Verführt in der Silvesternacht

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Wie konnte das nur passieren? Aus einem Kuss an Silvester wird eine heiße Nacht: Die schöne PR-Spezialistin Tinsley Ryder-White landet mit dem smarten Unternehmer Cody Gallant im Bett. Sie sollte sich nicht in den Bruder ihres Ex-Mannes verlieben! Doch genau das geschieht, denn Cody ist nicht nur ein fantastischer Lover, sondern auch außerhalb des Bettes aufmerksam und zugewandt. Zudem muss Tinsley für ein wichtiges Event mit ihm zusammenarbeiten! Nur was, wenn die Gallant-Brüder einfach nicht anders können, als eine Frau unglücklich zu machen?


  • Erscheinungstag 20.12.2022
  • Bandnummer 2268
  • ISBN / Artikelnummer 9783751509336
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Tinsley Ryder-White liebte das Arbeitszimmer ihres Großvaters, besonders die Wandregale, in denen die Bücher dicht an dicht bis hoch unter die Decke standen. Sie war sieben Jahre alt und liebte es, sich unter dem riesigen Schreibtisch zu verstecken. Dort machte sie es sich in einer Ecke bequem und war für die Welt unsichtbar.

Es waren Sommerferien. Niemand würde sie hier suchen. Sie konnte ein paar Stunden ungestört lesen.

Tinsley drückte sich ein Kissen in den Rücken und seufzte genießerisch, während sie ihr Buch aufschlug. Lesen war mit Abstand ihre liebste Beschäftigung.

Sie war noch nicht über die dritte Seite hinaus, als sie hörte, wie die schwere Tür geöffnet wurde. Ihr stockte der Atem. Wenn ihr Großvater sie hier fand, hatte sie ein Problem.

Tinsley erstarrte und hoffte inständig, dass Callum – auch wenn er ihr Großvater war, bestand er darauf, beim Vornamen genannt zu werden – sich nicht hinsetzte und die Beine ausstreckte. Dann würde er sie unweigerlich entdecken.

Sie durfte sich nicht rühren und keinen Mucks machen.

„Guten Morgen, Callum.“ Das war die Stimme ihres Vaters. Tinsley presste sich eine Hand vor den Mund, um jeden Laut zu unterdrücken. Sie hatte geglaubt, Daddy und Callum seien bereits zur Arbeit gegangen … Himmel, wieso hatte sie sich nicht vergewissert?

„Du brauchst dich nicht zu setzen. Es dauert nicht lange.“ Callum klang verärgert – wie meistens.

Tinsley verbarg das Gesicht hinter den Händen.

Wenn sie sie fanden, war das ihr Ende.

„Ich habe mich gestern mit meinem Anwalt getroffen und mein Testament aktualisiert.“

„Lass mich raten: Ich komme darin nicht vor.“ Daddy klang müde.

„Im Gegenteil. Da ich keinen anderen männlichen Erben habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als alles dir zu vermachen.“ Callum klang verdrossener, als sie ihn je gehört hatte. „Aber ich habe eine Klausel einfügen lassen. Sollte ich einen anderen männlichen Erben finden, irgendjemanden, der in einer engen Beziehung zu mir steht – aber nicht zu Benjamin –, dann soll er meine dreißig Prozent an Ryder International bekommen, meine Immobilien und mein Geldvermögen.“

„Ich habe immer gewusst, dass du nichts von mir hältst, Callum, aber ich habe nicht geahnt, dass dein Hass so tief geht.“ Daddy klang, als fehle ihm die Luft zum Atmen.

„Ich habe dich damals gewarnt, dich auf Benjamins Seite zu stellen, und dir gesagt, dass das Konsequenzen haben wird. Der einzige Lichtblick an Benjamins Homosexualität ist seine Kinderlosigkeit.“

„Mein Gott, Callum! Wie kannst du so etwas sagen! Dein Bruder wollte keine Frau heiraten – er wollte mit Carlos zusammen sein. Ich habe mich nur dafür ausgesprochen, ihn sein Leben so leben zu lassen, wie er es möchte.“

„Deine Unterstützung hat ihm den Mut gegeben, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen und mit diesem Mann zusammenzuziehen! Wahrscheinlich hat er seinen Anteil an Ryder International ihm hinterlassen – einem Menschen, der keinerlei Verbindung zu uns hat!“

„Ich habe dir schon einmal gesagt: Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass er sein Aktienpaket Carlos vermacht hat. Und wenn doch – wieso sollte Carlos sich hinter einem anonymen Trust verstecken? Als das alles passiert ist, war ich Anfang zwanzig. Selbst wenn ich mit ihm über sein Testament gesprochen hätte, hätte ich mit Sicherheit keinen Einfluss auf ihn gehabt. Ben hat seine Entscheidungen immer allein getroffen. Du bestrafst mich für etwas, das Ben getan hat, und das ist nicht fair.“

„Wer hat behauptet, das Leben sei fair?“

„Was ist mit Kinga und Tinsley?“, fragte Daddy. Tinsley bekam große Augen, als sie ihren Namen hörte.

„Was soll mit ihnen sein?“

„Sie tragen den Namen Ryder-White. Du könntest alles ihnen vermachen – sie haben deine Gene.“

„Unsinn! Der Name, die Gene, das Blut – das wird von Männern weitergegeben.“ Sein Ton war voller Verachtung, als er hinzusetzte: „Deine Töchter interessieren mich nicht. Aber eins lass dir sagen, James: Sollten sie es wagen, irgendetwas zu tun, das unseren Namen beschmutzt, oder sollten sie sich weniger als perfekt benehmen, dann wirst du die Konsequenzen tragen. Du und deine Familie, ihr lebt hier auf Ryder’s Rest, in meinem Haus. Du erhältst ein fürstliches Gehalt, weil ich es so entschieden habe – nicht, weil du es wert wärest. Dein Lebensstil hängt allein von meiner Großzügigkeit ab. So wie ich dir alles gegeben habe, kann ich dir auch alles wieder nehmen. Sorge dafür, dass deine Familie das begreift.“

Callum war furchtbar! Am liebsten wäre Tinsley aus ihrem Versteck hervorgekrochen und hätte ihm vors Schienbein getreten, weil er so gemein zu ihrem Dad war. Sie tat es nicht – sie war vor Angst und Entsetzen wie gelähmt. Nur eines war klar:

Wenn sie nicht perfekt war, würde es schreckliche Folgen haben!

1. KAPITEL

Willkommen im neuen Jahr!

Tinsley Ryder stand auf der Empore der neuesten Ryder International Bar und beobachtete, wie unten auf der Tanzfläche ein dunkelhaariger Mann seine blonde Partnerin herumwirbelte und sie über seinen Arm nach hinten bog. Mit ihrem Lächeln versprach sie ihm eine süße Belohnung. Tinsley riss den Blick von den beiden los und fuhr sich über den Ringfinger ihrer linken Hand. Sie hatte den Ehering vor zwei Jahren abgelegt – sechs Monate nach der Scheidung –, aber auch wenn inzwischen viel Zeit vergangen war, vermisste sie JT noch.

Besser gesagt: Sie vermisste nicht ihren Ehemann, sie vermisste es, verheiratet zu sein. Teil eines Ganzen zu sein. Sie vermisste den Sex und vermisste es, am Abend jemanden zum Reden zu haben.

Fast ihr halbes Leben lang hatte sie das neue Jahr zusammen mit JT begrüßt, und die Erinnerungen kamen in diesem Moment zurück: Silvester auf dem Markusplatz in Venedig, am Times Square in New York oder in einem gemütlichen Blockhaus in Aspen. Dies war das zweite Silvester, an dem sie solo war, und es gefiel ihr ganz und gar nicht.

JT war wieder liiert, aber sie … sie litt noch unter dem Ende ihrer Ehe und dem aller Träume, die sie damit verbunden hatte. Sie erinnerte sich noch genau an alle Details des Hauses, das sie entworfen hatte. An die Namen der drei Kinder, die sie sich erhofft hatte. An gemeinsame Urlaubsreisen.

Alles geplant und perfekt.

Dieses perfekte Leben fiel mit einem Schlag in sich zusammen, als JT sie von einem Tag auf den anderen verließ und nach Hongkong ging – genau wie sein Bruder es am Vorabend der Hochzeit prophezeit hatte.

Obwohl das neue Jahr gerade einmal fünf Minuten alt war, schaute Tinsley schon wieder auf die Uhr. Am liebsten würde sie in ihr Hotel gehen, aber dies war die Eröffnung der neuesten Ryder-Bar, und es war ihr Job, hier zu sein, denn sie leitete zusammen mit ihrer Schwester die PR-Abteilung von Ryder International.

Das Unternehmen eröffnete jedes Jahr eine oder zwei neue Bars. Die Vorbereitungen dafür dauerten bis zu zwei Jahre. Ryder hatte mehrere Teams, die in die Arbeit einbezogen waren. Tinsleys Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass das neue Unternehmen ein Maximum an Publicity bekam. Zu diesem Zweck hatte sie Gallant Events engagiert. Die renommierte Agentur war darauf spezialisiert, Events so in Szene zu setzen, dass sie attraktiv für Promis und Influencer waren. So konnte eine Bar über Nacht zum Hotspot einer Stadt werden.

Ihr PR-Team hatte gemeinsam mit dem von Cody Gallant bisher vier Eröffnungen erfolgreich gemeistert. Tinsley erschien jedes Mal eine Woche vor der Eröffnung vor Ort. Sie wusste, dass beide Teams ihr Eintreffen fürchteten, weil sie eine Million Fragen und mindestens eine Million Forderungen mitbrachte. Sie sah, wie Augen gerollt wurden, und hörte den Frust in den Stimmen, aber es war nun einmal ihr Job, dass alles perfekt lief.

Dafür war Ryder International bekannt, und dabei sollte es bleiben.

Ihre Schwester Kinga war ebenso wie sie auf Perfektion aus, allerdings verantworteten sie klar getrennte Projekte. Tinsley war froh, dass sie nicht die exklusive Wohltätigkeitsgala am Valentinstag auf ihrem Schreibtisch hatte, mit der die Hundertjahrfeier von Ryders International eröffnet wurde. Zumal Callum, ihr unberechenbarer Großvater und Boss, bei der Weihnachtsfeier der Familie verkündet hatte, dass er ausgerechnet Griff O’Hare, den Bad Boy der Musikszene, als Star des Abends haben wollte.

Kinga war alles andere als glücklich mit Callums Wunsch, und Tinsley konnte es ihr gut nachempfinden. Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Schwester das Problem lösen wollte, aber mit Sicherheit würde es ihr gelingen. Sie hatten beide Erfahrung darin, in letzter Sekunde eine geniale Notlösung aus dem Hut zu zaubern.

Der DJ drehte die Lautstärke auf, ein weiterer Barkeeper ergänzte das attraktive Team hinter der Bar, der Alkohol floss in Strömen. Tinsley ahnte, dass sie nicht vor dem Morgengrauen ins Bett kommen würde. Der Gedanke ließ sie stumm aufstöhnen. Sie hatte drei Achtzehn-Stunden-Tage hinter sich und war erschöpft. Sie sehnte sich nach ihrem Bett und nach Moose, ihrem großen Maine-Coon-Kater. Den ersten Tag des neuen Jahres hätte sie am liebsten ganz entspannt mit Kinga und ihrer besten Freundin Jules verbracht.

Tinsley drückte die Schultern durch und rollte ihren Kopf von einer Seite auf die andere, um die verspannten Muskeln zu lockern. Jetzt eine doppelte Infusion Koffein oder einen Energy-Drink, und sie wäre wieder so gut wie neu. Oder doch halbwegs. Genug, um zu funktionieren.

Niemand sollte sie je nicht glücklich und zufrieden erleben. Sie mochte noch so verzweifelt sein – niemals würde sie es sich anmerken lassen. Als ihr Ehemann nach zwölf gemeinsamen Jahren ging und die Scheidung ihre ganze Welt erschütterte, sah niemand außer Kinga ihre Tränen.

Nein, sie war eine Ryder-White, und die Ryder-Whites behielten ihre Gefühle für sich. Lieber wollte sie als kalt und gefühllos gelten denn als gefühlsselig und schwach.

Tinsley hörte ein Geräusch hinter sich und drehte sich um. Sie musste einen Seufzer unterdrücken. Ihr stand im Moment so gar nicht der Sinn nach Cody Gallant, ihrem Ex-Schwager …

Aber bei Licht betrachtet, stand ihr eigentlich nie der Sinn nach ihm.

Cody hielt zwei Champagnergläser in der einen Hand und eine Flasche Moët in der anderen. Nachdem er eingeschenkt hatte, reichte er ihr ein Glas und stellte die Flasche auf dem runden Tisch ab. Er ließ den Blick über die Tanzfläche hin zur VIP-Lounge gleiten. Dort hatte Tinsley ihn zuvor beobachtet, wie er sich mit den Männern unterhielt und die Frauen mit seinem Charme für sich einnahm. Er schien sich in den ersten Kreisen Torontos wohlzufühlen. Das überraschte sie nicht. Cody konnte mit Bauern und Prinzen reden, mit Promis und Nobodys. Als Inhaber einer Agentur, die auf spektakuläre Events spezialisiert war, wusste er mit Menschen umzugehen. Die Gallants und die Ryders verkehrten in Portland in denselben Kreisen, aber dennoch musste er schon wirklich etwas zu bieten haben, um einen Auftrag von Ryder International zu bekommen. Damit hatte Cody kein Problem.

Tinsley verstand nicht, wieso er an diesem Abend hier war. Seine Agentur gab zum Jahresende große Partys in New York und Los Angeles. Dort hätte er jetzt sein sollen. Sie bemühte sich, Cody möglichst aus dem Weg zu gehen. Während sie an ihrem Champagner nippte, dachte sie daran, wie unterschiedlich ihr Ex-Mann und sein Bruder waren. Cody war vier Jahre älter als JT und hatte kaum Ähnlichkeit mit ihm – weder vom Äußeren noch von der Persönlichkeit her.

Während JT blond und schlaksig war, war Cody gut einen Meter achtzig groß, und unter dem maßgeschneiderten Smoking verbarg sich ein harter, durchtrainierter Körper. Mit seinem kantigen Kinn, der geraden Nase und dem Lächeln in den Augen und auf den Lippen hätte er das Cover jedes Fitness-Magazins geziert. JT war ein Hipster gewesen, noch bevor Hipster in Mode kamen – er trug einen Bart und hatte das schulterlange blonde Haar im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden. Cody hingegen hielt das leicht gewellte dunkle Haar kurz geschnitten. Beide Brüder hatten dunkelgrüne Augen, die Tinsley an frisch geschlagene Weihnachtstannen erinnerten. In JTs Augen hatte sie alles ablesen können, aber Cody schien seine Gefühle hinter einem grünen Samtvorhang zu verbergen.

Allgemein galt Cody als der attraktivere der beiden Brüder. JT war eher der Nerd. Wenn die Menschen ihn mit Cody verglichen, erschien er immer als eine blassere Version seines Bruders.

Es war eine Wahrheit, die sie jetzt eingestehen konnte. Gleichzeitig war es ein weiterer Punkt auf der Liste der Dinge, die sie an Cody störten. Andere waren, dass er sich nie bemüht hatte, sie besser kennenzulernen. Wenn er mit ihr sprach, war er angespannt und manchmal schon fast unhöflich. Sie war nie in den Genuss seines legendären Charmes gekommen. Nicht, dass sie es gewollt hätte …

Tinsley atmete tief durch. Ihr größtes Problem mit Cody bestand eigentlich darin, dass er ihre Beziehung zu JT nie gebilligt hatte. Er hatte es sogar fertiggebracht, sie am Abend vor der Hochzeit – einer Hochzeit, die sie mit viel Liebe zum Detail geplant hatte – anzuflehen, die Trauung platzen zu lassen. Er war überzeugt, dass ihre Ehe nicht von Dauer sein würde. Letztlich hatte er recht behalten, und irgendwie machte Tinsley es ihm zum Vorwurf, dass er alles so genau vorhergesehen hatte.

Sie hätte gern gewusst, was er im Gegensatz zu ihr damals gesehen hatte, aber der Stolz verbot es ihr, zu fragen.

Was spielte es auch für eine Rolle? JT und sie waren geschieden, und er hatte eine neue Frau und ein neues Leben. Sie hatte ihren Job bei Ryder International.

„Wieso bist du hier?“, fragte sie unvermittelt.

Cody sah sie fragend an. „Wie meinst du das?“

„Ich weiß, dass deine Agentur heute Abend Events in New York und L.A. hat.“

„Und in New Orleans“, ergänzte er.

Was war das für eine Antwort? Tinsley seufzte gereizt. „Diese Events sollten dir doch wichtiger sein als die Eröffnung unserer Bar.“

„Ich entscheide allein, was mir wichtig ist und was nicht. Ich habe gute Leute, die sich um alles kümmern.“

„Das beantwortet nicht meine Frage.“

Er sah sie an, und Tinsley fühlte sich wie ein Käfer unter dem Mikroskop. Sie kannte ihn, seit sie fünfzehn war, und obwohl seither mehr als fünfzehn weitere Jahre vergangen waren, fühlte sie sich in seiner Gegenwart immer noch wie ein ungelenker Teenager. Er hatte irgendetwas an sich, das sie verunsicherte.

„Ryder International war mein erster Kunde. Hätte dein Großvater mir diese Chance nicht gegeben, gäbe es Gallant Events heute nicht. Daher werde ich mich immer persönlich um Angelegenheiten von Ryder International kümmern.“

Tinsley ließ es sich nicht anmerken, aber seine Erklärung beeindruckte sie. Cody war einer der wenigen Menschen, die gut mit ihrem schwierigen Großvater auskamen. Er war jemand, den Callum auch länger als eine halbe Stunde um sich ertrug.

Callum Ryder-White war ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Als er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Benjamin die familieneigene Kette von Bars übernahm, stand das Unternehmen kurz vor der Insolvenz. Es gelang den Brüdern, das Ruder herumzureißen. Nach Bens frühem Tod führte Callum das Unternehmen zu nie geahnten Höhen. Jetzt, nach fünfundvierzig Jahren, herrschte er über eine Kette von fünfzig luxuriösen Hotelbars in zwanzig Ländern – ein milliardenschweres Unternehmen. Callum mochte ein guter Geschäftsmann sein, aber ihm fehlte jeder Sinn für das Zwischenmenschliche. Seine Familie und seine Angestellten waren ihm eigentlich nur lästig. Er verlangte ständig Höchstleistungen, ohne Erfolge auch nur zu erwähnen.

Das sah bei Cody Gallant vollkommen anders aus. Tinsley hatte mit vielen seiner Angestellten zusammengearbeitet und nie ein böses Wort über ihn zu hören bekommen. Er zahlte gut und behandelte seine Leute mit Respekt. Er und Callum waren sehr unterschiedlich, aber sie kamen dennoch miteinander aus, in erster Linie wohl, weil Cody sich von dem alten Mann nicht einschüchtern ließ.

Callum achtete Codys Ehrgeiz und seinen Unternehmergeist. Seiner Ansicht nach war der kometenhafte Aufstieg von Ryder International unvergleichlich, aber Cody kam ihm sehr nah. Gallant Events hatte Büros überall in den USA, dazu in London, Tokio und Sydney. Callum schrieb es sich gern auf die Fahnen, Codys Talent als Erster erkannt zu haben.

Überhaupt schrieb er sich gern alle Erfolge zu.

Cody deutete nach unten. „Möchtest du?“

„Möchte ich was?“ Tinsley sah ihn verwirrt an.

„Tanzen.“

„Mit dir?“ Sie und Cody tanzten nicht miteinander. Sie wechselten ja kaum ein Wort!

„Soweit ich das sehe, ist hier sonst niemand – ja, mit mir.“

„Wieso solltest du das tun wollen?“ Tinsley wollte sich nicht vorstellen, wie es sein mochte, zu einer langsamen Nummer den Kopf an seine Brust zu lehnen.

„Ich tanze gern, und es ist Silvester.“ Er schenkte ihr ein sexy Lächeln.

„Ich habe dich vorhin in der VIP-Lounge gesehen. Mindestens fünf Frauen haben dir ihre Telefonnummern zugesteckt. Sie wären sicher alle gern bereit, mit dir zu tanzen. Ich bin nicht zum Vergnügen hier.“

Er schwieg. Musterte sie nur abwartend und sichtlich amüsiert.

„Außerdem kann ich nicht tanzen“, setzte Tinsley schroff hinzu.

„Jeder kann tanzen.“ Cody schenkte sich nach.

Jeder außer ihr. Sie war eine absolute Null, was Rhythmusgefühl und Musikalität anging. Schon immer gewesen. „Dann bin ich eben die große Ausnahme.“

„So schlimm kann es nicht sein“, widersprach er. „Du musst doch nur ein wenig die Füße und den Kopf bewegen.“

Das hätte sie wahrscheinlich fertiggebracht, aber sie hatte Cody im Laufe der Jahre mehrfach tanzen gesehen. Er war einer der wenigen Männer mit einem natürlichen Rhythmusgefühl und Eleganz in seinen Bewegungen. Immer der Erste auf der Tanzfläche und der Letzte, der sie wieder verließ.

Nein, ein Tanz mit Gallant kam nicht in Frage. Tinsley war ein rationaler Mensch. Sie versuchte, alles Unkontrollierte zu vermeiden, hielt sich an Strukturen, Pläne und Planungen. Überraschungen waren ihr ein Gräuel, und sie hasste Situationen, in denen sie sich unsicher fühlte. Oder albern.

Und Tanzen erschien ihr logisch betrachtet als der Gipfel der Albernheit. Irgendwo hatte sie einmal gelesen: Tanzen ist die unökonomischste Art, um von einem Punkt zum anderen zu gelangen. Das wollte sie gern unterschreiben.

„Nein, danke.“

„Ich bringe dich schon noch zum Tanzen“, raunte Cody ihr leise zu. „Hoffentlich eher früher als später.“

Tinsley bedachte ihn mit einem kühlen Lächeln und warf demonstrativ einen Blick auf die Uhr. „Es wird Zeit für das Mitternachtsbuffet. Ich sehe es mir mal an.“ Sie deutete Richtung VIP-Lounge, wo zwei spärlich gekleidete Frauen sich weit über die Brüstung lehnten in einem Versuch, Codys Aufmerksamkeit zu bekommen. „Du solltest wohl besser zu ihnen gehen, bevor sie auf die anderen Gäste fallen.“

„Sie sind nicht halb so interessant wie du“, meinte Tinsley, Cody sagen zu hören, als sie ging, aber das konnte nicht sein. Sie und Cody waren seit Jahren Feinde, und hätten sie nicht geschäftlich oder familiär miteinander zu tun, wären sie sich mit Sicherheit aus dem Weg gegangen.

Sie hatten das, was man so schön ‚unüberbrückbare Differenzen‘ nannte.

Nachdem Tinsley verschwunden war, kehrte Cody der VIP-Lounge den Rücken und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

Das war ja wirklich gut gelaufen.

Vor ein paar Tagen hatte er sich vorgenommen: Sollte er einen Vorsatz für das neue Jahr fassen, dann die Verbesserung seiner Beziehung zu Tinsley Ryder-White.

Nachdem sie sich fünfzehn Jahre lang nur angegiftet hatten, wurde es Zeit, neue Saiten aufzuziehen. Sie hatte seinen weltfremden Bruder geheiratet und sich wieder von ihm scheiden lassen. Sie mussten nach vorn sehen. Schließlich waren sie nun wirklich keine Kinder mehr!

Cody erinnerte sich noch gut an das erste Mal, als er Tinsley gesehen hatte – später wurde sie zusammen mit ihrer Schwester Kinga bekannt als die Prinzessinnen von Portland. Es war im Sommer gewesen, und er hatte JT von seinem Computer losgeeist, um mit ihm und einigen Freunden einen Tag am Strand zu verbringen. Er hatte sich Sorgen um seinen jüngeren Bruder gemacht und fand, er müsse mehr unter Menschen. Cody akzeptierte es, dass JT nicht so kontaktfreudig war wie er selbst, aber soziale Kontakte waren wichtig. So wichtig wie eine gelegentliche Dosis Vitamin D und etwas frische Luft.

Cody kam gerade aus der Brandung, als er beobachtete, wie Tinsley zu JT trat, der auf einem Handtuch saß und sich kreuzunglücklich zu fühlen schien. Sie trug einen einteiligen schwarzen Badeanzug unter einer Denim-Shorts. Das dunkle Haar, das ein paar Nuancen heller war als seines, hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der mit jedem Schritt unternehmungslustig wippte. Sie war jung – zu jung für ihn –, aber sie war wunderbar. Helle Haut, ausgeprägte Wangenknochen, und Lippen, die wie für die Sünde gemacht schienen. Mit einundzwanzig hatte er einen Sinn für die Sünde …

Er sah zu, wie Tinsley bei JT stehen blieb und mit ihm sprach. JT brauchte einen Moment, um zu reagieren. Verblüfft beobachtete Cody, wie sein schüchterner Bruder auf das Handtuch neben sich klopfte und sie einlud, sich zu ihm zu setzen. Cody betrachtete die beiden – blond und dunkel – und spürte, wie sich Verzweiflung in ihm ausbreitete.

Sie würde JT nicht guttun. Und er war nicht gut für sie. Irgendwann würden sie sich gegenseitig verletzen.

Es war eine spontane Erkenntnis, und es gab nichts, was sein Gefühl hätte untermauern können, aber er war sich absolut sicher. Und er sollte recht behalten.

Cody verdrängte die Erinnerungen. Das war alles Vergangenheit. Sie und JT waren jetzt schon eine Weile geschieden, und sein Bruder lebte auf der anderen Seite der Welt. Codys ältester Auftraggeber war Ryder International. Auch wenn die Ryder-Aufträge nicht die größten oder lukrativsten waren, war die Verbindung zu diesem großen Namen doch ein Plus, mit dem sich werben ließ.

In diesem Jahr stand die Hundertjahrfeier des Unternehmens an, und sie planten einige große Events, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden. Er hatte sich mehrfach mit Callum getroffen und erwartete Aufträge für die Organisation mehrerer Veranstaltungen in den Staaten wie auch im Ausland.

Bei den Events handelte es sich um Riesenprojekte, die international wahrgenommen wurden. Seine Agentur war angesehen und ausgesprochen lukrativ, keine Frage, aber die Ausrichtung dieser Events würde sie in der öffentlichen Wahrnehmung doch auf eine neue Ebene katapultieren und ihm neue Kunden in der ganzen Welt bringen. Dann gehörte er zu den Besten der Besten.

Genau das, was er immer angestrebt hatte.

Um dieses Ziel zu erreichen, musste er sich persönlich um jedes Projekt kümmern. Wenn es um Top oder Flop ging – und natürlich wollte er Top! –, dann fühlte er sich persönlich verantwortlich.

Das bedeutete eine enge Zusammenarbeit mit den Prinzessinnen von Portland. Mit Kinga kam er gut aus, aber Tinsley war die Ex seines Bruders. JT war ohne jede Vorwarnung nach Hongkong geflogen. Wenige Tage später erhielt Tinsley einen Anruf, in dem er sie informierte, dass er nicht zurückkommen werde und die Scheidung eingereicht habe. Cody verspürte immer noch Wut auf seinen Bruder, weil er sie derart vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Wie konnte er so grausam sein?

Er hatte geglaubt, ihn besser erzogen zu haben.

JT hatte keinen weiteren Gedanken an Tinsley, ihre Gefühle oder seine Ehe verschwendet. Cody war sogar nach Hongkong geflogen, um seinem Bruder ins Gewissen zu reden, aber es war offensichtlich, dass JT andere Pläne hatte und nicht mehr an Tinsley interessiert war.

JT erklärte ihm unumwunden, er habe keine Lust, sich von ihm Vorträge anzuhören, was er zu tun und zu lassen habe. Er sei erwachsen und könne selbst entscheiden, was für ihn gut sei.

Seither hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen.

Cody seufzte. Für ihn bedeutete eine Ehe gleichzeitig auch Familie, und Familie wiederum bedeutete Verpflichtung und Verantwortung. Seine Mutter war gestorben, als er gerade zwölf geworden war. Sein Vater erklärte ihm, es sei jetzt seine Pflicht, sich um seinen jüngeren Bruder zu kümmern. Cody nahm die Aufgabe an. Erst später begriff er, dass es seinem Vater nur darum gegangen war, sich nicht mit seinen Söhnen befassen zu müssen. Offenbar waren sie ihm lästig.

Cody sorgte dafür, dass JT gekleidet war, dass er seine Hausaufgaben machte, dass er aß und nicht gehänselt wurde, weil er so anders war als die anderen. Der Egoismus seines Vaters und seine emotionale Distanziertheit zwangen Cody, lange vor der Zeit erwachsen zu werden.

Da er seine Teenagerjahre und auch noch die frühen Zwanziger damit verbracht hatte, sich um seinen Bruder zu kümmern, hatte er sich geschworen, sich nie wieder in eine solche Zwangslage bringen zu lassen. Eine Partnerin auf Dauer – sei es Freundin oder Ehefrau – war nur wieder jemand, für den er die Verantwortung trug. Gefühle störten nur. Also beschränkte er sich auf One-Night-Stands und kurze Affären.

Eine Ehe war vollkommen ausgeschlossen. Definitiv nichts für ihn.

Cody ließ den Blick durch den Raum gleiten und registrierte zufrieden, dass alles so war, wie es sein sollte. Im Moment waren die Angestellten dabei, in einer Ecke ein Buffet vorzubereiten, und einige Gäste standen schon an, um ihre Teller zu füllen. Er sah zur VIP-Lounge hinüber. Die Blonde von vorhin war immer noch da. Wenn er wollte, müsste er den Rest der Nacht nicht allein verbringen.

Autor

Joss Wood

Schon mit acht Jahren schrieb Joss Wood ihr erstes Buch und hat danach eigentlich nie mehr damit aufgehört. Der Leidenschaft, die sie verspürt, wenn sie ihre Geschichten schwarz auf weiß entstehen lässt, kommt nur ihre Liebe zum Lesen gleich. Und ihre Freude an Reisen, auf denen sie, mit dem Rucksack...

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