Das sinnliche Versprechen des Milliardärs

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Skrupel kennt Milliardär Daniel Lee nicht, weder privat noch bei seiner Arbeit als Lobbyist - bis er die Tränen in den Augen der jungen Christine Murray sieht. Warum hat er sie nur in eine fragwürdige Kampagne hineingezogen, um ihrem Vater zu schaden? Als sie zwei Jahre später wieder gegen ihren Willen im Rampenlicht steht, lädt Daniel sie kurzentschlossen auf sein Luxusanwesen am Ufer des Lake Michigan ein. Hier weiß er Christine in Sicherheit, hier will er seine Schuld wiedergutmachen - und entdeckt erstaunt, was es heißt, jemanden zu lieben …


  • Erscheinungstag 20.03.2018
  • Bandnummer 2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733720414
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Wie immer meldete er sich beim ersten Klingeln des Telefons. „Daniel hier.“

Da ihm die auf dem Display angezeigte Nummer nichts sagte, erwartete er, eine fremde Stimme zu hören. Doch tatsächlich erkannte er den Anrufer schon beim ersten Wort.

„Hallo, Lee! Ich wusste doch, dass ich dich irgendwann finden würde.“

„Brian!“ Er war entsetzt, wollte es sich aber auf keinen Fall anmerken lassen.

Daniel Lee hatte Brian White kennengelernt, als er noch studierte. Der nur wenig ältere Mann hatte ihn vom Campus weg engagiert und ihm beinahe alles beigebracht, was er über die Beeinflussung und Manipulation von Meinungen wusste. Fast vierzehn Jahre lang hatten sie bei verschiedenen politischen Kampagnen zusammengearbeitet. Brian war skrupellos, ein Mensch ohne jede Moral. Das machte ihn unglaublich erfolgreich.

„Wie geht es dir?“, fragte Daniel, um Zeit zu gewinnen. Ihm war sogleich klar, dass Brian sich nur aus einem einzigen Grund an ihn wandte: Er wollte, dass Daniel wieder sein Partner wurde. Dabei hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich nie wieder an einer Kampagne beteiligen würde.

„Ich habe einen Job für dich“, sagte Brian.

Genau was Daniel vermutet hatte! Brians Anliegen war also keine Überraschung. Überrascht war Daniel allerdings davon, wie er auf Brians Angebot reagierte. Ihm wurde flau im Magen. Doch nicht, weil er wie so viele Politiker Angst vor Brian hatte. Was also rief dieses Unbehagen hervor? War es denkbar, dass es sich um Schuldgefühle handelte?

„Ich habe einen Job“, erklärte er.

„Du leitest die Marketingabteilung einer Brauerei. Daniel, Junge, wir wissen beide, dass du bei den Beaumonts dein Talent vergeudest.“

Unwillkürlich verdrehte Daniel die Augen. Brain hatte keine Ahnung, was Loyalität war. Deshalb würde er auch nie verstehen, dass die Tätigkeit in der Brauerei mehr war als ein Job. Daniel leitete nicht einfach eine Marketingabteilung, er bekleidete eine führende Position im Unternehmen seiner Familie. Zwar lautete sein Familienname nicht Beaumont, aber er gehörte dennoch dazu, denn er war eines der unehelichen Kinder des verstorbenen Hardwick Beaumont. Oft dachte er darüber nach, wie befriedigend es gewesen wäre, wenn sein koreanischer Großvater noch erlebt hätte, wie er den ihm zustehenden Platz in der amerikanischen Familienbrauerei einnahm.

„Ich habe dir doch klipp und klar gesagt, dass ich nichts mehr mit politischen Kampagnen zu tun haben will.“ Noch während er sprach, begann er im Internet mit der Suche nach dem Politiker, der Brian engagiert hatte.

„Stimmt, das hast du gesagt. Aber wir wissen beide, dass du es nicht ernst gemeint hast. Ich bin sicher, dass der neue Auftrag genau nach deinem Geschmack ist.“ Eine kurze Pause folgte. Dann: „Hast du es schon gefunden?“

Verdammt! Natürlich kannte Brian ihn gut genug, um seine Vorgehensweise zu kennen. „Du könntest mir verraten, worum es geht“, sagte Daniel in ebendem Moment, da er die Nachricht fand: „Senator in Missouri muss alle Ämter niederlegen, nachdem sein Liebhaber an die Öffentlichkeit gegangen ist.“

Missouri? Daniel spürte, wie seine Nackenhaare sich aufrichteten. Selbst ein so skrupelloser Mann wie Brian konnte doch nicht …

„Clarence Murray möchte, dass du für ihn arbeitest“, sagte Brian mit unüberhörbarem Enthusiasmus. „Es wird eine Nachwahl geben, weil Senator Struthers in Ungnade gefallen ist und seinen Sitz im Senat räumen musste.“

Obwohl es kaum möglich war, Daniel zu schockieren, verschlug es ihm einen Moment lang die Sprache. „Du machst dich über mich lustig“, sagte er dann. Schließlich war es nicht mal zwei Jahre her, dass er und Brian gemeinsam im Auftrag des Gouverneurs von Missouri Murrays Ruf zerstört hatten. „Murray ist ein Wahnsinniger.“

„Schon möglich. Trotzdem hat er viele großzügige Unterstützer.“ Brians Stimme hörte sich jetzt nicht mehr so begeistert an – was kein gutes Zeichen war.

„Nach allem, was wir ihm und seinem Ruf vor damals angetan haben, glaubt Murray noch immer, irgendwer würde ihn wählen?“ Daniel stellte die Frage, obwohl er schon wusste, wie Brians Antwort lauten würde.

Und richtig!

„Es ist nicht meine Aufgabe zu entscheiden, ob er wählbar ist. Er und seine Geldgeber wollen, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, damit er gewählt wird. Also tun wir es. Auch du.“

„Nein“, sagte Daniel, der unterdessen weiter im Internet nach Informationen gesucht hatte. Offenbar war Murray in den letzten Jahren politisch nicht in Erscheinung getreten. Vermutlich hatte er seine Energie darauf verwendet, Menschen zu finden, die bereit waren, ihm Geld zur Verfügung zu stellen, damit er zum geeigneten Zeitpunkt seine politischen Ambitionen verwirklichen konnte. Da er ein recht bekannter Prediger war – leider gehörte er zum Lager der religiösen Fundamentalisten –, hatte er wahrscheinlich eine Menge gläubiger Anhänger.

„Das meinst du nicht ernst! Die Arbeit wird dir Spaß machen“, behauptete Brian. „Die Demokraten flüstern sich bereits zu, dass der Sitz im Senat ihnen zufallen wird. Hast du etwa keine Lust, ihnen eine Lektion zu erteilen?“

Schweigen antwortete ihm. Denn Daniel hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Eine Schlagzeile und einen Artikel, den er selbst verfasst hatte. Auch ein Foto gehörte dazu. Es zeigte eine junge Frau, die aus einem Winkel aufgenommen war, der ihr ganz und gar nicht schmeichelte.

Murrays Tochter erwartet ein Baby. Wer mag der Vater sein?

Daniel schluckte.

Clarence Murray hatte wahrscheinlich ernsthaft geglaubt, Gott hätte ihn auserwählt, um sich in Missouri für eine vermeintlich christliche Politik einzusetzen. Seine Tochter jedoch hatte diesen Traum zunichtegemacht. Seine schwangere, aber nicht verheiratete Tochter.

Es war Daniel gewesen, der das Schicksal der jungen Frau für die Kampagne gegen Murray ausgenutzt hatte.

In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt, hieß es. Daniel hatte damals geglaubt, das Gleiche gelte für die Politik. Er hatte für viele Politiker gearbeitet. Und seine große Stärke hatte stets darin bestanden, die unerquicklichen Geheimnisse ihrer Gegner ans Licht zu bringen. Nie hatte er deshalb Gewissensbisse verspürt. Das war jetzt anders. Er wollte wissen, was aus Christine Murray und ihrem Baby geworden war. Hatte ihr Schicksal sich zum Guten gewendet?

Es gab eine Menge alter Artikel über sie. Daniel hatte damals den Anstoß zu einer regelrechten Hexenjagd gegeben. Man hatte kein gutes Haar an der ledigen Mutter gelassen.

„Dir ist klar, dass man sich wieder auf die Tochter stürzen wird?“, fragte Daniel. So unglaublich es war, er schien im Alter von vierunddreißig Jahren so etwas wie ein Gewissen entwickelt zu haben.

Christine Murray war vierundzwanzig gewesen, als ihr Vater sich um ein politisches Amt in Missouri beworben hatte. Damals wohnte sie schon seit Jahren nicht mehr in ihrem Elternhaus und hatte so gut wie nichts mehr mit ihrem Vater zu tun. Wie es aussah, hatte sie nach dem Tod ihrer Mutter ein wildes Leben geführt. Man könnte sagen: die typische Pastorentochter. Erstaunlicherweise hatte sie dann einen guten Abschluss in Betriebswirtschaft gemacht. Wenig später hatte sie sich verlobt und war schwanger geworden.

Nichts daran war wirklich skandalös. Doch für ihren Vater war es ein Fiasko gewesen. Er hatte einen Wahlkampf geführt, in dem sein gottgefälliges intaktes Familienleben die größte Rolle spielte. Clarence Murray konnte sich keine unverheiratete schwangere Tochter leisten.

Damals war Daniel mit dem Erfolg seiner Taktik zufrieden gewesen. Als er erfuhr, dass der Vater von Christines ungeborenem Kind sich von ihr getrennt hatte, hatte er dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit auch davon erfuhr.

„Mach dir keine Sorgen um das Mädchen“, meinte Brian. „Ich habe einen Plan. Aber damit er funktioniert, brauche ich dich. Also sag Ja!“

Daniel spürte, wie ihm übel wurde. Verdammtes Gewissen! Alles war einfacher gewesen, solange er keins gehabt hatte.

Der Bildschirm seines Computers zeigte inzwischen mehrere Fotos von Christine Murray. Sie war eine kleine Blondine mit blauen Augen und sehr weiblichen Kurven. Sie war schön. Nur, dass sie auf allen Fotos wie ein scheues Tier wirkte, das man in die Enge getrieben hatte.

„Ich kann dir nicht helfen“, erklärte Daniel. Irgendwann hatte er bemerkt, dass ihm nicht gefiel, welche Folgen seine Kampagne für Christine Murray gehabt hatte. Dass ihr Vater die Wahl verloren hatte, fand er nach wie vor richtig. Als Inhaber eines politischen Amtes wäre der Mann eine Katastrophe gewesen!

„Lee, das ist nicht witzig! Es wird ein Gemetzel geben, und ich möchte dich an meiner Seite haben. Niemand ist so gut wie du darin, Geheimnisse aufzudecken.“

„Ich wünsche dir viel Erfolg. Doch ich werde dich nicht unterstützen.“

„Weil es um Murray geht?“

„Weil ich nie wieder mit dir zusammenarbeiten werde. Bitte ruf mich nicht mehr an.“

„Ist das ein Befehl?“ Brians Stimme war gefährlich leise geworden. „Ich habe gedacht, wir wären Freunde.“

Daniel war kein Dummkopf. Er wusste, wann man ihm drohte. Außerdem hatte die Erfahrung ihn gelehrt, dass man kein Gewissen und keine Moral haben durfte, wenn man bei politischen Kampagnen zu den Siegern gehören wollte. Dennoch machte die Drohung hinter Brians Worten ihm keine Angst. Der Mann konnte ihm nichts anhaben, wenn er sich selbst nicht ebenfalls schaden wollte.

„Ich drück dir die Daumen“, sagte Daniel, während er noch immer Christine Murrays Gesicht auf dem Bildschirm betrachtete.

Schon als er die junge Frau zum ersten Mal gesehen hatte, fand er sie hinreißend. Er hatte ein starkes Verlangen verspürt, mit ihr zu schlafen. Aber natürlich hatte er sich gegen ihre Anziehungskraft gewappnet. Genau das würde er auch jetzt tun. Wünsche und Begierden machten das Leben nur unnötig kompliziert.

„Du begehst einen Fehler, Lee.“

„Ich habe genug damit zu tun, meine eigenen Geschäfte zu regeln. Mach’s gut, Brian. Es war nett, von dir zu hören.“ Damit unterbrach er die Verbindung und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Leider musste er feststellen, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Ohne es eigentlich zu wollen, rief er noch einmal die Fotos von Christine Murray auf. Und dann setzte er sogar seine Suche nach Informationen über sie fort. Er fand einen Artikel, in dem von der Geburt ihrer Tochter berichtet wurde. Entgegen alle Vernunft hoffte er, dass Murrays politische Gegner die junge Mutter und ihr Kind in Ruhe lassen würden.

Er fragte sich, wo die beiden sich wohl aufhalten mochten. Auch dazu musste das Internet ihm doch Auskunft geben können. Und richtig! Es kostete einige Mühe, doch dann fand er Christines Namen auf der Mitarbeiterliste der First City Bank of Denver. Sie war für die Vergabe von Krediten zuständig. In Denver! In der Stadt, in der auch er lebte. Wie unerwartet! Und wie gut. Denn das bewies, dass sie seit Langem nichts mehr mit ihrem Vater zu tun hatte. Vielleicht würden Clarence Murrays politische Feinde sie gar nicht finden.

Aber es war reichlich naiv, das zu glauben.

Daniel gestand sich ein, dass es sinnlos war, sich etwas vorzulügen. Er hatte Christine gefunden. Also würden auch andere sie finden. Ein paar Mausklicks genügten. Dann würde man ihr wieder nachstellen und ihr Privatleben an die Öffentlichkeit zerren.

Er verabscheute es, Schuldgefühle zu haben. Außerdem ging Christine Murray ihn nichts an. Trotzdem konnte er den Blick nicht von dem Foto wenden, das sie an ihrem Arbeitsplatz zeigte. Ihre blauen Augen waren unverkennbar. Allerdings sah sie – anders als auf den anderen Bildern – nicht verängstigt aus.

Wenn ihr Vater wirklich ein christlich denkender Mann gewesen wäre, hätte er sicher versucht, seine Tochter zu schützen. Doch Daniel wusste genau, dass Murray nichts unternehmen würde, um Christine zu helfen. Brian würde auch gar nicht zulassen, dass der Vater sich vor seine Tochter stellte. Im Gegenteil, er würde dafür sorgen, dass Murray sich öffentlich vom Lebensstil seiner Tochter distanzierte, um so zu beweisen, wie weit seine Frömmigkeit ging.

Daniel griff nach dem Telefon und wählte die Nummer seines Halbbruders Zeb, der vor einiger Zeit die Beaumont-Brauerei übernommen hatte.

„Du hast die Verkaufszahlen?“, fragte Zeb.

„Nein.“ Daniel zweifelte nicht daran, dass er einen Fehler machte. Dennoch konnte er nicht anders. Er musste verhindern, dass die Meute der Journalisten sich auf Christine Murray stürzte. „Du wirst dich noch ein wenig gedulden müssen, Zeb. Ich habe etwas Dringendes zu erledigen und werde eine Zeit lang nicht im Büro sein.“

Diese Mitteilung war so untypisch, dass Zeb gleich fragte: „Ist alles in Ordnung, Daniel?“

Aber er dachte nicht daran, Zeb einzuweihen. Sie standen sich nicht besonders nahe, obwohl sie Halbbrüder waren und seit einiger Zeit zusammenarbeiteten. „Ich gebe dir Bescheid, wenn ich Hilfe brauche.“

„Das beruhigt mich. Dann bleibt mir wohl nur, dir viel Glück zu wünschen.“

„Glück hat damit nichts zu tun.“ Trotzdem würde er ein bisschen Glück brauchen können.

Ohne wirklich etwas zu sehen, starrte Christine Murray auf den Bildschirm ihres Computers. Ihre Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit. Wie anders hätte alles sein können, wenn Doyle zu ihr gestanden hätte, als die Reporter über sie herfielen, weil ihr Vater in die Politik gehen wollte. Sie und Doyle hätten heiraten und Marie ein richtiges Familienleben bieten können.

Träume … sie führten zu nichts, und doch schienen sie manchmal notwendig. Was wäre, wenn …? Das war eine Frage, die Christine sich oft stellte. Wenn ihre Mom nicht viel zu früh gestorben wäre … Wenn sie selbst in einer normalen Familie aufgewachsen wäre … Wenn ihr Vater realistisch genug gewesen wäre, um zu erkennen, dass er nicht die Qualifikation für ein verantwortungsvolles politisches Amt mitbrachte …

Das Läuten des Telefons riss sie aus ihren Grübeleien. „First City Bank of Denver“, meldete sie sich. „Christine am Telefon. Was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag, Miss Murray.“

Die Stimme des Mannes jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken.

„Wir sind einander bisher nicht offiziell vorgestellt worden. Mein Name ist Brian White. Ich rufe Sie wegen Ihres Vaters Clarence Murray an.“

Ohne nachzudenken, unterbrach sie die Verbindung. Niemals würde sie den Namen des Mannes vergessen, der ihr Leben ruiniert hatte. Niemals würde sie vergessen, dass Brian White seinerzeit die Kampagne gegen ihren Vater geleitet hatte.

Das Telefon läutete erneut. Es konnte nur White sein. Das spürte sie. Sie wollte nicht abnehmen! Aber sie befand sich an ihrem Arbeitsplatz. Deshalb musste sie jeden Anruf annehmen. Schließlich konnte es trotz allem ein Bankkunde sein, der sie sprechen wollte.

„Miss Murray? Wir sind anscheinend getrennt worden.“

Ihr drehte sich der Magen um. „Was wollen Sie?“

„Sie brauchen keine Angst zu haben, Miss Murray. Ihr Vater hat mich gebeten, Kontakt zu Ihnen aufzunehmen.“

„So? Warum kann er mich dann nicht selbst anrufen? Immerhin bin ich seine einzige Tochter.“ Sie hoffte, dass ihre Stimme einigermaßen gefasst klang.

„Ihr Vater will sich um einen Sitz als Senator bewerben und …“

Sie hörte den Rest des Satzes nicht, weil sie gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfen musste.

„… Sex-Skandal“, sagte Brian. „Deshalb wollen die Einwohner von Missouri einen moralisch gefestigten Mann als Struthers Nachfolger. Einen Mann wie Ihren Vater, Miss Murray.“

Das konnte doch nicht wahr sein! Bestimmt war sie eingeschlafen und hatte einen schrecklichen Albtraum. Wach auf, Christine!

„Wir möchten Sie in unsere Kampagne einbinden. Reue und Vergebung … Sie verstehen?“

Oh ja. Sie verstand genau, was er wollte. „Niemals!“, schleuderte sie ihm entgegen. Um nichts in der Welt wäre sie bereit, öffentlich ihre Sünden zu bekennen und dann, um ihrem Vater einen Gefallen zu tun, auch noch in allen möglichen Talkshows und bei Wahlkampfveranstaltungen aufzutreten. Wahrscheinlich hatte er bereits ein langweiliges Mitglied seiner Gemeinde ausgesucht, das sie heiraten und Maries Vater werden sollte.

Ihr Herz klopfte so laut, dass sie befürchtete, ihre Kollegen und Kolleginnen könnten es hören. Sie fühlte sich elend. Doch irgendwie fand sie die Kraft, zu White zu sagen: „Mein Vater hat seitdem kein Wort mit mir gesprochen. Und jetzt, wo er etwas von mir will, bringt er es nicht einmal über sich, mich selbst darum zu bitten. Das ist erbärmlich!“

Brian lachte. „Ich merke schon, dass ich den falschen Zeitpunkt für meinen Anruf gewählt habe. Denken Sie in Ruhe über mein Angebot nach. Sie sind ein wichtiger Baustein unserer Kampagne. Ich melde mich in ein paar Tagen noch mal. Ich denke, Sie werden froh sein, dass Ihr Vater und ich Ihnen helfen wollen. Denn ohne unsere Hilfe …“

Sie holte tief Luft. Drohte dieser Kerl ihr jetzt auch noch? Hatte sie nicht genug gelitten, als alle Welt sich auf sie und ihren Lebenswandel stürzte, damals, als ihr Vater sich um das Amt des Gouverneurs beworben hatte? In allen Zeitungen war ihr Bild gewesen. Reporter hatten sie auf Schritt und Tritt bedrängt. In Diskussionsrunden hatte man sich über ihre angeblich zweifelhafte Moral gestritten. Und dann hatte Doyle sie und ihr gemeinsames Baby im Stich gelassen. Es war die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen.

Nun, sie hatte es überlebt. Und sie hatte Marie, die – wenn sie nicht gerade zahnte – das süßeste und liebste Mädchen der Welt war.

Christine legte auf und ging mit weichen Knien zur Damentoilette.

Kurz nach ihr trat ihre Kollegin Sue ein. „Christine? Was ist passiert?“

„Alles in Ordnung“, stieß sie hervor. Doch noch während sie sprach, begannen die Tränen zu fließen.

Sue schloss Christine in ihre Arme.

In Christines Kopf überschlugen sich die Gedanken. Wenn die Hexenjagd wieder losging, würde man ihr bestimmt kündigen. Aber wie sollte sie irgendwo anders neu anfangen können? Mit einem kleinen Kind und ohne Ersparnisse?

Was, um Himmels willen, soll ich tun?

Sie war nach Denver gekommen, weil hier kaum jemand wusste, wer sie war. Und sie wollte, dass das so blieb.

„Marie zahnt, und ich bekomme bald meine Regel“, erklärte sie Sue. Beides stimmte, doch das Wichtigste hatte sie verschwiegen.

„Warte, ich hole rasch meine Schminktasche. Dann kann ich dich ein bisschen herrichten.“ Sue eilte zurück an ihren Schreibtisch.

Die beiden Frauen verkörperten den gleichen Typ. Daher konnten sie dasselbe Make-up benutzen. Da Christine zudem nur wenige Zentimeter kleiner war als Sue, hatten sie hin und wieder sogar ihre Kleidung getauscht.

Christine seufzte. Am liebsten hätte sie die Toilette überhaupt nicht mehr verlassen. Sie wünschte, sie könnte sich vor der ganzen Welt verstecken. Aber bald musste sie Marie aus der Krippe abholen. Vorerst allerdings war ihre Arbeitszeit noch nicht zu Ende.

„An deinem Tisch wartet ein sehr gut aussehender Mann“, berichtete Sue, während sie Christines Eyeliner erneuerte. „Er ist absolut heiß! Jung, attraktiv und irgendwie … sympathisch.“

Das bedeutete zumindest, dass es sich nicht um Brian White handelte. Christine wusste, dass er weder besonders attraktiv noch irgendwie sympathisch war.

„Ich würde ihn nicht unnötig warten lassen“, fuhr Sue fort. „Bestimmt ist er ein Schauspieler.“

Christine zuckte die Schultern. Sie brauchte keinen attraktiven Kunden. Sie brauchte jemanden, der ihr half. Irgendwer musste Marie und sie selbst vor ihrem Vater und White beschützen. Leider hätte sie sich ebenso gut ein weißes Einhorn wünschen können …

Nun, versuchte sie sich Mut zu machen, ich habe schon Schlimmeres überstanden als ein Kundengespräch mit einem gut aussehenden Mann.

Sie würde jetzt an ihren Schreibtisch zurückkehren und ihre Arbeit tun, auch wenn sie gerade das Gefühl hatte, die Welt ginge unter.

Ja, das würde sie!

2. KAPITEL

Christines Kampfgeist kehrte zurück, als sie sich im Spiegel betrachtete. Dank Sues Make-up sah man ihr nicht an, wie wenig Schlaf sie in den letzten Nächten bekommen hatte und wie schockiert sie über Whites Anruf war. Sie straffte die Schultern und ging zurück an ihren Arbeitsplatz.

Der Gentleman, der dort wartete, war – genau wie Sue gesagt hatte – umwerfend. Er hatte perfekt geschnittenes dunkles Haar, ein männlich anziehendes Gesicht und eine athletische Figur. Und er trug einen Anzug, der allem Anschein nach maßgeschneidert war.

Entspannt saß er auf dem Kundenstuhl vor ihrem Schreibtisch. Dennoch wirkte er irgendwie gefährlich. So wie ein Schnappmesser, das gefährlich blieb, auch wenn man es gerade nicht benutzte.

„Miss Murray, guten Tag.“ Höflich erhob er sich.

Sein Blick war forschend auf sie gerichtet.

Himmel, weiß er etwa, wer ich bin?

„Guten Tag, Sir. Willkommen bei der First City Bank.“ Sie reichte ihm die Hand wie all ihren Kunden. „Was kann ich für Sie tun?“

Der Ausdruck seiner Augen hatte sich verändert. Er starrte Christine an, als hielte er sie für einen Geist.

Christine wiederum bewunderte sein Haar, das aus der Nähe betrachtet nicht wirklich schwarz war. Es hatte einen leicht rötlichen Schimmer. Sehr ungewöhnlich. Und sehr sexy.

Zu ihrem Ärger spürte Christine, wie ihr Körper auf die Ausstrahlung des Fremden reagierte. Sie wünschte sich, ihm zu gefallen. Hoffentlich war ihre Bluse nicht mit Baby-Brei bekleckert.

Jetzt endlich ergriff er ihre Hand. Aber er schüttelte sie nicht, sondern hielt sie nur kurz fest.

Ihr Herz schlug plötzlich schneller.

„Lee“, stellte er sich vor. „Daniel Lee.“

Hätte sie wissen müssen, wer er war? Wartete er darauf, dass sie auf seinen Namen reagierte? Vielleicht war er ein Filmstar. Gut genug sah er jedenfalls aus. Andererseits hätte sie seinen Namen dann wahrscheinlich irgendwann einmal gehört oder gelesen. Verflucht, er war so attraktiv, dass es ihr schwerfiel, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Es wäre klüger gewesen, auf der Toilette zu bleiben.

„Was kann ich für Sie tun?“, wiederholte sie.

Er stand regungslos vor ihr und schaute auf sie hinunter. Christine wusste natürlich, dass sie klein war. Jetzt allerdings kam sie sich besonders klein vor. Und hilflos. Denn Daniel Lee vermittelte ihr das Gefühl, ein sehr, sehr mächtiger Mann zu sein. Ja, er gehörte eindeutig zu denen, die immer bekamen, was sie wollten.

Um solche Männer machte sie im Allgemeinen einen großen Bogen. Denn sie kümmerten sich nicht um Frauen, die sich ihren Unterhalt als Bankangestellte verdienten. Zudem mochten sie keine Babys. Aber der wichtigste Mensch in Christines Leben war nun mal ihre Tochter.

Christine bedeutete Lee, er solle wieder Platz nehmen. Die Furcht, dass er mächtig und gefährlich war, ließ sich nicht abschütteln.

„Ich denke“, sagte er, als er sich setzte, „es geht weniger darum, was Sie für mich tun können, Miss Murray, als darum, was ich für Sie tun kann.“

„Daran bin ich nicht interessiert“, stieß sie hervor. Ein paar Sekunden lang bedauerte sie, kein Pfefferspray in ihrer Schreibtischschublade aufzubewahren.

Seine Mundwinkel hoben sich ein wenig. Aber ein richtiges Lächeln war es nicht. „Woher wollen Sie das wissen? Ich habe Ihnen doch noch gar nicht gesagt, worum es geht.“

Sie war froh, dass Sue ihr Make-up erneuert hatte. Oder wäre es besser gewesen, wenn sie übernächtigt und verängstigt ausgesehen hätte? Dann hätte dieser Daniel Lee vielleicht Mitleid mit ihr gehabt. Unwillkürlich nahm sie eine aufrechtere Haltung ein. Sie wollte überhaupt kein Mitleid! Sie war nicht mehr das hilflose Wesen, über das die Reporter vor fast zwei Jahren ohne Vorwarnung hergefallen waren. Damals hatte sie in ihrer Panik viele Fehler gemacht. Seitdem hatte sie eine Menge dazugelernt.

Es gelang ihr, nach außen hin völlig ruhig zu wirken. „Wer schickt Sie, Mr. Lee?“, fragte sie. „Mein Vater?“

Das Lächeln verschwand.

Ha, dachte Christine, damit hat er nicht gerechnet!

„Nein“, antwortete er. „Ich vermute, Sie glauben das, weil Sie einen Anruf erhalten haben, wahrscheinlich von Brian White.“

Sie spürte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich. Er wusste, wer Brian White war!

„Ich habe gehofft, ich könnte schneller sein als er.“

Lag da etwa Mitgefühl in seiner Stimme? Sicher nicht! Er musste zu jenen gehören, die ein Interesse am Sieg oder an der Niederlage ihres Vaters hatten. Ein Mann, der skrupellos jede Schwäche seiner Mitmenschen ausnutzte. „Für wen arbeiten Sie?“, verlangte Christine zu wissen.

Autor

Sarah M. Anderson
Sarah M. Anderson sagt, sie sei 2007 bei einer Autofahrt mit ihrem damals zweijährigen Sohn und ihrer 92-jährigen Großmutter plötzlich von der Muse geküsst worden. Die Geschichte, die ihr damals einfiel, wurde ihr erstes Buch! Inzwischen konnte sie umsetzen, wovon viele Autoren träumen: Das Schreiben ist ihr einziger Job, deshalb...
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