Spanische Leidenschaft – 7 feurige Lovestorys

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DIE NANNY UND DER SPANISCHE MILLIARDÄR von CATHY WILLIAMS

„Finde sie, heirate sie!“ Schockiert hört Selfmade-Milliardär Rafael Almirez, was sein Patenonkel von ihm verlangt. Offenbar lebt dessen uneheliche Tochter in Buenos Aires. Und weil Sofia bald ein Vermögen erben wird, soll Rafael sie vor Mitgiftjägern bewahren. Durch Heirat!

HÖCHSTGEBOT FÜR DIE LEIDENSCHAFT von CLARE CONNELLY

„Fünfhunderttausend Pfund!“ Alicia ist fassungslos: Für diese astronomische Summe ersteigert Milliardär Graciano Cortéz sie bei einer Benefiz-Auktion. Fünf Tage gehört sie nun ihm – ihrer unvergessenen Jugendliebe!

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Von wegen Gedächtnisverlust! Javier erinnert sich genau, dass ihre Ehe gescheitert ist. Das ist Emily sofort klar, als sie das Krankenzimmer ihres Noch-Ehemannes betritt und in seine blitzenden Augen schaut. Warum verleugnet er das Scheitern?

MEIN SPANISCHER GELIEBTER von HELEN BROOKS

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WIEDERSEHEN IN MARBELLA von SARA WOOD

Tas ist entsetzt! Bei ihrer Rückkehr ins romantische Marbella begegnet sie dem neuen Liebhaber ihrer Stiefmutter: Und das ist niemand anderes als Judeo Corderro, ihre große Jugendliebe!

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Auf Javier Masters idyllischem Anwesen in Andalusien scheinen sich Zoes sehnsüchtige Wünsche endlich zu erfüllen: Zum ersten Mal liegt sie in den Armen des stolzen Spaniers, mit dem sie verheiratet ist – zum Schein!

DAS SCHLOSS DER TRÄUME von KATE WALKER

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  • Erscheinungstag 30.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542142
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

CATHY WILLIAMS

Die Nanny und der spanische Milliardär

1. KAPITEL

„Ich bin froh, dass du gekommen bist, Rafael. Ich war nicht sicher, ob du es schaffen würdest, nachdem du gerade einen neuen Großauftrag an Land gezogen hast. Die Zeitungen sind voll davon. Sehr freundlich von dir, dass du es trotzdem einrichten konntest, einem sterbenden alten Mann einen Besuch abzustatten.“

Rafael zog die Augenbrauen hoch und musterte seinen Patenonkel skeptisch.

David Dunmore sah mit seinen runden Brillengläsern, dem grauen Wuschelkopf und dem gütigen Lächeln aus wie der Weihnachtsmann persönlich. Aber Rafael wusste, dass sich hinter der harmlosen Fassade ein gewieftes Schlitzohr verbarg. Ein Mann mit einem messerscharfen Verstand, der auch vor emotionaler Erpressung nicht zurückschreckte.

Sein Patenonkel hätte ihn niemals zu sich gebeten, wenn er nicht etwas Dringendes auf dem Herzen gehabt hätte. Je verschlungener die Einleitung, desto heikler das Anliegen. Gemessen an der geschlagenen Stunde Small Talk, die sie bereits hinter sich hatten, musste es sich also um einen gewaltigen Anschlag handeln, den der alte Herr plante.

Mit seinem Drink in der Hand lehnte Rafael sich im Sessel zurück und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Er war schon länger nicht mehr hier gewesen, zuletzt vor ein paar Monaten. Damals war sein Onkel für eine Weile ans Bett gefesselt gewesen und vor Langeweile fast die Wände hochgegangen. Normalerweise trafen sie sich in dem etwas angestaubten Altherrenclub, den David sehr schätzte, weil er sich dort – wie er sagte – selbst beim Denken zuhören könne. Bei einem anständigen Whisky, natürlich, und einem deftigen Essen, das kein Sternekoch „verpfuscht“ hatte.

„Kohl und Fleischpastete, wer braucht das?“, pflegte Rafael dann zu kontern. Beide Männer genossen ihr humorvolles Geplänkel, wohl wissend, dass es auf gegenseitigem Respekt und tiefer Zuneigung beruhte.

Rafael sah sich um. Er hatte schon fast wieder vergessen, wie exklusiv und gediegen die Villa seines Onkels im Londoner Nobelviertel Belgravia ausgestattet war. Die Einrichtung stammte noch aus der Zeit, bevor der Minimalismus in Mode gekommen war. Edle Perserteppiche schmückten den hölzernen Dielenboden, eine Fülle Souvenirs aus fremden Ländern konkurrierte mit zahlreichen wertvollen Gemälden und zierlichen Porzellanfiguren.

„Ich dachte, du hättest es aufgegeben, mir den sterbenden Greis vorzuspielen“, bemerkte er milde lächelnd. „Der Kardiologe hat festgestellt, dass du wieder Bäume ausreißen kannst.“

„Ach, was wissen die Ärzte schon!“

„So einiges, sollte man annehmen. Dr. Hillmann zum Beispiel ist der Spezialist für Herzprobleme. Wenn er dich für gesund erklärt, ist die Sache mit deinem drohenden Tod erst mal vom Tisch.“

„Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als wäre ich auf dem Wege der Besserung. Aber du glaubst nicht, welchem Stress ich in letzter Zeit ausgesetzt war.“

Rafaels Miene wurde ernst. „Geht es um Freddy? Muss er wieder den starken Mann markieren? Keine Sorge, ich kümmere mich um den Mistkerl.“

„Das kannst du gar nicht. Du hast keinerlei Befugnis in meiner Firma, und Freddy die Hölle heißzumachen zieht bei ihm nicht. Er weiß, dass ich ernsthaft angeschlagen bin und mich nicht mehr so wie früher um die Geschäfte kümmern kann. In der Zwischenzeit hat er einiges Unheil angerichtet. Aber er ist nun mal mein Stiefsohn – und dank der Scheidungsvereinbarung einer der Hauptaktionäre. Ich kann nichts gegen ihn unternehmen. Drei meiner besten Führungskräfte haben seinetwegen bereits die Kündigung eingereicht, und ich fürchte, Freddy wird versuchen, sie durch seine Kumpane zu ersetzen. Vor fünf Jahren hätte ich noch die Energie gehabt, dem Jungen auf die Finger zu klopfen, aber jetzt …“

Er seufzte schwer. „Die alte Garde tritt nach und nach ab, wenn auch früher als geplant. Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich dich hergebeten habe.“

Rafael schwieg. Er hatte ein feines Gespür für die Stimmungen seines Onkels und ahnte, dass es um etwas Schwerwiegendes ging. David Dunmore griff nach der altmodischen Aktenmappe, die auf dem Couchtisch aus Walnussholz lag, und zog einen Umschlag aus ihr hervor. Er reichte ihn Rafael und lehnte sich mit erwartungsvoller Miene auf dem Sofa zurück, die Hände über dem Bauch gefaltet.

„Was ist das?“

„Lies.“

Der Umschlag enthielt einen einzelnen Bogen Papier. Rafael war überrascht, dass es sich um einen handgeschriebenen Brief handelte. Inzwischen kommunizierte doch alle Welt per E-Mail. Es war eine klare, schön geschwungene Schrift, vermutlich die einer Frau.

Unter dem forschenden Blick seines Patenonkels überflog er die handgeschriebenen Zeilen. Der Inhalt verschlug ihm die Sprache.

„Ich wusste, dass du ein wenig erstaunt sein würdest“, sagte David.

„Ein wenig erstaunt? Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Wann hat dich dieses unverschämte Pamphlet erreicht, und was wird es dich kosten?“

„Na, na, nicht so voreilig, Rafael. Zunächst einmal – es ist alles wahr, was in dem Brief steht.“ David schloss kurz die Augen, öffnete sie wieder und fuhr fort: „Ich traf Maria Suarez vor über zwanzig Jahren. Ich war Mitte vierzig, sie sechsundzwanzig. Sie war die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Die Scheidung von Fiona lag hinter mir. Ich hatte ihr einen satten Anteil meines Vermögens abtreten müssen und eigentlich erst einmal die Nase voll von Frauen. Maria aber kam wie eine frische Brise in mein Leben …“

„Okay“, warf Rafael ein. „Bevor du jetzt weiter über weibliche Schönheit und frische Brisen philosophierst, lass uns die Sache auf den Punkt bringen.“ Er war fest entschlossen, den alten Mann, der einst sein sicherer Hafen in turbulenten Zeiten gewesen war, vor jedem Schaden zu bewahren.

„Diese Frau, wer auch immer sie ist, meldet sich bei dir, um dir mitzuteilen, dass du auf der anderen Seite des Erdballs eine Tochter hast. Eine Tochter, von deren Existenz du bisher keine Ahnung hattest. Sie behauptet, dass sie nicht mehr lange zu leben hat und ihr Gewissen sie drängt, dir zu schreiben.“ Rafael schnalzte verächtlich mit der Zunge. „Woher weiß sie überhaupt, wo du wohnst? Wenn sie deine Adresse kennt, dann weiß sie auch, dass du reich bist.“

David musterte ihn voller Unbehagen.

„Wie habt ihr euch denn kennengelernt?“, fragte Rafael weiter.

Die verlorene Tochter, dass ich nicht lache, dachte er zornig. Wahrscheinlich arm wie eine Kirchenmaus und in akuter Geldnot. Gesetzt den Fall, die rührselige Geschichte enthielt überhaupt ein Körnchen Wahrheit. Wenn David diesen Unfug glaubte, war es seine Pflicht als sein Patensohn, ihm die Augen zu öffnen. Er würde nicht zulassen, dass noch weitere Goldgräberinnen den alten Herrn hemmungslos ausnahmen. Die Story von der unehelichen Tochter war genau der Köder, auf den er hereinfallen würde. Oder besser gesagt schon hereingefallen war, so wie es aussah.

„Ich verbrachte damals ein Jahr in Argentinien, um geeignete Standorte für meine südamerikanischen Boutique-Hotels zu suchen“, erzählte David. Sein verklärtes Lächeln brachte seinen Patensohn dazu, frustriert die Zähne zusammenzubeißen. „Da traf ich sie, diese wunderschöne Frau mit dem rabenschwarzen Haar und dem sanftesten Wesen, das du dir nur vorstellen kannst. Ich habe mich Hals über Kopf in sie verliebt …“

„Doch leider gab es kein Happy End“, unterbrach Rafael ihn trocken. „Soweit ich weiß, bist du nach England zurückgekehrt, hast Ingrid geheiratet und durftest bei der Scheidung einem weiteren Batzen deines Vermögens Lebewohl sagen. Ganz zu schweigen von den Geschäftsanteilen, die dein lieber Stiefsohn sich gerade unter den Nagel reißt.“ Er schüttelte unwirsch den Kopf. „Aber zurück zu meiner Frage. Woher wusste diese Maria, wo sie dich erreicht?“

„Das ist doch kein Problem, mein Junge! Dafür musste sie nur in einem meiner Hotels nachfragen oder einen Blick ins Internet werfen. Heutzutage hat niemand mehr eine Privatsphäre.“

„Schön und gut, aber du bist hier, und von der Schönen mit dem rabenschwarzen Haar und der sanften Seele ist weit und breit nichts zu sehen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie jemals hier aufgetaucht wäre. Was ist passiert?“

„Ich musste damals überstürzt aus Argentinien abreisen, praktisch mitten in der Nacht, weil meine Mutter einen Herzinfarkt hatte. Antonio, mein engster Mitarbeiter vor Ort, sollte Maria alles erklären. Als ich zurückkam, war sie nicht mehr da. Sie hat sich wohl eingeredet, sie wäre nicht gut genug für mich. Wir lebten in zwei verschiedenen Welten, soll sie gesagt haben, und dass sie mir kein Klotz am Bein sein wolle. Ich denke, ihre Gefühle für mich reichten einfach nicht aus, um es mit mir zu versuchen. Sie hat mir das Herz gebrochen, Rafael.“

„In zwei verschiedenen Welten, aha. Und ihre Welt war welche?“

„Sie arbeitete als Zimmermädchen in dem Hotel, in dem ich wohnte, während ich die Bauarbeiten an meinem Projekt überwachte. Maria war die Liebe meines Lebens. Und jetzt, nach all den Jahren, bekomme ich plötzlich einen Brief von ihr, in dem sie mir mitteilt, dass ich eine Tochter habe. Eine Tochter, mein eigenes Fleisch und Blut!“

Ein Zimmermädchen also. Hatte David wirklich geglaubt, sein Leben so umkrempeln zu können, dass er mit dieser Frau glücklich geworden wäre? Obwohl, schlimmer als die schwedische Schreckschraube, die er kurz darauf geheiratet hatte, hätte ihm auch das Zimmermädchen nicht zusetzen können. Drei Jahre nach dem Gang zum Traualtar endete seine Ehe mit Ingrid in einem hässlichen Scheidungskrieg, bei dem die untreue Ehefrau nicht nur eine stattliche Summe Geld und drei Häuser abstaubte, sondern auch ein fettes Aktienpaket für ihren nichtsnutzigen Sohn Freddy.

Für diese besonders krasse Verirrung auf der Suche nach dem Glück zahlte David noch heute einen hohen Preis.

Der alte Herr wurde zusehends lebhafter, nachdem die Katze aus dem Sack war. „Ich habe alles rekonstruiert“, fuhr er aufgeregt fort. „Maria verschwand damals, ist aber später in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, und dort lebt jetzt meine Tochter. Sie arbeitet als Kinderfrau bei einer aus Großbritannien stammenden Familie in der Vorstadt.“

Dazu äußerte Rafael sich nicht weiter, sondern fragte nur skeptisch: „Hast du schon einen DNA-Test durchführen lassen?“

Sein Patenonkel reagierte gereizt. „Zeitlich passt alles zusammen, und ich werde das Ganze nicht zum Flop erklären, bevor ich sicher weiß, dass es einer ist.“

„Na schön. Du hast also Kontakt zu dieser Frau aufgenommen, nehme ich an. Und zu ihrer Tochter.“

Ein Schatten glitt über Davids Gesicht. „Nein, weder noch. Maria ist inzwischen verstorben. Selbstverständlich habe ich sofort Nachforschungen anstellen lassen und mir die nötigen Informationen besorgt, um jederzeit persönlich mit meiner Tochter in Kontakt treten zu können. Nun fehlt nur noch der letzte Schritt …“

„Ein Langstreckenflug nach Argentinien?“ Rafael musterte den alten Herrn besorgt. „Das solltest du mit deinem Arzt abklären. Nicht, dass dein Herz wieder aufmuckt.“

„Es hat mehr als ein bisschen aufgemuckt.“

„Nun sag schon, David – warum hast du mich herbestellt?“, hakte Rafael nach. „Wolltest du mich nur ins Vertrauen ziehen, oder worum geht es?“

David beugte sich vor und sah ihn eindringlich an. „Ich kann nicht nach Argentinien fliegen. Aber du kannst es, mein Junge, und du musst.“ So ernst hatte Rafael seinen Patenonkel noch nie erlebt. „Du wirst es ganz sicher nicht bereuen.“

Sofia Suarez trat nervös von einem Fuß auf den anderen, während sie das schmiedeeiserne Tor im Auge behielt. Ein hoher Zaun schirmte die Bewohner dieses noblen Anwesens vor dem „Gesindel“ ab, das sich draußen auf den Straßen herumtrieb und möglicherweise auf die kühne Idee kam, hier um Almosen zu betteln.

In dieser vornehmen Enklave in einem Außenbezirk von Buenos Aires lebten die Reichen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Kaum jemand, der nicht zu ihren Kreisen gehörte, erhielt hier Zutritt.

Alle leidigen Aufgaben, die sie für unter ihrer Würde hielten, überließen sie getrost ihrem Personal, und genau deshalb stand Sofia jetzt hier. Immer wieder ungeduldig auf ihre Armbanduhr blickend, hielt sie Ausschau nach dem neuen Gärtner, der längst hätte eintreffen müssen.

James und Elizabeth Walters waren mit ihren beiden Kindern in den Skiurlaub gefahren.

„Keine Ahnung, wozu wir einen Gärtner brauchen, wenn doch einmal die Woche das Gartenteam kommt“, hatte James ihr gesagt, als er, ohne anzuklopfen, in ihr Zimmer geplatzt war. „Aber mein Boss hat mich gebeten, den Mann einzustellen, als Gefallen für einen Londoner Freund. Wie dem auch sei, Lizzy und ich werden verreist sein, also weisen Sie den Mann ein.“

„Natürlich. Aber hatten Sie mir nicht eigentlich freigegeben?“, hatte Sofia zaghaft eingewandt und im Stillen bis zehn gezählt. James und Elizabeth Walters hatten keine Hemmungen, sie auch in ihrer Freizeit zu beanspruchen, obwohl das klar gegen den Arbeitsvertrag verstieß, den sie vor einem Jahr mit ihnen abgeschlossen hatte.

Doch sie brauchte den Job. Die Bezahlung war hervorragend, und sie hatte die Kosten für ihren nicht gerade billigen Online-Buchführungskurs im Voraus begleichen müssen. Da sie außerdem ihrer Tante finanziell unter die Arme griff, war sie momentan so pleite, dass nur noch ein Lottogewinn sie retten konnte. Keine gute Ausgangsbasis also, um sich mit ihrem Arbeitgeber anzulegen.

„Wir sind Ihnen sehr entgegengekommen, als Sie Ihre Arbeit unterbrechen mussten, um Ihre Mutter im Krankenhaus zu besuchen“, hatte James Walters kühl entgegnet. „Ich denke, Sie haben keinen Grund zur Klage. Wir verreisen, und Sie werden fürstlich dafür entlohnt, dass Sie hier herumsitzen und Däumchen drehen. Wo also ist das Problem?“

Dann hatte er sie so unverhohlen von oben bis unten gemustert, dass es an sexuelle Belästigung grenzte, und geblafft: „Nach spätestens einem Monat sind wir den Kerl wieder los, glauben Sie mir. Anscheinend braucht er Geld für seinen Trip quer durch Südamerika. Ich frage mich nur, warum diese Typen nicht in der Lage sind, einer anständigen Arbeit nachzugehen wie andere Menschen auch.“

Dabei hatte er sie wieder so aufdringlich angestarrt, dass Sofia getan hatte, was sie immer tat, wenn ihr Arbeitgeber sie derart in Verlegenheit brachte – zu Boden blicken und warten, bis er das Interesse verlor und ging.

Was er auch tat, allerdings nicht, ohne sie vorher noch einmal daran zu erinnern, was sie während ihrer Abwesenheit alles zu erledigen hatte. Es war eine lange Liste, angefangen bei der Einweisung des Gärtners bis hin zum Polieren des Silberbestecks. Däumchen drehen? Das sollte wohl ein Witz sein.

Die Sonne, die tagsüber heiß geschienen hatte, stand schon tief am violett-roten Abendhimmel, als der neue Gärtner sich endlich über die Gegensprechanlage meldete.

„Sie kommen reichlich spät“, stellte Sofia unverblümt fest. Der Mann sprach Englisch, also tat sie es auch. Sie war viel herumgekommen und konnte sich inzwischen fließend in dieser Sprache verständigen. Das war im Hinblick auf ihre derzeitige Arbeitsstelle äußerst hilfreich, da die Walters sich weigerten, auch nur ein Wort Spanisch zu sprechen.

„Ich warte seit über zwei Stunden auf Sie“, sagte sie mit ärgerlichem Blick auf das Display, auf dem die Gestalt des Neuankömmlings nur schemenhaft zu erkennen war. Sie wollte ihn so schnell wie möglich abfertigen, denn vor ihr lag ein arbeitsreicher Abend mit einem straffen Lernprogramm in Sachen Buchführung.

„Mit wem spreche ich, bitte?“, erwiderte er.

„Ich bin Señorita Suarez und soll Sie einweisen.“

Das kurze Schweigen am anderen Ende der Leitung rief ein merkwürdiges Unbehagen in ihr hervor, das sich jedoch rasch in Ärger verwandelte. Der Mann ging ihr jetzt schon auf die Nerven.

„Wollen Sie mich nicht hereinlassen?“, fragte er.

„Zunächst muss ich Ihnen einige Sicherheitsfragen stellen.“

„Warum?“

„Wie bitte?“

„Warum, habe ich gefragt.“

„Weil …“, Sofia sah sich in der luxuriösen Behausung um, „… weil der Señor de la casa ein wenig eigen ist, was fremde Besucher angeht“, erklärte sie zuckersüß. „Wissen Sie, er hängt an seinen Besitztümern und hätte gern, dass sie bleiben, wo sie sind.“

„Der Señor … “, erwiderte Rafael in demselben ironischen Tonfall, „hat nichts zu befürchten. Ich bezweifle, dass sich irgendetwas in seinem Besitz befindet, was meine Begierde wecken könnte.“

Er hielt das Referenzschreiben in die Höhe, das David ihm vor ein paar Tagen ausgestellt hatte. Der alte Herr hatte nicht verbergen können, wie sehr ihn die Vorstellung amüsierte, dass sein hochangesehener und autoritätsgewohnter Patensohn den Gärtner spielen und Befehle entgegennehmen würde.

„Sehen Sie genau hin, dann werden Sie erkennen, dass ich der bin, für den ich mich ausgebe. Mein Name ist Rafael, und ich soll mich hier um den Garten kümmern. Keine Angst, ich habe nicht vor, den Rasenmäher zu klauen.“

„Sind Sie Spanier?“

„Richtig getippt. Und nun öffnen Sie das Tor. Ich habe eine höllisch lange Reise hinter mir und keine Lust, mich hier stundenlang von Ihnen ausfragen zu lassen.“

Sofia konnte kaum glauben, was der Mann sich herausnahm. Fast wünschte sie, James Walters und seine spröde Ehefrau wären da, um zu erleben, wie ein arroganter kleiner Aushilfsgärtner den Aufstand probte.

Aber die beiden vergnügten sich beim Skifahren in den Bergen, während sie hier arbeiten durfte. Wie immer. Entnervt gab sie den Öffnungscode für das Tor ein und wartete, bis sie die Türglocke schrillen hörte, gefolgt vom donnernden Lärm des schweren gusseiseisernen Türklopfers. Der Fremde schien es wirklich äußerst eilig zu haben.

Sie eilte zur Vordertür und riss sie auf. Frische, nach Gras und Bäumen duftende Abendluft strömte herein, erfüllt vom Zirpen der Zikaden. Sofia aber stand da wie vom Donner gerührt, den Blick auf den großen dunkelhaarigen Mann gerichtet, der die Hand erhoben hatte, als wollte er gerade ein zweites Mal an die Tür hämmern.

Er war zum Umfallen attraktiv. Sein Anblick verwirrte sie dermaßen, dass sie ihn sekundenlang nur anstarren konnte. Dann besann sie sich, trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei ihre Abwehrhaltung diesmal völlig andere Gründe hatte als bei ihrem übergriffigen Chef.

Diesmal war es ihr eigenes, heiß aufflammendes Interesse an dem Mann, das sie völlig aus der Bahn warf.

Sie hätte ihn immerzu anstarren können. Sein dichtes schwarzes Haar war einen Tick zu lang und lässig aus der Stirn gestrichen. Sein Gesicht so schön und ausdrucksstark, dass keine Kamera ihm jemals gerecht werden konnte. Augen, dunkel wie die Nacht, von dichten schwarzen Wimpern umrahmt, eine stolze Nase, ein sinnlicher Mund.

Alles an ihm strahlte einen Sex-Appeal aus, der Sofia Herzklopfen und ein Kribbeln im Bauch bescherte.

Was sie ungemein ärgerte, denn sie hätte es wirklich besser wissen müssen.

Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr litt sie darunter, plötzlich ungewollt zum Objekt männlicher Begierde geworden zu sein. Immer wieder musste sie sich gegen unwillkommene Annäherungsversuche wehren. Besonders ein Mann, ein verheirateter Freund ihrer Mutter, hatte ihr im zarten Alter von fünfzehn Jahren drastisch vor Augen geführt, dass ihr Aussehen nicht etwa ein Vorteil war, sondern eher ein Fluch.

Seitdem war sie äußerst zurückhaltend Männern gegenüber. Natürlich hoffte sie, eines Tages „den Richtigen“ zu treffen, doch sollte er ihr nicht über den Weg laufen, wäre das auch kein Weltuntergang. Auf keinen Fall würde sie ihre Ansprüche herunterschrauben und sich mit weniger zufriedengeben, als ihr ihrer Meinung nach zustand.

Und sie würde ganz sicher nicht zulassen, dass man sie – wie ihre Mutter – nur auf ihr Aussehen reduzierte.

„Bitte, treten Sie ein“, sagte sie etwas brüsker als beabsichtigt und zuckte zusammen, als der Mann sie im Vorbeigehen streifte. Da war es wieder, dieses prickelnde Gefühl sexueller Anziehungskraft, das sich jeder Vernunft widersetzte.

Nach einem kurzen Blick in die große elegante Diele drehte der neue Gärtner sich um und fragte: „Wo sind die Walters? Wollen sie mir nicht Guten Tag sagen?“

Sofia schwankte zwischen Bewunderung für seine Dreistigkeit und Ärger über sein arrogantes Auftreten. „Ich glaube kaum, dass die Familie vorhat, ihren Skiurlaub zu unterbrechen, nur um einem Aushilfsgärtner den roten Teppich auszurollen.“ Zweifelnd musterte sie seinen ramponierten Rucksack. „Mehr haben Sie nicht dabei?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich reise gern mit leichtem Gepäck.“

„Kann ich Ihnen etwas zu essen oder zu trinken anbieten?“

„Arbeiten Sie hier als Haushälterin?“

Rafael wusste genau, in welcher Funktion sie bei den Walters angestellt war. Tatsächlich wusste er mehr über sie, als sie sich jemals hätte vorstellen können, denn er hatte sich vorab gründlich über sie informiert. Sein Patenonkel mochte in romantischen Fantasien von der schicksalhaften Wiedervereinigung mit seiner Tochter schwelgen, er hingegen war nicht so vertrauensselig.

Er war also bestens vorbereitet. Nur mit einem hatte er nicht gerechnet – damit, wie atemberaubend schön Sofia Suarez in natura war. Lange schwarze, lose zusammengebundene Locken umrahmten ein ausdrucksvolles Gesicht mit lebhaften grünen Augen und einem Teint wie Milchkaffee.

Allerdings wirkte sie keineswegs wie das sanftmütige Reh, das David sich zweifellos vorstellte. Das Leben war doch voller Überraschungen.

„Ich bin die Kinderfrau“, erklärte sie mit stolz erhobenem Kinn. Sofia schämte sich nicht für ihre Stellung, obwohl sie wusste, dass sehr viel mehr aus ihr hätte werden können. Doch ihre Herkunft und zu viele Umzüge hatten verhindert, dass sie die entsprechende Ausbildung erhielt.

Im Lauf der Jahre hatte sie den Traum von der großen Karriere nach und nach begraben müssen. Jemandem wie ihr mit einem Lebenslauf wie einem Flickenteppich standen nun mal keine Türen offen. Aber sie tat, was sie konnte, um das Versäumte nachzuholen. Und in der Zwischenzeit …

„Hat die Nanny auch einen Namen?“, unterbrach der Gärtner ihre Gedanken.

„Sofia. Sofia Suarez. Also, möchten Sie etwas trinken? Die Bar werde ich nicht für Sie plündern, aber Tee oder Kaffee können Sie haben – und auch ein Sandwich.“

„Kein Alkohol? Na, dann lieber ein Glas Wasser. Und gern ein Sandwich.“

Rafael folgte ihr in die Küche und schlenderte neugierig darin umher. Es war eine große, moderne Küche. Die Küche reicher Leute, die ein luxuriöses Leben führten.

„Bitte, fassen Sie nichts an“, bat Sofia ängstlich, als er eine Schublade aufzog.

Er musterte sie amüsiert. „Wenn Sie sich hier um alles kümmern sollen, müssen Sie doch wohl die Schubladen öffnen dürfen, oder?“

„Ja, schon, aber …“ Sie errötete.

„Aber Sie sind die Kinderfrau, und ich bin nur der Aushilfsgärtner, verstehe.“

„Sie sehen gar nicht aus wie ein Gärtner.“ Sie wandte sich ab und fuhr fort, mit flinken Fingern ein Schinken-Käse-Sandwich zu belegen.

Rafael, der sie dabei beobachtete, kam nicht umhin, ihre langen schlanken Gliedmaßen und ihre anmutige Haltung zu bewundern.

„Nimm sie gründlich unter die Lupe“, hatte David ihm aufgetragen. „Ich weiß, ich mache mir möglicherweise Illusionen, was sie betrifft, aber ich bin nicht dumm. Finde heraus, was für ein Mensch sie ist, aber bitte inkognito. Ich will nicht, dass die Aussicht auf das riesige Vermögen, das sie erben könnte, ihr Verhalten beeinflusst. Natürlich hoffe ich, dass sie ein nettes, kluges, reizendes Geschöpf ist. Wenn nicht … nun, damit befassen wir uns, wenn es so weit ist.“

Anschließend hatte er Rafael eröffnet, womit er ihn für seinen Einsatz zu belohnen gedachte.

„Flieg nach Buenos Aires, und sieh sie dir an“, hatte David ihn gebeten, „hinterher überschreibe ich dir die Aktienmehrheit an meiner Firma. Du kannst meine Stelle einnehmen und meinen Stiefsohn in die Schranken weisen. Wenn ich meine Tochter erst bei mir habe und du an ihrer Seite die Geschicke der Firma lenkst, muss ich mir keine Sorgen mehr machen. Du hast selbst gesagt, dass dein Unternehmen praktisch von selbst läuft. Also ist es Zeit für eine neue Herausforderung!“

Rafael hatte keinen Bedarf an den Firmenanteilen seines Patenonkels, wenngleich die Freizeitbranche eine sinnvolle Ergänzung zu seinem eigenen Unternehmensfeld darstellte. Sein Beweggrund, um seinem Onkel zu helfen, war die Tatsache, dass David immer für ihn da gewesen war. Während all der Jahre, in denen seine Eltern lieber in der Weltgeschichte umhergereist und ihren eigenen Interessen nachgegangen waren, hatte er ihm stets als väterlicher Freund und Mentor treu zur Seite gestanden.

Seine glücklichsten Kindheitserinnerungen verdankte Rafael nicht seinen Eltern, sondern seinem Patenonkel. Ohne ihn hätte er keine Richtschnur im Leben gehabt, und er mochte sich gar nicht vorstellen, was dann aus ihm geworden wäre. David war der einzige Mensch auf der Welt, den er aufrichtig liebte. Schon deshalb konnte er ihm keine Bitte abschlagen. Die Überschreibung der Aktienmehrheit war nur das Sahnehäubchen, das es ihm ermöglichen würde, das Problem mit Freddy aus der Welt zu schaffen.

„Sind Sie …“, Sofia verstummte, so sehr verwirrte sie das Spiel der Muskeln unter dem alten T-Shirt und der verblichenen Jeans, als der Gärtner mit federnden Schritten die Küche durchquerte und am Küchentisch Platz nahm.

„Bin ich … was?“

„Sind Sie schon lange als Gärtner tätig?“, erkundigte sie sich betont höflich, während sie das Sandwich und ein Glas Wasser vor ihn hinstellte. Normalerweise starrte sie keine fremden Männer an, schon gar nicht so gut aussehende wie diesen Gärtner. Die gut aussehenden waren die schlimmsten, das wusste sie aus Erfahrung.

Sie wollte sich gerade abwenden, da hob er den Kopf und sah sie an. Der kurze Blickwechsel genügte, um ihr Herz zum Rasen zu bringen.

„Ich bastele noch an meiner Karriere“, erwiderte er vage. „Übrigens, Sie sehen auch nicht gerade aus wie eine Kinderfrau.“

Sie fragte sich alarmiert, ob das der Auftakt zu einem Flirt sein sollte. Zum Glück war der neue Gärtner nicht im Haupthaus untergebracht, sondern in einem Anbau neben dem Pool. Aber lästig werden konnte er ihr trotzdem. Immerhin würde sie eine Weile allein mit ihm auf dem Anwesen sein.

„Ach ja?“, erwiderte sie kühl. „Dann haben Sie sicher eine Menge Erfahrung mit Kinderfrauen. Was haben Sie erwartet? Eine ältliche Matrone mit Warze am Kinn?“

Er lächelte, aß sein Sandwich und trank ein paar Schlucke Wasser, bevor er antwortete. „Auf jeden Fall habe ich nicht erwartet, dass Sie fließend Englisch sprechen.“

Sofia blickte auf den leeren Teller. „Wenn Sie dann so weit sind, würde ich Ihnen gern Ihr Quartier zeigen.“

„Mit anderen Worten, Sie wollen mich loswerden.“

„Sie haben es erfasst“, sagte sie trocken.

Rafael rührte sich nicht vom Fleck. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen. Je eher er den Job hinter sich brachte, desto eher konnte er dieses lächerliche Theater beenden. Er war schließlich kein Gärtner! Zwar hatte er sich einen Tag vor seiner Abreise in London noch schnell ein Fachbuch besorgt, war aber über die Lektüre der ersten Seiten nicht hinausgekommen. So schwer würde es schon nicht sein, ein paar Beete umzugraben und den Rasen zu mähen! Lange würde er ohnehin nicht bleiben.

Aber zuerst einmal galt es, die Schutzbarriere der jungen Frau zu durchbrechen und ihr gründlich auf den Zahn zu fühlen. Und falls sie den Test bestand …

Fasziniert musterte er ihre schlanke Erscheinung. Sie war anmutig wie eine Gazelle – und genauso wachsam.

„Wie ist es, für die Walters zu arbeiten?“, fragte er redselig.

„Sagten Sie nicht, Sie hätten eine anstrengende Reise hinter sich? Gehen Sie lieber früh schlafen, morgen wartet jede Menge Arbeit auf Sie.“

„Oh, ich liebe es, lange aufzubleiben. Sprechen Sie noch andere Sprachen außer Englisch und Spanisch?“

„Sie denn?“, kam die Gegenfrage.

„Nun ja … Französisch, Italienisch, ein wenig Mandarin und noch ein paar andere, jedenfalls ansatzweise.“

„Ziemlich ungewöhnlich für einen Gärtner.“

Rafael lachte. „ Touché. Ich habe im Lauf der Jahre bei meinen Jobs so einiges aufgeschnappt. Ich bin eben von Natur aus neugierig und kann es nicht leiden, wenn ich nicht verstehe, was die Leute um mich herum sagen. Und Sie?“

Sofia zögerte mit der Antwort. Sie war es nicht gewohnt, sich mit Fremden zu unterhalten. Wenn sie nicht gerade arbeitete, dann lernte sie und träumte von einer besseren Zukunft. Verabredungen mit Männern kamen in ihrem Alltag nicht vor. Aber hier am Küchentisch mit diesem attraktiven Mann, der mehr über ihr Leben wissen wollte …

Immerhin musste sie in den nächsten Wochen zwangsläufig mit ihm zusammenarbeiten. Da konnte es nicht schaden, ihm ein wenig entgegenzukommen.

Außerdem sah er wirklich verdammt gut aus. Dunkel, geheimnisvoll und sündhaft anziehend. Und, was am wichtigsten war, er wirkte kein bisschen bedrohlich auf sie.

Sie war viel zu bodenständig, als dass ihr jemand wie er gefährlich werden konnte, aber er war definitiv etwas fürs Auge. Warum also nicht ein bisschen mit ihm plaudern?

„Ich war immer viel unterwegs.“ Sie nahm ihm gegenüber Platz und erzählte weiter, das Kinn in die Hand gestützt. „Meine Mutter und ich stammen zwar aus diesem Teil der Welt, aber die meiste Zeit über waren wir auf Reisen. Wir saßen praktisch immer auf gepackten Koffern.“

„Warum? Es ist doch schön hier!“

„Ja, aber …“ Sie zuckte mit den Schultern. Allzu vertrauliche Informationen wollte sie nun auch wieder nicht mit ihm teilen, egal, wie attraktiv er war. „Nun, jedenfalls sind wir ziemlich oft umgezogen, und dabei habe ich hier und da etwas Englisch aufgeschnappt und mir den Rest selbst beigebracht.“

In jedem Ort, in dem sie Station gemacht hatten, hatte sie als Erstes die Bibliothek aufgesucht, denn dort gab es eine große Auswahl an Lehrmaterial. So waren die öffentlichen Büchereien in ihrem unsteten Leben zu einem Zufluchtsort geworden, einem sicheren Hafen der Ruhe. In der großen weiten Welt da draußen würde sie es ohne perfekte Englischkenntnisse nicht weit bringen, das wusste Sofia.

„Und wo ist Ihre Mutter jetzt?“, erkundigte sich Rafael.

Sofia wandte den Blick ab. „Meine Mutter ist vor ein paar Monaten gestorben. Sie war seit Jahren krank, aber das möchte ich jetzt nicht weiter ausführen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihre Unterkunft.“

Er sprang auf, kam um den Tisch herum und hielt ihren Stuhl, als sie aufstand. Seine körperliche Nähe machte Sofia nervös.

Sie selbst war mit einem Meter vierundsiebzig zwar auch nicht gerade klein, doch neben diesem großen, kräftigen Mann mit dem lässigen Sex-Appeal kam sie sich plötzlich mädchenhaft jung und verletzlich vor. Ganz und gar nicht wie die selbstsichere junge Frau, die entschlossen war, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, nachdem sie es in der Vergangenheit nicht gekonnt hatte.

Ihre Mutter Maria war jahrelang mit ihr von einem Ort zum anderen gezogen. Bis sie auf die Idee kam, sich mit einem amerikanischen Rucksacktouristen, der gerade eine Abenteuerreise quer durch Südamerika unternahm, häuslich niederzulassen. Der Typ war zehn Jahre jünger als sie und hatte das Verantwortungsgefühl eines Krabbelkindes. Nach anderthalb Jahren Ehe machte er sich aus dem Staub und kehrte zurück zu seiner Familie nach Florida. Maria aber packte erneut die Koffer und brach zusammen mit ihrer Tochter in die entgegengesetzte Richtung auf.

Dieses Muster zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. In jungen Jahren war Maria von einem älteren Mann schwanger geworden, der sie sitzen gelassen und ihr das Herz gebrochen hatte. Von da an verließ sie sich voll und ganz auf ihr vermeintlich einziges Kapital, ihre Schönheit, um sich durchs Leben zu schlagen. Eine Schönheit, die auch im Lauf der Jahre nicht verblasste.

Bis das Schicksal erbarmungslos zuschlug. Nach langen Jahren im Ausland kehrten Sofia und ihre Mutter nach Buenos Aires zurück, wo Maria ihre letzten Monate verbrachte, umsorgt von ihrer Schwester, ein paar alten Freundinnen und – natürlich – von ihrer Tochter.

Sofia fragte sich, was der Mann neben ihr wohl von ihrer bewegten Vergangenheit halten würde. Als reisender Gärtner, der sich mit Aushilfsjobs über Wasser hielt, führte er genau das Leben, das sie zu verabscheuen gelernt hatte. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, und doch verspürte sie den eigenartigen Drang, sich ihm anzuvertrauen.

„Gehen wir? Ich habe noch einiges zu erledigen.“ Sie sah ihn kurz an und gleich darauf schnell wieder weg, denn sein Blick ruhte entschieden zu interessiert auf ihr.

Für den Bruchteil einer Sekunde ging ihr ein beunruhigender Gedanke durch den Kopf. Was will dieser Mann hier?

2. KAPITEL

„Nettes Anwesen“, hörte Sofia ihren Begleiter sagen, als sie um das Haus herum zum Nebengebäude gingen. Inzwischen war es dunkel geworden, und Rafael ging wie ein dunkler Schatten neben ihr her, allerdings erstaunlich leichtfüßig für seine Größe.

„Ja, allerdings“, erwiderte sie mit einem flüchtigen Blick auf die ausgedehnten Rasenflächen, sorgsam darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen. Die Luft war abgekühlt, und eine frische Brise wehte ihr das Haar aus dem Gesicht.

„So, da wären wir. Die Wohnung ist komplett ausgestattet, Sie müssen das Haupthaus also gar nicht mehr betreten.“

„Es sei denn, ich möchte gern.“

In seiner warmen dunklen Stimme schwang etwas mit, das Sofia veranlasste, schützend die Arme um sich zu legen.

„Waren Sie schon einmal hier?“, fragte sie.

„Nein, dieses Fleckchen Erde kenne ich tatsächlich noch nicht.“

„Dann erkläre ich Ihnen morgen, wo Sie Ihre Einkäufe erledigen können.“

„Sie könnten es mir auch zeigen.“

War das als plumpe Anmache zu verstehen? Es klang so, aber es fühlte sich nicht so an. Sein mild amüsierter Tonfall löste nicht das typische Unbehagen in ihr aus, das sie immer empfand, wenn ein Mann seine Grenzen überschritt.

Wie damals vor vielen Jahren, als ein Bekannter ihrer Mutter während einer Hausparty nachts in ihr Zimmer eingedrungen war. Sie war gerade fünfzehn gewesen und der Kerl alt genug, um ihr Vater zu sein. Starr vor Angst hatte Sofia in ihrem Bett gelegen, als ihr klar wurde, was er mit ihr vorhatte.

Im Ernstfall hätte sie ihn nicht abwehren können. Nur der Zufall in Gestalt eines angeheiterten Pärchens, das auf der Suche nach einem freien Bett ihre Zimmertür aufstieß und den Mann damit in die Flucht trieb, hatte sie vor dem Schlimmsten bewahrt. Es war Rettung in letzter Sekunde gewesen und ein nachhaltiger Schock, aus dem sie die bittere Lehre zog, sich in Zukunft vor Männern in Acht zu nehmen.

Und genau das hatte sie auch getan, bis sie vier Jahre später den Fehler beging, sich in einen Gleichaltrigen zu verlieben. Das schlimme Ende kam, als sie feststellen musste, dass sie Gegenstand einer Wette geworden war, frei nach dem Motto: „Wer bekommt die heiße Tussi als Erster ins Bett?“

Daraufhin hatte Sofia beschlossen, sich gänzlich von Männern fernzuhalten.

Sie warf einen verstohlenen Seitenblick auf ihren Begleiter, der jetzt mit kritischem Blick den Anbau musterte, den die Walters als Quartier für ihn vorgesehen hatten. Ihre Arbeitgeber hätten sicher Zustände bekommen, wenn sie gesehen hätten, wie ihr Aushilfsgärtner sich in ihrer privaten Küche breitgemacht hatte.

Sofia drehte den Schlüssel im Schloss, knipste das Licht an und ließ ihm den Vortritt in die komfortable kleine Wohnung, die gelegentlich zur Unterbringung überzähliger Gäste diente. Rafael stellte seinen Rucksack ab und ging gleich weiter in die Küche. Sofia folgte ihm. Die Räume waren zwar gründlich gereinigt worden, doch die Luft roch abgestanden.

„Warum wohnen Sie nicht hier?“, fragte er, während er reihum alle Schränke und Schubladen aufriss „Hätte man mir nicht wenigstens eine Grundausstattung an Lebensmitteln zur Verfügung stellen können?“

Sofia sah ihn verdutzt an, dann fing sie lauthals an zu lachen, worüber sie selbst mindestens so überrascht war wie er. Wann hatte sie das letzte Mal in Gegenwart eines Mannes so unbefangen gelacht?

„Was ist so lustig?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Sie“, erwiderte sie, immer noch baff über seine Anspruchshaltung. „Sie sollten dankbar sein, dass Sie überhaupt hier arbeiten dürfen.“

„Wieso das denn?“

„Soweit ich weiß, haben die Walters Sie nicht ganz freiwillig eingestellt, und es ist doch ganz gemütlich hier, oder? Jeder andere wäre froh, hier wohnen zu dürfen.“

„Ich bin aber nicht jeder andere, wie Sie noch früh genug feststellen werden“, erwiderte er ungerührt und sah sie dabei aus seinen dunklen Augen so eindringlich an, dass ihr die Hitze in die Wangen stieg.

„Nun, also … die Schlafräume sind oben. Frische Bettwäsche und Handtücher finden Sie im Wandschrank.“

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Warum wohnen Sie nicht hier?“

„Die Walters finden es praktischer, wenn ich mit ihnen im Haupthaus wohne. Da bin ich näher bei den Kindern, Sie verstehen schon.“

„Nicht wirklich“, murmelte er und war schon halb die Treppe hoch.

Sofia verharrte zögernd in der Diele. Eigentlich hatte sie ihre Pflicht für heute getan, alles Weitere könnte sie morgen mit ihm besprechen.

Die Hausherrin Elizabeth legte größten Wert darauf, dass der Garten ihren Vorstellungen entsprechend gepflegt wurde, aber die direkten Anweisungen überließ sie ihrem Gatten James. Der war für seine Pingeligkeit bekannt und machte sich damit beim Personal alles andere als beliebt. Für den neuen Aushilfsgärtner hatte er eine zwei Din-A-4-Seiten umfassende Liste mit genauen Instruktionen verfasst. Aber die würde Sofia ihm erst morgen überreichen.

„Was haben Sie gerade gesagt?“ Widerstrebend folgte sie ihm nach oben.

„Ich sagte, ich verstehe nicht, warum Sie ständig auf Abruf sein müssen. Haben Sie denn nie frei?“

„Tja, also … die Walters gehen abends oft lange aus, und so muss ich zum Babysitten nicht jedes Mal hin- und herlaufen.“

„Werden Sie für diesen Service wenigstens extra bezahlt?“

„Was geht Sie das an?“, brauste sie auf, aber nur, weil es ihr peinlich war, zugeben zu müssen, dass sie sich ausnutzen ließ. Ihr Gehalt war zwar ausgesprochen großzügig, aber diese ständige Verfügbarkeit …

Egal, sie brauchte das Geld. Ihre Mutter war zum Zeitpunkt ihres Todes bettelarm gewesen und hatte ihr keinen Cent hinterlassen. Alles, was Maria in ihrem Leben zustande gebracht hatte, waren eine Tochter, eine gescheiterte Ehe und eine Reihe missglückter Beziehungen. Ihr letztes Geld hatte sie dafür verwendet, zwei Tickets für den Heimflug zu kaufen und eine schäbige Wohnung am Stadtrand von Buenos Aires in der Nähe ihrer Schwester anzumieten.

„Ich sagte doch, ich bin von Natur aus neugierig“, platzte Rafael mitten in ihre Gedanken hinein, und das so sanft, dass Sofias Ärger gleich wieder verrauchte. Ganz entgegen ihrer Absicht ging sie hinter ihm her, als er die oberen Räume inspizierte.

„Leisten Sie mir noch ein wenig Gesellschaft?“, fragte er auf dem Weg zurück nach unten. „Ich bin fremd hier, kenne keine Menschenseele und würde mich freuen, wenn ich den Abend nicht allein verbringen müsste. Sie könnten mir etwas über die Gegend erzählen, bevor ich morgen auf Entdeckungstour gehe.“

„Sie sind zum Arbeiten hier, nicht zum Wandern“, versetzte sie, musste aber insgeheim lächeln, denn seine impertinente Art hatte einen gewissen Reiz.

Während sie stets bemüht war, nicht aufzufallen – schon allein, um sich lästige Männer vom Hals zu halten, aber auch, um sich ihre Zukunft nicht zu verbauen –, tat er das genaue Gegenteil. Sie waren wie Öl und Wasser. Wie Tag und Nacht. Fühlte sie sich deshalb so stark zu ihm hingezogen? Oder war sie einfach nur einsam?

„Stimmt“, erwiderte er unbekümmert. „Aber dies ist ein wunderschönes Land, und ich habe nicht vor, tagein, tagaus nur im Garten zu buddeln.“

„Ich glaube kaum, dass mein Boss Ihren Entdeckergeist zu schätzen weiß. Haben Sie keine Angst, dass er Ihnen ein schlechtes Zeugnis ausstellen könnte? Das würde er sicher liebend gern tun … Verzeihung, das hätte ich nicht sagen sollen.“

„Haben Sie aber.“ Zielstrebig eilte er zur Haustür hinaus und wieder auf das Haupthaus zu, und Sofia blieb nichts anderes übrig, als hinter ihm herzulaufen.

Seine Dreistigkeit machte sie sprachlos. Glaubte er wirklich, er könnte hier tun und lassen, was er wollte, ohne dass ihm jemand Einhalt gebot? Wobei jemand in diesem Fall sie war. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn eingeladen zu haben, aber das schien ihn überhaupt nicht zu interessieren.

„Sie mögen Ihren Boss nicht besonders, oder?“, fragte er mit einem Blick über die Schulter.

„Das habe ich nicht gesagt.“

Rafael hielt abrupt inne, drehte sich zu ihr um und sah ihr forschend ins Gesicht. „Ich kann sehr gut zwischen den Zeilen lesen. Nichts sagt mehr über einen Menschen aus als das, was er lieber für sich behält. Wenn Sie die Walters nicht leiden können, warum arbeiten Sie dann für sie?“

„Ja, warum wohl?“, erwiderte Sofia spitz. „Wegen des Geldes, natürlich. Genau wie Sie, nehme ich an. Sagen Sie, haben Sie heute Abend nicht noch genug zu tun? Ihren Rucksack auspacken, zum Beispiel, Familie und Freunde anrufen und sagen, dass Sie gut angekommen sind …“

„Ach, das hat Zeit“, winkte er ab. „Lieber hätte ich jetzt den Kaffee, den Sie mir angeboten haben. Und sollte Sie das schlechte Gewissen plagen, weil Sie einmal nicht unermüdlich Ihrer Arbeit nachgehen, obwohl Ihre Arbeitgeber in Urlaub sind, dann können Sie mich ja zum Ausgleich schon in meine Aufgaben als Gärtner einweihen. Ich schätze, Ihr Boss hat eine ellenlange Liste für mich dagelassen.“

„Na gut. Eine Tasse Kaffee, aber nur eine.“

„Schon klar. Ich weiß, Sie haben zu tun.“

Zurück im Haus, sah er sich erst einmal gründlich um, und Sofia ließ ihn gewähren. So lässig und selbstbewusst, wie dieser Mann in seiner abgetragenen, aber makellos sauberen Kleidung die Räume durchstreifte, erweckte er nicht den Eindruck, als hätte er es auf das Familiensilber abgesehen.

Sie fragte sich, ob es sein gutes Aussehen war, aus dem er sein unerschütterliches Selbstbewusstsein bezog. Bei ihr war genau das Gegenteil der Fall. Ihre Wirkung auf das andere Geschlecht veranlasste sie, lieber in Deckung zu gehen. Aber als Mann hatte er es da natürlich leichter. Er musste nicht befürchten, von eifersüchtigen Freundinnen in einen Zickenkrieg verwickelt zu werden oder von Frauen betatscht zu werden, die er nicht um sich haben wollte und die jederzeit über ihn herfallen konnten.

Auf jeden Fall hatte er etwas an sich, das sie verstärkt nervös machte.

Sie kochte Kaffee, während er ihr freundlich interessiert zusah.

„Mögen Sie Kinder?“, fragte er ganz unvermittelt, als sie am Tisch Platz nahmen.

„Wie bitte?“

„Arbeiten Sie deshalb für Leute, die Sie nicht leiden können?“

„Sie ziehen voreilige Schlüsse.“

„Ach ja?“

„Was soll das? Ich frage Sie doch auch keine Löcher in den Bauch.“

„Nur zu!“ Rafael lehnte sich bequem auf seinem Stuhl zurück, angelte sich mit dem Fuß einen zweiten, sodass er die Beine hochlegen konnte, und verschränkte die Hände im Nacken. „Was wollen Sie wissen?“

„Wie sind Sie an diesen Job gekommen?“

„Über Beziehungen, aber ist das so wichtig?“

„Eher nicht.“

„Haben Sie Geschwister?“ Wieder eine Frage, deren Antwort Rafael längst kannte und die er aus rein taktischen Erwägungen stellte.

„Nein.“ Sofias klare grüne Augen verschleierten sich. „Ich bin ein Einzelkind. Meine Mutter hat sich mit Anfang zwanzig in einen alten Knacker verliebt, in den Mann, der offenbar mein Vater ist. Aber das hat sie mir erst erzählt, als sie schon todkrank war.“

Rafael sah sie aufmerksam an. „Wo ist der Mann jetzt?“

„Keine Ahnung. Die Beziehung hat nicht lange gehalten.“

„Warum nicht?“

„Wen interessiert das? Die meisten Beziehungen gehen irgendwann in die Brüche, so ist das Leben.“

„Sie sind ganz schön abgeklärt für Ihr Alter. Haben Sie nie versucht, Genaueres über diesen alten Knacker herauszufinden?“

„Warum sollte ich?“ Sie funkelte ihn herausfordernd an.

„Aus Neugier, vielleicht?“

„Ich habe schon genug mit meinem eigenen Leben zu tun, da hält sich meine Neugier auf andere Leute in Grenzen.“

„Sie lügen.“

„Entschuldigung?“

„Sie sind sehr wohl neugierig, und zwar auf mich, das merke ich Ihnen an.“

„Sie eingebildeter Egoist!“

„Ich bin auch neugierig auf Sie, Sofia. Ihr Interesse beruht also auf Gegenseitigkeit.“

Nachdem er das gesagt hatte, trat erst einmal Stille ein. Eine Stille, die vor Spannung zu knistern schien.

Plötzlich sprang Rafael auf, verschwand in der Vorratskammer und kam mit einer Flasche Rotwein wieder heraus. „Ich denke, die hohen Herrschaften haben nichts dagegen, wenn wir ein Fläschchen köpfen und uns damit den Abend versüßen.“

„Das können Sie doch nicht machen!“, protestierte Sofia.

„Und ob ich kann.“ Im Handumdrehen hatte er einen Korkenzieher und zwei kristallene Weinkelche organisiert, entkorkte die Flasche und schenkte ihnen beiden ein.

Zögernd nahm Sofia ihr Glas entgegen. Die Walters hielten ihre Weinvorräte nicht gerade unter Verschluss, aber es galt als ungeschriebenes Gesetz, dass das Personal die Finger davonließ. Daran hatte Sofia sich gewissenhaft gehalten, zumal sie ohnehin kaum Alkohol trank.

Jetzt aber erwachte erneut die Rebellin in ihr, und mit diebischem Vergnügen nippte sie an dem teuren Getränk.

„Keine Sorge …“, Rafael schwenkte sein Glas und schnupperte daran, um die Qualität des Weins zu prüfen, „… ich ersetze die Flasche natürlich.“

„Lassen Sie das nicht zur Gewohnheit werden, sonst sind Sie Ihren gesamten Monatslohn los, ehe Sie ihn überhaupt verdient haben. Ich möchte nicht wissen, was die Flasche gekostet hat.“

„Rühren Sie deshalb das Weinregal nicht an?“

„Wenn man Kinder hütet, sollte man keinen Wein trinken.“

„Oh, natürlich. Und da Sie ja vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr auf Abruf sind …“ Rafael ging mit seinem Glas in der Hand auf den überdimensionalen stahlgrauen Kühlschrank zu. Die bunten Kinderbilder, die mit Magneten an der Tür befestigt waren, wirkten merkwürdig fehl am Platz in der hypermodernen, klinisch sauberen Küche.

„Ist das die Familie?“ Er griff nach einem Foto, das zwei Erwachsene und zwei Kinder zeigte, und betrachtete es eingehend.

„Ja“, bestätigte Sofia kurz angebunden.

„Gut aussehende Eltern, gut aussehender Nachwuchs. Aber jünger, als ich erwartet hatte.“ Er wandte sich zu ihr um. „James Walters ist ein attraktiver Mann, finden Sie nicht?“, fragte er und sah sie dabei so durchdringend an, dass ihr ganz unbehaglich zumute wurde. Dann schien er plötzlich das Interesse zu verlieren, hängte das Foto zurück an seinen Platz und setzte sich wieder auf seinen Stuhl.

„Also, was hält Sie hier? Außer den Kindern und Ihrem Gehalt, meine ich.“

Seine Frage irritierte Sofia so, dass sie wütend erwiderte: „Reicht das nicht als Grund? Wir alle müssen doch irgendwie unseren Lebensunterhalt verdienen.“ Sie trank ihren restlichen Wein in einem Zug aus, erhob sich und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, weil Rafael sie in einem fort ansah. „Sie sollten jetzt lieber in Ihre Wohnung zurückgehen. Auf Sie wartet morgen ein strammes Arbeitspensum.“

Er rührte sich nicht, sondern blieb seelenruhig sitzen und drehte den Stiel seines Weinglases zwischen den Fingern.

„Ach, kommen Sie, setzen Sie sich wieder hin. Bitte. Sobald ich ausgetrunken habe, lasse ich Sie in Ruhe, versprochen.“

Sofia dachte an die langen einsamen Stunden, die vor ihr lagen, und musste zugeben, dass sie Rafaels Gesellschaft tatsächlich reizvoller fand als ihr Lehrmaterial. Normalerweise war sie froh, wenn sie mal etwas Zeit für sich hatte, doch dieser Mann weckte eine seltsame Unruhe in ihr.

Unwillkürlich glitt ihr Blick wieder zu ihm hin, wie er da lässig auf seinem Stuhl thronte, die Beine lang von sich gestreckt, als wäre er der Hausherr persönlich.

Furchtlos war das Wort, das ihr einfiel. Was für ein seltsamer Gärtner. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieser Mann Unkraut zupfte, Beete düngte, Rasen mähte und mit seinen Pflanzen sprach.

„Lungert da im Hintergrund irgendein Typ herum, für den Sie die ganze Plackerei hier aushalten? Muss ein sehr verständnisvoller Mensch sein, wenn er Ihre Arbeitszeiten akzeptiert.“

„Plackerei?“

„Nur so ein Ausdruck“, erwiderte er achselzuckend.

„Ich verbitte mir das.“

„Sie sind eine sehr attraktive Frau, aber da erzähle ich Ihnen ja nichts Neues.“

„Ja und? Das heißt doch noch lange nicht …“ Sofia unterbrach sich, zitternd vor Empörung. Sie musste erst einmal tief durchatmen, um ihre Stimme unter Kontrolle zu bringen. „Das heißt doch noch lange nicht, dass es da irgendeinen Typen geben muss, für den ich das tue. Und selbst wenn es so wäre, wüsste ich nicht, was Sie das angeht.“

Er antwortete nicht, aber sein Schweigen setzte ihr mindestens so zu wie das, was er gesagt hatte. Ihr gingen all die unangenehmen Erfahrungen durch den Kopf, die sie mit Männern gemacht hatte – die gierigen Blicke, die grapschenden Hände. Und die furchtbare Erniedrigung, als sie zum ersten Mal bereit gewesen war, ihr Herz zu verschenken.

War es da ein Wunder, dass sie sich am sichersten fühlte, wenn sie sich in ihre Studien vergraben und von einer erfolgreichen Zukunft träumen konnte?

Andere Frauen ihres Alters mochten von Dates mit Männern, von Verlobungsringen und weißen Brautkleidern träumen. Sie aber träumte von Unabhängigkeit. Wenn in ihren Zukunftsplänen überhaupt jemals ein Mann vorkam, dann nur einer, von dem keinerlei Gefahr ausging. Ein gutmütiger, zur Not auch langweiliger Mann, der in ihr nicht die sexy Verführerin sah, die sie gar nicht war, sondern der sie für ihre inneren Werte schätzte.

„Dann haben Sie also keinen Freund?“, bohrte er weiter.

„Nein“, versetzte sie brüsk. „Auch wenn Sie das wirklich nichts angeht.“ Sie sprang auf und holte den Ordner mit den Anweisungen für den neuen Gärtner.

„Und was ist mit dem Herrn des Hauses?“

Sofia zuckte zusammen, kaum merklich zwar, aber Rafael nahm es interessiert zur Kenntnis.

„Was, bitte, wollen Sie damit andeuten?“

„Nun, Dienstherren legen die Pflichten einer Hausangestellten gelegentlich etwas großzügiger aus. Da kommt es schon mal vor, dass …“

In Gedanken zählte sie bis zehn. Er wollte sie provozieren, so viel war klar, und sie musste aufpassen, dass sie nicht die Kontrolle verlor. Es war nie gut, wenn man sich von seinen Gefühlen leiten ließ. Ihre Mutter hatte das getan, und was hatte es ihr gebracht? Erst hatte sie sich in den falschen Mann verliebt, und dann hatte sie ein Leben lang versucht, ihre Enttäuschung zu vergessen, indem sie sich Hals über Kopf in immer neue hoffnungslose Beziehungen gestürzt hatte.

Sofia hatte ihre Mutter mit all ihren Schwächen geliebt, aber sie hatte sich geschworen, sich niemals so verletzen zu lassen wie sie. Daran hielt sie fest. Dieser Aushilfsgärtner würde es nicht schaffen, sie aus der Fassung zu bringen.

„Das mag vorkommen, aber nicht bei mir“, erwiderte sie kühl.

„Dachte ich mir schon“, räumte er ein. „Aber etwas liegt da im Argen, oder?“

„Lassen Sie mich eins klarstellen.“ Sie musste sich sehr zusammenreißen, um nicht doch noch die Beherrschung zu verlieren, zumal er sie so wissend musterte, als könnte er geradewegs in sie hineinsehen. Was er natürlich nicht konnte.

„Ich höre?“

„Wir sind beide zum Arbeiten hier, und ich habe nicht vor, mich in irgendeiner Weise mit Ihnen anzufreunden.“

„Weil ich zu viele Fragen stelle?“

„Wie gesagt, mein Privatleben geht Sie nichts an. Und jetzt begleite ich Sie zur Tür. Hier ist die Liste mit Ihren Aufgaben. James und Elizabeth Walters erwarten, dass Sie ihre Anweisungen bis zum letzten Grashalm genau befolgen. Also lesen Sie sich alles gut durch.“

Sie drückte ihm die beiden eng bedruckten Seiten in die Hand, doch er warf nur einen flüchtigen, nicht sonderlich interessierten Blick darauf und sagte: „Ja, bei Gelegenheit.“

„Wie bitte? Bei Gelegenheit?

Ohne jede Eile erhob Rafael sich von seinem Stuhl. „Bevor ich hier im Garten herumwühle, möchte ich erst einmal alles kennenlernen.“

„Kennenlernen“, wiederholte Sofia und kam sich vor wie ein Papagei. Sie war immer noch wütend auf ihn wegen seiner unverschämten Unterstellungen. Noch wütender aber machte es sie, dass sie sich in seiner Gegenwart so lebendig fühlte wie nie zuvor – mit Herzklopfen, Magenflattern und allem Drum und Dran.

„Aber sicher“, erwiderte er fröhlich lachend und warf die Unterlagen im Vorbeigehen auf den Küchentresen. „Ich nehme kein Gartengerät in die Hand, ehe ich mich mit meiner Umgebung vertraut gemacht habe.“

„Ich warne Sie. James … ich meine, Mr. Walters, kann sehr unangenehm werden.“

„Ach, tatsächlich?“

Sie nickte, während er sie nur milde belustigt ansah.

„Interessant.“

„Was denn?“, fragte sie nervös.

„Interessant, wie wenig unternehmungslustig Sie sind. Wie kommt’s? Lassen Sie mich raten. Ihre Mutter hat Sie quer durchs ganze Land geschleift, und Sie haben die Schotten dicht gemacht und nur darauf gewartet, dass der Sturm vorübergeht.“

„Hören Sie gefälligst auf, irgendwelche Vermutungen über mich anzustellen.“

Er streifte sie mit einem vielsagenden Blick. „Ein kleines Abenteuer kann manchmal sehr erfrischend sein.“

„Für Sie vielleicht. Für mich nicht. Schon ...

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