Julia Ärzte zum Verlieben Band 222

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NEW YORKER NÄCHTE MIT DR. GRANT von TINA BECKETT

Beruflich geht für Physiotherapeutin Lucy ein Traum in Erfüllung: Im Manhattan Memorial Hospital arbeitet sie ab sofort im Spezialistenteam von Dr. Sam Grant. Doch privat droht Gefahr! Denn Sam ist unwiderstehlich – dabei hat sie geschworen, sich nie wieder zu verlieben …

TÜR AN TÜR MIT DEM GROSSEN GLÜCK von LOUISA HEATON

Seine neue Kollegin in der Dorfpraxis ist nicht nur hinreißend – Bella ist auch seine Nachbarin! Dr. Max Moore macht etwas, das er nicht mehr für möglich gehalten hat: Der verwitwete Single-Dad lässt sich auf ein neues Glück ein. Und ahnt nicht, welche schwere Prüfung ihm bevorsteht …

VERRAT MIR DEINEN NAMEN, FREMDE! von BECCA MCKAY

„Ich kenne nicht mal deinen Namen.“ Garrett ist überzeugt, dass er die bezaubernde Fremde nie wiedersehen wird, sodass ihre sinnlichen Stunden ein Geheimnis bleiben werden. Doch kurz darauf steht der Kinderarzt verblüfft der schönen Schwester Hazel im Krankenhaus gegenüber …


  • Erscheinungstag 17.10.2026
  • Bandnummer 222
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540971
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Tina Beckett, Louisa Heaton, Becca McKay

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 222

Tina Beckett

PROLOG

Samuel Grant schluckte, als irgendwo außerhalb seiner Sichtweite eine schwere Metalltür ins Schloss fiel. Er ahnte, was kommen würde. Wenn nicht jetzt, dann später.

Die Schule zu schwänzen, um sich dem Protestmarsch anzuschließen, war vielleicht keine schlaue Idee gewesen, aber seine Freunde taten das Gleiche. Doch plötzlich flogen die Fäuste, und dieselben Freunde, die ihn gedrängt hatten, mitzukommen, ließen ihn im Stich, als die Polizei aufkreuzte.

Sam wäre auch getürmt, wäre da nicht der alte Mann gewesen. Er war gestürzt, nachdem ihn die Menge über den Haufen gerannt hatte. Sam half ihm auf und wartete, bis er wieder sicher stand, in der verwitterten Hand das Foto, das ihm zuvor in den Dreck gefallen war. Als der Alte davonschlurfte, fühlte Sam seinerseits eine Hand auf dem Arm. Instinktiv ahnte er, dass sie ihm keine Hilfe anbot, sondern ihn davon abhielt, ebenfalls seiner Wege zu gehen.

Stimmen hallten von den Wänden des grauen Flurs wider. Eine erkannte er und schloss unwillkürlich kurz die Augen. Da war es, das Unausweichliche, und es würde genau jetzt passieren.

Er wappnete sich, reckte das Kinn vor, was nicht recht dazu passen wollte, dass ihm das Herz in der Kehle klopfte. Dann tauchte sein Dad hinter den Gittern auf.

Carter Grant starrte ihn lange schweigend an, und flüchtig fürchtete Sam, dass er sich umdrehen und ihn einfach hierlassen würde. Vielleicht, um seinem rebellischen Sohn eine Lektion zu erteilen. Wie all die anderen Lektionen, die er ihm im Laufe der Jahre erteilt hatte. Wer behauptete, dass man sich mit Geld Glück erkaufen konnte, täuschte sich. Und zwar gewaltig!

Sam war nicht glücklich. Und so, wie sein Vater ihn anblickte, mit seinen stahlgrauen Augen und der verbissenen Miene, bezweifelte Sam, dass er glücklich war.

Wahrscheinlich war Sam teilweise daran schuld. Aber nicht nur.

„Öffnen Sie die Tür“, sagte sein Dad ruhig, fast ausdruckslos.

Der Wärter murmelte etwas in das Gerät in seiner Hand. Sekunden später glitt die Tür mit einem metallenen Knirschen auf, das Sam durch und durch ging. Er war sicher, dass ihn das Geräusch bis in seine Träume verfolgen würde. Gleichzeitig war es wie ein Weckruf. Es musste einen besseren Weg geben, sich mit seinen Vorstellungen und Ideen zu behaupten, als ständig mit seinem Vater aneinanderzugeraten. Leider hatte er keine Ahnung, welchen.

Sein Dad winkte ihn aus der Zelle, sagte jedoch nichts, während sie den Flur entlanggingen. Er sagte noch immer nichts, als der Vollzugsbeamte Sam das Handy, das Portemonnaie und andere Habseligkeiten aushändigte. Auch die lange Fahrt nach Hause verlief in eisigem Schweigen. Doch als der Chauffeur in Manhattan vor der mächtigen Stadtvilla hielt, wo Sam aufgewachsen war, hob sein Vater den Zeigefinger. Warte, hieß das.

Also blieb Sam sitzen, obwohl es ihn drängte, aus dem Wagen zu springen und in sein Zimmer zu rennen. Aber nein. Diesmal entging er der Standpauke nicht.

Der Mann, der ihn großgezogen hatte, wandte ihm das Gesicht zu. „Hast du etwas zu sagen?“

Sam hätte eine Menge zu sagen, aber nichts davon würde ihm guttun, also zuckte er nur mit den Schultern.

Sein Dad presste Daumen und Zeigefinger auf die Nasenwurzel und seufzte. „Nun denn. Du wirst eine Woche lang nicht dein Zimmer verlassen, außer um zur Schule und wieder nach Hause zu gehen. Ich werde mich in der Schule erkundigen, um sicherzustellen, dass du bist, wo du sein sollst.“

Eine Woche war nichts. Sam wunderte sich, dass die Strafe nicht strenger ausfiel. Schließlich war er im Gefängnis gelandet – zwar im Jugendstrafvollzug, weil er gerade mal fünfzehn war, aber immerhin. „Bin ich.“

„Sorge dafür.“ Wieder ein Seufzer, bevor sein Dad hinzufügte: „Sag deinem Bruder und deiner Schwester und vor allem deiner Mutter nicht, in welchen Schlamassel du diesmal geraten bist. Du bringst beste Noten nach Hause, verdammt noch mal. Warum drängt es dich immer wieder, meine Autorität zu untergraben?“

Nicht, dass Sam so etwas wie heute schon einmal gemacht hätte. Er lehnte sich nicht gegen Autoritäten auf. Jedenfalls nicht bei den Lehrkräften oder den Tutoren. Tatsächlich einzig und allein bei seinem Dad.

Sam hatte keinen Schimmer, warum, und zuckte wieder nur mit den Schultern.

„Wirst du deine Mom damit nicht behelligen?“

„Ich sage nichts. Zu niemandem.“ Nicht zu seiner Mom, seinen Geschwistern oder Lehrern. Aber er würde einen anderen Weg finden, in seinem Leben etwas zu bewirken. Einen, der ihn nicht ins Jugendgefängnis oder in Situationen wie diese brachte. Hoffentlich.

„Gut. Dann rein mit dir. Theresa wird sicher vom Abendessen etwas für dich beiseitegestellt haben.“

Die Haushälterin der Familie war für Sam ein Geschenk des Himmels, und es gewohnt, dass seine Eltern oft abwesend waren. Einen Konzern zu leiten und für eine große Charity-Organisation verantwortlich zu sein, kostete viel Zeit und viel Energie. Was den Grant-Kindern viel freie Zeit bescherte.

Sam stieg aus, ging auf die Haustür zu und spürte, dass sein Vater ihm dicht auf folgte. Er hatte mehr Ermahnungen und Vorwürfe erwartet. Was allerdings nicht hieß, dass das dicke Ende nicht noch folgte – wie bei den anderen Nummern, die er abgezogen hatte.

Verdient hätte er es. Schließlich konnte er nicht erwarten, dass sein Verhalten ohne Konsequenzen blieb. Die nächste Woche würde er versuchen, keinen Ärger zu bekommen. Doch eins war sicher: Sobald er in drei Jahren achtzehn wurde, war er weg. Weg von zu Hause, weg aus Manhattan, vielleicht sogar weg aus den USA.

Noch hatte er keine Vorstellung davon, wie das aussehen sollte, aber alles war besser, als das reichste Kid in einer Schule voller reicher Kids zu sein. Bald würde er unter dieser Wolke hervorkriechen und seinen eigenen Weg gehen. Er würde anfangen, Menschen zu helfen, die sich selbst nicht helfen konnten. Wie er das ohne Geld machen sollte, wusste er nicht. Aber er würde einen Weg finden.

Hoffte er jedenfalls.

1. KAPITEL

Etwas nervös betrat Lucinda Galeano das kleine Konferenzzimmer. Ihr und einer Handvoll anderer bot man die Gelegenheit, ein Team zu bilden, das Mikrochirurgie, Physiotherapie, Plastische Chirurgie und einige andere Fachbereiche vereinte, um Menschen mit Gesichtslähmung zu helfen. Subventioniert wurde das Ganze von irgendeinem großen Unternehmen, von dem sie noch nie gehört hatte, und heißen sollte es: Abteilung für pädiatrische Mikrochirurgie und faziale Reanimation am Manhattan Memorial Hospital. Den Arzt, der das Projekt leiten sollte, hatte man von außerhalb geholt, und heute sollten sie ihn kennenlernen. Anscheinend war er schon seit ein paar Wochen am Krankenhaus, doch da sie erst vor Kurzem gebeten wurde, sich dem Team anzuschließen, hatte sie keine Ahnung, wer er war. Lucy glaubte, seinen Namen irgendwo gelesen zu haben – in einem Flyer vielleicht –, oder der Verwaltungsleiter hatte ihn erwähnt. Und jetzt, verflixt, erinnerte sie sich nicht mehr daran. In dem Moment hatte der Name für sie keine Rolle gespielt, aber das Angebot schon. Es war zum perfekten Zeitpunkt gekommen!

Sie blickte sich im Raum um und runzelte die Stirn. Bis auf einen Mann, der mit dem Rücken zu ihr in irgendwelchen Unterlagen blätterte, war sie allein hier. Lucy blickte auf ihre Uhr … okay, das Meeting fing erst in zwanzig Minuten an. Sie stieß mit dem Fuß gegen etwas – einen Stuhl? – und versuchte im folgenden Überraschungsmoment krampfhaft, ihren Kaffeebecher festzuhalten. Der Kaffeebecher gewann, flog ihr aus der Hand und landete auf dem Tisch vor ihr. Heiße braune Flüssigkeit spritzte zu allen Seiten, als sich der Deckel verabschiedete. Ihr neuer Kittel, der mit den leuchtend blauen Papageien, bekam auch einiges ab.

Bevor sie sich zurückhalten konnte, fluchte sie laut in ihrer spanischen Muttersprache. Frustriert starrte sie auf das Chaos, das sie angerichtet hatte. Es war ein hektischer Tag gewesen, und nun auch noch das …

Wenigstens hatte niemand am Tisch gesessen. Suchend sah sie sich um. Waren hier irgendwo Papiertücher?

„Déjame ayudarte con eso.“

Beim Klang der sanften Worte in nicht akzentfreiem Spanisch fuhr sie herum. Lassen Sie mich Ihnen helfen. Der Mann, der gerade noch an der Stirnseite des Zimmers gestanden hatte, war neben ihr aufgetaucht, mehrere Papierhandtücher in der kräftigen Hand. Und seine Augen … Sie schluckte. Noch nie hatte sie so blaue Augen gesehen. Das amüsierte Lächeln hätte ihren Ärger noch anfachen können, doch stattdessen sorgte es dafür, dass er verflog. Kurz schloss sie die Augen und sah dann den Mann an, die Nase gerümpft, da ihr die Situationskomik bewusst wurde.

„Bitte sagen Sie mir, dass Sie nicht ein Wort von dem verstanden haben, was ich gerade gesagt habe.“

„Doch, jedes einzelne, und ich muss gestehen … Ich bin schockiert.“

War er sichtlich nicht. Lucy musste lachen. Und das überraschte sie mehr als seine Worte. „Entschuldigen Sie. Nicht jeder versteht Spanisch, und ich habe mir angewöhnt, meine … farbige Ausdrucksweise nicht im Englischen zu benutzen.“

„Farbige Ausdrucksweise. Ja, sie enthielt definitiv mir bekannte Nuancen. Und einige, die mir neu waren.“ Das leichte Lächeln faszinierte sie. Hitze flammte in ihrem Bauch auf. Wie würde er aussehen, wenn er sie voll anlächelte? Lucy biss sich auf die Lippe. Lieber nicht darüber nachdenken.

„Ich sollte die Farben aussortieren, bevor sie meinen Mund verlassen“, meinte sie mit einem ironischen Lächeln.

Die Wärme in ihrer Mitte breitete sich weiter aus, und sie betrachtete ihn unauffällig. Ihr gefiel, was sie sah. Alles.

Was ist los mit dir? Weißt du nicht mehr, was das letzte Mal passiert ist, als ein Fremder das mit dir gemacht hat?

Es endete damit, dass sie auf ihrem Kopfkissen eine Notiz fand. Einen Monat vor der Hochzeit.

Deshalb zählte sie bis zwanzig. Auf Spanisch. Farblosem Spanisch.

Er zog eine Braue hoch. „Großartige Strategie. Muss ich mir merken.“

Einen Schreckensmoment lang dachte sie, sie hätte laut gezählt. Bis sie begriff, dass er ihre Bemerkung zum Fluchen meinte. ¡Dios! Bei dem Mann musste sie aufpassen. In welcher Abteilung er wohl arbeitete?

Sie wollte ihm die Papiertücher abnehmen, um den Kaffee aufzuwischen, doch das erledigte er für sie. Mit beeindruckender Geschwindigkeit. Alles an ihm war beeindruckend, vom glatten sandhellen Haar, das ihm in die Stirn fiel, bis zu den sonnengebräunten Unterarmen, die sie bewundern durfte, weil er die Ärmel seines blauen Button-down-Hemds aufgekrempelt hatte. Himmel, sie geriet auf gefährliches Terrain!

Wenigstens riss es sie aus schmerzlichen Erinnerungen. Für den Moment. Deshalb konnte sie sich verzeihen, dass sie für etwas … empfänglich war, das nichts mit dem unerwarteten Sinneswandel ihres Verlobten zu tun hatte. Ex-Verlobten.

Er war fertig mit dem Aufwischen, warf die Tücher in den Abfallkorb und kam zu ihr zurück, streckte die Hand aus. „Sam Grant, und Sie sind?“

Der Name kam ihr bekannt vor. Alarmierend bekannt. Aber weder konnte sie sich jetzt damit befassen noch vermeiden, die dargebotene Hand zu schütteln. „Ich bin Lucy Galeano.“

Moment mal. Hier gab es einen Logan Grant. Er leitete die neonatalchirurgische Abteilung. Lucy hatte gehört, dass er erst kürzlich mit seiner Ex-Frau wieder zusammengekommen war. Könnten sie verwandt sein? Wahrscheinlich nicht. Der Name Grant war hier in den Staaten recht verbreitet. So wie Suarez in Paraguay, wo ihre Eltern herkamen. Außerdem, wenn Logans Bruder auch hier am Manhattan Memorial arbeitete, hätte sie das sicher mitbekommen. Oder ihre Pfade hätten sich längst gekreuzt.

„Ah, Sie müssen unsere pädiatrische Physiotherapeutin sein. Willkommen.“

Die Art, wie er das sagte, strahlte Autorität aus, sodass Lucy rasch seine Hand losließ und einen Schritt zurücktrat. Gleichzeitig strömten Leute in den Besprechungsraum und besetzten Stühle. Sam Grant nickte ihr zu und ging zurück zur Stirnseite, wo der Verwaltungsdirektor sich zu ihm gesellte und ihm die Hand schüttelte. Lucy hätte jede Wette abgeschlossen, dass dessen Handfläche nicht so kribbelte wie ihre immer noch …

Sie dachte über den Namen nach, während sie auf einem der wenigen freien Stühle Platz nahm. Wie es aussah, würden fünfzehn Leute zum neuen Team gehören.

Todd stellte sich vor die in U-Form angeordneten Tische und begrüßte die Anwesenden. „Mit unserem neuen Team werden wir zu den wenigen Einrichtungen gehören, die sich auf dieses besondere Feld der Medizin wagen“, führte er aus. „Und es war die einzige Möglichkeit, einen unserer Absolventen zu uns zurückzulocken – aus Uruguay, wo er eine Klinik eröffnet hatte, die sich auf Fälle wie wir sie aufnehmen werden, spezialisiert hat. Bitte heißen Sie Sam Grant, den Leiter unseres Teams, herzlich willkommen“, sagte Todd. „Er ist seit wenigen Wochen wieder im Land, und einige werden ihm bei der Fundraising-Gala begegnet sein. Sicher kennen viele von Ihnen seine Familie. Und natürlich ist er der Bruder von unserem Logan Grant drüben in der Neonatal-Abteilung.“

Dios Santo. Er war tatsächlich mit Logan verwandt. Und er sollte das neue Team leiten!

Was musste er von ihr denken? Von einer auf Spanisch fluchenden Mitarbeiterin, die ihren Kaffee auf Konferenztische kippte? Fragte er sich bereits, ob er ihr Kinder anvertrauen konnte, deren Therapie ein hohes Maß an Feingefühl erforderte?

Hoffentlich nicht. Dies war ihr Traumjob. Sie liebte es, mit Kindern zu arbeiten, sehnte sich aber danach, mehr zu bewirken, als Handgelenksfrakturen oder gezerrte Knöchel krankengymnastisch wieder fit zu machen. Komplexe Gesichtsmuskeln zu reanimieren, um Patienten das Lächeln wiederzuschenken, war genau die Herausforderung, die sie suchte. Die Chance ihres Lebens. Würde Sam Grant sie aus dem Team werfen und jemand anderen an ihre Stelle setzen?

Wenn wir hier fertig sind, gehe ich zu ihm und entschuldige mich, beschloss sie. Erstens dafür, dass sie sich seinen Namen nicht gemerkt hatte, und zweitens, weil sie ihr Temperament nicht im Griff gehabt hatte. Bei ihren jungen Patientinnen und Patienten verlor sie nie die Beherrschung. Aber von nun an würde sie in Gegenwart dieses Mannes jedes Lächeln, jedes Stirnrunzeln, ja, jedes Wort auf die Goldwaage legen, bevor sie es herausließ.

Jedenfalls hoffte sie, dass es ihr gelang. Sollte es ihr nicht gelingen, ihre Emotionen im Zaum zu halten, verdiente sie es vielleicht nicht, diesem Team anzugehören.

Denk nicht mal dran! Natürlich verdiente sie es. Sie hatte hart dafür gearbeitet, sich und anderen zu beweisen, wie gut sie in ihrem Job war. Und in diese Gruppe von Topmedizinern berufen zu werden, war einfach traumhaft. Also würde sie Sam Grant und dem Rest des Teams zeigen, dass sie mit ihr die richtige Besetzung gewählt hatten. Koste es, was es wolle!

Sam reagierte angespannt, als Todd Wells Sams Familie und die Finanzspritze seines Vaters erwähnte. Ihm lag viel daran, dass das Angebot des Manhattan Memorial nicht von seinem Vater eingefädelt worden war. Ja, er hatte sogar Logan um Rat gebeten und ihn gefragt, ob er etwas gehört hätte. Hatte er nicht. Carter Grant hatte Logan gegenüber nicht erwähnt, dass er versuchte, Sam nach New York zurückzuholen.

Außerdem hatte Todd Wells bestätigt, dass sie Sams Namen von einem Kollegen hätten, der von seiner Arbeit in der uruguayischen Klinik gehört hatte.

Zum Glück war seine Schwester bereit gewesen, die Firmenleitung zu übernehmen. Weder Sam noch Logan wollten ihren Vater eines Tages beerben, um ins Familienimperium einzusteigen. Abgesehen davon hatte Sam in den zwei Jahren in Uruguay kein einziges Mal etwas von seinem Vater gehört. Seine Mutter schickte oberflächliche Geburtstagsgrüße per Messenger und richtete von Dad liebe Grüße aus. Was Sam für eine Floskel hielt. Sein Vater hatte solche Worte ihm gegenüber nie benutzt und würde es wahrscheinlich auch nie tun.

Natürlich rechnete Sam damit, dass er seiner Mom hier im Krankenhaus über den Weg laufen würde. Im Rahmen ihres ehrenamtlichen Engagements veranstaltete sie einmal wöchentlich eine Lesestunde für die kleinen Patienten auf der Kinderonkologie-Station. Dennoch hatte er Logan gebeten, nichts von seiner Ankunft zu sagen, bis er sich eingerichtet hatte. Begegnet war er dann beiden Eltern auf einer Charity-Gala, zu der Todd ihn mitgenommen hatte, kurz nachdem Sam in die USA zurückgekehrt war. Sam war gezwungen, Hallo zu sagen, doch gleich darauf wurden seine Eltern von anderen Gästen angesprochen, und das war’s gewesen.

Sam schob die Gedanken an seine Familie beiseite, um sich darauf zu konzentrieren, warum er hier war. Für Zweifel an seiner Entscheidung war es noch zu früh. Zumal der Entschluss, Uruguay zu verlassen, zum perfekten Zeitpunkt gekommen war. Er hatte sich gerade von Priscilla getrennt, der Frau, mit der er fünf Jahre zusammengelebt hatte.

Ihretwegen war er nach Uruguay gegangen. Ihre gesamte Familie lebte dort. Doch dann hörte er unfreiwillig eine leise Unterhaltung zwischen ihr und ihrer Mutter mit an. Es ging um das Geld, das er von seinem Großvater geerbt hatte. Sam erinnerte sich noch genau an das mulmige Gefühl, das ihn befallen hatte. Als er beschloss, das gesamte Geld in den Aufbau einer Klinik zu stecken, die chirurgische Eingriffe für im Gesicht entstellte Kinder anbot, versuchte sie, es ihm auszureden. Obwohl sie inzwischen in dieser Klinik arbeitete, war es der Anfang vom Ende. Sie stritten oft, bis er schließlich aus der gemeinsamen Wohnung auszog und in ein Flugzeug Richtung USA stieg – anderthalb Jahre nach Eröffnung der Klinik.

Aber zurück nach Manhattan? Das hatte er überhaupt nicht auf dem Schirm, bis das Angebot des Krankenhauses kam.

Sein Blick fiel auf Lucy Galeano. Lucy war bestimmt die Kurzform für … Lucinda? Luciana? Zwar sprach sie Spanisch, aber es klang anders als das, was er in Uruguay gehört hatte.

Es spielte keine Rolle, woher sie stammte. Sie war in seinem Team – dafür hatte er gesorgt –, und er würde mit ihr zusammenarbeiten. Je weniger neugierig er auf sie als Person war, umso besser für sie beide.

Er hatte schon einmal eine Beziehung zu einer Kollegin gehabt – zu jemandem, der den Krankenhausalltag lebte und atmete wie er. Letztendlich waren sie gescheitert, aber nicht nur, weil er jene Unterhaltung mit angehört hatte. Sam entdeckte, dass der Einfluss seiner Eltern auf ihn als Kind mächtiger war, als er sich hätte vorstellen können. Auch wenn ihm Priscilla etwas bedeutet hatte, konnte er sich emotional nicht so einbringen wie sie. Er hatte es einfach nicht gelernt. Schließlich vergiftete das Geld seiner Familie ihre Beziehung, und in Sam setzte sich der Gedanke fest, dass es tatsächlich besser war, emotional auf Abstand zu bleiben. Jedenfalls für ihn. So konnte niemand verletzt werden.

Das sollte er nicht vergessen.

Sam skizzierte kurz, wie und zu welchem Zweck er sich die Zusammenarbeit vorstellte. Er war froh, das Wort wieder an den Verwaltungsleiter übergeben zu können. Todd Wells war ein eloquenter Redner, was er auch bei seinen Schlussbemerkungen bewies. Allerdings war es sein Job, überzeugend zu sein. Genau wie es der Job seines Vaters war, wenn es um die Firmenleitung ging.

Aber Sam leitete keinen Großkonzern und nicht einmal mehr eine Klinik. Menschen zu helfen war alles, was er wollte. Er hoffte nur, dass er nicht bereuen würde, an einem Ort zu arbeiten, wo sein Dad praktisch den Zauberstab geschwungen und einen Krankenhausflügel aus dem Boden gestampft hatte. Geld war das Zaubermittel. Viel Geld.

„Haben Sie Fragen an Dr. Grant?“, hörte er den Verwaltungsdirektor fragen, und sofort war das Unbehagen wieder da. Eine Frage-Antwort-Session hatte er nicht erwartet, da er selbst noch nicht genau wusste, wie die Sache laufen sollte. Er zog es vor, die Leute einzeln in sein Büro einzuladen und die Erwartungen beider Seiten in Ruhe zu besprechen. Nicht, dass er harte Auseinandersetzungen scheute, doch er hätte sie lieber nicht auf öffentlicher Bühne.

Und ein Treffen unter vier Augen mit Lucy Galeano?

Ja, und jedes Treffen mit ihr würde sein wie mit allen anderen aus dem Team! Professionell und auf den Punkt gebracht. Wie seine Rede gerade eben. Keiner der Anwesenden hatte bisher einen Vertrag unterzeichnet. Das würde erst passieren, wenn er genau wusste, mit wem er es zu tun hatte. Sam hatte Todd klargemacht, dass er sich ein handverlesenes Team vorstellte, und dieser war einverstanden gewesen. Todd hatte lediglich angeboten, eine Vorauswahl an Fachkräften zu treffen, die er für geeignet hielt. Und Lucys Vita schien perfekt zu sein. Sollte sie allerdings nicht geeignet sein, musste Sam objektiv genug sein, um es ihr zu sagen. Und im Moment war er nicht im Mindesten objektiv. Weil er an ihre sexy heisere Stimme dachte, als sie in ihrer Muttersprache fluchte, und an ihre Lippen, sehr rosige Lippen, mit …

Reiß dich zusammen! Er hatte sich erst vor wenigen Monaten von Pri getrennt und sollte nicht so an eine Frau denken!

Überraschenderweise stellte niemand eine Frage, und die Besprechung endete. Einige kamen zu ihm, schüttelten ihm die Hand und erklärten, wie spannend und aufregend sie das neue Programm fanden. Sam war abgelenkt, weil Lucy im Hintergrund wartete. Als wollte sie mit ihm sprechen, aber nicht vor den anderen.

Warum?

Das unschuldige Geplänkel vor dem Meeting kam ihm in den Sinn. Hatte sie etwa mehr hineingelesen und hoffte jetzt, dass er mit ihr ausging? Vielleicht musste er da etwas klarstellen. Todd hatte erwähnt, wie das Manhattan Memorial vom Vermögen seiner Familie profitierte. Sam hingegen bedeutete Reichtum nichts, und diese Phase seines Lebens hatte er hinter sich gelassen, als er in Uruguay die Klinik eröffnete. Falls Lucy, wie Priscilla, Dollarzeichen in den Augen bekommen sollte, würde sie herb enttäuscht sein, sobald sie die Wahrheit herausfand.

Inzwischen waren auch die Letzten gegangen, und Lucy machte sich auf den Weg zu ihm, mit zögernden Schritten, wie ihm schien. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte, wenn sie wirklich glaubte, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte. Weil es verdammt noch mal stimmte, und sicher hatte sie es ihm sofort angemerkt.

„Dr. Grant … wegen vorhin …“ Die Worte verklangen, aber die Tatsache, dass sie ihn mit seinem Titel ansprach, sorgte dafür, dass er sich etwas entspannte.

„Ja?“ Das klang knapper, als er beabsichtigt hatte, doch er fühlte sich gerade nicht wohl in seiner Haut.

„Ich hoffe, es beeinträchtigt nicht Ihren Eindruck von mir als Physiotherapeutin. Normalerweise laufe ich nicht fluchend durch die Gegend.“

Damit hatte er nun gar nicht gerechnet. Erleichterung überschwemmte ihn. Deswegen hatte sie sich Gedanken gemacht?

„Zumindest nicht auf Englisch“, meinte er lächelnd. „Keine Sorge, ich habe über Ihre Arbeit mit Kindern gelesen und muss sagen, dass ich beeindruckt war. Also habe ich darum gebeten, Sie ins Team aufzunehmen. Offiziell wird das Ganze allerdings erst, nachdem ich mit jedem von Ihnen ein persönliches Gespräch geführt habe.“

„Sie haben das veranlasst? Ich hatte mich gewundert, dass ich erst vor zwei Wochen auf die Liste gesetzt wurde.“

„Wir brauchen jemand, der geduldig und nicht leicht aus der Ruhe zu bringen ist. Außer, es ist Kaffee im Spiel.“ Wieder lächelte er sie an, was ihm gar nicht ähnlich sah. Aber irgendwie brachte ihn diese Frau dazu, sie zu necken.

„Heißer Kaffee ist meine Schwäche. Ich brauchte den Koffeinkick.“

„Hatten Sie Angst, dass ich einschläfernd bin?“

Sie biss sich auf die Unterlippe, antwortete dann: „Das meinte ich nicht. Tatsächlich brauchte ich etwas, das mich ablenkt von …“

Abrupt unterbrach sie sich. Wenn er nicht nachfragte, würde er nicht erfahren, was sie sagen wollte. Doch das hatte er nicht vor.

Sam beschloss, sie zu beruhigen. „Machen Sie sich keine Gedanken. Es ist alles in Ordnung.“

„Gut.“ Sie wirkte erleichtert. „Ich hatte nur gedacht, dass eine Entschuldigung angebracht wäre …“

„Überhaupt nicht. Wir sind auch nur Menschen, wir haben alle unsere Schwächen.“

Erstaunt sah sie ihn an. „Selbst Sie?“

„Vor allem ich.“ Je länger er in ihrer Nähe war, umso deutlicher wurde ihm bewusst, dass ihn die Erfahrung einer gescheiterten Beziehung nicht gegen Frauen immun machte. Lucy war der Beweis, obwohl er nicht sicher war, warum. Und bis er es herausgefunden hatte, sollte er dieses Gespräch kurz halten. „Wenn es weiter nichts gibt …?“

„Hm … nein. Ich nehme an, Sie lassen uns wissen, was genau Sie brauchen?“

Ihre Worte lenkten seine Gedanken in eine Richtung, die er nicht näher betrachten wollte.

„Ja, ich werde mich mit jedem zusammensetzen, über die jeweilige Rolle sprechen und formelle Angebote unterbreiten.“

„Auf unsere fachlichen Fähigkeiten bezogen, richtig?“

„Denken Sie an eine andere Verfahrensweise?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Im Moment nicht, aber wenn mir etwas einfällt, sage ich Ihnen Bescheid.“

Verdammt. Er lächelte schon wieder. Lucy verwirrte ihn. Vielleicht war sein Kopf in ein paar Tagen klarer, sobald er mit anderen aus dem Team gesprochen hatte. Jetzt war nur eins sicher: Je länger er hier stand, umso öfter würde er lächeln, und das wollte er nicht. Bei niemandem.

„Tun Sie das. Wenn es für Sie okay ist, treffen wir uns in einigen Tagen, und Sie erzählen mir, wie Sie sich die neue Abteilung vorstellen.“ Damit sie nicht auf falsche Ideen kam, fügte er rasch hinzu: „Das Gleiche plane ich mit allen anderen, die heute dabei waren.“

„Verstanden. Sprechen Sie mich an, wenn ich vorher etwas für Sie tun kann.“

Noch so ein Satz, der seine Fantasie auf Hochtouren brachte. Mit einem letzten Lächeln – eins von den aufgesetzten, die er so sehr hasste – verabschiedete er sich von ihr. „Ich bin sicher, wir sehen uns.“

Was für eine blöde Taktik, um sich aus der Situation zu befreien! Aber anscheinend funktionierte sie hervorragend. Lucy nickte nur und wandte sich abrupt ab. Als sie ihm den Rücken zuwandte, fiel ihm zum ersten Mal auf, dass ihr Kittel über und über mit blauen Papageien bedruckt war, über deren Köpfen Sprechblasen schwebten. Sprich mir nach, stand dort in schwarzen Buchstaben. Prophetisch? Denn das würde er sich wieder und wieder sagen müssen, sobald er mit ihr zu tun hatte.

Wie jetzt zum Beispiel, als sie das Zimmer verließ. Sprich mir nach: Nie wieder etwas mit einer Kollegin anfangen. In den nächsten Tagen würde er sich das oft vorsagen. In jeder Sprache, die er beherrschte, bis sein Gehirn es gespeichert hatte. Bis er fest daran glaubte.

2. KAPITEL

Drei Tage waren seit der Teamvorstellung vergangen, und Lucy hatte von Sam noch nichts gehört. Aber er hatte ja gesagt, dass sie sich in den nächsten Tagen treffen würden. Sie fragte sich, an welcher Stelle seiner Liste sie wohl stand. Hatte es etwas zu bedeuten, dass sie nicht unter den ersten war? Oder dass sie viel später als alle anderen ins Team aufgenommen worden war? Allerdings hatte er gesagt, dass er ausdrücklich darum gebeten hatte.

In letzter Minute informiert zu werden, schien sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zu ziehen. Buchstäblich bis zur letzten Minute hatte sie nicht geahnt, dass ihr Verlobter am Tag der Hochzeit einen Rückzieher machen würde. Bedeutete sie den Menschen so wenig? Oder glaubten sie, dass sie dank ihrer fröhlichen, unbeschwerten Art mit allem und jedem fertig wurde? Was überhaupt nicht stimmte. Ihr Ex hatte sie stark verunsichert, und sie merkte, dass sie sich öfter als sonst gut zureden musste.

Ihr nächster Patient war ein Fünfjähriger, der vor wenigen Tagen im Kindergarten hingefallen war und nun über Schmerzen in der rechten Hand und im Unterarm klagte. Auf den Röntgenbildern waren keine Frakturen zu erkennen, sodass man eine Verletzung des Weichteilgewebes vermutete und Krankengymnastik empfahl. Keine leichte Aufgabe, da Kinder in diesem Alter dazu neigten, den verletzten Bereich zu schonen. Das konnte das Problem verschlimmern und die Bewegungsfähigkeit behindern. Die Mutter hatte bereits erwähnt, dass Devons Feinmotorik eingeschränkt war.

Während sie von einem Stuhl in der Nähe aus zusah, saß Devon, über ein Malheft gebeugt, mit Lucy am Tisch. Zwar unternahm er keinen Versuch, die Bilder auszumalen, doch die Figuren schienen ihn zu interessieren. Lucy überlegte sich etwas anderes.

„Okay, Devon, wir spielen verschiedene Spiele, ja?“ Sie betrachtete das Langarmshirt, das der Junge trug, und sah zu seiner Mutter hinüber. „Darf ich ihm das Shirt ausziehen? Ich möchte während der Übungen seine Armbewegungen beobachten.“

„Natürlich. Ich will nur, dass es ihm besser geht.“

Lucy wandte sich an den Jungen. „Ist das okay für dich?“

Er nickte, sagte aber nichts.

„Kannst du mir zeigen, wo es wehtut? Dann weiß ich, wo ich besonders vorsichtig sein muss.“

Devon strich mit der linken Hand über Handgelenk und Unterarm des rechten Arms. „Hier.“

Kein Wunder, dass er nicht malen wollte, obwohl die Mutter erzählt hatte, er liebe Ausmalbücher. Auch hatte sein Lehrer rückgemeldet, dass Devon immer zu weinen anfing, wenn die Kinder etwas ausschneiden sollten.

„Okay. Kannst du die Arme über Kopf hochstrecken, damit ich dir das Shirt ausziehen kann?“ Sie machte die Bewegung vor, und Devon ahmte sie, ohne zu zögern, nach. Mit seinen Schultern war also alles in Ordnung.

Lucy streifte ihm das Kleidungsstück ab, wobei sie sorgfältig auf sein rechtes Handgelenk achtete. „So, jetzt kannst du dich besser bewegen.“ Lächelnd sah sie ihn an, legte das Shirt zusammen und reichte es seiner Mom. „Schön, jetzt spielen wir.“

Aus einer Schublade zog sie zwei Sockenpuppen – einen braun-weiß gefleckten Hund mit langen Schlappohren und eine Ente mit Schnabel und weichen Federn. „Welches Tier möchtest du?“

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft lächelte der Junge. „Den Hund. Er ist lustig.“

„Und wie. Möchtest du ihm einen Namen geben?“

Devon überlegte. „Fleckchen.“ Mit der linken Hand deutete er auf die Handpuppe. „Weil er Flecken hat.“

„Gute Wahl.“

Wieder hatte er die verletzte Hand geschont. Es könnte schwierig werden, ihn dazu zu bewegen, sie zu benutzen. Lucy griff nach ihrer Handpuppe. „Ich glaube, ich nenne meine Ente Quack.“

„Das ist albern.“

„Aber es passt, weil Quack ein alberner Kerl ist. Wir spielen gleich mit den beiden, aber ich möchte, dass du etwas mit dieser Hand machst.“ Sie berührte mit den Fingern das rechte Handgelenk, übte ein bisschen Druck aus und beobachtete den Jungen genau. Er zuckte nicht zusammen. Die Schmerzen wurden also eher durch Bewegung als durch Druck ausgelöst.

„Ich … ich will nicht.“ Seine Stimme zitterte leicht.

„Ich weiß. Es tut weh, nicht wahr?“

Er nickte.

„Aber ich möchte versuchen, dir zu helfen, dass es besser wird. Darf ich dir helfen?“ Lucy zog eine Karte hervor, auf der Smiley-Gesichter abgebildet waren. Sie reichten in einer Reihe von einem weinenden bis zu einem breit lachenden Gesicht. „Hiermit kannst du mir sagen, ob und wie sehr deine Hand wehtut.“

Normalerweise konnte sie es an den Reaktionen ablesen, aber bei manchen Kindern war es schwieriger als bei anderen. Außerdem lag ihr daran, dass Devon die Intensität der Schmerzen selbst benannte.

Er nickte. „Aber du tust ihr nicht weh?“

„Ich werde sie nur berühren, wenn ich dir vorher Bescheid gesagt habe, okay?“ Lucy lächelte ihn beruhigend an.

„Okay.“

„Mach einmal nach, was ich tue. Zuerst streckst du beide Hände vor dir aus, und dann schließt du sie … so wie ich.“ Sie hielt ihre Hände zu leichten Fäusten geballt. Devon hatte keine Schwierigkeiten, die Finger zu schließen.

Sie ließ ihn anhand der Karte sagen, wie weh es getan hatte. Nicht besonders – Devon wählte einen Smiley, der mit geschlossenem Mund lächelte.

„Sehr gut. Jetzt legen wir beide unsere Hände auf den Tisch.“ Sie machte es vor und spreizte die Finger. „Okay, das Nächste kann etwas schwieriger werden, aber versuche es. Wir heben nur unseren kleinen Finger an, die anderen bleiben auf dem Tisch liegen.“

Das ging problemlos, auch bei den übrigen Fingern. Nur als der Zeigefinger an die Reihe kam, hob Devon nur den linken an.

„Kannst du auch den der anderen Hand heben?“

„Es wird wehtun.“ Wieder bebte seine Stimme.

„Was meinst du, wie sehr?“

Mit der linken Hand deutete er auf den weinenden Smiley.

„So schlimm?“

Devon nickte.

Lucy überlegte. Wenn er den Zeigefinger nicht schmerzfrei anheben konnte, war vielleicht das Ligament entzündet, das die Bewegung ausführte. Das Band führte bis in den Unterarm hinauf. „Darf ich deinen Finger anfassen?“

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Was ist mit Quack? Darf sie ihn berühren?“ Lucy streifte die Sockenpuppe auf ihre Hand. Als sie aufsah, nahm sie an der Tür eine Bewegung wahr. Ihr Herz setzte einen Takt aus, bevor es beschleunigt weiterschlug. Sam Grant stand im Physio-Raum, suchte ihren Blick und hielt ihn fest, während er sich an die Wand neben der Tür lehnte, die Arme vor der Brust verschränkt. Kontrollierte er sie? Nun, sie würde sich von ihm nicht aus der Ruhe bringen lassen und ihre Arbeit machen wie sonst auch.

„Vielleicht. Sie tut ihm auch nicht weh?“

„Nein.“ Falls sie richtig vermutete, würde der Finger nicht schmerzen, wenn jemand anders ihn anhob, sondern nur, sobald Devon selbst die Bewegung initiierte. Dann könnte man durch Kühlen und mit einem entzündungshemmenden Medikament die Schwellung abbauen und den Finger heilen.

„Okay, Quack, du hast gehört, was Devon gesagt hat. Du darfst seinen Finger anfassen, aber nur ganz, ganz vorsichtig.“

Überdeutlich war sie sich Sams Nähe bewusst. Und obwohl es im Raum mit mehreren Therapeutinnen und Patienten nicht besonders leise war, hörte er sicher jedes Wort, das sie sagte.

Lucy ließ die Puppe Devons Finger berühren und glitt mit dem Entenschnabel darüber. „Tut das weh?“

„Gerade nicht.“

„Aber es würde wehtun, wenn du den Finger anhebst?“

Der Junge nickte.

Sie nahm die Sockenpuppe weg. „Meinst du, Fleckchen könnte Quack kurz Gesellschaft leisten, während ich etwas hole?“

Lucy war versucht, zu Sam zu gehen, um herauszufinden, was er wollte, aber ihr Patient stand an erster Stelle. Sie half Devon, die Entenpuppe überzustreifen, und verzog keine Miene, als er zuerst die Hundepuppe von der linken Hand abzog, statt sich Quack auf die rechte ziehen zu lassen. Das war okay. Sie wollte nur ein Lineal holen, um zu sehen, ob er es zuließ, dass die Ente den verletzten Finger mit einem flachen Gegenstand anhob.

Aus den Materialien suchte sie ein gelbes Lineal heraus, weil es farblich zum Schnabel ihrer Puppe passte. Auf dem Rückweg hörte sie, wie Devon die beiden Puppen miteinander „reden“ ließ. Er saß mit dem Rücken zu ihr. Lucy runzelte die Stirn. Was war das an seinem unteren Rücken? Eine Art Mal?

Sie ging in die Hocke, um es sich genauer anzuschauen. Devons Haut war rot gefleckt, genau über der Wirbelsäule. „Tut dir der Rücken weh, Devon?“

„Nein.“

Nachdem sie einen sterilen Handschuh übergezogen hatte, betastete sie sanft den Bereich. Das Mal erinnerte an einen Ausschlag, war aber an keiner Stelle erhaben. Sie blickte zu seiner Mom hinüber. „Hatte er diesen roten Fleck schon immer?“

„Ja. Wir haben ihn für ein Geburtsmal gehalten. Warum?“

„Nur eine Frage. Wissen Sie, wie Devon sich die Hand verletzt hat?“

„Sie sagten, er wäre gerannt und seine Füße hätten sich verheddert, und dann fiel er hin.“ Die Mutter schüttelte den Kopf. „Er fällt oft, wenn er nicht darauf achtet, was er tut.“

Lucy lief es kalt über den Rücken. „Devon, hast du Schmerzen in den Beinen oder Füßen gehabt?“

Er zuckte mit den Schultern.

Kein Nein, aber auch kein Ja. Lucy sah wieder seine Mutter an. „Wie oft fällt er, was würden Sie sagen?“

„Ich weiß es nicht genau. Alle zwei Tage. Er ist ein lebhaftes Kind. Ist es wichtig?“

„Nicht unbedingt.“ Sie erhob sich, suchte Sams Blick und signalisierte ihm, zu ihnen zu kommen. Zwar war er plastischer Chirurg und kein Neurologe, aber im Moment konnte sie ein zweites Augenpaar gebrauchen. Lucy hoffte, dass er ihre Besorgnis für übertrieben hielt. Aber sie hatte persönliche Erfahrungen mit Wirbelsäulendefekten bei Kindern. Ihre ältere Schwester Bella war mit einer Neuralrohrfehlbildung geboren worden, die korrigiert werden musste. Deshalb waren sie aus Paraguay in die USA gekommen.

Schon als Kind hatte Lucy ihrer Schwester bei den krankengymnastischen Übungen geholfen und die Physiotherapeuten bewundert, die zu ihnen nach Hause kamen. Es war einer der Gründe, warum sie diesen Beruf ergriffen hatte.

Ja, vielleicht sah sie Gespenster. Doch wenn nicht …

Sam war sofort bei ihnen. Als sie wieder hinter Devon in die Hocke ging, tat er es ihr nach. „Was halten Sie davon?“, fragte sie.

Devons Mutter stand auf und kam zu ihnen, um zu sehen, was sie machten. „Stimmt etwas nicht?“

Zum Glück spielte der Junge immer noch mit den Puppen und achtete kaum auf die Erwachsenen.

Lucy zwang sich zu einem Lächeln, als sie zur Mutter aufsah. „Dies ist Dr. Grant. Ich wollte ihn nur einen Blick auf das Mal werfen lassen. Devon hat es seit seiner Geburt, sagten Sie?“

„Ja, ich glaube. Richtig aufgefallen ist es mir erst, als er einen Monat alt war. Er war ein Frühchen und deshalb die ersten drei Wochen im Krankenhaus. Ich habe es seinem Kinderarzt gezeigt – in Arkansas, wo wir damals gelebt haben –, und er hielt es auch für ein Geburtsmal, da Devons Werte alle im Normbereich lagen.“

„Mir war nur die Stelle aufgefallen und im Zusammenhang damit, dass Sie erwähnten, er würde oft hinfallen. Vielleicht ist es nichts.“

Sam blickte sie an und nickte, als wollte er sagen, er hätte verstanden, was sie meinte. Er stand auf und wandte sich an Devons Mom. „Darf ich einen Kollegen bitten, herunterzukommen und sich Devon einmal anzusehen? Bei Ihrem Sohn wurde nie ein MRT der Wirbelsäule gemacht?“

„Von seiner Wirbelsäule? Nein. Er hat nie über Rückenschmerzen geklagt. Aber wenn Sie glauben, dass dieses Mal etwas bedeuten kann, dann ja bitte, lassen Sie das untersuchen.“

„Danke“, sagte er. „Ich bin gleich wieder da.“

Lucy legte der Mutter die Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. „Machen wir uns keine Sorgen, solange wir nicht wissen, ob überhaupt Anlass dazu besteht.“

„Okay.“ Sie wirkte jedoch nicht überzeugt, und Lucy verstand sie gut. Wäre Devon ihr Kind, würde sie sich große Sorgen machen. Machte sie sich ja jetzt schon.

„Machen wir weiter?“ Lucy setzte sich zu Devon. „Siehst du das kleine Lineal hier?“

„Ja.“

„Wenn ich Quack wiederhabe, werde ich ihn fragen, ob er es unter deinen Finger schieben kann.“ Sie berührte seinen Zeigefinger. „Er wird nur tun, was ich sage. Und vorher sage ich es dir und Fleckchen.“

„Tut es weh?“

„Ich glaube nicht, aber wenn doch, brauchst du nur zu sagen, dass ich aufhören soll, okay?“

„Okay.“

Sie half dem Jungen, Fleckchen wieder auf die Hand zu streifen, und zog sich selbst die Entenpuppe über.

Dann nahm sie das Lineal in den Entenschnabel. „Devon, ich möchte, dass du deine Finger still hältst, während Quack seine Aufgabe erledigt. Lass sie einfach ausruhen.“

„Kann ich Fleckchen bei mir haben?“

„Ja, natürlich. Er kann dir helfen – und auch Quack.“ Lucy ließ die Puppe das Lineal vorsichtig neben Devons Zeigefinger schieben und es so drehen, dass das betreffende Fingerglied auf dem dünnen Plastik lag. Sie beugte sich vor, als flüstere sie Quack etwas ins Ohr, und nickte, als hätte die Puppe geantwortet. „Quack möchte das Lineal ein bisschen anheben. Dein Finger geht dann auch hoch. Bist du bereit?“

Ängstlich verzog er das Gesicht. „Aber das tut weh!“

„Ich glaube nicht“, sagte sie wieder. „Wenn doch, hören wir sofort auf.“

Seine Mom kam näher und legte ihm den Arm um die schmalen Schultern. „Du schaffst das, Dev. Ich bin bei dir.“

Da er nichts sagte, nutzte Lucy die Sockenpuppe und hob den Finger gut einen Zentimeter vom Tisch ab. „Tut es weh?“

Devon schüttelte den Kopf. „Gut.“ Als Lucy ihn noch höher hob und die Frage wiederholte, zeigte er wieder an, dass er keine Schmerzen hatte.

„Sehr gut.“ Sie senkte das Lineal und zog es unter seiner Hand hervor.

Nach einigen weiteren Übungen stellte sie fest, dass sein Handgelenk nicht schmerzte, solange der Zeigefinger inaktiv war. Die Verletzung schien geringfügiger zu sein, als die Anamnese und ihre Untersuchung ergeben hatten. Lucy wäre jede Wette eingegangen, dass er sich bei seinem Sturz eine Bänderzerrung im Finger zugezogen hatte, die fast genauso schmerzvoll sein konnte wie eine Fraktur. Vor allem bei einem Kind, das nicht verstand, warum ihm etwas wehtat.

„Vermutlich ist es nur der Finger, eine Bänderdehnung oder -zerrung. Ich werde mit seinem Kinderarzt sprechen. Ein entzündungshemmendes Mittel und Kühlen sollten helfen.“

Seine Mom umarmte ihn und blickte dann Lucy an. „Da bin ich aber froh. Aber was ist mit seinem Rücken?“

Lucy schaute auf und sah Sam auf dem Weg zu ihnen. Als er bei ihnen war, sagte er: „Dr. Asbury ist zurzeit bei einem Patienten und kann deshalb nicht sofort herunterkommen. Aber wir können Sie mit Devon in einem Untersuchungszimmer unterbringen, und der Kollege sieht ihn sich an, sobald er frei ist. Haben Sie es eilig?“

„Normalerweise ist er beim T-Ball-Training, doch da ihm die Hand noch wehtut, lassen wir es heute ausfallen. Wir haben Zeit.“

T-Ball … Lucy unterdrückte ein Schaudern. Das Vorbereitungstraining für jüngere Kinder, die später Baseball spielen wollten, gehörte zu den Sportarten, die bei Devon beträchtlichen Schaden anrichten konnten – falls Lucys Befürchtungen wegen des Geburtsmals auf seinem Rücken bestätigt wurden.

„Sehr gut“, sagte Sam. „Ich bringe Sie nach oben.“

Er blickte zu Lucy, und sie schüttelte den Kopf. So gern sie den Jungen begleitet hätte, es ging nicht. „In fünfzehn Minuten habe ich den nächsten Patienten.“ Sie lächelte Devon an. „Aber wir sehen uns hoffentlich nächste Woche. Möchtest du Fleckchen so lange behalten?“

„Kann ich?“ Aufgeregt drückte er die Puppe an seine Brust, als wäre es ein echter Welpe.

„Selbstverständlich.“ Sie drehte ihre Puppe in seine Richtung. „Sag bye, Quack.“

„Quack, quack“, versuchte sich Lucy so gut wie möglich in Entensprache.

Als sie Sam einen Blick zuwarf, sah sie, wie er versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken. Übermütig fügte sie ein weiteres „Quack!“ hinzu.

Jetzt lächelte der Mann. „Das haben Sie absichtlich getan“, murmelte er, nur für ihre Ohren bestimmt.

„Ich nicht. Das war Quack.“

Sam verdrehte die Augen. „Ich möchte nachher noch mit Ihnen reden. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie einen Moment Zeit haben.“

„Okay.“

Die drei verließen den Therapiebereich, und Lucys Befürchtungen kamen wieder zum Vorschein. Sam wollte mit ihr reden. War er deshalb runtergekommen? Hatte er es sich anders überlegt und wollte sie doch nicht im Team haben?

Nein, bestimmt nicht. Das ergäbe keinen Sinn. Außerdem hatte sie keine Zeit, jetzt darüber nachzugrübeln. Sie musste sich auf den nächsten Patienten vorbereiten.

Lucy räumte ihren Tisch auf und desinfizierte die Oberfläche, bevor sie die große Schublade am Fuß ihres Tischs öffnete, wo sie an die zehn Puppen aufbewahrte. Fast immer gelang es ihnen, ängstliche, nervöse Kinder zu beruhigen. Bei Verletzungen nutzte sie sie für Rollenspiele, um das Kind beschreiben zu lassen, wie und wo es verletzt worden war. Sie wollte Quack schon zu den anderen Puppen legen, hielt jedoch inne und sagte mit strenger Miene: „Wenn du meine Chancen, zu diesem Team zu gehören, ruinierst, werde ich ein ernstes Wort mit dir reden!“

Die Puppe gab keinen Laut von sich. Aber Lucy hätte schwören können, dass das Ding sie mit einem schlauen Grinsen bedachte, als sie es fallen ließ und die Schublade schnell zudrückte.

Greg Asbury ließ sie nicht lange warten. Sam war geblieben, weil es ihn interessierte, was das Mal zu bedeuten hatte. Wie Lucy vermutete auch er, dass es sich bei Devon um das Tethered-Cord-Syndrome handeln könnte.

TCS war ein enger Verwandter der Spina bifida, einer Neuralrohrfehlbildung, bei der sich ein Teil des Rückenmarks während der Schwangerschaft nicht verschlossen hatte. Beim TCS hingegen haftete das Rückenmark an einer anderen Struktur an, in diesem Fall an der Haut des unteren Rückens. Es trat sehr selten auf. Doch die Verfärbung, die Lucy entdeckt hatte, fand sich bei den bekannten Symptomen wie einem Grübchen in dem Bereich oder einem Blutschwämmchen. In manchen Fällen wuchs sogar ein Büschel Haare an der Stelle, wo das Rückenmark anhaftete. Häufige Stürze, Schwäche oder Schmerzen in den Beinen konnten ebenfalls auf das Tethered-Cord-Syndrome hindeuten. Manche Menschen lebten ein Leben lang mit anhaftendem Rückenmark, ohne es zu wissen. Allerdings konnte eine abrupte Bewegung oder Verletzung es so stark dehnen, dass irreparable Nervenschädigungen die Folge waren. Waren die Beine vorher nur schwach gewesen, waren sie dann von Lähmungen betroffen.

Um herauszufinden, ob TCS vorlag, gab es nur eine Möglichkeit: eine Kernspinuntersuchung.

Dr. Asbury untersuchte Devon sorgfältig, nachdem er sich von Sam und Devons Mom hatte berichten lassen. Als er auf den Rücken des Jungen blickte, runzelte er die Stirn und stellte genauere Fragen zu dessen Muskelschwäche.

„Ich weiß es wirklich nicht. Er fällt hin – wie alle Kinder eben –, aber davon abgesehen und manchmal von seinen Schwierigkeiten, beim Laufen mit seinen T-Ball-Mitspielern mitzuhalten, ist mir nichts aufgefallen. Seine Lehrer haben auch nichts gesagt.“

Der Kinderneurologe, der auch zu Sams neuem Team gehörte, erklärte ihr, dass das Rückenmark an der Stelle, wo das Geburtsmal sichtbar war, möglicherweise anhaftete. „Soll ich versuchen, für Devon in der nächsten Woche einen MRT-Termin zu vereinbaren?“, fragte er. „Bis dahin sollte er keinen Sport machen.“

„Das ist kein Problem, ich spreche mit seinen Trainern. Wenn es das ist, was Sie vermuten, kann man es behandeln?“

„Abhängig davon, in welchem Ausmaß das Rückenmark betroffen ist, können wir reingehen und den Teil des Gewebes freimachen.“

„Sie meinen operieren.“

„Ja. Aber nicht so aufwendig wie andere Eingriffe am Rückenmark. Wir wollen nur sichergehen, dass alle Wirbelkörper vorhanden und so geformt sind, wie sie sein sollen. Nach dem MRT wissen wir mehr.“

„Wir können es also nicht auf sich beruhen lassen?“

Greg setzte sich neben Devons Mom, die sich als Rachel vorgestellt hatte. „Das würde ich nicht empfehlen. Wenn er am Rücken getroffen wird, vielleicht von einem Baseball, oder beim Slide auf dem Boden rutschend gegen die Base knallt, kann das Rückenmark gezerrt werden und nicht nur starke Schmerzen verursachen, sondern auch Schäden daran zur Folge haben. Wir wollen auf keinen Fall, dass das passiert.“

„Verstehe. Je eher er ins MRT kommt, umso besser. Bleibt ein Kind in seinem Alter überhaupt ruhig liegen, damit die Aufnahmen etwas werden? Devon ist nicht gerade das kooperativste Kind der Welt. Fragen Sie Lucy, seine Physiotherapeutin.“

„Ist ein Kind sehr ängstlich, geben wir ein leichtes Beruhigungsmittel. Wir können auch Kindermusik über Kopfhörer einspielen und ihm eine Schlafmaske aufsetzen, um die Platzangst zu lindern. Wir haben viele Möglichkeiten.“

„Okay. Dann warten wir einfach?“, fragte Rachel.

„Genau.“ Greg strich Devon über den Kopf. „Die Handverletzung könnte Glück im Unglück bedeuten. Sie sagten, er will die Hand nicht benutzen.“

„Ja.“

„Das könnte für uns von Vorteil sein. Versuchen Sie, ihn ruhig zu halten. Ich schätze, nächsten Montag werden wir Antworten haben.“

„Okay, gibt es noch etwas?“

Greg lächelte. „Ja. Gehen Sie nach Hause und versuchen Sie, sich keine Sorgen zu machen. Wenn das Rückenmark mit der Haut verwachsen ist, haben wir es früh genug erkannt. Das ist gut.“

Rachel presste kurz die Lippen zusammen. „Ich nehme Sie beim Wort. Aber danke, dass Sie Zeit für uns hatten. Devon, sagst du bitte Dr. Grant und Dr. Asbury Auf Wiedersehen?“

Der Junge hielt, wie Lucy vorhin, die Sockenpuppe hoch und ließ sie zum Abschied bellen.

Sobald Mutter und Sohn das Zimmer verlassen hatten, klopfte Greg Sam auf die Schulter. „Gut beobachtet. Nicht jeder hätte dieses Mal gesehen und begriffen, was es bedeuten könnte.“

„Die Lorbeeren muss ich weitergeben. Aufgefallen ist es der Physiotherapeutin, die auch in unserem pädiatrischen Mikrochirurgie-Team sein wird.“

„Ah … Lucy Galeano. Sie ist extrem gut in ihrem Job. Alle schwierigen KG-Fälle schicken sie zu ihr.“

Die Art, wie der Mann von ihr sprach, weckte Sams Aufmerksamkeit. Doch er las nichts als Ernsthaftigkeit in der Miene des Neurochirurgen. Abgesehen davon trug er einen Ehering.

Und wenn da doch etwas lief? Es ging ihn nichts an, solange die beiden professionell damit umgingen. Schlechte Publicity, die sein neues Programm gefährdete, bevor es richtig gestartet war, konnte er nicht gebrauchen!

Seit wann machte er sich solche Gedanken? Er hätte gedacht, dass die Überempfindlichkeit seiner Eltern gegenüber den Medien ihm so etwas schon vor langer Zeit abgewöhnt hatte. Vielleicht steckte doch ein bisschen von ihnen in ihm. Logan schien mit ihrem Vater seinen Frieden gemacht zu haben, und seine Schwester lebte für das Familienunternehmen und alles, wofür es stand. Solange Carter Grant Sam nicht im Weg stand oder sich in seine Arbeit am Krankenhaus einmischte, würde der brüchige Waffenstillstand halten, den sie in den letzten Jahren bewahrt hatten. Sie waren keine Freunde und würden es kaum jemals werden. Aber Sam kam zurecht.

Zumindest fürs Erste.

3. KAPITEL

Lucy versuchte, ihre Neugier im Zaum zu halten, doch es gelang ihr nicht lange. Wegen Devon hatte sie von Sam bisher nichts gehört, und sie wollte wirklich nicht noch einen Tag warten, um zu erfahren, was bei Dr. Asburys Untersuchung herausgekommen war. Aber vielleicht hatten sie gar keinen MRT-Termin vereinbart. Vielleicht hielt der Neurologe ihre Befürchtungen für unbegründet.

Dennoch. Ein kurzer Anruf oder eine Textnachricht, um sie auf den aktuellen Stand zu bringen, wäre schön gewesen.

Außerdem hatte er ihr bisher nicht gesagt, warum er überhaupt im Physio-Bereich aufgetaucht war.

Es nicht zu wissen, machte sie ganz verrückt! Ihr fiel nur eine Möglichkeit ein, ihre aufwühlenden Gedanken zu besänftigen.

In den 4. Stock hinaufzufahren und nachzusehen, ob er in seinem Büro war!

Als Vorwand konnte sie immer sagen, dass er mit ihr sprechen wollte, sobald sie Zeit hätte. Lucy machte sich auf den Weg zum Fahrstuhl. In der Abteilung für Plastische Chirurgie war sie bisher nie gewesen. Warum auch, es bestand kein Anlass. Und obwohl sie gehört hatte, dass Sam keine Erwachsenen operierte, sondern sich auf pädiatrische chirurgische Korrekturen spezialisiert hatte, fragte sie sich, ob er das Aussehen eines Menschen beurteilte. Danach, dass etwas verbessert werden könnte. Wie viele Vorher-Nachher-Bilder hatte er während seiner Facharztausbildung gesehen? Und welche Unsicherheiten trieben Menschen dazu, eine Schönheits-OP vornehmen zu lassen?

Lucy hatte ihre eigenen Unsicherheiten. Vor allem jetzt.

Albern, eigentlich. So viele Leute ließen sich die Zähne richten oder bleichen. Oder ließen sich tätowieren oder piercen. Sie selbst hatte Ohrpiercings und ein winziges Häschen-Tattoo auf der linken Schulter, das für ihre Schwester Bella stand. Warum sollte sich jemand Sorgen machen, weil er sich den Bauch straffen oder andere Korrekturen an seinem Körper vornehmen ließ? Nur weil Sam in jeder Hinsicht ziemlich perfekt aussah, musste er andere ja nicht nach ihrem Aussehen beurteilen.

So, wie du es tust, wenn du an ihn denkst … an sein Lächeln, die ebenmäßigen weißen Zähne, die attraktiven Lachfältchen an seinen blauen Augen?

Lucy stöhnte unterdrückt auf.

Im 4. Stock angekommen, verflüchtigten sich ihre Gedanken augenblicklich, als sie Sam im großen Wartebereich zu ihrer Linken sah. Er hielt ein Baby in den Armen, während er mit einer Frau, wahrscheinlich der Mutter, sprach. Schon von hier aus konnte sie sehen, dass die Lippe des Babys genäht war.

Noch hatte Sam sie nicht entdeckt, und ein Schwarm Schmetterlinge flatterte in ihrem Bauch auf, weckte mit zarten Flügeln ein warmes … einladendes Gefühl. Wieder unterdrückte sie ein Stöhnen. Hoffentlich waren das nicht ihre Eierstöcke, die den Finger hoben: hallo, wir sind bereit … Nein, Lucy war nicht zu haben für Babys oder den Mann fürs Leben. Nicht nach dem, was mit Matt passiert war. Und vorher? Sie hatte immer gehofft, eines Tages Kinder zu haben. Hatte sich sogar darauf gefreut.

Bis sie diesen schrecklichen Zettel fand und Matt verschwunden war. Gehört hatte sie seitdem nie wieder etwas von ihm. Er überließ es ihr, die Hochzeitsvorbereitungen rückgängig zu machen und die Geschenke von der Brautparty zurückzugeben. Es war zutiefst demütigend gewesen. Lucy dankte dem Himmel für ihre Schwester, die ihr bei allem geholfen hatte.

Am schlimmsten waren jedoch die quälenden Warums. Noch heute...

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