Verliebt in den Superstar – 4 glamouröse Lovestorys

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DU BIST MEIN STAR! von SHARON KENDRICK

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  • Erscheinungstag 30.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542203
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Sharon Kendrick

Du bist mein Star!

1. KAPITEL

Sie hielt Dynamit in ihren Händen.

Kein echtes Dynamit, aber etwas ähnlich Explosives. Laras Finger zitterten, als sie auf den Brief blickte. Über ihrem Kopf warfen die prachtvoll verzierten Kornleuchter der Marabanischen Botschaft ihr funkelndes Licht auf das Blatt Papier, welches das Leben so vieler Menschen verändern konnte.

Falls es die Wahrheit war.

Lara schluckte trocken und überlegte, ob sie den Brief überhaupt hätte aufmachen dürfen – aber gehörte es nicht zu ihrem Job als Aushilfssekretärin, die Post zu öffnen? Ein Job, der ihr bis vor zehn Minuten als ideale Überbrückung erschienen war. Ihre Anstellung war ein Segen für die Botschaft gewesen, da die eigentliche Mitarbeiterin plötzlich erkrankt war, und auch ein Segen für Lara – in letzter Zeit hatte es nicht gerade Aufträge gehagelt. Als Model und Schauspielerin hatte sie in den vergangenen Wochen so viel „pausiert“, dass sie sich manchmal fragte, warum sie sich morgens eigentlich die Mühe machte aufzustehen.

Das Schreiben war in einem etwas weitschweifigen Stil abgefasst, ob dies von dem Alter der Absenderin oder dem emotionsgeladenen Inhalt herrührte, vermochte Lara nicht zu entscheiden. Der Brief war dem Datum nach über zwei Jahre alt, aber offenbar erst kürzlich aufgegeben worden, da er erst an diesem Morgen eingetroffen war.

Ob es sich um eine Fälschung handelte? Möglicherweise.

Sie las ihn noch einmal langsam durch und achtete auf jedes unglaubliche Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Ihnen mitteilen, dass mein Sohn Darian Wildman der Nachkomme des verstorbenen Scheichs Makim, König von Maraban, ist. Der Scheich wusste nichts von seinem unehelichen Kind, und Darian hat ebenfalls keine Ahnung von der Identität seines leiblichen Vaters. Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich bereits tot, doch ich bringe es nicht über mich, ein so wichtiges Geheimnis mit ins Grab zu nehmen.

Unten finden Sie die Anschrift meines Sohnes. Ich ermächtige Sie, diese Information nach Ihrem Gutdünken zu verwenden.

Hochachtungsvoll

Joanna Wildman

Unter der Unterschrift stand der Name „Darian Wildman“ und darunter eine Anschrift. Eine Geschäftsadresse in London.

Mit bebenden Händen schob Lara den Brief zurück ins Kuvert. Dies war hoch brisantes Material. Allerdings hatte sie inzwischen gelernt, dass Dramen und Intrigen untrennbar mit Maraban verbunden waren. Ihre beste Freundin Rose hatte Prinz Khalim von Maraban geheiratet, und durch sie hatte Lara Einblicke in einen völlig anderen Lebensstil gewonnen.

Was hätte ein anderer getan, wenn er diesen Brief zufällig geöffnet hätte? Ihn vernichtet und dann vergessen? Schließlich bedeutete die Existenz eines unbekannten Bruders eine Bedrohung für Khalim und das Land. Womöglich war er älter als Khalim und versuchte, ihn zu stürzen.

Der Verdacht war gar nicht so weit hergeholt. Das in den Bergen gelegene Königreich Maraban weckte tiefe, dunkle Leidenschaften, die mit seiner Schönheit und der bewegten Geschichte Hand in Hand gingen.

Als Lara sich erhob, fiel ihr Blick auf den Spiegel über dem Kamin. Sie sah blass aus. Beinahe verstört. Als wäre sie einem Geist begegnet. In gewisser Weise stimmte das sogar. Sie war ihm zwar nicht begegnet, aber sie hatte von ihm erfahren.

Prinz Khalim hatte einen Bruder!

Warum hatte nicht jemand anders den Brief geöffnet? Dann befände sie sich jetzt nicht in dem schrecklichen Dilemma, eine Information zu haben und nicht zu wissen, was sie damit anfangen sollte.

Alles wäre so einfach, wenn der Prinz nicht mit Rose verheiratet wäre. Ob Lara wollte oder nicht, sie war in die Sache verwickelt, seit sie den Inhalt des Schreibens gelesen hatte. Sie schaute hinaus auf den grauen Herbsttag. Der Londoner Verkehr wälzte sich langsam vorbei, der Straßenlärm wurde von den schusssicheren Fensterscheiben gedämpft. Ihre Gedanken kehrten zu ihrer Freundin zurück.

Manchmal schien es ihr noch immer unfassbar, dass Rose jetzt eine Prinzessin war, in Maraban lebte und Khalim an ihrer Seite das Land regierte. Rose war ein einfaches Mädchen gewesen – genau wie Lara –, und welche Wendung hatte ihr Schicksal genommen! Sogar heute noch war alles wie ein Märchen.

Das allerdings wahr geworden war.

Genau wie der Brief geschrieben worden war und Lara ihn aufgemacht hatte.

Es könnte eine Lüge sein. Eine Fälschung. Die Verfasserin könnte völlig verrückt sein. Eine Erpresserin. Eine potenzielle Mörderin. Alles.

Was sollte sie, Lara, also tun? Sollte sie Rose anrufen und ihr erzählen, dass ihr Mann einen illegitimen Bruder haben könnte?

Aber Rose war wieder schwanger. Nicht auszumalen, was ein solcher Schock auslösen könnte.

Sollte sie sich an den Botschafter wenden? Doch das würde aufs Gleiche hinauslaufen – er würde zuallererst Kontakt mit Khalim aufnehmen und ihm Bericht erstatten.

Lara überlegte krampfhaft, bis ihr plötzlich eine Lösung in den Sinn kam, die so verblüffend simpel war, dass sie sich wunderte, warum sie so lange dafür gebraucht hatte. Was, wenn sie selbst diesen Darian Wildman aufspürte und überprüfte? Ähnlich wie sie die Eignung eines möglichen Freundes checkte.

Sie verstaute den Umschlag in ihrer Handtasche. Falls er ein seriöser Mann war, wäre sie verpflichtet, Rose und Khalim vom ihm zu berichten. Und wenn nicht? Dann würde sie den Brief vernichten, und niemandem wäre geschadet worden.

Ihr Herz klopfte heftig. Vielleicht machte sie es sich zu leicht und spielte Gott mit Informationen, die ihr zufällig in die Hände gefallen waren. Andererseits betonte Khalim immer wieder, dass im Leben nichts zufällig passierte, sondern alles aus einem Grund geschah. Allerdings bezeichnete er es anders. Lara grübelte, bis sie das Wort gefunden hatte.

Vorherbestimmung. Ja, das war es. Vorherbestimmung. Vielleicht war ihr vorbestimmt gewesen, den Brief zu öffnen und die Sache in die Hand zu nehmen. Ihre Gedanken wanderten zu dem Namen. Darian Wildman. Ein faszinierender Name und eine faszinierende Situation. Sie würde ihn finden. Und selbst sehen, was für ein Mann er war.

Laras Puls raste, als sie die Nummer der Telefonauskunft wählte.

Laras Gedanken überschlugen sich noch immer, als sie am Abend ihr Apartment betrat und ihren Wohnungsgenossen Jake dabei überraschte, wie er eine gefährlich wirkende Currymischung zusammenrührte.

Lächelnd hob er den Kopf, als sie ins Wohnzimmer ging und ihren Mantel aufs Sofa warf. „Ich wollte gerade fragen, ob du einen schweren Tag in der Botschaft hattest“, neckte er sie. „Nach deinem Gesicht zu urteilen, hat die Frage sich wohl erübrigt. Was ist los, Lara? Hat jemand gedroht, den Prinzen zu stürzen?“

„Sei still, Jake!“ Sie biss sich auf die Lippe, weil die innere Anspannung sie zu überwältigen drohte. „Bestehen Chancen für einen Drink?“

„Kommt sofort – obwohl ich finde, dass es ein bisschen früh für dich ist, oder?“ Er goss Rotwein in zwei Gläser und reichte ihr eines. „Also, was ist passiert?“

Lara trank versonnen einen Schluck und spürte, wie der Alkohol sie wärmte und ihre Panik und Sorgen zerstreute. Jake Haddon war wirklich der perfekte Mitbewohner – für fast jede Frau mit einem halbwegs intakten Hormonhaushalt war er der perfekte Mann. Der Liebling der britischen Theater- und Kinowelt, mit langen Beinen, lässigem Charme und einer widerspenstigen Locke, die so bezaubernd über eines seiner ausdrucksvollen Augen fiel, dass es Frauen förmlich in den Fingern juckte, sie ihm aus der Stirn zu streichen. Lara hatte einmal mit ihm gearbeitet, ihn jedoch nie angehimmelt, was sich inzwischen als wahrer Glücksfall erwies, da er nun ihre Wohnung teilte. Er war vorübergehend eingezogen, weil er zeitweilig ohne Bleibe gewesen war, und es hatte ihm so gut gefallen, dass er sich nicht mehr die Mühe gemacht hatte, sich ein neues Apartment zu suchen. Er fühle sich bei ihr zu Hause, hatte er erklärt.

Und Lara hatte nichts dagegen. Er war liebenswert, intelligent und vertrauenswürdig – auch wenn er sie mitunter wegen Maraban und ihrer Beziehung zum Königshaus neckte –, trotzdem mochte sie ihm nichts von dem Brief erzählen oder von ihren Sorgen über die Auswirkungen, die das Schreiben womöglich auf Khalim haben könnte. Jake würde es nicht ernst nehmen. Sie fragte sich im Stillen, ob er überhaupt je irgendetwas ernst nahm.

Aber er war einfallsreich, wesentlich einfallsreicher als sie in ihrer Verwirrung über die folgenschwere Entdeckung und deren mögliche Konsequenzen.

„Jake?“

„Lara?“

„Sagen wir einmal … du möchtest jemandem vorgestellt werden und weißt nur, wo der Betreffende arbeitet – wie würdest du ein Zusammentreffen arrangieren?“

Er senkte seine unverschämt langen Wimpern. „Es handelt sich also um einen Mann, richtig?“

„Nun ja … Wie bist du darauf gekommen?“

„Ich kenne Frauen“, meinte Jake lässig. „Außerdem hast du diesen geheimnisvollen, aufgeregten Gesichtsausdruck, der mir sofort verraten hat, dass es etwas mit dem anderen Geschlecht zu tun hat. Habe ich Recht?“

So ließ es sich vermutlich am leichtesten erklären. Jake würde keine lästigen Fragen stellen, wenn er glaubte, sie würde sich für einen Mann interessieren.

„So ungefähr“, erwiderte sie ausweichend.

„Ein Schauspieler?“, hakte er nach.

Lara schauderte theatralisch. „Du weißt, ich würde eher in eine Schlangengrube steigen, als mich mit einem Schauspieler einlassen.“

„O vielen Dank.“

„Du weißt, was ich meine, Jake.“

„Ja, natürlich. Wir Schauspieler sind hilflose, beziehungsunfähige Taugenichtse mit wankelmütigen Herzen.“ Er trank einen Schluck und rührte dann im Topf weiter. „Also, wer ist er?“

Lara hatte sich vorbereitet. „Ein Geschäftsmann.“

„Erfolgreich?“

„Ich glaube schon.“ Die Firma lief auf Darian Wildmans Namen, was zweifellos bedeutete, dass er erfolgreich war.

„Du bist ihm noch nicht begegnet?“, fragte er wachsam.

„Nein.“

„Mysteriös, mysteriös. Was ist passiert? Du hast ihn auf einer Party gesehen, warst hin und weg und hast entschieden, dass er der Richtige für dich ist, aber bevor du etwas unternehmen konntest, war er verschwunden, ja? Daraufhin hast du dich ein bisschen erkundigt, seinen Namen erfahren, und nun bist du ihm auf den Fersen.“

„So war es nicht“, wehrte Lara ab. „Und es ist viel zu kompliziert, um es zu erklären. Ich will bloß eine Chance, ihn kennen zu lernen, mehr nicht.“

Jake warf eine Hand voll Koriander in den Topf. „Ruf in seinem Büro an.“

„Unter welchem Vorwand?“

„Denk dir etwas aus! Du bist eine emanzipierte Frau, Lara – und du bist Schauspielerin! Improvisiere, und ich schwöre dir, er wird von deiner wilden dunklen Haarmähne und deinen unglaublichen blauen Augen hingerissen sein, sobald du erst vor ihm stehst. Der Rest liegt bei dir.“

Lara trank den Wein aus und hielt ihm das Glas zum Nachfüllen hin, wobei sie seinen erstaunten Blick geflissentlich ignorierte – sie trank selten mehr als ein Glas, aber heute Abend brauchte sie es. War es wirklich so einfach? Warum eigentlich nicht? Was hatte sie schon zu verlieren? Natürlich konnte man bei einem kurzen Zusammentreffen nicht alles über einen Menschen in Erfahrung bringen, doch es würde zweifellos zeigen, ob er ein vernünftiger Mann war. Zudem würde es ihr die Entscheidung erleichtern, ob sie ihm von ihrer Entdeckung berichten sollte oder nicht.

Oder ob Khalim zuerst davon erfahren sollte.

„Eine sehr gute Idee, Jake“, lobte sie. „Wirklich sehr gut. Ich werde es probieren.“

„Was wundert dich daran?“, sagte er trocken. „Nur weil ich für mein jungenhaft gutes Aussehen berühmt bin, heißt das nicht, dass ich keinen Verstand habe. Und nun hör auf, mich wie einen Dienstboten zu behandeln, und kümmere dich um den Reis – falls du noch vor Weihnachten essen möchtest.“

Lachend begann sie, ihm zu helfen – er war ein wunderbarer Gesellschafter, was allerdings nur darauf zurückzuführen war, dass er an ihr sexuell genauso wenig interessiert war wie sie an ihm. Wäre das der Fall gewesen, würden diese Unbefangenheit und Harmonie nicht existieren. Lara war keineswegs zynisch, was Männer betraf, sie hielt sich eher für eine Realistin.

Sie aßen zu Abend und sahen sich dabei ein Video von einem von Jakes Filmen an, während er seine künstlerische Darbietung in Grund und Boden verdammte. Laras Vorsatz, nicht mehr an das Problem zu denken, dauerte an, bis sie ins Bett ging, doch als sie schlaflos an die Decke starrte, kehrten die Zweifel zurück.

Sie hatte das dunkle Gefühl, dass sie mit dem Feuer spielte, als würde sie hoch oben auf einer Klippe stehen und gleich den Schritt über den Rand ins Unbekannte wagen – ins Ungewisse, das weitaus Furcht einflößender war als ihre gewohnte Angst vor der Zukunft. Das bilde ich mir nur ein, tröstete sie sich, bevor sie endlich einschlief. Alle Schauspielerinnen waren mit einer übereifrigen Fantasie gestraft.

Und wie so oft, sah am Morgen alles anders aus. Es war komisch, wie das Tageslicht alles in die rechte Perspektive zu rücken schien. Lara schalt sich eine Närrin und hysterische Person, die zwischen ihrem Beruf und dem wahren Leben nicht zu unterscheiden vermochte. Bei näherer Betrachtung hatte das „wahre Leben“ allerdings eine völlig neue Dimension angenommen, als ihre Freundin in die königliche Familie von Maraban eingeheiratet hatte!

Selbst Laras Mutter war davon überwältigt worden, und sie war einiges gewöhnt. Früher, wenn Lara angerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass sie demnächst als Tomate in einem Werbespot für Tütensuppen auftreten würde, hatte ihre Mutter kaum Interesse gezeigt. Ihr hatte es erst die Sprache verschlagen, als Lara verkündet hatte, sie würde auf Roses Hochzeit mit dem Prinzen Brautjungfer sein und ein Kleid aus Gold sowie uralten Schmuck tragen.

Es war relativ einfach gewesen, die Nummer von Wildman Phones herauszufinden, aber es war nicht so leicht, den Mut aufzubringen, diese Nummer zu wählen. Als Lara sich schließlich dazu überwunden hatte, hätte sie am liebsten gleich nach dem ersten Freizeichen wieder aufgelegt. Ihre Schauspielausbildung rettete sie in letzter Sekunde. Tu so, als wäre es ein Job, sagte sie sich – und in gewisser Weise war es das auch. Vielleicht kein Job, aber zumindest eine Verpflichtung, und zwar den Menschen, an denen ihr etwas lag, eine gute Freundin zu sein.

Sie atmete tief durch. Um an der Empfangsdame vorbeizukommen, durfte sie nicht nervös oder schüchtern klingen, sondern musste souverän auftreten. „Darian Wildman, bitte“, verlangte sie so lässig, als würde sie ihn bereits ihr Leben lang kennen.

„Tut mir Leid, Mr. Wildman ist heute den ganzen Tag nicht im Büro.“

Verdammt! Lara seufzte übertrieben. „Dieser Mann! Warum, zum Teufel, hat er mir nichts davon gesagt? Und dabei hat er einen Stapel wichtiger Unterlagen vergessen“, fügte sie scheinbar zu sich selbst hinzu. Dann seufzte sie erneut und schlug einen vertraulichen Frau-zu-Frau-Ton an. „Wissen Sie, wo ich ihn erreichen kann?“

Eine kurze Pause. „Sicher. Er hat ein Casting. Mal schauen … jawohl! Warten Sie, ich gebe Ihnen die Adresse – haben Sie einen Stift?“

Die Empfangsdame wird garantiert keinen Preis für die Wahrung der Privatsphäre ihres Chefs gewinnen, dachte Lara. „Legen Sie los.“

Die Frau nannte eine Anschrift im Zentrum Londons, nur einen Steinwurf vom Trafalgar Square entfernt.

„Was macht er dort?“, erkundigte Lara sich.

„Er ist schon die ganze Woche dort – sie suchen ein neues Gesicht für Wildman Phones“, berichtete die Angestellte fröhlich. „Warum? Sind Sie Model oder Schauspielerin?“

Laras Herz klopfte, als wollte es zerspringen, trotzdem gelang es ihr, ruhig zu antworten: „Zufälligerweise ja.“

2. KAPITEL

Das Taxi hielt vor einem großen Gebäude, das wie ein altes Lagerhaus aussah – und das war es früher auch gewesen. Inzwischen verbarg sich hinter der düsteren, monströsen Fassade eines der modernsten Fotostudios Englands.

„Wollen wir reingehen, Darian?“, fragte Scott Stratton.

Darian blickte seinen Begleiter aus golden schimmernden Augen an. Scott Stratton war Chef einer Werbeagentur, die für ihre preisgekrönten Spots berühmt war und als eine der besten in der Branche galt – insbesondere weil es ihr stets gelang, die Produkte ihrer Klienten den Kundenwünschen entsprechend zu präsentieren. Jedenfalls war es bislang so gewesen, doch nun drohte die Fahndung nach einem neuen Gesicht für Wildman Phones kläglich zu scheitern. Vielleicht war Darian zu wählerisch – ein Vorwurf, der ihm in der Vergangenheit schon oft gemacht worden war –, zumindest war er jedoch unnachgiebig und würde erst zufrieden sein, wenn er genau das gefunden hatte, was er suchte. Allerdings war er selbst nicht sicher, was es eigentlich war.

Oder vielmehr wer.

„Natürlich, Scott“, erwiderte er. „Ich bin so weit.“

Scott blickte ihn an. „Brauchen Sie etwas? Für Notizen, vielleicht?“

„Nein, danke. Das ist nicht nötig. Ich werde es wissen, sobald ich sie sehe.“

Gemeinsam betraten sie das Haus und blieben im chromblitzenden Empfangsbereich stehen.

„Sind alle oben?“ Darian deutete mit dem Kopf auf die Wendeltreppe, die hinauf ins Studio führte.

Obwohl er leise sprach, hielten die beiden Frauen sofort inne, die am anderen Ende des Raums geschäftig die Sed-Cards sortierten, und schauten zu ihm hinüber, als würden sie auf Anweisungen warten. Doch das taten die Leute immer, wenn sie ihm begegneten. Darian war daran gewöhnt. Sie schienen sich seinem Willen zu beugen, wenn er ihn äußerte – und auch dann, wenn er schwieg.

„Ja“, bestätigte Scott. „Sie warten schon.“

„Lassen wir die Parade beginnen“, meinte Darian spöttisch und setzte den Fuß auf die unterste Stufe. Der ausgeblichene Jeansstoff spannte sich über seinen muskulösen Schenkeln.

„Keine Parade, Darian“, korrigierte ihn Scott. „Die Formulierung, die Mädchen würden ‚paradieren‘ lässt sie ein bisschen einfältig wirken. Fast so, als würden sie an einem zweitklassigen Schönheitswettbewerb teilnehmen, und in diesem Punkt sind Models äußerst empfindlich. Heutzutage wird schließlich jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.“

Lachend wandte Darian sich ab und hörte eine der Sekretärinnen sehnsüchtig seufzen. Auch das kannte er bereits. Er vermutete, dass es an seinen außergewöhnlichen Augen lag, die das schwächere Geschlecht regelmäßig faszinierten. In jüngeren Jahren hatte er diese Reaktion ein wenig verwirrend gefunden, später hatte er sie genossen, und inzwischen war er so daran gewöhnt, dass er lediglich Erheiterung verspürte. Ein anderer Mann hätte die Wirkung dieser Augen schamlos ausgenutzt, aber Darian nicht. Er hatte es nicht nötig.

„Ich bin weit davon entfernt, Ihnen zu widersprechen, Scott.“ Er wählte seine Worte sorgfältig. „Aber ungeachtet der Goldwaage unterscheidet sich ein Auswahlverfahren kaum von einem Schönheitswettbewerb, oder? Zugegeben, nicht gerade zweitklassig, da die Gewinnerin Wildman repräsentieren soll. Zwanzig Frauen, die nach ihrem Äußeren und Sex-Appeal beurteilt werden – wie würden Sie es sonst bezeichnen?“

„Es kommt nicht nur auf das Äußere und den Sex-Appeal an, oder?“, erinnerte Scott ihn ernst. „Sonst hätte sicher eine der Frauen, die wir Ihnen gezeigt haben, den Anforderungen genügt.“ Er zuckte die Schultern. „Sie haben in dieser Woche Dutzende der schönsten Models begutachtet.“

„Finden Sie, dass ich zu wählerisch bin?“

Scott schüttelte den Kopf. „Ich bewundere Ihr Streben nach Perfektion. Ihre Suche nach dem undefinierbaren gewissen Etwas, nach einer Person, die all das verkörpert, was Sie über ihre Firma ausdrücken wollen. Ich schätze, darin liegt das Geheimnis Ihres Erfolges. Habe ich Recht?“

„Es ist zumindest ein Teil davon.“

Aber nur ein Teil. Darian schrieb seinen Erfolg eher seinem rastlosen, unermüdlichen Tatendrang zu. Er beschäftigte sich nie so lange mit einer Sache, bis er sich langweilte, denn wenn man sich langweilte, erloschen die Freude und Begeisterung daran. Das Gleiche galt für Beziehungen. Seiner Erfahrung nach brachte Vertrautheit eine geradezu gefährliche Trägheit mit sich.

Er blickte auf die Uhr. „Lassen Sie uns gehen.“

Sie gingen die Wendeltreppe hinauf ins Studio.

Keiner seiner Mitarbeiter ahnte, dass diese Anzeigenkampagne Adrians Abgesang sein würde. Zuerst würde er die perfekte Frau finden und sich mit ihrem Gesicht im Land die größtmögliche Publicity für seine Handys sichern. Dann wollte er aussteigen. Er beabsichtigte, das Unternehmen zu veräußern und hinter sich zu lassen. Das Geld zu nehmen, es dem Vermögen hinzuzufügen, das er durch den Verkauf anderer erfolgreicher Firmen angehäuft hatte, und sich eine neue Herausforderung suchen.

Und danach? fragte eine innere Stimme. Wirst du dadurch glücklicher? Darian lächelte spöttisch und verscheuchte den Gedanken wie eine lästige Fliege. Männer, die dem Glück nachjagten, waren dem Untergang geweiht. Frauen übrigens auch. Erfolg und Anerkennung waren greifbarere Ziele als Glück – jedenfalls nach Darians Meinung.

Sie hatten fast das obere Stockwerk erreicht, als hinter ihm Scotts Stimme ertönte. „Wir sollten Sie ankündigen, Darian.“

„Das könnten wir durchaus.“ Nach kurzem Überlegen schüttelte Darian jedoch den Kopf. „Besser nicht. Wir wollen sie überraschen.“

„Sind Sie sicher?“

Er lächelte. „O ja, völlig sicher“, erklärte er. „Frauen sind viel interessanter, wenn man sie unbemerkt beobachtet, finden Sie nicht auch? Man sieht sie dann, wie sie wirklich sind, und nicht so, wie sie einem weismachen wollen.“

„Ein ziemlich krasses Urteil“, meinte Scott. „Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Zyniker sind.“

„Es ist weder krass noch zynisch“, entgegnete Darian. „Lediglich eine präzise Bewertung. Und nun kommen Sie.“ Und als sein dunkler Haarschopf in dem hell erleuchteten Studio auftauchte, herrschte schlagartig Schweigen.

Lara war außer Atem, ihr widerspenstiges Haar wirkte heute noch zerzauster als sonst. Die Jeansjacke war viel zu warm, doch Lara nahm sich nicht die Zeit, sie auszuziehen. Sie wartete, bis der Bus die Pfütze hinter ihr passiert hatte und stürmte dann nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr zur Studiotür. Verdammt, verdammt, verdammt!

Ihr Agent hatte zunächst gezögert, sie überhaupt zu dem Vorstellungstermin anzumelden, erst auf ihr hartnäckiges Drängen hin hatte er sich dazu bequemt und den letzten freien Platz für sie ergattert.

„Warum, zum Teufel, hast du mich nicht gleich dort vormerken lassen?“, hatte sie sich beschwert.

„Als ich dich das letzte Mal sah, war dein Haar kurz und dunkel“, hatte er sich verteidigt.

„Damals bin ich in einem russischen Stück aufgetreten. Jetzt ist es wieder normal.“

„Wie normal ist normal?“, hatte sich der Agent geduldig erkundigt. „Du bist eine Brünette, Liebes – und sie suchen das Urbild einer englischen Rose.“

„Urbild, nicht Abziehbild“, hatte sie eingewandt. „Es existiert kein Grundsatzurteil, das besagt, eine englische Rose dürfe kein dunkles Haar haben.“

„Mag sein“, hatte der Agent zweifelnd eingeräumt.

Lara stieß die Studiotür auf. Englische Rose, dachte sie selbstironisch. Ihr war noch nie jemand begegnet, der in Jeans und einem engen schwarzen T-Shirt weniger zu der Beschreibung passte als sie. Andererseits war sie eigentlich auch nicht hier, um den Job zu bekommen. Sie war hier, um den Mann persönlich zu sehen, mehr nicht – und welche Gelegenheit war besser geeignet, ihn unter die Lupe zu nehmen?

Die beiden Frauen im Foyer betrachteten sie von Kopf bis Fuß.

„Wo geht’s zum Casting?“, fragte Lara atemlos.

Die eine blickte verunsichert drein, und die andere deutete lächelnd mit dem Daumen zur Wendeltreppe. „Dort rauf. Sie sind spät dran“, fügte sie hinzu.

„Ich weiß.“ Lara hetzte die Stufen hinauf.

Die Luft im Raum war zum Schneiden, die unterschiedlichsten schweren Parfüms konkurrierten ebenso miteinander wie ihre Trägerinnen. Jede dieser schönen Frauen hatte das englische-Rose-Thema verinnerlicht und in großem Stil umgesetzt. Trotz ihrer Nervosität musste Lara lächeln.

Manche trugen rüschenverzierte Blusen, andere glänzten in hochgeschlossenen Blümchenkleidern. Eine hatte sich sogar in ein bodenlanges Musselingewand gehüllt und erweckte darin den Eindruck, als würde sie sich mit einem Gurkensandwich auf dem sprichwörtlichen englischen Rasen wohler fühlen als in diesem überfüllten Studio inmitten unzähliger Konkurrentinnen.

Und allen Frauen war eines gemeinsam. Sie waren alle blond!

„Entschuldigung“, bat Lara, als sich sämtliche „goldenen“ Köpfe in ihre Richtung drehten.

Genauso schnell wandten die Frauen sich wieder ab, und es dauerte einen Moment, bis Lara merkte, dass alle nun auf eine Person schauten. Oder, besser gesagt, auf einen Mann.

Lara hatte ihn zuvor gar nicht bemerkt, denn er hatte in einer dunklen Ecke gestanden, doch nachdem sie ihn entdeckt hatte, fragte sie sich, wie er, um alles in der Welt, ihrer Aufmerksamkeit hatte entgehen können. Er strahlte eine Vitalität aus, die jeden anderen im Raum wie in Trance wirken ließ. Sie blickte zu ihm hinüber und hatte auf einmal das Gefühl, als würde eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen greifen.

„Ich … habe mich etwas verspätet“, erklärte sie stockend.

„Das haben Sie in der Tat“, bestätigte er leise.

Trotz ihres wachsenden Unbehagens gelang es ihr, äußerlich ruhig zu bleiben. Nervös befeuchtete sie sich die plötzlich trockenen Lippen. Mitunter erkannte man instinktiv die Wahrheit, und falls Lara je Zweifel an der Behauptung der Briefschreiberin gehegt hatte, schwanden diese angesichts Darian Wildmans dahin.

Spielte ihr die Fantasie – beflügelt durch die Informationen – einen Streich, oder war jeder in diesem Raum, Darian eingeschlossen, blind für das, was so auffallend war wie das grelle Licht eines der Studioscheinwerfer?

In den Adern dieses Mannes floss königliches Blut, und das hob ihn von allen Anwesenden hervor. Es zeichnete ihn als etwas Besonderes aus, unterschied ihn so grundlegend von anderen wie einen stolzen Löwen inmitten einer Schar mauzender Kätzchen.

Er war groß, beeindruckend groß, sogar noch größer als Khalim, sein Teint war allerdings nicht so dunkel wie Khalims. Aber er ist auch nur zur Hälfte Marabani, sagte sich Lara. Seine Haut hatte einen dunklen Goldton, und seine Augen leuchteten ebenfalls golden. Sie hatte noch nie solche Augen gesehen, so schimmernd und leuchtend wie das Edelmetall, nur dass Gold eine warme Farbe hatte und Adrian Wildmans Augen kalt waren.

Sein Haar war sehr dunkel, wenngleich nicht ganz schwarz, und schmiegte sich um einen Kopf, der voller Selbstvertrauen und einer gewissen Arroganz gehalten wurde. Und Stolz. Und Gereiztheit.

„Ist es Ihre Angewohnheit, zu spät zu Bewerbungsgesprächen zu erscheinen?“, fragte er.

Lara kämpfte das unwillkommene Verlangen nieder, zu ihm zu eilen, sein markantes Gesicht zu berühren und ihm zu erzählen, dass sie allein das Geheimnis seiner Abstammung kenne. Energisch riss sie sich zusammen. „Natürlich nicht!“

Ihre hartnäckige Weigerung, sich zu entschuldigen, ärgerte Darian. Er betrachtete sie stirnrunzelnd. Auf ihrem zerzausten Haar glänzten Regentropfen, und ihre Wangen waren gerötet. Und ihre Augen waren die blausten, die er je gesehen hatte. Sie erinnerten ihn an Sommerhimmel, Kornblumen und das Mittelmeer. Unbegreiflicherweise war er sofort von der Schönheit ihrer Augen bezaubert, und diese Ablenkung irritierte ihn.

„Haben Sie Probleme, Termine einzuhalten?“

Sei dreist, Lara, dachte sie. Du brauchst den Job nicht. Sie zuckte die Schultern. „Normalerweise nicht.“

Normalerweise nicht? Mit dieser Reaktion hatte Darian nicht gerechnet. War es ihr gleichgültig, dass hier Frauen saßen, die den Eindruck erweckten, als würden sie für diesen Job töten? Und nach den schamlosen Blicken zu urteilen, die man ihm zugeworfen hatte, würden sie ihm sinnlichere Reize bieten, falls sie dadurch ihre Erfolgschancen steigern könnten.

„Sie sehen aus, als hätte man Sie durch eine Hecke gezerrt“, fuhr er boshaft fort.

„So viel zum Sommerwind-Look“, meinte sie lässig. „Der eigentliche Grund für meine Verspätung ist, dass mein Agent mich beinahe nicht hergeschickt hätte.“

Darian begegnete ihrem herausfordernden Blick, und irgendetwas in ihrer Unverblümtheit bewog ihn, sie länger anzuschauen. Er war es nicht gewöhnt, herausgefordert zu werden – insbesondere nicht von einer Frau.

„Das wundert mich nicht.“

Verwirrt zog sie die Brauen hoch. Irgendetwas in seinen Augen weckte in ihr den Wunsch, so kühl und makellos auszusehen wie die anderen Frauen. Aber Lara wusste, dass niemand ihre Gefühle erraten konnte und es nur darauf ankam, nach außen hin den Schein zu wahren. Ihre knappe Antwort klang kühl und wohl dosiert aufsässig. „Wirklich?“

„Ja, wirklich“, spottete er. „Wir suchen ein Model, das wie eine englische Rose aussieht“, fügte er ungeduldig hinzu. „Seit wann gehört dazu eine Aufmachung, als wären Sie gerade im Begriff, zu einem Rockfestival zu trampen?“

Lara hörte die anderen Models raunen. Offenbar genossen sie es, mitzuerleben, wie der hinreißende Mr. Wildman wegen einer Konkurrentin in Wut geriet. Sie blickte ihn an.

„Soll ich sie bitten zu gehen, Darian?“, flüsterte Scott.

Am liebsten hätte sie ihn liebenswürdig gefragt, ob er immer bekomme, was er wolle, doch sie hielt sich zurück. Dies war weder die rechte Zeit noch der richtige Ort, zumal die Antwort wahrscheinlich ohnehin Ja lauten würde.

„Das hängt ganz von Ihrer Interpretation einer englischen Rose ab, oder?“, erwiderte sie nachdrücklich. „Selbst sie müssen gelegentlich Taxis oder Bussen hinterherlaufen. Sie können ihr Leben nicht ausschließlich damit verbringen, auf zierlichen Korbmöbeln zu ruhen und sich Luft zuzufächeln. Moderne englische Rosen jedenfalls nicht!“

Schon wieder, dachte er, hin- und hergerissen zwischen widerstrebender Bewunderung und Empörung. Sie redete mit ihm in einer Weise, die niemand sonst in diesem Raum gewagt hätte, dessen war er sicher. Und sie hatte Recht. Er suchte tatsächlich nach etwas Modernem. Ein moderner Look für eine moderne Technologie.

Wenn man jemanden aufforderte, die hervorragendsten englischen Errungenschaften, Eigenarten und Tugenden aufzuzählen, würde der Betreffende unweigerlich im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert landen. Darian betrachtete stirnrunzelnd die Rüschen, Spitzen, Blumenmuster und Musselingewänder. Modern und englisch – waren diese beiden Aspekte wirklich unvereinbar?

„Der Punkt geht an Sie“, räumte er mürrisch ein.

Lara hob trotzig das Kinn. Da sie den Job nun garantiert nicht mehr bekommen würde, hatte sie auch nichts zu verlieren. Wie weit konnte sie Darian treiben? Er war verärgert, so viel stand fest, außerdem war er erfolgreich, mächtig und umwerfend attraktiv – würde er die Selbstbeherrschung verlieren, falls sie ihn noch weiter provozierte?

„Wie sehen Sie denn die Frau, nach der Sie suchen?“, erkundigte sie sich.

„Ich finde, Sie haben schon genug gesagt, oder?“, mischte sich Scott entrüstet ein.

Darian schüttelte den Kopf. „Nein, lassen Sie sie reden.“

„Tausend Dank“, erwiderte Lara ironisch.

Darian überlegte, ob ihre ziemlich unübliche Neigung, jede Äußerung in einem Bewerbungsgespräch zu kommentieren, ein Trick war, um Aufmerksamkeit zu erregen. Benahmen Menschen sich nicht manchmal sonderbar, um von ihren Fehlern abzulenken? Aber hatte sie überhaupt welche?

Er ließ den Blick von ihrem Kopf bis zu den Füßen gleiten. Wenn man davon absah, dass ihr Haar wirkte, als hätte sie den Vormittag in einer besonders dornigen Hecke zugebracht, hatte es eine prachtvolle Farbe – das schimmernde Mahagoni eines liebevoll gepflegten Möbelstücks mit goldenen und bernsteinfarbenen Glanzlichtern. Wahrscheinlich gefärbt. Alle Frauen färbten heutzutage ihr Haar. Darian verzog die Lippen. Ihm war noch nie eine echte Blondine begegnet.

Ihre Brauen waren perfekt geformt und geschwungen, und ihre Haut sah unendlich weich aus, hell und zart wie vom Tau benetzte Blütenblätter am frühen Morgen. Ihrem Teint nach zu urteilen, war sie in frischer Luft aufgewachsen und mit Milch und Honig großgezogen worden.

Plötzlich wurde ihm klar, dass sie ihre eigene Frage beantwortet hatte. Sie war genau die Frau, die er suchte. „Ziehen Sie die Jacke aus“, bat er.

Laras Kaltblütigkeit geriet ins Wanken. Unter den gegebenen Umständen war sein Ansinnen völlig normal, schließlich hatte er keinen Striptease von ihr verlangt. Doch sie fühlte sich so. Innerlich war sie inzwischen ein Nervenbündel – was natürlich völlig verrückt war –, doch andererseits hatte dieser sonderbare Mann etwas an sich, das seine Aufforderung zudringlich klingen ließ. Sie rührte sich nicht von der Stelle.

Darian ignorierte Scotts Stirnrunzeln und die empörten Mienen der anderen Frauen.

Lara warf ihm ein kühles, professionelles Lächeln zu und ließ die Jacke von den Schultern gleiten. Dann schob sie lässig einen Finger durch den Aufhänger im Kragen und stellte sich vor ihn, wobei sie sich ein wenig wie eine besonders bevorzugte Haremsdame fühlte. Unzählige Frauen wetteiferten um die Gunst eines einzigen Mannes, und nur einer wurde sie zuteil. Ihr Herz klopfte heftig. Du fantasierst, ermahnte sie sich streng. Nur weil du dir einbildest, er sei der Bruder eines Scheichs, dichtest du ihm all diese albernen Geschichten an, wäre er ein Durchschnittsmann würdest du gar nicht auf die Idee kommen.

„Wie ist das?“ Sie hoffte inständig, ihre Stimme möge nicht verraten, wie unbehaglich ihr zu Mute war.

„Gut.“ Er bemühte sich um Objektivität, doch das war nicht einfach.

Ihre Figur war gut, sehr gut sogar. Sie war groß, schlank und dennoch an den richtigen Stellen gerundet, und ihre Brüste waren schlichtweg perfekt – nicht zu voll und nicht zu klein, das weiße T-Shirt betonte ihre Form, ohne allerdings die festen Knospen zu verbergen, die sofort sein Verlangen weckten, sosehr er sich auch dagegen wehrte.

Er blickte sich um. Es war keine Frau anwesend, die nicht dem herrschenden Schönheitsidol entsprach. Die meisten waren schlank – zu schlank für seinen Geschmack, doch das galt als chic. Zugegeben, die Kurven einiger waren eher üppig, aber vor der Kamera war das selten vorteilhaft, wie er aus Erfahrung wusste.

Ruhig betrachtete er jede einzelne Bewerberin und konzentrierte sich dann wieder auf das Mädchen in Jeans. Sie wirkte normal, gesund, strahlend und … und hatte etwas an sich, das seine Haut prickeln ließ.

Er nickte und wandte sich zu Scott um. „Könnte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?“

„Natürlich.“

Die beiden Männer gingen in eine freie Ecke des Studios. „Ich glaube, wir haben die englische Rose gefunden“, meinte Darian.

„Sie ist brünett“, protestierte Scott.

„So? Ich erinnere mich nicht, ausdrücklich eine Blondine verlangt zu haben.“

Scott senkte die Stimme. „Wir haben sie noch nicht einmal getestet, Darian. Eigentlich haben wir noch keine einzige in Augenschein genommen.“

Darian zuckte die Schultern. „Das ist nicht nötig. Sie ist die Richtige.“

„Aber möglicherweise verkörpert sie ein völlig falsches Image.“

Darian musterte die unterschiedlichen Blondinen, die ihn allesamt hoffnungsvoll ansahen. Sie wirkten … leer, wie er plötzlich erkannte. Er schaute zu der Brünetten hinüber, die im Vergleich mit den anderen Frauen so voller Leben und Energie schien. „Sie wird uns nicht enttäuschen“, erklärte er. „Vertrauen Sie mir.“

„Es gibt einen Aufruhr, wenn Sie die anderen nicht auch testen“, wandte Scott besorgt ein.

„Dann testen Sie sie.“

„Und lege Ihnen die Ergebnisse vor?“

„Wenn Sie unbedingt wollen … Ich werde sie prüfen, aber es dürfte nicht erforderlich sein.“

„Wieso sind Sie so sicher?“

Darian lächelte. Instinkt. Sie hatte, was er wollte. „Ich bin es eben. Sie ist die Richtige.“

Die Luft im Raum knisterte vor Spannung, und Laras Unbehagen wuchs. Dies war absolut kein normales Casting. Alle starrten sie so eindringlich an, dass sie sich unwillkürlich fragte, ob ihr Körper sich wundersamerweise verwandelt habe oder ihr Blut zu Wasser geworden sei. Denn so fühlte sie sich – seinetwegen.

Der Mann mit den goldbraunen Augen hatte sich wieder umgedreht und sah sie an, und Lara war wie betäubt. Wie ein Kaninchen, das hilflos in die Scheinwerfer eines nahenden Wagens blickte.

„Wie heißen Sie?“, fragte er sanft.

Lara atmete tief durch. Sie wusste, dass er ihr den Job anbieten würde! Das konnte nicht wirklich passieren. Das durfte nicht passieren! Sie war zu spät gekommen, sah ungepflegt aus und war unhöflich zu ihm gewesen – eigentlich sollte er sie hinauswerfen und nicht ernsthaft erwägen, sie zu engagieren. „Lara. Lara Black.“

„Lara Black“, wiederholte er versonnen. „Ja.“ Er schenkte den anwesenden Blondinen ein kühles Lächeln. „Ich überlasse Sie jetzt Scotts fähigen Händen.“

Darian wandte sich zum Gehen, und Lara beobachtete, wie er einen Fuß auf die Treppe setzte. In diesem Moment schaute er auf, und ihre Blicke begegneten sich. Auf einmal wurde sie unerklärlicherweise von Enttäuschung fast überwältigt.

Das war’s also? Sie biss sich auf die Lippe. Was hatte sie erwartet? Dass er allen verkünden würde, er habe ihr den Job gegeben, ohne vorher mit den anderen zu sprechen? So etwas würde nie passieren! Insbesondere niemandem, der sich so unprofessionell aufgeführt hatte.

Mit dem sonderbaren Gefühl, etwas verloren zu haben, verfolgte sie, wie sein dunkler Haarschopf ihrem Blickfeld entschwand. Er war fort, und sie hatte jegliche Chance verspielt, ihn besser kennen zu lernen. Aber eines wusste sie mit Sicherheit.

Er war Khalims Bruder. Die Ähnlichkeit war unverkennbar.

Was, um alles in der Welt, sollte sie nun tun?

3. KAPITEL

Lara legte den Hörer auf und schaute Jake an. „Ich habe ihn.“

Jake blickte von dem Drehbuch auf, das er gerade las. „Was hast du?“

„Den Job bei Wildman. Ich habe dir doch davon erzählt.“

„Diese Mobiltelefonfirma? Du bist zu spät gekommen, hast scheußlich ausgesehen, und der Besitzer hat dich einem Kreuzverhör unterzogen.“

Sie brauchte selbst noch einige Sekunden, um die Nachricht zu verarbeiten. „Ja.“

Jake zog eine Braue in so unnachahmlicher Weise hoch, dass fast jede Frau im Land vor Entzücken in Ohnmacht gefallen wäre, Lara jedoch nicht. „Leidet der Bursche unter Todessehnsucht?“, fragte er scherzhaft. „Oder liebt er einfach Herausforderungen?“

Lara schwieg. Sie vermutete, dass Darian Wildman tatsächlich Herausforderungen liebte, und das beunruhigte sie – obwohl es bewies, wie zutreffend ihre ursprüngliche Einschätzung der Lage gewesen war. Sie hatte geglaubt, er würde ihr den Job anbieten, doch dann war er einfach verschwunden und hatte alle fotografieren lassen. Wenn sie es jedoch recht bedachte, hatte er gar nichts anderes tun können, oder? Hätte er sie engagiert, ohne sie und – was noch wichtiger war – die anderen zu testen, hätte er einen mittleren Aufruhr verursacht.

Trotzdem hatte sie geahnt, dass er das riskiert hätte. Er wirkte wie ein Mann, der alle Regeln brach und seine eigenen aufstellte. Der Begriff „selbstherrlich“ war eindeutig für jemanden wie ihn geschaffen worden. Lara vermutete, dass sein Begleiter ihn überredet hatte, die übliche Bewerbungsprozedur einzuhalten.

Eigentlich sollte sie überglücklich sein. Es war schließlich Arbeit, und sie musste arbeiten, zumal die Person, für die sie in der Botschaft eingesprungen war, sich inzwischen erholt hatte und an ihren Schreibtisch zurückkehren wollte. Außerdem wollte Lara mehr über Darian Wildman herausfinden, und dieser Auftrag war ein Geschenk des Himmels. Sie würde für seine Firma werben, und ihr Gesicht würde ein Symbol für seine Produkte werden.

Nur leider kam es ihr nicht so vor. Sie fühlte sich dabei irgendwie unbehaglich. Falsch. Als ob sie etwas tun würde, was sie nicht tun sollte. Und verbunden damit war die Last des Wissens, das sie besaß.

Oder hing es vielleicht mit der Tatsache zusammen, dass Darian sie mehr erregt hatte als jeder andere Mann zuvor? Das allein war ein schlechtes Zeichen. Falls sie sich zu ihm hingezogen fühlte, bedeutete dies unweigerlich Ärger, denn Laras bisherige Erfahrungen mit Männern bewegten sich im Bereich mittlerer Katastrophen.

Sie verliebte sich nicht oft, doch wenn es geschah, dann garantiert in einen Mann, den keine Mutter dieser Welt als Schwiegersohn akzeptiert hätte. Schürzenjäger und Schwindler. Gut aussehend, schwach und oberflächlich. Solche, die einem den Himmel auf Erden und noch mehr versprachen und dann ständig nach einer Attraktiveren Ausschau hielten. Lara hatte den Männern abgeschworen – jedenfalls so lange, bis sie ergründet hatte, welcher Charakterfehler sie immer wieder bei dem falschen Männertyp landen ließ.

Ihre Freundin Rose hatte ihre eigene Theorie. Ihrer Meinung nach sehnte Lara sich nach Aufregung und suchte danach an den falschen Orten. Aber warum, zum Teufel, sollte man an den richtigen Orten suchen, wenn solide, nette Männer – also solche, die jede Mutter billigen würde – einen absolut nicht interessierten?

„Du brauchst einen Scheich wie Khalim“, hatte Rose ihr am Vorabend ihrer Hochzeit lachend geraten.

Damals hatte Lara sich gerade in ein Kleid gekämpft, das fast so viel wog wie sie selbst. „Sei nicht albern.“

„Bin ich nicht“, hatte Rose protestiert. „Ich meine es ernst. Schade, dass Khalim keine Brüder hat.“

Lara biss sich auf die Lippe. Himmel, sie hatte diese Unterhaltung bis eben völlig vergessen gehabt! Der menschliche Verstand war wirklich etwas Wunderbares. Er zauberte Details aus den Tiefen des Unterbewusstseins, wenn er meinte, sie könnten nützlich sein. Wenn Rose wüsste, wie prophetisch ihre Worte gewesen waren.

Wäre es um einen anderen als Khalim gegangen, wäre es ein Leichtes, zum Telefon zu greifen und zu sagen: Hallo, ich habe soeben entdeckt, dass du einen Halbbruder hast. Aber Khalim war kein normaler Mann. Er war Scheich eines großen Königreiches, und wenn ein anderer blutsverwandt mit ihm war, konnte er dann nicht das Reich für sich beanspruchen und die Lebensgrundlage der Familie gefährden? Khalims, Roses, ihres Sohnes und des ungeborenen Kindes? Durfte sie all das aufs Spiel setzen, bevor sie Näheres über Darian Wildman wusste?

„Lara?“ Jake schaute sie besorgt an.

„Was ist?“

„Du bist plötzlich ganz blass geworden.“

„So?“ Lara berührte ihre Wange und merkte, dass sie kalt war. Sie fröstelte. „Am Montag ist Fototermin.“

Am Montag würde sie ihn wiedersehen. Seine sonderbar kalten goldbraunen Augen würden sie fixieren und … Würden sie spüren, dass sie nicht das war, was sie zu sein vorgab? Und wie würde er reagieren, wenn sie ihm mitteilte, dass auch er nicht der war, der er zu sein glaubte?

„Was ist los, Lara?“, fragte Jake stirnrunzelnd. „Du hast gerade einen Traumvertrag ergattert – warum lässt du nicht endlich die Champagnerkorken knallen?“

Sie rang sich ein Lächeln ab. Ja, warum eigentlich nicht? Vielleicht hatte sie einfach Gewissensbisse, weil sie Probleme schuf, wo gar keine waren. „Kommt sofort“, versprach sie und eilte zum Kühlschrank.

Die Wintersonne strahlte durch die Scheiben und wärmte Darians Haut, während er langsam das weiße Leinenhemd zuknöpfte und ein Flugzeug in der Ferne beobachtete. Draußen färbten sich die Wolken rosa und golden vor einem eisblauen Himmel, und die Welt sah so perfekt aus, wie sie aussehen sollte. Der Blick von seinem Penthouse war immer unvergleichlich und dennoch stets ein anderer. Das war einer der Gründe, weshalb er das Apartment gekauft hatte – dies und seine Unerreichbarkeit für Menschen im Allgemeinen und die Welt im Besonderen.

Das Telefon läutete, aber er ließ es klingeln. Nach seiner Erfahrung waren die meisten Anrufe überflüssig, und er hasste es, Konversation machen zu müssen – besonders morgens. Deshalb war es auch schon sehr, sehr lange her, dass er zuletzt bei einer Frau übernachtet hatte.

Er lauschte der Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Ein Mitarbeiter des Reisebüros teilte ihm mit, dass sein Flug nach New York bestätigt worden sei. Darian lächelte. Hätte er den Hörer abgenommen, hätte er unzählige lästige Fragen über seinen Gesundheitszustand ertragen müssen.

Er nahm seine Kaffeetasse, trank einen Schluck des starken schwarzen Gebräus und warf dabei einen Blick in den Spiegel. Keine Spur von Blut. Nicht mehr. Er verzog die Lippen. Was war los? Er hatte sich beim Rasieren geschnitten – die Haut am Kinn leicht eingeritzt –, ein Missgeschick, das ihm seit seiner Teenagerzeit nicht mehr passiert war, als er die Klinge ungeschickt gehandhabt hatte.

Fassungslos hatte er im Bad in den Spiegel gestarrt, während ein feiner Blutfaden über sein Kinn gesickert war, die tägliche Routine gestört und ihn an einen Ort zurückversetzt hatte, den er nur selten besuchte.

Die Vergangenheit. Jene sonderbare Dimension, auf die man keinen Einfluss gehabt und die dennoch den Menschen geformt hatte, der man den Rest seines Lebens bleiben würde.

Darian hatte nie zu den Jungen gehört, die sich rasiert hatten, bevor es notwendig gewesen war. Aber offenbar hatte er sich schneller entwickelt als alle anderen, denn auf seinen Wangen hatten sich bereits die ersten dunklen Schatten gezeigt, als seine Alterstgenossen noch mit Pickeln übersät gewesen waren. Damals war er auch in die Höhe geschossen, seine Schultern waren breit und sein Körper hart und muskulös geworden.

Diese frühe Reife hatte ihn zu etwas Besonderem gemacht – vor allem für die Mädchen –, doch in gewisser Hinsicht hatte er sich, solange er denken konnte, ausgegrenzt gefühlt. Er hatte nie wie die anderen ausgesehen, obwohl er die gleichen Sachen getragen hatte. Seine Haut hatte schon immer einen goldenen Schimmer aufgewiesen, und seine goldbraunen Augen hatten ihn stets aus der Menge hervorgehoben.

Die Mädchen hatten für ihn geschwärmt, und die Jungen hatten ihn deshalb aufziehen wollen, aber er hatte rasch begriffen, dass seine Größe und Statur sie hinlänglich einschüchterten, um ihn nicht weiter zu beleidigen.

Er hatte eine einsame Kindheit verbracht. Als einziges Kind einer allein erziehenden Mutter war er in einer schäbigen Wohnung in einer Gegend von London aufgewachsen, in die Touristen sich nie verirrten. Das an sich war nichts Ungewöhnliches, Armut förderte sämtliche Widrigkeiten menschlicher Beziehungen ans Tageslicht, und Darian hatte nur wenige Elternpaare gekannt, die zusammengeblieben waren – allerdings unter so lautstarken Streitigkeiten, dass er sich gefragt hatte, warum sie sich nicht trennten.

Einige der Kinder hatten jedenfalls gewusst, wer ihre Väter waren. Väter, die entweder mit einer jüngeren Frau durchgebrannt waren oder gelegentlich betrunken bei ihrer früheren Familie auftauchten, und solche, die sich weigerten, den Unterhalt zu zahlen, der ihnen vom Gericht auferlegt worden war. Diese Väter waren leicht zu hassen, aber Darians eigener Erzeuger blieb ein großes Geheimnis. Er hätte lieber jemanden zum Hassen gehabt als gar keinen.

Er hatte versucht, seine Mutter danach zu fragen, aber kaum schnitt er das Thema an, begannen ihre Lippen zu beben, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen – und dabei weinte sie nie. Er hatte gelernt, dass manche Fragen besser ungestellt blieben …

Die Türglocke riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Chauffeur war da. Darian nahm sein Jackett und verspürte einen Anflug von Erregung, als er sich in die weichen Lederpolster des Wagens zurücklehnte. Er rechtfertigte dies mit dem heutigen Fotoshooting und damit, dass etwas, das ihn nicht länger herausforderte, nun ein Ende finden würde, doch er wusste, dass es nicht die ganze Wahrheit war.

Die Wahrheit war, dass er das Model wiedersehen wollte. Wie war ihr Name? Lara. Ja, so hieß sie. Ein hübscher Name und ein hübsches Mädchen. Unerschrocken und schlagfertig. Er fuhr sich über die Augen, als die Limousine anrollte, und streckte gähnend die langen Beine aus.

Er war müde. Er war bis in die frühen Morgenstunden auf gewesen, hatte seine Buchführung überprüft und sich gelangweilt – über eine ganze Menge. Wenn jeder Appetit gestillt wurde, fühlt man sich schnell übersättigt, sagte er sich.

Darian fragte sich, wann sein Leben zu einem Monopolyspiel geworden war – nichts weiter als eine Anhäufung von Zahlen, die so groß waren, dass sie irreal wirkten. Aber so war es mit dem Geld – zu viel davon, und es schien sich von selbst zu vermehren, trotzdem hatte man nie genug, und es beherrschte alle Gedanken. Gab es denn keinen Mittelweg?

Vermutlich gab es ihn, den Weg, den die meisten Männer wählten. Ehe und Babys und ein Haus in der Vorstadt. Die tägliche Zugfahrt zur Arbeit und abends nach Hause zum Dinner und einem Drink. Am Wochenende Grillen und Ausflüge zu gemütlichen Landgasthöfen.

Für Darian klang diese Variante jedoch nach lebenslanger Kerkerstrafe. Nach einer mit Sofas und geblümten Vorhängen geschmückten Zelle, vielleicht hatte er nie eine feste Bindung in Betracht gezogen, weil damit unweigerlich Sesshaftigkeit und die Gründung einer Familie verbunden waren. So war der Lauf der Dinge. Bislang hatte keine Frau sein Blut genug in Wallung gebracht, dass er überhaupt an eine Beziehung gedacht hatte, geschweige denn Bedauern über seine Bindungsunfähigkeit empfunden hätte.

Du wirst einmal ein einsamer alter Mann sein, mahnte eine innere Stimme, doch selbst das beunruhigte ihn nicht. Alleinsein und Einsamkeit waren zwei völlig unterschiedliche Aspekte. Er hatte den Eindruck, sein ganzes Leben allein gewesen zu sein, warum also jetzt daran etwas ändern? Sofern es überhaupt möglich war, was Darian bezweifelte. Das war der Fehler, den die Menschen immer begingen, insbesondere Frauen. Sie glaubten, ein Mann könnte seine Gewohnheiten einfach ablegen und der werden, den sie sich wünschten.

Der Fahrer wandte sich zu ihm um, als Big Ben vor ihnen auftauchte. „Soll ich warten, Sir?“

Darian schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich rufe an, wenn ich Sie brauche. Es könnte eine Weile dauern“, fügte er hinzu.

Er redete sich ein, dass er gern alles unter Kontrolle habe – was stimmte – und gern am Ort des Geschehens sei – was ebenfalls stimmte. Falls es eine Anzeigenkampagne geben sollte, wollte er ein Mitspracherecht bei den Fotos haben, die sein Unternehmen repräsentieren würden.

Aber vor allem wollte er Lara bei der Arbeit beobachten, sehen, wie ihr dichtes dunkles Haar in der Herbstbrise wehte und der Himmel sich in ihren blauen Augen spiegelte.

Lara Black.

Die englische Rose.

Lara bemerkte Darian, bevor er sie entdeckte. Sogar der Himmel schien sein Kommen zu begrüßen, denn kaum hatte er die langen Beine aus der Luxuslimousine gestreckt, strahlte die Sonne durch die Wolken. Und als Darian aufblickte, wetteiferten seine goldbraunen Augen mit ihr.

Lara fröstelte.

„Halten Sie still, Lara“, bat die Maskenbildnerin geduldig, während sie schimmerndes pinkfarbenes Lipgloss auftrug.

Lara konnte nicht antworten, da ihre Lippen leicht geöffnet waren, aber sie wusste, dass er sich ihr näherte. Leise und geschmeidig wie ein Raubtier auf Beutezug. Die klaren Farben des Herbsttages betonten seine markanten Züge und den sinnlichen Mund.

Er trug Leinen, was lässig und modisch zugleich wirkte. Aber irgendwie sah es bei ihm fehl am Platz aus, und sie fragte sich, wie ihm die fließenden Seidengewänder der marabanischen Aristokratie stehen würden.

Das Stimmengewirr im Hintergrund wurde leiser. Die Visagistin drehte sich um und pfiff leise durch die Zähne. Seufzend tupfte sie Laras Lippen mit einem Papiertuch ab. „Wow! Ich hätte absolut nichts dagegen, ihn einmal in die Hände zu bekommen.“

Lara lockerte die verspannten Gesichtsmuskeln. „Sie meinen natürlich in beruflicher Hinsicht, oder?“, scherzte sie.

„Selbstverständlich.“ Die junge Frau lachte leise. „Ein Blick auf ihn, und alles, woran ich noch denken kann, ist Arbeit, Arbeit, Arbeit!“

Lara beobachtete ihn, während die Stylistin ihr das Kleid richtete. Inzwischen hatten sich zahlreiche Schaulustige versammelt und verfolgten neugierig das hektische Treiben des Fotografen und seiner Mitarbeiter. Besonders angetan hatte es ihnen die Tatsache, dass jemand an einem so trüben Herbsttag ein hauchdünnes Kleid trug.

„Drehen Sie hier einen Film?“, fragte eine ältere Dame.

„Es ist ein Fototermin“, erwiderte einer der Assistenten mürrisch.

Lara kam sich vor, als wären sie Außerirdische. Sie fühlte sich völlig losgelöst und blind für alles andere, außer für ihn – und das war ziemlich beunruhigend. Ich muss mich natürlich für ihn interessieren, tröstete sie sich im Stillen, schließlich ist er der Grund für meine Anwesenheit. Allerdings ließ sich dadurch nicht ihr heftiges Herzklopfen erklären. Solche Nervosität zeugte keineswegs von Professionalität.

Die Visagistin hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Wenn man an Darian Wildman dachte, dachte man an alles Mögliche, aber nicht mehr an den Job.

Lara wandte sich ab und brach den Zauber. Darian durfte sie nicht dabei ertappen, dass sie ihn wie ein verliebtes Schulmädchen anstarrte. Es gab genug andere, die das bereits taten.

„Bei diesem Wind werden wir Ihr Haar nie bändigen“, beschwerte sich die Friseurin und schob eine widerspenstige Locke aus Laras Stirn.

„Ich finde es perfekt“, ertönte plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihr.

Lara versuchte, bis zehn zu zählen, doch die Zahlen ließen sich einfach nicht ordnen, als sie sich umdrehte. Zumindest ihr leichtes Lächeln und das höfliche Hochziehen einer Augenbraue waren der Situation angemessen. Immerhin war er der Boss und sie das Model.

„Hallo“, sagte sie.

„Hallo.“ Er spürte das Unbehagen, das sich hinter ihrem kühlen Lächeln verbarg. Vielleicht war sie an Männer gewöhnt, die sie belästigten. Kein Wunder, bei ihrer Schönheit. Er sah, dass sie fröstelte. „Sie frieren ja.“

Lara schaute auf die Gänsehaut, die sich auf ihren Armen gebildet hatte – eine willkommene Gelegenheit, dem eindringlichen Blick seiner goldbraunen Augen zu entgehen und die Fassung wiederzugewinnen. Als sie den Kopf hob, umspielte ein Lächeln ihre Lippen. „Se...

Autor

Sharon Kendrick
Fast ihr ganzes Leben lang hat sich Sharon Kendrick Geschichten ausgedacht. Ihr erstes Buch, das von eineiigen Zwillingen handelte, die böse Mächte in ihrem Internat bekämpften, schrieb sie mit elf Jahren! Allerdings wurde der Roman nie veröffentlicht, und das Manuskript existiert leider nicht mehr. Sharon träumte davon, Journalistin zu werden,...
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