Tabubruch bei Nacht - Überstunden mit dem Boss

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PRICKELNDE NACHT MIT DEM BOSS
"Möchtest du tanzen?" Ivy zögert. Sie hat den Mann mit der Maske sofort an seinen faszinierenden Augen erkannt: Paxton McLemore. Seit über einem Jahr arbeitet sie für ihn, und genauso lange versucht sie, seinem Sex-Appeal zu widerstehen. Denn er ist nicht nur ihr Boss. Ihre beiden Familien haben eine gemeinsame Geschichte voller Rätsel, von denen Paxton nichts ahnt und die Ivy unbedingt lösen möchte. Trotzdem lässt sie sich auf einen sinnlichen Tanz ein. Und danach ist der Abend für sie beide noch lange nicht vorbei …


DEZEMBERNACHT MIT DEM SEXY BOSS
Fassungslos sieht Sam Henry, wer über die Weihnachtstage seine Haushälterin sein soll: eine schöne junge Frau mit verboten viel Sex-Appeal! Joy Curran macht sich zusammen mit ihrer süßen Tochter daran, sein Haus zu schmücken und ein romantisches Fest der Liebe vorzubereiten. All das erinnert den Künstler an seinen größten Verlust, dessentwegen er zurückgezogen in den Bergen lebt. Doch warum brennt Sam insgeheim vor Verlangen, Joy zufällig in einer kalten Dezembernacht unterm Mistelzweig zu treffen und sie heiß und lustvoll zu küssen?


NACHTS IST ER NICHT MEIN BOSS
Einmal mit einem Fremden Sex haben … Das hat sich Essie Newbold fest vorgenommen, und als sie einen attraktiven amerikanischen Touristen trifft, macht sie ihren Plan wahr! Mit Ash bekommt sie sogar noch mehr, als sie sich gewünscht hat: Einfühlsam zeigt er ihr, was sie ein Leben lang vermisst hat. Alles könnte perfekt sein. Doch Ash Jacob ist nicht der Fremde, für den Essie ihn hält, sondern der älteste Freund ihres Bruders - und außerdem Essies neuer Boss!


MEIN BOSS - TABU?
Für den heißen Jack zu arbeiten, ist für Gemma eine Qual. Tag für Tag erträgt sie seine elektrisierende Nähe, ohne ihrem Verlangen nachzugeben. Warum muss Jack nur immer wieder seine Verführungskünste an ihr ausprobieren? Wenn er so weitermacht, dann kann Gemma ihre eiskalte Fassade nicht mehr lange aufrechterhalten. Aber nur eine Nacht mit Jack könnte sie ihren Job kosten …
  • Erscheinungstag 06.02.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733729943
  • Seitenanzahl 608
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Dani Wade, Maureen Child, Jc Harroway, Clare Connelly

Tabubruch bei Nacht - Überstunden mit dem Boss

IMPRESSUM

BACCARA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2019 by Katherine Worsham
Originaltitel: „Son of Scandal“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: DESIRE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BACCARA
Band 2094 - 2019 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg
Übersetzung: Christine Schmidt

Abbildungen: Harlequin Books S. A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2019 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733725341

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Tanzen Sie mit mir?“

Ivy schaute zögernd auf die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. Nervös strich sie sich mit den Fingernägeln über den Arm. Eigentlich war sie der Ansicht, dass man sich nehmen sollte, was man begehrt, aber hatte sie dafür Paxton McLemore seit über einem Jahr auf Abstand gehalten? Um sich jetzt bei einem Walzer in seinen Armen zu drehen?

Andererseits wäre es vollkommen normal, auf diesem Maskenball, den ihre Schwester Jasmine Harden ausgerichtet hatte, mit Paxton zu tanzen. Es handelte sich immerhin um die bedeutendste Wohltätigkeitsveranstaltung, die jährlich in Savannah stattfand.

Niemand würde es merkwürdig finden, wenn sie heute mit ihrem Arbeitgeber tanzte. Sie selbst aber wusste ganz genau, was sie empfand, und war sich nicht sicher, ob sie ihre Gefühle verbergen konnte, wenn sie ihm so nah war.

Obwohl er die traditionelle schwarze Maske trug, würde sie seine bernsteinfarbenen Augen immer erkennen. Nicht nur wegen der intensiven Farbe, sondern auch wegen des wachen, intelligenten Blicks, den sie als seine Assistentin so gut kannte.

Es war doch nur ein Tanz. Sie sollte nicht lange überlegen. Entschlossen nahm sie seine Hand und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln.

„Wissen Sie, in meinem Büro hat sich etwas ganz entscheidend verändert“, sagte Paxton, während sich seine warmen Finger um Ivys Hand schlossen. „Diese neue Assistentin, die ich jetzt habe, bringt mich jeden Tag zum Lächeln.“ Er drückte einen Kuss auf Ivys Hand.

Ivy errötete. Ihr Herz schlug schneller, als Paxton sie auf die Tanzfläche des glamourösen Ballsaals von Keller House führte. Nie zuvor hatte er sie berührt, und das Gefühl, das sie durchströmte, war unbeschreiblich.

Es stimmte, sie gab sich alle Mühe, ihn während der anstrengenden Arbeit im Büro zum Lächeln zu bringen, aber dabei war sie stets professionell geblieben.

Keine Berührungen. Bis heute.

Paxton drehte sich zu ihr und schaute ihr in die Augen, während er die Arme weit öffnete.

Das war gefährlich.

Aber Ivy ignorierte alle Warnsignale, die ihr Körper aussendete, und nahm ihre Tanzposition ein. Sie merkte, dass auch Paxton wie elektrisiert war, als sie sich jetzt so nah gegenüberstanden. Unter gesenkten Augenlidern sah er sie an. Sein Blick war so sexy, wie Ivy ihn sich manchmal in ihren wildesten Fantasien ausgemalt hatte.

Ihr Herz hämmerte jetzt wie wild. Paxton machte den ersten Schritt, und Ivy ließ zu, dass er sie noch näher an sich zog. Sie fühlte sich wie in einer anderen Welt, als sie mit den vielen anderen Tanzpaaren über das Parkett schwebten. Über ihnen warfen strahlende Kronleuchter ihr Licht in den Raum, dessen eine Wand mit kunstvoll gerahmten Spiegeln versehen war. Im Vorübergleiten bewunderte Ivy den Anblick, den sie beide als Paar boten. Während Paxton einen klassischen Frack trug, hatte sie ein smaragdgrünes Abendkleid gewählt.

Seit dem Tod ihrer Eltern hatte Ivy immer versucht, praktisch zu denken und unabhängig zu sein. Dennoch war eine romantische Seite in ihr, die sich wie im Märchen manchmal einen Prinzen wünschte, der vielleicht eines Tages auf einem weißen Pferd angeritten kommen würde.

Heute war so ein Abend, und sie ließ sich bereitwillig von Paxton führen und im Takt der Musik drehen. In den achtzehn Monaten, die sie nun für Paxton arbeitete, hatte sie unendlich oft davon geträumt, von ihm berührt zu werden. Im Arbeitsalltag war es nicht so schwer, diese Gedanken zu verdrängen, wenn Klienten, Konferenzen und Terminabsprachen den Tag beherrschten. Sie steckte ihre ganze Energie in die Arbeit, die Paxton McLemore mit seinem Team in dem großen Konzern seiner Familie leistete. Aber es gab jene unbeobachteten Momente, in denen sie weitaus intimer von ihrem Boss träumte, als sie sollte.

Jetzt fühlte sie sich wie im siebenten Himmel. Seine Hände auf ihrer Haut und sein Blick gaben ihr das Gefühl, schön und begehrenswert zu sein. Was heute geschah, hätte sie sich nie träumen lassen. Es war völlig unmöglich, diese Gefühle weiterhin zu ignorieren.

Sie bewegten sich auf der Tanzfläche, als wären sie allein. Ivys Herz raste, und ihre Haut prickelte bei jeder noch so sanften Berührung seiner Finger.

Jedes Mal, wenn ihr Verstand sich meldete, reichte ein Blick von Paxton, um sie erneut dahinschmelzen zu lassen. Die Realität konnte warten. Ivy würde ihm folgen, wohin auch immer er sie führte.

Als er seinen Druck um ihre Taille verstärkte, wurden seine Augen noch dunkler. Sie fühlte, wie sich sein Körper anspannte.

Selbst als der Walzer vorbei war und Ivy ihre Runden inmitten der Gäste drehte, um ihre Schwester zu unterstützen, verlor sie Paxton nicht aus den Augen. Sie spürte immer genau, wo er gerade war. Später begegneten sie sich im Foyer.

Ivy sah ihn unsicher an. „Paxton, ich …“

„Ich weiß, was du sagen willst“, unterbrach er sie und strich mit dem Finger über das Samtband, das ihre Maske hielt. „Für mich kam das auch vollkommen überraschend. Ich … ich finde dich unwiderstehlich.“

Als er sich zu ihr beugte, strich sein frischer Atem warm über ihr Gesicht.

„Wir sollten das nicht tun“, flüsterte Ivy und schaute ihn unter halb geschlossenen Lidern an.

„Du hast recht“, murmelte er, bevor er sie küsste.

Ivy lehnte sich an ihn und erwiderte seinen Kuss. Als seine Umarmung drängender wurde, wusste sie, wie die Nacht enden würde, doch es gab kein Zurück mehr.

„Ich habe eigentlich kein Recht, dich das zu fragen“, flüsterte Paxton an ihrem Ohr. „Aber ich tue es trotzdem. Kommst du heute mit zu mir, Ivy?“

Seit über einem Jahr hatte sich Ivy nichts mehr erhofft, als die Nacht in Paxtons Armen zu verbringen.

„Ja, Paxton, ja“, antwortete sie, während Glück und Aufregung ihr fast den Atem nahmen.

Alles schien ihr plötzlich völlig unwirklich. In letzter Sekunde dachte sie daran, wenigstens ihrer Schwester Bescheid zu sagen, damit diese wusste, wo Ivy war. Sie holte ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer. Das würde schneller gehen, als Jasmine unter all den Leuten zu suchen.

Paxton ging den Wagen holen, während Ivy telefonierte. Sie wusste, dass sich Jasmine wie immer Sorgen um sie machen würde, war aber nicht auf die heftige Reaktion ihrer Schwester vorbereitet, als sie ihr erklärte, wo sie die Nacht verbringen würde. Egal, darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen.

Das ganze vergangene Jahr hindurch hatte sie die geheime Verbindung zwischen ihrer Familie und den Paxtons ignoriert. Als es um die Stelle ging, hatte sie sich vorgenommen, ihm einfach nicht zu sagen, wer sie in Wirklichkeit war. Niemals hätte sie sich in ihrem Alter so einen Traumjob erhofft, und ihn auszuschlagen wäre für jemanden wie sie, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen wollte, unmöglich gewesen. Und natürlich war da auch die Hoffnung …

Ja, sie war vielleicht eine Närrin, darauf zu hoffen, aber vielleicht war das, was sie tat, doch genau richtig.

Ivy warf einen Blick auf den tropfenförmigen Smaragd an ihrem rechten Ringfinger, der ihr im Schein der Lampe am Portal zuzuzwinkern schien. Der Ring war schon seit Generationen im Besitz ihrer Familie und sollte die Kraft besitzen, die Harden-Frauen zur Liebe ihres Lebens zu führen.

Die Ivy von heute lehnte solche Gedanken natürlich strikt ab, aber das Mädchen in ihr, das insgeheim an den Prinzen glaubte, wollte sich nur zu gern vorstellen, dass der Ring sehr viel mit diesem Abend zu tun haben könnte.

Gerade fuhr Paxton in der Limousine der Firma vor. Er stieg aus und streckte ihr die Hand hin. „Wollen wir?“

Noch hatte sie die Möglichkeit zu gehen. Paxton, der durch und durch ein Gentleman war, hätte niemals etwas dagegen eingewandt. Aber Ivy wollte heute Nacht ihm gehören.

Er hielt ihr die Tür auf, sie stieg ein und Paxton nahm neben ihr im Fond Platz. Kaum war das Licht erloschen, fuhr der Wagen an.

Paxton verschwendete keine Zeit. Ohne zu zögern, umarmte er Ivy und legte beide Hände um ihr Gesicht, ehe er sie küsste. Im Nu verschwanden alle Gedanken an ihre Schwestern, an magische Ringe und daran, dass Paxton ihr Boss war. Jetzt war er nur der Mann, dessen leidenschaftliche Berührung sie schon lange herbeigesehnt hatte. Seine Hände strichen über ihren Hals, den Ansatz ihrer Brüste und weiter zu ihrer Taille. Dann folgte er dieser Spur mit seinem Mund, sodass Ivy leise aufstöhnte. So eng sie konnte, schmiegte sie sich an ihn und drängte ihm ihren Körper entgegen.

Als Paxton sich von ihr löste, fühlte sie Enttäuschung in sich aufsteigen. Doch dann kniete er sich vor sie und zog ihre Beine mit festem Griff so weit auseinander, wie es das Ballkleid erlaubte. Ivys Herz raste. Alles in ihr war bis zum Äußersten angespannt und ihre Haut vibrierte bei jeder Berührung seiner Finger.

Seine Hände suchten sich zwischen den Unterröcken ihres Ballkleids den Weg nach oben. Fest schlossen sie sich um ihren Po, kneteten ihn, glitten dann wieder hinab zu ihren Schenkeln und Knien.

Ivy keuchte leise, während sie spürte, wie sie feucht wurde. Würde er sie dort berühren … oder sie warten lassen?

„Oh Gott“, stöhnte Paxton und tauchte zwischen ihre Röcke. Er zog Ivy an den Knien zu sich heran, sodass sie sich ihm weit öffnete. Ihre Kehle war plötzlich so trocken, dass sie nach Luft schnappte.

Paxton verteilte zarte Küsse auf ihren Oberschenkeln oberhalb der langen Seidenstrümpfe. Ivy wand sich vor Erregung, als er erst die Innenseite des einen Schenkels küsste, dann die andere Seite. Genau so wollte sie es. Er sollte sie spüren, schmecken …

Sein Mund näherte sich ihrer empfindlichsten Stelle, er küsste sie, leckte sie. Ivy spürte seinen schweren Atem zwischen ihren Schenkeln.

Plötzlich bremste die Limousine so abrupt ab, dass Paxton hochfuhr und Ivy sofort losließ. Geistesgegenwärtig ordnete er ihr Kleid, strich sich über die Haare und war bereit zum Aussteigen, als der Fahrer am Bordstein hielt. Er öffnete die Tür und ging nach vorn zum Chauffeur, mit dem er einige Worte wechselte, die Ivy nicht verstehen konnte. Dann kam er zurück und half ihr aus dem Auto.

Sie hatten die Haustür von Paxtons Villa noch nicht erreicht, als der Wagen schon den Fahrweg hinunterpreschte.

Jetzt waren sie allein mit sich und der Nacht. Alles war da, was zu einem richtigen Märchen gehörte.

Es war die Hitze, die Paxton weckte.

Die Sonne schien durch die nur halb geschlossenen Vorhänge und erwärmte den kühlen Raum. Er lag umschlungen mit der Frau, die neben ihm schlief und seine Haut zum Glühen brachte. Das Ziehen in seinen Lenden ließ keine Fragen offen.

Und dann kam die Erinnerung mit voller Wucht zurück. Ihm war plötzlich klar, was er getan hatte. Seine Assistentin. Er hatte die Nacht mit seiner Assistentin verbracht.

Und was für eine Nacht!

Er holte tief Luft, um die seltsame Mischung aus Panik und Begehren, die in ihm aufstieg, zu verdrängen und sein hämmerndes Herz zu beruhigen.

Was für ein Idiot war er gewesen. Das durfte nie wieder geschehen!

Er warf einen Blick auf Ivy, die von ihm abgewandt schlief. Ihr blondes Haar fiel wie ein Wasserfall auf die Kissen und zog ihn magisch an. Doch bevor seine Finger die glänzenden Strähnen berührten, hielt er inne und zog seine Hand zurück.

Letzte Nacht hatte es für ihn kein Halten gegeben. Ivys Schönheit hatte ihn so fasziniert, dass er alle Bedenken außer Acht gelassen hatte. Er leckte sich unwillkürlich über die Lippen, als er an ihre weiche Haut, die runden Brüste und festen Schenkel dachte.

Ihm wurde wieder heiß. Doch während er Ivy betrachtete, deren Haar im Sonnenlicht wie Gold schimmerte, spürte er, wie gleichzeitig Panik in ihm aufkam.

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Offensichtlich hatte sein Verstand irgendwann ausgesetzt.

Er brauchte jetzt dringend eine Tasse Kaffee. Vorsichtig rollte er sich vom Bett, bemüht, Ivy nicht zu stören. Sie hatte eine harte Woche hinter sich und musste ausschlafen. Abgesehen von ihrer regulären Arbeit im Büro hatte sie den ganzen Samstag bei den Vorbereitungen für den Wohltätigkeitsball geholfen und sich am Abend die Gastgeberpflichten mit ihrer Schwester geteilt.

Jetzt war sie vermutlich völlig erschöpft und hatte es verdient, sich zu erholen. Nicht, dass er sich vor einer Aussprache mit ihr drücken wollte. Natürlich musste er ihr sagen, dass es zwischen ihnen nicht weitergehen würde.

Als er in die Küche ging, hörte er sein Handy klingeln. Ein Blick auf das Display zeigte ihm die Nummer seines Kollegen Mike an. Der rief ihn nur dann am Wochenende an, wenn es irgendwo ein Problem gab. Seufzend nahm Paxton den Anruf an.

„Was gibt’s denn, Mike?“

„Mann, wo warst du denn? Ich versuche seit fünf Uhr heute Morgen, dich anzurufen.“

„Jetzt bin ich ja da. Also, was ist los?“

„Wir haben ein Problem. Kannst du dich daran erinnern, dass wir diese eine alte Maschine nicht ausgetauscht haben, weil wir dachten, dass es noch irgendwie gehen könnte?“

Paxton stöhnte. Er hatte es geahnt. Der Zweig seiner Firma in Virginia, der sich gerade in einem Prozess der Erneuerung und Umgestaltung befand, war sein Sorgenkind. Das lag vor allem am Widerstand seiner Großmutter, die nur schwer davon zu überzeugen war, dass die Investitionen unbedingt nötig waren.

„Jedenfalls ist das Ding letzte Nacht endgültig kaputt gegangen“, fuhr Mike fort. „Ich brauche dich dort.“

Für Paxton bedeutete das, den ersten Flug nach Virginia zu nehmen. Er musste sich Gedanken um die Reparatur und eventuellen Ersatz machen, während die Firma hoffentlich normal weiterarbeiten konnte. Seufzend legte er das Telefon zurück. Warum musste das gerade heute passieren? Er wollte doch nur Kaffee trinken und sich überlegen, was er der Frau sagen sollte, mit der er nie wieder in so eine Situation geraten durfte …

Nein, er wollte jetzt nicht über den Fehler nachdenken, der sein Leben damals für immer verändert hatte und den er auf keinen Fall wiederholen wollte.

Er stieg die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf und stellte sich lange unter die heiße Dusche. Zum Glück hatte er Ivy gleich unten in eines der Gästezimmer geführt, weil er es nicht erwarten konnte, sie zu berühren. So brauchte er in Zukunft nicht ständig daran zu denken, wie leidenschaftlich sie sich geliebt hatten, wenn er allein in seinem Bett lag.

Schnell zog er sich an und begann zu packen. Nachdem er ein paar Sachen in seiner Reisetasche verstaut hatte, ging er nach unten. Wenn er aus Virginia zurückkam, würde er Zeit für ein ausgiebiges Gespräch mit Ivy finden. Sie mussten die Dinge von letzter Nacht klären, damit keine Missverständnisse entstanden. Paxton wusste genau, was er in seinem Leben wollte, und seine Zukunft war bis ins Detail geplant, wobei ihn seine Familie nach Kräften unterstützte. Eine Beziehung oder gar eine Ehe mit seiner Assistentin kam darin nicht vor.

Paxton hoffte, dass Ivy genauso dachte. Als er an ihrem Zimmer vorbeikam, sah er, dass sie noch schlief. Einen Moment lang war er in Versuchung, sich einfach wieder neben sie auf das sonnendurchflutete Bett zu legen. Er war erstaunt, wie stark er gegen diesen Wunsch ankämpfen musste.

Aber dafür hatte er jetzt keine Zeit. Die Pflicht rief.

Das Vibrieren seines Handys zeigte ihm an, dass er sich beeilen musste. Er schnappte sich ein Stück Papier und schrieb Ivy rasch eine kurze Nachricht: Leider hätte er einen dringenden Termin bekommen, den er nicht aufschieben konnte, aber gleich nach seiner Rückkehr würden sie sich treffen, um zu reden. Sie sollte sich den Wagen kommen lassen, der Fahrer würde sie selbstverständlich nach Hause bringen.

Auch während der Fahrt zum Flughafen konnte Paxton seine Gedanken nicht von Ivy lösen. Unaufhörlich kreisten die Erinnerungen an ihre gemeinsame leidenschaftliche Nacht in seinem Kopf und auch, als er schon längst die VIP-Lounge durchquert hatte und in die wartende Maschine eingestiegen war, ließen sie ihm keine Ruhe. Er hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, ihr zu schreiben, steckte dann aber das Telefon wieder weg. Nein, das war ihm zu unpersönlich.

Vielleicht halfen die kommenden Tage ihnen beiden, bald wieder zu ihrem professionellen, unbeschwerten Umgang miteinander zurückzukehren.

Paxton rieb sich über die Stirn. Da hatte er etwas Schönes angerichtet! Zerstreut trank er den letzten Schluck Kaffee aus seinem Becher.

Warum trug sie eigentlich immer so einen strengen Pferdeschwanz bei der Arbeit? Die goldene Mähne, die er heute Morgen gesehen hatte, war so viel attraktiver. Aber klar, es gab ja eine Kleiderordnung für die Angestellten in der Firma. Das Haar musste immer zusammengebunden sein. Für Frauen galt als korrekte Kleidung das Kostüm, während Hosen nicht gestattet waren.

Allerdings trug Ivy immer sehr sexy aussehende High Heels zum Rock, was ihre traumhafte Figur wunderbar betonte. Natürlich hatte Paxton darauf geachtet, ihr nur ganz diskret hinterherzuschauen, doch einige Male hatte sie ihn erwischt. Ebenso wie er sie. Obwohl beide die Funken bemerkt hatten, die zwischen ihnen hin- und herflogen, wenn sich ihre Blicke trafen, hatten sie immer Distanz bewahrt.

Bis sie sich gestern Nacht auf das Spiel mit dem Feuer eingelassen hatten.

Das Flugzeug war gelandet. Paxton riss sich gewaltsam aus seinen Gedanken, ging durch die Halle und holte die Reisetasche vom Gepäckband. Dann trat er durch den Ausgang und rief ein Taxi herbei, das ihn zur Fabrik bringen sollte. Mike hatte zu viel zu tun, um ihn abzuholen.

Er lehnte sich in die Wagenpolster zurück und las noch einmal alle Nachrichten, die Mike ihm inzwischen geschrieben hatte. Eine war schlimmer als die andere.

Als Paxton seine berufliche Karriere in der Firma begonnen hatte, waren es natürlich auch sein Familienname und die Position seiner Großmutter als Firmeninhaberin gewesen, die ihm den Weg geebnet hatten. Doch seinen guten Ruf als äußerst fähiger Geschäftsführer eines internationalen Konzerns, der für Kunden in aller Welt Schiffsteile herstellte, hatte er sich durch sein Können, sein Engagement und seine Führungsqualitäten erworben. Eines Tages würde alles ihm gehören.

Also warum dachte er in diesem Augenblick immer noch an die Frau, die wahrscheinlich noch in seinem Haus schlief, statt sich auf die wirklich wesentlichen Dinge in seiner Firma zu konzentrieren?

2. KAPITEL

Zwei Monate später

„Paxton, bist du da? Hey, großer Bruder, was ist?“

Paxton fuhr hoch und sah Sierra verwirrt an. Sie war offensichtlich verärgert, und das war kein Wunder. Schließlich hatte er sich erboten, sie heute zusammen mit dem Kind zu ihrem Vorsorgetermin zu fahren, da ihr Mann nicht da war. Er sollte zuvorkommend und aufmerksam sein, aber stattdessen kreisten seine Gedanken schon wieder um Ivy und alles, was seit seiner Rückkehr gestern passiert war.

Paxton versuchte sich zusammenzureißen und ging um den Wagen herum, um seine Nichte aus dem Kindersitz auf der Rückbank zu befreien.

Gerade als er gedacht hatte, dass Ivy und er wieder wie früher Seite an Seite als Kollegen arbeiten könnten, wie er es sich wünschte, hatte sie ihm eine E-Mail mit ihrer Kündigung geschickt. Die hatte er gleich als erstes nach seiner Landung auf dem Laptop vorgefunden.

„Wieso warst du eigentlich so lang weg?“, fragte seine Schwester.

„Geplant waren tatsächlich nur ein paar Tage, allerhöchstens eine Woche“, erkärte Paxton. „Dann gab es ein technisches Problem nach dem anderen. Der reinste Albtraum, sage ich dir. Es wurde so schwierig, dass wir einmal sogar gezwungen waren, die ganze Produktion für mehr als vierundzwanzig Stunden einzustellen.“

Sierra zog eine Grimasse. „Ich wette, Großmutter war begeistert.“

Sie war natürlich alles andere als begeistert gewesen und hatte ihn wieder einmal daran erinnert, dass es für ihn keine Sonderbehandlung gab, nur weil er ihr Enkel war. Paxton musste über jede Ausgabe und jedes Problem genau Rechenschaft ablegen.

Zumindest hatte er während der ganzen Zeit nicht über die Nacht mit Ivy nachgedacht. Und obwohl sie fast jeden Tag aus beruflichen Gründen miteinander telefoniert oder E-Mails hin- und hergeschickt hatten, waren die Wochen ins Land gegangen, ohne dass einer von ihnen das Thema noch einmal angeschnitten hätte. So war es ihm recht, und er war automatisch davon ausgegangen, dass es auch das war, was Ivy wollte.

Als er schließlich zu Hause ankam und das Gepäck in seinem Schlafzimmer absetzte, war er überzeugt davon, dass ihre Kündigung für sie beide das Beste war.

Er konnte gut verstehen, dass sie ihn nicht noch einmal sehen wollte. Als ihr Chef hätte ihm so ein entsetzlicher Fehler nie unterlaufen dürfen. Er trug die volle Verantwortung für alle Konsequenzen und konnte nur froh sein, dass Ivy ihn nicht wegen sexueller Belästigung angezeigt hatte. Ganz egal, ob sie bereitwillig mitgemacht hatte oder nicht.

Vielleicht sollte er ihr finanzielle Unterstützung anbieten, bis sie wieder eine neue Stelle hatte. Ob sie so ein Angebot annehmen würde? Oder war sie böse, weil er die ganze Zeit über rein geschäftlich geblieben war?

Er konnte einfach nicht aufhören, an Ivy zu denken, obwohl er nach allem, was passiert war, froh sein sollte, dass sie weg war, ohne dass er größeren Ärger bekommen hatte.

„Irgendwie bist du heute nicht bei uns“, bemerkte seine Schwester und nahm ihm das Kind sichtlich genervt vom Arm. „Was ist bloß los mit dir? Bist du in Gedanken noch in Virginia?“

Paxton atmete tief durch, um sich zu beruhigen. „Es geht mir einfach vieles im Kopf herum“, erwiderte er.

Sierra ging über den Parkplatz zu dem großen Gebäude, das vor ihnen lag. „Hauptsache, keine Frau“, erwiderte sie. „Großmutter würde ausrasten, wenn du deine Prioritäten nicht klar für die Firma setzt.“

Sie klang plötzlich so bitter, dass Paxton sie erstaunt ansah.

Alle aus seiner Familie waren Gründer bedeutender Firmen und hochdotierte Geschäftsleute in Savannah. Es wurde vorausgesetzt, dass man dementsprechend heiratete, sich hohe Ziele steckte und die Familie über alles stellte. Paxton hatte sich immer darauf gefreut, eines Tages seine eigene Familie zu gründen, und zwar mit der Frau, die seinen beruflichen und persönlichen Interessen am besten entsprach. Genau wie seine Schwestern, die ihre Ehemänner aus den besten Kreisen der Gesellschaft von Savannah ausgesucht hatten.

So war der Plan, in dem Ivy überhaupt keinen Platz hatte. Dennoch hatte er sie vom ersten Augenblick an begehrt und die Nacht mit ihr als pure Ekstase erlebt. Allein der Gedanke daran ließ sein Herz schneller schlagen.

Er schüttelte den Kopf. Ivy hatte mit seiner Zukunftsgestaltung nichts zu tun, und sein kleiner romantischer Ausflug war einfach ein Fehler gewesen. Aber das sagte man einer Frau nicht am Telefon.

Paxton blickte seine Schwester von der Seite an. Sie sah gestresst aus und das lag sicher nicht nur an ihrer Schwangerschaft und dem lebhaften Kleinkind auf ihrem Arm. Die müden Augen und der bittere Zug um den Mund waren nicht typisch für Sierra. Auch ihr scharfer Ton ihm gegenüber war etwas, das Paxton nicht an seiner Schwester kannte.

Er legte ihr eine Hand auf den Arm und zog sie in eine Ecke der Eingangshalle vor der Arztpraxis. Seine Nichte hatte den Kopf auf die Schulter ihrer Mutter gelegt und schlief.

„Sierra, was ist mit dir?“, fragte er besorgt.

Rasch wandte sie den Blick ab, doch Paxton hatte die Tränen in ihren Augen schon gesehen.

„Nichts“, behauptete sie. „Wahrscheinlich machen mir die Hormone zu schaffen.“

Bestimmt hatte sie recht, aber Paxton hatte als großer Bruder einen guten Instinkt, der ihm deutlich sagte, dass das nicht alles war. „Sicher, aber da ist doch noch mehr. Was ist es?“, fragte er drängend. „Gibt es zwischen dir und Jason ein Problem?“

„Keine Ahnung“, sagte sie und wischte sich über die Augen, bevor sie ihrer kleinen Tochter liebevoll über das Haar strich. „Er ist nie da. Ständig arbeitet er. Deswegen habe ich ihn ja vermutlich geheiratet.“ Sie sah Paxton an. „Weißt du was, großer Bruder? Unsere Eltern und Großeltern hatten vielleicht kein Problem mit ihren Vernunftehen. Aber ich sage dir, so wunderbar ist das Leben, das sie uns ausgemalt haben, nicht. Ich glaube, es ist keine gute Idee, wegen Geld zu heiraten. Jedenfalls gibt es da bestimmt nicht weniger Probleme als in einer Liebesheirat“, fügte sie hinzu. „Lass uns jetzt reingehen.“

Es war klar, dass sie das Thema wechseln wollte.

Paxton folgte ihr verwirrt. Sierra hatte nie Geheimnisse vor ihm gehabt. Was war geschehen? Sein Beschützerinstinkt erwachte, wie immer, wenn er mit seinen Geschwistern zusammen war. Sie hatten sich immer alle sehr nahegestanden. Und inzwischen war er der Onkel mehrerer kleiner Mädchen, die seine Schwestern zur Welt gebracht hatten. Seine Großmutter prophezeite immer, dass er als erster einen Jungen als Erben vorweisen würde. Darauf freute er sich jetzt schon. Aber bis es soweit war, würde er die Frauen in seinem Leben beschützen und lieben, so gut er konnte.

Wenn er nur wüsste, wovor er Sierra beschützen sollte …

„Komm, gib mir die Kleine, während du dich anmeldest“, erbot er sich, nahm Sierra seine Nichte ab und legte sie vorsichtig an seine Schulter. Er stellte sich hinter Sierra, die sich bei der Rezeptionistin in die Liste der Patienten eintrug. Um ihn herum waren die Menschen in leise Gespräche vertieft, aber er schenkte ihnen keine Beachtung. Gedankenverloren schaute er auf die andere Seite der Empfangstheke, wo eine Arzthelferin mit einer Patientin sprach, die gerade fertig war. Als sie sich ein wenig zur Seite drehte, erstarrte er. Es war Ivy.

Instinktiv lehnte er sich weiter vor, um etwas von dem Gespräch zu erlauschen. Zum Glück besaß er ein hervorragendes Gehör.

„Hier sind Ihre Vitamine“, sagte die Helferin gerade.

Nervös musterte Ivy die Schachtel, die vor ihr auf der Theke stand.

„Und hier habe ich noch das Rezept für die Tabletten gegen Übelkeit“, fuhr die junge Frau im weißen Kittel fort. „Sie können sie nach Bedarf einnehmen. Schließlich wollen wir ja, dass Sie für sich und das Baby ausreichend essen, nicht wahr? Mit ein bisschen Glück hört die Übelkeit auch bald auf.“

Ivy nickte.

„Haben Sie noch Fragen?“

Schweigend schüttelte Ivy den Kopf, nahm die Schachtel und das Rezept und sah auf. Als ihr Blick auf Paxton traf, erstarrte sie. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, und sie wurde totenblass.

Jetzt erst begriff er. Ein Baby. Ivy erwartete ein Kind. Sein Kind.

Bevor er wieder richtig zu sich gekommen war, hatte Ivy den Raum verlassen.

„Mein Gott, Paxton, was ist bloß heute los mit dir?“ Die Stimme seiner Schwester drang wie durch dichten Nebel zu ihm.

„Entschuldige“, murmelte er. „ich bin gleich wieder da.“

Er ging an ihr vorbei nach draußen und hielt Ausschau nach Ivy, aber die Eingangshalle war leer. Plötzlich wurde ihm klar, dass es nichts gab, was er ihr sagen könnte. Er wollte sie einfach nur finden. Jetzt.

Aber weder auf den Treppen noch auf dem Parkplatz gab es eine Spur von ihr. Sie war wie vom Erdboden verschluckt.

Nach fünf Minuten gab Paxton die Suche auf. Auf seinem Handy waren inzwischen zwei Anrufe seiner Schwester eingegangen. Rasch kehrte er in das Wartezimmer zurück, wo ihn Sierra mit einer Flut von Vorwürfen empfing.

Doch Paxton hörte kaum zu. Vor seinem Auge sah er nur Ivy.

„Paxton McLemore hat mich heute in der Klinik gesehen.“ In Ivys Stimme schwang Panik mit, als sie ihren Schwestern von dem Vorfall berichtete.

Sie zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Es war nicht gut für das Baby, wenn sie sich so aufregte, auch wenn es verständlich war. Einen ganzen Monat lang hatte sie gewartet und gehofft, sich zu irren. Dann hatte ein einziger Besuch beim Arzt gereicht, um alle ihre Pläne zu durchkreuzen.

„Erzähl, was ist passiert?“, erkundigte sich Jasmine, ihre ältere Schwester. Sie war immer gelassen und ruhig, genau das, was Ivy jetzt brauchte. Als Eventmanagerin hatte Jasmine Erfahrung darin, mit nervösen Menschen umzugehen, sie begegneten ihr in ihrem Job jeden Tag.

„Er stand mir gegenüber am Empfang. Ich hatte ihn erst gar nicht gesehen, aber als ich fertig war und gehen wollte, war er plötzlich da.“

Mit einem Baby im Arm, fügte sie in Gedanken hinzu. So, wie sie es sich für ihr eigenes Kind gewünscht hätte. Nur war es leider ein fremdes, und der Anblick war wie ein Albtraum gewesen.

Vor zwei Monaten hatte ihr persönlicher Albtraum mit dem Morgen begonnen, der auf die gemeinsame Nacht mit Paxton folgte und ihre romantischen Fantasien vom Prinzen und einem Happy End in Luft auflöste.

„Ich hoffe, er hat dich erkannt?“, fragte Auntie mit gerunzelter Stirn.

„Ganz sicher“, antwortete Ivy düster. „Er war völlig schockiert.“ Sie zeichnete mit dem Finger die Linien auf dem Holztisch nach, an dem sie saßen.

Ivy hatte genau beobachtet, dass Paxton ihre Medikamente und vermutlich auch die Worte der Krankenschwester registriert hatte. Und sie konnte nichts dagegen tun, außer schleunigst zu verschwinden.

„Ich war total panisch“, erklärte sie. „Deswegen habe ich einfach mein Zeug gegriffen und bin rausgerannt.“ Ihre Wangen brannten vor Scham. „Was hätte ich auch sonst tun sollen? Mich mit ihm unterhalten?“

Links von sich hörte sie ein leises Kichern.

„Was ist denn daran so lustig?“, fragte sie Willow.

Es nützte nichts, dass ihre Schwester die Lippen zusammenpresste, um sich zu beherrschen. „Ich stelle mir gerade vor, wie du den Flur hinunterrennst und alle Leute zur Seite schubst, die dir in den Weg kommen. Weißt du, wie in einem von diesen Thrillern, wenn das Opfer auf der Flucht ist.“ Sie prustete schon wieder los.

Jetzt musste auch Auntie kichern und es dauerte nicht lange, bis sich alle vier vor Lachen krümmten.

Ivy liefen schon die Tränen aus den Augen. Es tat so gut, mit ihren Schwestern ausgelassen zu sein. Niemand konnte sie so trösten wie sie.

„Vielleicht ist es ihm ja egal“, überlegte Willow laut, nachdem sie sich beruhigt hatte.

Ivy wischte sich über die Augen. Sie hatte sich den Moment, als sie Paxton entdeckt hatte, in den vergangenen Stunden wieder und wieder ins Gedächtnis gerufen. Zumindest war ihr inzwischen klargeworden, dass er seine Schwester in die Klinik begleitet hatte. So ergab das Ganze wenigstens einen Sinn. Trotzdem war es schrecklich.

Auntie unterbrach ihre Gedanken. „Das glaube ich nicht. Die Frage ist eher, was er tun wird. Männer wie er geben nicht so ohne Weiteres auf.“ Sie sprach so unverblümt, wie sie es schon immer tat, seit sie die drei Schwestern einst als elternlose Waisen aufgenommen hatte.

„Auntie, das bringt uns jetzt wirklich nicht weiter“, protestierte Jasmine, die sah, wie sich Ivys Miene verfinsterte.

„Aber es stimmt“, gab Auntie unbeeindruckt zurück.

Stöhnend ließ Ivy den Kopf in die Hände sinken. „Was habe ich mir bloß dabei gedacht, mich ausgerechnet mit Paxton McLemore einzulassen? Und warum habe ich diesem dummen Ring vertraut? Ich war so sicher, dass er mir nichts als Glück bringen würde.“

„Bei Jasmine und mir hat es ja auch funktioniert“, stellte Willow fest.

Das war kein guter Zeitpunkt, um Ivy daran zu erinnern, dass beide Schwestern den Mann ihres Lebens gefunden hatten, als sie den Ring trugen. Sie selbst hatte jedenfalls kein Glück damit gehabt.

Ivy warf Willow einen schiefen Blick zu. „Schade, dass er bei mir eine Ausnahme gemacht hat.“

Natürlich wusste sie, dass das alles nichts mit dem Schmuckstück zu tun hatte. Nein, ihre eigenen wilden Fantasien, die sie vom ersten Moment an über Paxton gehabt hatte, waren schuld an dem Dilemma, in dem sie jetzt steckte. Statt ihre Mission konsequent zu verfolgen, hatte sie sich und ihre Familie gefährdet. Ihr Ziel war es gewesen, sich um nichts anderes zu kümmern als um ihre Arbeit und ihre Karriere … und dabei unentdeckt zu bleiben. Sollte Paxton die Sache zu eifrig verfolgen, konnte es schnell geschehen, dass er ihre wahre Identität entdeckte. Dann steckte nicht nur sie, sondern die ganze Familie in Schwierigkeiten.

„Zumindest hat er sich nicht gemeldet, obwohl er deine Handynummer hat“, sagte Jasmine. „Das ist doch ein gutes Zeichen, oder?“

Ivy stöhnte entnervt auf. „Keine Ahnung.“

„Meinst du, er weiß, dass es sein Kind ist?“, wollte Auntie wissen.

„Er kann vermutlich zwei und zwei zusammenzählen“, erwiderte Ivy. Sie hatten zwar ein Kondom benutzt, aber das konnte eben auch schiefgehen.

Ivy biss sich nervös auf die Unterlippe. Sie war sicher, dass Paxton sich irgendwann in nächster Zeit bei ihr melden würde. Selbst wenn er nicht an ihr interessiert war, wie die vergangenen zwei Monate ja bewiesen hatten – aber ein Baby war eine andere Sache. Paxton McLemore war durch und durch ein Familienmensch, der ihre Schwangerschaft mit Sicherheit nicht ignorieren würde. „Ich weiß einfach nicht, was ich ihm sagen soll“, murmelte sie verzweifelt.

Alle zuckten zusammen, als es an der Haustür klopfte.

„Keine Aufregung“, beschwichtigte Willow und erhob sich.

Jasmine legte eine Hand beruhigend auf Ivys Arm. „Es wird alles gut, glaub mir.“

Dieses Gefühl hatte Ivy ganz und gar nicht.

Sie hörten, wie Willow die Tür öffnete. Und dann eine markante männliche Stimme: „Wo ist sie?“

Ivy hätte Paxtons Stimme überall erkannt, und sie kannte auch den energischen Ton, den er oft genug in Konferenzen anschlug.

Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte sie ihre Schwester an. Vor Panik bekam sie kaum Luft. Ihr Kopf dröhnte.

Sie stand auf und zog ihre Schwester hoch. Beide schlichen zur Tür, die vom Esszimmer auf den Flur führte, und spähten vorsichtig um die Ecke. Auf der Türschwelle stand Paxton und funkelte Willow verärgert an. Dann entdeckte er Ivy.

Ohne ein weiteres Wort drängte er sich an Willow vorbei und kam auf Ivy zu, so schnell, dass die hölzernen Dielen unter seinen Schritten knarrten.

„Paxton“, rief Ivy aus. „Was machst du hier?“

„Ich hole, was mir gehört“, gab er wütend zurück.

Fast fühlte sie sich bei seinen Worten etwas geschmeichelt, aber er sah dabei so sauer aus, dass der Gedanke, er könnte sie gemeint haben, ziemlich absurd war.

„Raus hier!“

Sie konnte kaum glauben, dass die harsche Aufforderung wirklich aus ihrem Mund gekommen war.

Paxton lächelte amüsiert. Aber nur eine Sekunde lang, bevor er sie wieder grimmig anschaute. „Wenn ich es recht verstehe“, sagte er langsam, „hast du deine Kündigung eingereicht, als du bereits wusstest, dass du von mir schwanger warst. Und dann hast du einfach nichts mehr von dir hören lassen.“

Seine Worte trafen Ivy mit voller Wucht. Sie fühlte die Schuld wie eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern und konnte nichts erwidern. Er hatte ja recht, so war es gewesen. Nur, dass diese Darstellung nichts von dem Kummer und der Einsamkeit wiedergab, die sie in den letzten zwei Monaten durchlitten hatte.

„Ivy“, sagte Paxton und trat so nah an sie heran, dass sie sich für einen Moment vor ihm fürchtete. „Ich glaube, wir haben ein Problem.“

3. KAPITEL

„Hast du eine gute Erklärung für mich?“

„Verdienst du eine?“ Normalerweise war Ivy immer diplomatisch, aber in dieser Situation, auf die sie überhaupt nicht vorbereitet war, fühlte sie sich völlig überrumpelt.

Sie brauchte ihre Schwestern, aber die hatten sie auf Paxtons Bitte hin mit ihm allein gelassen. Natürlich waren sie nicht weit weg und würden sofort wieder auftauchen, falls Ivy um Hilfe rief, doch das hatte sie nicht vor.

Hilfesuchend schlang sie die Arme um ihren Körper. Ihn leibhaftig vor sich zu sehen, strengte sie mehr an als alle Sorgen, die sie vorher gehabt hatte.

„Wie hast du mich überhaupt gefunden?“, fragte sie.

„Die Personalabteilung war so nett, mir deine Adresse mitzuteilen.“

„Aber wieso?“

„Fragst du das im Ernst?“

Ivy stellte verwundert fest, dass er sich tatsächlich über ihre Frage aufregte. Natürlich wusste sie, dass er Kinder über alles liebte. Aber mit ihr hatte das nicht das Geringste zu tun, was sie so erboste, dass sie ihn wütend anschaute.

„Ich hätte aus allen möglichen Gründen in der Praxis sein können“, behauptete sie.

„Klar, vor allem, weil du Vitamine und Tabletten gegen Übelkeit bekommen hast.“

„Das geht dich überhaupt nichts an, Paxton“, fauchte Ivy.

„Lass es einfach!“, gab er aufgebracht zurück.

Er lehnte sich drohend über sie, sodass sie sich immer unwohler fühlte. Selbst in High Heels war sie deutlich kleiner als er. Wenn sie Flip-Flops trug, so wie jetzt, überragte er sie um Längen. Immerhin hielt sie sich noch auf den Beinen, obwohl sie sich liebend gern gesetzt hätte. Doch dann hätte sie sich in seiner übermächtigen Gegenwart noch winziger gefühlt.

Paxton war noch nicht fertig mit ihr. „Wenn du den Job nicht mehr wolltest, ist das deine Sache“, fuhr er in scharfem Ton fort. „Aber du kannst nicht einfach mit meinem Kind abhauen.“

Ivy atmete tief durch. Sie fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. Das war alles viel zu viel. „Es ist mein Kind, Paxton“, beharrte sie.

„Meins auch“, sagte er. „Das hast du selbst zugegeben.“ Er grinste selbstzufrieden. „Ich finde es unverantwortlich, dass du einfach weggerannt bist.“

Jetzt reichte es. „Ach ja? Was hätte ich denn tun sollen? Du hast doch mehr als deutlich gemacht, dass du nur an einer rein beruflichen Beziehung interessiert bist. Ich hatte nicht den Eindruck, dass du dich um irgendwelche Konsequenzen scherst.“ Ihr flammender Blick durchbohrte ihn förmlich; ihr Blut kochte vor Zorn. Was bildete er sich eigentlich ein?

Paxton schüttelte den Kopf. „Du hättest es mir einfach sagen können. Immerhin handelt es sich um unser Kind.“

„Ich verstehe. Dir geht es wirklich nur um dich.“

Frustriert fuhr er sich durchs Haar. Diese Geste war ihr aus dem Büro so vertraut, dass ihr einen Moment schwindelig wurde. Es dauerte lange, bis man Paxton McLemore so weit gebracht hatte, dass er genervt und wütend war. Normalerweise reagiert er dann mit absoluter Kälte seinem Gesprächspartner gegenüber. Allerdings traf das nicht für sein Privatleben zu. Privat war er ganz anders, und schon jetzt vermisste Ivy diesen Teil von ihm, den sie auch kennengelernt hatte.

Momentan war sie aber in der Schusslinie und bekam seinen geballten Ärger ab.

Er schob die Hände tief in die Taschen und begann, in der Küche auf- und abzugehen. Nach einer Weile zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich an den Tisch. Mit einer Geste bedeutete er ihr, sich auch hinzusetzen.

Ivy zögerte. Wie kam er dazu, ihr vorzuschreiben, was sie zu tun hatte? Am liebsten wäre sie stehen geblieben, aber sie hatte einfach keine Kraft mehr.

Verdammt.

Sie setzte sich ihm gegenüber und verschränkte die Arme vor der Brust. Zu oft hatte sie Paxton im Job erlebt, als dass sie sich einbildete, eine Auseinandersetzung mit ihm würde leicht werden. Sie versuchte, sich gegen alles zu wappnen.

„Warum?“, fragte er gefährlich leise. „Wolltest du es mir vielleicht gar nicht erzählen? Nie?“

Schuldbewusst nagte sie an ihrer Unterlippe. Was sollte sie sagen? Schließlich wusste sie doch selbst nicht, wie es weitergehen sollte. Jeder Tag war wie ein Kampf ums Überleben: Bewerbungen für einen neuen Job schreiben, so viel essen, dass sie nicht umfiel und ihr andererseits nicht schlecht wurde, schlafen.

Kein leichter Balanceakt.

Ivy seufzte. „Wie soll ich dir das erklären?“ Sie versuchte, ihre Gedanken in Worte zu fassen. „Ich war mir einfach nicht im Klaren darüber, wie es weitergehen sollte. Sowie ich konkrete Pläne gehabt hätte, hätte ich mich gemeldet.“

„Aha.“ Er sah sie forschend an. „Was denn für Pläne?“

Ivy schluckte. Sie hatte immer gewusst, dass Paxton durch und durch ein Familienmensch war und seine Nichten über alles liebte. Auch jetzt trug er seine Beschützermiene … leider nicht für Ivy.

„Ich wollte erst einmal einen neuen Job. Das ist doch wohl logisch.“

„Logisch?“

„Natürlich, Paxton. Oder kannst du dir vorstellen, dass wir in dieser Situation zusammenarbeiten könnten? Das wäre weder angenehm noch professionell.“

„Wieso nicht? Kannst du Privates nicht von Beruflichem trennen? Was haben Emotionen mit dem Job zu tun?“

„Sei bitte nicht albern.“ Fassungslos schaute sie ihn an.

„Was zwischen uns geschehen ist …“

„War ein Fehler“, beendete sie den Satz.

Er erstarrte. „Wer sagt das?“

„Du, Paxton!“, rief sie außer sich und schlug heftig auf die Tischplatte. Wie konnte er es wagen, sie als hysterische, dumme Ziege hinzustellen. „Du hast mir das gesagt. Mit jedem Telefonanruf und jeder E-Mail ohne eine einzige persönliche Zeile.“ Sie war laut geworden.

„Du hast nie ein Wort darüber verloren“, bemerkte er.

„Ich habe mit meinem Chef geschlafen!“, schrie Ivy mit sich überschlagender Stimme. „Wenn er am nächsten Morgen ohne ein Wort verschwindet und zwei Monate lang nichts mehr dazu sagt, gibt es nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder war er so betrunken, dass er sich an nichts erinnern kann, oder er will die Sache so schnell wie möglich vergessen.“

„Ich war nicht betrunken“, sagte Paxton ruhig.

„Tja, dann haben wir ja noch die andere Möglichkeit“, stieß Ivy hervor, bevor sie sich vor Übelkeit zusammenkrümmte. Das emotionale Chaos, das in ihr herrschte, brachte sie völlig aus dem Gleichgewicht.

„Alles okay?“, fragte Paxton besorgt. Er war schon aufgesprungen und stand jetzt an ihrer Seite.

„Nein!“, rief Ivy. Sie versuchte, so langsam wie möglich zu atmen. Bisher hatte das immer am besten geholfen, wenn ihr schlecht wurde, was praktisch rund um die Uhr der Fall war.

„Außerdem geht es auch noch um ganz andere Dinge“, krächzte sie.

„Um welche denn?“

Sie wusste, dass er eine Antwort erwartete, konnte aber jetzt nicht wirklich klar denken. Und alles, was sie über ihre Familie sagte, konnte jede Menge Schaden anrichten, nicht nur für sie selbst, sondern auch für Jasmine.

Obwohl ihre Schwester verlobt war, könnten die McLemores sehr unangenehm werden und ihr Geschäft als Eventplanerin zunichte machen, falls die wahre Herkunft der Schwestern bekannt werden sollte.

„Ich … ich kann das jetzt nicht diskutieren“, sagte Ivy kläglich. „Mein Magen …“

„Okay“, willigte Paxton ein, aber ihm war anzumerken, dass die Sache für ihn noch lange nicht erledigt war. Er stand auf und stellte sich vor Ivy. „Und denk daran, dass ich mich nicht um Dinge kümmern kann, von denen ich gar nichts weiß.“

„Du brauchst dich um nichts zu kümmern“, gab Ivy zurück, während sie gegen eine Welle von Übelkeit ankämpfte. „Ich brauche nur Zeit.“

„Unsere Zeit ist begrenzt.“

„Wie bitte?“

„Hast du das geplant?“

Wow. Er war wirklich nicht zu bremsen. Und sie hatte tatsächlich damals gedacht, dass er etwas für sie empfinden würde. Sie war so verletzt, dass ihre Kehle eng wurde und sie nur noch flüstern konnte. „Glaubst du das wirklich von mir?“

„Eigentlich nicht“, antwortete er so sachlich, dass ihr schon wieder schlecht wurde. „Aber ich habe gelernt, dass Menschen sich sehr gut verstellen können.“

Ja, so wie er. Doch sie sprach es nicht aus. „Ich kann dich doch sowieso nicht davon überzeugen, dass ich nicht absichtlich schwanger geworden bin, oder?“, sagte sie stattdessen. „Also haben wir wohl ein Problem, richtig?“

„Ich denke schon.“

Sie sieht so schwach aus, dachte Paxton einen Tag später, während er Ivy betrachtete, die auf einem Sofa eingeschlafen war. Wie damals, als er sie am Morgen verlassen hatte, fiel ihr Haar in zerzausten Locken über die Kissen. Ihr Gesicht war schmaler geworden und eine steile Falte stand zwischen ihren Augenbrauen, als könnte sie nicht einmal im Schlaf Entspannung finden.

Paxton ließ seinen Blick durch das Zimmer wandern. Was er sah, gefiel ihm. Die Einrichtung bestand überwiegend aus antiken Möbeln, die mit einigen modernen Stücken zu einer sehr gemütlichen Mischung zusammengestellt waren. Man merkte, dass hier Frauen wohnten, die eine sichere Hand für Geschmack und Stil hatten. Das Wohnzimmer wirkte einladend und gleichzeitig traditionsbewusst.

„Sie ist jetzt immer völlig fertig“, bemerkte die ältere Dame, die von den Schwestern Auntie genannt wurde und sich soeben zu Paxton gesellt hatte.

Er warf ihr einen unsicheren Blick zu. „Ist es gefährlich, dass ihr immer so schlecht ist? Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Schwestern damit Probleme hatten.“

Sierra hatte überhaupt nicht unter Übelkeit gelitten und Janine immer nur am Morgen. Dafür waren beide so emotional, dass eine harmlose Unterhaltung schnell zu einem Minenfeld werden konnte.

„Aber nein“, erwiderte Auntie und winkte ab. „Solange sie genug bei sich behalten kann, besteht kein Problem. Es ist zwar nicht angenehm, aber ungefährlich.“

„Gut.“ Er lächelte erleichtert.

„Das alles hat sie ziemlich mitgenommen“, fuhr Auntie fort. „Ich meine die ganzen Umstände und jetzt die dauernde Übelkeit.“

Paxton nickte. „Natürlich.“

„Sie wird eine tolle Mutter werden“, sagte Auntie liebevoll.

Wieder wanderte sein Blick zu der schlafenden Ivy. Er kannte sie im Büro als zuverlässige, kompetente Mitarbeiterin, die auch mit schwierigen Klienten sicher umgehen konnte. Nach dem Maskenball hatte er die leidenschaftliche Frau entdeckt, die ebenfalls Teil von ihr war. Keine Sekunde zweifelte er daran, dass sie auch eine wunderbare Mutter abgeben würde.

Paxton seufzte unhörbar. Die ganze Nacht hatte er überlegt, was er tun sollte. Er war hin- und hergerissen zwischen Panik und endlosen Fragen, für die er keine Lösung fand. Es hatte jedenfalls keinen Zweck, wenn sie beide zuließen, dass die Emotionen mit ihnen durchgingen. So wie am Tag zuvor. Also hatte er sich entschlossen, heute Nachmittag wiederzukommen und die Sache anders anzugehen. Vor allem brauchte er sehr viel mehr Informationen, wenn er klarer sehen wollte.

Informationen über das Privatleben und die Familie von Ivy. Schließlich musste er wissen, in welcher Umgebung sein Kind aufwachsen würde. Erst wenn ihm der Hintergrund klar war, konnte er Pläne für die Zukunft schmieden. Erst dann konnte er entscheiden, was für das Kind am besten war.

Natürlich war die Situation alles andere als ideal, aber wenn er erst einen Plan hatte, würde er sich besser fühlen.

Er riss sich vom Anblick Ivys los. Es war Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

„Danke, dass ich kommen durfte“, sagte er zu Auntie. Sie hatte ihn freundlich empfangen und ins Wohnzimmer geführt. Schon gestern hatte er bemerkt, dass sie beim Gehen hinkte und stets etwas erschöpft aussah.

„Kein Problem“, sagte sie. „Die Mädchen halten mich auf Trab, aber ich würde auf keinen Tag mit ihnen verzichten.“

„Ich weiß, was Sie meinen.“ Paxton nickte. „Meine Familie geht mir auch über alles.“

Er wollte sich gar nicht ausmalen, was man ihm erzählen würde, wenn herauskam, dass seine Assistentin ein Kind von ihm erwartete. Das entsprach mit Sicherheit nicht den Vorstellungen der lieben Verwandtschaft von Paxtons Start in ein eigenes Familienleben …

Seinen allerdings auch nicht. An Familienplanung hatte er in der gemeinsamen Nacht mit Ivy nicht gedacht.

„Ich liebe meine große Familie, obwohl ich sie erst spät bekommen habe“, sagte Auntie. „Haben Sie auch eine große Familie?“

Paxton lachte und erzählte ihr von seinen zwei Schwestern und deren Kindern. Er hatte seinen Geschwistern, seinen Eltern und seiner Großmutter immer nahegestanden, und alle hatten große Erwartungen an ihn.

Ein Baby mit Ivy passte definitiv nicht in den Plan. Als er an die Enttäuschung dachte, die er seiner Familie zufügen musste, wurde ihm ganz übel. Aber das Baby war nun einmal da, und er würde sich nicht vor der Verantwortung drücken. Darüber hinaus liebte er einfach Kinder und hatte jede Menge Zeit mit seinen Nichten verbracht. Es war wundervoll, ein Kind in die Welt kommen und aufwachsen zu sehen.

„Vielen Dank, dass Sie sich um Ivy kümmern“, sagte er warm.

Auntie lächelte. „Ivy besteht zwar darauf, dass sie alles im Griff hat, aber es macht sie fertig. Und auch, wenn sie es nicht hören will, fühlen sich alle in der Familie verantwortlich. Das ist doch normal.“ Sie dämpfte ihre Stimme. „Ich werde sie jetzt auf keinen Fall alleine lassen. Sie braucht ihr eigenes Bett, ihre Komfortzone. Bei Willow wäre sie derzeit nicht so gut aufgehoben.“

In Paxtons Kopf arbeitete es, aber er konnte seine Gedanken nicht ordnen. Irgendetwas war hier seltsam …

„Ich habe es doch geahnt, dass du wiederkommst.“ Ivys Stimme klang leise und müde.

„Was denkst du denn? Ab jetzt werden wir viel miteinander zu tun haben“, erwiderte Paxton energisch.

Gleich darauf bereute er seine Worte. Er wusste, dass er seine Gefühle aus der Sache heraushalten musste, aber wusste das Ivy auch?

Abgesehen davon war er sich überhaupt nicht im Klaren darüber, was er für Ivy empfand. Bis zu seiner Rückkehr aus Virginia hatte er versucht, einfach nicht an sie zu denken. Das sollte er jetzt auch tun und sich nur auf das Baby fokussieren.

Sein Kind würde er niemals verlassen.

Er setzte sich zu Ivy auf das Sofa. Sofort zog sie die Beine an und brachte sich in eine aufrechte Position.

„Ich lasse euch junge Leute mal eine Weile allein“, sagte Auntie. „Ihr habt bestimmt jede Menge zu besprechen.“

Paxton schaute Ivy an, die spöttisch grinste.

„Gibt es einen besonderen Grund dafür, dass du versuchst, meine Tante um den Finger zu wickeln?“, fragte sie herausfordernd.

Bingo. „Wie meinst du das?“

„Ich kenne dich seit eineinhalb Jahren und habe dich zahllose Male mit anderen erlebt. Das Lächeln, das du bei ihr aufgesetzt hast, ist mir vertraut. Was willst du?“

„Wie fühlst du dich?“, erkundigte er sich statt einer Antwort.

Mit einer raschen Bewegung warf Ivy ihr Haar zurück. „Gut“, log sie.

„Helfen die Medikamente?“

„Manchmal. Die Übelkeit geht nie ganz weg.“

Er hatte schon bemerkt, dass sie dünner geworden war. Ihre Wangenknochen zeichneten sich viel deutlicher als vorher in ihrem Gesicht ab und dunkle Schatten lagen unter ihren Augen.

„In einem Monat sollte ich es überstanden haben, meint die Ärztin“, erklärte sie. „Bestimmt hat sie recht.“

Paxton hatte mittlerweile einen Plan gefasst, den er jetzt in die Tat umsetzen wollte. Zunächst war das Ganze nur eine vage Idee gewesen, die ihm plötzlich gekommen war, doch nun war er entschlossen, das Richtige zu tun. Er musste allerdings auf der Hut sein. So leicht wie Auntie konnte er Ivy nicht beeindrucken, und auf keinen Fall wollte er ihr das Gefühl geben, manipuliert zu werden.

Er brauchte sie an Bord.

„Ivy, ich würde gern bei dir wohnen.“ Die Worte waren ihm schneller entschlüpft, als ihm lieb war. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Sie starrte ihn ungläubig an.

Er war ebenso schockiert wie sie, aber es gab für ihn keinen anderen Weg, an die Informationen zu gelangen, die er brauchte.

„Warum?“, fragte sie leise.

Erleichtert nahm er zur Kenntnis, dass sie weder wütend noch spöttisch mit ihm redete. Das würde alles einfacher machen.

„Weil wir ein Baby erwarten.“

„Das stimmt nur teilweise“, berichtigte sie ihn. „Ich erwarte ein Baby. Wir sind die Eltern, aber wir sind kein Paar.“

Da hatte sie nun wieder recht. Paxton stand auf und ging ein paar Schritte, um sich zu sammeln. „Richtig“, sagte er schließlich. Es hatte keinen Zweck, sich etwas vorzumachen. „Bis jetzt jedenfalls nicht. Aber wir werden durch das Kind immer miteinander verbunden sein. Und ich muss ehrlich zugeben, dass ich privat so gut wie nichts von dir weiß. Ebenso wenig wie du von mir.“

Sie schüttelte schon den Kopf. „Ich kann mich damit momentan nicht auseinandersetzen, Paxton. Vielleicht später.“

„Warum? Ich kenne mich mit schwangeren Frauen bestens aus, wie du weißt. Meine Schwester habe ich zu jedem einzelnen Vorsorgetermin begleitet, als ihr Mann geschäftlich unterwegs war.“ Er sah sie offen an. „Auntie hat mir erzählt, dass sie eigentlich geplant hatte, mit Jasmine eine Weile wegzufahren, aber jetzt traut sie sich nicht. Erlaube mir, dass ich für dich sorge. Das wird für dich einiges erleichtern und …“

„Na, wie läuft es bei euch?“ Auntie trat mit einem Tablett ein, auf dem Tee und Gebäck standen. Sie stellte es auf einem kleinen Tisch ab, der neben der Couch stand. „Hier ist etwas Ingwertee für dich, Liebes“, sagte sie zu Ivy. „Trink ihn in kleinen Schlucken.“

Ivy richtete sich auf und nahm die Porzellantasse entgegen. „Danke, Auntie, wie lieb von dir.“

Die ältere Frau hinkte zu einem Sessel und ließ sich vorsichtig darin nieder. Ivy beobachtete sie besorgt.

„Ach übrigens, Auntie“, begann Paxton. „Ich versuche gerade, Ivy davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee wäre, wenn ich eine Weile hierbleiben könnte.“ Er achtete nicht auf Ivys entsetzten Gesichtsausdruck. „Ich kann mich um sie kümmern, und Sie können ganz beruhigt mit Jasmine wegfahren.“

Auntie warf Ivy einen amüsierten Blick zu, den Paxton nicht deuten konnte.

„Mein lieber Paxton, Sie sollten mich nicht benutzen, um Druck auf Ivy auszuüben“, sie sah ihn an und zog die Brauen hoch. „Die junge Dame hier fühlt sich auch so schon ständig schuldbeladen.“

„Ich wollte nicht …“, begann Paxton, doch Auntie unterbrach ihn sogleich.

„Vielleicht kennen Sie die Frauen nicht so gut, wie Sie dachten. Die meisten von uns fühlen sich ständig für irgendetwas schuldig. Ivy musste in letzter Zeit dabei zusehen, wie andere die Arbeit gemacht haben, die sie sonst allein bewältigt hat. Das war schwer für sie. Aber ich glaube trotzdem, dass Ihre Idee gut ist.“

„Ja?“ Paxtons Miene hellte sich auf. Er hatte nicht mehr damit gerechnet, von Auntie unterstützt zu werden.

„Das hat aber nichts mit mir zu tun, sondern nur mit euch beiden. Wenn ihr entscheiden wollt, wie es weitergehen soll, müsst ihr euch besser kennenlernen.“ Sie lächelte Ivy zu, die leichenblass und mit panischer Miene auf dem Sofa saß. „Dazu gehört auch Nähe.“

Ivy runzelte trotzig die Stirn. „Du willst also jemanden, den du gar nicht kennst, hier mit mir wohnen lassen?“

„Aber ich bin doch kein Fremder, Ivy“, protestierte Paxton energisch. „Es reicht doch, dass wir beide uns kennen.“

„Tun wir nicht“, gab Ivy feindselig zurück. „Sonst wärst du nie auf die Idee gekommen, ich könnte dir mit Absicht ein Baby angehängt haben.“

Paxton holte tief Luft. Er wollte nicht preisgeben, warum er so misstrauisch war, sah aber keinen anderen Ausweg aus der verfahrenen Situation. Vor allem nicht konfrontiert mit zwei Frauen, die ihn dermaßen intensiv musterten. Anscheinend hatte er keine Wahl. „Das ist lange her.“ Er schwieg wieder.

„Hat damals jemand versucht, dich in eine Ehe zu zwingen?“, fragte Ivy beklommen.

„Nein“, versicherte Paxton. Nein, Veronica hatte ihm keine Falle gestellt. „Ich hatte nur einfach Pech mit einigen Frauen, die mehr von mir wollten, als ich ihnen geben konnte. Ich glaube ja auch nicht, dass das im aktuellen Fall so ist, aber die Frage musste ich trotzdem stellen.“

Auntie lachte. „Also, wenn eine Frau Sie betrügen will, dann würde sie wohl kaum auf eine so direkte Frage ehrlich antworten. Ich kann Ihnen aber versichern, dass meine Nichte nicht zu diesem Typ gehört. Und außerdem waren Sie in der Nacht doch wohl für die Verhütung zuständig, oder?“

Ivy wurde abwechselnd rot und blass. „Auntie, was soll das?“, rief sie entsetzt.

Paxton dachte an die Schachtel mit Kondomen, die neben dem Bett gestanden hatte. Er hatte sie gekauft, so wie er sich selbstverständlich immer selbst um Verhütung gekümmert hatte. Aber diesmal war es schiefgegangen.

Er verspürte ein Ziehen im Körper, das ihn deutlich an die leidenschaftliche Nacht mit Ivy erinnerte. Und an den Fehler, den er gemacht hatte.

Gewaltsam riss er sich aus diesen Gedanken.

Als er sah, dass Ivy eine Hand auf ihren Magen presste und das Gesicht verzog, beschloss er, ihr mehr Zeit zu geben. Es hatte keinen Zweck, sie in ihrem Zustand zu sehr zu bedrängen. Normalerweise ließ er nicht locker, bis er eine Antwort auf seine Fragen bekam, aber jetzt musste er Rücksicht nehmen.

„Bitte denk noch einmal über mein Angebot nach“, sagte er freundlich. „Es wäre gut für uns beide.“ Natürlich würde es dann noch schwieriger sein, eine gewisse Distanz aufrechtzuerhalten, aber hier ging es um seine Zukunft. Seine Ziele waren es wert, dass er einen kleinen Umweg in Kauf nahm. Und seine Familie verdiente es ebenfalls. „Ich komme morgen wieder.“

„Warum rufst du nicht einfach an?“, wollte Ivy wissen.

Vielleicht konnte er den Druck noch ein ganz kleines Bisschen erhöhen. „Weil es letztlich nur noch um die Frage des Ortes geht. Du steckst mit mir zusammen in dieser Sache, wie auch immer du dich entscheidest.“

4. KAPITEL

„Auntie, wieso hast du mir nichts davon gesagt?“, fragte Ivy ein paar Tage später entnervt.

Sie hasste es, sich derart weinerlich anzuhören, aber sie konnte nichts dagegen tun. Mit jeder Minute, die Paxtons Einzug näher rückte, wurde sie nervöser. Schon in wenigen Stunden würde er hier sein, mit ihr allein im Haus, während Jasmine und Auntie sich zusammen davonmachten.

„Beruhige dich“, erwiderte Auntie lächelnd. „Es war meine Entscheidung, ihn hier wohnen zu lassen, und du musst dich in keiner Weise verantwortlich dafür fühlen.“

„Wirklich nicht?“ Ivy sah die Frauen, die sich vor ihrem Bett versammelt hatten, scharf an.

„Natürlich nicht“, antwortete Jasmine, die ihr ebenfalls bis zur letzten Minute nichts von den Einzugsplänen verraten hatte.

„Und warum werde ich als erwachsene Frau eigentlich derart übergangen?“ Ivy warf in gespielter Verzweiflung die Arme hoch. „Habe ich denn gar nichts zu sagen? Ich hätte sehr gut allein auf mich aufpassen können.“

„Eben nicht“, widersprach Auntie energisch. „Jedenfalls jetzt nicht.“ Sie ging zur Tür. „Und weißt du was? Das ist vollkommen in Ordnung.“

Ivy war anderer Meinung, fühlte sich aber plötzlich zu schwach, um weiter zu widersprechen. Seufzend ließ sie sich auf ihre Kissen fallen. „Ich weiß nicht“, murmelte sie. „Ob das alles richtig ist?“

Ihre Schwestern, die am Fußende des Betts Wäsche sortierten, warfen ihr fragende Blicke zu.

Nervös strich Ivy über die feine Stickerei auf dem Bettüberwurf, den Auntie zu ihrem achtzehnten Geburtstag genäht hatte. „Ich bin einfach nicht gut drauf“, verteidigte sie sich, als die anderen beiden sie immer noch schweigend ansahen.

„Das merkt man.“ Willow hob die Brauen. „Es ist nicht gerade typisch für dich, dass du Zweifel daran hast, wie du dich entscheiden sollst.“

„Nie“, fügte Jasmine bekräftigend hinzu.

Willow kicherte. „Wenn du so weitermachst, könnten wir dich glatt irgendwann für ein normales menschliches Wesen halten.“

Ivy streckte ihr die Zunge heraus. Sie glaubte ja gar nicht, immer alles zu wissen oder richtig zu machen, aber sie hasste es, andere mit ihren Problemen oder Bedürfnissen zu belasten. Nach dem Tod ihrer Eltern hatten sich immer alle um sie gekümmert, schließlich war sie das Nesthäkchen in der Familie … seit damals versuchte sie lieber zu geben, statt zu nehmen.

Ihre Gedanken kehrten zurück zu Paxton. Sie wusste überhaupt nicht, wohin das alles führen sollte. Wenigstens war ihr nicht mehr so schlecht wie sonst. Vielleicht war die Sache mit der Übelkeit bald ausgestanden und die Hormone würden sich beruhigen.

Sie spürte, dass ihre Schwestern sich Sorgen um sie machten, und konnte nichts dagegen tun.

„Wenn du das alles nicht willst, musst du es nicht tun“, begann Jasmine. „Nicht einmal, wenn er schon an der Tür steht. Wir kriegen das hin.“

Ivy wusste, wie enttäuscht Auntie wäre, wenn sie nicht zusammen mit Jasmine und deren Tochter Rosie wegfahren könnte. Sie hatten die Reise schon so lange geplant.

„Es geht nicht“, sagte Ivy leise.

Jasmine schaute sie erschrocken an. „Was meinst du?“, fragte sie und setzte sich neben ihre kleine Schwester auf das Bett. „Wir können doch hierbleiben. Du weißt, dass wir alles für dich tun würden.“ Liebevoll streichelte sie Ivys Gesicht.

Das war es ja gerade. Ihre Schwestern hatten genug mit ihrem eigenen Leben zu tun. Sie fand es schrecklich, ihnen so zur Last zu fallen.

„Natürlich weiß ich das“, erwiderte Ivy. „Aber ich glaube, ich muss das tun. Es steht viel auf dem Spiel …“ Sie strich über ihren Bauch. Schon jetzt liebte sie das Baby über alles, auch wenn es ihr manchmal schwierige Tage bescherte.

Willow gesellte sich zu den beiden. „Wirst du es ihm sagen?“, fragte sie.

Ivy starrte wortlos vor sich hin. Das Geheimnis ihrer Familie, das sie seit Generationen mit den McLemores verband und von dem Paxton nichts wusste. Das war es, worauf ihre Schwester anspielte. Bestimmt hatte er schon viele Male von der Geschichte gehört, bei der einer seiner Vorfahren ums Leben gekommen war. Angeblich, weil Ivys Familie den größten Frachter der McLemores durch Sabotage vor der Küste von Savannah zum Sinken gebracht hatte.

Der Erbe der Familie war damals ums Leben gekommen, es folgte eine Anklage wegen Mordes. Zwar gab es keine Beweise, aber das hatte die McLemores nicht davon abgehalten, das Leben von Ivys Urgroßvater zu zerstören. Am Ende musste er wegziehen, um das Leben seiner Frau und seiner Tochter zu beschützen.

Ivy wusste, dass er unschuldig gewesen war.

Jasmine war stets der Meinung gewesen, dass sie jetzt in Sicherheit waren, denn mit dem Tod ihrer Mutter war auch der Familienname erloschen. Die Mädchen waren danach zu Auntie gezogen, und niemand hatte sie mit der Tragödie von damals in Verbindung gebracht. Als sie die Stelle bei Paxton antrat, sollte der natürlich nichts davon erfahren, wer Ivy in Wirklichkeit war.

Doch jetzt hatte sich alles verändert und sie das Gefühl, in einem Teufelskreis aus Lügen und Betrug gefangen zu sein. Ihr Urgroßvater war ein guter Mensch gewesen, doch seine Unschuld konnte Ivy zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht beweisen. Verzweifelt sah sie Jasmine an. „Wie soll ich das Geheimnis bewahren, wenn ich mit ihm zusammen ein Kind aufziehe?“

Natürlich waren sie kein Paar, so wie sie es sich eigentlich erträumt hätte, aber dennoch würden sie miteinander sprechen und Entscheidungen treffen. Seit Paxton klargestellt hatte, dass er ein verantwortungsvoller Vater sein wollte, wusste Ivy, dass es wichtig war, sich mit ihm zu verstehen, so gut es ging.

Die Übelkeit kehrte zurück und Ivy krümmte sich zusammen. So hatte sie sich das alles nicht vorgestellt.

„Es tut mir so leid“, sagte Willow. „Ich hoffe, dass ich bald die Beweise haben werde, die wir brauchen. Ich war ja auch schon in Sabatini House, aber dann kam mir etwas dazwischen.“ Lächelnd sah sie auf ihren Bauch. Willow war einige Wochen nach Ivy schwanger geworden und schwebte im siebenten Himmel.

„Du hast schon viel herausgefunden.“ Ivy nickte bewundernd. „Es könnte durchaus sein, dass die Sabatinis für die Tragödie verantwortlich waren, schließlich waren sie zu der Zeit die berüchtigtsten Piraten der ganzen Gegend.“

„Wir kriegen die Puzzleteile hoffentlich noch rechtzeitig zusammen“, erwiderte Jasmine optimistisch.

„Sollten wir nicht besser so etwas wie einen Plan machen?“, fragte Willow.

Ivy mochte den Gedanken nicht. „Das klingt irgendwie berechnend, oder?“

„Wieso? Vielleicht kommst du in eine Situation, wo du Einzelheiten über deine Familiengeschichte erzählen musst. Oder wir einigen uns darauf, auf keinen Fall etwas über unsere Familie zu sagen. Vorerst jedenfalls.“

„Ich glaube, das ist am sinnvollsten“, sagte Jasmine. „Momentan kann ich mir keine Situation vorstellen, in der Ivy etwas sagen müsste. Wenn er allerdings von selbst damit anfängt, wird es schwierig …“

„Warum sollte er? Herausfinden kann er eigentlich nichts“, bemerkte Ivy.

Willow schnaubte verächtlich. „Der? Dem traue ich einiges zu. Und eigentlich kennst du ihn privat doch kaum.“

Sie hatte recht. Durch das enge Teamwork im Büro war es Ivy im Lauf der Zeit so vorgekommen, als wäre Paxton ein Teil ihrer Familie. Und weiter hatte sie es nie kommen lassen wollen. Aus genau dem Grund, der jetzt alles so kompliziert machte. Sie brauchte einen gut bezahlten Job, und ihr Chef durfte nie erfahren, wer sie wirklich war.

„Stimmt“, gab Ivy zu. „Ich werde ihm mit Sicherheit gar nichts erzählen, solange ich ihn und seine Familie nicht näher kenne.“

„Gut“, sagte Jasmine. „Übrigens kann es für uns nur hilfreich sein, wenn ihr euch gut versteht. Falls sich seine Familie irgendwann gegen uns stellen sollte, meine ich.“

Darüber wollte Ivy lieber nicht nachdenken. Keiner aus Paxtons Familie war zu ihr besonders nett gewesen, wenn sie mal im Büro aufgetaucht waren. Man hatte sie in der Regel geflissentlich übersehen. Es gehörte nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, welche Probleme von dieser Seite auf sie zukommen würden.

„Ich brauche nur noch etwas Zeit“, erklärte Willow. „Ganz sicher werden wir am Ende finden, wonach wir suchen.“

Die Schwestern lächelten sich an und Ivy merkte, wie sie sich entspannte. Obwohl sie sich immer sehr anstrengte, möglichst unabhängig zu sein, war ihre Familie die beste Unterstützung, die man sich wünschen konnte.

Als sie zusammen mit ihren Schwestern nach unten ging, fühlte sie sich zum ersten Mal wieder im Gleichgewicht.

„Also, ich denke, wir haben einen guten Plan“, bemerkte Willow zufrieden.

Von der Tür her erklang eine vertraute männliche Stimme. „Und wozu braucht ihr einen Plan?“

Paxton hatte nicht erwartet, so viele Menschen im Haus anzutreffen, als er zu Ivy kam. Jeder andere wäre angesichts der Menge fremder Gesichter eingeschüchtert gewesen, aber nicht Paxton, der es gewohnt war, vor vielen Leuten zu stehen.

Ivys Schwestern erkannte er gleich von den Fotos, die im Büro auf ihrem Schreibtisch gestanden hatten. Auch das kleine Mädchen mit den dunklen Locken, das Jasmine im Arm hielt, war ihm von den Bildern her vertraut – Ivys Nichte Rosie.

Der einzige Mann in der Gruppe war allerdings auch kein Fremder für ihn, wie Paxton überrascht feststellte. Ivy hatte nie erwähnt, dass sie Royce Brazier kannte. Paxton hatte rein zufällig vor Kurzem gehört, dass sich Royce mit seiner Eventmanagerin verlobt hatte, aber mehr wusste er nicht darüber.

Nur ganz am Rande hatte er sich daran erinnert, dass Ivys Schwester Eventmanagerin war. Ivy hatte im Büro nie viel über ihre Familie erzählt.

Paxton streckte dem anderen Mann zur Begrüßung die Hand hin. „Schön, Sie mal wiederzusehen, Royce.“

„Es ist lange her“, antwortete Royce und schüttelte Paxton die Hand.

Sein Händedruck war fester, als Paxton es in Erinnerung hatte. Vor einem Jahr hatten sie geschäftlich miteinander zu tun gehabt, und damals war ihm Royce nicht gerade wie ein Ausbund an Männlichkeit erschienen. Doch wenn er ihn jetzt zwischen den Frauen sah, machte er einen ganz anderen Eindruck. Es war klar, wer hier das Sagen hatte.

„Sie sind der Hahn im Korb, was?“, scherzte Paxton.

Auntie versuchte inzwischen, die Familie etwas mehr im Raum zu verteilen, um Platz zu schaffen. Erst jetzt merkte Paxton, dass Ivy fehlte.

Während die anderen begannen, Gepäckstücke hin- und herzutragen und die letzten Einzelheiten der Reise zu besprechen, ließ er seinen Blick vom Wohnzimmer in den Flur wandern. Sie war nicht da, und niemand schien von ihrer Abwesenheit Notiz zu nehmen.

Paxton wurde plötzlich unruhig. Wo war sie? Stimmte etwas nicht? Entschlossen trat er zur Tür. Er würde es herausfinden.

Als Royce sich ihm in den Weg stellte, starrte er ihn erstaunt an. Was bildete der Typ sich ein?

„Was ist los?“, fragte er so ruhig wie möglich.

Royce stand mit verschränkten Armen breitbeinig vor ihm. „Nichts weiter. Ich möchte nur sicherstellen, dass wir auf der gleichen Seite stehen, bevor die Familie zu ihrer Reise aufbricht und Ivy hier mit Ihnen allein bleibt. Schließlich wissen wir so gut wie nichts von Ihnen.“ Er versuchte gar nicht erst, sein Misstrauen zu verbergen.

„Das ist wirklich unnötig“, begann Paxton, während er gegen den Impuls ankämpfte, laut zu werden. Vermutlich hätte er in einer ähnlichen Situation ebenso reagiert. „Wir kennen uns doch, und Sie wissen, welche Position ich habe. Glauben Sie wirklich, ich würde Ivy etwas antun?“

Royce sah ihn kühl an. „Das hier ist rein privat und hat mit Ihrem Job nichts zu tun. Diese Frauen hier bedeuten mir eine Menge. Jede einzelne von ihnen. Und jede verdient einen Menschen, der sich um sie kümmert und sie unterstützt.“

„Ganz meine Meinung“, pflichtete Paxton ihm bei.

Royce musterte ihn intensiv. „Dann ist es ja gut. Aber vergessen Sie nicht, dass Ivy in dieser Sache nicht allein dasteht, egal, ob ihr das nun passt oder nicht. Wir sind immer für sie da.“

Paxton war spätestens jetzt klar, dass Ivy die Unterstützung von einem der einflussreichsten Männer Savannahs hatte. So sehr er auch an seiner eigenen Familie hing, musste er doch zugeben, dass sie sich bei ihren Entscheidungen weniger von Gefühlen als von geschäftlichen Überlegungen leiten ließen. Das war allgemein bekannt, und so gesehen konnte Paxton nachvollziehen, dass Royce sich veranlasst fühlte, Ivy zu beschützen.

„Ich verstehe“, sagte Paxton.

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, erwiderte Royce grinsend. „Aber Sie werden es noch verstehen.“ Er klopfte dem verwirrten Paxton auf die Schulter.

Als die beiden Männer auf den Flur traten, der sich über die ganze Länge des Hauses erstreckte, musste Paxton unwillkürlich an das Familien-Dinner denken, das nach seiner Rückkehr stattgefunden hatte. An dem Abend hatten ihm seine Schwestern alle möglichen Neuigkeiten sowie den gesamten Klatsch und Tratsch aus Savannah mitgeteilt, der ihm während seiner Abwesenheit entgangen war. Leider hatte er nur mit halbem Ohr zugehört. Dabei war es manchmal ganz nützlich fürs Business, zu wissen, was in der Gesellschaft vor sich ging.

„Wo ist Ivy?“, fragte er.

„Wahrscheinlich in der Küche, wo jetzt alle sind.“ Royce öffnete eine Tür.

Tatsächlich saß Ivy an dem großen Küchentisch, umgeben von schnatternden Frauen, die sie alle ermahnten, gut auf sich achtzugeben.

„Sie hat einen Teller Brühe gegessen“, sagte Auntie strahlend, sobald sie die Männer erblickte.

„Habe ich. Aber das heißt nicht, dass ich sie auch vertrage“, warf Ivy scharf ein. Diesen Ton kannte Paxton gar nicht an ihr.

Im nächsten Moment war sie wieder so liebenswürdig wie immer. Sie stand auf und verteilte Umarmungen und Küsse. „Ich wünsche euch so viel Spaß“, rief sie, während sie sich bemühte, unbeschwert und fröhlich auszusehen. Paxton, der sie aufmerksam beobachtete, entging nicht, dass sie unter ihrer Maske müde und erschöpft wirkte. Keiner außer ihm schien etwas bemerkt zu haben. In diesem Moment begriff er, wie wichtig es für sie war, vor ihm und ihrer Familie zu demonstrieren, dass sie stark war und jede Schwierigkeit meistern konnte. Auch wenn ihre Schwangerschaft sie in letzter Zeit dazu gezwungen hatte, mitunter Schwäche zu zeigen und Hilfe anzunehmen.

Aber diese Seite von sich wollte sie Paxton auf gar keinen Fall zeigen. Fröhlich winkte sie ihrer Familie von der Tür aus hinterher. Dann drehte sie sich unvermittelt zu Paxton um, ließ die Tür ins Schloss fallen und sagte: „Ich lege mich jetzt hin.“

Paxton blickte ihr entgeistert nach, während sie langsam die Treppe hochstieg.

„Kann ich irgendetwas für dich tun?“, fragte er, während er ihr folgte und gleichzeitig versuchte, nicht auf ihre verführerischen Kurven zu starren.

Ivy ging schweigend weiter, bis sie eine Tür in der Mitte des Korridors erreicht hatte. Beim Öffnen erhaschte Paxton einen Blick auf lebendige Farben und weiche Stoffe. Hier wohnte eine andere Ivy als die, die er so viele Monate im Büro um sich gehabt hatte. Doch er bekam keine Gelegenheit, sich ihr Zimmer anzusehen.

„Bis später“, erklärte Ivy und machte ihm die Tür vor der Nase zu.

5. KAPITEL

Ivy fuhr hoch, als jemand heftig an ihre Tür klopfte.

„Abendessen ist fertig“, ertönte Paxtons Stimme.

Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er sie unten erwartete. Kein Wunder, schließlich war sie weder zum Mittagessen noch sonst irgendwann erschienen. Sie hatte ihr Zimmer abgeschlossen und Paxtons Anwesenheit einfach ignoriert. Insgeheim hatte sie allerdings auf jedes Geräusch im Haus geachtet und sich gefragt, ob er irgendwann an ihrer Tür rütteln würde.

Jetzt reichte es ihm offensichtlich. Und sie hatte schrecklichen Hunger. Obwohl sie befürchtete, vielleicht nichts bei sich behalten zu können, musste sie es versuchen.

Schon allein der Duft, der aus der Küche kam, ließ ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen. Sie hätte nicht genau sagen können, woran es lag, aber plötzlich fühlte sie sich warm und geborgen.

Paxton schaute von dem Topf auf, in dem er kräftig rührte. „Hungrig?“

Statt einer Antwort hörte man Ivys Magen knurren. Paxton lächelte.

„Ich denke, das war eine klare Antwort.“

Während Ivy versuchte, sich von Paxtons attraktivem Anblick abzulenken, war er schon dabei, Schalen auf den Tisch zu stellen.

„Gibt es Suppe?“, fragte Ivy.

Er nickte. „Setz dich.“

„Ich kann doch auch …“, begann sie, doch er fiel ihr ins Wort.

„Ich sagte, du sollst dich setzen“, wiederholte er freundlich, aber bestimmt.

Dankbar ließ sich Ivy auf den nächstbesten Stuhl fallen und beobachtete Paxton bei der Arbeit. Er bewegte sich in der Küche, als wäre er hier zu Hause. Seine Bewegungen waren geschickt und geschmeidig, aber niemals hektisch. Schon im Büro hatte sie das immer an ihm bewundert.

Inzwischen hatte er die Suppenkelle beiseitegelegt und stellte die dampfenden Schalen auf Sets, die vor ihren Plätzen auf dem Tisch lagen. Daneben legte er frisch gebackenes Maisbrot, das ebenso köstlich wie die Suppe duftete.

Konnte dieser Mann eigentlich alles? Ein besseres Essen hätte er gar nicht auswählen können.

Sie hasste es, ihn dauernd bewundern zu müssen. Sie wäre viel lieber wütend auf ihn gewesen. Damit könnte sie ihn mühelos auf Distanz halten, während sie ihn momentan einfach nur schrecklich attraktiv fand.

Ivy versuchte, sich ihren Konflikt nicht anmerken zu lassen und beugte sich tief über ihre Suppenschale. Kartoffeln. Sie wusste, dass er Kartoffeln mochte, schließlich hatte sie oft genug für ihn etwas aus den umliegenden Restaurants ins Büro liefern lassen.

Paxton stellte ein Tablett mit kleinen Tellern auf den Tisch: Käse, Schinken, saure Sahne und gehackte Schalotten.

„Du bist ja wirklich unglaublich begabt“, bemerkte Ivy und hätte sich im nächsten Moment am liebsten die Zunge dafür abgebissen. Es gab keinen Grund, derart gereizt zu klingen.

„Tja, man kann ja nicht nur vom Restaurantessen leben“, scherzte er, ohne auf ihren Ton einzugehen. „Nicht mal als Single.“

Ivy starrte ihn entgeistert an. Das hatte sie nicht erwartet. „Willst du damit etwa behaupten, dass du das selbst gekocht hast?“

Er hob die Brauen. „Das klingt nicht gerade schmeichelhaft“, erwiderte er tadelnd.

Ivy dachte an die vielen Mittagessen, die sie im Laufe des letzten Jahres für ihn bestellt hatte. „Na ja, ist doch klar. Denk doch mal daran, was ich ständig für dich habe anliefern lassen. Klar dachte ich, dass das hier auch aus dem Restaurant kommt.“

„Nein. Alles handgemacht!“, versicherte er ihr und wedelte demonstrativ mit den Händen.

Oh ja, sie wusste einiges über diese Hände. Zum Beispiel, wie geschickt sie im Büro mit Papieren und Stiften umgehen konnten. Oder im Bett mit …

Ivy merkte, dass ihre Wangen brannten. Rasch versuchte sie, auf andere Gedanken zu kommen. Wieso wusste sie eigentlich so wenig über den Mann, für den sie derart viel empfand? Was konnte er noch alles? Wofür interessierte er sich?

Wortlos starrte sie auf ihre Suppe.

„Aber“, fuhr er fort, „ich muss zugeben, dass die Zutaten geliefert wurden.“ Sein Grinsen war umwerfend.

Ivys Lächeln ermutigte ihn fortzufahren. „Ich habe mich heute ein wenig im Haus umgesehen.“ Er sah sie forschend an. „Es ist hervorragend gebaut. Hast du schon immer hier gelebt?“

Ivy antwortete ohne nachzudenken. „Es gehört der Familie von Auntie. Ihr Mann und sie haben hier während ihrer Ehe gelebt.“

Als Paxton die Stirn runzelte, merkte sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

„Verstehe ich nicht.“

Oh Mann, wie viel konnte sie sagen, ohne sich zu verraten?

„Auntie ist doch nicht unsere richtige Tante. Wir nennen sie nur so. Sie hat uns aufgenommen, nachdem unsere Eltern gestorben waren.“

„Wow. Das ist aber ein großer Schritt, auf einmal drei Mädchen zu haben. Und auch ein Opfer. Da muss sie deine Eltern ja ziemlich gut gekannt haben.“

Ivy erkannte das gefährliche Terrain, auf dem sie sich bewegte. Jede Unterhaltung über ihre Familie konnte sehr schnell in schwieriges Fahrwasser führen, also sollten ihre Antworten kurz und knapp sein.

„Sie war die Nanny meiner Mutter.“

„Ich wusste gar nicht, dass du Waise bist. Was ist mit deinen Eltern geschehen?“

Ivy spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Der Tod ihrer Eltern ging ihr auch noch nach so langer Zeit nahe. „Es war ein Autounfall.“ Ihre Stimme war brüchig.

Erinnerungen an damals kamen hoch und zogen ihr den Boden unter den Füßen weg. Gedankenverloren zerbröselte sie ein Stück Brot auf ihrem Teller.

„Stammt ihr alle aus dieser Gegend hier?“

Seine Fragen schienen auf den ersten Blick ganz unverfänglich zu sein, aber Ivy war auf der Hut. Solange sie nicht wusste, wohin das alles führte, war Vorsicht geboten.

Paxton war in Plauderlaune. „Es gibt hier so einiges aus dem Maritimen Milieu.“ Er zeigte auf ein paar Schiffsmodelle in Vitrinen, Erbstücke, die die Mädchen mitgebracht hatten. „Hatte deine Familie etwas mit Schiffen zu tun?“

Jetzt war ihr ganzer Körper in Alarmbereitschaft. Verzweifelt schaute sie in ihre leere Suppenschüssel, die ihr keinen Halt mehr bot. „Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen“, brachte sie mühsam hervor.

Paxton stand auf, als sie ihren Teller zum Abwasch bringen wollte. „Lass mich das machen“, bot er an.

„Danke, aber das schaffe ich schon.“

Es war wirklich lächerlich, wie oft sie diesen Satz in letzter Zeit gesagt hatte. Anscheinend dachten alle, dass sie zu gar nichts mehr fähig wäre.

„Ich weiß, aber ich würde dir trotzdem gern alles abnehmen.“

Na klar. Das kam natürlich überhaupt nicht in Frage. Nicht umsonst bezeichneten ihre Schwestern sie als dickköpfig.

„Ich kann das selber, Paxton“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Schließlich bin ich nicht krank.“

Wie unwürdig das alles war. Ständig musste sie sich rechtfertigen oder sogar andere Menschen um Hilfe bitten. Auf andere angewiesen zu sein war für sie das Schlimmste …

Das Ganze führte zu nichts.

Paxton stand am Fenster und schaute in die dunkle Nacht hinaus. Er war so frustriert, dass er sich nicht einmal auf die Arbeit am Laptop konzentrieren konnte, was sehr ungewöhnlich für ihn war. Die Situation, in der er sich befand, war mehr als schwierig und hinderte ihn daran, so produktiv wie sonst zu arbeiten.

Die Absicht, mit der er hergekommen war, war von einer sehr widerspenstigen jungen blonden Frau vereitelt worden. Statt gemeinsam Zeit zu verbringen oder wenigstens mit ihm im selben Zimmer zu sitzen, hatte sich Ivy schon bald nach dem Abendessen in ihr Schlafzimmer zurückgezogen.

Was ihn allerdings am meisten aufbrachte, war die Tatsache, dass Ivy ihn während des Essens nicht einmal um etwas zu trinken oder um einen Nachschlag Suppe gebeten hatte. Nicht mal auf sein Angebot, ihr zum Dessert leckere Kekse zu backen, war sie eingegangen. War das normal für eine schwangere Frau?

Natürlich begriff er, dass sie alles daransetzte, ihre Selbstständigkeit zu bewahren. Sie wollte allen beweisen, dass sie niemanden brauchte, vor allem ihm. Das, was sie haben wollte, konnte sie sich selbst besorgen. So war der Plan.

Schließlich gab Paxton auf und zog sich ins Gästezimmer zurück, um wenigstens etwas zu schlafen, wenn er schon nicht arbeiten konnte. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Stattdessen starrte er an die Decke und überlegte, wie er Ivys Barriere durchbrechen könnte. Nach ungefähr einer Stunde hörte er Schritte im oberen Stockwerk. Dann rannte jemand.

Eine Tür schlug zu. Paxton setzte sich auf und horchte. Er hörte Wasser durch die Rohre rauschen, aber ob es die Toilette oder ein Waschbecken war, konnte er nicht sagen.

Plötzlich schlug etwas auf dem Boden auf. Was war das? Paxton sprang aus dem Bett.

Doch er hörte wieder nur das Wasser. Nahm sie eine Dusche? Er entspannte sich erst, als das Rauschen des Wassers nachließ.

Dann herrschte Stille. Eine Tür knarrte leise. Schritte waren nicht zu hören. Schlich Ivy etwa auf Zehenspitzen durch den Flur? Paxton strengte sich an, irgendetwas zu hören, aber vergeblich. Auf einmal knallte wieder etwas auf den Boden, diesmal direkt über ihm. Was machte sie nur?

Sein Herz raste. Natürlich konnte er sich alle möglichen gefährlichen Situationen vorstellen, aber vielleicht war auch alles in bester Ordnung. Woher sollte er wissen, welche Geräusche in diesem Haus normal waren und welche nicht?

Kurzentschlossen zog sich Paxton ein T-Shirt über die Boxershorts und rannte nach oben. Er würde sich nie verzeihen, wenn etwas passiert war, während er herumstand und überlegte, was er tun sollte.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte er nach oben. Seine Gedanken überschlugen sich. Im ersten Stock angekommen, knipste er das Licht an, um den dunklen Flur zu beleuchten.

„Ivy“, rief er, als er die leblose Gestalt auf dem grünen Vorleger liegen sah.

Sekunden später war er bei ihr und hob ihren Kopf an.

„Alles okay“, murmelte sie schwach. Ihre Haut war blasser als gewöhnlich. Offensichtlich ging es ihr sehr schlecht.

„Warum liegst du hier draußen statt in deinem Bett?“, fragte er aufgebracht.

„Ist mal was anderes. Perspektivwechsel, verstehst du?“

„Du weißt schon, dass mein Zimmer direkt hier drunter ist?“

Wortlos schloss sie die Augen, aber Paxton würde es ihr diesmal nicht so leicht machen. „Du hättest mich nur zu rufen brauchen. Ich hätte dich sofort gehört. Verstehst du, ich wäre gekommen!“ Er war wütend.

So wütend, dass er sie trotz ihrer Proteste in die Arme nahm und hochhob.

„Lass mich sofort los!“, rief Ivy.

Sanft setzte er sie ab. Als ihre Füße den Boden berührten und er sie losließ, schwankte sie und wäre gefallen, wenn er sie nicht gehalten hätte.

„Das willst du doch nicht, oder?“

Sie stöhnte nur auf.

Wieder nahm er sie in seine Arme und trug sie in ihr Zimmer. Als er das Bett mit den zerwühlten Laken erblickte, kam die Erinnerung mit voller Wucht zurück. Das war jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für solche Bilder. Da war es schon besser, verärgert zu sein.

„Bist du wirklich so sauer auf mich, dass du lieber auf dem Fußboden schläfst, um nicht rufen zu müssen?“, fragte er fassungslos. „Und wie bist du überhaupt dorthin gekommen?“

Ivy schlug die Hände vors Gesicht. Zuerst dachte er, dass sie nur seinen drängenden Fragen ausweichen wollte, doch dann merkte er, dass ihre Schultern bebten.

„Ivy? Oh nein, bitte nicht.“ Hilflos hob er die Arme. Er konnte nichts tun, um ihr zu helfen. So ging es ihm auch immer mit seinen Schwestern, wenn sie weinten.

Doch als Ivy ihm ihr Gesicht zuwandte, war es ganz und gar um ihn geschehen.

„Du verstehst gar nichts!“, schleuderte sie ihm entgegen. „Noch vor zwei Monaten hatte ich mein Leben fest im Griff. Ich konnte alles tun, was ich wollte, und fühlte mich jeder Aufgabe gewachsen. Jetzt habe ich keinen Job mehr und kann mich kaum bewegen. Ich bin ständig müde, schwach und mir ist dauernd schlecht. Ich bin so erschöpft, dass an Arbeit nicht zu denken ist. Meine Haare sind eine Katastrophe, und von meinen Fingernägeln will ich gar nicht erst anfangen.“

Schlagartig wurde Paxton klar, wie schlecht es ihr wirklich ging. Sie hatte das Gefühl, völlig die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Er dachte fieberhaft nach, was er tun könnte, um ihr zu helfen, ihr ein besseres Gefühl zu geben, aber ihm fiel nichts ein.

Und sein nächster Schritt würde sie vermutlich noch mehr aus dem Gleichgewicht bringen.

6. KAPITEL

Ivy hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so miserabel gefühlt. Warum konnten die dämlichen Hormone in ihr nicht endlich Ruhe geben? Wozu brauchte sie überhaupt Hormone?

Ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, begann sie zu schluchzen. Tränen liefen ihr übers Gesicht, während sie sich für ihre Schwäche in Grund und Boden schämte.

Diesmal wehrte sie sich nicht, als Paxton sie hochhob und ins Bad trug, wo ihr gerade eben so schlecht geworden war. Sie hatte sich nach Kräften bemüht, es allein bis in ihr Schlafzimmer zu schaffen, doch auf dem Weg dorthin war sie auf dem Flur zusammengebrochen.

Sie fühlte sich so unendlich müde, dass sie die Augen nicht offenhalten konnte. Das Auf und Ab der letzten drei Monate war einfach zu viel für sie gewesen.

Ihre Wangen begannen vor Verlegenheit zu glühen, als sie daran dachte, wie viel Zeit sie neuerdings damit verbrachte zu jammern. Jedenfalls empfand sie es so. Und Paxton wahrscheinlich auch.

Kommentarlos setzte er sie auf dem Hocker ab, der im Bad stand, und ging zur Wanne. Erst als sie hörte, wie er Wasser einließ, wurde ihre Aufmerksamkeit geweckt. Mühsam öffnete sie die Augen.

„Was machst du da?“

„Du wirst dich besser fühlen, wenn wir dich gewaschen haben“, bemerkte er, ohne aufzublicken.

„Wir?“, wiederholte sie krächzend.

„Darf ich dich daran erinnern, dass du gerade auf dem Flur umgefallen bist? Meinst du wirklich, du kriegst das alleine hin?“

Ivy fiel keine Antwort ein. Sie saß auf ihrem Stuhl und starrte Paxton, der weiter heißes Wasser einlaufen ließ, wortlos an. Der Raum füllte sich mit Dampfschwaden.

Paxton holte große, flauschige Badetücher aus dem Wandschrank. Eine Erinnerung regte sich in Ivy, die sie auf keinen Fall zulassen wollte. Nein und nochmals nein.

Niemals wieder würde sie sich nackt vor ihm zeigen.

Paxton fügte dem Wasser einige Tropfen Badeöl hinzu, sodass sich der Dampf mit dem sinnlichen Duft von Vanille vermischte. Genießerisch sog Ivy den Duft ein. Es wäre wunderbar, jetzt in das warme Wasser einzutauchen und sich zu entspannen, Körper und Geist einfach dem guten Gefühl hinzugeben …

Paxton nutzte den Moment, in dem sie in Gedanken versunken war. Mit einem Ruck zog er ihr das weite T-Shirt über den Kopf, sodass sie in Unterwäsche vor ihm saß. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie die ganze Zeit nur halb bekleidet gewesen war. Und jetzt war sie fast nackt.

„Na los“, sagte er und schob sie zur Wanne. Dann zog er sie komplett aus. In Ivys Kopf drehte sich alles. Während er ihren BH öffnete, überlegte sie, ob er sie vielleicht einfach nicht mehr attraktiv fand und deswegen so gelassen mit der Situation umgehen konnte. Das musste es sein. Wieso sonst konnte er einfach ihren Slip über ihre Hüften ziehen, ohne sie zu berühren?

Im selben Moment wurde ihr ein großes Badetuch um die Schultern gelegt. Wie nett, er beschützte ihre Intimsphäre. Warum verstärkte das ihre schlechte Stimmung? Sie sollte sich doch darüber freuen! Schon wieder spürte sie Tränen in ihrer Kehle aufsteigen.

Vermutlich ahnte Paxton nichts von ihren quälenden Gedanken. Er verhielt sich ihr gegenüber wie ein Bruder, als er ihr vorsichtig über den Wannenrand half. Oder wie ein Mann, der für die Mutter seines Kindes sorgt. Nicht mehr. Von dem, was sich Ivy in den vergangenen Monaten erträumt hatte, war nichts geblieben.

Sie schluckte die Tränen hinunter und ließ sich in das heiße Wasser gleiten.

Paxton schloss den Duschvorhang.

Mit einer Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung gab sich Ivy ihrem duftenden Bad hin. Durch den Vorhang sah sie, dass Paxton auf dem Hocker Platz nahm.

„Ist dir wieder übel?“, erkundigte er sich fürsorglich.

Ivy horchte kurz in sich hinein. Sie war überrascht, wie gut sie sich plötzlich fühlte. Das Wasser umspielte ihren Körper und ihre Muskeln fühlten sich locker an.

„Nein.“

„Okay. Sag vorher Bescheid, wenn etwas im Anzug ist.“

Sie grinste. Das wüsste sie auch gerne vorher. „Mach ich … falls ich es schaffe.“

Er lachte. „Ich verstehe.“

Ivy versenkte sich in den Luxus der wohltuenden Wärme, die ihren Körper umgab. Träge wanderte ihr Blick über die Wasseroberfläche, die sich kräuselte, wenn sie sich bewegte. Auf der anderen Seite des Vorhangs fühlte sie Paxtons Anwesenheit. Sein Schweigen. Seine Männlichkeit.

„Das war schlimm, mit deiner Übelkeit“, bemerkte er. „Vergeht einem da nicht die Lust auf ein Baby?“

„Die vergeht einem eher, wenn man alles allein machen muss“, gab sie zurück und wusste im selben Moment, dass sie diese Bemerkung besser nicht gemacht hätte. Aber wenigstens war sie ehrlich.

„Das musst du ja nicht.“ Seine Stimme war gleichbleibend freundlich.

Konnte sie ihm trauen? Wenn es doch so einfach wäre. „Da bin ich mir nicht so sicher.“

Der Hocker knarrte, als er sich darauf bewegte. „Ich bin hier. Und ich bleibe.“

Ivy nahm all ihren Mut zusammen. Es war Zeit, Klartext zu reden. Hinter dem Vorhang fühlte sie sich sicherer, als wenn sie Paxton Auge in Auge gegenübergesessen hätte.

Sie holte tief Luft, bevor sie den Satz aussprach, der ihr schon lange auf der Seele lag. „Und warum erst jetzt?“

Die Frage erwischte ihn völlig unvorbereitet. Da Ivy die ganze Zeit mehr oder weniger geschwiegen hatte, war er davon ausgegangen, dass sie auch weiterhin jeder Art von Diskussion aus dem Weg gehen würde. Jetzt war er ziemlich überrascht.

Tausend Ausreden formten sich in seinem Kopf, während er überlegte, was er antworten sollte. Ich bin einfach nicht soweit. Ich hatte nicht damit gerechnet. Mir war nicht klar, ob ich die Beziehung überhaupt weiterführen möchte. Ich will gar nicht wissen, ob das etwas Ernstes ist …

All das konnte er nicht sagen, aber sie verdiente eine ehrliche Antwort. Vielleicht war es die warme Luft, der Duft von Vanille oder das Plätschern des Wassers … auf jeden Fall sah er vor seinem geistigen Auge plötzlich eine Ivy, die in seinen Armen lag, mit ihrer weichen Haut und ihrem wunderbaren Körper.

„Ich hatte Angst“, hörte er sich zu seiner Überraschung sagen.

Das Schweigen, das seinen Worten folgte, hätte man mit Händen greifen können. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Warum hatte er so etwas gesagt?

Paxton schüttelte den Kopf. Er hatte einfach nicht nachgedacht. Schnell rettete er sich in fadenscheinige Begründungen. „Ich wollte unser Arbeitsverhältnis nicht gefährden.“

Ja, das klang wirklich logisch.

„Wir sind das perfekte Team im Büro. Ich konnte mich absolut auf dich verlassen, als ich nicht da war. Das konnte ich doch nicht riskieren.“

Ivy glaubte ihm kein Wort. „Seit wann rennst du vor Problemen weg, statt sie direkt anzugehen?“, fragte sie spöttisch.

Da hatte er den Salat. Sie kannte ihn einfach zu gut, um ihm seine Ausreden abzunehmen.

„Ich bin nicht weggerannt“, verteidigte er sich. „Ich musste aus geschäftlichen Gründen verreisen und wollte warten, bis wir ein persönliches Gespräch führen konnten.“

„Ja … aber doch nicht erst zwei Monate später“, fauchte Ivy.

„Und warum hast du das Thema nicht angeschnitten?“, erkundigte er sich. Es war gar nicht einzusehen, dass die ganze Schuld allein an ihm hängenbleiben sollte.

„Ich hätte meinen Job riskiert.“

Dagegen konnte er nicht argumentieren. Auch wenn er es manchmal vergaß, war er doch derjenige, der in der Firma das Sagen hatte. Ivys Entscheidungen hatten das bestätigt.

„Aber du hast ihn dann doch sowieso aufgegeben“, stellte er fest.

Sie seufzte tief. „Richtig. Und das war mit Sicherheit eine der schwersten Entscheidungen, die ich jemals treffen musste.“

Paxton hingegen waren alle Entscheidungen erspart geblieben … bis zu dem Moment, als sie ihn offenbar dazu gezwungen hatte, aktiv zu werden.

„Willst du wissen, was ich denke?“, fragte sie.

Obwohl er sich dessen nicht so sicher war, nickte er. „Natürlich.“

„Ich glaube, dass du einfach keinen Plan hattest, wie du mit mir und dem, was zwischen uns passiert war, umgehen solltest.“

Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, aber Paxton gab nur ein undefinierbares Knurren von sich. Auf keinen Fall würde er zugeben, wie sehr ihn die gemeinsame Nacht mit Ivy beschäftigt hatte. Nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedenfalls. Er musste Ivy irgendwie ablenken.

„Lass uns jetzt deine Haare waschen, bevor das Wasser kalt wird.“

„Dazu brauche ich keine Hilfe …“

Das hatte er schon einige Male gehört. „Versuch doch mal, deine Hände lange genug über dem Kopf zu halten“, schlug er vor.

Ivy schluckte.

Paxton konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es war zwar nur ein kleiner Sieg, aber immerhin. Übermütig schob er noch eine Bemerkung nach. „Das dachte ich mir. Und übrigens habe ich meinen Nichten schon tausendmal die Haare gewaschen. Ich weiß also, wie es geht.“

Das stimmte, hatte aber mit dieser Situation nichts zu tun. Es war natürlich etwas völlig anderes, Ivy zu berühren, und Paxton holte tief Luft, als er sich erhob, um den Duschvorhang beiseite zu ziehen.

Ivy saß nach vorn gebeugt mit dem Kopf auf den Knien und hatte die Arme um ihre Beine geschlungen. Ihr Rücken wirkte so zart und zerbrechlich, dass Paxton vor Rührung schluckte. Bewundernd schaute er auf die Fülle blonder Haare, die sich über ihre Schultern ergoss. Selbst in dieser unschuldigen Pose war Ivy so sexy wie keine andere Frau, die er kannte.

Er griff nach einer Flasche Shampoo. „Dieses hier?“

Sie blickte kurz auf und nickte.

Paxton nahm den Plastikbecher, der auf dem Wannenrand stand, und spülte die Haare kräftig mit Wasser. Sofort lagen Ivys Locken wie ein Vorhang auf ihrer Haut und schützten sie vor seinen Blicken.

Paxton presste sich gegen die Seite der Badewanne. Sein Körper hatte sofort heftig auf den Anblick von Ivy reagiert und sein Blut in Wallung gebracht.

Da er um jeden Preis vermeiden wollte, dass sie etwas von seiner Erregung bemerkte, flüchtete er sich in Aktivität. Allerdings nicht in die, nach der er sich jetzt gerade am meisten sehnte …

Das flüssige Shampoo rann kühl und dickflüssig in seine Handfläche, als er die Flasche zusammendrückte. Wieder stieg ihm der süße Geruch von Vanille in die Nase.

Er verrieb das Shampoo zwischen den Händen und überlegte, wie er beginnen sollte. Ihr Haar war dick und schwer, ganz anders als das seiner Nichten. Bei ihnen reichten normalerweise einige schnelle Bewegungen, dann konnten die Haare schon wieder ausgespült werden. Das war diesmal anders.

Instinktiv arbeitete er sich von den Spitzen bis zur Kopfhaut vor und wieder zurück. Fast kam es ihm so vor, als würde Ivys Haar unter seinen Händen immer mehr werden. Er massierte so kräftig er konnte, ließ seine Finger bis zu den verspannten Muskeln an ihrem Nacken wandern.

Ein leises Stöhnen ließ ihn aufhorchen. Diese Laute hatte er schon einmal aus Ivys Mund gehört … in jener Nacht, die er nicht vergessen konnte. Er hielt still und schaute auf ihren Rücken, von dem das glänzende Shampoo in zähen Tropfen herablief. Paxton konnte sich kaum beherrschen, Ivys weiche Haut zu berühren, aber eine warnende Stimme in seinem Kopf hielt ihn davon ab.

Er merkte erst, dass er regungslos neben ihr stand, als sie mit geschlossenen Augen den Kopf anhob und ihn in seine Richtung drehte. „Ist alles in Ordnung?“, murmelte sie.

Nein, ganz und gar nicht, aber das durfte sie nicht wissen. „Ja, fast fertig“, behauptete er und begann ihr Haar zu spülen. Dann arbeitete er eine Spülung in ihre Haarspitzen ein und fuhr schließlich mit einem grobzackigen Kamm hindurch.

Die ganze Zeit über wurde er das Gefühl nicht los, dass er sich schon lange nicht mehr so glücklich gefühlt hatte. So, als sei er mit genau dem richtigen Menschen am richtigen Ort.

7. KAPITEL

An diesem Morgen erwachte Ivy ausgeschlafen und entspannt. So leicht hatte sie sich in den vergangenen zwei Monaten kein einziges Mal gefühlt. Stattdessen war sie meist von ihrer Übelkeit aufgewacht und auf die Toilette gerannt. Heute lag sie ganz still in ihrem Bett und horchte in sich hinein. Noch traute sie der Sache nicht und wartete lieber noch ein bisschen, bis sie sich bewegte. Dadurch wurde es nämlich oft noch schlimmer.

Als sich nach zehn Minuten immer noch nichts Schreckliches ereignet hatte, öffnete sie vorsichtig ein Auge und spähte auf den Wecker. Es war neun Uhr morgens. Im ganzen Haus war kein Laut zu hören, sodass sie sich einen Moment lang allein und verlassen fühlte.

Hatte Paxton beschlossen, sie ausschlafen zu lassen? War er überhaupt noch da? Bestimmt zählte er sowieso zu den Frühaufstehern, obwohl er letzte Nacht erst spät zur Ruhe gekommen war.

Hoffentlich hatte er nichts davon gemerkt, wie es ihr gestern ergangen war, als er ihr die Haare gewaschen hatte. Zum ersten Mal seit langem hatte sie ihre Libido gespürt, die ihr während der Schwangerschaft fast schon abhandengekommen schien. Seine Hände in ihrem Haar hatten Stromstöße durch ihren Körper gejagt. Natürlich hatte sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, denn es war ihr schon peinlich genug gewesen, wie stark sie auf ihn reagierte. Er hingegen hatte deutlich gezeigt, dass er an ihr als Frau nicht mehr interessiert war.

Ganz konzentriert und sachlich hatte er ihr das Haar gewaschen und sie anschließend allein gelassen, damit sie sich in Ruhe abtrocknen und anziehen konnte. Sie hoffte nur, dass er ihre aufgerichteten Brustwarzen und die Anspannung in ihrem Körper nicht wahrgenommen hatte.

Dabei ging es ihr gar nicht nur um Sex. Sie hatte vielmehr erkannt, dass allein seine Berührung eine geradezu schockierende Lawine in ihrer Gefühlswelt auslösen konnte. Bis jetzt war ihr nicht klar gewesen, wie sehr sie sich nach Paxtons Nähe sehnte. Seine Finger auf ihrer Kopfhaut, die Art, wie er ihre schmerzenden Nackenmuskeln massiert und vorsichtig den Kamm durch ihre zerzausten Haare gezogen hatte … all das war gleichzeitig wunderbar und schrecklich gewesen.

Niemals durfte er etwas von ihren Gefühlen erfahren.

Unten wurde eine Tür geschlossen. Ivy setzte sich auf. Eigentlich hatte sie wenig Lust, Paxton inmitten ihres emotionalen Aufruhrs gegenüberzutreten, aber andererseits mochte sie sich auch nicht hinter ihren Ängsten verstecken.

Außerdem war ihr klar, dass sie für sich und das Baby klug handeln musste. Paxton zu ignorieren wäre sicher kein guter Schachzug gewesen.

Also sollte sie gut nachdenken, bevor sie handelte. Am liebsten hätte sie Paxton als Liebhaber zurückgewonnen, aber das war unrealistisch. Sie musste die Vergangenheit vergessen und an die Zukunft denken. Vor allem an die Zukunft ihres Kindes.

Als sie merkte, wie sich Hunger in ihr regte, schüttelte sie lächelnd den Kopf. Das war ja unglaublich! Allein der Gedanke an die leckere Kartoffelsuppe, die er gestern Abend gezaubert hatte, ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Was er wohl zum Frühstück zubereitet hatte?

Es gelang ihr, sich ohne Probleme anzukleiden und die Treppe hinunter ins Erdgeschoss zu gehen. Ohne das geringste Gefühl von Übelkeit kam sie unten an. Sie seufzte erleichtert. Vielleicht gehörte sie ja zu den Glücklichen, die die schlimmste Phase der Schwangerschaft besonders schnell überstanden.

Paxton stand in der Küche und schnitt Gemüse klein. Während Ivy ihn schweigend von der Tür aus beobachtete, bedauerte sie in ihrem Herzen schon wieder, dass er niemals ganz ihr gehören würde. Sein Anblick war wie immer überwältigend und schickte ein schmerzhaftes Ziehen durch ihren Körper. Äußerlich ließ sie sich nichts anmerken.

Stattdessen trat sie ein und begrüßte Paxton freundlich.

„Guten Morgen“, antwortete er über die Schulter, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. „Da ich nicht wusste, wie es dir heute Morgen gehen würde, habe ich dir vorsichtshalber eine Kanne Ingwertee gemacht“, erklärte er, legte das Messer weg und gab das Gemüse in eine Schüssel.

Lächelnd zeigte er auf eine Tasse und einen kleinen Teller mit Salzgebäck auf dem Tisch.

Ivy schluckte. Wann würde sie endlich aufhören, auf dieses charmante Lächeln so heftig zu reagieren? Oder sich automatisch zu fragen, ob es wirklich ihr galt oder einfach nur seine Art war, anderen Menschen zu begegnen.

Ivy setzte sich auf den Stuhl, der vor ihrem Gedeck stand. Seine Fürsorge ließ den Panzer, den sie zum Selbstschutz um sich herum errichtet hatte, wie Butter in der Sonne schmelzen.

„Es geht mir heute ziemlich gut“, erklärte sie. „Aber ich gehe trotzdem lieber auf Nummer sicher mit dem, was ich esse.“

Vorsichtig hob sie die Tasse mit der warmen Flüssigkeit an ihren Mund und trank einen Schluck. Der kräftige Duft des Ingwers kitzelte in ihrer Nase. Nach einigen weiteren Schlucken knabberte sie an den Crackern.

Paxton war inzwischen damit beschäftigt, Butter und das kleingeschnittene Gemüse in eine Pfanne zu füllen. Es brutzelte und zischte, während ein unwiderstehlicher Duft die Küche erfüllte. Dann schlug er ein paar Eier dazu und rührte kräftig um.

Autor

Maureen Child

Da Maureen Child Zeit ihres Lebens in Südkalifornien gelebt hat, fällt es ihr schwer zu glauben, dass es tatsächlich Herbst und Winter gibt. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buches hat sie 40 weitere Liebesromane veröffentlicht und findet das Schreiben jeder neuen Romance genauso aufregend wie beim ersten Mal.

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