Blick auf. Auch Reagan lächelte.

„Außerdem brauchte ich Abstand von Gesprächen über Politik, von versteckten Anspielungen in jedem zweiten Wort – und von Zigarrenrauch“, fügte sie hinzu.

Ihre samtweiche Stimme erregte ihn, und er dachte daran, wie es wohl wäre, ihre perfekte Frisur oder ihr Cocktailkleid in Unordnung zu bringen, indem er …

Da warf sie einen Blick auf seine Zigarre. „Eins von dreien ist aber okay.“

Unwillkürlich musste er lachen. „Mir ist klar, dass ein Gentleman sofort aufhören würde zu rauchen, aber … Na ja, die kleine Sünde gönne ich mir.“

„Nur die eine Sünde?“, neckte sie ihn.

Auf diese Provokation ging er nicht ein, sondern erwiderte: „Abgesehen davon würde niemand auf die Idee kommen, mich einen Gentleman zu nennen.“

Hm, das klang bitter und war ihm unabsichtlich entschlüpft. Dabei war er doch bekannt dafür, nichts ernst zu nehmen. Aber die vergangenen Monate hatten auch an seinen Nerven gezerrt. Manchmal hatte er das Gefühl, alles sei dabei, auseinanderzubrechen. Die Vorwürfe wogen schwer. Korruption und Unterschlagung.

Die Wingates waren von ihrem Podest gestürzt und bekamen nun zu spüren, dass viele sogenannte Freunde nur die Maske der Freundschaft getragen hatten. Jetzt warteten sie wie die Geier darauf, dass man ihnen die Familie zum Fraß vorwarf.

Reagan sah ihn mitfühlend an, und genau das machte ihn wütend. Doch ehe er etwas sagen konnte, bemerkte sie mit einem Lächeln: „Das mit dem Gentleman wird meist überschätzt.“ Ihr sanfter Humor erstickte den Zorn, der in ihm aufgeflackert war. Welche Ruhe und Gelassenheit diese Frau ausstrahlte! Es beeindruckte ihn. „Außerdem wüsste ich gern ein bisschen mehr über deine Sünden“, gab sie zu.

„Nein, dass willst du nicht.“ Er ergriff eine Locke, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte und ihr auf die Schulter fiel, und spürte zwischen Daumen und Zeigefinger, wie dick und seidig ihr Haar war. Sofort erfasste ihn sinnliches Verlangen. Abrupt ließ er die Haarsträhne los. Um sich abzulenken, nahm er einen Zug von seiner Zigarre. „Du bist zu jung für diese Art Gespräch“, wandte er ein.

„Ach, wirklich?“ Sie legte den Kopf schief und schaute herausfordernd zu ihm auf. „Dabei bin ich doch nur vier Jahre jünger als du. Oder erinnerst du dich in deinem fortgeschrittenen Alter von dreißig schon nicht mehr an solche Dinge?“

„Freche Göre“, murmelte er.

„Das höre ich nicht zum ersten Mal“, erwiderte sie und schien einen Moment verstimmt, doch dann lächelte sie. „Umso besser. Dann brauchst du dich nicht zurückzuhalten. Erzähl mir alles, und fang mit den wirklich guten Geschichten über deine Laster an. Mit gut meine ich natürlich die ganz, ganz üblen.“

Durch halbgeöffnete Lippen blies er den Rauch aus. „Bist du sicher, dass du das aushalten würdest, Ray?“ Er nannte sie absichtlich bei ihrem alten Spitznamen. Amüsiert sah er, wie sie die Augen verdrehte.

Bestimmt wollte sie nicht daran erinnert werden, wie er sie einmal knutschend mit seiner Cousine Harley auf dem Sofa erwischt hatte, wo die beiden „geübt“ hatten. Und auch nicht daran, dass sie hemmungslos für eine Boyband geschwärmt hatte, obwohl die mehr Synthesizer als Talent besaßen. Oder dass er ihr auf dem Spielplatz die Tränen abgewischt und versprochen hatte, die Mistkerle zu verprügeln, die sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe gemobbt hatten.

Er dagegen wollte sich an genau diese Dinge erinnern, damit er keine Dummheiten machte. Reagan durfte nicht zu den Frauen gehören, die er flachlegte und danach nie wieder anrief.

Sie hob die Brauen, beugte sich vor und sog den aromatischen Zigarrenduft ein. „Versuch es doch einfach“, flüsterte sie.

Ihre Stimme, ihre Nähe weckten erneut Verlangen in ihm. Gleichzeitig irritierte ihn diese plötzliche Begierde. Das ging gar nicht. Wie kam er dazu, sinnliche Gefühle für Reagan zu entwickeln? Aber leugnen ließen sich diese Gefühle leider nicht. Also trat er einen Schritt zurück und lehnte sich an eine Marmorsäule.

„Hm, also schauen wir mal“, begann er mit humorvollem Unterton. „Ich kann eine ganze Fleischpizza allein vertilgen, und ich benutze keinen Untersetzer für mein Bier. Wenn ich vor sieben Uhr morgens aufstehen soll, werde ich grantig, besonders, wenn es keinen Kaffee gibt, der mir die Sache erträglich machen würde. Und dann noch etwas, das mir ein bisschen peinlich ist. Ich kaufe mindestens fünf Paar Socken pro Monat. Anscheinend frisst mein Wäschetrockner Socken und transportiert sie in eine Welt, wo man mit Socken, die nicht zusammenpassen, bezahlen kann. Ich hasse es, verschiedene Socken zu tragen, daher gebe ich ständig Geld für neue aus. Jetzt kennst du all meine schlechten Angewohnheiten.“

Reagan schwieg einen Moment, dann fragte sie: „Wirklich?“

Er grinste. „Absolut. Und jetzt bist du dran. Gestehe mir deine Sünden, kleine Ray.“

Wie er erwartet hatte, war sie etwas irritiert. Doch dann sagte sie: „Ich glaube nicht, dass ich da viel zu bieten habe, aber schön, wie du willst. Ich stehe jede Nacht auf, schleiche mich ins Wohnzimmer und genehmige mir einen Scotch. Dann ist nämlich niemand da, der sich darüber aufregen und behaupten könnte, ich würde bald wie mein Onkel James an der Flasche hängen.“ Ihr Blick wurde dunkel, und sie fuhr mit dem Zeigefinger über eine kleine Narbe an ihrem Schlüsselbein.

„So, und was noch?“ Sie schloss die Augen, legte zwei Finger unters Kinn und tat, als würde sie gründlich nachdenken. Aber sie konnte ihn nicht täuschen. Ihm war klar, dass sie vor sich selbst schon oft über ihre Unzulänglichkeiten nachgedacht hatte. Am liebsten hätte er sie davon abgehalten, weiterzureden, aber etwas in ihm sehnte sich danach, mehr zu hören. Dann würde er sich nicht mehr so allein fühlen.

Irgendwie menschlicher.

Gott, er war so ein egoistischer Mistkerl. Trotzdem hörte er weiter zu.

„Ich hasse Rosen. Nein, ich verabscheue Rosen. Das ist wichtig, weil meine Mutter Rosen über alles liebt. Jeden Morgen werden Rosensträuße für sämtliche Zimmer geliefert, einschließlich der Küche. Und ich kämpfe jeden Tag gegen das Bedürfnis an, eine der Vasen umzuschmeißen, damit das Zeug auf dem Fußboden landet. Offensichtlich bin ich undankbar und gemein. Und schlussendlich …“

Sie atmete tief durch, sah zu ihm auf, und fuhr fort: „Einmal pro Monat fahre ich rüber nach Joplin, durchstreife die Bars und Restaurants, suche mir irgendeinen Typen, der mir gefällt, gehe mit ihm in ein Hotel und habe heißen, schmutzigen Sex mit ihm. Danach fahre ich wieder nach Hause und bin wie gewohnt die brave höhere Tochter Reagan Sinclair.“

Verlangen durchzuckte ihn. Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und er wurde hart. Verdammt! Das war … erregend. Gleichzeitig war er entsetzt. Nicht weil eine Frau wie Reagan ihre Sexualität auslebte wie ein Mann. Sie hatte dazu jedes Recht. Aber bei dem Gedanken, dass sie nachts allein mit fremden Kerlen unterwegs war, die vielleicht betrunken waren oder brutal, wurde ihm mulmig.

Doch tief in seinem Innern hatte ihre Geschichte noch etwas in ihm geweckt, etwas, worüber er nicht so genau nachdenken wollte.

„Reagan“, flüsterte er.

„Entspann dich“, sagte sie und grinste. „Letzteres habe ich erfunden. Aber jetzt sind wir quitt, denn ich bin sicher, dass du bei deinem Sündenregister auch geschummelt hast.“

Für einen Augenblick verschlug es ihm die Sprache. Sollte er lachen? Oder sie erwürgen, dass sie ihn so angelogen hatte? „Das war nicht sehr nett“, murmelte er dann nur und rollte seine Zigarre zwischen den Fingern. „Aber die Rache ist mein.“

„Ich zittere in meinen Jimmy Choos“, raunte sie.

Diesmal hielt er sich nicht zurück und lachte lauthals los. Das Bedürfnis, sie zu berühren, wenn auch ganz platonisch, war überwältigend. Also legte er einen Arm um Reagan und zog sie an sich wie früher, als sie noch eine Zahnspange und Freundschaftsarmbänder getragen hatte.

Doch ihr Körper war alles andere als mädchenhaft. Ihre Kurven, ihr betörender Duft, ihre Hand, die auf seiner Brust lag – all das erregte ihn. Gleichzeitig stresste es ihn mehr als der Klatsch und Tratsch und die missgünstigen Blicke drinnen im Saal.

Er drückte sie noch einmal fest, ehe er sie losließ. „Danke, Reagan“, murmelte er.

Forschend sah sie zu ihm auf. „Gern geschehen. Dafür sind Freunde da.“

Was er schon immer an ihr gemocht hatte, war ihre Ehrlichkeit. Sie tat nicht so, als hätte sie ihn missverstanden.

„Egal, was gerade passiert – du hast durchaus noch Freunde, Zeke“, fügte sie sanft hinzu.

Wie sie seinen Spitznamen aussprach, bewies ihm, dass sie es ernst meinte. Und ihm wurde klar, dass es an der Zeit war, diese intime Zweisamkeit hier draußen zu beenden. Daher legte er seine Zigarre auf einem Aschenbecher ab, damit sie ausglühen konnte, wie sich das gehörte. Dann wandte er sich an Reagan und bot ihr seinen Arm. Ohne zu zögern, hakte sie sich unter, doch in diesem Moment wurde die Balkontür geöffnet, und Douglas Sinclair kam nach draußen.

Ezekiel kannte ihn, denn sie waren beide Mitglieder des Texas Cattleman’s Club. Sinclair war groß und schlaksig und trug wie immer seinen breitkrempigen Stetson. Er hätte eine afroamerikanische Ausgabe des Marlboro-Mann sein können. Jetzt ruhte der Blick seiner braunen Augen, die denen seiner Tochter so ähnlich waren, kritisch auf Reagan. Genauer gesagt auf ihrem Arm, wo sie sich bei ihm unterhakt hatte.

Douglas sah Ezekiel an, ohne sein Missfallen laut zu äußern. Doch es war klar, dass ihm nicht gefiel, was er sah. Und auch, wenn er Ezekiel nicht mit Worten befahl, die Hände von seiner Tochter zu lassen, konnte man ihn nicht missverstehen. Die Mitgliedschaft im TCC half Ezekiel da überhaupt nicht, denn Douglas Sinclair war konservativ bis ins Mark und alles andere als erfreut, seine Tochter in Gesellschaft eines Holloway vorzufinden.

Schließlich gab es Gerüchte, dass Ezekiels Familie Sicherheitszertifikate gefälscht hatte für Flugzeuge, die WinJet baute, eine Tochterfirma von Wingate Enterprises. Und erst kürzlich waren drei Arbeiter bei einem Feuer im Werk verletzt worden, weil die Sprinkleranlage nicht funktionierte. Die Unterlagen über die Wartungsarbeiten dieser Sprinkleranlage erwiesen sich ebenfalls als gefälscht.

Selbst Ezekiel, der als Vice President für das Marketing von Wingate Enterprises zuständig war, hatte Schwierigkeiten gehabt, den guten Namen der Firma zu retten. Niemand wollte etwas mit einem Unternehmen zu tun haben, das angeblich den Profit über alles stellte und die Gesundheit und das Leben von Menschen aufs Spiel setzte. Das traf zwar auf seine Familie nicht zu, aber der Schaden war da, weil die Öffentlichkeit den Gerüchten glaubte.

Die meisten Clubmitglieder hatten sich zwar hinter die Wingates gestellt, doch Douglas hatte sich nicht zu der Sache geäußert. Daher war es kein Wunder, dass er nicht erfreut war, seine Tochter hier draußen mit ihm anzutreffen.

Ezekiel konnte ihm keinen Vorwurf machen. Er musste sich von Reagan fernhalten. Aber aus anderen Gründen, als ihr Vater annahm.

„Reagan“, begann Douglas und hielt ihr die Balkontür auf. „Deine Mutter sucht dich. Das Dinner beginnt gleich, und Devon Granger wartet darauf, dich in den Speisesaal begleiten zu dürfen. Du wirst neben ihm sitzen.“

Ezekiel hörte den leisen Seufzer, der Reagan entschlüpfte, doch als sie antwortete, klang sie ganz wie die brave Tochter.

„Danke, Dad. Ich komme gleich“, murmelte sie.

„Ich warte.“

Es war für Ezekiel deutlich zu spüren, wie sie erstarrte. Die Bevormundung ihres Vaters ärgerte ihn. Sie war eine erwachsene Frau und kein Kleinkind! Er presste ihren Arm an sich, um ihr zu signalisieren, dass er sie nicht so einfach freigeben würde. Dafür empfing er einen erstaunten Blick von ihr, und er ließ sie sofort los.

„Es war schön, dich wiederzusehen, Reagan“, sagte er. Dann sah er ihren Vater an und nickte kurz. „Douglas.“

„Ezekiel.“ Douglas streckte die Hand nach seiner Tochter aus. „Reagan.“

Folgsam ergriff sie seine Hand und vermied es, Ezekiel noch einmal anzuschauen. Dann gingen Vater und Tochter hinein, und Ezekiel war erneut allein draußen in der Dunkelheit.

Besser so, dachte er. Wenn uns jemand von den anderen Gästen hier zusammen gesehen hätte, gäbe es sofort wildes Gerede.

Und er wusste genau, dass es ihm schwergefallen wäre, die Finger von ihr zu lassen, wenn er noch länger mit ihr zusammen gewesen wäre. Eine Riesendummheit, die glücklicherweise durch das Auftauchen ihres Vaters verhindert worden war. Reagan war tabu für ihn. Erst recht weil sie sich schon so lange kannten. Außerdem war sie viel zu gut für ihn. Und ihre Eltern versuchten gerade, einen passenden Ehemann für sie zu finden.

Ezekiel, ein Mann aus einer zerstrittenen Familie, deren Firmenimperium gerade den Bach runterging, war alles andere als passend.

2. KAPITEL

Reagan joggte die vier Stufen zur Villa ihrer Familie in Pine Valley hinauf. Sobald sie den von Säulen getragenen Vorbau erreicht hatte, der sich über die gesamte Breite des Anwesens erstreckte, hielt sie keuchend inne. An eine Säule gestützt, absolvierte sie einige Dehnübungen.

Puh, sie hasste Joggen. Nicht einmal die gepflegten Straßen mit ihren schicken Millionärsvillen konnten sie vom Ziehen in ihren Muskeln, dem Stechen in der Brust und der Langeweile beim Laufen ablenken. Trotzdem verließ sie das Haus jeden Morgen um sieben Uhr, um in dem abgeschirmten Luxusbezirk zu joggen, während die High Society von Royal noch schlief, umgeben von ihren Gärten und Pools und dem Achtzehn-Loch-Golfplatz. Dabei ging es ihr weder um Spaß noch um ihre Gesundheit, auch nicht darum, ihr Gewicht zu halten, damit sie in eine bestimmte Kleidergröße passte.

Es ging um Disziplin.

Jeder Mensch tat Dinge, die er nicht mochte. Doch bei ihr hatte es nichts mit Loyalität, Opferbereitschaft oder Liebe zu tun. Das Joggen diente ihr als Erinnerung daran, was passierte, wenn eine Person die Kontrolle verlor. Wenn sie egoistische Bedürfnisse über das stellte, was wirklich zählte.

Es war nötig, sich immer daran zu erinnern.

Weil es ihre Strafe war.

Und deshalb würde sie weiterhin joggen, auch wenn sich ihr Körper einfach nicht daran gewöhnen wollte.

Gerade als sie ihr Stretching beenden wollte, wurde die Haustür geöffnet, und ihr Vater kam auf sie zu. Wie immer durchfluteten sie bei seinem Anblick widerstreitende Gefühle.

Ehrfurcht. Zuneigung. Schuldgefühle. Scham. Zorn. Ablehnung.

Liebe.

Was Douglas Sinclair betraf, gab es in ihr ein unentwirrbares Gefühlschaos.

„Guten Morgen, Dad“, begrüßte sie ihn und richtete sich auf.

„Reagan.“ Wie immer trug er seinen breitrandigen Stetson; sein Blick war kritisch. „Warst du wieder joggen?“ Er schüttelte den Kopf. „Warum benutzt du nicht die Sportgeräte in unserem Fitnessraum? Da findest du alles, was du brauchst. Stattdessen vagabundierst du in der Nachbarschaft herum.“

Was für ein altmodisches Wort! Reagan spürte, wie Wut in ihr hochstieg. Doch so war ihr Vater nun mal. Altmodisch. Den Traditionen verhaftet. Konservativ. Er bestand darauf, dass sie sich so verhielt, wie es seiner Meinung nach korrekt war. Und dass sie in sportlichen Leggings und einem Tanktop durch die Gegend joggte, missfiel ihm ungemein. Anständige Frauen zeigten ihren Körper nicht in der Öffentlichkeit.

Dummerweise konnte sie nicht in einem Empirekleid mit gestärktem Kragen joggen.

Reagan zwang sich zu lächeln. „Ich treibe mich nicht herum, sondern ich treibe Sport, Dad.“ Ehe er antworten konnte, fragte sie: „Willst du ins Büro?“ Dabei kannte sie die Antwort natürlich.

Nach Douglas Sinclair konnte man die Uhr stellen. Frühstück um sieben, Fahrt ins Büro um viertel vor acht. Pünktlichkeit war für ihn eine Frage der Höflichkeit gegenüber seinen Klienten.

„Ja.“ Er schaute auf seine Uhr. „Ich habe deiner Mutter eine Nachricht hinterlassen, aber da ich dich gerade treffe, kann ich dir ja auch sagen, dass wir heute Abend die Grangers zum Dinner eingeladen haben. Du wirst ebenfalls da sein, und zwar pünktlich. Ich akzeptiere, dass du für das Komitee arbeitest, aber du wirst auch uns gegenüber deinen Verpflichtungen nachkommen. Ich erwarte dich passend gekleidet um Punkt sechs.“

Es fiel Reagan schwer, ihr inneres Mantra aufzusagen: Er meint es nicht böse. Er will dich nicht bevormunden. Er liebt dich.

Ihr Vater hatte keine Ahnung von ihrem Engagement für das Mädchenhaus in Colonial County. Er konnte ja nichts dafür, dass er diese traditionellen Vorstellungen hatte und dass seine Erwartungen an sie immer wieder enttäuscht wurden.

„Devon wird seine Eltern begleiten. Daher hoffe ich, dass du dich heute Abend von deiner besten Seite zeigst“, fuhr ihr Vater fort. „An dem Abend bei James Harris schienst du großes Interesse an ihm zu haben. Ihr habt euch lebhaft unterhalten. Er ist die rechte Hand seines Vaters in dem großen Bauunternehmen, hat beste geschäftliche Beziehungen und wäre der ideale Ehemann für dich.“

Himmel nochmal. Nicht schon wieder, dachte Reagan aufgebracht.

Sie war vor fünf Monaten sechsundzwanzig Jahre alt geworden, und ihr Vater hielt es für seine Aufgabe, sie endlich zu verheiraten. Ihr Bruder und ihre Schwester waren bereits unter der Haube.

All das war so lächerlich. So verdammt überholt und langweilig. Als wäre sie nicht in der Lage, selbst einen Ehemann zu finden – wenn sie denn einen haben wollte.

Sie liebte ihre Eltern und war ihnen dankbar für alles, was sie ihr ermöglicht hatten. In einem luxuriösen Zuhause aufzuwachsen, die besten Schulen zu besuchen, eine intakte Familie zu haben. Aber ihr Vater war unbestritten der Patriarch, und Henrietta Sinclair, ihre Mutter, widersprach ihm nur selten und wenn, dann um auf sanfte Weise zu vermitteln. Die Ehe ihrer Eltern war gut, aber extrem konservativ. So eine Verbindung konnte Reagan sich für sich selbst nicht vorstellen.

Außerdem war es ihr schon einmal passiert, dass sie sich selbst aufgegeben hatte – wegen eines Mannes, den sie liebte. Ein Mann, der ihre Welt gewesen war. Das Ende war furchtbar gewesen.

Nein, sie hatte kein Interesse an einem Mann, der erwartete, dass sie in seinem Schatten lebte.

„Danke für deine Fürsorge, Dad, aber ich wünschte, du und Mom würdet aufhören, mich zu verkuppeln. Ich habe euch gesagt, dass ich im Moment nicht daran denke, zu heiraten. Ich werde zum Dinner kommen, aber das war es auch schon. Devon Granger ist ein netter Kerl, aber kein Mann, in den ich mich jemals verlieben könnte.“

„Verlieben“, echote ihr Vater abfällig. „Mach dich nicht lächerlich. Ich erwarte ja nicht, dass er dir nach dem Dinner einen Antrag macht. Gib ihm einfach eine Chance. Ich will, dass du glücklich verheiratet bist. Und zwar mit einem Mann, der für dich sorgen kann. Sei nicht naiv, Reagan. Deine jüngere Schwester ist bereits verheiratet. Die Leute wundern sich und reden darüber, dass mit dir vielleicht was nicht stimmt …“

„Ich bin anders als Christina“, fiel ihm Reagan ins Wort. „Und ich bin auch anders als mein Bruder. Ich will etwas erleben, und Heiraten gehört nicht dazu.“

„Hör auf mit diesem Unsinn.“

„Wenn du mir mein Erbe geben würdest, das mir Gran hinterlassen hat, könnte ich meine Ziele viel besser verfolgen. Ich möchte ein eigenes Leben, Dad. Und meine eigenen Entscheidungen treffen.“ Unwillkürlich strich sie über die kleine Narbe auf ihrem Schlüsselbein. Wer etwas wagte, durfte auch Fehler machen. Oder?

Autor

Naima Simone
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