Flirt mit dem Schicksal

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Wie kann er sich nicht an sie erinnern? Tanya ist fassungslos. Ausgerechnet sie ist die neue Therapeutin von Devlin Murphy, der sich nach einem schrecklichen Unfall nur langsam erholt. Vielleicht helfen ihm ihre sanften Berührungen, ins Leben und in die Liebe zurückzufinden?
  • Erscheinungstag 04.09.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779733
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Hey, Cowboy.“ Die blonde Kellnerin beugte sich über die Theke. „Ich weiß genau, was du brauchst.“

Devlin Murphy schaute auf. Ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen. Vor ihm stand die Spezialität des Blue Creek Saloons: ein Burger mit richtig dicken Pommes frites. Allerdings war er kein Cowboy, obwohl er einen schwarzen Stetson aufhatte. Sie war wohl neu hier. Aber es war auch schon eine Weile her seit seinem letzten Besuch hier.

Acht Monate, um genau zu sein.

Seine Brüder hatten ihn zwar dazu ermuntert, sein altes Revier unsicher zu machen, seit er – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder auf den Beinen war. Aber Devlin war noch nicht soweit gewesen.

Doch der Frühling war ungewöhnlich früh nach Destiny in Wyoming gekommen, also hatte Dev an diesem warmen Nachmittag Ende April beschlossen, wieder ins Reich der Lebenden zurückzukehren.

Er schob seinen Hut zurück und gab sich Mühe, verwegen zu lächeln, anstatt das Gesicht vor Schmerz zu verzerren. Das war gar nicht so einfach, denn wieder einmal hatte er das Gefühl, als würde sich weiße Glut von seiner Schulter zum Ellbogen durchfressen.

„Ach ja? Was denn?“

„Bin gleich wieder da.“ Sie zwinkerte ihm zu. Doch das hatte keinerlei Wirkung auf ihn. Noch vor einem Jahr hätte er hemmungslos mit ihr geflirtet und die Bar mit ihrer Telefonnummer, wenn nicht sogar in ihrer Begleitung verlassen.

Heute? Hatte er kein Interesse.

Wenn das mal nicht ein echter Tiefschlag war. Der soziale Tiefschlag, der auf den gesundheitlichen folgte. Denn das Schicksal hatte ihm übel mitgespielt, als er zusammen mit seinem ältesten Bruder Adam im Helikopter abgestürzt war. Dev selbst war der Pilot des Hubschraubers gewesen.

Drei Tage lang blieben sie im Grand Tetons Nationalpark verschollen. Adam war mit ein paar Schrammen und blauen Flecken davongekommen. Aber Dev musste fünf Monate im Krankenhaus verbringen, weil er sich ein Bein und beide Arme gebrochen hatte.

Inzwischen konnte er wieder ein selbstständiges Leben führen. Nur was die Physiotherapie anging, kam er nicht weiter. Wenn er sich überhaupt noch die Mühe machte hinzugehen, waren die Behandlungen schmerzhaft und zeigten keine Wirkung.

Dass er sich ausgerechnet an die Theke gesetzt hatte, bereute Dev jetzt. Er hatte freien Blick auf die Flaschen, die nur darauf warteten, für Drinks und zum Mixen von Cocktails verwendet zu werden. Diese Flaschen waren seine altbekannten Freunde. Jim Beam, Jack Daniels und Johnny Walker.

Ja, die drei kannte er schon lange. Aber er hatte jetzt schon seit sechs Jahren nicht mehr ihre Gesellschaft genossen. Das hieß aber noch lange nicht, dass er keine Lust mehr darauf hatte. Nein, die Versuchung war ihm erhalten geblieben.

In diesem Augenblick kam die Barkeeperin zurück und stellte ihm ein Glas frisch gezapftes Bier hin.

Jeder schmerzende Muskel in Devlins Körper verspannte sich.

„Hier, bitte.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Du siehst aus wie ein Mann, der sich ein kaltes Bier redlich verdient hat.“

Dev starrte das Glas an. Die goldene Farbe wirkte so verlockend auf ihn wie ein Goldschatz auf einen müden Piraten. Weißer Schaum schwappte gegen den Rand. Außen am Glas lief der Beschlag in Tropfen hinunter, bis er die Papierserviette durchnässte.

Dev schluckte schwer und ballte die Hände zu Fäusten. Verdammt, herzukommen war eine blöde Idee gewesen.

„Äh.“ Dev räusperte sich. „Also, ich trinke keinen …“

„Lisa, warum kümmerst du dich nicht um die Gäste hier drüben?“ Eine energische Frauenstimme unterbrach ihn. „Ich übernehme für dich.“

Mit dem Geschick langjähriger Übung ließ Racy das Bier verschwinden und stellte ihm stattdessen ein großes Glas Eiswasser hin. „Tut mir leid. Sie ist neu hier.“

Dev nickte und seufzte tief.

„Schön, dich wiederzusehen“, fuhr Racy fort und lächelte ihn an. „Du warst viel zu lange nicht mehr hier.“

„Ich war viel zu lange gar nirgends.“

„Normalerweise sitzt du nicht an der Bar.“

„Stimmt.“

„Und du kommst selten allein.“

„Die anderen sind alle bei der Arbeit“, sagte er schließlich.

Racy stützte sich mit den Ellbogen auf die Bar. Sie warf ihm einen strengen Blick zu. „Nur du nicht?“

„Doch, ich arbeite schon wieder, mache nur gerade Pause.“

Endlich war er wieder voll berufstätig. Dev entwarf Sicherheitssysteme für das Familienunternehmen, Murphy Mountain Log Homes. Aber wenn er länger als eine Stunde an den Computern saß, fingen seine Schultern an zu pochen, bis der Schmerz seine Ellbogen durchzuckte und seine Finger taub wurden.

„Ich habe einfach frische Luft gebraucht.“

„In einer Bar?“

„Ich hatte einfach Lust.“ Verdammt, das kam jetzt ganz falsch rüber. „Auf einen Burger.“

„Soll ich jemanden für dich anrufen?“

Bei ihrer leisen Frage erstarrte Dev.

„Wie zum Beispiel den Sheriff von Destiny?“, fragte er scharf.

„Wenn du mit Gage reden willst, kommt er. Er ist dein Freund.“ Mitleid schimmerte in Racys braunen Augen. „Das weißt du doch, oder?“

Der Anflug von Streitlust legte sich so schnell wieder, wie er gekommen war.

Verdammt, er und Gage waren schon befreundet gewesen, als sie noch zusammen in der High School Football gespielt hatten. Gage hatte Dev zu seinem ersten Treffen bei den Anonymen Alkoholikern gefahren. „Ja, das weiß ich.“

„Oder willst du vielleicht mit jemand anderem sprechen?“

Damit meinte sie seinen Paten.

Mac war von Anfang an für Dev da gewesen. Sie hatten sich bei einem Treffen kennengelernt und sich angefreundet, weil sie beide das Fliegen liebten. Kurze Zeit später hatte Dev den älteren Mann gebeten, ihm zur Seite zu stehen. Als jemand, an den er sich zu jeder Tages- und Nachtzeit wenden konnte. Als einen Menschen, der den Kampf verstand, den Dev auszufechten hatte, um nüchtern zu bleiben.

Um zu überleben.

Dev holte tief Luft. Seine schlimmste Krise war vorbei. Er hatte sich schon oft mit der Versuchung auseinandersetzen müssen und würde das auch wieder tun. Jeden Tag musste er das Verlangen überwinden, vor allem in den letzten paar Monaten. „Nein, danke. Mir geht’s gut.“

Sie nickte wieder.

„Ehrlich, Racy. Lass mich einfach mein Essen genießen.“ Er hielt inne. Sein Blick glitt zum anderen Ende der Bar. „Und die Aussicht.“

Racy grinste. „Vergiss es, Murphy. Das Mädchen ist erst dreiundzwanzig.“

„Autsch. Jetzt fühle ich mich aber alt.“

„Du bist nicht alt. Sie ist nur zu jung.“

Dev wandte sich seinem Burger zu. Als ein Brummton erklang, ließ Racy den Lappen fallen und zog ihr Handy aus der Hosentasche. Sie strahlte, als sie das Mobiltelefon ans Ohr presste.

„Hey, Liebling. Wie geht’s dem attraktivsten Sheriff der ganzen Welt?“ Sie zwinkerte Dev zu, dann lachte sie. „Ja, ich kann von hier aus sehen, wie du rot wirst.“

Devlin schüttelte den Kopf. Manchmal überraschte es ihn immer noch, dass Racy und Gage, die so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht, sich ineinander verliebt und geheiratet hatten. Dabei war er Trauzeuge gewesen und nahm sich die Beziehung der beiden zum Vorbild.

Die Hochzeit seines Bruders Adam und seiner Fay hatte er nicht miterleben können. Er hatte ein Video der Feier im September im Krankenhaus gesehen. Wenigstens war er im Februar mehr oder weniger wieder auf den Beinen gewesen, als ihr Sohn auf die Welt gekommen war.

„Wie wäre es mit frisch gebackenem Apfelkuchen mit Vanilleeis zum Nachtisch?“

Mit dieser Frage schreckte Racy Devlin aus seinen Gedanken auf. „Nein, danke.“

Er rutschte vom Barhocker. Dann stützte er sich schwer auf die Theke, während er den Geldbeutel aus der Hosentasche zog. Sein Physiotherapeut behauptete ja, dass er noch einen Stock brauchte. Aber den hatte Dev im Jeep gelassen.

„Wird Zeit, mich wieder an die Arbeit zu machen.“

Lächelnd drückte Racy ihm die Hand. „Hast du vor, unterwegs bei der Feuerwehr reinzuschauen?“

Die Frage traf ihn unvorbereitet. „Nein. Warum?“

„Nur so. Die reden nur immer von dir, wenn die Truppe zusammenkommt. Ich habe gedacht, die würden sich freuen zu wissen, dass ihr bester Mann wieder auf den Beinen ist.“

Ja, auf den Beinen war er. Aber nicht annähernd in der Verfassung, wieder bei der Freiwilligen Feuerwehr mitzumachen. Wenn er das je wieder sein würde. Außerdem war er einfach noch nicht wieder bereit dazu, seinen ehemaligen Kollegen gegenüberzutreten.

Dev steckte den Geldbeutel wieder ein und sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass er nicht stürzen würde, sobald er sich umdrehte. „Mach’s gut, Racy. Danke für das gute Essen.“

„Richte deiner Familie viele Grüße aus.“

Auf dem Weg nach draußen konnte er nur daran denken, wie sehr er das ständige Hinken hasste. Seine Familie behauptete zwar, dass es gar nicht so auffiel. Aber ihm machte jeder schwankende Schritt erneut bewusst, wie sehr sich sein Leben verändert hatte.

Er überquerte den Parkplatz, öffnete die Tür seines Jeeps und stieg ein. Dabei versuchte er, die Schmerzen zu ignorieren, die immer schlimmer wurden. Dieser Ausflug war wirklich keine gute Idee gewesen.

Seine Familie hatte Dev nach dem Unfall bedingungslos unterstützt. Wegen seiner Armbrüche hatte Dev nichts selbst machen können, vom Essen bis zum Waschen. Für ihre Hilfe war er seiner Familie unendlich dankbar. Doch jetzt brauchte er Abstand. Um nachzudenken. Um durchzuatmen.

„Warum musstest du ausgerechnet ins Blue Creek?“, fragte er sein Spiegelbild im Rückspiegel, als er den Motor anließ und aus dem Parkplatz fuhr. „Warum nicht Sherry’s Diner? Oder ein Sandwich in Doucette’s Bakery?“

Es ging ihm nicht gut. Der Anblick und der Geruch des Alkohols im Blue Creek hatten Bedürfnisse in ihm geweckt, die er glaubte, längst im Griff zu haben.

Dev drehte das Radio laut, als sein Blick auf die Getränkehandlung White’s Liquors fiel. Ihm wurde klar, dass er den Laden jetzt sechs Jahre lang nicht mehr betreten hatte.

Seine Hände krampften sich ums Lenkrad. Er holte tief Luft, ließ los und legte den Gang ein. Unterwegs rief er Mac an. Es klingelte dreimal, dann erklang ein Rauschen und Mac meldete sich: „Dev?“

Der Empfang war furchtbar schlecht, aber Dev war froh, Mac zu hören. „Ja, ich bin’s. Kannst du reden?“

„… am Flughafen.“

Einen Augenblick setzte Dev beinahe das Herz aus. Dann konnte er Mac nicht sehen. Der Flughafen war der allerletzte Ort, wo er hin wollte.

„Du … zu mir … sehen uns da.“

Dev stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Schon unterwegs.“

„… gestern angekommen.“

Während Mac irgendetwas erzählte, fuhr Dev auf die Feuerwehr zu. Er zwang sich, weiter auf die Straße zu schauen und erlaubte sich nicht mal, aus den Augenwinkeln einen Blick auf die offenen Garagen zu werfen. Dort waren ein paar Feuerwehrleute gerade dabei, den Löschzug zu waschen.

„Mac, die Verbindung ist miserabel.“ Als Dev aus der Stadt fuhr, wurde ihm leichter ums Herz. „Du kannst mir alles erzählen, wenn ich da bin. Ich warte auf der Veranda auf dich.“

Kurze Zeit später fuhr Dev an der Einfahrt zur Ranch seiner Familie und an der Abzweigung zu Adams Haus vorbei.

Auf Macs Grundstück angekommen, wollte er wie immer neben dem einstöckigen Farmhaus anhalten. Doch dann bemerkte er ein fremdes Auto neben dem Metallhangar hinter dem Haus. Dev fuhr dort hin und parkte seinen Wagen neben dem braunen Sedan mit Kennzeichen aus Colorado. Er runzelte die Stirn.

Er hatte erst vor einer Woche mit Mac gesprochen, und der hatte nichts von Besuchern gesagt.

Dann bemerkte Dev, dass das Tor zum Hangar ein Stück weit offenstand. Er legte seinen Hut auf den Beifahrersitz und kletterte aus dem Jeep.

Nachdem er die dunkle Halle betreten hatte, brauchte Dev einen Augenblick, bis sich seine Augen an das schwache Licht gewöhnt hatten. Er ging um die Tragfläche des historischen Flugzeugs herum, das Mac in liebevoller Arbeit wiederhergerichtet hatte. Er ließ die Hand über den glatten Rumpf gleiten und spürte den vertrauten Knoten im Magen.

Kurz nachdem Mac bei den Anonymen Alkoholikern sein Pate geworden war, hatte er Dev erlaubt, ihm bei der Restaurierung zu helfen. Und um zu feiern, dass Dev zwölf Monate trocken war, hatte Mac ihn auf einen ersten Flug mitgenommen. Er hatte Dev auch dazu gebracht, sich für Hubschrauber zu interessieren. Als Dev seinen Pilotenschein gemacht hatte, war Mac dabei gewesen.

Doch das war alles Vergangenheit. Dev würde nicht mehr fliegen.

Also ging er weiter und ignorierte seine Schmerzen, bis er hätte schwören können, dass er …

… ein Windspiel hörte?

Er fragte sich, ob Mac das Radio angelassen hatte. Aber sein Freund war eher ein Fan von klassischem Rock ’n’ Roll. Das Geräusch kam aus dem hinteren Bereich des Hangars, wo Mac auf der einen Seite sein Büro und auf der anderen Seite ein Fitnessgerät untergebracht hatte.

Als Dev dort ankam, blieb er wie angewurzelt stehen. Direkt vor ihm reckte sich ein äußerst wohlgeformter weiblicher Po in die Luft. Die Frau hatte sich wie eine Brezel verbogen. Als sie sich langsam aufrichtete, entpuppte sie sich als hochgewachsen. Dank des knappen Tanktops und der figurbetonenden Leggings konnte er sehen, wie muskulös ihr schlanker Körper war.

Weil er die Unbekannte nicht erschrecken wollte, räusperte Dev sich. Keine Reaktion. War die Musik so laut, dass sie ihn nicht hören konnte?

Er versuchte es noch mal. Aber sie nahm nur mit einer eleganten Bewegung eine andere Position ein. Sie balancierte auf einem Bein, die Arme hoch über den Kopf gestreckt. Dann legte sie den Kopf in den Nacken, bis ihr dunkler Pferdeschwanz ihre Schulterblätter kitzelte.

Beeindruckend. Sogar als er noch zwei gesunde Beine gehabt hatte, wäre er nach zwei Sekunden auf dem Hintern gelandet.

Sie war also der Eindringling. Harmlos. Dev lehnte sich an Macs Schreibtisch. Er verschränkte die Arme und beschloss, das Schauspiel zu genießen.

Er ließ den Blick von Kopf bis Fuß über sie gleiten. Als sein Körper auf ihren Anblick reagierte, war er überrascht. Das war seit Monaten nicht passiert.

Wer war sie?

Mac hatte eine Tochter aus einer früheren Ehe. Aber dafür war die Frau zu jung. Dev vermutete, dass sie Ende zwanzig war, ein paar Jahre jünger als er.

Sie konnte unmöglich Macs Freundin sein, oder doch? Soweit er wusste, hatte Mac zurzeit nur Augen für Ursula, der Eigentümerin des Schönheitssalons von Destiny.

Vielleicht war die Frau auch eine verlorene Seele, die Hilfe brauchte? Sein Freund hatte im Lauf der Jahre vielen Mitgliedern der Anonymen Alkoholiker geholfen.

Dev unterdrückte sein wachsendes Interesse. Es war höchste Zeit, sie auf sich aufmerksam zu machen.

Er wandte den Blick von ihren nackten Füßen ab, räusperte sich noch mal und sagte: „Miss, ich will Sie nicht erschrecken …“

Sie fuhr herum. Plötzlich bekam er eine volle Ladung Schaumstoffziegel an den Kopf geworfen.

Mehr überrascht als verletzt, wich er zurück und fluchte leise, als der vertraute, brennende Schmerz sein Bein durchzuckte. „He, aufhören!“

Tanya Reeves stand mit erhobenem Arm da. Ihr Atem ging stoßweise. Sie war bereit, ihren letzten Yogaziegel auf den hochgewachsenen Fremden zu werfen. Ihr Herz raste. Das Gefühl von Ruhe und Frieden, das sie sich mit ihren Yogaübungen mühsam erkämpft hatte, war verflogen.

„Wer sind Sie?“, fragte sie. „Was machen Sie hier? Wagen Sie es nicht, einen Schritt näher zu kommen.“

„Ich habe noch keinen einzigen Schritt gemacht.“

Sie ließ den Ziegel fallen und schnappte sich ihr Handy. „Das sollten Sie auch nicht. Ich rufe die Polizei.“

„Das nützt nichts.“

Sie wich einen Schritt zurück, strich sich die verschwitzten Haarsträhnen aus der Stirn zurück und nahm Haltung an. Es war zwar schon ein paar Jahre her, seit sie Karateunterricht genommen hatte, aber ein paar kräftige Fußtritte konnte sie immer noch austeilen. „Das werden wir ja sehen.“

Der Mann setzte sich wieder auf den Schreibtisch. Einen Mundwinkel verzog er zu einem verhaltenen Lächeln.

Einem Lächeln, das ihr bekannt vorkam …

„Hier ist kein Empfang“, fuhr er fort.

Sie warf einen Blick auf ihr Handy. Verdammt!

„Keine Angst. Bei mir passiert dir schon nichts.“

Sie schnaubte ungläubig.

„Ich schätze, du glaubst mir nicht.“

Tanya entspannte sich, blieb aber auf sicherem Abstand. „Wenn ich deinen Namen kennen würde und wüsste, was du hier machst, würde mir das leichter fallen.“

Er lächelte, offen und natürlich. Seine eisblauen Augen wirkten wärmer. Bei seinem Anblick bekam sie Herzklopfen.

Weil seine Augen ihr auch bekannt vorkamen …?

Nein, unmöglich. Es lag bestimmt nur daran, dass er groß war und gut aussah. Lässig und sexy in Jeans und blau gestreiftem Button-down-Hemd, das sich eng um seine breiten Schultern spannte.

Sie senkte den Blick zu seinen Füßen – und wieder blieb ihr die Luft weg. Jawohl, er trug auch noch Cowboystiefel. Sie hatte eine große Schwäche für Männer in Cowboystiefeln. Tanya sah ihm wieder in die Augen, zog eine Augenbraue hoch und wartete ab.

„Ich bin mit dem Mann befreundet, der hier wohnt“, sagte er schließlich. „Mein Name ist Murphy. Devlin Murphy.“

Devlin?

Urplötzlich erinnerte sie sich wieder an eine Nacht in Reno vor über zehn Jahren. Wer hätte gedacht, dass sie hier ausgerechnet dem betrunkenen Dummkopf über den Weg laufen würde, mit dem sie einmal einen fast perfekten Abend verbracht hatte?

Einem Dummkopf, der ganz offensichtlich keine Ahnung hatte, wer sie war.

„Jetzt bist du dran.“

Tanya blinzelte und bemühte sich, Erinnerungen an überfüllte Kasinos und dunkle Klubs zu verdrängen, in denen dieser Mann sie in den Armen gehalten hatte. „Was?“

„Es ist nur fair, wenn du mir jetzt deinen Namen sagst.“

Einen Augenblick lang fragte sie sich, ob er sich an sie erinnern würde. Bis Devlin seinen Namen gesagt hatte, hatte sie nicht gewusst, wer er war. Zehn Jahre waren eine lange Zeit.

„Tanya“, antwortete sie schließlich. „Tanya Reeves.“

Sie beobachtete jede seiner Gesichtsregungen. Nichts deutete darauf hin, dass er sie erkannte. Okay, das tat weh. Aber sie sollte nicht überrascht sein. An dem Abend, an dem sie sich kennengelernt hatten, hatte er ziemlich heftig gefeiert. Die Party hatte bis in die frühen Morgenstunden gedauert. Dann waren sie zusammen in seinem schicken Hotelzimmer gelandet …

„Schön, dich kennenzulernen, Tanya“, unterbrach er ihre Gedanken. „Dann darf ich dich jetzt mal fragen, wie du hier reingekommen bist?“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. Daran, um Hilfe zu rufen, dachte sie nicht mehr. „Wie ich … Wie bist du hier reingekommen?“

„Ich habe einen Schlüssel. Aber den habe ich nicht gebraucht, weil die Tür offen war.“

Nein, das stimmte nicht. Sie hatte darauf geachtet, die Tür hinter sich zu schließen.

„Du musst mit der Klinke wackeln, damit das Schloss greift“, fuhr er fort, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. „Sonst weiß man nie, wer plötzlich reinkommt.“

Tanya verschränkte die Arme. Auf einmal wurde ihr bewusst, wie wenig sie anhatte.

Verdammt, als sie Devlin Murphy kennengelernt hatte, da hatte sie nicht viel mehr angehabt als Federn und Pailletten. Jede Menge Pailletten.

„Danke für den Tipp. Werde ich mir merken.“

„Also, dann hast du vor …“ Er brach ab und schwenkte eine Hand. „Das wieder zu machen?“

„Jeden Tag.“

Er presste den Mund zu einer harten Linie zusammen und klammerte sich an der Schreibtischkante fest. Warum missfiel ihm der Gedanke so sehr, dass sie hier trainierte?

„Und was ich da gemacht habe, das nennt man Yoga. Anusara Yoga, um genau zu sein“, fügte sie hinzu. „Das ist nicht so anspruchsvoll wie die anderen Formen. Aber nach einer Nacht auf der alten Matratze in der Blockhütte … He, alles in Ordnung?“

Er ließ den Tisch los, aber Tanya sah, dass ihm der Schweiß auf der Stirn stand.

„Ja, mir geht’s gut.“

Sie hatte von dem schrecklichen Unfall gehört, in den er im letzten Sommer verwickelt war – die Geschichte war sogar in Denver in der Zeitung gewesen. In den letzten Berichten hatte es geheißen, dass Devlin monatelang im Krankenhaus sein würde.

„Ich frage nur, weil du aussiehst, als ob du Schmerzen hast.“

Er biss die Zähne zusammen. „Nein. Hast du gesagt, dass du in der Blockhütte übernachtet hast?“

Tanya nickte. Sie glaubte ihm nicht, dass alles in Ordnung war. „Mac hat mir ein Zimmer im Farmhaus angeboten, aber ich bin daran gewöhnt, allein zu leben. Er hat auch gesagt, wo der zweite Schlüssel für dieses Gebäude ist und dass ich jederzeit …“

Überraschung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. „Warum sollte Mac dir einen Schlüssel zum Hangar geben?“

„Warum sollte er dir einen geben?“, erwiderte sie.

„Weil wir Freunde sind.“

„Und ich gehöre zur Familie.“

Devlin blieb der Mund offen stehen. „Wie bitte?“

Autor

Christyne Butler
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