Die unwiderstehliche Miss Vandenberg

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Wie bezaubernd: Die junge Amerikanerin weiß nicht, wer er ist, und flirtet ohne Berechnung mit ihm! Julian Carlisle, der ehrenwerte Duke of Lyonsdale, ist von Katrina Vandenbergs charmanter Offenheit fasziniert - und beim Blick in ihre tiefblauen Augen verloren. Dabei weiß er genau, dass für ihn nur eine adlige Engländerin als Gattin infrage kommt. Schon bald muss er heiraten, um die Erbfolge zu sichern. Niemals könnte Katrina, dieser entzückende Freigeist, seine standesgemäße Duchess werden! Und doch ist sie die Einzige, die er will …


  • Erscheinungstag 14.01.2020
  • Bandnummer 600
  • ISBN / Artikelnummer 9783733748180
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Mayfair, London, 1818

Katrina Vandenberg war zu dem Schluss gelangt, dass die Ballsäle Londons ein recht gefährliches Pflaster waren.

Während sie unter dem funkelnden Kronleuchter im prunkvoll ausgestatteten Salon des russischen Botschafters stand, ließ sie unter dem Kleid verstohlen ihren wunden Fuß kreisen. Es half nicht. Sich gegen den Schmerz wappnend hielt sie die Luft an und setzte den zarten Tanzslipper behutsam auf dem rot-goldenen Teppich ab.

„Wieso fordert Lord Boreham mich andauernd auf?“, fragte sie stöhnend, als ihr Fuß zu pochen begann. „Jedes Mal stolpert er hölzern durch die Tanzschritte und gibt mir die Schuld, weil ich es als Amerikanerin angeblich nicht besser wüsste. Diesmal ist er mir so oft auf die Zehen getreten, dass ich aufgehört habe zu zählen.“

„Vielleicht hat er sich in dich verguckt“, erwiderte Sarah Forrester, die Tochter des amerikanischen Gesandten.

„Womöglich wartet er darauf, dass ich mitten auf der Tanzfläche einen Kriegsschrei ausstoße, und möchte dabei in vorderster Reihe stehen.“

Die Freundinnen lachten, woraufhin einige elegant gewandete Herren und Damen zu ihnen herüberschauten. Unter ihnen war ihre Gastgeberin Madame de Lieven, die Gattin des russischen Botschafters.

„Du könntest Stiefel unter deinem Rock tragen, um deine Füße vor tollpatschigen Tanzpartnern zu schützen“, flüsterte Sarah und verbarg ihre Erheiterung hinter ihrem Fächer. „Besonders kleidsam wäre das allerdings nicht.“

„Selbst das würde wohl kaum helfen. Aber vielleicht könnte ich sie zukünftig davon abhalten, mich aufzufordern, indem ich so tue, als würde ich sie aufgrund des lauten Orchesters nicht verstehen. Dann bliebe mir wenigstens das Geschwafel darüber erspart, wie wichtig sie sind oder welch Ruhmestaten einer ihrer Vorfahren vollbracht hat.“ Katrina nickte in Richtung einiger Gentlemen. „London wäre wunderbar, wären da nicht die Männer.“

Als sie abermals lachten, sah Madame de Lieven sie aus schmalen Augen an und schüttelte tadelnd den Kopf.

Tief durchatmend wandte Katrina den Blick ab. „Ich denke, unsere Gastgeberin versucht uns mitzuteilen, dass Londoner Damen auf Veranstaltungen wie diesen nicht laut lachen.“

Wenn sie doch nur dieser permanenten Beaufsichtigung entfliehen könnte. Und diesem durchdringenden Geruch in dem überheizten Raum, in dem sich die Gäste drängten. Ob irgendwer vergessen hatte zu baden?

Sie zuckte zusammen, als ein Wachstropfen auf ihre Stirn fiel.

Abende wie dieser sind immer so enervierend.

Dieser Abend kann kaum enervierender werden.

Julian Carlisle, der Duke of Lyonsdale, hatte keine Ahnung, wie es Lady Mellingworth und deren Tochter Lady Mary gelungen war, ihn in die Enge zu treiben. Und dieser verflixte Kronleuchter! Gewiss würde seinen Kammerdiener der Schlag treffen, wenn er sähe, wie viel Wachs auf seinen neuen schwarzen Frack tropfte.

Heute Abend herrschte ein solches Gedränge, dass es ein heikles Unterfangen war, sich das Glas mit dem vorzüglichen Champagner des russischen Botschafters an die Lippen zu heben. Wenn er es versuchte, mochte er versehentlich die Vorderseite von Lady Marys Kleid streifen. Wobei interessant wäre zu erfahren, wie die Mutter der jungen Dame darauf reagieren würde. Vermutlich würde er damit für den Eklat des Abends sorgen und mit einer unliebsamen Gattin enden.

Da leide ich lieber Durst.

„Also sagte ich ihr“, fuhr Lady Mellingworth fort, „dass wir ohne Madame Devy verloren wären, sollte diese beschließen, nach Paris zurückzukehren. Sie ist die Beste in London. Mary lässt ihre Kleider samt und sonders bei ihr fertigen. Nicht dass Mary Hilfe nötig hätte, wenn es darum geht, sich zu präsentieren. Immerzu höre ich, sie habe die Haltung einer Duchess.“

Dreiunddreißig. Vierunddreißig. Julian zählte mit. Die Pfauenfeder an Lady Mellingworth’s Turban wippte bei jedem Kopfnicken. Hinter sich vernahm er unverkennbar weibliches Gelächter und wünschte, an jener Konversation statt an dieser teilhaben zu können. Er musste sich zusammenreißen, um nicht zu seufzen.

Ehe er seine übliche unbewegte Miene aufsetzen konnte, rümpfte er die Nase. Was war das für ein durchdringender Geruch? Er gemahnte ihn an seine in der Sommerhitze schuftenden Gärtner. Als wäre Männerschweiß mit Blumendüften vermischt und in eine Flasche abgefüllt worden. Definitiv keine gute Idee.

Es gelang ihm, den Rest seines Champagners in einem Zug hinunterzustürzen. Die Bläschen, die ihn in der Kehle kitzelten, waren eine willkommene Ablenkung. „Wie ich hörte, ist im Kartensalon ein Spiel im Gange. Ist Ihr Gatte dort zu finden?“, fragte er ohne echtes Interesse.

Die jähe Unterbrechung ließ Lady Mellingworth blinzeln. „Oh … oh, ja, ich glaube schon.“

„Dann werde ich mich nun dorthin begeben.“

Beide Damen knicksten, während er versuchte, sich zumindest ansatzweise zu verbeugen. Prompt stieß er gegen etwas Nachgiebiges. Als er sich umdrehte, um sich zu entschuldigen, spürte er einen weichen Busen an seiner Brust.

Eine Frau mit ansprechenden Zügen und tiefblauen Augen schaute erschrocken zu ihm auf. Langsam ließ sie den Blick abwärts bis zu seiner Weste und zurück zu seinem Gesicht gleiten. Sie nahm die Unterlippe zwischen die weißen Zähne, und in ihm regte sich der Wunsch, mit der Zunge über ihre Lippe zu fahren. Sich innerlich zur Ordnung rufend rang er den Impuls nieder.

Sie riss die Augen auf, und leichte Röte überzog ihre Wangen. „Bitte verzeihen Sie, Mylord“, murmelte sie.

Seit neun Jahren hatte niemand ihn mehr mit einem simplen „Mylord“ tituliert. Jedermann wusste, dass er der Duke of Lyonsdale war und mit „Euer Gnaden“ angeredet wurde – auch wenn er sich seinerseits herzlich wenig um jedermann scherte. „Nicht nötig, seien Sie versichert. Die Schuld liegt allein bei mir.“

Sie knickste knapp und wandte sich ab. Während er zusah, wie sie sich einen Weg zwischen den Menschen hindurch bahnte, geschah etwas mit ihm. Abrupt eilte er ihr nach, ohne zu bemerken, wie sich die modisch gekleidete Gästeschar vor ihm teilte.

Katrina trat auf die Terrasse und sog tief die frische Nachtluft ein. Wenigstens vorübergehend würde sie nicht auf jede ihrer Bewegungen achten müssen.

Durch die hohen Fenster und Türen des Stadtpalais’ fiel bernsteinfarbenes Licht in dieses Refugium im Freien. Ihr gegenüber erspähte sie einen abgeschiedenen Winkel, der sie magisch anzog. Es war der ideale Ort, um sich neugierigen Blicken und spitzen Bemerkungen zu entziehen.

Die Marmorbalustrade fühlte sich kühl unter ihren behandschuhten Fingern an, ein angenehmer Kontrast zu der stickigen Enge im Inneren des Hauses. Während sie in den schwach beleuchteten Garten starrte und den ersten ungestörten Augenblick des Abends genoss, entspannte sie sich allmählich. Wie herrlich, endlich allein zu sein.

„Wir können von Glück sagen, dass die Abendluft so lau ist und es nicht regnet“, vernahm sie eine sonore Stimme zu ihrer Rechten.

Sie widerstand dem Drang, den Störenfried über die Balustrade zu stoßen, und unterdrückte ein Seufzen. „Ja, welch ein Glück“, entgegnete sie möglichst gelangweilt, den Blick auf den Rasen vor sich gerichtet. Hoffentlich entmutigte ihn das so weit, dass er von einer Vertiefung des Gesprächs absah.

„Der Garten des Botschafters wird weithin gerühmt. Sind Sie schon hindurchspaziert?“

„Nein, aber glücklicherweise werden die Wege von Laternen gesäumt, sodass wir seine Schönheit auch von hier oben aus bewundern können.“ Er würde rasch feststellen, dass sie nicht zu der Sorte Frau zählte, die sich hinter Hecken vergnügte. Vielleicht würde ihn das vertreiben.

Als sie zu ihm hinüberlugte, stellte sie überrascht fest, dass es sich um den gut aussehenden Gentleman handelte, mit dem sie vor wenigen Minuten zusammengestoßen war. Er war hoch gewachsen, trug formelle schwarze Abendgarderobe und stand dem Garten zugewandt da. Das Mondlicht beschien sein kurz geschnittenes, leicht welliges dunkles Haar. Sie betrachtete das Profil seines wie gemeißelt wirkenden Gesichts mit dem markanten Kinn. Er musste es gespürt haben, denn er drehte den Kopf, und ihre Blicke trafen sich.

Da geschah es erneut. Der Boden unter ihr schien zu wanken, und dieses Mal hatte sie den Mann nicht einmal berührt. Sie entschied, dass es klüger wäre, sich auf die blühenden Sträucher und gepflegten Rasenflächen zu konzentrieren, und richtete ihre Aufmerksamkeit auf selbige, fort von dem attraktiven Mann neben ihr.

Julian schloss die Augen und biss die Zähne zusammen. Brachte er dieser Frau gegenüber tatsächlich nichts Originelleres zustande als ein Gespräch über das Wetter und den Garten? Wann war ihm der Esprit abhandengekommen? Und er war sich gewiss, soeben abgewiesen worden zu sein. Niemand hatte ihm je eine Abfuhr erteilt.

Dabei war es ihm erstmals im Leben wichtig, eine Frau für sich einzunehmen. „Sind Sie neu in der Stadt?“

In welchen Sphären fällt dies unter „geistreiche Konversation“?

„Sozusagen. Ich bin erst seit einigen Wochen hier.“

„Ich kann Ihren Akzent nicht einordnen.“

Sie verschränkte die Arme unter ihren entzückenden kleinen Brüsten und drehte sich zu ihm um. „Ich bin Amerikanerin.“ Auf sein Schweigen hin musterte sie ihn, den Kopf zur Seite geneigt. „Verzeihen Sie, aber sind wir einander vorgestellt worden?“

Er schüttelte den Kopf, amüsiert über ihre unverblümte Art. „Nicht dass ich wüsste – und ich bin mir recht sicher, dass ich Sie nicht vergessen hätte.“

„Dann wäre es unschicklich, wenn wir uns unterhielten.“ Flüchtig schaute sie zu den Glastüren hinüber, als erwartete sie, dort jemanden zu sehen. „Sind Sie mir nach draußen gefolgt?“

Er schlich niemals Frauen nach, und er handelte niemals unangemessen. Er hatte schlicht Lady Mellingworth entkommen wollen, und dieser Geruch war unerträglich gewesen. Mehr steckte nicht dahinter.

„Offenbar sind wir zeitgleich auf den Gedanken verfallen, uns nach draußen zu begeben.“

„Und dass Sie neben mir stehen, ist reiner Zufall?“

Unter ihrem skeptischen Blick zuckte er mit den Schultern. „Es schien mir ein hübsches Fleckchen zu sein.“

Kurz verengte sie die Augen, ehe sie erneut den Garten fixierte und mit den Fingern auf die steinerne Balustrade trommelte.

Unterhalb von ihnen tauchte auf einem der Kieswege eine Gestalt aus dem Dunkeln auf und verschwand wieder darin.

„Sie verstecken sich doch nicht etwa vor irgendwem, oder?“

Als sie ihn ansah, hatte sie ein eigentümliches Funkeln in den Augen. „Wie kommen Sie darauf?“

„Trifft man eine atemberaubend schöne Frau wie Sie allein auf einem Ball an, auf dem es vor Männern nur so wimmelt, liegt der Schluss nahe, dass ihre Einsamkeit selbst gewählt ist. Versuchen Sie, sich einem schwachköpfigen Verehrer zu entziehen?“

Um ihre Lippen zuckte es. „Was lässt Sie glauben, ich hätte schwachköpfige Verehrer?“

„Ah, ich sprach von nur einem Verehrer, aber anscheinend gibt es derer mehrere.“

„Vielleicht wollte ich einfach an die frische Luft.“

„In diesem Fall möchte ich anmerken, dass ein Mann, der davon absieht, Sie hinaus an die Nachtluft zu begleiten, in der Tat ein Schwachkopf ist.“

Die Seide ihres eisblauen Kleids schimmerte im Mondschein, als sie sich ihm neuerlich zuwandte. „Und wieso?“

Er verspürte den schier übermächtigen Drang, näher zu treten. Sie duftete nach dem zitrusartigen Aroma der Verbenen. „Weil er zulässt, dass Sie in diesem entlegenen Winkel dem Charme eines anderen erliegen.“

„Versuchen Sie denn, mich mit Ihrem Charme zu betören?“

„Finden Sie mich charmant?“

„Nicht im Mindesten“, erwiderte sie, obwohl er in ihrer Miene Gegenteiliges las.

„So darf sich Ihr Verehrer Ihrer Gunst gewiss sein.“

Ein leises Lachen entschlüpfte ihren Lippen, bevor sie diese aufeinanderpresste.

„Oder vielleicht auch nicht“, fügte er an. Es stimmte ihn sonderbar zufrieden, dass er sie erheiterte, und er schwelgte in diesem Gefühl.

„Ich bin nur hergekommen, um ein wenig allein zu sein.“

„Und ich habe Sie gestört – wahrlich nicht anständig von mir. Ob wir die Einsamkeit zu zweit genießen könnten?“

„Dann wäre es keine Einsamkeit mehr.“

„Haarspalterei“, meinte er, ein Schulterzucken andeutend. „Also, weshalb wollten Sie allein sein?“

Den Blick auf ihre seidenen Tanzslipper gerichtet, hielt sie es offenbar für angebracht, die Antwort gründlich zu überdenken. „Ich hatte es satt, mir von Leuten anhören zu müssen, wie wichtig sie seien.“

Er fragte sich, ob er genauso war. Nein, das glaubte er nicht. Dennoch wäre es vermutlich besser, sie nicht wissen zu lassen, wie wichtig er war. „Eine gewagte Beichte.“

„Eine wahrheitsgemäße. Und was hat Sie hergeführt? Falls Sie auf ein geheimes Stelldichein spekuliert hatten, lassen Sie gerade eine Dame warten“, bemerkte sie schelmisch lächelnd.

„Das ist nicht der Fall. Womöglich bin ich es ebenfalls leid, mich mit Leuten abzugeben, die mich nicht interessieren.“

„Damit hätten wir etwas gemein.“

„Offenbar.“

Sie lächelte strahlend, und erstmals in seinem Leben stockte ihm der Atem. „Sie sind bezaubernd“, entfuhr es ihm.

„Vielen Dank, aber mir wurde gesagt, ich sei zu offenherzig.“

„Nicht in meinen Augen.“

„Sie versuchen schon wieder, mich zu umgarnen.“

„Tue ich das? Ich hielt mich schlicht für ehrlich. Ich weiß ein aufrichtiges Lächeln zu schätzen. Ein falsches ist mir verhasst.“

Was war bloß in ihn gefahren? Vielleicht färbte ihre ungenierte Ausdrucksweise ab. Ihr ungekünsteltes Auftreten und dieser freimütige Austausch hätten ihn befremden sollen, doch stattdessen fand er diese Frau herzerfrischend.

Sie verlagerte ihr Gewicht, und ihr Rock raschelte, als schüttelte sie darunter einen Fuß. „Nun, anscheinend sind Sie, Mylord, kein typischer Vertreter des ton.“

Wenn Sie wüssten.

Julian fühlte sich magnetisch von ihr angezogen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er noch näher trat. Wie weich ihre Lippen wirkten. Als er den Blick hinab zur zarten Wölbung ihres Busens gleiten ließ, beugte er unwillkürlich die Finger. Er musste sich ablenken.

Daher wandte er sich wieder der Balustrade zu und richtete sein Augenmerk auf die Sterne. Nie zuvor hatte er versucht, sie zu zählen. Einen Moment noch spürte er, wie sie ihn beobachtete, bevor auch sie das Gesicht hob und den tintenschwarzen Himmel betrachtete.

Katrina fragte sich, was den Umschwung im Verhalten des Mannes neben ihr herbeigeführt haben mochte. Sie musste unbeabsichtigt gegen eine unausgesprochene Regel der englischen Gesellschaft verstoßen haben. Während der kurzen Unterhaltung war es ihm gelungen, sie vergessen zu lassen, dass sie eine Fremde war und sich auf unbekanntem Terrain bewegte. Doch sein Schweigen sprach Bände. Wieder einmal würde sie nachher vor dem Schlafengehen in dem Benimmbuch The Mirror of Graces blättern müssen, um sich ihren Fauxpas zu erschließen.

Die angenehme Plauderei hatte ihre Laune gehoben, und sie war entschlossen, diesen Zustand möglichst lange zu erhalten. „Es ist, als wäre jeder Stern am Himmel heute Nacht sichtbar“, sinnierte sie, um seine Stimmung auszuloten.

„Beobachten Sie gern den Himmel?“

Flüchtig schaute sie ihn an und lächelte, als sie seine freundliche, neugierige Miene sah. „Es kommt vor, dass ich mir die Sterne angucke, falls Sie das meinen.“

„Aber können Sie die Sternbilder bestimmen? Sie benennen?“

Sie schüttelte den Kopf.

Er neigte sich ihr zu, wobei er mit dem Ärmel ihren Arm streifte. „Sehen Sie die Sternengruppe dort über den Bäumen? Das ist Kassiopeia.“

Bedingt durch seine Nähe, dauerte es einen Moment, bis seine Worte zu ihr durchdrangen. „Das ist der Name einer Königin der Antike.“

Er nickte. „Und dies ist ihr Sternbild. Was wissen Sie über sie?“

„Nur dass sie übermäßig stolz auf ihr Aussehen war und behauptete, schöner als die Nereiden, die Nymphen des Meeres, zu sein, womit sie Poseidon so sehr erzürnte, dass er von ihr verlangte, ihm ihre Tochter Andromeda zu opfern.“

„Sehr gut. Und da drüben haben wir Andromeda.“

Sie betrachtete die Sterne, auf die er zeigte.

„Es heißt, Poseidon sei erbost darüber gewesen, dass die Opferung Andromedas verhindert wurde“, fuhr er fort. „Zur Strafe verbannte er die Königin auf jenen Thron am nächtlichen Firmament. Entsinnen Sie sich noch, was mit Andromeda geschah?“

Katrina spürte seinen Blick auf sich und sah ihn an. „Sie wurde von Perseus gerettet und heiratete ihn.“

„Ganz recht. Und Perseus findet sich dort.“ Er beugte sich vor und wies an ihr vorbei auf eine weitere Sternengruppe.

Nur wenige Zoll trennten sein Gesicht von ihrem. Er roch wunderbar – nach Champagner und Minze. Seine Lippen wirkten fest und glatt. Kurz mischte sich ihr Atem mit seinem, ehe er jäh den Kopf hob und ihr die Nachtluft unangenehm kühl über die Haut strich.

Sie musste sich vom Anblick seiner Lippen lösen und sich auf das Gespräch konzentrieren. „Ist das wirklich Perseus oder nur Ihr Versuch, meine romantische Ader anzusprechen?“

„Es ist wirklich das Sternbild Perseus. Nachdem Andromeda gestorben war, wurde ihr angeblich von Athene am Nachthimmel ein Platz neben Perseus gewährt.“

„Oh, das ist romantisch.“

Stirnrunzelnd schaute er zu den Sternen empor. „Ja, vermutlich.“

„Finden Sie nicht?“

„Bislang habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht.“ Er zuckte leicht mit den Achseln.

Sie sahen einander an. Ihr war, als würde ihr Körper von ihm angezogen. Sie musste fort, bevor sie etwas Peinliches täte, beispielsweise über seinen Arm zu streichen, der den ihren berührte.

Tief durchatmend verschränkte sie die Hände. Nur zur Sicherheit. „Nun, ich sollte zurückkehren. Meine Begleiter werden sich fragen, wo ich stecke, und mit etwas Glück ist es drinnen nicht mehr ganz so stickig.“ Sie lächelte ihn an, ehe sie sich von der Balustrade abwandte. „Danke, dass Sie mir die Sterne gezeigt haben. Ich kann aufrichtig behaupten, dass ich mich kein bisschen gelangweilt habe.“

Er verbeugte sich, und als er sich aufrichtete, sah sie es in seinen Augen erheitert blitzen. „Das freut mich. Auch ich habe mich nicht gelangweilt. Ich hoffe, Sie amüsieren sich weiterhin.“

Sie knickste und schritt auf die Fenstertüren des Salons zu. Auf der Schwelle konnte sie nicht widerstehen und schaute über die Schulter zurück. Als ihre Blicke sich trafen, senkte sie den Kopf, um ihr zufriedenes Lächeln zu verbergen.

Als sie sich von seiner Seite löste und ging, starrte Julian ihr wie gebannt nach. Hätte er weggesehen, wäre ihm womöglich der letzte Blick entgangen, den sie ihm zuwarf, bevor sie das Haus betrat. So ertappte sie ihn dabei, dass er sie angaffte wie ein Milchbart, doch das war ihm gleich. Jener Blick sagte ihm alles. Sie wollte ihn ebenso sehr wie er sie.

Er straffte die Schultern, verschränkte die Arme vor der Brust und bemühte sich erfolglos, ein Grinsen zu unterdrücken. Zu wissen, dass diese Frau ihn begehrte, ohne seinen gehobenen gesellschaftlichen Status zu kennen, war so neu wie berauschend. Ihr frischer Duft hing noch in der Luft, und Julian atmete das Zitrusaroma tief ein, während er sich mit dem Rücken gegen die Balustrade lehnte.

Dieser Abend ist doch nicht so öde wie angenommen.

„Also, das nenne ich seltsam. Man könnte fast meinen, du würdest lächeln. Aber dem kann unmöglich so sein, denn während ich ein erquickliches Rendezvous im Garten hinter mir habe, stehst du, alter Knabe, mutterseelenallein hier herum.“

Lord Phineas Attwood, der Earl of Hartwick, von seinen Freunden Hart genannt, erklomm gemächlich die Terrassentreppe. Bis auf das gestärkte weiße Hemd war er ganz in Schwarz gekleidet. Sein Krawattenknoten saß schief, und eine schwarze Strähne fiel ihm über das rechte Auge. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, um sie zu bändigen, doch vergebens.

Neben Julian blieb er stehen, verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust und folgte dessen Blick zu den Terrassentüren. „Hat sie einen Namen?“

„Wer?“

„Wer immer sie ist, die dich in Bann geschlagen hat.“

Julian schloss die Augen und wandte sich seinem Freund mit einem entnervten Seufzer zu. „Was lässt dich glauben, es ginge um eine Frau?“

Hart hob die Brauen. „Komm schon, ich verrate dir auch stets, was mich lächeln lässt. Wir könnten Erfahrungen austauschen. Ich berichte dir von meiner Dame, und du berichtest mir von deiner.“

„Es gibt nichts zu berichten.“

„Also schön – ich fange an. Margaret hat einen höchst begnadeten Mund. Sie kann damit …“

„Du warst mit Lady Shepford im Garten?“ Abermals schloss Julian die Augen. „Du bist von Sinnen. Vor nicht einmal zwei Stunden hast du Shepford beim Kartenspielen um zweihundert Pfund erleichtert, und nun machst du ihm auch noch seine Frau abspenstig.“

„Aufregend, nicht wahr?“ Hart richtete eine seiner Manschetten. „Ich kann nichts dafür, dass sie mich unwiderstehlich findet, und ihm klebt heute Abend das Pech an den Fersen. Es war schier unmöglich, ihm kein Geld abzuknöpfen.“

„Eines Tages wird dich ein gehörnter Gatte fordern, und ich habe keine Lust, dein Sekundant zu sein.“

„Mir ist bewusst, dass du Witwen den Vorzug gibst, aber ich bin nicht du. Verheiratete Damen sind allemal besser als unvermählte, denn zumindest haben sie es nicht auf einen Titel abgesehen. Ehrlich, du sorgst dich umsonst. Meine Kutsche steht immer bereit, und ich weiß sowohl mit Pistolen als auch mit dem Degen umzugehen.“ Er stieß sich von der Balustrade ab. „Mir ist langweilig – lass uns zu White’s gehen. Hör auf, so finster dreinzuschauen. Du siehst aus wie mein alter Hauslehrer.“

Julian schüttelte den Kopf. Es gab keinen Grund zu bleiben, obwohl er gern mehr Zeit mit der Amerikanerin verbracht hätte. Würde sie dem englischen Adel angehören, wäre er umgehend ins Stadthaus des Botschafters zurückgekehrt, um sich ihr vorstellen zu lassen. Leider verwehrte ihm die Pflicht, die mit seinem Titel einherging, eine Verbindung mit einer Amerikanerin.

Wenn er wieder heiratete, dann eine Engländerin aus bestem Hause – so wie seine Ahnen vor ihm. Achtbare englische Adelige ehelichten keine amerikanische Frau.

Warum dachte er überhaupt ans Heiraten? Hart hatte recht. Es war Zeit zu gehen.

2. KAPITEL

Den Morning Chronicle zu bewältigen hätte nicht so schwierig sein sollen. Schließlich tat Katrina es allmorgendlich, seit sie und ihr Vater vor einigen Wochen in London eingetroffen waren. Heute allerdings war es ihr unmöglich, auch nur einen einzigen Artikel zu lesen – und das lag ausschließlich an diesem englischen Gentleman, mit dem sie sich abends zuvor auf der Terrasse unterhalten hatte.

Im Speisezimmer des Hauses, das ihr Vater in Mayfair gemietet hatte, war es still, bis auf das gelegentliche Klappern einer Wedgwood-Tasse auf dem Unterteller und das Knistern von Papier, wenn ihr Vater eine Seite des Dokuments umblätterte, das der amerikanische Gesandte ihm geschickt hatte.

Gereizt darüber, dass sie nicht die nötige Konzentration aufbrachte, schob sie die Zeitung fort und nahm sich eine Scheibe Toast aus dem Silberständer vor ihr. Während sie das Brot mit Honig bestrich, ließ sie zum hundertsten Mal im Geiste das Gespräch von gestern Abend Revue passieren. Unwillkürlich lächelte sie.

Wieso konnte sie nicht aufhören, an ihn zu denken? Sie fand englische Männer alles andere als anziehend – oder zumindest war es bis gestern Abend so gewesen. Die meisten derer, die sie seit ihrer Ankunft in London kennengelernt hatte, waren arrogant, herablassend und für ihren Geschmack zu sehr von sich selbst eingenommen. Dieser Gentleman indes war nichts von alledem. Er hatte nicht einmal eine alberne Bemerkung darüber fallen lassen, dass sie Amerikanerin war. An einem Abend, der miserabel begonnen hatte, war es ihm gelungen, sie zum Lachen zu bringen und sie ihren schmerzenden Fuß vergessen zu lassen. Und sie konnte nicht leugnen, dass seine Nähe ihr Herz heftig hatte pochen lassen.

Als ihr Honig durch die Finger zu rinnen begann, schüttelte sie den Kopf und leckte die klebrige Süße ab. Wann sie ihn wohl wiedersehen würde? Wären sie einander erst offiziell vorgestellt worden, könnten sie öffentlich miteinander sprechen, und sie würde endlich seinen Namen erfahren. Vielleicht bäte er sie gar um einen Walzer.

Zwar hatte sie nicht die Absicht, mit einem englischen Gentleman anzubandeln, aber sich auf den Veranstaltungen, die sie während ihres London-Aufenthalts wahrnehmen musste, mit ihm zu unterhalten, versprach eine vergnügliche Zerstreuung zu werden.

In sich hineinlächelnd nahm Katrina sich erneut die Zeitung vor und versuchte ein letztes Mal, sich aufs Lesen zu konzentrieren.

In einem anderen Teil Mayfairs, in einem sehr viel imposanteren Haus, verließ Julian just seine Räumlichkeiten und rieb sich die Stirn, hinter der es schmerzhaft pochte. Er fühlte sich alles andere als erholt. Mehrmals war er nachts aus lebhaften Träumen hochgefahren, in denen die Amerikanerin vorgekommen war. Der Schlafmangel stimmte ihn gereizt. Was er brauchte, war ein stiller, friedvoller Vormittag.

Den Geräuschen nach zu schließen, die ihm durch die Tür des Frühstückssalons entgegenschlugen, bestand wenig Hoffnung auf einen solchen.

Als er über die Schwelle trat, sah er seine Mutter und seine Großmutter an der erlesen gedeckten Tafel in ein Gespräch vertieft. Sich an seine letzten Momente der Ruhe klammernd schritt er an den livrierten Lakaien vorbei zur Sheraton-Anrichte und füllte sich einen Teller. Der Schinkenduft ließ ihm den Magen knurren, was ihm sagte, wie hungrig er war. Sobald er sich setzte, wurde ihm Kaffee in die Porzellantasse gegossen.

Gerade als er sich das aromatische Gebräu an die Lippen führen wollte, verstummte das Geplauder um ihn her. Seine Mutter sah ihn scharf an, und er verfluchte sich im Stillen dafür, das Frühstück nicht in seinem Studierzimmer eingenommen zu haben.

„Guten Morgen, Lyonsdale“, sagte sie, wobei sie ein Schreiben zusammenfaltete, das offen neben ihrem Teller gelegen hatte. „Wie war der Ball des Botschafters?“

„Überlaufen, wie stets, aber erstaunlich erträglich.“

„Und Lady Wentworth? Hat sie den Abend genossen?“

Julian hatte sich bemüht, seine Verbindung zu der hübschen Witwe diskret zu behandeln. Offenbar musste er sich noch mehr anstrengen. Er blies in seine Tasse und entschied sich für ein Ausweichmanöver.

„Sie war nicht da.“

„Wer hat dich dann so lange auf der Terrasse festgehalten?“

Er verkrampfte die Finger um den Henkel seiner Tasse, bevor er diese behutsam auf dem Unterteller absetzte. Er war einunddreißig. War ein wenig Privatsphäre zu viel verlangt? Er würde sich seinen Sekretär zur Brust nehmen. Irgendwie musste sich die Renovierung des Stadthauses seiner Mutter doch beschleunigen lassen, sodass sie schnellstmöglich dorthin zurückkehren konnte.

„Wären Sie so gütig, mir zu verraten, wie Sie an dieses Wissen gelangt sind?“

Seine Großmutter Eleanor, die Dowager Duchess of Lyonsdale, die sich gerade Butter aufs Toastbrot strich, hielt inne. „Deine Mutter hat gleich heute Morgen eine Nachricht von Lady Mellingworth erhalten. Nicht wahr, Beatrice?“

„Ihre Freundin hat Ihnen geschrieben, was ich gestern Abend gemacht habe?“, hakte Julian indigniert nach.

„Sie hat es nur deshalb erwähnt, weil du dich ihr zufolge recht abrupt entfernt hast und sie dachte, du würdest mit ihrem Gatten über ihre Tochter sprechen wollen.“

„Wie kommt sie zu der Annahme, ich wollte ihretwegen mit Mellingworth sprechen?“

Seine Mutter fuhr mit einem ihrer schlanken Finger am Goldrand ihrer Tasse entlang und hob das spitze Kinn. „Wie jeder im ton, ist sie sich der Tatsache bewusst, dass du einen Erben benötigst. Und Lady Mary ist eindeutig eine gute Wahl. Ihr Vater ist Earl, und sie ist die Nichte eines Dukes. Zudem hast du dich mit ihr unterhalten und damit demonstriert, dass du sie den anderen jungen Damen gegenüber bevorzugst.“

„Ich habe mich keineswegs mit ihr unterhalten.“

„Doch, zwangsläufig. Du hast mit ihr getanzt, und dabei ist gewiss das eine oder andere Wort gefallen.“

Habe ich das? Julian versuchte, sich wenigstens ansatzweise an die Unterhaltung zu erinnern, doch es gelang ihm nicht. An Lady Mary war nichts Auffälliges. Für ihn war eine Debütantin wie die andere. Sie tuschelten hinter vorgehaltenem Fächer und taxierten ihn, wenn sie sich von ihm unbeobachtet wähnten. Alle waren sie blutjung. Er musste mit ihr gesprochen haben, konnte sich dessen aber beim besten Willen nicht entsinnen.

„Womöglich habe ich Lady Mellingworth gegenüber erwähnt, dass du ihre Tochter in Betracht zögest.“

Julian hatte seiner Mutter schon nicht mehr zugehört, doch diese Mitteilung ließ ihn aufhorchen. Das Pochen in seinem Schädel nahm zu. Er würde sich von ihr nicht vorschreiben lassen, wen er heiratete – nicht dieses Mal.

„Es stand Ihnen nicht zu, dies in meinem Namen zu entscheiden“, presste er hervor.

„Ich habe keine Zusage gemacht, aber dir dürfte klar sein, dass du dich nicht länger an Lady Wentworth verschwenden darfst. Diese Frau ist eine inakzeptable Partie. Ihre Familie ist praktisch bedeutungslos. Es wird Zeit, dass du den Stammbaum fortführst. Wäre Edward nicht bei jenem halsbrecherischen Ritt umgekommen, hätten wir zumindest ihn als deinen unmittelbaren Erben. So jedoch würde im Falle deines Ablebens alles an den nichtsnutzigen Neffen deines Großvaters fallen, und der würde unseren guten Namen ruinieren.“

Eine vertraute Leere tat sich in seiner Brust auf – der Grund dafür, dass er so ungern an Edward dachte. Die gefühllose Weise, auf die seine Mutter über den Tod seines geliebten Bruders sprach, schürte den in ihm aufflammenden Zorn. Hatte sie in Edward und ihm je etwas anderes gesehen als ihren eigenen pflichtschuldigen Beitrag zur Sicherung der Erbfolge?

„Du hast dich lange genug gegen die Ehe gesträubt“, fuhr sie fort. „Es wird höchste Zeit, dass du erneut heiratest und einen Erben zeugst. Lady Mary wird eine vorbildliche Duchess sein. Du solltest mir danken dafür, dass ich dir die beschwerliche Aufgabe abnehme, eine passende Gattin zu finden.“

„Ihnen danken?“, fragte er fassungslos. „Als Sie mir das letzte Mal eine Gattin ausgesucht haben, hat die Sache ein unschönes Ende genommen. Noch einmal lasse ich mich von Ihnen nicht beeinflussen.“

Das brachte seine Mutter ins Stocken, und er spürte die Anspannung aus seinen Schultern weichen. Vielleicht hatte er Glück, und sie würde das Thema fallen lassen.

Erwäge Lady Mary wenigstens.“

Oder vielleicht setzt sie mir auch zu, bis ich endgültig keinen Appetit mehr habe!

Er schluckte einen Mundvoll lauwarmen Kaffees und schob die Tasse angewidert von sich.

Ehe er parieren konnte, redete seine Mutter hastig weiter. „Sie entstammt einer angesehenen Familie und wurde von Geburt an darauf vorbereitet, einen solchen Titel zu tragen. Sie ist kultiviert und wirkt, als könnte sie dir viele Kinder schenken. Mehr kannst du unmöglich verlangen.“

Aber das tat er. Er spürte es. Nur vermochte er nicht zu sagen, was genau. Er wusste lediglich, dass er ein solches Gespräch nicht übernächtigt führen sollte. Diese Entscheidung war zu schwerwiegend – und zudem war sein Kaffee kalt.

„Du hast noch nicht gesagt, mit wem du gestern Abend auf der Terrasse des Botschafters warst.“

„Stimmt, habe ich nicht.“

Seine Mutter hob ihre Tasse, um sich Tee nachschenken zu lassen, und gleich war ein Lakai zur Stelle. So bald würde sie die Tafel offenbar nicht verlassen. Julian erhob sich und ließ seine Serviette auf den Tisch fallen.

Seine Großmutter schaute von seinem unberührten Teller zu ihm, und ihr Blick war warm und mitfühlend. „Du hast nicht einen Bissen gegessen, obwohl du sicherlich hungrig bist. Soll Reynolds dir etwas anderes bringen?“

Ihre aufrichtige Sorge milderte seine Rage. „Nein, vielen Dank.“

„Ich könnte dir ein Tablett ins Studierzimmer schicken lassen. Meinst du nicht, dass wir etwas fänden, das dich reizt?“

„Kein Bedarf. Ich glaube, ich habe keinen Hunger mehr.“

In Harts Frühstückszimmer herrschte wohltuende Stille. Hier drängt niemand mich, eine Entscheidung zu treffen, die mein gesamtes künftiges Leben überschatten wird, dachte Julian erleichtert. Er wusste, dass er bald würde heiraten müssen. Er konnte das Unvermeidliche nicht ewig aufschieben. Je länger er wartete, desto jünger würden die Mädchen werden. Doch wann immer er über die Ehe nachdachte, hatte er das unangenehme Gefühl, als drehte sich ihm der Magen um. Dieses Mal war es nicht anders.

Weshalb gab es im ton keine Frau wie die Amerikanerin, die ihn gestern Abend so sehr fasziniert hatte? Blicklos starrte er auf seinen Teller und fuhr leicht zusammen, als Harts Butler sich räusperte.

„Wünschen Sie noch etwas, Euer Gnaden?“

„Ja, in der Tat, Billings. Könnten Sie nachsehen, ob die Köchin Seiner Lordschaft Zitronencreme dahat?“

Während der Butler das Zimmer verließ, schlenderte Hart verschlafen herein. Er trug einen Morgenrock aus schwarzem Brokat, und eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn.

„Mir wurde mitgeteilt, du seist hier, aber geglaubt habe ich es nicht“, stellte Hart gähnend fest und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Der Butler kehrte mit einer Wedgwood-Schale zurück, die er vor Julian abstellte.

Hart starrte entsetzt auf die Scheibe Toastbrot, die sein Freund mit einer puddingartigen Masse bestrich. „Was ist mit der Butter passiert?“

„Das ist Zitronencreme.“ Julian biss von seinem Toast ab, genüsslich die Augen schließend.

„Ich habe dich nie zuvor Zitronencreme essen sehen. Ich wusste nicht einmal, dass ich Zitronencreme habe – und warum zum Teufel schmierst du sie dir aufs Brot?“

„Keine Ahnung.“ Julian biss erneut ab und wischte sich mit der Serviette über die Lippen. „Beim Aufwachen war mir seltsamerweise nach Zitronen.“

Hart nahm von Billings eine Tasse Kaffee entgegen und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Also, was führt dich zu dieser unchristlich frühen Stunde zu mir?“

„Es ist nach zehn – schwerlich unchristlich früh.“

Hart ließ die Tasse auf halbem Weg zum Mund verharren. „Du kennst mich seit Jahren in- und auswendig. Glaubst du ernsthaft, ich würde mich gemeinhin um diese Uhrzeit aus dem Bett quälen?“

„Habe verstanden. Dein Kaffee ist übrigens vorzüglich. Ich glaube, ich trinke ihn zum ersten Mal.“

„Ja, weil du bislang so klug warst, nicht zum Frühstück hier aufzukreuzen. Also genieße diese Kanne, denn ich lege dir nahe, mich nicht so rasch wieder zu dieser Mahlzeit zu behelligen.“

Julian aß weiter seinen Toast. Zitronencreme auf Brot ist einfach ein Gaumenschmaus. Er leckte sich über die Lippen und fragte sich, wieso er das nicht schon früher probiert hatte.

„Was führt dich her?“

Vielleicht sollte er seinem Verdruss Luft machen, indem er seinem Freund das Herz ausschüttete. Er nahm einen letzten Schluck Kaffee. Sogleich war Billings bei ihm und schenkte nach. Auf Harts Blick hin zog sich der Butler zurück und schloss geräuschlos die Tür hinter sich.

„Sie will einen Erben.“

„Wer?“

„Meine Mutter.“

„Das ist nichts Neues. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie dich für pflichtsäumig hält. Bist du deshalb so früh hier? Weil du vor deiner Mutter Reißaus genommen hast?“

Julian warf eine Scheibe Toast nach ihm.

„He, das ist deiner unwürdig.“ Hart klaubte das Brot von seiner Brust und biss hinein. „Gar nicht übel.“ Er leckte sich die Finger ab. „Hat sie einen weiteren einfältig lächelnden Backfisch für dich aufgetrieben?“

„Ja, aber diesmal hat sie der betreffenden Familie gegenüber angemerkt, ich sei interessiert. Damit ist sie zu weit gegangen.“

„Und wer ist diese Ikone des ton, die sie mit so viel Bedacht zur Mutter des nächsten Dukes erkoren hat?“

„Lady Mary Morley. Die Tochter des Earl of Mellingworth“, fügte er erklärend hinzu.

„Könnte schlimmer sein. Sie hat den ergötzlichsten Busen, den ich je gesehen habe. Üppig und verführerisch. Reich mir doch mal die Zitronencreme.“ Er nahm Julian die Schale aus der Hand, tauchte seinen Löffel hinein und leckte ihn ab. „Da … jetzt hast du es geschafft. Ich werde nie wieder Lady Marys herrliche Brüste betrachten können, ohne mich an diesen Geschmack zu erinnern.“

„Würdest du bitte beim Thema bleiben?“

„Tue ich doch!“ Hart gönnte sich einen weiteren Löffel Zitronencreme.

„Bei meinem Problem, du Esel!“

„Würde ich ja, wenn ich ein solches sähe! Du sagtest, du müsstest wieder heiraten, und sie ist eine bessere Wahl als die anderen Mädchen, die deine Mutter in Betracht zieht. Sie ist eine Augenweide, wirkt einigermaßen handzahm, und dieser Busen …“

„Könnten wir Lady Marys Busen aus dem Spiel lassen?“, presste Julian zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Dir mag das gelingen, mir hingegen …“

Julian strich sich über die Schläfe, als könnte er so das schmerzhafte Pochen vertreiben. Der Umstand, dass er sich an kein einziges Gespräch mit Lady Mary entsinnen konnte, verhieß nichts Gutes, und bei dem Gedanken daran, eine gerade einmal Siebzehnjährige in die Freuden des Ehebetts einzuführen, drehte sich ihm regelrecht der Magen um.

„Ich bin nicht hier, um mir anzuhören, welch exzellente Wahl Lady Mary darstellt. Sei versichert, ihre Tugenden sind mir hinreichend bekannt.“ Er brach ein Stück von einer jungfräulichen Toastbrotscheibe ab, um Beherrschung ringend. „Ich habe mit ihr getanzt, kann mich jedoch nicht erinnern, worüber ich mich mit ihr unterhalten habe. Und ich glaube nicht, dass ich sie je habe lächeln sehen. Ich spreche von einem aufrichtigen Lächeln, nicht von einem aufgesetzten. Hast du sie schon einmal lächeln sehen?“

„Nicht dass ich wüsste … vermutlich nicht.“ Hart trank einen Schluck Kaffee und musterte Julian. „Mir war nicht bewusst, dass du Wert darauf legst.“

„Ich sage nur, dass eine Frau lächeln können sollte, wenn ihr danach ist.“

„Vermutlich …“, erwiderte Hart zögerlich. „Ich begreife nicht, weshalb du so aufgebracht bist. Tu, wonach immer dir ist. Du könntest entblößt durch Almack’s rennen, Brandy zum Frühstück trinken, scharlachrote Kleider tragen – es wäre egal. Niemand würde Anstoß nehmen. Das mit dem Brandy klingt übrigens nach einer famosen Idee. Meinst du, ich habe hier welchen? Ich weiß ehrlich nicht, wann ich das letzte Mal in diesem Raum war.“

Er schaute sich um, offenbar auf der Suche nach einer Karaffe mit bernsteinfarbener Flüssigkeit, bevor er sich wieder Julian zuwandte. „Falls dir das Mädchen nicht zusagt, lass es in Ruhe. Aber ich bin neugierig. Wieso wirst du einerseits nicht müde zu proklamieren, du würdest deine Pflicht vernachlässigen und müsstest eine Braut finden, wenn du andererseits jedwede infrage kommende Dame hartnäckig verschmähst? Je eher du dich für eine entscheidest, desto schneller hört deine Mutter auf, dich zur Weißglut zu treiben, wie dir selbst klar sein dürfte.“

Er gab Zitronencreme auf eine Apfelscheibe und schob sie sich in den Mund.

Warum musste Hart so scharfsichtig sein? Julian wusste, dass er bald würde heiraten müssen. Schon jetzt war er dreizehn Jahre älter als die meisten dieser Mädchen – vierzehn in Lady Marys Fall. Nicht mehr lange, und er würde einer beiliegen, die seine Tochter sein könnte.

Bliebe ihm bloß mehr Zeit.

Als seine Duchess wäre Lady Mary wahrlich nicht die schlechteste Wahl. Abstammung war wichtig, und die Familie Morley konnte ihre Linie bis an den Hof der Tudors zurückverfolgen. Wieso also wurde ihm stets flau, wenn er in Betracht zog, sie zu ehelichen?

Unvermittelt sah er im Geiste zwei intelligente blaue Augen und ein warmes Lächeln vor sich. Wäre Lady Mary wie jene Amerikanerin, würde er sie vom Fleck weg heiraten.

Kopfschüttelnd machte er sich wieder daran, seinen Toast mit Zitronencreme zu bestreichen.

3. KAPITEL

Später am selben Tag brachte das Stimmengewirr der Menschenmenge, die auf die Abendvorstellung wartete, das Theater an der Drury Lane förmlich zum Vibrieren. Beeindruckt von den immensen Ausmaßen des Theaters, blickte Katrina sich um. Oberhalb der Orchesterebene befanden sich drei Logenreihen, und darüber zogen sich zwei zusätzliche Etagen mit offenen Sitzplätzen entlang. Zahlreiche Lüster erhellten das Theater, sodass man leicht erkennen konnte, wer in der jeweiligen Loge saß.

Katrina ließ den Blick über die schillernden Gestalten schweifen und auf einer Loge ruhen, die nahe der Bühne lag. Sie richtete ihr Opernglas darauf, um besser sehen zu können.

„Ich war der Ansicht, englische Gentlemen behandelten ihre heimlichen Affären diskret. Lord Phelps allerdings geht recht ungeniert vor“, flüsterte sie Sarah zu, mit der sie in der Loge der Forresters saß.

Sie beide beobachteten, wie eine hochgewachsene blonde Frau sich schmachtend zu dem korpulenten älteren Herrn umwandte, der ihr das Abendcape abnahm. Katrina hob die Brauen, als sie das Kleid der Frau sah, das darunter zum Vorschein kam. Einen solch tiefen Ausschnitt hatte sie zuletzt in Paris gesehen.

„Vielleicht ist sie ja seine Tochter“, meinte Sarah hörbar skeptisch.

„Was, glaubst du, bewegt einen Mann dazu, sich eine Mätresse zu nehmen?“

„Unzufriedenheit, nehme ich an“, antwortete Sarah und zuckte leicht mit einer Schulter. „Hier ist dies anscheinend eher an der Tagesordnung als bei uns daheim. Die meisten Vermählungen innerhalb des ton scheinen mir reine Zweck- und keine Liebesehen zu sein. Das mag erklären, weshalb es hier so viele Affären gibt.“

Katrina ließ den Blick zurück zu Lord Phelps wandern, der offenbar einem weiteren älteren Gentleman seine Mätresse vorstellte. „Ich bin herzlich froh darüber, dass es nicht mein Los ist, in den ton einheiraten zu müssen. Ich würde mich niemals für den Rest meines Lebens an einen Mann mit einem Hang zu Liebschaften binden wollen.“ Sie drehte sich zu Sarah um, und ihre Laune hob sich. „Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich hoffentlich einen ehrbaren Mann kennenlernen, der mich so betörend findet, dass er gar nicht anders kann, als um meine Hand anzuhalten.“

„Einen Mann, der hoffentlich so gut aussehend wie ehrbar ist“, fügte Sarah breit lächelnd hinzu.

Ehe Katrina etwas erwidern konnte, setzte sich ihr Vater auf den leeren Platz neben ihr. „Wie gefällt euch beiden der Abend bislang?“

„Wir bewundern gerade die Roben der Damen“, sagte Katrina und lächelte ihn voller Zuneigung an. „Einigen Logen wird reichlich Aufmerksamkeit zuteil, und es ist angenehm, einmal nicht selbst das Zielobjekt von Blicken und Geraune zu sein.“

Doch in einer Loge gegenüber der, in der Katrina ungezwungen plauderte, saß ein Mann, der sie durchaus anstarrte – ein höchst überraschter Mann.

Julian verengte die Augen und musterte die Frau in hellrosa Seide. Er hob sein Opernglas, um sie besser erkennen zu können. Ihr Haar war von einem satten Goldton, ihre Schultern waren elegant geschwungen. Er sah ihre lebhafte Mimik, während sie sich mit der Frau zu ihrer Rechten unterhielt. Kein Zweifel: Es war die Amerikanerin, mit der er gestern auf der Terrasse der de Lievens geredet hatte – die Frau, die er den ganzen Tag lang nicht aus seinen Gedanken hatte verbannen können.

Der ältere Herr neben ihr lächelte nachsichtig, und Julian verspürte den widersinnigen Drang, sie von ihren Gefährten zu trennen. Was zur Hölle war los mit ihm?

„Ich glaube, du hast nicht ein Wort von dem erfasst, was ich dir seit fünf Minuten erzähle“, beschwerte sich Hart missmutig, wobei er eine Guinee in die Luft warf und wieder auffing.

„Natürlich habe ich das. Du hast von einer deiner jüngsten amourösen Eroberungen berichtet.“

Hart ließ ein kehliges Lachen vernehmen, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und kippte diesen gefährlich weit nach hinten. „Nicht, sofern sie nicht Royal Rebel heißt. Was, wenn ich es recht bedenke, ein außergewöhnlich passender Name für eine Prinzessin wäre, zu der ich eine innige Verbindung pflege … Ich sprach von dem Pferderennen, das ich gestern Nachmittag besucht habe, und dem Geldsegen, den Royal Rebel mir beschert hat. Spektakuläre Aufholjagd, ungemein spannend.“

Julian war machtlos dagegen, dass sein Blick immer wieder zu der Amerikanerin glitt, obgleich er sich alle Mühe gab, sich auf seinen Freund zu konzentrieren.

„Wie lautet ihr Name?“, fragte Hart, abermals die Guinee werfend.

„Wessen Name?“

„Der Name der Dame, die deine Aufmerksamkeit fesselt – die du, möchte ich anfügen, eigentlich mir widmen solltest. Es war ein anständiger Zug von dir, mich heute Abend einzuladen, aber du bist ein lausiger Gastgeber.“

Flüchtig schaute Julian zu ihm hinüber. „Wieso glaubst du, es sei eine Dame, die meine Aufmerksamkeit fesselt?“

„Wie dumm von mir. Vermutlich bewunderst du das kunstvoll gebundene Krawattentuch irgendeines Herrn?“ Auf Julians Schweigen hin schüttelte er den Kopf. „Dir ist doch klar, dass ich im Nu herausfinden werde, wer die Dame ist?“

Er steckte die Münze in die Tasche, nahm sein Opernglas zur Hand und spähte unverhohlen die gegenüberliegenden Logen aus. „Da wäre die Loge der Montroses – in der es nichts Neues gibt. Rothschild hat Gäste, aber sofern du dich nicht für ausgesprochen reife Frauen begeisterst, können wir sie guten Gewissens ausschließen. Bliebe die Loge des amerikanischen Gesandten … Hm … Schon vielversprechender. Als Nächstes haben wir …“

„Du weißt, wer diese Loge gemietet hat?“ Julian schloss die Augen und betete, sein Freund möge diese hirnverbrannte Frage überhört haben.

Hart lachte leise und zog schalkhaft eine Braue hoch. „Du warst also von politischen Betrachtungen abgelenkt?“

Deine Selbstgefälligkeit kannst du dir sparen.

„Oh, na schön, Julian. Der Herr und die Dame ganz links sind Mr. und Mrs. Forrester, der amerikanische Gesandte und seine Gattin. Der andere Gentleman in der vorderen Reihe ist Mr. Peter Vandenberg, ein amerikanischer Autor, der seit Kurzem in London weilt und einer der amerikanischen Repräsentanten bei der Anglo-Amerikanischen Konvention sein wird. Sein Name sagt dir doch etwas? Soweit ich weiß, haben sämtliche Höfe und Salons Europas ihn bereits empfangen, und in den vergangenen acht Monaten hat er in Paris gelebt. Schon interessant, dass Präsident Monroe ausgerechnet ihn damit betraut hat, die Vertragsverhandlungen zwischen unseren Ländern zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.“

In Harts blauen Augen funkelte es spitzbübisch. „Ansonsten kenne ich leider niemanden in der Loge. Enttäuscht?“

„Idiot.“

„Ich kann Erkundigungen einholen, wenn du möchtest.“ Hart grinste schief und musterte Julian unverblümt neugierig.

„Nicht nötig.“

Er fragte sich, ob Peter Vandenberg der Gatte dieser Amerikanerin war. Es war offenkundig, dass sie einander nahestanden. Das ging aus der Art und Weise hervor, auf die sie dann und wann beim Sprechen seinen Arm berührte. Er war zu alt für sie, aber Julian wusste von vielen Ehen zwischen einer jungen Frau und einem sehr viel älteren Mann. Wenn er sich nicht ins Zeug legte und mehr Zeit mit Lady Mary verbrachte, mochte seine Ehe ähnlich ausfallen.

Bei seinem Gespräch mit der Amerikanerin war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass sie verheiratet sein könnte. Die Arme fest vor der Brust verschränkt, zwang er sich, eine entspannte Miene aufzusetzen. Was kümmerte es ihn, ob sie vermählt war?

Das Orchester ließ die ersten Akkorde erklingen, und der Bühnenvorhang aus rotem Samt teilte sich. Der Erzähler trat vor, und Julian war froh über die Ablenkung. Sobald jedoch die Pause angekündigt wurde, stellte er verärgert fest, dass ihm auffiel, wann genau die amerikanische Frau ihre Loge verließ.

Als Julian sich nach der Vorstellung anschickte, in Harts Kutsche zu steigen, konnte er nicht verhindern, dass er nach der Frau Ausschau hielt. Er drehte sich zu den Menschen um, die nach wie vor aus dem Theater strömten, und suchte in der Menge nach einer jungen Dame in einem hellrosa Kleid. Er entdeckte sie nicht weit entfernt zu seiner Linken, wo sie neben Vandenberg stand, der mit einem Kutscher redete.

Wie von einer geheimnisvollen Macht aufgerüttelt, wandte sie sich ihm zu. Ihre Blicke trafen sich. In ihren Zügen mischte sich Wiedererkennen mit Freude.

Sie zog ihr Cape enger um sich, als ließe ein Schauer sie frösteln. Ihm fielen gleich mehrere vergnügliche Möglichkeiten, sie zu wärmen. Sie legte den Kopf leicht schräg, als versuchte sie, seine Gedanken zu lesen, ehe sie die Lippen zu jenem verführerischen warmen Lächeln verzog.

Eine Bewegung neben ihr ließ Julian zu dem älteren Herrn an ihrer Seite schauen. Vandenberg legte ihr eine Hand an den Ellbogen, woraufhin Julian die seine fester um den Goldknauf seines Spazierstocks schloss. Ein letztes Mal fing er ihren Blick ein, tippte sich an den Hut und stieg in Harts Kutsche.

Autor

Laurie Benson
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