Ein Lord nach ihrem Geschmack

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Im Gegensatz zu anderen jungen Damen plant die freiheitsliebende Jane keineswegs, möglichst schnell unter die Haube zu kommen. Sie will ihr Leben der Kunst widmen – einen Ehemann kann sie da nicht brauchen! Eine Begegnung mit dem charismatischen Lord Kendall bringt jedoch ihre Pläne durcheinander. Er scheint es zu schätzen, dass Jane ihren eigenen Kopf hat, und sie findet die Gespräche mit ihm herrlich anregend. Zögerlich kommen die beiden einander näher – was einen unvorhergesehenen Skandal auslöst, der Jane ihren guten Ruf kosten kann!


  • Erscheinungstag 24.05.2022
  • Bandnummer 621
  • ISBN / Artikelnummer 9783751511308
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

September 1814

Wenn ich in einem von Melissas Romanen wäre, dachte Jane, würde diese Postchaise auf ihrem Weg nach Gretna Green über das Pflaster rattern, und auf dem Platz neben mir säße ein schneidiger, entschieden gefährlicher Gentleman von dunklem Typus.

Da dies nicht von ihrer Freundin erdacht war, sondern das wahre Leben, befand sie sich, in Ungnade gefallen, auf dem Weg nach Batheaston, um zur Strafe die nächsten sechs Monate bei ihrer Cousine Violet zu verbringen. Neben ihr saß Constance Billing, die Zofe ihrer Mutter. Constance bedeutete so viel wie Beständigkeit, und schon zehn Minuten nach Beginn der Reise hatte sich herausgestellt, dass an Constance nur eines beständig war – ihre Fähigkeit, anhaltend zu schmollen und unermüdlich alles und jeden zu missbilligen.

Andererseits, dachte Jane, bin ich wenigstens nicht sofort wieder heim nach Dorset beordert worden.

Cousine Violet war aufs Unterhaltsamste exzentrisch, und Billing würde – so hoffte Jane glühend – am Morgen nach ihrer Ankunft wieder zurückreisen.

Jane zog die Straßenkarte zu Rate. „Wir werden die Pferde in Kensington noch nicht wechseln müssen, es liegt nur zwei Meilen hinter London. Der erste Halt ist in Hounslow, glaube ich.“

„Warum dann haben wir hier angehalten?“

„Weil sich, wie Sie durch die vordere Scheibe sehen können, aus irgendeinem Grund vor uns der Verkehr staut.“ Jane erhob sich halb von ihrem Sitz, um über die Rücken der beiden Zugpferde hinwegblicken zu können. „Ah, ich sehe, es gab einen Unfall.“

Vor ihnen an der belebten Hauptstraße, die durch das Dorf Kensington führte, lag die Kirche, und davor hatten sich offensichtlich die Räder zweier Lastkarren ineinander verhakt. Beide Kutscher standen aufrecht auf den Böcken, schwangen ihre Peitschen und brüllten einander an, was nicht im Mindesten hilfreich war. Zum Glück waren sie nicht in Hörweite. Passanten und andere Kutscher hatten sich versammelt und gafften, erteilten Ratschläge oder standen allgemein im Weg herum.

Jane ließ das Fenster an ihrer Seite hinunter und beugte sich hinaus. Weiter hinter ihnen erklang ein Horn. „Das ist entweder eine Postkutsche oder die Eilpost.“

Sie lehnte sich in die Polster zurück, bereit, sich als Zuschauerin angenehm unterhalten zu lassen. Reisende klagten oft über das starke Schwanken der Privatpostwagen, doch einen gewaltigen Vorteil hatten diese Gefährte – die große Frontscheibe, durch die man die Welt ringsum betrachten konnte. Natürlich nahm Billing an der Größe des Fensters Anstoß und vermied es hinauszuschauen. Es gewährte weder Diskretion noch Privatsphäre, war ihre Meinung, und junge Damen sollten nicht kühn umherschauen und riskieren, dem schweifenden Auge eines Lebemannes oder vorbeischlendernden Gentlemans aufzufallen.

„Schließen Sie doch die Vorhänge, Miss Jane“, schalt Billing. „Direkt gegenüber von uns steht am Gehweg eine ganz gewöhnliche Bierschänke.“

Da war etwas dran, musste Jane zugeben. Das Civet Cat sah unzweifelhaft heruntergekommen aus und ähnelte keineswegs den ehrbaren, freundlichen Gasthöfen in den Dörfern rings um den Wohnsitz ihrer Eltern.

Während sie noch im Geiste den Eingang kehrte, die Fenster putzte und ein paar Töpfe mit Geranien davorstellte, flog die Tür der Schänke auf, und drei Männer rollten geradezu hinaus mitten zwischen zur Seite springende Passanten. Ihnen folgten zwei weitere mit Knüppeln bewaffnete Kerle.

Billing kreischte auf. „Wir werden ermordet!“

„Nicht wir, aber jener Mann dort, wenn ihm niemand zu Hilfe kommt.“

Der Kampf, erwies sich, war einer gegen vier, denn der größere der Männer, der mit dem Knüppel, zerrte einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann auf die Füße und hielt ihn fest, während die anderen ihn mit Knüppel und Fäusten traktierten und Hiebe auf dessen Kopf und Körper regnen ließen.

„Warum hält die keiner auf? Das ist kein Kampf, das ist ein Überfall. Man sollte einen Wachtmeister rufen.“

Der hochgewachsene Mann konnte sich losreißen und versetzte einem Angreifer einen so heftigen Boxhieb, dass der gegen seine Kumpane flog.

„Ha! Gut gemacht, Sir! Noch einmal!“, feuerte Jane ihn an.

Sie ignorierte Billing, die an ihrem Arm zog und sie zu dämpfen suchte, öffnete das Fenster des Wagenschlags und umklammerte den Atem anhaltend aufgeregt den Rand. Durch die Wucht des gewaltigen Boxhiebs war der Mann nämlich rückwärts gegen zwei der Kerle geprallt, die ihn sofort festhielten. Ganz klar war er dem vierten Halunken nicht mehr gewachsen, der in sichtlicher Vorfreude grinsend näher kam. Zu Janes Überraschung grub der Kerl jedoch in der Tasche seines Friesmantels und holte ein gefaltenes Papier daraus hervor, das er dem sichtlich angeschlagenen Mann in die Innentasche des Gehrocks stopfte. „Mit besten Empfehlungen!“, knurrte er, dann packte er seinen Knüppel fester.

Der erste Schlag war so heftig, dass der Mann aus dem Griff der beiden Kerle gerissen wurde und quer über das Pflaster direkt gegen Janes Kutsche geschleudert wurde. Der Wagen schwankte in seiner Federung, und Billing kreischte erneut auf.

Geistesgegenwärtig stieß Jane den Schlag vollends auf, ergriff den Mann bei Arm und Kragen und zog. „Rein hier!“

Ob er das hörte oder ob der Schwung des Stoßes ihn hereinstürzen ließ, wusste sie nicht, und es war ihr auch einerlei, weil sie sich zu sehr wegen des Knüppel schwingenden Burschen sorgte, der unter grimmigem, zahnlückigem Grinsen sein Gebiss bleckte. Der Gerettete sackte zu ihren Füßen zusammen. Weil die Kutsche unter dem Aufprall heftig schaukelte, fiel der Schlag zu, schwang aber, da sie sich aufrichtete, erneut zurück und traf den Angreifer mitten im Gesicht.

Jane festigte den Griff um ihren Schirm und wühlte mit der anderen Hand in ihrem Retikül nach Mamas Taschenpistole, die sich jedoch hoffnungslos in ihrem Taschentuch verfangen hatte. Sie rüstete sich für das Schlimmste, als mit lautem Hörnerklang die Eilpost nahte und vorbeirauschte und sich mitten durch die zuschauende Menge bei den Lastkarren drängte. Janes eigener Postillon ließ die Chance nicht ungenutzt verstreichen, gab den Pferden die Peitsche, und ihre Chaise, immer noch mit offenem Schlag, schwenkte in den freien Raum hinter der Postkutsche ein und folgte ihr. Der Schlag fiel ins Schloss, als sie in weitem Bogen an der Kirche vorbeirollten, und sie hatten das Civet Cat und die Raufbolde hinter sich gelassen.

Jane war kurz, als würde ihr übel; sie schluckte schwer und ließ ihren Schirm fallen.

„Miss Jane, lassen Sie den Postillon anhalten! Dieser grässliche Mann blutet uns unsere Röcke voll.“ Schon wollte Billing das Fenster hinunterlassen, um sich hinauszubeugen.

„Lassen Sie das!“, rief Jane scharf. „Wollen Sie, dass diese Raufbolde uns einholen? Helfen Sie mir, den Mann auf den Rücken zu drehen. Ach, seien Sie doch nicht so albern, Billing – haben Sie noch nie Blut gesehen? Dann heben Sie eben ihre Füße auf den Sitz, so hat er wenigstens da unten auf dem Boden mehr Platz.“

Billing drückte sich in die hinterste Ecke, wobei sie es fertigbrachte, den Mann, der schlaff zu ihren Füßen lag, auch noch zu treten. Er stöhnte. Zumindest lebte er noch.

Jane beugte sich zu ihm und fasste ihn bei der Schulter. Sie fühlte edlen Wollstoff unter ihren Fingern. „Können Sie sich umdrehen, Sir?“

Er ächzte, kämpfte sich in der Enge des Wagens hoch auf die Ellenbogen und fluchte unterdrückt, als die Kutsche über eine Furche im Fahrweg holperte. „Nein.“

„Gut, dann bleiben Sie erst einmal da unten.“ Bestimmt kommen wir bald an eine Zollschranke.

Sie mussten wohl zwei Meilen zurückgelegt haben, als die Chaise ausrollte und dann anhielt. „Helfen Sie mir, Billing. Billing!“

Irgendwie hievten sie den Mann zwischen sich auf den Sitz, und es stellte sich heraus, dass er in der Schulter mindestens eine Stichwunde davongetragen hatte. Man sah eine Menge Blut, mehr jedenfalls, als Jane für gut hielt, und sein linker Am hing schlaff herab.

Jane ballte ihr Taschentuch und ihr Fichu zu einem dicken Bausch, stopfte beides unter seinen Gehrock und drückte es auf die Wunde, ohne sein schmerzvolles Aufkeuchen und die folgenden lästerlichen Worte zu beachten. „Halten Sie das fest.“ Nach einem Augenblick gehorchte er, obwohl ihm die Lider zusanken und sein Kopf zur Seite fiel.

Dass er stöhnte, konnte sie nachempfinden, und sie zweifelte, ob er so weit bei sich war, um zu bemerken, dass er in Gegenwart zweier Frauen fluchte. Ihr größeres Problem war gerade Billing, die noch tiefer in ihre Ecke gerutscht war und Jane mit Tiraden über Gefahren, Ungehörigkeit und undamenhaftes Betragen überschüttete. „Und die Vorstellung, was Ihre verehrte Mutter sagen wird, lässt mich schaudern. Keine ehrbare Dame würde auch nur einen Moment erwägen …“

Jane hörte gar nicht mehr zu.

Der Postillion, der inzwischen die Maut beglichen hatte, schien erst jetzt zu bemerken, dass er einen weiteren Passagier hatte. Er übergab dem Torhüter die Leinen und trat an Janes Fenster. „Hören Sie, Miss, was ist das? Der Wagen wurde für zwei Personen gemietet.“

„Das weiß ich. Halten Sie bitte an der nächsten Poststation mit einem ordentlichen Gasthof, und Sie werden wieder bei zwei Passagieren sein, das verspreche ich.“

Er sah sie sehr skeptisch an. „Wenn Blut auf den Polstern ist, kostet das extra“, verkündete er, kletterte jedoch wieder auf den Bock und trieb das Gespann an, sodass es in leichtem Galopp das Bell and Anchor zu einem Zeitpunkt erreichte, als Billing endlich der Atem ausging.

„Billing, gehen Sie bitte hinein und besorgen Sie eine Schüssel mit Wasser“, verlangte Jane.

„Hinein gehe ich gewiss, aber nur, weil ich versuchen will, mir das Blut aus den Röcken zu waschen, Miss Jane! Und ich schicke ein paar Männer raus, damit sie diesen Vagabunden aus unserer Chaise werfen“, fügte sie hinzu, während sie ausstieg und in den Gasthof stapfte. „Ich sollte einen Wachtmeister holen, wie bestimmt ihre Mutter verlangen würde …“, klang es noch zu Jane herüber.

„Rasch, schnallen Sie das Gepäck ab“, wies Jane den Postillion an. „Den großen Reisekorb und den kleinen braunen Koffer da.“ Der Fremde würde einen Moment auf sich gestellt sein, denn sie musste unbedingt ihre Geldbörse finden.

Als Jane gerade zwei Banknoten entfaltete, marschierte Billing zurück zum Wagen, natürlich ohne das Wasser, aber in Begleitung zweier ängstlich dreinblickender Schankburschen.

„Was soll das, Miss Jane? Das ist mein Koffer!“

„Billing, Sie fahren heim nach Dorset. Da ist Ihr Gepäck. Hier haben Sie Geld für die Postkutsche, mehr als nötig; es reicht für anständige Zimmer und Verpflegung auf dem Weg. Das hier scheint mir ein sehr ordentlicher Gasthof zu sein. Man wird Sie also sicher gewissenhaft beraten und Ihnen gegen Entgelt eines der Hausmädchen als Reisebegleitung mitgeben.“ Damit drückte sie der stotternd nach Worten suchenden Billing das Geld in die Hand und schloss den Wagenschlag. „Fahren Sie los!“

Der Postillion gehorchte und ignorierte Billings empörte Rufe, da die Chaise schon wieder den Fahrweg entlangrollte. Jane ließ sich gegen die Rückenlehne fallen. Alles in allem war ein stiller, wenn auch angeschlagener Reisegefährte viel angenehmer als Billing mit ihrem mürrischen Gesicht und ihrem ewigen Genörgel. Jane kehrte sich dem Mann zu, um ihn näher zu betrachten. Auch war er beträchtlich netter anzusehen als Billing, obwohl er, selbst wenn man die Prellungen, das Blut und den Schmutz abstrich, auch kein Adonis war. Andererseits war sie nun für ihn verantwortlich; sie hatte keine Erfahrung darin, Verletzte zu pflegen, und der Himmel nur wusste, als was er sich erweisen würde, wenn er erst das Bewusstsein wiedererlangte. Die Qualität seines Gehrocks sprach durchaus von vornehmer Herkunft, doch ob Arbeiter oder Aristokrat, letztendlich hätte sie, solange sie dazu in der Lage war, jeden vorm Totprügeln bewahrt.

Melissa würde sooo neidisch sein. Dieses war ganz genau die Art von Abenteuer, über die sie zu schreiben pflegte und das zu erleben sie sich immer schon ersehnte. Sie würde sich mit Briefen zufriedengeben müssen, die zwangsläufig weniger aufregend sein würden als die Wirklichkeit. Andererseits konnte Jane ebenso lebendig zeichnen, wie Melissa schreiben konnte, was ihre mangelnde Fähigkeit zu dramatischer Schilderung wettmachen sollte. Ein kurzer, prüfender Blick, dass der Verwundete immer noch ohnmächtig und die Blutung eingedämmt war, dann holte Jane Skizzenbuch und Stift aus der im Wagenschlag eingelassenen Tasche und schlug eine Seite auf.

„Wo zum Teufel bin ich …?“

Vage dachte Ivo, er sollte die Augen öffnen, entschied sich jedoch dagegen. Ihm tat alles weh, aber wenigstens schlug niemand auf ihn ein, was entschieden eine Verbesserung war, und warum sollte er das aufs Spiel setzen, nur um seine Neugier zu befriedigen? Andererseits schien er sich in einem rollenden Gefährt zu befinden, und was ihm in die Nase drang, war der Geruch nach Leder und ein sehr pikanter blumiger Duft.

Aus der Art der Bewegung schloss er, dass er in einer Postkutsche war, und aus dem Parfüm, dass eine Dame ihn gerettet hatte. Das war peinlich, doch der Gegenwart der Schläger, die Daphne auf ihn gehetzt hatte, vorzuziehen. Darüber nachzudenken, wie sich diese Frau verändert hatte, die ihm einst sagte, sie bete ihn an und werde auf ihn warten, fehlte ihm zurzeit die Kraft. Wie ich mich fühlen werde, wenn ich mir den Gedanken daran gestatte, ist nebensächlich, sagte er sich. Was im Moment zählte, war nur, dass er das Versprechen nicht halten konnte, das er seinem Freund, ihrem Bruder, auf dem Sterbebett gegeben hatte. Dieses Scheitern schmerzte ihn um einiges heftiger als das, was immer seiner linken Schulter widerfahren war.

Wie von ferne hörte er den Hufschlag des Gespanns und den ein oder anderen Befehl des Postillions an die Pferde, während der Wagen knarrend dahinrollte und die Räder rumpelten. Unterlegt waren diesen Geräusche von einem seltsamen Kratzen und Schleifen, das er am Rande seines Bewusstseins fast wie sanftes Geflüster wahrnahm … irgendwie beruhigend.

Die Kutsche wurde langsamer, machte ein Kehre, hielt an. Von draußen erklang Lärm. Mühsam öffnete Ivo die Augen und stellte fest, dass er in ein Paar langwimprige, haselnussbraune Augen blickte.

„Oh, gut, Sie sind wach. Ich fragte mich schon, wie wir Sie andernfalls aus dem Wagen holen sollten. Sie sind recht groß“, fügte die Besitzerin der braunen Augen tadelnd hinzu. „Und voller Blut. Und schmutzig.“

Er blinzelte, und sie rückte etwas von ihm ab, sodass er sie trotz seiner Kopfschmerzen genauer ins Auge fassen konnte. Hellbraunes Haar, Sommersprossen, ein herzförmiges Gesicht. Nicht hübsch, schon gar nicht im Vergleich zu Daphnes blonder zerbrechlicher Eleganz, doch überwog ein vage katzenhafter, durchaus liebenswürdiger Eindruck. Ein sanfter Hauch von warmer Frau und Blumenduft kitzelte ihn in der Nase.

„Meinen Sie, Sie könnten aussteigen und in den Gasthof gehen? Ich bat einen der Stallburschen um Unterstützung.“ Lächelnd legte sie den Kopf schief. Eben jetzt war ihm Lächeln lieber als Schönheit.

Ivo kam es vor, als würde er genauestens studiert, um ihn anschließend den Schergen des Gesetzes ordentlich beschreiben zu können, und blinzelte erneut. Hatte er vielleicht eine Kopfverletzung davongetragen und bildete sich dies alles nur ein? Damen starrten Männer nicht aus nächster Nähe an. Auch zerrten sie einen nicht mitten aus einem Kampf heraus in ihre Chaise, wie es diese, wenn seine undeutliche Erinnerung ihn nicht trog, gemacht hatte.

„Komm, versuchen wir, dich hinauszubekommen, ja?“ Warum sprach sie ihn plötzlich so vertraut an? Sie beugte sich über ihn, öffnete den anderen Schlag, und ein Mann griff nach ihm. „Ja, richtig so, aber passen Sie auf seine linke Schulter auf.“ Er wurde gepackt, hinausgezogen und, während er noch das Gleichgewicht suchte, fallen gelassen.

„Oh je. Nun, hoffen wir, es beginnt nicht wieder zu bluten“, sagte seine Retterin munter, während der Knecht ihn wieder auf die Füße hievte. „Also, was habe ich mit meinem Retikül und meinem Hut gemacht?“

Ivo fand sich im Hof eines Gasthauses wieder, wackelig auf den Beinen und von einem großen jungen Mann gehalten, der stark nach Stall roch. „Wo …?“

„Im Pack Horse in Turnham Green. Möchtest du dich auch auf mich stützen, Bruder? Nein? Dann hier entlang.“

Bruder? „Wer …?“

„Ich bin Jane Newnham“, flüsterte sie ihm zu. „Ah, Herr Wirt. Bitte einen Privatsalon, heißes Wasser, Brandy und den Dienst des besten Arztes am Ort. Mein Bruder wurde von Wegelagerern überfallen“, ergänzte sie laut und deutlich, wobei sie Ivo einen scharfen Rippenstoß gab, vermutlich, damit er auf ihre Worte achtete. Sie setzten sich wieder in Bewegung. „Großartig. Danke schön. So geht es sehr gut.“

„Warum …?“

„Weil du eine Stichwunde hast, glaube ich, und vielleicht noch weitere Verletzungen, und meine Kenntnisse der menschlichen Anatomie sind rein theoretisch, deshalb wollen wir lieber sichergehen, wenn ich auch nicht glaube, dass du in Lebensgefahr bist. Da sind wir schon. Willst du auf der Bank sitzen oder dich auf das Sofa legen? Sehr bequem sieht es nicht aus, und es könnte Blut drauftropfen.“

„Ich will mich hinsetzten.“

Ein Wunder! Ich habe vier Worte gesagt, ohne unterbrochen zu werden.

Der Stallknecht ließ ihn auf die Bank plumpsen.

Ivo verkniff sich, was er gerne geäußert hätte, und wartete, bis der Bursche hinausgetrottet war. „Mir scheint, ich stehe in Ihrer Schuld, Miss … es ist doch Miss? Ja? … Newnham? Aber ich gestehe, ich bin verwirrt. Ich glaube mich zu erinnern, wie ich in Ihre Kutsche gezogen wurde und dass da zwei Frauen waren. Nun sind Sie anscheinend allein.“

„Das war Billing. Ich habe sie an der letzten Poststation hinausgesetzt und ihr Geld für die Heimreise gegeben. Sie ist die Zofe meiner Mutter, und sie hat mich fast zum Wahnsinn gebracht, schon bevor Sie zu uns stießen – und da waren wir erst seit Mayfair unterwegs! Ich finde ewig tadelnde Menschen sehr anstrengend. Es ist, als riebe einem jemand ständig Schmirgelpapier über die Seele.“

An Sprache und Kleidung gemessen war sie eine Dame. Von daher sollte sie nicht unbegleitet auf den Straßen unterwegs sein, wie ungewöhnlich und exzentrisch sie auch sein mochte. Und schon gar nicht sollte sie mit einem fremden Mann in einem Gasthaus sein. Das äußerte Ivo auch. Deutlich.

„Unsinn. Ich konnte Sie wohl kaum im Stich lassen, oder? Und Sie sind unzweifelhaft ein Gentleman, sonst würden Sie nicht mit mir über diese Sache streiten. Und ich sagte dem Wirt, Sie seien mein Bruder, außerdem kenne ich in Turnham Green niemanden, also gibt es keinen Grund zur Sorge.“

Ivo rief sich in den Sinn, dass er bis vor ein paar Wochen noch Offizier in der Armee Seiner Majestät gewesen war, mehrfach sehr viel schwerere Wunden davongetragen hatte als jetzt gerade und anscheinend keine Kopfverletzung hatte, deshalb sollte er mehr als fähig sein, die nötige Autorität aufzubringen, um sich von diesem weibliche Wesen zu trennen. Nur – wenn er das tat, dann wäre sie vollkommen auf sich gestellt. Verdammt!

„Das klingt, als käme da der Arzt“, sagte Miss Newnham fröhlich. „Sie sind wirklich sehr tapfer angesichts ihrer Verletzungen, aber er wird sicherlich dafür sorgen, dass es Ihnen bald besser geht. Und vielleicht sollten wir uns duzen, solange jemand in der Nähe ist.“

Im gleichen Moment klopfte es leicht an der Tür, und ein rothaariger sommersprossiger Mann Ende zwanzig trat freundlich lächelnd ein. „Ich glaube, der Gentleman wurde angegriffen? Ich bin froh, Sie bei Bewusstsein anzutreffen, Sir. Mein Name ist Jamieson.“ Er schien eine bestimmte Reaktion zu erwarten, denn er fügte hinzu: „Ich weiß, ich wirke nicht alt genug, aber ich versichere Ihnen, dass ich einen Abschluss der Hochschule für Medizin in Edinburgh besitze. Nun, Sir, machen wir Ihren Oberkörper frei. Aber wir sollten behutsam vorgehen.“ Zielstrebig näherte er sich Ivo.

„Doktor Jamieson, es ist eine Dame im Raum.“

„Das ist schon recht so, mein Lieber“, sagte seine Retterin besänftigend.

Mein Lieber?

„Mein Bruder ist übermäßig schamhaft. Bestimmt wird er weniger Schmerzen leiden, wenn wir ihm gemeinsam Rock und Hemd und so weiter ausziehen, als wenn Sie das allein tun.“

Und so weiter?

„Natürlich, Madam. Es ist ja nicht so, als müssten wir ihrem Bruder auch die unteren Gefilde bloßlegen, nicht wahr? Haha! Wenigstens noch nicht gleich.“

Nur über meine Leiche! Mit dieser Frau im Zimmer wird meine Hose nicht fallen!, dachte Ivo ergrimmt.

Andererseits schienen in seiner Schulter kleine Teufelchen mit spitzen Gabeln am Werk zu sein, und seine Rippen schmerzten, als hätte ihn ein Pferd getreten und nicht nur vier hirnlose Rüpel. Aus früherer Erfahrung wusste er, dass das Ganze einfacher vonstattenging, wenn der Patient entspannt war, also nickte er. „Wie Sie meinen, Doktor.“

Und Miss Newnham war, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sowohl sanft wie tüchtig, ohne unnötig um ihn herumzuflattern und ihn zu bemuttern, was üblicherweise dem Patienten noch mehr Schmerzen bereitete. Sein Gehrock war schließlich entfernt, die Weste ging im Vergleich dazu leichter, die Halsbinde war schon gelöst, und nach fünf Minuten saß er im Hemd da. Der provisorische Bausch, den Miss Newnham auf seine Schulter gedrückt hatte, fiel ab, und er sah, dass das Tuch, das sie benutzt hatte, mit feiner Spitze abgesetzt war. Das war endgültig hin. Er würde es ihr ersetzen müssen.

Miss Newnham, die überhaupt keine Hemmungen zu kennen schien, zog ihm das Hemd am Rücken aus den Beinkleidern, die Front nahm sich der Doktor vor – Gott sei Dank. Er streifte es Ivo über den Kopf und trat zurück.

„Ah, ein Mann vom Militär, nehme ich an“, bemerkte Jamieson, nachdem er ihn mit scharfem Blick wohl eine halbe Minute gründlich betrachtet hatte. „Von nun an haben Sie wieder zwei gleiche Schultern, Sir. Was ist das hier?“ Mit einem kalten Finger tippte er auf eine alte Narbe über Ivos Schlüsselbein.

„Ein Eisensplitter von einem Geschütz“, erklärte er knapp und sah an sich hinab. Ein Blutsfaden rann langsam über seine Brust. Miss Newnhams Blicke konnte er auf seinem Rücken beinahe fühlen. Vor Anstrengung, sich nicht zu bewegen, schmerzten seine strapazierten Muskeln unangenehm.

„Wenn Sie warmes Wasser bringen lassen könnten, Madam?“, bat Jamieson.

Das schaffte die Frau zum Glück aus dem Zimmer. Ein paar Minuten später kam ein Hausmädchen mit dem Wasser, und Ivo schloss die Augen, verbannte sein Bewusstsein in eine ferne Gegend und ergab sich den tastenden Fingern des Doktors.

„Nichts gebrochen“, äußerte Jamieson endlich. „Die Schulterwunde habe ich gesäubert – die ist nicht tief, es wurde nichts Lebenswichtiges getroffen – und sie mit zwei Stichen genäht. Die Rippen sind stark gequetscht, allerdings halte ich nichts von enger Bandagierung, also habe ich da nichts gemacht. Ihr Rücken wird bald grün und blau sein, aber in der Nierengegend gibt es keine schweren Male oder Blutergüsse. Weiter unten ist alles in Ordnung?“

Ivo hatte bei der Prügelei sein Möglichstes getan, das „weiter unten“ zu schützen. Auf seinen Schenkeln und Schienbeinen würden sich Blutergüsse bilden, doch das war alles.

„Alles heil“, brachte er heraus. Die Reaktion setzte langsam ein; er spürte, wie seine überstrapazierten Muskeln und Nerven langsam zu zittern begannen.

„Hier ist ein sauberes Hemd. Erlauben Sie, dass ich Ihnen helfe, es überzuziehen.“

Das war fast zu viel, doch er hielt durch, und der Arzt versuchte gar nicht erst, es ihm in den Hosenbund zu stopfen. Irgendwo war wieder dieses leise Kratz-Kratz, das er schon in der Chaise bemerkt hatte. Vermutlich klingelten ihm die Ohren von einem der Hiebe, die sein Kopf abbekommen hatte.

„Zeit, Sie langsam ins Bett zu bekommen, denke ich“, sagte Jamieson.

„Meine Brieftasche. Die sollte in meiner Rocktasche sein.“

Der Arzt hob den Rock auf und suchte in den Taschen. „Da ist nichts, leider. Die müssen sie Ihnen bei dem Überfall gestohlen haben.“

„Ich habe schon Zimmer für uns reserviert“, ertönte Miss Newnhams Stimme irgendwo hinter ihm. Das kratzende Geräusch war nicht mehr zu hören. „Mach dir keine Sorgen, Brüderchen. Mein Retikül war sicher verwahrt, also brauchen wir uns über mangelnde Mittel keine Gedanken zu machen.“

Uno, dos, tres … Mit geschlossenen Augen zählte Ivo auf Spanisch stumm bis zehn. „War … warst du die ganze Zeit hier?“

„Natürlich, mein Lieber. Nun, was schulden wir Ihnen, Doktor?“

Der Arzt nannte die Summe, Ivo vermerkte sie im Geiste, Münzen klimperten, und dann, seltsamerweise, das Geräusch reißenden Papiers.

„Vielleicht gefällt Ihnen das“, sagte Miss Newnham.

„Also, das ist … Großartig! Danke schön, Madam. Welch ein Talent! Guten Tag, Sir. Ruhen Sie sich aus, bleiben Sie ein oder zwei Tage im Bett, falls Fieber eintreten sollte. Sie haben genug Narben, um zu wissen, wie man sich mit Verwundungen vernünftig verhält, stelle ich mir vor.“

Die Tür schloss sich hinter Jamieson, als Miss Newnham sich in Ivos Sichtfeld begab. „Dein Zimmer ist direkt oben am Treppenabsatz rechts. Soll ich einen von den Stallburschen zu Hilfe holen?“

„Was hatten Sie hier drin zu suchen?“, fauchte er, beharrlich die förmliche Anrede verwendend. „Und was haben Sie dem Arzt außer dem Geld noch gegeben? Und ja, eine Treppe schaffe ich ganz allein.“ Hoffte er. „Besser, als wenn mich dieser ungeschickte Tölpel von Knecht fallen lässt.“

Miss Newnham wandte sich ab und suchte hinter ihm etwas, dann kam sie mit einem flachen Heft in der Hand zurück, das sie aufschlug und ihm vor die Nase hielt. Es war eine Bleistiftskizze des Zimmers, er mit bloßem Rücken und Jamieson, der sich über ihn beugte. Es war eine flinke, lebendige und anatomisch korrekte Darstellung. In der Tat schockierend, dass das Bild von einer jungen Frau stammte. „Von dem Doktor habe ich auch rasch ein Porträt gemacht. Das war, was ich ihm schenkte.“

„War das Ihr Bleistift, den ich hörte? Zeichneten Sie auch schon in der Chaise?“

Als Antwort blätterte sie in ihrem Skizzenbuch eine Seite zurück. Da war er selbst, wie er schlaff in einer Ecke des Wagens lag, die Augen geschlossen, das Haar völlig zerzaust, seine Kleidung in Unordnung. Sie schlug eine weitere Seite um zu dem Porträt einer missmutigen Frau mit verkniffenen Lippen und sauertöpfischer Miene. „Das ist Billing. Man kann sehen, warum ich sie heimschickte. Sie machte mich schon ganz trübsinnig; weiß der Himmel, welche Wirkung sie auf Sie in ihrem geschwächten Zustand gehabt hätte.“

2. KAPITEL

Der Mann, den sie gerettet hatte, sah das Porträt an, dann Jane. „Sie war Ihre Anstandsdame!“, sagte er in einem Ton, der im Widerspruch zu seinem lädierten, wenig respektablen Äußeren stand.

„Sie war meine Gefängniswärterin. Wollen Sie etwa sagen, Sie seien empört? Sie sehen nicht wie jemand aus, der über etwas wie eine ganz eigenständige erwachsene Frau, die allein reist, entsetzt wäre.“

„Sie sind nicht allein“, stellte er fest. „Und ich muss wohl wie ein rechter Galgenvogel aussehen.“ Er stemmte sich von der Bank hoch und stand sacht schwankend auf den Füßen.

„Auf jeden Fall kann ich Ihrer Sprache und Ihrer Kleidung entnehmen – ganz zu schweigen von Ihrer Sorge um die Anstandsformen –, dass Sie ein Gentleman sind“, versicherte Jane ihm.

Das war nicht gelogen, aus irgendeinem Grunde vermittelte er ihr das Gefühl, bei ihm sicher zu sein. Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. Sie hatte ein Hemd für ihn von einem Schankburschen geliehen, doch selbst durch den groben Stoff spürte sie, wie kalt seine Haut war, und seine Muskeln – harte Muskeln – zitterten kaum merklich unter ihrer Hand. Wahrscheinlich war er erschöpft und hatte Schmerzen, und der Blutverlust machte es auch nicht besser. „Sie sollten jetzt hinauf in Ihr Bett gehen und sich ausruhen.“

Das schien er zu überdenken, schließlich nickte er. Wenigstens hatte sie es mit einem vernünftigen Mann zu tun und nicht einem törichten, der meinte, vor einer Frau vorgeben zu müssen, er wäre unbesiegbar. Sie sammelte seine verstreuten Kleider auf und öffnete die Tür. „Es ist nur eine Treppe zu bewältigen.“ Sie sprach gedämpft, damit niemand mithören konnte. „Die Tür oben ist offen. Wenn Sie ihre Sachen – bis auf das Hemd – hinaus auf den Gang werfen, lasse ich alles waschen und flicken.“

Abermals nickte er und schleppte sich aus dem Zimmer. Sie ließ ihn gewähren, dachte an seinen Stolz, beobachtete ihn jedoch vom Fuß der Treppe aus. Leise fragte sie: „Wie ist Ihr Name?“

„Ivo“, antwortete er, blieb auf der nächsten Stufe stehen, ohne sich nach ihr umzudrehen. „Major Lord Merton.“ Mühsam erklomm er zwei weitere Stufen, ehe er wieder innehielt, seine große, narbenübersäte Hand auf das Geländer gestützt. „Oder nein … ich vergesse es dauernd … Lord Kendall.“

„Aber der Earl of Kendall starb vor ein paar Monaten …“ Ihre Zunge war schneller gewesen als ihr Hirn. „Bitte, verzeihen Sie – das war Ihr Vater?“

„Ja.“ Er mühte sich weiter nach oben.

Jane öffnete den Mund, klappte ihn aber dann fest wieder zu. Der Earl würde nicht hier auf der Treppe stehend über seinen Titel reden wollen oder ihre Neugier dahingehend befriedigen, welch lächerlich ungleiche Kämpfe der Enkel, und nun Erbe, eines Marquess in einer Bierschenke auszutragen hatte.

Sie verharrte, bis die Tür sich hinter ihm schloss, dann ging sie hinauf, hockte sich auf die drittletzte Stufe und wartete auf irgendwelche Laute – entweder, dass nun ein sechs Fuß großer Mann auf den Dielen aufschlug, oder dass sich die Tür öffnete und seine restlichen Kleider hinausflogen.

Man hörte Füße stapfen, doch keinen Sturz, und dann wurden ein Paar Stiefel und ein Packen Kleidung hinausgeschoben und die Tür wieder geschlossen, sehr nachdrücklich. Jane sammelte alles auf und trug es nach unten. Aus reiner Gewohnheit schüttelte sie die Sachen aus und kontrollierte die Taschen, fand aber nur ein Taschentuch aus schlichtem, aber feinem Leinen und eine zerdrückte Gasthausrechnung mit dem Datum der letzten Woche. Die nahm sie an sich. Als sie aber den Gehrock zusammenlegte, knisterte etwas. In der Brusttasche entdeckte sie ein gefaltetes Blatt Papier, zerknittert und mit schmutzigen Fingerabdrücken. Es war nicht versiegelt. Sie glättete es und schob es, zusammen mit der Rechnung, in die Umschlaghülle an der Innenseite ihres Skizzenbuchs, in dem sie Notizen und zusätzliches Papier verwahrte. Beide Blätter sahen nicht aus, als wären sie wichtig, und sie würde sie ihm später wieder in die Tasche stecken, wenn ein Hausmädchen seine Sachen in Ordnung gebracht hatte.

Sie fand ein Zimmermädchen und leitete in die Wege, was an Ausbürsten, Waschen und Bügeln möglich war, dann bestellte sie sich eine Kanne Tee in den kleinen Privatsalon.

Während sie langsam trank, entschied sie, um Lord Kendall kein weiteres Gewese zu machen. Was er auch nicht zu erwarten schien – nach ihren Erfahrungen für einen Mann ungewöhnlich. Ihr Vater und ihr Bruder erwarteten stets, wenn sie sich nicht wohlfühlten, dass man um sie herumhüpfte und viel Aufwand betrieb. Sogar ein kleiner Schnupfen war Grund für diverse Arzneien, Dampfbäder, lodernde Feuer im Schlafzimmer und leichte Kost.

In diesem Falle hier hatte sie angeordnet, einen heißen Ziegelstein ins Bett zu legen und für einen Krug Wasser und Birkenrindenpulver auf dem Nachtschränkchen zu sorgen, außerdem, dass die Kleidung Seiner Lordschaft ihren Anweisungen gemäß gereinigt und zurückgebracht wurde – mehr würde sicherlich nicht von ihr verlangt werden.

Wenn er dazu bereit – und in der Lage – wäre, sie als Gegenleistung dafür, dass sie ihn gerettet hatte, nach Batheaston zu begleiten, dann würde sie es gerne annehmen, weil er bestimmt viel unterhaltsamer sein würde als Billing, und ganz sicher würde er sie auf der Reise vor Belästigungen durch das männliche Geschlecht bewahren.

Außer Lord Kendall erwiese sich selbst als Belästiger … darüber grübelte sie, während sie Zucker in ihren Tee rührte, denn sie war sich bewusst, dass sie vielleicht ihrem spontanen Gefühl nicht trauen konnte. Aber an seinem Betragen war weder etwas vom Jäger noch vom Frauenhelden, und sie wusste recht gut, dass sie, wenn auch durchaus vorzeigbar, nicht schön genug war, um einen Mann zu unerwünschtem Flirten zu verleiten.

Du meine Güte, Melissa wird von meinen Berichten über diese zufällige Begegnung begeistert sein, dachte Jane. Obwohl Lord Kendall wohl nicht gut genug aussah, um deren Fantasie zu genügen. An seiner Größe und Gestalt gab es nichts zu tadeln, sein Haar – und er hatte noch alle Haare – war dicht und dunkel, und seine Zähne schienen gut zu sein. Aber er war nicht, was man allgemein als hervorragend schönen Mann ansehen würde. Er war zu … zu männlich, um elegant zu sein. Seine Brauen waren zu breit und dicht, sein Mund zu hart, sein Kinn deutete auf Unbeugsamkeit hin, und seine Nase war nicht gerade. Die Helden in Melissas Romanen pflegten elegant, blond und wie griechische Statuen gebaut zu sein – nur natürlich bekleidet.

Jane nahm ihr Skizzenheft zur Hand und studierte ihre Zeichnungen. In der Tat hatte er prächtig definierte Muskeln, die detailreicher zu malen gleichermaßen ein Vergnügen wie lehrreich sein würde. Obwohl vor allem dieses Streben nach akkuraten Details sie in die Bredouille gebracht hatte.

Ich bin Künstlerin. Ich muss mich nicht an engstirnige Konventionen halten. Ich muss bereit sein, für meine Kunst zu leiden, sagte sie sich. Sofern Lord Kendall nackt zu malen überhaupt als Leiden bezeichnet werden konnte. Als ob ich je den Mut aufbringen würde, ihn zu bitten, für mich auch nur annähernd unbekleidet zu posieren.

Als die Uhr sechs schlug, beschloss Jane, das Dinner zu bestellen und eine Bedienung nachschauen zu lassen, ob Lord Kendall wach war, und wenn, ob er etwas zu essen wünschte. Der Salon schien keine Klingel zu haben, also öffnete sie die Tür. „Oh!“

„Bitte um Vergebung, Miss Newnham.“ Der Earl trat einen Schritt zurück, sodass ihre Nase nicht mehr praktisch mitten in seinem Krawattentuch steckte. „Ich wollte gerade klopfen.“

„Sie haben Ihre Kleider zurück“, sagte sie.

Offensichtlich, du dumme Gans!

„Wie Sie sehen.“ Ein heikler Kammerdiener würde vielleicht schaudern, doch die Dienstboten hier hatten ihr Bestes getan, und es war ihnen sogar gelungen, das Krawattentuch mittels des Plätteisens wie gestärkt aussehen zu lassen.

„Würden Sie hereinkommen und sich setzen? Ich war gerade auf dem Weg, jemanden zu finden, bei dem ich das Dinner ordern kann. Ich weiß, es ist noch früh, aber ich muss gestehen, ich bin ausgesprochen hungrig.“

„Danke.“ Er trat ein, und just in dem Moment tauchte hinter ihm ein Dienstmädchen auf, das sehr gehetzt wirkte und sich an ihrer Schürze die Hände trocknete.

„Die Wirtin bittet zu entschuldigen, dass die Glocke fehlt, aber letzte Woche fiel ein betrunkener Gentleman einfach um und riss die Klingelschnur aus der Decke, und ob Sie und der Gentleman vielleicht etwas zum Dinner möchten, Miss? In zehn Minuten ist nämlich die Chaise nach London fällig und in einer halben Stunde die reguläre Postkutsche, und dann wird die Küche schrecklich viel zu tun haben.“

„Wir wollten gerade bestellen. My … Ivo, Lieber, hast du Appetit?“

Er sah sie kritisch über diese nicht so gerade Nase entlang an. „Und ob ich Appetit habe, Jane, Liebes.“

„Na, wir haben Wildpastete oder gebratenes Huhn, oder da ist auch Kalbsschnitzel in Rahmsoße. Und Ochsenschwanzsuppe und Apfelkuchen mit Sahne.“

„Von allem, bitte, und schicken Sie den Kellermeister her.“

Das Mädchen entfernte sich.

„Sollten Sie Wein oder starke Getränke zu sich nehmen, nachdem Sie einen Schlag auf den Kopf bekamen?“, fragte Jane. „Nicht dass ich nörgeln will“, ergänzte sie hastig, da sie wieder jener Blick traf. „Ich sorge mich nur, dass Sie Fieber bekommen könnten, denn das würde uns aufhalten.“ Damit ließ sie sich am Tisch nieder, um zu zeigen, dass sie keineswegs das Verlangen hegte, ihn zu bemuttern.

„Uns?“ Lord Kendall zog einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber, beide Hände flach auf dem Tisch, als wäre er bereit, jeden Moment aufzuspringen und aus dem Raum zu eilen.

Jane stellte fest, dass sie aufmerksam die Schrammen auf seinen Knöcheln, die sorgsam getrimmten Nägel, die Sehnen und Adern und den schlichten goldenen Siegelring betrachtete, und riss sich rasch von dem Anblick los. Jetzt gerade war nicht der passende Moment, zu überlegen, ob sie eine Serie Handstudien zeichnen sollte.

„Sie haben kein Geld, ich aber. Weiß der Himmel, was Ihnen passiert wäre, wenn ich Sie nicht gerettet hätte. Als Folge dieser Rettung habe ich keine Zofe. Sie könnten mich nach Batheaston eskortieren.“

„Mit einem Mann zu reisen, mit dem Sie nicht verwandt sind, wäre ein Skandal. Wenn ich mir im Augenblick zutrauen würde, diese lange Strecke zu reiten, würde ich anbieten, Sie zu Pferde zu begleiten, und Sie könnten ein Mädchen engagieren, das mit Ihnen im Wagen reist. Wie die Lage ist, wäre es noch viel unerhörter, wenn wir hierblieben, bis ich zum Reiten wieder kräftig genug bin.“

„Was Ihre Verfassung angeht, sind Sie sehr ehrlich“, meinte sie, neugierig geworden. „Die meisten Männer würden vorgeben, ganz bei Kräften zu sein, einerlei wie es in Wahrheit um sie stünde.“

„Falls wir unterwegs in Schwierigkeiten geraten und mein rechter Arm wäre zu schwach, um eine Pistole zu halten – nicht dass wir eine hätten – oder mit einem Angreifer auf andere Weise fertigzuwerden, dann hätte ich mein Selbstwertgefühl über Ihre Sicherheit gestellt.“ Er musterte sie eine Weile. „Sind Sie mit vielen Gentlemen bekannt?“

„Da sind mein Vater, mein Bruder, die Söhne der besseren Familien daheim. Oh, und der Bischof von Elmham – der im Ruhestand – und sein Sekretär und der Duke of Aylsham. Ich war bei seiner Heirat neulich Brautjungfer.“

„Sie bewegen sich in gehobenen gesellschaftlichen Kreisen, Miss Newnham.“

„Sie meinen, weil der Duke ein solches Muster an Vollkommenheit ist? Ich versichere Ihnen, meine gute Freundin Verity, die die Tochter des Bischofs ist, hat eine gewaltige Wandlung in ihm bewirkt.“

„Warum überrascht mich das nicht?“

Jäh wurden Jane die Wangen heiß. „Ich schlage vor, wir streiten uns nicht, Lord Kendall? Sonst könnte ich geneigt sein, mich – mitsamt meinem Geld – anderswohin zu begeben.“

„Ich meinte“, erklärte er, wobei seine aufgesprungenen Lippen nur kaum merklich zuckten, „dass Aylsham zweifellos einiger Belebung bedurfte.“

Hmm, dachte Jane, so geschickt ist noch niemand einem Fettnäpfchen ausgewichen.

„Aber natürlich“, antwortete sie herzlich. Er sah sie fest an, seine Miene ganz unschuldig. „Sie sind gar nicht, wie ich es von einem Earl erwartet hätte.“

„Nein? Ich war die letzten neun Jahre in der Armee, vielleicht erklärt es das. Ich habe erst drei Monate Übung darin, ein Earl zu sein, und davon nur zwei Wochen hier in unserem Land.“

„Neun Jahre? Meine Güte, wie alt sind Sie?“

„Siebenundzwanzig. Ich trat als Fähnrich in die Armee ein.“

Er sah älter aus; sie hätte ihn auf dreißig geschätzt, aber vielleicht lag es an den Prellungen und Blutergüssen und insgesamt an seiner Aura schwer erworbener Erfahrung. „Ich bin zweiundzwanzig“, gab sie im Versuch, ihm mehr Vertrauliches zu entlocken, preis.

„Und haben just die Saison hinter sich gebracht, nehme ich an?“

„Ich hatte keine Londoner Saison. Papa meinte, die gesellschaftlichen Möglichkeiten bei uns in der Gegend genügten durchaus, obwohl Mama dem nicht zustimmte.“

Und ich habe einen kostspieligen älteren Bruder, hätte sie hinzufügen können, sah aber davon ab.

„Und genügten die auch? Da blieb kein Verlobter oder eine Reihe Kavaliere in London zurück?“

„Wenn ich die denn hätte, wären sie in Dorset. Wir waren nur einen Monat in London, um Tante Hermione zu besuchen, der es gesundheitlich nicht gut geht. Nicht dass ich einen Kavalier haben wollte, und schon gar keine Verlobung.“

Lord Kendall, der gerade mit dem Zeigefinger einen Riss in der groben Tischplatte nachzog, stutzte und sah abrupt auf. „Warum denn bloß nicht?“

„Heirat und Ehemänner scheinen mir das Leben sehr kompliziert zu machen. Sie schränken es ein. Ich bin Künstlerin. Die Ehe und die Kunst sind nicht miteinander vereinbar – außer natürlich, man ist ein Mann.“

Zum ersten Mal nun hatte sie ausgesprochen, was sie insgeheim immer schon dachte. Allein die Worte „Ich bin Künstlerin“ zu äußern, empfand sie als schwerwiegend, und sie buchstäblich zu meinen, nicht als Beschreibung dessen, was sie gern zum Zeitvertreib tat, sondern als etwas, durch das sie, Jane Newnham, sich definierte.

„Das sollten doch sicherlich nicht Ihre Erwartungen an eine Ehe sein. Ihre Zeichnungen beweisen gewiss großes Talent und Scharfblick für Charaktere, aber was hat ein Ehemann damit zu tun? Die meisten Damen zeichnen und aquarellieren, und ich gehe davon aus, sie alle haben Zeichenlehrer oder Gouvernanten, die es Sie lehren.“

„Der bloße Zeitvertreib ist für mich nicht interessant“, entgegnete Jane. Das seltsame Gefühl von Waghalsigkeit, das ihre Erklärung hervorgerufen hatte, schien sie mitzureißen und sich ihrer Stimme zu bemächtigen. „Ich will – ich muss – mich steigern, fortschreiten, in Öl malen, um so gut zu werden, wie ich nur kann, um Porträts auf professioneller Ebene malen zu können.“

„Sie meinen, um als Porträtmalerin Ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Unmöglich“, sagte Lord Kendall kategorisch.

Meine ich das wirklich? Brächte ich es zustande?

Es war eine Furcht einflößende Aussicht, die ihr bisher nie in den Sinn gekommen war. Dann tat sein Blick missbilligenden Unglaubens seine Wirkung.

Man möchte meinen, es wäre gleichbedeutend damit, meinen Lebensunterhalt im liegenden Gewerbe zu verdienen.

Beinah hätte sie es gesagt, verschluckte die Worte jedoch und zählte nur auf: „Artemisia Gentileschi, Élisabeth Vigée-Lebrun, Angelika Kauffman, Mary Beale, Sofonisba Anguissola …“ Wenn ihr doch nur noch mehr Malerinnen einfallen würden, besonders moderne englische!

„Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Von der letzten halte ich einfach nicht viel, und außerdem – Sie sind eine Dame und von recht zartem Alter. Sie müssen einen Gemahl haben.“ Das letzte sagte er mit Schärfe, fast mit einem Hauch von Verachtung. Was es auch war, es machte sie wütend. Wenn er es nicht für möglich hielt, warum gab er dann die Anregung? Und der Gedanke war wirklich aufreizend, verführerisch und gefährlich. Würde sie es schaffen können?

„Ich muss einen Gemahl haben?“ Jane schnaubte undamenhaft, beinahe berauscht von ihrem Erschrecken über ihre Rebellion, über die Möglichkeiten, die seine unbedachte, abfällige Anregung aufgeworfen hatte. „Ich werde eine unabhängige Künstlerin sein, und weder brauche ich noch will ich einen Gemahl. Männer sind langweilig oder unpassend oder unzuverlässig. Oder es mangelt ihnen an Originalität und Vorstellungskraft.“

„Vielen Dank!“ Diese Mal zuckten sein Lippen nicht einmal andeutungsweise amüsiert.

„Sie müssen das nicht persönlich nehmen; Sie sind ein Earl und Erbe eines Marquess“, sagte sie mit einer abwehrenden Geste. „Sie sind sicherlich mehr als passend. Nach allem, was ich nun weiß, könnten Sie aufregend und treu sein. Aber das ist rein theoretisch, ich spreche nicht von Ihnen.“

„Es könnte aber passieren, dass Sie von mir sprechen müssen, wenn Ihre Familie erfährt, dass wir die Nacht hier gemeinsam verbracht haben.“ Das klang überhaupt nicht verächtlich.

In diesem Moment ist da durchaus ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen.

Und er hatte recht schöne Augen, dunkelblau, mit langen Wimpern. Tatsächlich das Beste an seinem Äußeren, obwohl da auch noch diese Schultern waren … Es war befriedigend, das Blau zum Funkeln zu bringen, und es wäre eine Herausforderung, dieses Funkeln in einem Ölgemälde einzufangen. Aber ein einzelner lädierter Earl war nicht das Problem.

Wie viel Geld könnte ich für ein Porträt verlangen? Könnte ich wirklich davon leben?

Er betrachtete sie immer noch spöttisch.

„Sie wird es nicht herausfinden“, versicherte sie ihm. „Wie sollte sie?“

„Miss Newnham …“

„Sagen Sie Jane, dann riskieren wir nicht, uns zu versprechen, während wir hier Bruder und Schwester spielen“, schlug sie vor. Sich mit der praktischen Seite ihrer Situation herumzuschlagen war zumindest beruhigend.

„Sehr praktisch gedacht, Jane. Und ich bin Ivo, wobei ich denke, Sie sollten das wiederholte ‚mein Lieber‘ unterlassen. Geschwister gehen selten so liebevoll miteinander um, soweit ich weiß.“

Das stimmte ihrer Erfahrung nach. Sie und ihr Bruder hatten sich ihre ganze Kindheit hindurch gestritten, und auch als Erwachsene hatten sie keine Gemeinsamkeiten.

Das Hausmädchen kam herein, entfaltete ein großes weißes Tischtuch und breitete es über die Tafel und stellte, nachdem Jane die Teekanne an sich genommen hatte, das Teegeschirr wieder zurück auf den Tisch. Dann holte sie aus ihrer Schürzentasche das Besteck und huschte geschäftig hinaus.

Autor

Louise Allen
Louise Allen lebt mit ihrem Mann – für sie das perfekte Vorbild für einen romantischen Helden – in einem Cottage im englischen Norfolk. Sie hat Geografie und Archäologie studiert, was ihr beim Schreiben ihrer historischen Liebesromane durchaus nützlich ist.
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