Warum ausgerechnet du?

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Schockiert erkennt Eventplanerin Avery, wer ihr erster wichtiger Kunde ist: ausgerechnet Cayden Barker! Auch wenn er offensichtlich wütend auf sie ist, weil sie am Vortag sein Auto gerammt hat, sehnt sie sich insgeheim nach seinen Küssen …


  • Erscheinungstag 05.11.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751548076
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Leseprobe

Zuri Day

Warum ausgerechnet du?

1. KAPITEL

Cayden Barkers ohnehin schon miserabler Tag war gerade noch schlechter geworden. Der Technologie- und Finanzexperte hatte es nicht kommen sehen: das Auto, das soeben die Seite seines fast nagelneuen Sportwagens gerammt hatte. In einer 360-Grad-Drehung war er auf die Kreuzung geschleudert und mit aller Wucht gegen einen Laternenmast geprallt. Cayden wurde ordentlich durchgeschüttelt und stieß sich heftig den Kopf, doch seine Wut war viel zu groß, als dass er Schmerzen gespürt hätte. Ohne einen Gedanken an seine Gesundheit oder Sicherheit zu verschwenden, sprang er aus dem Auto, um den Schaden zu begutachten. Das Aluminium an der rechten Wagenseite – ein Material, das zur Gewichtsreduzierung und Geschwindigkeitserhöhung eingesetzt wurde – sah jetzt aus wie die Folie, mit der seine Mutter die Reste des Sonntagsbratens abdeckte. Ihm wurde schwindlig, weshalb er eine Hand auf die Motorhaube legte, um nicht zu stürzen.

„Es tut mir so leid! Geht’s Ihnen gut?“

Cayden wirbelte herum. Keine gute Idee, denn die Bilder vor seinen Augen drehten sich noch weiter, als er seinen Kopf schon stillhielt. Er stützte sich wieder ab, bevor er auf die beschädigte Karosserie zeigte. Vor ihm tauchte das Gesicht einer Frau mit großen, hübschen braunen Augen auf, die ihn sorgenvoll anblickten.

„Seh ich so aus?“ Er tippte mit einem Finger auf die zertrümmerte Motorhaube, die Tür und den Kotflügel auf der Beifahrerseite. „Sieht das in Ihren Augen gut aus?“

„Die Polizei und ein Krankenwagen sind unterwegs. Vielleicht sollten Sie sich lieber hinsetzen.“

„Und Sie sollten lernen, die Augen offenzuhalten im Straßenverkehr!“

„Bitte beruhigen Sie sich, Cayden. Sie bluten.“

Es fiel ihm gar nicht auf, dass sie seinen Namen benutzte. Reflexartig hob er die Hand an seinen Kopf, blickte auf seine blutverschmierten Finger und sah rot.

„Was zum Teufel stimmt nicht mit Ihnen?“

„Der Einfallswinkel des Sonnenlichts. Ich konnte die Kreuzung nicht seh…“

„Wenn man nichts sehen kann, sollte man nicht weiterfahren!“

„Ich wollte ja anhalten …“

Cayden ging um sein maßgefertigtes Baby herum, dessen einzigartiger Lack nun von verbeultem grauem Metall durchzogen war. Drei Monate hatte das Autohaus gebraucht, um den von ihm gewünschten Blauton mit dezentem Goldschimmer herzustellen, und eine weitere Woche, um das Äußere zu lackieren. Alles – von den Spiegeln über das Edelstahllenkrad bis hin zu den Sitzbezügen aus Ziegenleder – war eine Sonderanfertigung, die aus allen Ecken der Welt geliefert worden war. Er hatte das Auto weniger als einen Monat gefahren. Jetzt stand es da – zerschmettert, zerstört – genau wie sein Ego nach dem Meeting, das kurz zuvor mit der Geschäftsführung stattgefunden hatte. Das Licht am Ende des Tunnels war das Mittagessen mit seinem langjährigen Mentor gewesen. Das Mittagessen, zu dem er nun zu spät kam. Seine Wut stieg ins Unermessliche. Er war kurz davor, die unglückselige Autofahrerin anzubrüllen, die ihm diesen Tag vollends ruiniert hatte, als ihn etwas davon abhielt.

Ihre Augen.

Der ängstliche, entschuldigende Ausdruck darin. Die Tränen, die darin schimmerten und ihren dunkelbraunen Augen einen kupfernen Ton verliehen. Erst jetzt stellte er sich vor, wie ein wutentbrannter Mann von einem Meter neunzig auf eine Frau wirken musste, die einen ganzen Kopf kleiner war. Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen, und wich etwas zurück, um sie nicht zu bedrängen.

„Es tut mir wirklich leid“, wiederholte sie und blickte von seinem zerstörten Traumauto, das ihn einen sechsstelligen Betrag gekostet hatte, zu ihrer riesigen Schrottkiste, die abgesehen von einem kaputten Licht und einem verbeulten Kotflügel keinen Kratzer abbekommen hatte. „Was meine Versicherung nicht abdeckt …“

Cayden winkte ab. Nun war er froh darüber, den Rat seines besten Freundes Jake Eddington befolgt und sich für das Premium-Kfz-Versicherungspaket seiner Firma entschieden zu haben. Es deckte alle Schäden am Wagen ab, egal, was geschah oder wer den Unfall verursacht hatte. Bei der Bewegung fiel sein Blick auf seine Armbanduhr. In einem Restaurant in der Nähe erwartete ihn ein Unternehmer, dessen Zeit knapp bemessen war. Wenn er den Textnachrichten glauben konnte, die dem Meeting vorangegangen waren, sollte er es lieber nicht verpassen. Als in der Ferne Sirenen erklangen, griff er in seine Anzugtasche und zog seine Visitenkarte heraus.

„Ich muss los“, sagte er und hielt sie der Frau hin. „Haben Sie auch eine für mich?“

„Ja, aber …“ Sie sah sich um. „Wollen Sie nicht auf den Krankenwagen und die Polizei warten? Ihre Wunde sollte versorgt werden. Wir müssen auch einen Unfallbericht erstellen lassen.“

„Sie wissen, was passiert ist. Solange Sie die Wahrheit sagen, sollte es keine Probleme geben.“

Die Frau zögerte nur einen Moment, bevor sie zu ihrem Auto ging. Sie holte ihre Handtasche heraus und kramte darin herum, während sie zu ihm zurückging. Statt der erwarteten Visitenkarte zog sie einen Stift heraus und begann, etwas auf eine Fast-Food-Quittung zu kritzeln.

„Was ist das für ein Auto, das Sie da fahren? Es hat nicht mal einen Kratzer – im Gegensatz zu meinem, das wohl abgeschleppt werden muss.“

„Der Buick meiner Großmutter, mindestens zwanzig Jahre alt.“

Buick oder Schrottkiste? Der Wagen war bestimmt aus Stahl und hatte als Panzer im Zweiten Weltkrieg gedient.

„Ich hätte ihn verkauft, aber er gehörte meinen Großeltern.“

Das Ding würde auch die Apokalypse überleben.

„Ich habe gerade einen neuen Job angefangen und hab daher noch keine Visitenkarten, aber hier sind mein Name, meine Nummer und …“, sie griff in ihr Portemonnaie und zog eine Karte heraus, „meine Versicherungsdaten.“

Cayden nahm den Zettel. „Avery Gray.“

„Ja, das bin … ich.“

Er blickte wieder auf und betrachtete ihr Gesicht. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor, aber bei gesellschaftlichen und beruflichen Anlässen lief er ständig allen möglichen Leuten über den Weg. Er verkehrte schon lange in den oberen Kreisen von Point du Sable, einer Kleinstadt mit weniger als zehntausend Einwohnern nördlich von Chicago. Allerdings vergaß Cayden nie ein hübsches Gesicht. Trotz ihrer verstörten Miene strahlten Averys Züge etwas Angenehmes, ja sogar Beruhigendes aus. Bei dem Anblick hatte Cayden seine Wut vergessen und davon abgesehen, sie anzuschreien. Jetzt blieb er wie angewurzelt auf der Straße neben seinem Autowrack stehen, obwohl er sich schon vor fünf Minuten ein Uber oder Taxi hätte rufen sollen.

Blitzende Lichter rissen ihn aus seiner Starre. Er beobachtete, wie Rettungssanitäter aus einem Krankenwagen stiegen und der Fahrer eines Abschleppwagens die Warnblinkanlage einschaltete und aus dem Fahrerhaus sprang.

„Meine Versicherung wird sich um alles kümmern. Fahren Sie langsam und achten Sie darauf, wo Sie hinfahren, okay?“

„Natürlich.“

Die Sanitäterin kam geradewegs auf ihn zu, den Blick auf seine Stirn geheftet. „Sie haben da eine böse Wunde. Gibt es noch andere Verletzungen?“

„Mir geht’s gut.“ Cayden wich vor ihr zurück und deutete mit dem Kopf auf Avery. „Kümmern Sie sich um sie.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, ging Cayden zu seinem Auto. Er unterhielt sich kurz mit dem Mann vom Abschleppdienst, während er sich einen Wagen bestellte. Als der Uber-Fahrer kurze Zeit später eintraf, war die Polizei immer noch nicht da, um den Unfallbericht zu erstellen. Darüber konnte sich Cayden keine Gedanken machen. Im Vergleich zu dem unerwarteten Widerstand, mit dem er sich soeben im Büro hatte herumschlagen müssen, und den Neuigkeiten, die sein Mentor ihm verkünden wollte, waren eine verwundete Stirn und ein zertrümmerter Wagen – selbst ein so teurer und schicker wie sein speziell angefertigter Porsche – die geringste seiner Sorgen.

Sobald er im Auto saß und zum Restaurant gefahren wurde, schrieb Cayden seinem Versicherungsvertreter die Einzelheiten des Unfalls und forderte einen Mietwagen an. Dann schaute er in den Spiegel. Die Frau, die ihn angefahren hatte, Avery, und die Sanitäterin hatten recht gehabt. Die Wunde war tiefer als gedacht und sah schlimmer aus, als sie sich anfühlte. Mit Desinfektionsmittel und Taschentüchern, die ihm der Fahrer reichte, wischte er sich das Blut aus dem Gesicht. Den Blutflecken auf seinem Hemdsärmel verdeckte er mit seiner maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Anzugsjacke. Dennoch fühlte er sich weit von der strahlenden, erfolgreichen Persönlichkeit entfernt, die er normalerweise verkörperte. Kurze Zeit später wurde ihm dieses Gefühl von seinem Mentor bestätigt.

„Du siehst aus, als hättest du gegen eine Bulldogge gekämpft … und verloren.“

„So ungefähr, Mr. Masters“, antwortete Cayden mit einem leichten Lächeln, das ein paar Herzen im Raum höherschlagen ließ, während er dem älteren Mann die Hand schüttelte. „Nur dass es ein Kampf zwischen Autos war. Mein Porsche gegen einen Wagen, der vor der Jahrhundertwende gebaut wurde.“

Bob Masters, dessen straffe, aufrechte Haltung, glatte Haut und dicht gewelltes Haar seine siebzig Jahre Lügen straften, lachte in sich hinein.

„Ein Chevy?“

„Ein Buick.“

Bob schüttelte den Kopf. „Dann muss ich dir wohl mein Beileid wegen deines Wagens aussprechen.“ Er nahm wieder Platz und bedeutete Cayden, sich ihm gegenüber zu setzen. „Den kannst du wahrscheinlich vergessen.“

„Da könnten Sie leider recht haben.“ Cayden zuckte zusammen, als er sich setzte. Im Auto hatte ihn schon derselbe Schmerz durchfahren.

„Geht’s dir nicht gut?“

„Es geht schon.“

„Bist du sicher, dass du nicht in die Notaufnahme fahren solltest, damit sich jemand die Wunde ansieht? Vielleicht hast du noch andere Verletzungen. Bei Autounfällen spürt man den Schmerz erst, wenn der Schock nachlässt. Die Schnittwunde über deinem Auge sieht ziemlich übel aus.“

„Sie sagten, dieses Treffen sei wichtig.“

„Ist es auch, mein Lieber, aber nicht wichtiger als die Gesundheit. Mit zunehmendem Alter wird man sich dessen immer mehr bewusst.“

„Ich fahr auf dem Heimweg bei Mom vorbei. Sie soll mich durchchecken.“

„Wie geht es Tami?“

„Sie will immer noch die Welt retten.“

„Ist sie noch am IMCOC?“

Caydens Mutter Tami arbeitete schon seit zwanzig Jahren am Illinois Medical Center of Chicago. Die Kellnerin kam. Es folgte ein lockeres Gespräch, bei dem die Getränke serviert und die Bestellungen aufgegeben wurden. Cayden ließ die neugierigen Blicke und mehrere höfliche Unterbrechungen über sich ergehen, während ein Restaurantbesucher nach dem anderen zu ihnen kam, um ein paar Worte mit Bob Masters zu wechseln, einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt. Er brannte darauf, das Gespräch fortzusetzen und zu erfahren, warum er hier saß und an seinem Ginger Ale nippte, während er versuchte, die mittlerweile rasenden Kopfschmerzen und die zunehmenden Rippenschmerzen zu überspielen. Wahrscheinlich sollte er in der Notaufnahme liegen, wo sich jemand um ihn kümmern konnte. Endlich wurde der Salat serviert, woraufhin sich auch Bobs Haltung und Gesichtsausdruck leicht veränderten – ein Zeichen dafür, dass das Gespräch eine ernste Wendung nehmen würde.

„Du kennst doch die Society.“

Cayden beugte sich vor. „Natürlich.“

Jeder, der etwas auf sich hielt, kannte die Society of Ma’at, einen ultraexklusiven Club von Geschäftsleuten, dessen Mitgliederliste sich wie das Who is who der Geschäftswelt ausnahm.

„Beim letzten Treffen ist dein Name gefallen.“

Als Cayden daran dachte, was das bedeuten konnte, zog er die Stirn in Falten.

„Ganz ruhig, mein Junge. Das ist eine gute Nachricht.“

Er stieß den Atem aus, den er, ohne es zu merken, angehalten hatte.

„Es werden bald neue Mitglieder aufgenommen.“

„Das passiert doch nur alle fünf Jahre.“

Bob nickte. „Normalerweise schon, aber leider leben wir nicht mehr in normalen Zeiten. Letztes Jahr sind mehrere wichtige Mitglieder von uns gegangen. Darauf muss sich die Organisation wie der Rest der Welt einstellen. Auf unserer Jahresversammlung wurde einstimmig beschlossen, eine Sonderwahl für neue Mitglieder durchzuführen. Ich dachte, die Zeit ist reif, um dich als neues Mitglied vorzuschlagen.“

Cayden ließ sich gegen die Sitzlehne fallen, was er sofort bereute, da ein stechender Schmerz seinen Brustkorb durchfuhr. Wahrscheinlich waren seine Rippen gebrochen, doch er war zu überrascht, zu ergriffen, um weiter darüber nachzudenken.

„Wow, Mr. Masters, das ist eine unglaubliche Ehre. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Nicht wegen deiner Worte, sondern wegen deiner Taten zieht dich die Society in Betracht. Gemeinnützige Arbeit, Spendensammlungen für wohltätige Zwecke, beruflicher Erfolg und eine wichtige gesellschaftliche Stellung. Wir verfolgen dieselben Ziele, denn auch wir wollen diese Stadt zu einem besseren Ort machen.“

Cayden nickte, sagte aber nichts.

„An jedem wichtigen Feiertag veranstalten die Mitglieder der Society im ganzen Land große Spendenaktionen für wohltätige Zwecke. Ich möchte, dass du eine für den vierten Juli organisierst.“

„Ich, Sir?“

Bob grinste leicht und mitfühlend. „Das schaffst du schon.“

„Ich habe schon an solchen Veranstaltungen teilgenommen, aber ich weiß nicht, wie man so etwas organisiert …“

„Dafür gibt es Mentoren wie mich. Ich helfe dir gern, aber es soll dein Verdienst sein. Golfturniere sind immer ein großer Erfolg, vor allem, wenn wir sie im Point ausrichten.“

Cayden entspannte sich. Mit Golf kannte er sich aus. Was den exklusiven Country Club von Point du Sable betraf, so gehörte er praktisch den Eddingtons. Mit ihrer Hilfe könnte er den Achtzehn-Loch-Platz sicher für eine Veranstaltung buchen.

„Ich denke, ich könnte etwas auf die Beine stellen.“

„Aber nicht irgendetwas.“ Bob verschränkte die Finger und legte sie vor sich auf den Tisch. „Wegen der Verbindung zur Society sollte es das größte Sommerevent im ganzen Mittleren Westen sein.“

„Ich werde mich sofort darum kümmern.“

„So viel zum Beruflichen. Was dein Privatleben angeht, so mag die Society keine Skandale. Alles, was den Namen eines Mitglieds beschmutzt, fällt auf die SOMA zurück.“

„Ich verstehe.“

„Darauf solltest du ganz besonders achten. Von jetzt an muss jeder Bereich deines Lebens vorbildlich, tadellos und über jeden Zweifel erhaben sein.“

„Ich werde Ihre Erwartungen noch übertreffen, Sir. Sie haben mein Wort.“

„Das glaube ich gern. Du erhältst bald einen Brief und dann einen Anruf. Danach beginnt deine neunzigtägige Probezeit. Anschließend stimmen wir auf unserer nationalen Konferenz über die neuen Mitglieder ab. Die Veranstaltung am vierten Juli wird nicht nur Millionen für wohltätige Zwecke einbringen, sondern auch deine inoffizielle Einführung in die Society sein.“

Die Kellnerin brachte Caydens Steak, gewürzt und auf den Punkt gebraten, doch er brachte keinen Bissen herunter. Als er später bei seiner Mutter vorbeifuhr, bestätigte Tami, dass seine Rippe stark geprellt, wenn nicht sogar gebrochen war. Sie legte ihm einen Verband an und säuberte die Wunde, die wahrscheinlich mit ein, zwei Stichen genäht werden musste. Auf dem Heimweg hörte er die Sprachnachricht eines verpassten Anrufs ab.

„Cayden, ich bin’s, Avery. Ich weiß, Sie haben gesagt, Ihr Vertreter würde sich um alles kümmern, aber ich fühle mich immer noch schlecht wegen des Unfalls und wollte mal hören, wie es Ihnen geht. Ich bin dageblieben, bis Ihr Auto abgeschleppt wurde und die Polizei kam. Sie sollten eine Kopie des Unfallberichts bekommen. Hoffentlich haben Sie es zu Ihrem Termin geschafft und sich die Wunde ansehen lassen. Sie brauchen nicht zurückzurufen. Die Versicherung sagte, sie würde sich melden. Passen Sie gut auf sich auf, und keine Sorge, so gut wie ich wird ab jetzt niemand im Straßenverkehr aufpassen.“

Cayden musste lächeln, als er ihr zuhörte. Eigentlich hätte er sich ärgern müssen über die Frau, die sein Auto zu Schrott gefahren hatte, doch es ging ihm tatsächlich besser. Wie merkwürdig! Als er in seine Einfahrt fuhr, schob er seine gute Laune auf Bobs überraschende Nachricht, dass er Mitglied im elitärsten Wirtschaftsclub der Welt werden könnte. Insgeheim wusste er, dass es an der Frau lag, die ihm seit dem Unfall nicht mehr aus dem Kopf ging, doch es ergab keinen Sinn: Wie konnte er sich wegen einer Person, die ihm geschadet hatte, gut fühlen?

2. KAPITEL

„Unglaublich, dass er mich nicht erkannt hat.“

Zwei Stunden nach ihrer Ankunft im PDS Medical und eine Stunde nach Beginn der Chemo-Behandlung ihrer Schwester war Avery in Gedanken immer noch bei Cayden.

„Ihr habt euch seit der Highschool nicht mehr gesehen. Das ist wahrscheinlich auch gut so. Wenn man bedenkt, was mit Brittany passiert ist …“

„Was hat das mit mir zu tun?“

Lisa sah ihre kleine Schwester vielsagend an. „Wir waren damals alle befreundet.“

„Und er war ein Idiot.“

„Alles, was sie gesagt hat, wurde widerrufen, weißt du nicht mehr?“

Avery schüttelte den Kopf. „Ich dachte, er wäre wegen seiner Verbindung zu den Eddingtons davongekommen.“

„Das könnte sein.“

„Es ist furchtbar, dass er es ihr in die Schuhe schieben wollte.“

Lisa lehnte den Kopf gegen das Kissen und lächelte erschöpft. „Hör mal, ich will ihn nicht verteidigen. Brittany war auch meine Freundin, schon vergessen? Durch mich habt ihr euch kennengelernt, aber irgendetwas hat sich an der Sache immer falsch angefühlt. Sieht er immer noch so gut aus wie vor zehn Jahren?“

Avery dachte an ihre körperliche Reaktion, als Cayden aus dem Auto gestiegen war, so wie damals, wenn sie ihn gesehen hatte. Er hatte vor Kraft gestrotzt, als er wütend auf sie zugegangen war. Seine Augen schienen sich in ihr Inneres zu bohren. Trotz ihrer Panik hatte sie all das bemerkt. Wenn sie daran zurückdachte, spannten sich sogar jetzt noch bestimmte Muskeln in ihr an.

„Sogar noch besser“, gab sie zu, bevor sie sich in Erinnerung rief, dass sie sich eine Männer-Pause verordnet hatte.

Lisa räusperte sich, um mit festerer Stimme zu sprechen: „Ich weiß noch, wie Jake und er immer im Restaurant vorbeikamen. Sie haben die Blicke aller Frauen auf sich gezogen, unabhängig von Alter, Herkunft, Gewicht oder Größe.“

„Nur deine nicht.“

Lisa sah Avery von der Seite an. „Ich war nicht immun, aber er war zu jung für mich.“

„Brittany sah das anders.“

„Brittany mochte jeden, der nicht bei drei auf den Bäumen war. Cayden war rücksichtsvoll und reif für sein Alter. Er war immer ein Gentleman und hat schon damals viel Trinkgeld gegeben, trotz seiner – wie alt war er da? – achtzehn Jahre. Deshalb fiel es mir schwer, Brittanys Geschichte zu glauben. Ich hatte den Widerruf gelesen und gehört, dass sie die Stadt verlassen hatte, ohne dass sie mir auch nur geschrieben hätte. Ich habe oft versucht, sie zu kontaktieren, aber sie hat nie geantwortet. Irgendwann habe ich mit ihr abgeschlossen. Für mich war sie gestorben.“

„Mir hat sie auch nie geantwortet. Ich konnte nicht glauben, wie sie sich von allen abgewandt hat, besonders von dir, weil ihr so gut befreundet wart. Sie ist sogar aus den sozialen Medien verschwunden. Offensichtlich wollte sie die Vergangenheit hinter sich lassen. Wie ich gehört habe, hat sie geheiratet und sich einen reichen Mann geangelt, aus einer alten vermögenden Familie aus Boston.“

„Ja, Frank hat mir erzählt, dass sie es auf die Gesellschaftsseiten der Zeitung geschafft hat. Schön für sie.“

Lisa bekundete ihr Desinteresse, indem sie einen Finger in der Luft kreisen ließ. Avery lächelte und stand auf. Für gesellschaftlichen Status hatte sich ihre Schwester noch nie interessiert. Sie setzte sich auf Lisas Bett und strich ihr die schütteren Locken aus dem hageren Gesicht. Lisa hatte noch nie viel gewogen, aber durch die Chemotherapie wirkte sie geradezu abgemagert. „Du musst müde sein.“ Lisa nickte, und ihr fielen die Augen zu. „Ruh dich aus. Ich komme zurück, wenn du hier fertig bist.“

Lisa schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Frank hat mir geschrieben. Er kann mich abholen.“

„Muss er doch keine Überstunden machen?“

„Er hat noch mal im Dienstplan nachgesehen. Das ist morgen Abend.“

„Na dann.“ Avery legte sich eine Hand in den Nacken, um ihn zu massieren.

„Du solltest das untersuchen lassen.“

„Meinen Nacken? Der ist nur ein bisschen steif. Es geht schon.“ Sie beugte sich vor und küsste Lisas Wange. „Halte durch, okay? Ich hab dich lieb.“

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