Baccara Exklusiv Band 275

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ZUM ERSTEN, ZUM ZWEITEN – VERFÜHRT! von JULES BENNETT

Matt begehrt Rachel schon lange, doch sie ist die Witwe seines besten Freundes und damit tabu. Aber dann macht sie ihm einen verlockenden Vorschlag: Er soll sich bei einer Junggesellen-Auktion ersteigern lassen. Etwa von ihr? Das könnte alles zwischen ihnen ändern …

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  • Erscheinungstag 22.08.2026
  • Bandnummer 275
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537971
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jules Bennett, Robyn Grady, Carolyn Hector

BACCARA EXKLUSIV BAND 275

Jules Bennett

1. KAPITEL

Einfach lesen, was einem Spaß machte, den ganzen Morgen über, und dazu einen schönen Pumpkin Spice Latte mit Sahne darauf genießen. Wer konnte dazu schon Nein sagen?

Rachel Kincaid ging voller Vorfreude auf den Coffeeshop The Daily Grind zu. Zwei Wochen hatte sie noch Zeit, bis sie sich wieder dem Studium ihrer Lehrbücher widmen musste. Obendrein war sie zum ersten Mal allein unterwegs, seit sie vor elf Monaten ihr Kind bekommen hatte.

Leichte Schuldgefühle nagten an ihr, weil sie ihre süße kleine Ellie auf der Lone Wolf Ranch zurückgelassen hatte. Aber sie wusste, dass das Baby in besten Händen war, denn ihre gute Freundin Alexis Slade passte auf ihren Schatz auf. Und auch die Hausangestellten hatten ein Auge auf sie.

Alexis war so großzügig gewesen, sie mitsamt ihrem Baby auf die Ranch einzuladen, und Rachel hatte diese Mädelszeit bitter nötig. Alexis und ihr Großvater Gus gaben Rachel das Gefühl, Teil ihrer Familie zu sein.

Im Gehen zog Rachel ihr Handy aus der Handtasche und tippte eine kurze Textnachricht, um nachzufragen, ob mit Ellie alles in Ordnung war. Vielleicht war sie als Mutter ein bisschen überfürsorglich, aber sie war ja auch noch ziemlich neu in diesem Geschäft.

Rachel war so auf ihr Handy konzentriert, dass sie plötzlich gegen etwas prallte.

Nein, nicht gegen etwas. Gegen jemanden. Gegen einen Mann. Einen hochgewachsenen, muskulösen, sehr maskulinen Mann.

Kräftige Hände hielten sie fest, damit sie nicht das Gleichgewicht verlor. Rachel blickte auf und in ein bekanntes Gesicht. Der Mann schien ebenso überrascht zu sein wie sie.

„Matt?“

„Rachel?“

Das letzte Mal hatte sie Matt Galloway bei der Beerdigung ihres Ehemannes Billy gesehen. Etwas mehr als ein Jahr war das jetzt her. Kurz danach hatte sie noch ein paar Nachrichten von ihm bekommen. Dann nichts mehr, obwohl Matt der beste Freund ihres verstorbenen Mannes gewesen war.

Auch sie hatte sich immer sehr gut mit ihm verstanden, deshalb hatte sie sich oft gefragt, wieso er nach Billys Tod so völlig abgetaucht war. „Was machst du denn hier in Royal?“ Das Letzte, was sie von ihm wusste, war, dass er in Dallas Millionen verdiente und die Damenwelt der Großstadt bezirzte.

„Ich verstecke mich in der Provinz“, antwortete er lachend. „Mal raus aus der Stadt, raus aus dem Rampenlicht.“

Rachel musste lächeln. „Ach ja, ich erinnere mich, du wurdest zum begehrenswertesten Junggesellen von ganz Texas gekürt. Und jetzt versteckst du dich? Was ist los mit dir, Matt? Bist du es leid, dass die Ladys hinter dir her sind?“

Bisher hatte Matt es durchaus genossen, von attraktiven Frauen umgarnt zu werden. Sogar sie war mal an ihm interessiert gewesen, aber dann war Billy gekommen. Sie hatte sich Hals über Kopf in Billy verliebt, und … na ja, das war nun Vergangenheit. Sie musste ihre Trauer überwinden und in die Zukunft blicken.

„Komm mit rein in den Coffeeshop, ich gebe dir einen Kaffee aus“, schlug Matt vor.

„Einen Kaffee trinken, einfach so? Als ob nichts gewesen wäre, als ob du nicht ein Jahr lang in der Versenkung verschwunden wärst?“

Der Vorwurf war ihr so herausgerutscht, aber er war begründet. Sie hätte seinen Trost, sein Mitgefühl gut brauchen können, doch Matt war abgetaucht. Dafür war er ihr zumindest eine Erklärung schuldig.

Andererseits wäre ein solches Gespräch am frühen Morgen zu schwere Kost. Sie hatte kaum geschlafen. Babys hielten sich nun mal nicht an die üblichen Schlafenszeiten. „Ach, lassen wir das“, sagte sie besänftigend. „Auf jeden Fall freue ich mich, dich wiederzusehen.“

Das meinte sie ernst. Seit sie Matt und Billy auf einer College-Party kennengelernt hatte, hatte er als Freund ihres Mannes irgendwie immer zu ihrem Leben gehört. Erst nach Billys Tod hatte sich alles geändert.

Auf jeden Fall würde es ihr guttun, mit ihm zu plaudern, denn ein wenig Ablenkung konnte sie wirklich brauchen. Er würde schon seine Gründe haben, warum er sich so lange nicht gemeldet hatte, und vielleicht verriet er sie ihr ja auch.

„Mit normalem Kaffee machst du mir allerdings keine Freude“, sagte sie, während sie den Coffeeshop betraten. „Aber wenn du willst, kannst du mir mein Lieblingsgetränk ausgeben.“

Matt legte ihr aus alter Gewohnheit eine Hand auf den Rücken. Eine vertraute Geste unter guten Freunden, nichts weiter, doch Rachel zuckte dabei innerlich zusammen. Nicht, weil es ihr unangenehm war, sondern weil diese Berührung etwas in ihr auslöste. Schon so lange hatte kein Mann sie mehr berührt.

Es hat nichts mit Matt zu tun, sagte sie sich, schließlich ist er bloß ein guter Freund, um Himmels willen. Es war nur, weil sie schon so lange allein war, weil sie niemanden hatte, der sie mal in den Arm nahm.

Eigentlich war es dumm, dass sie darüber überhaupt nachgrübelte. Es war eine leichte Berührung gewesen, nichts weiter.

„Soll ich raten? Du nimmst bestimmt dieses eklig süße Zeug mit Kürbiskuchengewürz und Schlagsahne, stimmt’s?“

Sie warf ihm einen bösen Blick zu. „Ich verurteile dich nicht für deine Schwächen, und dafür verurteilst du mich nicht für meine. Ist das klar, Mr. Begehrenswertester Junggeselle?“

„Wie du willst.“ Matt bestellte sich einen langweiligen schwarzen Kaffee.

Nachdem auch sie ihre Bestellung aufgegeben hatte, setzten sie sich auf eins der gemütlichen Ledersofas vor dem großen Schaufenster.

Rachel konnte es noch nicht richtig fassen, dass Matt hier in Royal war. Er sah nach wie vor verdammt gut aus, fand sie. Vermutlich hatte er, im Gegensatz zu ihr, ein gutes Jahr hinter sich. Sie hingegen sah garantiert genau so aus, wie sie sich fühlte: abgespannt, erschöpft, ausgelaugt.

Nervös strich sie sich mit einer Hand durchs Haar. Sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte, nachdem sie so lange nichts voneinander gehört hatten. Ein merkwürdiges Gefühl. Dazu kam noch, dass ihr Körper sonderbare Signale sendete, wenn sie Matt ansah. Was konnte das nur zu bedeuten haben?

„Was treibst du denn hier in Royal?“, fragte Matt und sah sie forschend an. „Du bist ja nicht auf der Flucht vor den Medien wie ich, oder?“

Er benahm sich, als wäre nicht ein Jahr ohne Kontakt vergangen. Sie hatte vor, ihn zur Rede zu stellen und ihn zu fragen, wieso er so plötzlich von der Bildfläche verschwunden war – aber nicht jetzt. Jetzt wollte sie nur gemütlich plaudern.

„Nein, so interessant wie du bin ich nicht“, erklärte sie lächelnd. „Ich bin zu Besuch bei Alexis Slade, meiner alten Freundin aus dem College.“

„Ach ja, die Familie Slade kenne ich. Bist du alleine da oder …?“

„Wenn du fragen willst, ob es einen Mann in meinem Leben gibt – nein. Ich bin mit meiner kleinen Tochter hier.“

Matt blickte sie erstaunt an, aber bevor er etwas sagen konnte, wurden ihnen die Getränke serviert. Erst als die Bedienung wieder gegangen war, sagte er: „Ich wollte nicht neugierig sein. Ich finde, ich habe kein Recht mehr, dich über dein Privatleben auszufragen. Allerdings würde mich schon interessieren, wie es dir jetzt so geht.“

„Es geht mir gut, und du kannst mich ruhig alles fragen. Das empfinde ich nicht als unangenehm. Wir haben ja nicht mehr mitbekommen, was im Leben des anderen so abgelaufen ist.“ Sie nippte an ihrem Getränk, dann verzog sie das Gesicht. „Igitt, was ist denn das?“ Sie stellte den Porzellanbecher ab. „Das ist nie im Leben Pumpkin Spice Latte.“

Matt lachte. „Natürlich nicht. Das hast du ja auch nicht bestellt.“

„Habe ich wohl“, widersprach sie. „Das bestelle ich mir doch immer im Coffeeshop, vor allem im Herbst.“

„Ich weiß, wie gerne du Pumpkin Spice Latte trinkst. Aber ich war bei deiner Bestellung dabei. Du hast Muskatnuss-Kaffee mit Schlagsahne und Schuss geordert.“

Rachel schluckte. Wie hatte ihr denn das passieren können? Sie musste völlig in Gedanken versunken gewesen sein. Oder verwirrt. Wegen des unverhofften Wiedersehens mit Matt. Irgendwie beeindruckte er sie schon, stark und sexy, wie er war.

Aber er war nun mal der beste Freund ihres verstorbenen Mannes gewesen. Deswegen durfte sie nicht daran denken, dass sie ihn sexy fand.

Matt erhob sich. „Damit dir dieses kleine Missgeschick nicht den Tag verdirbt, hole ich dir das Richtige. Also einen großen Pumpkin Spice Latte, ja?“

„Ja, genau. Danke dir.“

Sie sah ihm nach. Warum machte er sie nur so nervös? Na ja, immerhin war er der begehrenswerteste Junggeselle von ganz Texas.

Matt entschloss sich, auf Rachels Getränk zu warten, statt schon zu ihr zurückzukehren und es von der Bedienung bringen zu lassen. Er brauchte dringend etwas Zeit für sich, um seine Gedanken zu ordnen, denn er musste zugeben, das überraschende Wiedersehen mit ihr warf ihn doch ein wenig aus der Bahn. Im vergangenen Jahr hatte er sehr oft an sie denken müssen. Sicher, er hatte den Kontakt zu ihr abgebrochen, aber er hatte keine andere Wahl gehabt.

Und nun würde sie wissen wollen, warum. Natürlich, sie verdiente eine Antwort. Er war jedoch nicht bereit, sie ihr zu geben.

Eigentlich hatte er fest damit gerechnet, dass er in der langen Zeit der Trennung seine Gefühle für Rachel wieder unter Kontrolle bekommen würde. Er hatte sich in die Arbeit gestürzt, in der Hoffnung, diese bezaubernde blonde Schönheit zu vergessen, von der zu träumen er nicht aufhören konnte.

Doch es hatte nicht geklappt. Er hatte sogar Erkundigungen über sie eingezogen. Nicht, weil er ein heimlicher Stalker war, sondern aus Sorge um sie. Um ihr notfalls helfen zu können. Aber soweit er es mitbekam, hatten Billys Eltern und auch dessen Bruder sich darum gekümmert, dass Rachel alles hatte, was sie brauchte. Das Geld aus der Lebensversicherung konnte nicht ewig reichen, doch Billy kam aus einer wohlhabenden Familie.

Allerdings hatte Rachel ihr Haus in Dallas verkauft. Sie war aus dem Anwesen ausgezogen – und jetzt war sie hier. Was sie wohl für die Zukunft plante? Ob sie vorhatte, nach Dallas zurückzukehren?

Wenn sie wegen des Kindes nicht arbeitete, wären ihre Geldreserven irgendwann aufgebraucht. Er war gerne bereit, ihr zu helfen, falls nötig – er wusste jedoch, sie wäre zu stolz, um ihn darum zu bitten. Umso wichtiger war es, dass er sie im Auge behielt.

Eigentlich hatte er nicht mehr das Recht, sie nach irgendetwas zu fragen. Er hatte schließlich den Kontakt abgebrochen. Er hatte es tun müssen. Einerseits aus Respekt vor Rachel, andererseits, um nicht verrückt zu werden.

Dass sie ein Kind hatte, wusste er schon. Bereits bei der Beerdigung ihres Mannes hatte er ihren Babybauch gesehen.

Aber dass sie nun plötzlich hier in Royal auftauchte – damit hatte er nicht gerechnet. Für ihn war das Zusammentreffen mit ihr wie ein Sechser im Lotto, und doch hatte er ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem verstorbenen Freund Billy. Gegenüber Rachel müsste er zugeben, dass er sich absichtlich von ihr ferngehalten hatte. Er würde es damit begründen, dass er Zeit gebraucht hatte. Den wahren Grund – dass er sich so stark zu ihr hingezogen fühlte – würde er ihr natürlich nicht nennen. Nicht nennen können.

„So, ein Pumpkin Spice Latte“, sagte die Bedienung und stellte das Getränk vor ihn hin.

Matt nickte. „Dankeschön.“

Er machte sich auf den Weg zurück zu Rachel. Zu Rachel, die er immer noch heimlich begehrte. Die er vom ersten Moment an begehrt hatte.

Umso schwerer hatte es ihn damals getroffen, als sie seinen besten Freund geheiratet hatte. Einen Mann, der – er konnte es nicht anders sagen – eine so fantastische Frau wie sie nicht verdient hatte.

Rachel war seine Traumfrau. Aber sie würde niemals ihm gehören.

Matt wusste nicht, was schlimmer war: in Dallas zu bleiben und als sogenannter begehrenswertester Junggeselle von Texas ständig von Paparazzi verfolgt zu werden, oder in dieser Kleinstadt mit der Frau zusammenzusitzen, die er nicht haben konnte – und die ausgerechnet die einzige Frau war, die er wirklich haben wollte.

Er musste an die Party zurückdenken, auf der er Rachel zum ersten Mal begegnet war. Er hatte ein wenig mit ihr geflirtet und gerade beschlossen, sie um ein Date zu bitten, als Billy sich einmischte und sie ihm entführte.

Wenn er zu diesem Zeitpunkt nur geahnt hätte, wie sich die Geschichte zwischen Billy und Rachel entwickeln würde.

„Einen Pumpkin Spice Latte in der Luxusversion für die hübsche junge Dame“, sagte er, als er das Getränk vor sie hinstellte. Er deutete eine Verbeugung an wie der Kellner eines Luxusrestaurants.

Sie lachte, und es klang wie Musik in seinen Ohren. „Sehr freundlich. Ich fühle mich geschmeichelt.“

Er setzte sich wieder zu ihr.

Sie probierte ihr Getränk und seufzte verzückt. „Ah, das nenne ich einen Genuss!“

Ihr Seufzen elektrisierte ihn. Wahrscheinlich ahnte sie nicht einmal, wie sehr sie einen Mann durch so einen kleinen Laut verzaubern konnte. Wie viele Männer ihr wohl schon verfallen waren?

„Erzähl mir doch etwas mehr über deinen Ehrentitel“, forderte sie ihn lächelnd auf. „Müssen wir uns auf juchzende Groupies und übereifrige Fotoreporter einstellen?“

„Ich hoffe nicht.“ Matt nippte an seinem Kaffee. „Eigentlich möchte ich gar nicht darüber reden. Reden wir lieber über dich. Was treibst du hier in Royal? Davon abgesehen, dass du bei den Slades wohnst.“

Sie schlug die Beine übereinander. Fasziniert betrachtete Matt sie. Sie schien nicht ganz so ruhig und gelassen zu sein, wie sie sich nach außen hin gab.

„Ich will online meinen Abschluss in Marketing machen. Tja, und dann mal sehen, wie es weitergeht.“

Irgendwie spürte er, dass sie nicht glücklich war. Das tat ihm leid. Wenn es nach ihm ginge, hätte sie nur das Allerbeste verdient.

„Wie lange läuft dieses Online-Studium denn noch?“, fragte er.

„Noch ein Semester, dann bin ich damit durch. Ich kann’s kaum erwarten.“

Als alleinerziehende Mutter eines kleinen Kindes hatte sie wahrscheinlich auch ohne das Studium Stress genug. An Geld fehlte es ihr vermutlich nicht. Im Zweifelsfall würden ihre Schwiegereltern sie sicher unterstützen.

Sie hatte Marketing studiert, als er und sie sich kennenlernten, als Billy und sie dann heirateten, hatte Billy sie jedoch überredet, ihr Studium an den Nagel zu hängen.

Irgendwie war Matt stolz auf sie, dass sie jetzt doch noch ihren Abschluss machen wollte.

Am liebsten hätte er sie tausend Dinge gefragt, aber das schien ihm verfrüht. Eigentlich war zunächst er an der Reihe. Er war ihr Antworten schuldig, weil er sich so lange nicht gemeldet hatte.

Er schwor sich, er würde Royal nicht verlassen, ohne sicherzustellen, dass Rachel und ihre Tochter alles hatten, was sie brauchten.

War sie vielleicht doch in Schwierigkeiten? Wohnte sie möglicherweise bei den Slades, weil sie keine eigene Bleibe hatte? Wieso hatte sie sich von dem Haus getrennt, das Billy und sie zusammen besessen hatten?

„Wie lange hast du denn vor, dich vor deinem Fanclub zu verstecken?“, fragte sie ihn.

Er lächelte süßsauer. Dass er gewissermaßen auf der Flucht vor Paparazzi war, stimmte, doch das war nur die halbe Wahrheit. Er hatte noch andere Baustellen. Auseinandersetzungen mit seinem Geschäftspartner, Verhandlungen, bei denen er einfach nicht weiterkam. Eigentlich wollte er seine einundfünfzig Prozent des Geschäfts verkaufen und etwas Eigenes aufziehen. All das und mehr beschäftigte ihn, aber das wäre zu kompliziert zu erklären.

Es war ein unverhofftes Wiedersehen, und er wollte die Stimmung lieber locker halten, als Probleme zu wälzen. Jetzt, wo sie sich beide zeitweilig in Royal aufhielten, wollte er sich unbedingt öfter mit ihr treffen. Irgendwie konnte es kein Zufall sein. Vielleicht hatte das Schicksal noch etwas mit ihnen vor.

„Auf absehbare Zeit bleibe ich erst mal hier. Das alte Anwesen meines Großvaters liegt am Ortsrand. Es hat ein paar Jahre leer gestanden, und ich habe darüber nachgedacht, ob ich es renovieren lassen sollte und es danach vielleicht verkaufe. Im Moment wohne ich im Bellamy“, sagte er.

Das Bellamy war frisch renoviert und mit seinen fünf Sternen das beste Hotel am Platze. Als er sich entschlossen hatte, nach Royal zu kommen, hatte er sich gleich die Penthouse-Suite reservieren lassen. Finanziell war das kein Problem für ihn. Mit seinem Vermögen konnte er sich alles leisten, was er wollte. Dennoch spürte er eine gewisse unbestimmte Leere in sich. Irgendetwas fehlte ihm – er wusste nur nicht, was.

Rachel trank von ihrem Pumpkin Spice Latte und schloss verzückt die Augen. Einen ähnlichen Gesichtsausdruck würde sie wahrscheinlich auch beim Sex haben, schoss es ihm durch den Kopf. Ja, er begehrte sie nach wie vor, sehr sogar. Was wohl zwischen ihnen beiden geschehen wäre, wenn Billy damals nicht auf dieser Party aufgetaucht wäre?

Wenn er ehrlich war, stellte er sich diese Frage immer noch jeden Tag. Alle Frauen, die er seitdem kennengelernt hatte, waren eigentlich nur Lückenbüßerinnen gewesen, Lückenbüßerinnen für die Frau, die er wirklich wollte, aber nie bekommen hatte.

Matt stellte seinen Kaffeebecher ab und rückte näher an sie. „Hör mal, Rachel.“

„Nein.“ Entschlossen schüttelte sie den Kopf. „Lass uns nicht von den alten Zeiten anfangen. Jedenfalls jetzt noch nicht.“

Eigentlich hätte er am liebsten Klarheit geschaffen, aber vielleicht war es wirklich der falsche Zeitpunkt. Schließlich nickte er. „Okay, ist gut. Da wir nun beide eine Zeitlang hier in der Stadt sind, würde ich dich gerne heute Abend zum Essen einladen.“

Rachel lachte auf. „Ich bin nicht mehr die unbeschwerte junge Frau, die frei von allen Verpflichtungen ist, Matt. Ich bin alleinerziehende Mutter. Das bringt jede Menge Verantwortung mit sich.“

„Bring deine Tochter doch mit.“

Wieso war ihm das denn jetzt herausgerutscht? Noch nie hatte er eine Frau mit ihrem Kind auf ein Date gebeten. Hatte er überhaupt schon mal ein Date mit einer jungen Mutter gehabt?

Nein, hatte er nicht. Aber eigentlich spielte das keine Rolle, weil ohnehin keine Frau wie Rachel war. Außerdem wollte er Billys Tochter kennenlernen, wollte sehen, wie sie geraten war. Sein bester Freund war vielleicht nicht gerade der tollste Ehemann der Welt gewesen, doch er hatte ihn wirklich gemocht, und das Kind war gewissermaßen die letzte Verbindung zu ihm.

Rachel strahlte ihn an. „Gut, dann haben wir ein Date. Oder jedenfalls so was Ähnliches.“

„Freut mich“, gab Matt zurück. Im Stillen fragte er sich allerdings, ob er richtig gehandelt hatte. Je länger er in Rachels Nähe war, je mehr Umgang er mit ihr pflegte, desto gefährlicher würde es für ihn werden. Konnte er ihr widerstehen? Oder besser gesagt: Wollte er ihr widerstehen?

2. KAPITEL

„So gierig, wie du die Fotos anguckst, könnte man glauben, du willst selbst auf einen der Junggesellen bieten.“

Rachel blickte von den Fotografien auf, die auf dem großen Holztisch verteilt waren, und sah ihre Freundin Alexis an. „Ich tue nur meine Pflicht“, erwiderte sie scherzhaft.

Jedes der Fotos zeigte einen alleinstehenden Mann aus Royal, der sich bereiterklärt hatte, sich für einen guten Zweck versteigern zu lassen. Alle Einnahmen sollten der Forschung über Bauchspeicheldrüsenkrebs zugutekommen. Frauen konnten auf die Männer bieten, und die Gewinnerin bekam ein Traumdate.

Im Moment waren sie und Alexis dabei, die Kandidaten zu sichten. Sie brauchten einen besonders attraktiven Junggesellen, der gewissermaßen das Aushängeschild für die gesamte Aktion darstellte.

„Ich kümmere mich ums Marketing und die Arbeiten im Hintergrund“, sagte Rachel. „Mir selbst ein Traumdate zu sichern, daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ Im Kopf rechnete sie schnell durch, was sie für den guten Zweck spenden könnte, ohne dass es ihr Budget in Gefahr brachte. Schließlich studierte sie momentan, und wann ihr das Studium einen Job einbringen würde, stand in den Sternen. „Also, ich spende auf jeden Fall was, auch wenn ich keinen Junggesellen ersteigere. Es sind so viele gute Typen, die sich zur Verfügung gestellt haben – da fällt es nicht leicht, zu entscheiden, wer unsere Galionsfigur sein soll. Unser Werbegesicht.“

Alexis setzte sich neben sie und nahm ein Bild nach dem anderen zur Hand. Die Auswahl fiel wirklich schwer. Ärzte waren dabei, Rechtsanwälte, Rancher und Piloten. Royal hatte ein beeindruckendes Angebot an attraktiven Männern. Wie konnte es nur angehen, dass all diese Prachtkerle noch Singles waren?

„Auf ihre Art wären sie fast alle geeignet“, stellte Alexis fest. „Aber unser Aushängeschild-Mann müsste etwas ganz Besonderes sein, jemand, für den die Ladys freiwillig jede Menge Geld raushauen.“

An jedem Bild war in der oberen rechten Ecke mit einer Büroklammer ein Zettelchen angeheftet, auf dem einige Eckdaten über den Junggesellen standen: Name, Alter, Beruf. Bei der reichen Auswahl würde sich die Forschungsstelle über Bauchspeicheldrüsenkrebs sicher über einen fetten Scheck freuen können.

Alexis und ihr Großvater Gus hatten alle Junggesellen rekrutiert, und jetzt war es Rachels Aufgabe, kräftig Werbung zu machen und dafür zu sorgen, dass die Frauenwelt von Royal möglichst hohe Gebote abgab.

„Am besten lassen wir die Fotos einrahmen“, murmelte Rachel vor sich hin. „Wir präsentieren sie dann alle im Gartenbereich des Texas Cattleman’s Club, damit die Frauen sich schon vorher aussuchen können, auf wen sie bieten möchten.“

Sie hatte bereits eine Art Auktionskatalog entworfen, in dem alle Junggesellen mit einem Foto vorgestellt wurden, und sie hatte bei allen Männern angefragt, ob sie einen kleinen Text – eine Anmerkung oder einen lustigen Kommentar – beisteuern würden.

„Für unseren Katalog habe ich mir mal eine Reihenfolge der Kandidaten zurechtgelegt“, sagte Rachel. „Vielleicht ist das nicht so wichtig, aber ich war gestern Abend noch lange auf, und plötzlich ist es über mich gekommen – ich musste sie durchnummerieren und …“

„Verstehe schon, es war wie ein Zwang, dass du sie in eine Reihenfolge bringen musstest.“ Alexis griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Ich bin so froh, dass du mir bei der Sache hilfst. Dass du hier bist, versetzt mich sozusagen in alte Collegezeiten zurück. Na ja, es ist nicht ganz wie im College – wir feiern weniger Partys und müssen auf ein Baby aufpassen. Aber trotzdem ist es toll, dich hier auf der Ranch zu haben.“

Rachel freute sich sehr darüber, hier zu sein. Sie hatte sich einsam und verlassen gefühlt, doch dann war das Angebot von Alexis gekommen, sie in Royal zu besuchen. Eine willkommene Abwechslung – und vielleicht eine neue Chance. Möglicherweise würde Royal ja sogar ihr neues Zuhause werden. Sicher, Royal war keine Weltstadt, aber es war wiederum auch nicht zu provinziell. Und das Angenehme war, die Leute hier kannten einander und halfen sich gegenseitig. Eine wirklich schöne Atmosphäre.

Das Beste war natürlich, dass ihre Freundin hier wohnte. Die kleine Ellie schien Gus und Alexis ebenfalls schon liebgewonnen zu haben.

„Die Lone Wolf Ranch ist einfach großartig“, sagte Rachel strahlend. „Und ich bin so froh, dass du mich um Hilfe wegen der Auktion gebeten hast. Ich habe so das Gefühl, dass die Einnahmen deine Erwartungen übertreffen werden.“

„Das wäre schön“, sagte Alexis, „aber ich habe mir ein ziemlich hohes Ziel gesteckt. Diese Wohltätigkeitsveranstaltung bedeutet für mich viel mehr als nur eine Geldbeschaffungsmaßnahme. Ich möchte damit das Andenken an meine Großmutter ehren, und gleichzeitig möchte ich, dass mein Großvater stolz auf mich ist. Die beiden haben so viel für mich getan.“

Rachel kannte die Geschichte hinter diesem Wunsch. Alexis’ Großmutter war an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben, und alle Einnahmen der großen Junggesellenauktion würden der Forschung im Angedenken an Sarah Slade gespendet werden.

„Deine Großmutter wäre stolz auf dich“, sagte sie. „Du leistest fantastische Arbeit.“

„Ich finde, du machst viel mehr als ich. Ohne deine Hilfe würde ich das alles gar nicht schaffen.“

„Sagen wir so: Wir beide sind ein tolles Team.“

Plötzlich ging die Tür auf, und Gus Slade kam herein. „Altes Haus wird wieder jung“, sagte er scherzhaft. „Daran könnte ich mich gewöhnen, zwei junge hübsche Ladys um mich zu haben.“

Rachel lächelte ihn an. Wäre Gus so um die dreißig Jahre jünger, hätte sie ihn als Aushängeschild für die Junggesellenauktion ausgewählt. Der Witwer im Rentenalter war charmant und sah erstaunlich gut aus. Breite Schultern, volles, silbrig glänzendes Haar. Seine Haut war sonnengebräunt, seine blauen Augen strahlten. Er war nicht mehr jung, aber immer noch ein Frauentyp.

„Wo ist denn die jüngste der drei Grazien?“, fragte Gus, während er zum Kühlschrank ging und sich eine Flasche Wasser herausnahm. „Unser kleiner Nachwuchs?“

„Ellie brauchte dringend ihr Schläfchen“, antwortete Rachel. „Sie war schon ganz gereizt und übellaunig.“

„Die Kleine ist doch zuckersüß“, verteidigte der alte Herr sie. „Wenn ich ein Nickerchen brauche, werde ich auch gereizt und übellaunig.“

Rachel freute sich sehr, dass Alexis und ihr Großvater sie und das Baby bei sich aufgenommen hatten, als gehörten sie zur Familie. Sie war zwar erst kurze Zeit in Royal, fühlte sich hier aber schon heimisch. Das war ein Gefühl, das sie seit Billys Tod nicht mehr gekannt hatte.

In Dallas im ehemals gemeinsamen Haus zu bleiben – das war ihr irgendwie falsch vorgekommen. Vor allem, wenn man bedachte, dass sie dem Hauskauf damals gar nicht zugestimmt hatte. Billy hatte sie einfach damit überrascht, doch so richtig wohlgefühlt hatte sie sich dort nie. Es war ihr zu groß gewesen, zu unpersönlich, zu kalt.

Sie hatte es vor einiger Zeit verkauft und war in ein kleineres Haus zur Miete gezogen, was Billys Verwandtschaft ziemlich schockiert hatte. Mit ihren Schwiegereltern war es ohnehin nicht so einfach. Immer lagen sie ihr in den Ohren, sie solle Ellie doch in ihre Obhut geben, damit sie ihr Studium abschließen könne.

Auch Billys Bruder und dessen Frau hatten ihr angeboten, Ellie aufzunehmen, um ihr das Leben „zu erleichtern“. In ihren Augen ein mehr als merkwürdiger Vorschlag. Wer sagte denn, dass das Leben leicht sein musste? Sie trug die Verantwortung für ihr Kind, und die nahm sie nur zu gerne wahr.

Ellie war die einzige wirkliche Verwandte, die sie hatte, und sie würde sich ganz bestimmt nicht freiwillig von ihr trennen, nicht mal zeitweilig. Da verschob sie lieber ihren Studienabschluss. Ellie war ihr Ein und Alles – auch wenn sie gar nicht geplant gewesen war.

Billy hatte keine Kinder gewollt, und ihre Schwangerschaft war für sie beide überraschend gekommen. Sie hatte sich schnell an den Gedanken gewöhnt, ein Kind zu haben, und sich mächtig darauf gefreut. Billy hingegen hatte sich bis zu seinem Tod nicht mit seiner Vaterschaft anfreunden können. Sie hatten sich sogar noch darüber gestritten, bevor er am Tag seines Todes das Haus verließ.

Es gab nicht viel, was sie in ihrem Leben bereute oder bedauerte – aber der Streit an jenem Morgen gehörte dazu.

„Ich hoffe, ihr beiden habt euch mächtig Appetit angearbeitet.“ Gus’ Worte rissen sie aus ihren Gedanken. „Ich habe der Köchin gesagt, sie soll uns für heute Abend Rinderfilets mit frischem Gemüse vorbereiten.“

„Oh, das tut mir leid“, sagte Rachel bedauernd. „Ich habe schon etwas vor.“

Alexis und Gus schauten sie an, als hätte sie gerade verkündet, sie würde als Präsidentin der Vereinigten Staaten kandidieren. Die schockierten Gesichter brachten Rachel zum Lachen.

„Ich habe beim Coffeeshop einen alten Freund getroffen, und er hat mich für heute Abend zum Essen eingeladen. Aber keine Sorge, ich nehme Ellie mit. Ihr braucht keine Babysitterpflichten zu übernehmen.“

„Das Babysitten wäre überhaupt kein Problem. Du hast also ein richtiges Date?“

Rachel krümmte sich innerlich. „Nein, nein, kein Date. Matt ist ein alter Freund.“

„Welcher Matt?“, fragte Gus und klang wie der besorgte Vater einer minderjährigen Tochter. „Wie heißt er mit Nachnamen?“

„Galloway.“

Gus’ Gesichtszüge entspannten sich. „Den kenne ich. Geschäftsmann aus Dallas – und ein Mitglied des Texas Cattleman’s Club. Er hat dich also um ein Date gebeten?“

„Nein, wie gesagt, das ist kein Date.“ Rachel bereute es schon, dass sie ihre Pläne überhaupt verkündet hatte.

„Ach, jetzt kann ich mich auch an Matt Galloway erinnern“, murmelte Alexis. „Ein Geschäftsmann aus Dallas – das wäre doch perfekt. Wie alt ist er? So Anfang dreißig wahrscheinlich, oder?“

„Ein paar Jahre älter als ich. Aber was meinst du mit perfekt? Perfekt wofür?“

Alexis schmunzelte versonnen. Und plötzlich begriff Rachel.

„Ach so, nein, nein, das kommt überhaupt nicht infrage.“ Energisch schüttelte sie den Kopf. „Wir haben genug Kandidaten für die Junggesellenauktion, und ich werde sicher nicht einen alten Freund bitten, sich als Galionsfigur dafür zur Verfügung zu stellen. Das bringe ich einfach nicht fertig. Wir haben uns gerade erst nach einem Jahr Funkstille wiedergetroffen, und außerdem war er einer von Billys besten Freunden, wenn nicht sogar der beste. Das wäre ein bisschen komisch.“

Sie musste an das Zusammentreffen am Morgen zurückdenken, vor allem daran, wie sie auf ihn reagiert hatte. Sicher, ihr Mann war schon über ein Jahr tot, und trotzdem hatte sie wegen ihrer Gefühle ein schlechtes Gewissen bekommen. Na ja, wahrscheinlich war es nur so eine Aufwallung gewesen. Wenn sie sich heute Abend wiedertrafen, hatte sie sicherlich nur noch freundschaftliche Gefühle für Matt.

Und falls doch wieder so etwas wie Begehren aufkam, würde sie es einfach ignorieren. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Und die Werbefigur für die Auktion darzustellen – das würde sie ihm schon mal gar nicht zumuten. Zumal er allem Trubel um seine Person aus dem Weg gehen wollte.

„Du hast uns ja gar nicht verraten, dass er zum begehrenswertesten Junggesellen von ganz Texas gewählt worden ist“, rief Alexis plötzlich erstaunt aus.

Rachel sah, dass ihre Freundin ihr Smartphone hochhielt. Sie hatte blitzschnell im Internet nach Matt gegoogelt. Das Foto, das sie aufgerufen hatte, zeigte ihn im Smoking auf dem roten Teppich bei irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung.

„Nein, das habe ich euch nicht verraten. Er ist ja gerade nach Royal gekommen, um sich von dem Trubel fernzuhalten. Um gewissermaßen unterzutauchen.“

„Rachel, ein Typ, der so blendend aussieht, wird den Frauen immer und überall auffallen. Das lässt sich gar nicht vermeiden.“

„Vielleicht wäre er genau der Richtige für dich, Alexis“, sagte Gus lachend. „Du hast jede Menge Arbeit mit dieser Veranstaltung – da hast du auch das Recht, dir ein Sahneschnittchen auszusuchen.“

Rachel fand diese Bemerkung gar nicht witzig. Ihre beste Freundin und Matt – bei dem Gedanken wurde ihr ganz anders. Andererseits würde sie nichts dagegen tun können, wenn es so käme. Schließlich hatte sie kein Anrecht auf den Mann.

„Der arme Kerl tut mir richtig leid“, bemerkte Gus, als er sich das Foto auf dem Handy betrachtete. „Wenn einem ständig die Frauen nachlaufen und man niemals seine Ruhe vor ihnen hat – das muss ganz furchtbar sein.“

Alexis verdrehte die Augen. „Hör nicht auf ihn“, sagte sie. „Konzentrieren wir uns jetzt lieber auf Matt. Er wäre die perfekte Werbefigur für uns.“

Verdammt, warum hatte Alexis sich nur so in Matt verbissen? Rachel hatte keine Lust, ihn zu fragen, und erst recht wollte sie nicht, dass sich bei der Auktion Dutzende Frauen um ihn rissen. Ja, sie musste es sich wohl eingestehen, sie war schon im Vorfeld ein kleines bisschen eifersüchtig.

„Überleg dir wenigstens noch mal, ob du ihn nicht doch fragen kannst.“

Als Rachel den bettelnden Hundeblick ihrer Freundin sah, wurde sie fast schwach. Immerhin hatte Alexis sie und Ellie hier aufgenommen, das war keine Kleinigkeit. Und die Junggesellenauktion für den guten Zweck war den Slades eine Herzensangelegenheit, das war unverkennbar. Wie konnte sie da Nein sagen?

„Na schön, ich werde mal sehen, was ich tun kann“, sagte sie seufzend. „Aber ich verspreche nichts. Und ich bettle ihn auf keinen Fall an mitzumachen.“

Alexis hüpfte vor Freude auf der Stelle. „Super, mehr will ich ja gar nicht.“

Gus legte seiner Enkelin eine Hand auf die Schulter. „Meine Alexis ist eine echte Slade. Wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hat, lässt sie nicht locker. Also, auf wen wirst du bieten, Lex?“

„Jetzt hör doch mal auf, Granddad.“ Alexis stöhnte. „Ich mache das Ganze nicht, um den Mann fürs Leben zu finden. Sondern für die Wohltätigkeit.“

„Und dabei will ich dir auch gerne helfen“, sagte Rachel. „Aber was Matt angeht – mehr als nett fragen kann und werde ich nicht.“

„Ist schon in Ordnung“, beteuerte Alexis. „Auf jeden Fall bleibe ich wach, bis du von deinem Date zurückkommst. Damit du mir brühwarm erzählen kannst, ob er bereit ist mitzumachen.“

Rachel seufzte. Alexis kannte die Vorgeschichte nicht, wusste nichts von dem, was sie, Matt und Billy verbunden hatte. Aber sie hatte keine Lust, ihrer Freundin das alles zu erklären. „Du wirst gar nicht so lange wach bleiben müssen. Ich werde schon recht früh zurück sein, schließlich habe ich ja ein Baby dabei. Und das braucht seinen Schlaf.“

„Lass die Kleine doch hier“, sagte Gus. „Ich beschäftige mich so gerne mit ihr. Es ist fast, als hätte ich selbst eine Urenkelin.“

„Granddad, falls das ein Wink mit dem Zaunpfahl war, vergiss es“, sagte Alexis. „Du wirst dich schon noch ein bisschen gedulden müssen, bis ich dir einen Urenkel schenke. Ich habe momentan sehr viel anderes zu tun, wie du weißt.“

Rachel entging nicht, wie Alexis verstohlen auf eins der Fotos schaute – das Foto, das den attraktiven Daniel Clayton zeigte.

Alexis und Daniel waren mal zusammen gewesen – oder wenigstens kurz davor. Wieso es dann zur Trennung gekommen war, wusste Rachel nicht, und immer wenn sie Alexis danach fragte, wich die aus. Aber irgendwann würde sie den Grund noch herausbekommen.

„Um welche Uhrzeit ist denn dein Date?“, erkundigte Alexis sich.

„Zum tausendsten Mal, es ist kein Date, und die Uhrzeit ist offen. Matt hat gesagt, er richtet sich ganz nach Ellies Schlafens- und Wachzeit. Er sitzt in seinem Hotel und wartet halt, bis ich da bin.“

„Eine Verabredung mit Baby – romantisch ist das nicht.“

„Himmel, es soll ja auch nicht romantisch sein, begreif doch endlich. Ich bin gerade erst seit gut einem Jahr Witwe. Da bin ich überhaupt noch nicht bereit für etwas Neues.“

Als sie und Billy heirateten, hing der Himmel voller Geigen. Sie waren überglücklich und genossen jede Sekunde. Dann kam die unerwartete Schwangerschaft, und erste Risse taten sich auf.

Wäre alles wieder ins Lot gekommen, wenn Billy nicht gestorben wäre? Wäre er ein liebevoller Vater geworden, obwohl er sich das Kind nicht gewünscht hatte? Sie wusste es nicht, und sie würde es auch nie erfahren.

Es schmerzte, an die alten Zeiten zurückzudenken. Es hatte Anzeichen gegeben, dass Billy ihr nicht treu war, außerdem hatte es immer häufiger Streit gegeben. Aber sie wollte sich lieber an die guten Zeiten in ihrer Ehe erinnern.

„Ich schaue mal nach Ellie“, sagte sie. „Es ist so ihre Zeit, sie dürfte in Kürze aufwachen. Ich bringe dir nachher mal die Rangreihenfolge für unsere Junggesellen, die ich ausgearbeitet habe. Falls Matt nicht mitmacht, sollten wir vielleicht Daniel als Werbefigur auswählen.“

Alexis zuckte sichtlich zusammen. Daniel als Hauptattraktion für eine Meute eifriger Bieterinnen – dieser Gedanke schien ihr nicht zu behagen. Alexis ging es mit ihm wie ihr mit Matt.

Falls die zwei sich für die Auktion zur Verfügung stellten, würde ihnen beiden wohl nichts anderes übrigbleiben als mitzubieten.

3. KAPITEL

Matt bedankte sich beim Zimmerkellner mit einem üppigen Trinkgeld. Er hatte sich von dem Mann beraten lassen, was die Menü-Auswahl anging. Woher sollte er wissen, was man einem elf Monate alten Kind auftischen konnte?

Von Kindern hatte er keine Ahnung. Null. Das Thema hatte ihn nie interessiert, weil er noch nie ernsthaft daran gedacht hatte, welche in die Welt zu setzen.

An Rachel hingegen war er sehr interessiert. Und wenn es sie nur im Doppelpack zusammen mit der kleinen Ellie gab – das wäre ihm recht, dagegen hatte er keine Einwände. Denn er begehrte sie immer noch wie früher, auch wenn sie zwischenzeitlich seinen besten Freund geheiratet hatte. Er hatte sein Begehren stets verborgen gehalten und sich selbst dann jeglichen Kommentar verkniffen, wenn er das Gefühl hatte, dass Billy sich ihr gegenüber wenig liebevoll verhielt.

Als Rachel schwanger wurde, gab es immer öfter Streit zwischen ihr und Billy. Billy verließ dann oft das gemeinsame Haus, und meistens traf er sich daraufhin mit ihm. Sie spielten Billard, tranken Bier oder fuhren mit seinem Boot hinaus auf den See.

Billy begriff nicht, dass man durch Weglaufen keine Probleme löste. Rachels Schwangerschaft war für ihn ein Störfaktor, und ihre Gefühle schienen ihm ziemlich gleichgültig zu sein. Nicht gerade mustergültiges Verhalten für einen Ehemann.

Ein paar Mal hatte er versucht, mit seinem Freund darüber zu reden, der hatte ihm jedoch regelmäßig eine Abfuhr erteilt. Misch dich nicht ein, was weißt du denn schon? Wer ist denn hier verheiratet, du oder ich? Du hast doch keine Ahnung von der Ehe!

Natürlich hatte er keine Ahnung von der Ehe aus eigener Erfahrung – aber er wusste, wie ein anständiger Mann eine Frau behandelte. Respekt war eine Mindestanforderung. Und Rachel – ja, Rachel hätte er nur zu gern auf Händen getragen.

Matt schaute auf den Balkon seiner Hotel-Penthouse-Suite hinaus. Dort hatte er das Abendessen auftischen lassen. Man hatte einen wunderbaren Ausblick auf die Umgebung, und vor allem war man ungestört.

Hoffentlich gefällt es ihr, dachte er. Er verstand selbst nicht recht, weshalb er so nervös war. Aufgeregt wie ein Schuljunge vor seinem ersten Date. Dabei war es nicht einmal ein richtiges Date, und Rachel und er kannten sich seit vielen Jahren. Allerdings begehrte er sie auch schon seit vielen Jahren.

Sie hatte sich verändert, sie musste sich zwangsläufig verändert haben. Viel war ihr widerfahren. Sie war jetzt eine alleinerziehende Mutter, die einen Neustart wagte. Und er? Was wollte er?

Ihr wäre sicher nichts an einer kurzen Affäre mit dem besten Freund ihres verstorbenen Ehemannes gelegen, er hätte zumindest nichts dagegen. Man müsste mal austesten, ob das Interesse, auch das körperliche Interesse, auf Gegenseitigkeit beruhte.

Auf jeden Fall musste er sein Verlangen fürs Erste unterdrücken. Sie kam ja nicht für ein kurzes sexuelles Stelldichein hierher. Er hatte sie als alter Freund eingeladen, und vermutlich würde sie es dabei belassen wollen.

Sicher, sie war jetzt alleinstehend, aber er würde schon deshalb keine Chance bei ihr haben, weil er als Frauenheld verschrien war. Der begehrenswerteste Junggeselle von ganz Texas, haha! Mit so etwas konnte man Rachel nicht imponieren. Sie war eher der Typ für Haus und Heim, Liebe, Treue und so weiter.

Dieser dämliche Titel! So mancher Mann wäre vielleicht stolz darauf – er nicht. In Dallas konnte er sich überhaupt nicht mehr mit einer Frau treffen, ohne dass Kameras oder Handys klickten, ohne dass ein Blitzlicht aufflammte. Himmel, man hatte ihn sogar schon um Autogramme gebeten.

Einmal war er zu seiner Penthouse-Wohnung zurückgekehrt und ein Reporter hatte ihm vor der Tür aufgelauert. Eine Unverschämtheit. Nach dieser Panne hatte er seinen Sicherheitsmann gefeuert.

Die eine Frau auf der Welt, die ihm wirklich etwas bedeutete, würde er niemals bekommen. Vielleicht war das seine Strafe, weil er insgeheim seines Nächsten Weib begehrt hatte.

Vermutlich würden Rachel und Ellie bald auftauchen. Verdammt, war er nervös. Das war er sonst nie. Er schloss Millionen-Dollar-Deals ab, ohne ins Schwitzen zu kommen, und jetzt machte ihn so ein simples Treffen nervlich fertig? Merkwürdig, sehr merkwürdig.

Dabei würde heute Abend nichts Aufregendes geschehen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Ohnehin war das Kind mit dabei, aber auch sonst würde ihr vermutlich nicht in den Sinn kommen, plötzlich mit ihm ins Bett zu gehen.

Rachel, Rachel! Was war es nur, was ihn an ihr so faszinierte? Zum einen sicherlich ihre perfekte Schönheit, allerdings hatten andere Väter ebenfalls schöne Töchter. Sie strahlte eine erotische Sinnlichkeit aus, wie er sie noch bei keiner anderen Frau erlebt hatte. Und sie hatte ein flinkes Mundwerk; bei Auseinandersetzungen konnte ihr so schnell keiner das Wasser reichen. Auch das imponierte ihm.

Es klingelte. Das musste sie sein. Und nun würden sie schön gemeinsam zu Abend essen, das war alles.

Leider.

Schluss jetzt, schalt er sich. Hör endlich auf, sündige Gedanken zu haben, was Rachel angeht.

Er öffnete die Tür – und schlagartig waren die sündigen Gedanken wieder da. Sie sah wunderschön aus. Sicher, sie war inzwischen Mutter und hatte ein kleines Kind mit dabei – aber das tat ihrer Attraktivität keinen Abbruch.

„Ha… hallo. Komm doch rein. Ich freue mich, dass du da bist.“

Nun fing er vor Aufregung schon an zu stottern! Himmel, warum nur? Er war ein gestandener Mann, Chef eines milliardenschweren Unternehmens, und jetzt war er nervös wie ein Schuljunge bei seinem ersten Date.

„Wow, das Hotel ist wirklich edel.“

Sie trat ein und blickte sich bewundernd um. „Diese Penthouse-Suite ist ja größer als das Apartment, in dem ich zuletzt gewohnt habe.“

Matt runzelte die Stirn. Warum hatte sie in so einem kleinen Apartment gelebt? Er konnte ja verstehen, wenn sie aus emotionalen Gründen das Haus verkauft hatte, in dem sie mit Billy gewohnt hatte, doch wieso war sie in ein Winz-Apartment gezogen? Fehlte ihr das Geld für ein Haus?

Natürlich stand es ihm nicht zu, Rachel über ihre finanziellen Verhältnisse auszufragen, aber interessiert hätte es ihn.

„Wenn ich mich schon verstecken muss, will ich es wenigstens schön haben“, scherzte er. „Zum Arbeiten gehe ich in die Büroräume des Texas Cattleman’s Club, und wenn ich zurück im Hotel bin, ist Erholung angesagt. Hier gibt es ein Fitnessstudio und eine Sauna, und wenn ich was essen will, suche ich das Restaurant unten auf oder lasse mir etwas aufs Zimmer bringen.“

„Dann kannst du auf dem Balkon essen“, sagte sie mit einem Blick auf die gläserne Flügeltür, „und dabei auf das gemeine Volk herabschauen.“

Er musste lachen. „Hältst du mich für so einen Snob? Allerdings habe ich unser Abendessen tatsächlich auf dem Balkon geplant. Sieh es dir doch mal an.“

Sie traten hinaus.

„Oh, der Ausblick ist wirklich fantastisch. Und was sehe ich da? Du hast sogar extra einen Kinder-Hochstuhl für Ellie besorgt?“

„Ja, ich dachte mir, sicher ist sicher.“ Er hatte sich alles Mögliche kommen lassen, was für ein Kind in Ellies Alter infrage käme. Nicht kleckern, sondern klotzen war seine Devise. Geld genug hatte er schließlich.

Während sie ihr Töchterchen in den Hochstuhl setzte, musterte er Rachel verstohlen. Ja, er begehrt sie, das ließ sich nicht leugnen. Aber wäre es fair, ihr näherkommen zu wollen, wo er doch keine ernsthaften Absichten hatte? Er wollte weder eine Familie gründen noch eine wirklich feste Beziehung.

Er war mit seinem Beruf verheiratet, da blieb nicht viel Zeit für anderes. Außerdem hatte er Angst davor, Rachel als gute Freundin zu verlieren. Und das könnte durchaus passieren, wenn er versuchte, ihr körperlich näherzukommen.

Rachel schaute auf die Menge an Spielzeug, die er hatte besorgen lassen.

„Ich hoffe, es ist was Passendes für die Kleine dabei“, sagte er. „Ich weiß nicht recht, was für welches Alter geeignet ist. Falls du etwas anderes für sie willst, sag mir nur Bescheid, ich telefoniere dann eben und…“

„Nein, nein, um Himmels willen.“ Gerührt blickte sie ihn an. „Du hast schon so viel getan, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Du hast mich zum Essen eingeladen und so viel für Ellie besorgt.“

Er schaute zu der Kleinen hinüber. „Sie ist wunderhübsch“, murmelte er, und irgendwie – er wusste selbst nicht warum – wurde ihm ganz warm ums Herz. „Genau wie ihre Mutter.“

Beschämt blickte Rachel zur Seite. Offensichtlich fiel es ihr immer noch schwer, ein Kompliment anzunehmen. Das war schon früher so gewesen, das hatte ihn jedoch nicht davon abgehalten, ihr ab und zu nette Dinge zu sagen, zum Beispiel über ihr Haar, sogar wenn Billy dabei war. Soweit er wusste, hatte Billy seiner Frau nie Komplimente gemacht. Billy war ein guter Freund gewesen, ein wirklicher Kumpel, aber als Ehemann hatte er einiges zu wünschen übrig gelassen.

Nun ja, das spielte jetzt keine Rolle mehr. Egal, wie die Ehe der beiden war, er käme sich mies vor, wenn er versuchte, sich an Billys Frau heranzumachen. So etwas gehörte sich eigentlich nicht, fand er. Andererseits war er es gewohnt, sich das zu nehmen, was er wollte. Und er wollte Rachel Kincaid – sehr sogar.

„Kommen noch mehr Leute zum Essen?“, fragte sie, als sie den zum Bersten gefüllten Tisch sah.

„Nein, wir sind ganz unter uns. Ich habe zur Sicherheit lieber etwas mehr bestellt. Alles Gerichte, von denen ich weiß, dass du sie früher gerne gegessen hast.“

„Das ist ja süß“, erwiderte sie geschmeichelt. „Dabei bin ich eigentlich ein Gewohnheitstier, was das Essen angeht. Anspruchslos und langweilig. Meistens esse ich Pizza oder Pasta.“

Er trat einen Schritt auf sie zu und lächelte sie an. „Wenn du eins nicht bist, dann langweilig“, schmeichelte er ihr. „Ist doch eine gute Sache, wenn man weiß, was man will. Ich bin auch so. Wenn ich etwas sehe, das mir gefällt, dann will ich es haben.“

Sie blickte ihn fragend an. „Redest du jetzt vom Essen – oder von etwas anderem?“

Matt zuckte mit den Schultern. „Na ja, eigentlich waren wir ja gerade beim Thema Essen.“ Er schaute auf den Rucksack, den sie mitgebracht und in einer Ecke abgestellt hatte. „Was hast du denn da alles drin?“

„Alles für meine Süße. Man macht sich ja keine Vorstellung, was so ein kleiner Mensch alles braucht. Windeln, Reinigungstücher, Po-Salbe.“

„Wie bitte?“

„Po-Salbe. Wie der Name schon sagt: Salbe für den Po. Wenn er wund ist. Das kann bei Babys schnell passieren. Dann noch Ersatzklamotten für den Fall, dass die Windel überquillt, ein paar Spielsachen …“

„Po-Salbe und überquellende Windeln – vielen Dank, ich glaube, ich fühle mich jetzt gut genug informiert. Konzentrieren wir uns lieber aufs Essen, bevor uns der Appetit vergeht. Ich tue dir was auf den Teller. Das Restaurant im Erdgeschoss hat so ziemlich das beste Angebot, das ich je probiert habe, und ich bin weit rumgekommen, auf der ganzen Welt. Ich habe uns auch etwas von ihrem Rosmarin-Brot geordert. Als ich die Bestellung aufgegeben habe, haben sie mir gesagt, es käme gerade frisch aus dem Ofen.“

„Du kennst mich ja“, sagte sie lächelnd. „Für Kohlehydrate bin ich immer zu haben.“

„Magst du Limettenkuchen noch so gerne wie früher?“

Rachel verdrehte genießerisch die Augen. „Wenn du damit meinst, dass ich ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit verschlinge, als gäbe es kein Morgen, dann ja. Da sind mir sogar die Kalorien herzlich egal. Limettenkuchen ist jede Sünde wert.“

„Du siehst immer noch so überwältigend aus wie früher, Rachel. Daran könnten nicht mal ein paar Pfündchen zu viel etwas ändern. Aber die hast du ja nicht.“

Sie lächelte. „Kein Wunder, dass sie dich zum begehrenswertesten Junggesellen gekürt haben. Du hast die Komplimente-Masche voll drauf.“

„Ist alles die reine Wahrheit.“ Das stimmte sogar. Er konnte charmant sein, konnte die Frauen becircen – aber wenn er Rachel etwas Nettes sagte, dann meinte er es auch so. Er bereute es, dass er sich ein Jahr lang nicht bei ihr gemeldet hatte.

„Ich habe dich vermisst“, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Unsere Freundschaft.“

Freundschaft, ja. Darauf würde ihre Beziehung wohl hinauslaufen, denn Rachel war verwitwet und alleinerziehende Mutter. Unwahrscheinlich, dass sie Interesse an einem kleinen Sex-Abenteuer hatte. Wenn er ehrlich war, hatte er keine Lust, die Rolle eines Ersatzvaters zu spielen, dennoch wollte er mehr von Rachel als nur ihr guter Freund sein. Die berühmten guten Freunde.

Womöglich hatte sie das mit der Freundschaft extra betont. Wenn sie wirklich kein weitergehendes Interesse an ihm hatte, würde er das akzeptieren, aber er musste es wissen. Wer kannte schon das Seelenleben einer Frau – vielleicht wäre sie einem kleinen Abenteuer doch nicht abgeneigt und würde es sogar verstehen, dass er keine ernsthafte Beziehung wollte.

„Ich esse jetzt lieber schnell etwas, bevor Ellie quengelig wird“, sagte sie. „Sie hat es gut drauf, immer dann Hunger zu entwickeln, wenn ich eine warme Mahlzeit vor mir stehen habe. Natürlich hat sie Vorrang, das weiß sie ganz genau. Und ich bekomme hinterher das kalte Essen.“ Sie lachte.

Matt führte Rachel an den Tisch und zog den Stuhl für sie zurück. „Falls sie anfängt zu quengeln, nehme ich sie auf den Arm und halte sie bei Laune, bis du mit dem Essen fertig bist. Ich sorge dafür, dass du in den Genuss einer warmen Mahlzeit kommst, das ist Ehrensache.“

Rachel zog eine Augenbraue hoch. „Meinst du, du kriegst es hin, den Babyversteher Onkel Matt zu spielen?“

Onkel Matt? Autsch! Er wusste nicht recht, ob diese Bezeichnung ihm gefiel.

„Natürlich kriege ich das hin. Ich schließe schon vor dem Frühstück Multi-Millionen-Dollar-Geschäfte ab. Da werde ich doch wohl so ein kleines Baby im Zaum halten können.“

Rachel kniff die Augen zusammen. „Bilde dir bloß nicht zu viel ein. Mit so einem Baby umzugehen, das ist schwieriger, als man denkt.“

„Das will ich gerne glauben. Aber jetzt iss erst mal.“

Er tat ihr auf und schenkte ihr einen Pinot Grigio ein.

„Du hast das alles ja mächtig schnell organisiert, wenn man bedenkt, dass du mich vorhin erst eingeladen hast“, sagte sie.

„Ein paar Telefonate und die richtigen Verbindungen, dann läuft das schon. Für eine gute Freundin, die man ein Jahr nicht mehr gesehen hat, kann man sich ein bisschen ins Zeug legen.“

Sie sah ihm in die Augen. „Eine Tasse Kaffee oder ein Spaziergang im Park hätten es auch getan.“

Spontan ergriff er ihre Hand. „Du hast allen Grund, sauer auf mich zu sein.“

„Ich bin nicht sauer auf dich.“

Er zog seine Hand wieder zurück. Mit einer gewissen Befriedigung registrierte er, dass sie ihren Ehering nicht mehr trug.

„Du bist zumindest verletzt, Rachel. Mach mir nichts vor. Billys Tod hat mit uns beiden etwas angestellt.“

Er hatte sie damals einfach nicht trösten können. Seine Gefühle für sie wären ihm dabei in die Quere gekommen. Sie tröstend im Arm zu halten, ohne ihr wirklich näherzukommen – das hätte er nicht durchgestanden. Er hatte nur hoffen können, dass jemand anders ihr den Trost spendete, den sie brauchte.

„Ja, verletzt war ich tatsächlich“, gab sie zu. „Eigentlich bin ich es immer noch. Würdest du mir vielleicht verraten, warum du einfach abgetaucht bist?“

„Ich habe dir doch eine Textnachricht geschickt.“

Das war ja wohl eine mehr als schwache Ausrede, aber sie war ihm so herausgerutscht.

„Eine Textnachricht, ganz reizend“, erwiderte sie, leichter Spott schwang in ihrer Stimme mit. „Ich finde, wir müssen mal über diese Angelegenheit reden, Matt, allerdings nicht heute. Wir wollen uns den schönen Abend nicht kaputt machen.“ Sie ergriff ihre Gabel und lächelte ihn an. „Billy war ein großer Teil meines Lebens, aber ich habe versucht, damit abzuschließen und nach vorne zu schauen. Ich muss an Ellies Zukunft denken – und auch an meine. Da kann man nicht immer nur zurückblicken.“

Er konnte ihre Einstellung nur bewundern. Sie bewältigte ihre Trauer, trotzte dem Schicksal. Dazu brauchte man Kraft, und die hatte sie.

„Du sagtest, du bist dabei, dein Studium zu beenden. Was hast du anschließend vor?“

Rachel spießte ein Stück Pasta auf. „Im Moment helfe ich Alexis bei der Organisation einer Wohltätigkeitsauktion. Der Erlös soll der Forschung über Bauchspeicheldrüsenkrebs zugutekommen.“

Matt nickte anerkennend. „Was wird bei der Auktion denn versteigert? Habt ihr Sachspenden von ortsansässigen Unternehmen bekommen?“

Rachel tupfte sich den Mund mit ihrer Serviette ab. „Nein, wir versteigern Männer.“

Er sah sie verblüfft an. „Entschuldige, ich habe eben verstanden, ihr würdet Männer versteigern.“

Sie setzte ihr verschmitztes Lächeln auf, das er von früher noch so gut kannte.

„Du hast richtig gehört. Es handelt sich um eine Junggesellenauktion. Hättest du zufällig Lust, unser Junggeselle Nummer fünfzehn zu sein?“

4. KAPITEL

Das nannte man wohl mit der Tür ins Haus fallen. Sicher, sie hatte Alexis versprochen, Matt zu fragen, aber etwas geschickter hätte sie es sicher anstellen können.

„Junggeselle Nummer fünfzehn“, murmelte er. Dann schwieg er.

Rachel fühlte sich entsetzlich unwohl. „Wir könnten halt noch einen weiteren Junggesellen brauchen, und zwar möglichst einen, der besonders bekannt und beliebt ist. Eine Art Werbeträger sozusagen. Tja, und dann tauchst du plötzlich in der Stadt auf, und wir sind ja Freunde, und du hast diesen Titel, begehrenswertester Junggeselle, und …“

...

Autor

Robyn Grady

Es ist schon lange her, doch Robyn Grady erinnert sich noch ganz genau an jenes Weihnachten, an dem sie ein Buch von ihrer großen Schwester geschenkt bekam. Sofort verliebte sie sich in die Geschichte von Aschenputtel, die von märchenhaftem Zauber und Erfüllung tiefster Wünsche erzählte. Je älter sie wurde, desto...

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Carolyn Hector
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