Wie verführe ich den Boss?

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In ihren Augen lodert ein wildes Feuer - aber wer ist diese junge Frau, die in sein Büro gestürmt ist? Niemand hat es bisher gewagt, Zeb Richards, den neuen Besitzer der Beaumont-Brauerei, zur Rede zu stellen. Bis auf diese verführerische Schönheit! Und endlich begreift Zeb: Casey Johnson ist seine Braumeisterin, und seine neuen Vorschriften scheinen für sie eine einzige Provokation zu sein. Es könnte der Beginn einer äußerst angespannten Zusammenarbeit sein - oder eines äußerst prickelnden Spiels zwischen Macht, Liebe und Leidenschaft …


  • Erscheinungstag 17.10.2017
  • Bandnummer 1998
  • ISBN / Artikelnummer 9783733723941
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Bist du bereit?“, fragte Jamal vom Fahrersitz der Limousine aus.

Zebadiah Richards musste unwillkürlich lächeln. „Ich war in dem Moment bereit, als ich geboren wurde.“

Das war keine Übertreibung. Auch wenn es Jahre gedauert hatte, bis Zeb endlich beanspruchen konnte, was ihm von Rechts wegen zustand: die Beaumont-Brauerei. Bis vor Kurzem hatte sie sich im Besitz der Beaumonts befunden – hundertfünfundzwanzig Jahre lang. Eine beeindruckende Familiengeschichte, von der Zeb aber ausgeschlossen worden war, obwohl Hardwick sein Vater war.

Zeb war unehelich geboren worden. Sein Vater und auch sonst niemand aus der Familie Beaumont hatte Zeb je anerkannt. Seine Mutter hatte kurz nach seiner Geburt ein Schweigegeld bekommen.

Zeb war es leid, ignoriert zu werden. Er war es leid, auf den ihm zustehenden Platz im Leben verzichten zu müssen.

Deshalb nahm er sich nun, was man ihm nicht hätte vorenthalten dürfen. Nach Jahren sorgfältiger Planung, aber auch infolge eines glücklichen Zufalls gehörte die Beaumont-Brauerei nun endlich ihm.

Jamal Hitchens war Zebs rechte Hand, sein Chauffeur, sein Leibwächter und sein Koch. Er arbeitete für Zeb, seit er wegen einer Knieverletzung nicht mehr im Football-Team der University of Georgia spielen konnte. Ihre Freundschaft allerdings ging noch viel weiter zurück. „Ich wette, du bist ziemlich aufgeregt“, sagte Jamal. „Ist es nicht doch besser, wenn ich dich begleite?“

„Du würdest alle einschüchtern“, stellte Zeb fest. „Und ich möchte keine verängstigten Angestellten. Es reicht, wenn sie mir Respekt entgegenbringen.“

Im Rückspiegel trafen sich ihre Blicke. Sie verstanden einander. Respekt konnte Zeb sich wahrhaftig allein verschaffen.

Jamal parkte den Wagen vor dem Hauptgebäude der Brauerei, sprang hinaus und öffnete Zeb die Tür.

Der stieg aus und streckte sich. Dann zupfte er die Ärmel seines Maßanzugs zurecht. Er war nicht nervös. Er fühlte sich gut. Er wusste, dass er das Richtige tat.

„Dir ist klar, dass man dich nicht wie einen Helden begrüßen wird? Wie du in den Besitz der Brauerei gelangt bist, halten die meisten für unmoralisch“, warnte Jamal ihn.

Zeb hob die Augenbrauen. „Ich verstehe, dass du dir Sorgen machst“, sagte er. „Wenn ich Unterstützung brauche, schreibe ich dir eine SMS. Vorerst jedoch solltest du die Zeit nutzen und dich nach einem Haus für uns umschauen.“

Zeb war als Sohn einer Friseurin zum alleinigen Besitzer der Firma ZOLA aufgestiegen. ZOLA war darauf spezialisiert, andere Firmen aufzukaufen, und hatte Zeb zum Millionär gemacht. Jeden Cent, den er besaß, hatte er selbst verdient. Die Beaumonts hatten ihm nie ihre Unterstützung angeboten. Und nun hatte er ihnen bewiesen, dass er der bessere Geschäftsmann war. Er hatte sie ausgetrickst und ihnen zuletzt ihre kostbare Brauerei abgenommen. Jetzt endlich würde er das traditionsreiche Familienunternehmen selbst leiten. Deshalb beabsichtigte er, sich dauerhaft in Denver niederzulassen. Also brauchte er eine angemessene Unterkunft. Nach New York, wo sich der Firmensitz von ZOLA befand, wollte Zeb nur zurückkehren, wenn ihm keine andere Wahl blieb – womit er nicht rechnete.

Jamal begriff, dass Zeb die Brauerei allein betreten wollte. „Okay, Boss. Ich suche also nach dem besten Haus, das für Geld zu haben ist?“

„Natürlich.“ Im Grunde war es ihm gleichgültig, wo er wohnte. Hauptsache, sein Anwesen war größer, teurer und prunkvoller als das der Beaumonts. „Achte darauf, dass es eine schöne Küche hat.“

Jamal, der ein begeisterter Koch war, grinste. „Okay. Viel Glück, Zeb.“

„Glück muss man sich erarbeiten.“ Dessen war er sich sicher, weil er sein Leben lang nach diesem Motto geschuftet hatte.

Entschlossen betrat er das Hauptgebäude. Niemand wusste, dass er die Brauerei bereits heute besichtigen wollte. Überraschende Besuche waren die besten, wenn es darum ging, sich ein unverfälschtes Bild vom Zustand einer Firma und der Arbeitsmoral der Angestellten zu machen.

Die meisten Beschäftigten, auf die er traf, wunderten sich über den Mann, der mit energischen Schritten durch die verschiedenen Abteilungen der Brauerei ging und sich aufmerksam umschaute. Zwar wussten die Angestellten, dass Zebadiah Richards ihr neuer Chef war. Aber zunächst erkannte ihn niemand.

Dann bemerkte Zeb, wie eine Frau nach ihrem Handy griff. Wahrscheinlich wollte sie den Sicherheitsdienst rufen. Als ihr aber jemand etwas ins Ohr flüsterte, riss sie die Augen auf und steckte es wieder ein. Zeb nickte ihr zu, und sie senkte errötend den Blick.

Niemand sprach ihn an, während er mit vielen Umwegen auf die Räume der Geschäftsführung zusteuerte. Er musste sich beherrschen, um nicht siegessicher zu lächeln. Sie wussten also, wer er war. Gut! Angestellte sollten immer wissen, wer ihr Boss war, selbst wenn es sich um den dritten innerhalb kurzer Zeit handelte. Soweit er wusste, trauerten die meisten noch immer Chadwick Beaumont nach, der die Brauerei an AllBev verkauft hatte, einen Verbund mehrerer Getränkehersteller.

Zeb hatte keinen Anteil an dieser Entwicklung gehabt. Aber er hatte es sich zunutze gemacht, dass Ethan Logan, den AllBev als Geschäftsführer einsetzte, der Aufgabe nicht gewachsen war. In zähen Verhandlungen hatte Zeb schließlich AllBev die Beaumont-Brauerei abgekauft. Was letztlich bedeutete, dass er nun der Besitzer einer Firma war, deren Angestellte in der Angst lebten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Einige hatten schon vor Monaten gekündigt, um in Chadwick Beaumonts neuer Brauerei Percheron Drafts zu arbeiten. Andere waren sogenannten Rationalisierungsmaßnahmen zum Opfer gefallen oder hatten sich in den vorzeitigen Ruhestand versetzen lassen.

Wer jetzt noch hier war, hatte vermutlich nichts zu verlieren. Zeb kannte diese Situation aus anderen Firmen, die kurz vor der endgültigen Zerschlagung standen. Die Angestellten waren erschöpft, ausgelaugt, verzweifelt. Und das machte sie gefährlich. Sie wollten keine weiteren Veränderungen. Doch wenn sie sich zu sehr gegen alle Neuerungen stemmten, konnte das zum Untergang der Firma führen. Als Besitzer von ZOLA war ihm das egal gewesen, weil er immer einen Weg gefunden hatte, Gewinne für sich zu erwirtschaften. Doch sein Verhältnis zur Beaumont-Brauerei war anders. Er war hier, um zu bleiben. Deshalb wollte er auf keinen Fall, dass die Brauerei zerschlagen wurde. Im Gegenteil, er wollte Profit machen. Das gehörte zu Zebs Rache an den Beaumonts.

Inzwischen hatte er das Verwaltungsgebäude erreicht und öffnete die Tür zum Vorzimmer der Geschäftsleitung.

Anscheinend hatte jemand die Sekretärin, eine nicht mehr junge Frau, vorgewarnt. Jedenfalls sprang sie bei seinem Eintreten auf und begrüßte ihn nervös. „Guten Tag, Mr. Richards. Wir haben Sie heute noch nicht erwartet.“

Er erklärte sein unangekündigtes Auftauchen nicht, sondern nickte nur und fragte: „Wer sind Sie?“

„Delores Hahn, die Assistentin der Geschäftslei… Ihre persönliche Assistentin, Sir. Willkommen in der Beaumont-Brauerei.“

Zeb empfand Mitgefühl für sie. Ihre Position war nicht einfach, doch sie schien der schwierigen Situation gewachsen zu sein. „Danke, Mrs. Hahn.“

Sie räusperte sich. „Möchten Sie, dass ich Sie durch den Betrieb führe?“ Ihre Stimme zitterte kaum merklich.

Er schüttelte den Kopf, während er sich gleichzeitig eingestand, dass er Delores mochte. Was nicht hieß, dass er sich mit ihr anfreunden wollte. Er war hier, um die Brauerei wieder zu einem gewinnbringenden Unternehmen zu machen. Sonst nichts.

„Zuerst“, erklärte er, „möchte ich mich in meinem Büro einrichten.“ Er durchquerte Delores’ Vorzimmer und trat in einen großen hellen Raum. Aufatmend zog er die Tür hinter sich zu. Er hatte es geschafft! Endlich war er dort, wo er aufgrund seiner Geburt hingehörte.

Am liebsten hätte er laut gelacht. Doch da Delores nebenan vermutlich die Ohren spitzte, beherrschte er sich. Er war der Boss und wollte ernst genommen werden. Hysterisches Lachen würde keinen guten Eindruck machen.

Also holte er noch einmal tief Luft und schaute sich um. Er hatte Fotos von diesem Raum studiert. Sein Großvater John Beaumont hatte das Verwaltungsgebäude erbauen und das Büro einrichten lassen. Außer dem schweren Eichenschreibtisch, den Stühlen und Sesseln gab es hier eine Bar, an der man frisches Bier zapfen konnte. Auch der kleine Tisch musste sich hier befinden, der aus einem der hölzernen Räder des Planwagens gemacht worden war, mit dem Phillip Beaumont, der Gründer der Brauerei, um 1880 aus dem Osten nach Denver gekommen war.

Die Gefühle drohten Zeb zu übermannen. Alles wirkte so … vertraut und fremd zugleich. Die Geschichte der Beaumonts – seiner Familie! – umgab ihn.

Nach einer Weile setzte er sich an den Schreibtisch. Ja, dies war sein Platz. Hier hätte er auf den Knien seines Vaters sitzen und die Grundlagen des Brauereigeschäfts erlernen sollen. Stattdessen war er in Atlanta aufgewachsen. Im Schönheitssalon seiner Mutter, die ihn ständig daran erinnert hatte, dass sein Vater Hardwick Beaumont war und dass er um sein Geburtsrecht kämpfen musste.

Hardwick hatte mit vielen Frauen Kinder gezeugt. Einige seiner Geliebten hatte er geheiratet. Emily Richards gehörte nicht dazu. Deshalb existierte auch ihr Sohn für die Beaumonts nicht.

Aber jetzt saß Zeb im Chefsessel der Brauerei. Es war sein Sieg! Die Beaumonts würden noch ihr blaues Wunder erleben.

Er drückte den Knopf der Gegensprechanlage.

„Ja, Sir?“

„Delores, ich möchte, dass Sie für Freitag eine Pressekonferenz arrangieren. Ich werde dann meine Pläne für die Zukunft der Brauerei bekanntgeben.“

„Die Pressekonferenz soll hier stattfinden?“

„Ja. Auf der breiten Treppe vor dem Hauptgebäude. Und da ist noch etwas, Delores.“

Sie wartete schweigend.

„Setzen Sie ein Rundschreiben auf. Ich möchte, dass alle Angestellten mir bis morgen Abend einen Lebenslauf vorlegen.“

Schweigen. Dann: „Ja, Sir, selbstverständlich. Ich verstehe nur den Grund nicht.“

„Glauben Sie mir, es gibt immer einen Grund für das, was ich tue. Ich möchte, dass alle Angestellten, die ihren Job behalten wollen, mir ihre Qualifikation nachweisen. Das gilt auch für Sie.“

„Boss?“

Casey Johnson hob den Kopf – und stieß dabei gegen den Boden des kupfernen Braukessels Nummer fünfzehn. „Au, verflucht!“ Es dauerte einen Moment, bis sie so weit nach vorn gerutscht war, dass sie Larry Kaczynski sehen konnte. „Was ist los?“

Larry war nicht mehr jung und hatte einen Bierbauch – was eigentlich recht gut zu seinem Beruf passte. Er hielt ein Blatt Papier in der Hand und guckte besorgt. „Der neue Besitzer … er ist hier.“

„Gut für ihn“, gab Casey zurück. Der Neue interessierte sie nicht besonders. Wahrscheinlich würde er genau wie sein Vorgänger in ein paar Monaten wieder verschwunden sein. Sie selbst allerdings würde dann noch immer hier sein und Bier brauen, was sich aber als zunehmend schwieriger gestaltete. Wegen all der Sparmaßnahmen in den letzten Monaten war Caseys Leben nicht einfacher geworden. Um gutes Bier herzustellen, brauchte sie eine gute Ausrüstung. Und den Braukessel Nummer fünfzehn konnte man gewiss nicht dazuzählen.

„Du verstehst nicht, was ich meine. Der Kerl ist erst seit einer Stunde hier und hat schon ein Rundschreiben an uns alle verfasst.“

„Bitte, komm zum Punkt, Larry!“ Sie hatte wirklich Wichtigeres zu tun.

„Wir müssen uns neu um unsere Jobs bewerben“, stieß Larry hervor. „Und deshalb sollen wir einen aktuellen Lebenslauf vorlegen. Das ist doch Unsinn! Ich arbeite hier seit dreißig Jahren.“

Casey schob sich ganz unter dem Kessel hervor und stand auf. Wenn Larry in Panik geriet, würden auch viele der anderen Angestellten nervös werden. Einige würden womöglich aus Angst irgendwelche Dummheiten machen. Das durfte nicht passieren.

„Lies selbst! Der Neue will bis morgen Abend von jedem, der hier beschäftigt ist, einen Lebenslauf sehen“, sagte Larry ziemlich erregt. „Dann will er entscheiden, wer bleiben kann und wer gehen muss.“

„Was?“

Er gab ihr das Rundschreiben, doch ehe sie die Zeilen auch nur überfliegen konnte, klagte Larry: „Was soll ich bloß tun?“

Sie las, runzelte die Stirn. Tatsächlich, der Neue wollte einen Lebenslauf von ausnahmslos jedem. Auch von ihr.

Himmel, für einen solchen Unsinn hatte sie keine Zeit! Sie war dafür verantwortlich, dass täglich siebentausend Gallonen Bier gebraut wurden. Und das mit einem drastisch geschrumpften Mitarbeiterstab. Was bildete dieser Zebadiah Richards sich ein? Dass sie sich erneut um den Job bewarb, für den sie gekämpft hatte? Zornig leuchteten ihre Augen auf. Sie hatte es verdient, Braumeisterin zu sein. Über den neuen Chef wusste sie nicht viel. Aber sie hatte ihm einiges zu sagen, was die Beaumont-Brauerei betraf. Hier wurde Bier gebraut. Ohne Bier keine Brauerei. Ohne Braumeisterin kein Bier. Punkt.

Sie wandte sich Larry zu, der erschreckend blass aussah. Er hatte Angst, und sie verstand ihn. Wäre er selbstbewusster gewesen, hätte er sich eine andere Stelle gesucht, als Chadwick die Brauerei an AllBev verkaufte. Da niemand gern unter Chadwicks Nachfolger arbeiten wollte, waren viele gute Leute damals fortgegangen. Nur deshalb war Casey zur Braumeisterin ernannt worden, obwohl sie erstens noch sehr jung und zweitens eine Frau war. Sie liebte ihren Job. Also war sie bereit gewesen, eine Menge zu tun, um ihn zu bekommen und zu behalten. Sie hatte sich entschieden, unbezahlte Überstunden zu machen, Verantwortung zu übernehmen und sich mit einem so unfähigen Chef wie Ethan Logan zu arrangieren.

„Ich werde mich um diesen Unsinn mit den Lebensläufen kümmern“, erklärte Casey.

„Was hast du vor?“ Larry wirkte plötzlich noch ängstlicher. Anscheinend fehlte ihm das Vertrauen in ihre Fähigkeit zu verhandeln. Nun ja, er hatte einige Mal erlebt, wie ihr Temperament mit ihr durchging. Nun befürchtete er wohl, man würde sie hinauswerfen und ihn zum kommissarischen Braumeister machen. Schließlich war er der Einzige, der auf mehr als zwanzig Jahre Erfahrung als Brauer zurückblicken konnte.

„Ich werde mich mit diesem Richards unterhalten“, sagte Casey.

„Bist du sicher, dass das klug ist?“

„Nein, sicher bin ich mir nicht. Aber was soll er schon tun? Gleich an seinem ersten Tag die Braumeisterin feuern? Ich glaube nicht, dass er das möchte.“ Sie klopfte Larry kameradschaftlich auf die Schulter. „Mach dir keine unnötigen Sorgen.“

Ihr entschlossener Gesichtsausdruck verriet, dass jeder Widerspruch sinnlos war. Casey zog sich das Haarnetz vom Kopf und setzte ihre mit dem Logo der Brauerei versehene Kappe auf. Sie wusste, dass sie nicht gerade attraktiv aussah, trotzdem hielt sie es für besser, den Boss nicht durch den Anblick einer Braumeisterin mit Haarnetz zu schockieren. Ihr Pferdeschwanz wippte, als sie davoneilte.

„Der Abfluss des Tanks muss gesäubert werden“, rief sie Larry noch zu. „Ich komme so schnell wie möglich zurück.“

Innerlich fluchend, machte sie sich auf den Weg zum Verwaltungsgebäude. Sie hatte keine Zeit für solchen Unsinn wie Lebensläufe. Sie arbeitete täglich zwölf Stunden, und das nicht nur von Montag bis Freitag. Oft musste sie auch am Wochenende einspringen.

Ihr Leben würde sich dramatisch ändern, falls Richards beschloss, sie zu feuern. Aber sie hatte Larry versprochen, dass es nicht so weit kommen würde. Was natürlich auch in ihrem eigenen Interesse war. Zwar hatte sie einen aktuellen Lebenslauf vorbereitet, damit sie sich – wenn nötig – in einer anderen Brauerei bewerben konnte. Doch sie liebte die Beaumont-Biere, und es würde ihr schwerfallen, ihren Job aufzugeben.

Manchmal dachte sie wehmütig an die Zeit zurück, als die Brauerei sich noch in den Händen der Familie Beaumont befunden hatte. Damals hatten die Besitzer sich für das Wohlergehen ihrer Angestellten interessiert. Sie hatten Casey eine Chance gegeben, als sie gerade das College abgeschlossen hatte, obwohl es sehr ungewöhnlich war, dass eine Frau sich fürs Bierbrauen interessierte.

Ein Blick auf das Rundschreiben, das sie in der Hand hielt, bewies, wie viel sich seit damals verändert hatte. Seit die Beaumonts fort waren, ging es nicht mehr in erster Linie um Menschen und Bier, sondern um Profit. Casey konnte sich kaum erinnern, wann sie zum letzten Mal mehr als vierundzwanzig Stunden am Stück freigehabt hatte. Sie erledigte die Arbeit von drei Leuten, seit Logan in seiner Funktion als Geschäftsführer einen Einstellungsstopp durchgesetzt hatte. Und jetzt das! Dieser Richards wollte bestimmt alle feuern, die keinen Lebenslauf vorlegen konnten oder wollten. Dabei konnte die Brauerei auf keinen einzigen Mitarbeiter verzichten.

Sie war zweiunddreißig Jahre alt und wollte nichts weiter, als in Ruhe gutes Bier zu brauen!

Mit diesem Gedanken stürmte sie in das Vorzimmer des Geschäftsführers.

„Casey!“, rief Delores und sprang auf. „Sie können nicht …!“

„O doch, ich kann!“ Schon war sie an Delores vorbei und riss die Tür zum Büro des Chefs auf.

2. KAPITEL

Casey blieb so abrupt stehen, dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Wo war der neue Boss? Der Stuhl am Schreibtisch und alle Ledersessel waren leer.

Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr. Sie fuhr herum – und starrte erstaunt den Mann an, der ihr den Rücken zuwandte und aus dem Fenster schaute. Er hatte breite Schultern und trug einen Maßanzug, der seine athletische Figur betonte. Seine Haltung ließ keinen Zweifel daran, dass er wusste, wie viel Macht er besaß.

Ein Schauer überlief Casey. Dabei gehörte sie ganz und gar nicht zu den Frauen, die auf Männer flogen, die Maßanzüge trugen und mit ihrem Reichtum und ihrer Macht prahlten. Doch irgendetwas an dem neuen Chef ließ ihr Herz schneller schlagen. Er war beeindruckend. Vielleicht lag es an seinem muskulösen Körper. Vielleicht auch an seiner ungewöhnlich starken Ausstrahlung.

Jetzt drehte er sich um, sodass sie seine Augen sehen konnte. Grüne Augen! Lieber Gott, grüne Augen! Sie konnte den Blick nicht abwenden, und einen Moment lang stockte ihr der Atem.

Er war – widerstrebend gestand sie es sich ein – der attraktivste Mann, den sie je getroffen hatte. Alles an ihm zog sie geradezu magisch an: seine Haltung, seine breiten Schultern, sein kurz geschnittenes Haar und besonders seine Augen. Dieser unwiderstehliche Mann sollte ihr neuer Boss sein? Derjenige, der das absurde Rundschreiben verfasst hatte?

Er musterte Casey aufmerksam. Plötzlich fühlte sie sich unwohl. Denn sie wusste genau, was er sah. Sie trug ihre Arbeitskleidung, Jeans und einen Arbeitskittel. Von der Hitze im Sudhaus musste ihr Gesicht gerötet sein. Und infolge der körperlichen Anstrengung war sie verschwitzt.

Vermutlich hielt er sie für eine Verrückte.

Ja, genau so war es wohl. Denn jetzt hoben sich seine Mundwinkel ganz leicht. Aber es war kein freundliches Lächeln. Wahrscheinlich machte er sich innerlich über sie lustig.

Nun, er würde schon merken, dass dies kein Witz war.

„Glückwunsch“, sagte er kühl, „Sie sind die Erste.“ Er hob den Arm, um auf seine Uhr zu schauen, die – wie Casey problemlos erkennen konnte – von einem sehr teuren Hersteller stammte. „Fünfunddreißig Minuten. Ich bin beeindruckt.“

Seine herablassende Art ließ Casey vergessen, wie attraktiv sie ihn eben noch gefunden hatte. Schließlich war sie hier, um ihm die Leviten zu lesen und nicht um ihn zu bewundern. „Sind Sie Mr. Richards?“

„Zebadiah Richards, ja. Ihr neuer Chef.“ Sein Ton klang jetzt drohend.

Dachte er etwa, er könnte sie einschüchtern? Wusste er denn nicht, dass sie, ebenso wie die meisten seiner Angestellten, nichts mehr zu verlieren hatte?

„Und wer sind Sie?“, fragte er.

Casey arbeitete seit zwölf Jahren in einer von Männern dominierten Branche und hatte es sich längst abgewöhnt, Furcht zu zeigen. „Ich bin Ihre Braumeisterin, Casey Johnson.“ Ein ganz gewöhnlicher Name, im Gegensatz zu Zebadiah. Sie hielt Richards das Rundschreiben hin. „Was soll das bedeuten?“

Seine Augen verrieten, dass er ehrlich erstaunt war. „Verzeihen Sie“, murmelte er, „den Braumeister hatte ich mir anders vorgestellt.“

Casey zuckte die Schultern. Sie war daran gewöhnt, dass die Leute sich über ihre Berufswahl wunderten. Anscheinend konnte kaum jemand sich vorstellen, dass eine Frau Bier liebte, und erst recht nicht, dass eine Frau Bier braute. Die meisten glaubten, ein Braumeister müsse wie Larry sein: über vierzig und mit einem ordentlichen Bierbauch. „Es ist nicht meine Schuld, dass Sie sich falsche Vorstellungen gemacht haben.“

Noch während sie sprach, wurde ihr klar, dass auch sie sich falsche Vorstellungen gemacht hatte. Nie und nimmer hätte sie geglaubt, dass der neue Brauerei-Eigentümer wie Richards aussehen würde. Sicher, ein maßgeschneiderter Anzug gehörte zu seiner Position. Aber sein muskulöser Körper und die grünen Augen … sexy!

Jetzt lächelte er. Und das war – verflixt noch mal – nicht gut! Es war deshalb nicht gut, weil er plötzlich nicht mehr hart und überheblich wirkte, sondern freundlich und humorvoll. Casey wurde wieder heiß.

„Da Sie die erste Person sind, die mich danach fragt, will ich Ihnen erklären, was es mit dem Rundschreiben auf sich hat. Obwohl ich hoffe …“, sein Ton wurde spöttisch, „… dass meine anderen Angestellten auch ohne Erklärung verstehen, was gemeint ist. Jeder hier muss sich bis morgen Abend um seinen Job bewerben.“

Sie war froh, dass er sich wieder in den arroganten Chef verwandelt hatte. Das half ihr, nicht in seinen Augen zu versinken, sondern sich auf ihr Anliegen zu konzentrieren. „Ach, ist das so?“, gab sie ebenso spöttisch zurück. „Wo haben Sie die Technik gelernt? In einem Online-Kurs für Manager?“

Seine Augen blitzten amüsiert auf.

Und schon wieder geriet Casey in Versuchung, ihn sympathisch zu finden. Aus Erfahrung wusste sie, dass nicht jeder ihre burschikose Art und ihre offenen Worte zu schätzen wusste. Im Allgemeinen mochten Männer es nicht, wenn Frauen es wagten, die männliche Autorität infrage zu stellen.

War dieser Richard anders? Verstand er ihren Humor? Teilte er ihn womöglich? Dann würden sie doch miteinander auskommen.

Aber Richards schaute bereits wieder kalt und abweisend. „Mit diesem Rundschreiben verfolge ich zwei Ziele. Erstens möchte ich erfahren, welche beruflichen Fertigkeiten meine Angestellten besitzen. Und zweitens möchte ich herausfinden, ob sie einfache Anordnungen befolgen können.“

So viel zu seinem Sinn für Humor … Männer, die so attraktiv waren wie er, brauchten wahrscheinlich keinen Humor. Bedauerlich, aber auch irgendwie beruhigend. Denn wenn er lächelte, sah er so umwerfend aus. So sexy, so faszinierend, dass sie sich heftig zu ihm hingezogen fühlte. Und das, obwohl sie wusste, wie schrecklich es wäre, sich nach dem Boss zu verzehren.

„Diese Brauerei kann auf eine lange Tradition zurückblicken, Mr. Richards“, stellte Casey fest. „Auch ohne Sie und Ihre zweifelhaften neuen Ideen sind wir seit vielen Jahren in der Lage, gutes Bier zu brauen.“

„Seit über hundert Jahren“, gab er zurück. „Aber Sie arbeiten erst seit einem knappen Jahr als Braumeisterin, wenn ich mich nicht täusche.“

Wäre sie nicht so wütend gewesen, hätten seine Worte ihr vielleicht Angst gemacht. Er konnte sie ja jederzeit hinauswerfen. Doch sie hatte weder Zeit noch Lust, darüber nachzudenken, ob sie bald arbeitslos sein würde.

„Ich habe mir meine Position ehrlich verdient. Und ehe Sie mich jetzt fragen, wie es kommt, dass ich die Vorgesetzte so vieler fleißiger Männer bin, sage ich Ihnen lieber gleich, was passiert ist. Der alte Braumeister und alle erfahrenen Brauer haben die Beaumont-Brauerei schon vor Monaten verlassen. Wenn Sie die Qualität unserer Biere erhalten wollen, dann müssen Sie sich damit abfinden, dass ich die Braumeisterin bleibe.“ Sie wedelte mit dem Rundschreiben. „Und ich habe keine Zeit für solchen Quatsch.“

Kein Vorgesetzter ließ sich gern von einer Angestellten zurechtweisen, doch Richards reagierte sehr besonnen. Gelassen musterte er Casey. „Warum nicht?“

„Warum was nicht?“

„Warum haben Sie nicht mal ein paar Minuten Zeit, um einen Lebenslauf zu schreiben?“

Schweißtropfen standen Casey auf der Stirn. Und als ihr ein Tropfen ins Auge fiel, dachte sie erschrocken, dass das womöglich so wirkte, als weinte sie. „Ich habe keine Zeit, weil ich mit viel zu wenig Personal arbeite. Und zwar seit mehr als neun Monaten. Ich erledige die Arbeit von drei Leuten. Und den anderen geht es ebenso. Wir alle sind überarbeitet und …“

„Und deshalb haben Sie keine Zeit, meine Anweisungen zu befolgen“, unterbrach er sie.

„Genau!“ Sie kannte ihn nicht gut genug, um zu erkennen, ob er Verständnis zeigte oder sich über sie lustig machte. „Wenn Sie wollen, dass wir genug Bier brauen, um alle Bestellungen rechtzeitig auszuliefern, hat keiner von uns Zeit, überflüssigen Schreibkram zu erledigen.“

„Dann stellen Sie ein paar Leute ein.“

„Was?“ Casey riss die Augen auf.

Er zuckte die Schultern. Es war eine geschmeidige Bewegung. Sexy.

Warum, zum Teufel, war er so umwerfend männlich?

„Stellen Sie so viele Leute ein, wie Sie brauchen. Aber ich will auch deren Lebensläufe und Bewerbungsschreiben sehen.“

Verflucht, ich werde Larry helfen müssen, einen Lebenslauf zu schreiben. Laut sagte sie: „Sie heben den Einstellungsstopp auf? Man hat uns gesagt, Neueinstellungen würde es erst geben, wenn die Brauerei aus den roten Zahlen ist.“

Richards trat an den Konferenztisch und fuhr mit der Fingerspitze über die glänzende hölzerne Oberfläche. Es war eine seltsam zärtliche Geste.

Casey bekam eine Gänsehaut.

„War es Chadwick Beaumont, der den Einstellungsstopp verordnet hat?“

Auch Richards Stimme klang jetzt anders. Weich und beinahe liebevoll. Casey staunte. Der Mann schien sich vollkommen verändert zu haben und kam ihr jetzt irgendwie bekannt vor. An wen erinnerte er sie bloß?

Autor

Sarah M. Anderson
Sarah M. Anderson sagt, sie sei 2007 bei einer Autofahrt mit ihrem damals zweijährigen Sohn und ihrer 92-jährigen Großmutter plötzlich von der Muse geküsst worden. Die Geschichte, die ihr damals einfiel, wurde ihr erstes Buch! Inzwischen konnte sie umsetzen, wovon viele Autoren träumen: Das Schreiben ist ihr einziger Job, deshalb...
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