Heirs to a Greek Empire – 4-teilige Miniserie

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IN DEN ARMEN MEINES SEXY FEINDES von LUCY KING

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  • Erscheinungstag 16.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542050
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Lucy King

In den Armen meines sexy Feindes

PROLOG

„Sie macht was?“

Leonidas Stanhope lehnte sich entgeistert in seinem Sessel hinter dem riesigen Glasschreibtisch zurück. Sein Magen zog sich zusammen und sein Kopf begann schmerzhaft zu pochen. Die Neuigkeit seiner jüngeren Schwester hatte wie eine Bombe eingeschlagen!

„Sie lässt sich malen“, wiederholte Daphne auf Griechisch und starrte durch das Fenster auf das von der Maisonne beschienene London hinunter. „Nackt. Für Lazlo. Als Geburtstagsgeschenk, sagte sie. Er wird nächste Woche siebzig.“

„Siebzig?“

„Ich weiß“, sagte Daphne. „Ich verstehe nicht, warum sie nicht einfach einen Geschenkgutschein für ihn besorgt hat.“

„Das wäre viel zu unspektakulär gewesen.“

Seine Schwester nickte zustimmend, und Leo schloss gequält die Augen. Er versuchte seit Jahren, die Flammen zu löschen, die die Skandale seiner Mutter entfachten, und zwar seit er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters vor zwölf Jahren zum Haupt der Familie geworden war. Damals war er gerade neunzehn gewesen.

Würde das Drama, das diese Frau veranstaltete, denn nie enden? Sie wurde bald sechzig. Wann würde sie sich endlich ihrem gediegenen Alter entsprechend verhalten und ihm eine Atempause gönnen? Nicht so bald, wie es aussah.

„Ich dachte, sie und Lazlo hätten sich getrennt.“

Daphne wandte sich vom Fenster ab und ging zur anderen Seite des Schreibtisches. „Das war vor zwei Monaten“, sagte sie niedergeschlagen und ließ sich in den champagnerfarbenen Sessel fallen. „Inzwischen haben sie sich wieder vertragen. Sie meinte, der Sex habe ihr gefehlt.“

Leo zuckte zusammen.

Seine Schwester seufzte. „Das Porträt soll Teil einer Ausstellung für junge, aufstrebende Talente in der Tate Modern werden. In zwei Wochen. Drei Tage vor meiner Hochzeit. Ist das zu fassen?“

„Leider ja. Bei ihr nur zu sehr. Sie ist so mit sich selbst beschäftigt, dass ihr das schlechte Timing wahrscheinlich gar nicht aufgefallen ist.“

Daphnes dunkle Augen schimmerten verdächtig. „Ein gefundenes Fressen für die Klatschblätter. Lieber Gott. Jeder, der zu unserer Hochzeit kommt, wird darüber reden und sie anstarren. Als wäre das Outfit, das sie tragen will, nicht schon schlimm genug. Ich meine, weiß? Im Ernst jetzt? Ich glaube nicht, dass ich es ertragen kann, Leo, aber was soll ich tun? Ari hat sie angefleht, wenigstens einige Wochen zu warten, aber sie sagte, sie würde sich von einem Kellner keine Vorschriften machen lassen, und legte einfach auf.“

„Ich kanns mir vorstellen“, brachte Leo mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Kannst du nicht etwas unternehmen?“

Natürlich konnte er das. Probleme zu lösen und Menschen zu beeinflussen, war Bestandteil seiner DNA, ob nun als CEO des Stanhope-Kallis Bank- und Reederei-Imperiums oder als ältester Sohn seiner großen, geliebten Familie.

Wichtiger aber war, dass er auf keinem Fall tatenlos mitansehen würde, wie seine Schwester litt. Die Tränen und der Schmerz, die sie zu verbergen versuchte, waren für ihn, als würde man ihm ein Messer ins Herz stoßen.

Daphne hatte so viel durchmachen müssen, um an diesen Punkt zu kommen. Vor acht Jahren, als sie gerade vierzehn gewesen war, hatte man bei ihr akute myeloische Leukämie diagnostiziert. Danach hatte sie mehr Zeit im Krankenhaus verbracht als außerhalb. Sie hatte Bluttransfusionen erhalten und gegen Infekte gekämpft, sie hatte Chemo- und Strahlentherapien mit den bekannten Nebeneffekten durchmachen müssen. Die ursprüngliche Prognose war nicht günstig gewesen, und dennoch hatte Daphne selbst in den zermürbendsten Zeiten nie ihre Zuversicht verloren.

Am Ende hatte sie die Krankheit gegen alle Erwartung besiegt, war seit drei Jahren in Remission und die Prognose klang sehr vielversprechend. Und jetzt hatte sie sich verliebt, und Leo würde nicht zulassen, dass irgendetwas ihren großen Tag überschattete! Ein Tag, von dem niemand zu hoffen gewagt hatte, er könnte je Wirklichkeit werden.

„Keine Sorge, Schwesterherz! Ich werde mich darum kümmern!“

1. KAPITEL

Unter der glitzernden Oberfläche des herrlich kühlen Wassers erreichte Willow Jacobs das Ende des Pools, vollzog eine gemächliche Rollwende und kam mit kaum einem Spritzer wieder hoch, um eine weitere Bahn zu kraulen.

Das Wasser wirkte wie ein flüssiges Schmerzmittel auf ihren Körper. Die Hitze der Sonne im frühen griechischen Sommer erwärmte ihre Haut wie Balsam. Die Anspannung in ihren Händen, Armen und Schultern ließ immer mehr nach. Die Schmerzen, die davon kamen, dass sie zu lange in derselben Haltung saß, lösten sich auf wie Wasserfarben im Regen.

Sie arbeitete seit fast einem Monat zehn Stunden am Tag, aber es machte ihr nichts aus. Wie könnte es das auch, wenn sie doch dabei war, das beste Gemälde ihres Lebens zu malen? Vom Moment an, da sie das Papier mit der Pastellkreide berührt hatte, waren die Linien wie von selbst gekommen und hatten Form angenommen, als hätten Willows Hände und Finger nicht bewusst etwas dazu beigetragen.

Sie wusste, dieser seltene, kostbare Zauber kam nicht von ihrer Umgebung, so luxuriös sie auch war. Und es lag auch nicht an einem plötzlichen Überschäumen ihres Talents, weil sie davon bereits mehr als genug besaß. Der Grund war ganz allein ihr Modell, eine ebenso faszinierende, reizende wie auch vollkommen egozentrische Frau.

Selene Stanhope war mit ihrem rabenschwarzen Haar und den dunklen Augen nicht nur außergewöhnlich schön. Sie besaß nicht nur einen atemberaubenden Körper, der nicht ahnen ließ, dass sie sechs Kinder zur Welt gebracht hatte, sie war auch eine prominente Griechin, die ein abenteuerliches, schillerndes Leben hinter sich hatte. Wenn sie sich nicht gerade über ihren ältesten Sohn beschwerte – dass er enttäuschend bieder und verklemmt sei und sein einziges Ziel im Leben es wohl sei, seiner Mutter jeden Spaß zu verderben –, gefiel es ihr, in Erinnerungen zu schwelgen.

Was für ein Jammer, dass das Porträt schon fast fertig ist, dachte Willow, während sie wieder wendete. Sie könnte Selenes Abenteuern bis in alle Ewigkeit lauschen – wilde Partys, Reisen zu privaten Inseln in der Karibik in der Gesellschaft schillernder Berühmtheiten …

Die Geschichten waren kühn, schillernd und leidenschaftlich, aber auch bittersüß, da sie Willow an ihre Mutter erinnerten, die vor zehn Jahren gestorben und das genaue Gegenteil von Selene gewesen war.

Doch das Beenden des Gemäldes bedeutete auch, dass sie bald bezahlt werden würde. Es bedeutete, sie würde es rahmen, verpacken und an die Ausstellung schicken. Ihr Werk in dieser prominenten Galerie würde aus einer unbekannten Malerin eine erfolgreiche Künstlerin machen. Es würde mehr und vielleicht sogar bessere Aufträge für Willow einbringen. Sie würde ihre Zeit freier einteilen können und dadurch besser mit der Krankheit fertigwerden, die ihr ganzes Leben beherrschte: Endometriose.

Ihre Zeit in der Villa in Kifissia kam also langsam zu ihrem Ende, und Willow würde immer dankbar sein, denn Selene hatte Interesse an ihr gezeigt und ihr eine Chance gegeben, obwohl Willow damals nur als Kellnerin unter vielen bei einem Londoner Event gejobbt hatte. Dank der Aufgeschlossenheit und der Verbindungen ihrer jetzigen Auftraggeberin lag nun eine sehr viel glänzendere und hoffnungsvollere Zukunft vor ihr. Nach all den schwierigen Jahren, in denen sie hatte lernen müssen, die monatlichen Schmerzen zu bewältigen und sich gleichzeitig einen Namen in der Kunstwelt zu machen, wurde endlich alles besser.

Als Willow diese Bedeutung zum ersten Mal richtig klar wurde, war ihre Erleichterung so groß, dass ihr schwindlig wurde. Sie holte im falschen Moment Luft, keuchte, hustete und schlug unruhig um sich. Dann tauchte sie kurz unter und wollte gerade wieder hochkommen, als sie plötzlich von einer Welle erfasst und abrupt von hinten gepackt und gegen etwas Hartes gerissen wurde.

Instinktiv wand sie sich und schlug und trat wild um sich, aber das Stahlband um ihre Taille ließ nicht locker.

„Lassen Sie mich los!“, keuchte sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als ihr bewusst wurde, dass ein unbekannter Mann sie umfangen hielt.

„Halten Sie still!“, hörte sie eine tiefe männliche Stimme auf Englisch sagen, und Willow fiel ein leichter Akzent auf. „Sie sind in Sicherheit.“

Aber sie war auch ohne ihn in Sicherheit gewesen! „Lassen Sie mich sofort los!“, stieß sie atemlos hervor und wehrte sich heftig.

„Hören Sie auf, so zu zappeln. Sie machen alles nur schlimmer.“

Ich mache alles schlimmer?“

„Ich versuche, Sie vor dem Ertrinken zu retten.“

„Wieso? Ich bin nicht am Ertrinken!“

„Sie können von Glück sagen, dass ich gerade vorbeikam.“

Glück? Ha!

„Lassen. Sie. Mich. Los!“

Die Zähne wütend zusammengebissen, trommelte Willow auf seinen Unterarm ein, aber empört und auch ziemlich beunruhigt stellte sie fest, dass der dickköpfige Trottel sie einfach ignorierte. Er ließ noch immer kein bisschen locker, sosehr sie auch versuchte, ihm mit dem Ellbogen in die Seite zu stoßen. Stattdessen wurde sein Griff sogar noch fester – und nahm ihr die Luft zum Atmen, wie es der harmlose Schluck Wasser vorhin nicht getan hatte.

Aber vielleicht hatte er doch recht, was ihr Zappeln anging. Wenn sie den Kampf kurz aufgeben würde, um ihre Kraft zu schonen, und ihn seine völlig unnötige Rettungsaktion zu Ende führen ließe, wäre es viel schneller vorbei. Und das konnte nur gut sein.

Also gab Willow es auf, um sich zu schlagen, und ließ sich von ihm weiterziehen. „So ist es schon besser“, knurrte er daraufhin.

Aber Willow war sich da plötzlich gar nicht so sicher. Zwar konnte sie leichter atmen, aber ihr wurde bewusst, dass sie einem Mann noch nie so intim nahegekommen war wie jetzt ihrem unerwünschten Retter.

Natürlich war sie schon geküsst worden, immerhin war sie vierundzwanzig Jahre alt, aber weiter als das war sie nicht gegangen. Bei ihrem Zustand, hatte sie gehört, konnte Sex qualvoll sein, und sie musste auch so schon genug Schmerzen ertragen, ohne sich freiwillig noch mehr zumuten zu wollen. Noch war sie jedenfalls keinem Mann begegnet, für den sie das Risiko eingehen wollte.

Aber waren die Oberkörper aller Männer so hart? Alle Arme so unerbittlich? Jetzt hatte er seinen Griff geändert, und sie stieß zum Glück nicht mehr gegen ihn. Aber sie spürte seinen Atem an ihrer Wange, was sich ziemlich beunruhigend anfühlte, um es milde auszudrücken.

Zu ihrer Erleichterung erreichten sie gleich darauf den Poolrand. Kaum lockerte sich der Griff um ihre Taille, da löste Willow sich auch schon von dem Mann und hielt sich an der Einfassung fest. Sie holte tief Luft, wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und drehte sich zu ihrem vermeintlichen Retter um, mehr als begierig zu erfahren, wer er war und was er sich eigentlich dabei gedacht hatte.

Doch bei seinem Anblick blieben ihr die Worte im Hals stecken, ihr Herz setzte einen Schlag aus und ihr fiel es schon wieder schwer zu atmen. Seine Augen hatten den Ton von ungebrannter Umbra und seine Haut schimmerte in einem wundervollen Bronzeton. Beides waren Kennzeichen einer mediterranen Herkunft, und sein Gesicht wies eine Knochenstruktur auf, die Michelangelo vor Entzücken zum Weinen gebracht hätte. Sein Haar war lampenschwarz mit einem Hauch von Ocker. Er sah unglaublich gut aus – und sehr ernst. Genau wie seine Mutter ihn beschrieben hatte.

Denn dass es sich bei ihrem übereifrigen Retter um Leonidas Stanhope handeln musste, daran gab es keinen Zweifel.

Selene hatte ihr erzählt, wie sehr er das Porträt missbilligen würde, wenn er davon wüsste, und Willow fragte sich mit ängstlich klopfendem Herzen, wessen Freude er diesmal vergällen wollte?

Während Willow offensichtlich verärgert aus dem Pool kletterte, schüttelte Leo sich das Wasser aus dem Haar und hievte sich mit einer einzigen kräftigen Bewegung aus dem Pool, noch immer benommen von den Ereignissen der letzten fünf Minuten.

Er war vor einer Viertelstunde in der Villa in einem der exklusivsten und teuersten Vororte von Athen angekommen. Sofort nachdem Daphne gestern sein Büro verlassen hatte, war er in Aktion getreten. Doch der Direktor der Tate Modern hatte nicht wunschgemäß auf seine Forderung, die Ausstellung abzusagen, reagiert. Da weder Lazlo noch seine Mutter seine Anrufe annehmen wollten, blieb ihm nur noch, sich direkt an die Künstlerin zu wenden, und so hatte er den Familienjet bestellt und war heute Morgen von London aus herübergeflogen.

Selene hatte ihm mitgeteilt, dass Willow auf der Terrasse sein musste, und so war er hinausgegangen und hatte sie im Pool entdeckt. Und dann war sie plötzlich mitten im Pool untergegangen, und er hatte alle Zweifel vergessen und war seinem Instinkt gefolgt, um ein Menschenleben zu retten.

Leo bereute nichts, sosehr Willow auch darauf bestanden hatte, seine Hilfe gar nicht zu brauchen. Im Geschäftsleben mochte er ja skrupellos sein, und auch jetzt war er entschlossen, die Bedrohung auszuschalten, die diese Frau für Daphnes Glück darstellte, aber er würde natürlich nie so weit gehen, einen Menschen ertrinken zu lassen.

Allerdings bedauerte er seinen jetzigen Zustand – nass bis auf die Haut und ohne Schuhe und Jacke, die er ausgezogen hatte, bevor er ins Wasser gesprungen war. Das Hemd klebte an seiner Haut, die Hose schmiegte sich an seine Schenkel, sodass er alles andere als das Bild eines beherrschten, Respekt einflößenden Mannes abgab, das er in dieser Situation bei Weitem vorgezogen hätte.

Aber wenigstens konnte er durch Größe und Stärke punkten. Willow hatte sich entschieden zierlich angefühlt in seinen Armen, und nachdem sie sich entspannt hatte, auch sehr sanft und weich.

Nicht, dass er sich für ihren Körper interessierte. Natürlich nicht. Aber er konnte nicht übersehen, dass ihre großzügigen Rundungen von ihrem winzigen Bikini kaum gebändigt wurden und ihre Beine sonnengebräunt und wohlgeformt waren. Allerdings hatte er sich noch nie von der Schönheit einer Frau von wichtigeren Dingen ablenken lassen, und er würde ganz bestimmt jetzt nicht damit anfangen. Schließlich war er nicht wie seine Mutter, die sich von ihren Launen, ihren Gefühlen und ihrer Libido leiten ließ.

Jedenfalls nicht mehr.

Als sehr junger Mann hatte Leo ein genusssüchtiges, unbekümmertes Leben geführt. Er hatte das Vermögen und die Privilegien seiner Familie als selbstverständlich betrachtet und seine Liebe fürs Segeln ausgekostet. Doch seit dem tödlichen Herzinfarkt seines Vaters, der ihm eine Rolle aufgezwungen hatte, für die er damals noch nicht bereit gewesen war, hatte er sich zu einem wahren Vorbild an Stärke und Zurückhaltung entwickelt. Jetzt konzentrierte er sich nur noch auf das Wesentliche – den Erfolg. Er war es gewohnt, dass man ihm gehorchte – wenn man von einigen aufsässigen Familienmitgliedern absah –, und schaffte es im Allgemeinen, sein Ziel zu erreichen.

Also fand er es auch nicht enttäuschend, als Willow sich abtrocknete und einen rosafarbenen Morgenmantel anzog, der ihren Körper vor ihm verbarg. Es machte ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten, das Gefühl ihres Pos an seinem Körper und ihrer zarten Haut unter seinen Händen zu vergessen. Es war nicht wichtig, dass er jetzt nicht mehr die braunen Flecken in ihren smaragdgrünen Augen sehen konnte. Außerdem beleidigten ihre bunt lackierten Zehennägel seinen Sinn für Ordnung, also konnte er erleichtert den Blick von ihnen abwenden – ebenso wie von ihren vielen Ohrringen und dem glitzernden Nasenstecker, den sie trug.

Wichtig war nur, dass er alles tat, um die Hochzeit seiner Schwester ohne Probleme ablaufen zu lassen. Und genau das würde er auch tun, was auch immer dafür nötig war.

Wäre Willow nicht zu sehr damit beschäftigt gewesen, zu überlegen, warum Leo Stanhope seiner Mutter einen Besuch abstattete, und irgendwie zu ahnen, dass sein Hiersein nichts Gutes verhieß, hätte sie gewiss gefunden, dass es eine himmelschreiende Schande war, als er seine Jacke anzog und zuknöpfte und die muskulöse Brust darunter verbarg.

Aber wie er aussah, war natürlich genauso unwichtig wie seine imponierende Größe und die rohe, beeindruckende Kraft, die er gerade eben demonstriert hatte. Falls er durch einen unglücklichen Zufall von dem Porträt erfahren hatte und gekommen war, um sein Missfallen auszudrücken, durfte sie nicht den Kopf verlieren.

„Willow Jacobs.“ Sie hielt ihm lächelnd die Hand hin. „Sie müssen Leo sein.“

Er schüttelte ihr flüchtig die Hand, ging dann an ihr vorbei zu einem Tisch direkt am Pool und zog einen der sechs Stühle hervor.

„Ich weiß, wer Sie sind. Setzen Sie sich. Wir müssen reden.“

Willow sank der Mut. Alles klar. Also war er wirklich wegen ihr hier. „Worüber?“

„Über Ihr Porträt von meiner nackten Mutter.“

Wie sie befürchtet hatte.

„Ich ziehe es vor, zu stehen“, antwortete sie leichthin und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Schön.“ Er kam auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen. „Dann komme ich gleich zur Sache.“ Der Abstand zwischen ihnen war so gering, dass sie sich hätten berühren können.

Willow unterdrückte den Wunsch, zurückzuweichen. „Gern. Tun Sie das.“

„Ihr Porträt wird nicht ausgestellt.“

Was?

„Das haben nicht Sie zu entscheiden.“

Er presste kurz die Lippen zusammen. „Es darf nie ans Tageslicht gelangen.“

„Doch, das muss es.“ Sie straffte die Schultern und schob gereizt das Kinn vor. „Es ist ein außerordentliches Werk. Mein bisher bestes.“

„Das ist unwesentlich.“

Willow starrte ihn fassungslos an. Seine Unverschämtheit war unglaublich. „Nicht für mich.“

„Ich zahle Ihnen das Doppelte von dem, was meine Mutter Ihnen gibt.“

„Nein.“

„Ich verdreifache es.“

„Nein.“

„Wie viel wollen Sie?“

„Ich lasse mich nicht bestechen“, antwortete sie mit einer Unverblümtheit, die seiner nicht nachstand.

Er hob eine Augenbraue. „Es fällt mir schwer, das zu glauben.“

Einen Moment sah sie ihn nur aufgebracht an. „Und was soll das bitte heißen?“

„Sie sind keine bekannte Künstlerin“, sagte er, und Willow zuckte zusammen, da sie das nicht bestreiten konnte. „Wie kommen Sie also dazu, meine Mutter zu malen?“

„Nicht, dass es Sie etwas angeht“, antwortete sie kühl, „aber wir haben uns bei der Eröffnung einer neuen Kunstgalerie in London getroffen. Ich kellnerte. Sie bewunderte mein Haar, und wir kamen ins Gespräch. Als sie erwähnte, dass sie ein Porträt von sich machen lassen wolle, schickte ich ihr einige Fotos von meiner Arbeit. Und das wars dann.“

„Dauert es immer einen Monat?“

„Für gewöhnlich zwei bis drei Wochen.“ Um rechtzeitig vor ihrer nächsten Periode fertig zu werden, aber das würde sie ihm ganz bestimmt nicht anvertrauen. „Ihr Porträt brauchte länger, weil Selene immer wieder für kurze Zeit abwesend war.“

„Also sind Sie hier eingezogen.“

„Sie hat mich dazu eingeladen“, sagte sie schnell und ärgerte sich, dass sie es überhaupt für nötig hielt, ihm eine Erklärung zu geben. „Sie bestand sogar darauf. Ich bekam den Eindruck, dass sie ziemlich einsam ist.“

„Einsam?“, wiederholte er mit einem trockenen Lachen. „Das ist lächerlich. Sie ist ständig von Leuten umgeben, von denen nicht wenige ihre Großzügigkeit ausnutzen.“

„Sie können von den Leuten, die Ihre Mutter ausnutzen, denken, was Sie wollen, aber ich gehöre nicht zu ihnen.“

Leo kniff leicht die dunklen Augen zusammen, und Willow gestand sich widerwillig ein, dass sie seine Sorge begreifen konnte, auch wenn sie seine Anschuldigungen nicht zu schätzen wusste. Seine Familie gehörte nicht nur zu den prominentesten der ganzen Welt, sondern auch zu den reichsten. Sie selbst war eine Frau, die er heute zum ersten Mal sah, und es war durchaus verständlich, dass er Selene nicht zutraute, vernünftige Entscheidungen zu treffen.

„Warum sind Sie überhaupt gegen das Porträt?“, brachte sie das Gespräch wieder auf den Punkt. „Haben Sie es schon gesehen?“

Leo erschauderte merklich. „Was? Nein. Ich könnte mir nichts Schlimmeres vorstellen.“

„Das sollten Sie aber. Es ist sehr geschmackvoll. Ihre Mutter ist wunderschön, und sie ist verliebt, was man ihr deutlich anmerkt.“

„Sie ist immer verliebt. Oder glaubt es wenigstens.“

Die Verachtung in seinem Ton weckte Willows Neugier. „Haben Sie ein Problem mit der Liebe?“

Er sah sie finster an. „Ich habe ein Problem damit, dass ein lebensgroßes Aktbild von meiner nicht mehr ganz jungen Mutter öffentlich zur Schau gestellt wird.“

„Sie wissen nicht, was für ein Glück Sie haben, überhaupt noch eine Mutter zu haben“, sagte sie heftig. „Meine ist vor zehn Jahren gestorben, als sie gerade neununddreißig war und ich vierzehn. Ich gäbe alles darum, sie bei mir zu haben und malen zu können, ob nun nackt oder nicht, ob nun vernünftig oder nicht.“

Ein seltsamer Ausdruck zeigte sich ganz kurz in seinen Augen, aber zum Glück sprach er ihr nicht sein Beileid aus!

„Sagen Sie mir, was Sie wollen, Miss Jacobs“, sagte er stattdessen knapp und riss sie damit aus ihrer Melancholie. „Da muss es doch etwas geben.“

Seine Arroganz war unerhört, aber Willow ließ sich nicht beirren. Keine Summe oder sonst irgendetwas würde sie umstimmen. Nicht jetzt, da alles, wovon sie für ihre Karriere geträumt hatte, endlich in Reichweite war.

„Mr. Stanhope“, sagte sie und lächelte dünn. „Leo, wenn ich darf. Es geht nicht ums Geld. Zumindest nicht nur. Es geht um eine Chance, und diese Ausstellung ist eine Chance, die nur einmal im Leben kommt. Ich möchte, dass mein Name in der Kunstwelt in aller Mund ist. Ich möchte die anerkannteste Pastellporträtmalerin werden, und ich habe sehr lange auf eine solche Gelegenheit gewartet. Also könnten Sie mir die Sonne, den Mond und die Sterne versprechen, und es wäre umsonst. Sie können nichts sagen oder tun, das meine Meinung ändern würde.“

„Nein?“, sagte er nach einem kaum merklichen Zögern. „Und wie wäre es hiermit? Das Gemälde soll am Montag in zwei Wochen in die Ausstellung kommen, stimmts?“

Willow nickte misstrauisch. „Ja, das stimmt.“

„Meine Schwester heiratet am darauffolgenden Donnerstag.“

„Ich habe davon gehört.“ Selene hatte ihr das Kleid gezeigt, das sie zur Hochzeit tragen wollte. Willow hatte gerade eben noch ihr Entsetzen unterdrücken können und nicht gesagt, was sie davon hielt, dass die Mutter der Braut in einem knappen weißen Kleid erscheinen wollte.

„Dass es überhaupt eine Hochzeit geben wird, ist ein Wunder“, sagte Leo. „Als Daphne dreizehn war, wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert, und die Ärzte rechneten nicht damit, dass sie länger als fünf Jahre leben würde. Aber sie hat überlebt. Und jetzt hat sie einen Mann gefunden, mit dem sie ihr hoffentlich langes restliches Leben verbringen will. Mit dieser Hochzeit feiert sie nicht nur ihre Beziehung, sondern auch ihr Überleben. Siebenhundert Gäste werden kommen. Familie, Freunde, aber auch Europas Elite – und seine größten Klatschmäuler. Ich lasse nicht zu, dass Daphne oder ihr Verlobter von irgendjemandem oder irgendetwas in den Schatten gestellt werden. Am allerwenigsten von einem skandalösen Porträt unserer gedankenlosen, egozentrischen, genusssüchtigen Mutter.“

Leo hielt inne. Seine dunklen Augen funkelten, als ginge es gar nicht wirklich um das Gemälde selbst. Und während Willow seine Worte und den Ton, mit dem er sie aussprach, noch verarbeitete – sie zeigten, wie viel seine Schwester ihm bedeutete und dass er nicht einfach darauf aus war, jemandem den Spaß zu verderben –, wurde ihr bewusst, dass sie sich geirrt hatte. Denn es gab offenbar doch etwas, das sie dazu bringen konnte, ihre Meinung zu ändern.

2. KAPITEL

Leo wartete auf Willows Antwort. Sein Herz schlug seltsamerweise schneller. Sie dazu zu bringen, die Angelegenheit aus seiner Sicht zu sehen, erwies sich als schwieriger, als er gedacht hatte. Er war es gewohnt, dass die andere Seite immer nachgab. Aber nicht diese Frau, die mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihm stand. Es war verwirrend, aber er schien sie nicht im Geringsten beunruhigt zu haben.

Sobald er erkannte, dass Geld sie nicht interessierte, blieb ihm nur, ihr die Wahrheit zu sagen und an ihr gutes Herz zu appellieren. Aber wenn das nicht funktionieren sollte, wusste er nicht, was er noch tun konnte.

Es fiel ihm sowieso schwer, klar zu denken. Sein Blick ging immer wieder zu jenen verflixten vielfarbigen Zehennägeln, und er glaubte, eine Spur von Rosa in ihrem noch feuchten Haar zu sehen, was natürlich absurd war. Der Stecker in ihrer Nase fing das Licht der untergehenden Sonne ein. Und wie viele Piercings konnte man eigentlich am Ohr unterbringen? Irgendetwas an dieser Frau brachte ihn völlig aus dem Gleichgewicht. Warum hatte sie eine solche Wirkung auf ihn?

„Na schön“, sagte sie schließlich und riss ihn aus seinen beunruhigenden Gedanken. „Ich schlage einen Kompromiss vor.“

Er blinzelte verblüfft. „Einen Kompromiss?“

„Ist es ein Wort, das Ihnen nicht bekannt ist?“, fragte sie trocken.

„Nein.“

„Dann erkläre ich es Ihnen gerne. Das Porträt ist zu gut und zu wichtig für mich, um irgendwo weggeschlossen zu werden. Also wird es schon bald irgendwo ausgestellt werden, und darüber lasse ich nicht mit mir reden. Aber ich verstehe Ihre Sorge, dass der Klatsch über Ihre Mutter den wichtigen Tag Ihrer Schwester verderben könnte. Also bin ich einverstanden, über einen Aufschub zu verhandeln.“

„Einen Aufschub?“

„Unter einer Bedingung.“

„Welche?“

„Ich möchte zum Hochzeitsempfang eingeladen werden.“

Nach außen hin zuckte Leo nicht mit der Wimper, innerlich allerdings war er beeindruckt von dem Mut, den sie ihm gegenüber aufbrachte.

„Die Ausstellung ist zeitlich begrenzt“, fuhr sie im gleichen selbstbewussten Ton fort. „Sobald die Hochzeit vorbei ist, ist es die Ausstellung auch. Ich werde meine beste Chance verpassen, meine Karriere in Gang zu bringen. Aber wenn Ihre Gäste so einflussreich sind, wie Sie behaupten, wird mich der Kontakt mit ihnen dafür entschädigen. Ich verspreche, dezent vorzugehen. Ich werde keine Karten aushändigen oder etwas ähnlich Unfeines. Sie werden nicht einmal merken, dass ich da bin.“

Sie sah ihn seelenruhig an, und er erkannte unruhig, dass sie den Spieß umgedreht hatte. Statt dass er sie erpressen konnte, war sie es, die ihm die Pistole an den Kopf hielt. Wenn er nicht so nervös und durcheinander gewesen wäre, hätte Willows kluger Schachzug ihn ziemlich beeindruckt.

„Abgemacht?“

Instinktiv wollte er verneinen. Normalerweise war er es, der die Bedingungen einer Abmachung diktierte. Er übergab die Kontrolle nur selten jemand anderem, ganz besonders aber keiner noch so schönen, aber widerspenstigen Frau mit bunt lackierten Zehennägeln, zu vielen Piercings und ansatzweise pinkfarbenem Haar.

Allerdings bleib ihm nichts anderes übrig, als eine Lösung zu finden, also musste Leo neu abwägen. Immerhin verlangte sie nicht die Welt! Und er war ja bereit gewesen, ihr sehr viel Geld zu zahlen. Alles, was Willow wollte, in ihrer Bereitschaft, Güte zu zeigen, war eine Einladung zu einer Feier. Im Grunde kam er glimpflich davon.

Also nickte er und lächelte knapp. „Abgemacht.“

Willow brauchte vierundzwanzig Stunden, um über den Zwischenfall am Pool hinwegzukommen. Nachdem Leo ihre E-Mail-Adresse bekommen hatte, hatte er Schuhe und Socken genommen und war gegangen. Während Willow dastand und nicht fassen konnte, wie sie den Mut aufgebracht hatte, so mit ihm zu reden.

Es hätte so leicht schiefgehen können. Wenn er sich geweigert hätte, wäre ihr nichts anderes übrig geblieben als aufzugeben. Sie mochte ja ehrgeizig sein, aber sie war nicht so skrupellos, dass sie das Glück einer jungen Frau zerstören würde, die bereits so viel gelitten hatte. Was Krankheiten anging, kannte Willow sich auch ein wenig aus!

In den Tagen nach dem Poolzwischenfall hatte Willow das Porträt vollendet. Dann war sie bei Selene ausgezogen und hatte sich auf den Hochzeitsempfang vorbereitet.

Das Taxi, das sie von der Herberge abgeholt hatte, setzte sie jetzt vor dem Eingang zu einem der besten Hotels Athens ab. Als Willow die Gäste sah, die die Stufen hinaufgingen, spürte sie, wie ihr Magen sich nervös zusammenzog. Einen Moment lang fragte sie sich, was sie sich nur dabei gedacht hatte. Berühmtheiten, Aristokraten, die Crème de la Crème – und sie?

War sie völlig übergeschnappt?

Das hier war nicht ihre Welt. Sie besaß kein Zehntausend-Euro-Outfit oder eine halbe Tonne Diamanten. Ihr Kleid war schlicht und noch dazu von einer Freundin ausgeliehen. Und an Schmuck trug sie nur die goldene Uhr, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, den winzigen Diamanten in ihrer Nase und diverse Ohrstecker.

Doch sie war nicht hier, um sich zu amüsieren. Sie wollte ihre berufliche Zukunft sichern! Und sie war nicht besser und nicht schlechter als die anderen Gäste und konnte sich mit jedem von ihnen unterhalten. Das hoffte sie jedenfalls. Also gab es keinen Grund zur Nervosität.

Es beunruhigte sie auch überhaupt nicht, womöglich dem Bruder der Braut zu begegnen. Leo mit seiner breiten Brust, die sich deutlich unter seinem nassen Hemd abgezeichnet hatte, und seiner bewundernswerten Sorge um seine Schwester hatte in den letzten zwei Wochen schon viel zu viel Raum in ihren Gedanken eingenommen, und sie hatte nicht vor, in der Menge nach ihm zu suchen. Es war für ihre Zwecke nicht nötig, und sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass er sehr erfreut sein würde, sie zu sehen.

Nein, sie würde sich heute von nichts und niemandem von ihrem Ziel abhalten lassen. Sie würde auch nicht daran denken, dass sie viel zu viele Nächte aus dem Schlaf aufgeschreckt war, zitternd und sehnsüchtig, nur weil sie von ihm geträumt hatte. Und sie würde sich auch nicht mehr fragen, ob er wirklich so hinreißend attraktiv war, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Willow holte tief Luft und trat ein. Heute hatte sie die Chance, sich einen Namen zu machen, und die würde sie sich bestimmt nicht entgehen lassen!

„So weit, so gut.“

Die trockene Bemerkung auf Griechisch kam von Leos Bruder Zander, der ihm im Alter am nächsten war. Leo löste den Blick von den Gästen, die sich in der Halle zu sammeln begannen, und sah ihn an.

Er hatte recht. Bisher war alles gut gegangen, viel besser, als er zu hoffen gewagt hatte. Die Zeremonie hatte morgens in der Metropolis-Kathedrale von Athen ohne Zwischenfälle stattgefunden. Die kleinen Blumenmädchen hatten sich brav benommen. Die Braut sah strahlend schön aus, und die Ehegelübde waren ohne Stocken und mit viel Gefühl gesprochen worden. Selene war gegen alle Erwartung nicht in Weiß erschienen, sondern in einem wunderbarerweise völlig altersangemessenen hellblauen Rock und dazu passenden Blazer. Und sie hatte sehr viel mehr Zurückhaltung an den Tag gelegt, als Leo je zu hoffen gewagt hätte.

Und doch konnte er sich nicht ganz entspannen.

„Noch ist der Tag nicht vorbei“, meinte er leise und beobachtete das Gedränge um seine Schwester und seinen neuen Schwager, die beide so glücklich aussahen, dass es schon albern wirkte – als hätte die katastrophale Ehe seiner Eltern sie nicht einmal eine Sekunde ins Grübeln gebracht. „Genug Zeit für Selene, eine Szene zu machen.“

„Noch hat sie nichts angestellt“, wandte Zander ein, „und mir wurde versichert, dass sie es auch nicht tun wird.“

„Von wem?“

„Atticus erzählte es Olympia und Olympia Thalia und Thalia mir, dass die Frau, die ihr Gemälde gemalt hat, offenbar ein Wörtchen mit ihr geredet hat.“

Leo horchte auf. Sein ganzer Körper schien auf einmal in Alarmbereitschaft zu sein, als stünde er unter Strom. „Was für ein Wörtchen?“

„Ein diskretes, wie es aussieht.“

„Na ja, das wird nicht viel nützen“, meinte Leo pessimistisch. „Wir wissen alle, wie wenig Mutter einen Wink mit dem Zaunpfahl versteht.“

„Aber bis jetzt scheint es ja zu funktionieren“, sagte Zander. „Wer hätte das gedacht? Einer Unbekannten, die Mutter vor zwei Monaten getroffen hat, gelingt, was ihre Kinder nicht geschafft haben. Sie muss wirklich etwas ganz Besonderes sein.“

Das war sie auch, wenn Leo allerdings auch nicht wusste, ob das gut war.

„Du bist ihr doch begegnet, oder?“

Das konnte man wohl sagen. Er war ihr begegnet, als er in den Pool sprang, um sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Er hatte mit ihr gestritten und gefeilscht und hatte seitdem von ihr geträumt …

„Ja.“

„Wie heißt sie?“

„Willow Jacobs.“

Als er ihren Namen aussprach, wurde ihm ganz heiß. Aber eine solche Reaktion war nichts Neues, wenn es um sie ging. Der Gedanke an diese Frau trieb Leo seit zwei Wochen in den Wahnsinn. Dass sie nicht länger als eine halbe Stunde miteinander verbracht hatten, die außerdem nicht gerade vielversprechend verlaufen war, spielte dabei keine Rolle. Sosehr er es auch versuchte, er konnte nicht vergessen, wie sie mit vor der Brust verschränkten Armen, vorgeschobenem Kinn und kühl funkelnden grünen Augen vor ihm gestanden hatte.

In seinen Träumen zog sie sich aber keinen Bademantel an, sobald sie den Pool verließ. Das wäre viel zu rücksichtsvoll gewesen. Stattdessen trat sie nahe an ihn heran, schmiegte ihre herrlichen Rundungen an ihn und lächelte ihn sinnlich an, während er wie angewurzelt stehen blieb. Sie schlüpfte mit den Händen unter seine Jacke, legte sie auf sein nasses Hemd und sagte meist etwas in der Art von: „Warum ziehen wir nicht die nassen Sachen aus?“ In seinem Traum klang das wie eine großartige Idee, nicht wie ein peinliches Klischee, und er zog sie jedes Mal an sich und legte sie auf einen der Liegestühle, bevor er ihren Vorschlag in die Tat umsetzte …

„Wie ist sie denn so?“

Hinreißend. Ärgerlich. Beunruhigend.

„Ich weiß nicht. Unsere Begegnung war kurz.“

Und genau das machte seine heftige Reaktion auf sie auch so irritierend. Er kannte sie nicht und mochte sie nicht einmal besonders. Sie respektierte seine Autorität nicht, stellte die Ordnung, die ihm so wichtig war, dreist infrage, und am Ende hatte sie ihn auch noch erpresst.

Und doch erinnerte Leo sich an jedes Wort, das sie gewechselt hatten, jeden Gesichtsausdruck, jede Geste. Er wollte wissen, wie sie sich anfühlte, wie sie schmeckte. Er wollte wissen, wie sie reagieren würde, wenn er sie mit den Händen und den Lippen berührte und wenn er sie schließlich nahm. Was ihn aber vor allem beunruhigte, war, dass er nicht aufhören konnte, an die flüchtige Trauer in ihren Augen zu denken, als sie ihre Mutter erwähnt hatte.

Willow war eine Frau mit unzähligen Piercings und einer allzu lockeren Einstellung zu Nagellack, deren Verletzlichkeit vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert hatte, aber ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Sie war das genaue Gegenteil der coolen, geschliffenen Frau mit nur einem Ohrring pro Ohr, die er normalerweise bevorzugte. Aber aus irgendeinem Grund machte sie ihn wahnsinnig.

„Daph sagt, du hast sie zur Feier heute eingeladen.“

Leo ließ sich wohlweislich nichts von seinen Gefühlen anmerken, steckte die Hände in die Taschen und zuckte leichthin die Schultern. „Alles nur ein Versuch, einen Skandal zu verhindern.“

„Und wo ist sie dann?“

„Keine Ahnung.“

Es war ihm egal, ob sie heute kommen würde oder nicht. Er würde gewiss nicht unter den Gästen nach ihr Ausschau halten. Im Moment stand er nur deswegen auf dem Balkon, weil er nach dem hektischen Tag eine Atempause nötig gehabt hatte. Sein Blick ruhte vor allem auf seiner Mutter, und das würde sich auch nicht ändern.

Doch schon bevor sein Bruder die Luft ausstieß und ein leises, bewunderndes „Wow!“ hören ließ, spürte Leo, dass Willow angekommen war. Sein ganzer Körper spannte sich an. Seine Kleidung fühlte sich plötzlich zu eng an, und sein Herz klopfte wild.

„Wer ist das?“

Obwohl er es nicht wollte, folgte Leo doch Zanders Blick und sah die Frau, die sich gerade an den Kellner wandte, der mit einem Tablett Champagnergläsern an der Tür stand. Sosehr er auch versuchte, immun zu bleiben, traf ihr Anblick ihn wie ein Schlag in den Magen.

Er erkannte das breite, strahlende Lächeln, das sie dem Kellner schenkte, als sie ein Glas annahm. Leo fühlte mit dem armen Kerl, der errötete und nur regungslos starren konnte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Dieses Lächeln hatte auch ihn völlig überwältigt, als er es das erste Mal gesehen hatte.

Aber vielleicht war es auch das Kleid – lang, blassgelb, mit Pailletten besetzt und gerade eng genug –, das dem Kellner die Sprache geraubt hatte. Oder ihr Haar. Was hatte es überhaupt für eine Farbe? Oder vielmehr welche Farben? Denn es war nicht nur pink, wie er vermutet hatte, als ihr Haar nass gewesen war. Die welligen, überwiegend blonden Locken wiesen auch blaue und grüne Strähnen auf. Sie malte nicht nur in Pastellfarben, sie trug sie sogar auf dem Kopf!

„Das ist die Künstlerin“, antwortete er seinem Bruder und fuhr sich mit dem Zeigefinger am Kragen entlang, weil er ihm plötzlich zu eng vorkam.

„Irgendwo muss ein Einhorn seine Mähne verloren haben.“

„Sieht ganz so aus.“

„Wollen wir wetten, dass sie die Einzige hier ist, die Glasperlen im Haar hat?“

„Nein.“

„Sie ist atemberaubend.“

„Wenn man auf so jemand steht.“ Was Leo zu seinem eigenen Ärger offenbar tat.

Sie war gerade dabei, sich unter die Menschen zu mischen, und stellte sich einer Gruppe italienischer Gäste vor. Während Willow lachte und plauderte, sagte er sich grimmig, dass sie gar keine Visitenkarten brauchte. Sie war unvergesslich. Und alles andere als diskret. Dass angeblich niemand auf sie aufmerksam werden würde – wie in aller Welt sollte das jemals möglich sein?

Als spürte sie, dass sie beobachtet wurde, sah sie plötzlich auf, und ihre Blicke trafen sich. Einen Moment lang erstarrte sie, dann erschien wieder ihr hinreißendes Lächeln, das Leo den Atem nahm.

Aber er erholte sich schnell und nickte nur knapp, ohne zu lächeln. Willow und er brauchten sich nie wieder zu begegnen. Es gab keinen Grund dazu, und er brauchte ihr auch nicht dafür zu danken, dass sie Selene zur Vernunft gebracht hatte. Er würde auf keinen Fall dem Drängen seines Körpers nachgeben, so stürmisch es auch sein mochte. So schwach würde er nicht werden.

„Sie hat ein bezauberndes Lächeln.“

Das stimmte. „Ist mir nicht aufgefallen.“

„Na ja, dann kann ich wohl von Glück sagen, dass sie mein Typ ist und nicht deiner.“

Das stimmte auch. Sein Bruder sollte Willow ruhig kennenlernen und mit ihr flirten, so viel er wollte. Das störte Leo nicht im Geringsten. Schließlich würde es ja nicht lange anhalten. Die Frauen, auf die sein Bruder ein Auge warf, blieben nie lange. „Viel Glück!“

„Danke. Nicht, dass ich es brauchen werde. Du solltest es auch mal probieren.“

„Was probieren?“

„Etwas lockerer zu sein. Du weißt doch, Arbeit allein macht nicht glücklich, wie es so schön heißt. Vergnügen muss auch manchmal sein.“

Leo presste kurz die Lippen zusammen. Nun, irgendjemand musste schließlich das Milliardengeschäft, das sie von ihrem Vater geerbt hatten, über Wasser halten. „Du hast genug Vergnügen für uns beide.“

„Nur weil du die Zügel nicht aus der Hand geben willst und ich zu viel freie Zeit habe.“

„Du bist unser CCO.“

„Was ich dank deiner Kontrollsucht mit links bewältige.“

Leo hatte im Moment nicht die Geduld, der vertrauten Beschwerde seines Bruders zuzuhören. Jetzt mussten sie erst einmal den Abend ohne Unfall hinter sich bringen, er musste seine Mutter im Auge behalten und siebenhundert Gäste begrüßen.

„Wohin gehst du?“, fragte Zander, den Blick aber noch immer auf die Sirene mit der Einhornmähne gerichtet.

„In diesem Saal ist ein Nettowert von Hunderten von Milliarden versammelt“, sagte Leo mit einer plötzlichen ganz unvernünftigen, unerklärlichen Wut auf seinen Bruder. „Wir haben Geschäfte zu tätigen. Deswegen werden wir beide uns jetzt unter die Leute mischen.“

Das Erste, was Willow den Atem nahm, als sie die Eingangshalle betrat, war der riesige, funkelnde Kristallleuchter, der ebenso erstklassig und elegant aussah wie die Gäste. Das Zweite war der unglaubliche Prunk – die aufwendig bemalte Decke, die alten Meister an den Wänden, der Marmor, das Gold, die Seide. Und dann war es Leo.

Sie war gerade in ein Gespräch mit zwei Gräfinnen aus Mailand und einem Gutsbesitzer aus Apulien vertieft gewesen und hatte ihre Namen und E-Mail-Adressen diskret in einem kleinen Notizbuch notiert. Als sie aufgesehen hatte, war sie Leos Blick begegnet. Sie hatte ihn nur kurz angelächelt, aber er sah heute so besonders umwerfend aus, dass sie prompt den Faden der Unterhaltung verlor.

Beim Dinner hatte sie sich großartig unterhalten. Die Gerichte waren köstlich, ihre Tischnachbarn interessant und glücklicherweise mehr als bereit, ihre Kontaktdaten mitzuteilen. Leos Rede, bei der er mühelos vom Griechischen ins Englische, Französische, Spanische und Italienische wechselte, hatte ihm begeisterten Applaus eingebracht. Willow verstand höchstens ein Viertel von seinen Worten, aber das mochte auch daran liegen, dass sie sich nur auf den Anblick seines Mundes hatte konzentrieren können.

Und jetzt hatte sie sich von seinem Bruder zum Tanzen überreden lassen. Er sah sehr gut aus und war charmant, aber auf eine harte, oberflächliche Art, die sie nicht berührte, obwohl er sie vorhin bei Kaffee und Schokolade so sehr zum Lachen gebracht hatte, dass sie Seitenstechen bekam.

„Was halten Sie davon, wenn wir uns von hier zurückziehen?“, flüsterte er ihr ins Ohr, während er geschickt mit ihr über die Tanzfläche glitt.

Das sinnliche Versprechen in seiner Stimme erschreckte sie. Gegen einen kleinen Flirt hatte sie nichts einzuwenden, aber zu mehr hatte sie es nie kommen lassen und war besonders jetzt auch nicht darauf aus. Sie legte die Hände auf seine Brust, damit er ihr nicht noch näher kommen konnte, und sagte ziemlich abrupt: „Nein, danke.“

Zander zuckte zurück und hob die Augenbrauen. Offenbar lag die Arroganz in der Familie. „Im Ernst?“

„Tut mir leid.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen.“

„Ganz richtig“, ertönte eine tiefe Stimme hinter Willow und rief die Erinnerung daran wach, wie sie fest an einen starken Männerkörper gepresst aus dem Pool gezogen worden war. Dieselbe Stimme hatte ihr im Traum nicht ganz so süße Worte ins Ohr geflüstert – Nacht für Nacht. „Zander, wie ich höre, ist der Duc de Clervaux nicht sehr glücklich über die gegenwärtigen Bankvorschriften und möchte sie ändern lassen.“

Zander musste ihre Reaktion gespürt haben, denn sie sah Neugier in seinen Augen aufblitzen, bevor er sich an seinen Bruder wandte. „Tatsächlich?“, meinte er nur trocken.

„Ja, tatsächlich.“

„Warum hast du nichts gesagt?“, meinte Zander, ließ sie los und trat einen Schritt zurück, die Hände unschuldig erhoben. „Die liebliche Willow gehört ganz dir.“

Willow begriff die seltsame Stimmung nicht ganz, die plötzlich zwischen den Brüdern herrschte, aber sie musste etwas klarstellen. „Nein. Ich gehöre niemandem.“

„Interessant.“ Zander lächelte breit und schlenderte davon.

3. KAPITEL

Im Lauf des Abends hatte Leo immer wieder einen Blick auf Willow erhaschen können, und ihr Name war ab und zu im Gespräch erwähnt worden, aber er war nicht darauf eingegangen. Nur eiserne Willensstärke hatte ihn zurückgehalten, als er entdeckte, dass Willows Kleid im Rücken einen so tiefen Ausschnitt aufwies, dass sie wahrscheinlich keinen BH trug. In den vergangenen Jahren hatte er sich angewöhnt, seine Gefühle fest im Griff zu behalten. Doch sosehr er sich auch beherrschte, als er Willow in den Armen seines Bruders sah, lösten sich Entschlossenheit und Charakterstärke, auf die er so stolz war, in Luft auf. Ein Blick hatte genügt, und er hatte nur noch den dringenden Wunsch, für den größtmöglichen Abstand zwischen Willow und Zander zu sorgen.

Er wusste nicht einmal mehr, ob er sich von seinen Gesprächspartnern verabschiedet hatte. Aber im Grunde war ihm das gleichgültig!

Was ihn auch dazu getrieben hatte – jetzt war er jedenfalls hier, ohne Anker in unbekannten Gewässern treibend, und er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Zum ersten Mal in seinem Leben.

„Wollten Sie etwas?“, fragte Willow mit bewundernswerter Haltung, obwohl ihre geröteten Wangen und der heftig pochende Puls an ihrem Hals ihm verrieten, dass sie alles andere als gelassen war.

Was er wollte? Er wollte sie. Wenn er auch nicht wusste, warum. Er spürte nur dieses unbegreifliche, aber verzehrende Verlangen, das er erfolglos zu verdrängen versuchte, und einen so mitreißenden Adrenalinrausch, wie er ihn nicht mehr gespürt hatte, seit er vor über zehn Jahren beim Segeln über die Wellen gezischt war. „Tanzen Sie mit mir!“

Sie sah ihn stumm an, ihr Blick heftete sich auf seinen Mund und verweilte dort, als wäre ihr Wunsch, ihn zu küssen, fast ebenso groß wie sein eigener Wunsch, sie zu küssen. Nach kurzem Zögern nickte sie, lächelte schwach und antwortete ein wenig atemlos: „In Ordnung.“

Mit Leo zu tanzen, war ein Fehler.

Das wurde Willow in dem Moment klar, als er ihre Hand umfasste und die andere Hand auf die nackte Haut legte, die ihr tiefer Rückenausschnitt freigab. Augenblicklich schien sie in Flammen aufzugehen. Die Berührungen seines Bruders hatten sie völlig kaltgelassen, aber bei ihm fühlte es sich elektrisierend an. Warum nur? Sie konnte es sich beim besten Willen nicht erklären.

Sie hätte ihn zurückweisen und weitergehen sollen. Es war nicht nötig herauszufinden, ob die Wirklichkeit ihren Träumen ähnlich sah. Schließlich war sie nur gekommen, um Kontakte zu knüpfen.

Doch als Leo sie an sich zog, hielt sie ihn nicht auf. Vielmehr kam sie ihm auch noch halb entgegen. Nie hatte sie geglaubt, dass Menschen sich magnetisch zueinander hingezogen fühlen könnten, aber sie schmiegte sich an ihn, eine Hand auf seiner Schulter, die andere in seiner so viel größeren Hand. Sie berührten sich jetzt von der Brust bis zu den Hüften, und niemand, das wusste Willow, hätte sie von ihm wegziehen können.

„Wie ist es Ihnen ergangen?“, fragte er mit rau klingender, tiefer Stimme, als er sich langsam mit ihr zu bewegen begann.

„Gut“, antwortete sie seltsam heiser. „Und Ihnen?“

„Hektisch.“

„Wie war die Zeremonie?“

„Ohne Zwischenfälle.“

„Das muss eine große Erleichterung gewesen sein.“

„Sie können sich nicht vorstellen, wie groß.“

Sein Blick glitt über ihr Haar, ihr Gesicht und verweilte dann auf ihrem Mund, der sich sofort seltsam trocken anfühlte, und ihr Puls begann zu rasen. Er war ihr so nahe, dass sie sich nur auf die Zehenspitzen stellen und leicht vorbeugen musste, dann würde sie endlich wissen, wie es war, ihn zu küssen.

„Schöne Feier“, sagte sie und riss sich zusammen, weil sie gewiss nicht den Skandal verursachen wollte, den er von Anfang an so sehr vermeiden wollte.

„Hm.“

„Ihr Bruder ist übrigens sehr charmant.“

Leos Griff um ihre Hand verstärkte sich plötzlich, und er runzelte die Stirn, wenn auch nur einen Moment lang. „Deswegen ist er dafür zuständig, neue Aufträge an Land zu ziehen.“

„Ich kann mir vorstellen, dass er sehr gut darin ist.“

„Ja. Genau wie Sie.“

Ihr Herz schlug schneller. Hatte er sie beobachtet? Aus irgendeinem Grund entfachte die Vorstellung, er könnte sie mit den Blicken verfolgt haben, eine seltsame Hitze in ihr. „Ich tue mein Bestes.“

„Alle reden von Ihnen.“

„Also zum Glück nicht über die Mutter der Braut oder ihr Nacktbild.“

„Ja, zum Glück“, meinte er, aber etwas an seinem Ausdruck ließ Willow wünschen, sie hätte den Mund gehalten. Sie hatte das Gefühl, er war dabei, sie mit den Blicken auszuziehen, und sie selbst musste daran denken, wie gut er in einem nassen Hemd ausgesehen hatte und wie viel besser er wohl aussehen würde, wenn er gar nichts trug.

Willow schluckte mühsam und suchte nach einem harmlosen Gesprächsthema. „Danke für die Einladung.“

„Mir war nicht bewusst, dass ich eine Wahl hatte.“

„Da haben Sie vielleicht recht“, gab sie lächelnd zu. „Ich habe Sie wirklich erpresst.“

„Das haben Sie. Aber wenn jemandem Dank gebührt, dann Ihnen.“

„Wofür?“

„Wie ich höre, ist es Ihnen zu verdanken, dass meine Mutter heute etwas Zurückhaltung gezeigt hat“, sagte er. „Und wahrscheinlich gilt das auch für die Wahl ihres Outfits.“

„Gern geschehen.“ Seine Anerkennung erfüllte sie mit Freude und tiefer Erleichterung. „Obwohl ich mich schon fragte, ob ich da nicht etwas zu weit gegangen bin.“

„Doch, das sind Sie.“

„Oh. Tut mir leid.“

„Wie gesagt, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich bin Ihnen dankbar. Und Daphne genauso.“ Sein Griff lockerte sich ein wenig. „Was ist Ihr Geheimnis?“

„Es gibt kein Geheimnis. Ich lerne meine Modelle gerne kennen, also ermutige ich sie dazu, mit mir zu reden, während ich arbeite.“

„Worüber?“

„Worüber sie möchten. Über alles eigentlich. Es entspannt sie. Sie sind nicht mehr so auf der Hut. Und ich bekomme Einsicht in ihren Charakter, was dem Gemälde einen gewissen Zauber verleiht. Einigen fällt es sehr schwer, aber Selene ganz und gar nicht.“

„Das überrascht mich nicht.“

„Ich habe ihr einfach nur einige Fragen gestellt und erwähnt, dass ich mir vorstelle, wie gern meine Mutter bei meiner Hochzeit hätte dabei sein wollen und welche Opfer sie gebracht hätte, um sicherzugehen, dass sich alles nur um mich dreht. Ich sagte, der heutige Tag sei Daphnes Chance zu erstrahlen, und dass ich wüsste, wie schwierig das manchmal sein kann.“

„Ja? In welcher Hinsicht?“

Vor allem wegen der Tatsache, dass ihr Gesundheitszustand ihr ständig Steine in den Weg legte. Wie viele Prüfungen hatte sie nicht bestanden, weil sie zu krank gewesen war, um hinzugehen? Für wie viele Jobs hatte sie sich bewerben wollen, hatte dann aber eingesehen, dass sie niemals in der Lage sein würde, bis zum Ende durchzuhalten? Zu viele, als dass sie sich an alle erinnern könnte.

„Es ist sehr schwer, in der Kunstwelt Fuß zu fassen“, antwortete sie aufrichtig.

„Sie haben heute einen guten Anfang gemacht, zumindest, was geschäftliche Kontakte angeht.“

Sie nickte, ziemlich stolz auf das, was sie heute geschafft hatte. „Das hoffe ich.“

„Wo ist das Porträt jetzt?“

„Im Lager einer Galerie hier in Athen, wo es bis zu der Enthüllung bleiben wird, die Ihre Mutter plant.“

Wieder runzelte er die Stirn. „Die Enthüllung? Sie ist wirklich schamlos.“

Trotz der Aufregung, in seinen Armen zu liegen, wurde Willow wütend. „Sie reden von meiner Arbeit, Leo, an der nichts schamlos ist. Aktmalerei ist eine anerkannte künstlerische Tradition, die es bereits seit Jahrtausenden gibt. Ich bin stolz darauf, und wenn Ihre Mutter ihre Sinnlichkeit feiern möchte, dann sollte man sie dafür loben.“

Leo verzog das Gesicht. „Sie ist fast sechzig.“

„Na und?“

„Ich sollte ihr die Zuwendung streichen.“

Sie sah ihn erschrocken an. „Das würden Sie tun?“

„Wenn nötig. Sie ist ein wandelnder Skandal, und dieses Mal ist sie zu weit gegangen.“

„Sie liebt das Leben.“

„Sie ist egozentrisch und rücksichtslos.“

„Das mag sein, aber sie ist auch amüsant und, wie Sie selbst gesagt haben, sehr großzügig. Sie ist mit mir – einer völlig Unbekannten – ein Risiko eingegangen, und sie hat auch die Ausstellung für das Porträt arrangiert. In meinem Fall ist sie immer nur eine große Hilfe gewesen.“

Leo murmelte etwas Unverständliches, dann räusperte er sich und fragte: „Wie war denn Ihre Mutter?“

„Mütterlich und liebevoll, streng, aber fair – und völlig konventionell.“

„Sie sagten, sie ist gestorben, als Sie gerade vierzehn Jahre alt waren.“

„Ihr Gedächtnis ist bemerkenswert.“

„Es gibt kaum etwas von jenem Nachmittag, an das ich mich nicht erinnere“, sagte er trocken. „Was ist passiert?“

„Sie ging wegen einer Routine-OP ins Krankenhaus und wachte nicht mehr auf.“

Leos Augen verdunkelten sich. „Das muss niederschmetternd für Sie gewesen sein.“

Das war milde ausgedrückt …

„Mein Vater hat sich nie wirklich von dem Schlag erholt“, gestand sie und schluckte mühsam. „Er ist jetzt mehr oder weniger zum Einsiedler geworden.“

„Und Sie?“

Wo sollte sie anfangen? Sie war überzeugt davon, dass das gleiche Schicksal sie ereilen würde wie ihre Mutter, sollte sie je eine Vollnarkose erhalten. Wenn sie sich nun auf die Operationen einließe, die die Ärzte ihr nahelegten, um sie von den monatlichen Schmerzen zu befreien, und ebenfalls nicht aus der Betäubung aufwachte? Ihr Vater hätte dann nicht nur seine Frau, sondern auch seine Tochter verloren, und Willow konnte den Gedanken nicht ertragen, was dann aus ihm werden würde.

Aus diesem Grund hatte sie eine tiefsitzende Angst davor entwickelt, sich zu verlieben oder von jemandem geliebt zu werden. Was würde ihr Tod für jemanden bedeuten, der sie liebte, ob es nun ein fester Freund war oder ein Ehemann? Würde er sich in seinem Kummer von der Welt abkapseln, wie es ihr Vater getan hatte?

Je größer die Liebe, desto wahrscheinlicher die völlige Zerstörung eines Menschen. Willow wollte niemanden durch eine solche Hölle schicken. Es war viel sicherer, von Anfang an keinen Mann an sich heranzulassen und sich an die Einsamkeit zu gewöhnen.

„Es dauerte eine Weile. Ihr Tod stellte mein ganzes Leben auf den Kopf, und ich denke nicht, dass die Trauer um sie je ganz weggehen wird – oder die Wut, was das angeht –, aber man lernt, damit zu leben.“

„Das stimmt“, sagte er und nickte, während er noch immer geschmeidig mit ihr über die Tanzfläche glitt. „Mein Vater starb, als ich neunzehn war. Ein Herzinfarkt. Auch plötzlich.“...

Autor

Lucy King
Lucy King lebte schon immer am liebsten in ihrer eigenen Welt, inmitten der bunten Liebesgeschichten von Mills & Boon. Bereits in der Schule schrieb sie lieber über glorreiche Helden und die Magie der Liebe, anstatt Mathematikaufgaben zu lösen. Ihrem ganz persönlichen Helden begegnete sie eines Morgens während eines einsamen Spaziergangs...
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