Julia Royal Band 58

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KÜSS MICH NOCH EINMAL SO WIE DAMALS von TRISH MOREY

Ihre sinnlichen Lippen und ihr heißer Atem auf seiner Haut – noch immer erinnert sich Yannis an jene Nacht. Doch gefangen in den Intrigen seines Vaters, wies er Prinzessin Marietta damals ab. Heute ist er frei und sie noch hübscher! Aber kann sie die Vergangenheit vergessen?

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  • Erscheinungstag 17.10.2026
  • Bandnummer 58
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539814
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Trish Morey, Michelle Celmer, Fiona Hood-Stewart

JULIA ROYAL BAND 58

Trish Morey

PROLOG

Paris

Sein Kopf schmerzte, er hatte einen unangenehmen Geschmack im Mund und eine nackte Frau in seinem Bett – Letzteres reichte beinahe aus, um ihn alles andere vergessen zu lassen. Ihre weiche Haut fühlte sich wie flüssige Seide an. Obwohl er noch immer von Alkohol und Schlaf benebelt war, versuchte er, mit schweren Armen nach ihr zu greifen, doch sie lachte nur, tief und kokett, während sie sich ihm geschickt entwand. Da es zu dunkel war, um irgendetwas zu erkennen, ließ er sich zurück in die Kissen fallen und bemühte sich, Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Aber in diesem Moment war er nicht imstande zu denken, nicht jetzt, wo sich ihre Lippen auf seinen Oberschenkel senkten und eine glühende Spur auf seiner nackten Haut hinterließen.

Die sinnlichen Empfindungen erzeugten Risse in seinen Kopfschmerzen – groß genug, dass Erinnerungen durchschlüpfen konnten. Erinnerungen an seine Ankunft in Paris, die zornige Stimme seines Vaters, seine ebenso wütende Antwort und dann der niederschmetternde Schlag, als er realisierte, dass er keine Wahl hatte …

Seine Zunge fühlte sich belegt an, der Mund trocken. Er schmeckte schalen Whisky. Wie viel hatte er getrunken?

Plötzlich lagen ihre schlanken Finger auf seiner Männlichkeit. Ihm stockte der Atem, während sie ihn aufreizend massierte. Himmel, was für ein umwerfendes Gefühl!

Und dann, als er schon glaubte, nicht mehr ertragen zu können, spürte er, wie sie ganz kurz ihre Zunge über die Spitze gleiten ließ. Er zuckte zusammen, als hätte ihn ein Stromschlag erfasst, während seine Erektion so stark anschwoll, dass sie ihren Griff lockern musste.

Stöhnend legte er einen Arm über die Augen. Er war sicher, dass sein Schädel mit dem nächsten hämmernden Schlag explodieren würde. War das die Idee ihrer Väter gewesen? Um den Deal zu besiegeln? Beide hatten sie vehement darauf gepocht, dass die Verlobung stattfinden würde. Also hatten sie Elena nackt in sein Bett geschickt, um ihn zu verführen und vielleicht das Kind zu zeugen, das endgültig jede Möglichkeit verhindern würde, dem Schicksal zu entgehen, das sein Vater ihm zugedacht hatte.

Als sie sich rittlings auf ihn setzte, zog er den Arm zurück und öffnete erneut die Augen. Mühsam versuchte er, die Dunkelheit zu durchdringen.

Plötzlich spürte er ihre feuchte Hitze und wurde von einem überwältigenden Verlangen erfasst. Mit einem lauten Stöhnen, das seinen Kopf wie Donnerhall erfüllte, riss er sie in seine Arme und rollte sich über sie. Ihr Überraschungsschrei war noch zu hören. Jetzt lag sie unter ihm gefangen – sie konnte nicht entkommen. Sofort schloss er seine Hände um ihre Brüste, die kleiner waren als erwartet, doch es war nicht das erste Mal, dass die Wirklichkeit nicht an die Fantasie heranreichte. Außerdem waren sie fest und perfekt geformt, und er würde sich ganz sicher nicht beschweren. Nicht, wenn sie das Beste waren, was er die ganze Nacht gefühlt hatte. Angesichts seines wild hämmernden Kopfs war es ohnehin ein Wunder, dass er noch etwas anderes wahrnahm.

Dennoch wollte er sie für ihren Part in dem schmutzigen Business-Deal ihrer Väter büßen lassen. Deshalb senkte er den Kopf und fing ihre aufgerichtete Brustspitze mit den Lippen ein. Wie konnte sie es wagen, ihm eine Falle zu stellen? Er hatte doch bereits zugestimmt, sie zu heiraten, oder etwa nicht? Er hatte ihren Vätern sein Wort gegeben. Verdammt, dafür würde sie bezahlen!

Auch wenn sein Hirn noch so benebelt war, hörte er ihren Schmerzensschrei und erkannte den Grund dafür. Rasch löste er seine Lippen von ihrer Brust. Er hatte so fest zugebissen, dass es ihn nicht gewundert hätte, Blut zu sehen. Sofort entspannte sie sich wieder, zumal er als Wiedergutmachung heiße Küsse auf ihre Haut regnen ließ. Innerhalb kürzester Zeit schmiegte sie sich wie ein Kätzchen an ihn, und sie schlang die seidig glatten Beine in einer uralten Einladung um seine Hüften.

Er brauchte keine weitere Aufforderung, denn sie war genauso bereit wie er, das wusste er, weshalb er gegen ihre geheimste Stelle drängte und mit der Spitze seiner Männlichkeit um Einlass bat. Merkwürdigerweise spürte er, wie sie sich versteifte und den Atem anhielt.

Das ist nicht möglich. Er war einfach nur betrunken und ungeschickt und …

Und dann hörte er ihren leisen Schrei. Ihre Stimme klang vertraut, und dennoch war da etwas, das sein Blut in den Adern gefrieren ließ. Hektisch zog er sich zurück, obwohl sein Körper aufbegehrte und nach Erfüllung verlangte, tastete nach dem Lichtschalter, von dem er wusste, dass er hier irgendwo sein musste.

Als das Zimmer urplötzlich in helles Licht getaucht war, musste er im ersten Moment die Augen zusammenkneifen, so sehr schmerzte sein Kopf, doch dann öffnete er sie, und die Kopfschmerzen waren das Geringste seiner Probleme.

Marietta Lombardi, die kleine Schwester seines besten Freundes, lag nackt in seinem Bett, die Augen weit aufgerissen, verängstigt wie ein scheues Reh, die langen blonden Haare über die Kissen gegossen.

„Was, zur Hölle, tust du hier?“ Jedes Wort war wie eine neuerliche Explosion in seinem Kopf. Doch die Wirkung auf sie war noch verheerender. Marietta sah furchtbar verletzt aus. Sie wich bis an die Wand zurück, zog die Knie hoch und schlang die Arme um die Beine.

„Ich wollte dir etwas schenken.“ Ihre Unterlippe zitterte – eine Unterlippe, die er sich allzu oft zu küssen gewünscht hatte, auch wenn er es nie getan hatte und jetzt auch nie mehr tun würde. „Ich wollte dir … mich schenken.“

„Nein!“, schrie er, stand vom Bett auf und hüllte sich in die Damastdecke ein, um seine Nacktheit zu verbergen, bis er seinen Morgenmantel anziehen konnte. Himmel Herrgott, sie war die Schwester seines besten Freundes. Eine Jungfrau. Und wenn er auch geglaubt hatte, dass sie vielleicht eines Tages in der Zukunft … Doch dazu bestand jetzt keine Chance mehr. Nie mehr! Nicht nach dieser Nacht. „Was, zur Hölle, hast du dir nur dabei gedacht?“

„Ich dachte, dass ich dein Geburtstagsgeschenk sein wollte.“

Da schon wieder – das verräterische Zittern ihrer Unterlippe. Und dann sah er den Abdruck auf ihrer Brust, wo seine Zähne voller Zorn ihre Spuren hinterlassen hatten. Der Anblick löste einen furchtbaren Schmerz in ihm aus. Mein Gott, das hier war falsch, in so vielerlei Hinsicht. Er hatte kurz davor gestanden, sich in ihr zu versenken, sie zu bestrafen, als hätte sie ihm unrecht getan.

Und er hatte sie verletzt.

Aufgewühlt fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar.

„Du musst gehen.“

„Aber … Yannis.“

„Du musst gehen!“

„Du wolltest mit mir schlafen. Du warst kurz davor. Warum hast du aufgehört?“

Wütend knurrte er sie an: „Weil ich nicht wusste, wer du warst!“

„Oh, für wen hast du mich denn gehalten?“

Sie besaß doch tatsächlich den Nerv, erbost zu klingen. Beinahe hätte er gelacht. Beinahe. Doch die Situation war alles andere als witzig.

„Verschwinde einfach von hier.“

„Aber ich liebe dich.“

„Du bist sechzehn. Du kannst mich nicht lieben.“

„Aber du liebst mich. Du hast es mir gesagt!“

Wütend stürmte er durch den Raum und ballte die Hände zu Fäusten. Er begehrte gegen die Ungerechtigkeit der Situation auf und gegen die Dummheit, die damit einherging, dass er sich an einen Tag voll grüner Wiesen und Gänseblümchen und blauen Himmels erinnerte und an ein Mädchen, das ihm immer absolut perfekt erschienen war.

Als er ihre Hand auf seiner Schulter spürte, wirbelte er herum.

„Ich will dich“, sagte sie mit einer Kühnheit, die er nie zuvor an ihr bemerkt hatte. „Bitte liebe mich.“

Sto thiavolo, wie sehr sie ihn in Versuchung führte! Sie fasste sein Schweigen als Zustimmung auf, presste ihre Brüste gegen seinen Oberkörper und senkte ihre Lippen auf seinen Hals, während er mit einer ganz neuen Qual zu ringen hatte.

Jetzt könnte er sie haben, und niemand müsste es erfahren. Eine perfekte Nacht, ehe er Elena heiratete. War das wirklich zu viel verlangt?

Er schob seine Finger in ihr Haar, wickelte es um seinen Daumen und hauchte Küsse darauf. Doch als sie zu ihm aufschaute und ihn mit einem solchen Blick der Bewunderung, der Liebe und des Vertrauens ansah, da fühlte er eine Übelkeit in sich aufsteigen, weil er es auch nur in Erwägung gezogen hatte. Wie konnte er Marietta das antun – in der einen Nacht mit ihr schlafen und am nächsten Tag seine Verlobung mit einer anderen Frau verkünden?

Es konnte nicht sein.

Es durfte nicht sein.

Nicht jetzt.

Niemals!

„Geh“, herrschte er sie an, löste ihre Arme von seinem Hals und stieß sie von sich. Stieß die Versuchung von sich. „Ich will dich nicht hier haben.“

Verwirrung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. „Das meinst du nicht ernst.“

„Zieh dich an und geh!“

„Aber ich liebe dich. Und du liebst mich.“

„Wie eine Schwester!“, schrie er. Natürlich war es eine Lüge, aber er hatte das Gefühl, dass der Schnitt grausam sein musste – es war der einzige Weg. „Verstehst du nicht? Ich liebe dich wie eine Schwester. Mehr nicht.“

Ein furchtbarer Schmerz verzerrte ihr wunderschönes Gesicht. Tränen traten in ihre Augen, die gleich darauf über ihre Wangen strömten. „Aber du hast gesagt …“

„Es spielt keine Rolle, was ich gesagt habe! Verstehst du nicht? Ich kann dich niemals auf andere Weise lieben. Jetzt verschwinde und geh in dein Zimmer zurück, ehe dich jemand sieht.“

„Aber Yannis …“

„Geh!“

1. KAPITEL

Montvelatte – dreizehn Jahre später

Er war ganz nah, das spürte sie.

Marietta Lombardi fühlte ein nervöses Kribbeln und einen Kloß in der Kehle. Als sich am anderen Ende des Ballsaals die antiken Flügeltüren öffneten, stockte ihr vollends der Atem.

Yannis Markides, der Mann, den sie geschworen hatte, niemals wiederzusehen, war doch noch in Montvelatte eingetroffen. Komplett in Schwarz gekleidet, überflogen seine Adleraugen die Menge, die sich für das Probe-Hochzeitsdinner versammelt hatte. Ein Adrenalinstoß erfasste Marietta mit solcher Wucht, dass sie auf ihrem Stuhl immer kleiner wurde und sich gegen den Ansturm dreizehn Jahre alter Erinnerungen wehren musste, die sie in die entlegendsten Tiefen ihres Bewusstseins verbannt geglaubt hatte.

Offensichtlich nicht entlegen genug.

Doch selbst eine Flut unwillkommener Erinnerungen war nichts im Vergleich zu der Tatsache, ihn persönlich vor sich zu sehen. Der Yannis ihrer ungebetenen Träume reichte bei Weitem nicht an diesen Mann heran, der eher wie ein Krieger kurz vor dem Eintritt in die Schlacht wirkte denn wie ein alter Familienfreund. War er immer so groß gewesen? Hatte er es schon immer vermocht, einen Raum allein durch seine Präsenz zu füllen? Und, verdammt noch mal, hatte er schon immer so gut ausgesehen?

Das Beste wäre, wenn sie sofort ginge. Sie könnte zwischen den zahllosen Kellnern, die etliche Gänge köstlichster Speisen servierten, hindurchschlüpfen, ehe er sie sah, ehe sie ihm gegenübertreten und die Demütigung ihrer letzten Begegnung noch mal durchleben musste.

Doch genau in diesem Moment sprang ihr Bruder auf, rief winkend quer durch den Saal, und Marietta erkannte, dass sie zu lange gezögert hatte. Yannis’ Mund verzog sich zu einem Lächeln, bis sein Blick auf sie fiel und so kalt wurde, dass sie unweigerlich zu zittern begann. Es war, als hätte sie einen Schlag in die Magengrube erhalten. Offensichtlich wollte er sie genauso wenig wiedersehen wie sie ihn. Schön. Je eher diese Hochzeit vorüber war, desto schneller konnten sie sich wieder aus dem Weg gehen, und alles wäre gut.

Sie ist also hier, wie man mich vorgewarnt hat, dachte Yannis. Seine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten, sein Herzschlag beschleunigte sich, und ein wohlvertrauter Zorn überfiel ihn. Bislang hatte er immer an die Maxime „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ geglaubt. Doch jetzt reichte allein der Anblick der Frau, die seine Familie finanziell ruiniert hatte, aus, um all die Bitterkeit und Wut, um all die alten Wunden neu aufzureißen.

Mein Gott, er wünschte, er wäre nicht hier, selbst wenn es sich um die Hochzeit seines besten Freundes handelte – zumindest nicht, wenn es bedeutete, sie wiedersehen zu müssen, und ganz sicher nicht, wenn es hieß, in diese dunklen Tage zurückkatapultiert zu werden.

Yannis holte tief Luft. Eines hatte er über die Jahre hinweg gelernt – das Leben bescherte einem nicht unbedingt das, was man sich wünschte. Deshalb war er ja jetzt auch hier, und man erwartete tatsächlich von ihm, dass er Mariettas Partner für die Hochzeitsfeierlichkeiten war, ja dass er sie in die Arme nahm und mit ihr tanzte. Keine Vorwarnung der Welt hätte ihn darauf vorbereiten können.

Er hätte eine weibliche Begleitung mitbringen sollen. Die Auswahl wäre riesengroß gewesen, selbst nachdem er seine kurze Affäre mit Susannah beendet hatte. Innerlich verfluchte er sich dafür, allein gekommen zu sein – auch wenn er seinen Grund immer noch für vernünftig hielt. Wenn man eine Frau mit zu einer Hochzeit nahm, lief man zwangsläufig Gefahr, dass sie auf falsche Ideen kam – und die hatten in seinen Beziehungen keinen Platz.

„Yannis!“ Raphael begrüßte ihn über die Kammermusik und die Unterhaltung der versammelten Gästeschar hinweg mit einem Handschlag, ehe er ihn an sich zog und ihm freundschaftlich auf den Rücken klopfte.

„Also das ist Yannis Markides“, murmelte Sienna, die sich über den leeren Stuhl ihres Verlobten hinweg zu Marietta beugte und dabei das Wiedersehen der beiden Männer beobachtete. „Er ist sehr attraktiv, nicht wahr? Beinahe sieht er so gut aus wie Rafe.“

Besser.

Marietta konnte nichts gegen den unwillkommenen Gedanken tun. Yannis war nun mal eine aufregende Mischung aus seinem griechisch-zypriotischen Vater und seiner Mutter, die aus Montvelatte stammte. Es war, als hätte er das Beste mitbekommen, was der Mittelmeerraum zu bieten hatte: dunkles Haar, faszinierende Augen und markante Züge. Als Einundzwanzigjähriger war er der bestaussehende Mann gewesen, den sie je erblickt hatte. Dreizehn Jahre später war er ein Mann in der Blüte seiner Jahre, absolut umwerfend.

„Kann schon sein“, entgegnete Marietta und griff nach ihrem Glas. Sie brauchte etwas, an das sie sich klammern konnte, während sie sich einschärfte, dass er ein ganz gewöhnlicher Mann war wie jeder andere auch.

Doch dann schaute sie erneut auf.

Himmel, warum musste er wie ein griechischer Gott aussehen? War es da ein Wunder, dass sie einst geglaubt hatte, in ihn verliebt zu sein? Welches Mädchen hätte sich nicht in ihn verguckt? Sie holte tief Luft und umklammerte den Stiel ihres Weinglases noch fester. Damals war sie ein Teenager gewesen, jung und naiv. Gott sei Dank ließ sie sich heute nicht mehr von ihren Hormonen lenken. Und Gott sei Dank hatte diese Qual bald ein Ende. Ein Tag noch, vielleicht zwei, und die Hochzeit samt der dazugehörigen Formalitäten war vorüber, sodass sie beide die Insel wieder verlassen würden.

Sie konnte es kaum abwarten.

„Jetzt verstehe ich auch, warum er bei den Ladys so beliebt ist“, fuhr Sienna gedämpft fort, „obwohl ich kaum glauben kann, dass er allein hier ist. Ich hätte auf jeden Fall erwartet, dass er eine Begleitung mitbringt.“

Marietta war es egal. Yannis haftete der Ruf eines Playboys an, genauso wie Rafe, bis ihr Bruder Sienna kennengelernt hatte. Wenn Yannis allein hier war, so war das ganz sicher nur ein kurzer, äußerst vorübergehender Zustand. „Vielleicht hat sie Vernunft angenommen“, murmelte sie leise.

In diesem Moment drehten sich die beiden Männer um. Rafe deutete auf die zwei Frauen, woraufhin sich Mariettas Magen zusammenzog und sie noch tiefer auf ihren Stuhl rutschte. Rasch ließ sie das Glas los aus Angst, sie könnte etwas verschütten, während sie ein künstliches Lächeln aufsetzte.

„Natürlich erinnerst du dich an Marietta“, sagte ihr Bruder, während er seinen Freund zu den beiden Frauen führte. Plötzlich stand Yannis wie ein bedrohlicher Schatten vor ihr. Sie hatte nicht mal die Zeit, aufzustehen, während er sie eiskalt anblickte.

Jäh erkannte sie, dass sie sich diesen Blick selbst zuzuschreiben hatte. Mit einer einzigen dummen, leichtsinnigen Tat hatte sie alle guten Erinnerungen ausgelöscht, die er mit ihr verbunden haben mochte. Und jetzt, dreizehn Jahre später, ließ er sie immer noch dafür büßen.

So viele Jahre später. Damals war sie noch ein Teenager gewesen. Sie hatte einen törichten Fehler begangen. Aber war das, was sie getan hatte, wirklich so unverzeihlich gewesen?

„Yannis“, sagte sie, um das Schweigen zu durchbrechen, das an ihren Nerven zerrte, „es ist lange her.“

Der weiterhin verächtliche Blick, mit dem er sie ansah, besagte, dass es seiner Ansicht nach noch nicht lang genug war. Beinahe unmerklich senkte er den Kopf. „Prinzessin“, erwiderte er, woraufhin Marietta schlucken musste. Die Art, wie er den Titel aussprach, ließ ihn wie eine Beleidigung klingen, doch ehe sie ihre Stimme so weit unter Kontrolle hatte, um ihm zu sagen, dass er sie Marietta nennen könne, wie er es immer getan hatte, stellte Rafe bereits seine Verlobte vor, und Yannis wandte sich ab.

Sienna verfügte augenscheinlich über mehr Geistesgegenwart als Marietta, denn sie erhob sich, um Rafes ältesten Freund mit einem warmen Lächeln zu begrüßen. Als sie ihm die Hand entgegenstreckte, hob er sie galant an seine Lippen.

„Raphael hat immer darauf beharrt, dass er mich in allem schlagen würde. Was die Suche nach der perfekten Ehefrau anbelangt, muss ich leider eingestehen, dass er gewonnen hat.“

Sienna lachte leise. „Rafe hat mir schon gesagt, dass Sie ein Charmeur sind. Es überrascht mich, dass Sie die Frau Ihrer Träume noch nicht gefunden haben.“

Marietta versteifte sich, während sie auf Yannis’ Antwort wartete, auch wenn sie nicht so genau wusste, warum. Schon vor langer Zeit hatte sie die Hoffnung aufgegeben, dass sie die Frau seiner Träume war.

„Jetzt wird Yannis gar nicht mehr heiraten, dessen bin ich sicher“, schaltete sich Rafe ein. „Keine Frau ist gut genug für ihn.“

Sienna schüttelte lächelnd den Kopf. „Sagen Sie, Yannis, wie geht es Ihrem Vater? Rafe erzählte mir, dass er krank ist.“

„Ja, das ist er wirklich, aber Gott sei Dank ist sein Zustand nicht mehr kritisch. Vor einem Monat hat er einen Schlaganfall erlitten. Meine Mutter bedauert sehr, nicht hier zu sein, aber im Moment kann sie ihn nicht alleine lassen.“

„Es tut mir leid, dass Ihre Eltern nicht zu unserer Hochzeit kommen können, aber es ist wirklich schön, Sie endlich kennenzulernen“, erwiderte Sienna. „Rafe hat mir so viel von Ihnen erzählt.“

„Nichts Gutes“, fügte Rafe grinsend hinzu und drängte sie alle, Platz zu nehmen, während die Kellner einen weiteren Gang auftrugen und die Wasser- und Weingläser füllten. Yannis setzte sich neben Sienna, und mit einem erleichterten Seufzer ließ sich Marietta auf den Platz neben ihrem Bruder sinken. Sie war froh, dass das glückliche Paar als Barriere zwischen ihr und Yannis fungierte.

„Du hast die Hochzeitsprobe verpasst“, beschwerte sich Raphael bei seinem ältesten Freund. „Was hat dich so lange aufgehalten? Du solltest doch schon vor Tagen ankommen.“

Yannis zuckte die Achseln, während er nach seinem Weinglas griff und den Inhalt gedankenverloren hin und her schwenkte. Im ersten Moment dachte Marietta, dass er nicht antworten würde, doch dann ergriff er das Wort. „Der US-Markt reagiert zurzeit ziemlich nervös und damit auch einige unserer Kunden. Es war wichtig, dass ich die ganze Zeit anwesend war. Und so wie es aussieht, muss ich nach der Hochzeit sofort wieder zurück.“

Rafes Gesicht verdüsterte sich. „In deinen E-Mails hast du von nervösen Kunden nichts erwähnt.“

„Du heiratest gerade“, versetzte Yannis, „da musst du nicht alles wissen. Außerdem hast du schon genug damit zu tun, die Finanzen von Montvelatte wieder auf Vordermann zu bringen.“

„Warum lässt du nicht Kernahan alles regeln? Immerhin hast du den Manager selbst eingestellt. Wieso überlässt du den Job nicht ihm?“

Die Augen seines Freundes funkelten unnatürlich hell, während er seinen Blick über die Gäste schweifen ließ und sein Kiefer sich sichtlich verkrampfte.

Marietta wählte ausgerechnet diesen Moment, um sich nach vorne zu beugen und nach ihrem Wasserglas zu greifen. Sie brauchte unbedingt etwas Kühles, denn ihr Hals fühlte sich trocken und ausgedörrt an. Der Fehler, den sie allerdings beging, war, dass sie den Kopf drehte und dem Mann drei Plätze weiter direkt in die Augen schaute.

„Oh, ich habe meine Gründe“, murmelte Yannis, während er Marietta unverwandt anblickte, sodass für sie kein Zweifel mehr daran bestand, dass er nur deshalb auf den allerletzten Drücker gekommen war, um ihr so lange wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Neben ihr schien Rafe protestieren zu wollen, doch Sienna legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Raphael, jetzt ist Yannis ja da – rechtzeitig genug vor der Hochzeit. Das ist doch alles, was zählt.“

Daraufhin zuckte er die Achseln und ließ das Thema fallen. Auch Yannis brach den Blickkontakt zu Marietta ab, sodass sie sich wieder zurücklehnen und hinter dem Rücken ihres Bruders verschwinden konnte.

Das hier war verrückt. Sie sollte gehen – am besten schützte sie Kopfschmerzen vor. Das war beinahe nicht mal gelogen. Ihre Nerven waren derart angespannt, dass sie tatsächlich schon einen dumpfen Druck in den Schläfen spürte. Sie konnte die Feindseligkeit einfach nicht länger ertragen, die sich in jedem Blick, in jedem Wort von Yannis ihr gegenüber ausdrückte.

Fast hatte sie den Mut gesammelt, aufzustehen und die Entschuldigung vorzubringen, die nötig war, als die Musiker plötzlich das Tempo wechselten und zu einem Walzer übergingen. Eine erwartungsvolle Stille senkte sich über den Saal. Ihr Bruder erhob sich, griff nach der Hand seiner Verlobten und führte sie an seine Lippen. „Komm, cara, man wartet darauf, dass wir den Tanz eröffnen.“

Sienna nickte lächelnd. „Natürlich. Wir sollten unsere Gäste nicht enttäuschen.“ Unter dem Applaus der Anwesenden ließ sie sich von Rafe auf die Tanzfläche führen und schmiegte sich in seine Arme, ganz so, als gehöre sie nirgendwo anders hin. Während sich die beiden im Rhythmus der Musik wiegten, hatten sie nur Augen füreinander – ihre Liebe war förmlich greifbar.

Jemanden derart zu lieben und von dieser Person wiedergeliebt zu werden … wie musste sich das anfühlen? Marietta seufzte, während sie zusah, wie sich das verliebte Paar zu den Klängen des langsamen Walzers drehte. Jetzt, wo alle Welt nur auf die beiden blickte, war ihre Chance zur Flucht gekommen. Entschlossen schob sie den Stuhl zurück und griff nach ihrer Handtasche.

„Du siehst anders aus“, ertönte in diesem Moment Yannis’ Stimme neben ihr. Die Worte waren an sich harmlos, dennoch klangen sie vorwurfsvoll.

Marietta schluckte schwer, straffte die Schultern und weigerte sich, sich einschüchtern zu lassen, auch wenn sie schon wieder butterweiche Knie bekommen hatte.

„Du meinst, jetzt wo ich angezogen bin?“

Sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich noch mehr, woraufhin sie sich unwillkürlich auf die Unterlippe biss und sich wünschte, sie hätte zuerst nachgedacht, ehe sie diese Bemerkung machte. Andererseits – warum sollte sie nicht zum Angriff übergehen? Irgendwie musste sie ihm doch klarmachen, wie lächerlich sein kleinlicher Groll gegen sie war.

„Ich meinte damit, dass du älter aussiehst“, knurrte er, sobald er sich erholt hatte.

Natürlich hatte er das gemeint.

Sie zwang sich zu einem knappen Lächeln. „Tatsächlich? Das klingt natürlich schon viel besser, herzlichen Dank.“

„Du weißt genau, was ich gemeint habe“, fauchte er.

„Es ist dreizehn Jahre her. Wundert es dich da wirklich, dass ich ein bisschen erwachsener geworden bin?“ Auf der Tanzfläche waren der Fürst und seine zukünftige Braut völlig in sich versunken. Marietta beobachtete sie mit einem gewissen Neid.

„Bist du das?“

Als sie wieder zu Yannis hinüberschaute, hatte sie im ersten Moment den Faden verloren. „Bin ich was?“

„Erwachsen geworden.“

Obwohl sie zur Beruhigung tief Luft holte, konnte sie nichts dagegen tun, dass sie ärgerlich wurde. „Menschen verändern sich mit der Zeit, Yannis. Vielleicht solltest du es auch einmal probieren.“ Es war sinnlos, noch länger zu bleiben. Marietta erhob sich und war diesmal fest entschlossen, wirklich zu gehen. Yannis würde sie ganz sicher nicht vermissen.

Doch er stand ebenfalls auf und versperrte ihr den Weg. „Wo willst du hin?“

„Ich gehe.“

„Du kannst jetzt noch nicht gehen.“

Das musste ein Scherz sein. „Tut mir leid, aber ich tue das, was mir gefällt. Wenn du mir also bitte aus dem Weg gehen würdest?“

„Es ist Rafes und Siennas Probedinner.“

Allmählich wurde sie richtig wütend. „Meinst du nicht, dass ich das weiß? Ich war hier, schon vergessen? Ich war nicht derjenige, der zu spät kam.“

Ein Muskel auf seiner Wange begann zu zucken. Jetzt wirkten seine Augen noch kälter. „Vielleicht nicht, aber das bedeutet nicht, dass du dich jetzt vor deinen Pflichten drücken kannst.“ Er deutete auf die Tanzfläche. „Dein Bruder erwartet ganz offensichtlich, dass wir ihm folgen.“ Widerwillig bot er ihr seinen Arm. „Sollen wir?“

Marietta blinzelte. „Du musst verrückt sein.“

Unbeirrt deutete er mit dem Kopf in Richtung der Tanzfläche, worauf sie seinem Blick zu Rafe und Sienna folgte. „Man erwartet, dass wir uns zu ihnen gesellen.“

Der Kloß, der in ihrer Kehle steckte, war so groß, dass sie ihn nicht so ohne Weiteres hinunterschlucken konnte. Er erwartete, dass sie mit ihm tanzte? Dass sie sich schon heute Abend von ihm über den Tanzboden führen ließ? Niemals! „Tut mir leid“, erklärte sie und griff auf ihre ursprüngliche Ausrede zurück. „Ich fürchte, ich habe Kopfschmerzen. Deshalb muss ich jetzt wirklich gehen.“

Yannis hob eine Augenbraue, womit er sein Missfallen mehr als deutlich machte. „Hast du Angst?“

Sofort versteifte sie sich. Es behagte ihr ganz und gar nicht, dass er sie auf diese Weise herausforderte, doch was ihr noch weniger gefiel, war die Tatsache, dass ein Körnchen Wahrheit darin steckte. „Ob ich Angst habe, dass du meine Kopfschmerzen verstärkst?“, entgegnete sie, indem sie seine Worte zu ihren Gunsten verdrehte. „Oh, ja, diese Möglichkeit besteht allerdings.“

Erneut zuckte der Muskel auf seiner Wange. „Wenn ich es schaffe, dann kannst sicher auch du die Unannehmlichkeit ertragen.“ Seine verächtliche Bemerkung riss die alten Wunden von neuem auf. Marietta glaubte fast, Blut schmecken zu können. „Und bilde dir bloß nicht ein, ich würde dich um diesen Tanz bitten, wenn ich es nicht müsste, aber die anderen Gäste warten darauf, ebenfalls tanzen zu können. Also kommst du jetzt freiwillig mit, oder muss ich dich auf die Tanzfläche zerren?“

Widerwillig musste sie Yannis recht geben – etliche Blicke waren auf sie gerichtet, und man erwartete, dass sie sich zu dem glücklichen Paar gesellten. Marietta ging einfach an ihm vorbei, das Haupt hoch erhoben und nicht weiter darauf achtend, ob er ihr folgte oder nicht. Halb wünschte sie, er täte es nicht, sodass sie einfach verschwinden könnte.

Doch er folgte ihr. Sie musste sich gar nicht umdrehen, um das herauszufinden, denn sie spürte seine Nähe.

Sie hatte kaum die Tanzfläche erreicht, da griff er auch schon nach ihrer Hand und drehte sie so heftig zu sich um, dass sie gegen seine Brust stieß und ihr der Atem wegblieb. Er hielt sie eisern fest, damit sie nur ja nicht flüchten konnte. „Tanz“, befahl er, als sie für seinen Geschmack zu lange bewegungslos dastand.

Mein Gott, sie wollte ihm nicht so nah sein, wollte nicht spüren, wie sich seine Schenkel an ihre pressten oder sein Oberkörper an ihre Brüste. Sie wollte auch nicht, dass sich seine Finger mit ihren verflochten – diese Finger, die sie vor all den Jahren beinahe ins Paradies geführt hätten …

So sehr war sie mit den lange verloren geglaubten Erinnerungen beschäftigt, dass sie strauchelte. Yannis riss sie kurzerhand noch enger an sich, sodass sie von der Brust abwärts an seinen muskulösen Körper geschmiedet war. „Was tust du da?“, protestierte sie und schob die Schultern zurück, um wenigstens für ein bisschen Abstand zu sorgen.

„Ich bemühe mich, dass wir wie ein Paar aussehen.“

„Wir sind kein Paar.“

„Ja, aber wir könnten zumindest versuchen, zur selben Zeit in dieselbe Richtung zu gehen“, erwiderte er grimmig. „Folge einfach meinen Schritten.“

Danach sagte er nichts mehr, wofür sie dankbar war. Marietta bemühte sich, sich auf die Musik zu konzentrieren und nicht darauf, wie sehr ihre Haut überall dort prickelte, wo sie sich berührten. Doch nicht mal die bewegendste Musik hätte vermocht, dass sie vergaß, mit wem sie tanzte.

Also schloss sie die Augen, um wenigstens einen ihrer Sinne auszuschalten. Das war jedoch ein Fehler, denn dadurch nahm sie seinen Körper noch deutlicher wahr. Mit geschmeidigen Bewegungen führte er sie über die Tanzfläche. Offensichtlich hatten sie es irgendwie geschafft, zu einer Synchronität der Schritte zu finden, und obwohl er der letzte Mann war, mit dem sie tanzen wollte, war das Gefühl, sich in seinen Armen zu wiegen, absolut berauschend. Ganz allmählich entspannte sie sich.

Warum sollte sie auch dagegen ankämpfen? Schließlich ging es doch nur darum, den Schein zu wahren. Danach konnten sie sich wieder als Feinde gegenüberstehen. Die Atempause war doch ohnehin bald vorbei. Doch noch für ein paar Minuten konnte sie diese Art Waffenstillstand genießen, der durch den Zauber der Musik ausgelöst worden war. Wie aus dem Nichts kam ihr plötzlich ein unverschämter Gedanke: Wenn es sich schon so gut anfühlte, mit ihm zu tanzen, während sie sich gegenseitig hassten, um wie viel besser wäre es erst, wenn sie sich liebten?

Rasch hob sie ihren Kopf von seiner Schulter, riss die Augen auf und gebot sich Einhalt. Sie besaß kein Recht, eine solche Frage zu stellen. Was sie jetzt brauchte, war eine Ablenkung, und der Beginn eines Gesprächs war die einzige Möglichkeit, diese herzustellen.

„Ich nehme an, dass du nicht verheiratet bist?“

Marietta spürte eher, als dass sie wirklich hörte, wie er scharf den Atem einzog und ganz kurz strauchelte. „Noch nicht.“

„Kein Grund, so abwehrend zu klingen“, versetzte sie. „Ich bin sicher, dass die Hoffnung für dich noch nicht verloren ist.“ Immer mehr Paare gesellten sich zu ihnen auf die Tanzfläche. „Mich würde interessieren, was daran so schwer ist?“, fuhr sie fort. „Was muss sie haben, deine Traumfrau, was so selten ist?“

„Ich sehe auch keinen Ring an deinem Finger.“

„Ich war beschäftigt.“

„Und ich nicht?“

„Touché. Rafe hat mir erzählt, dass du geradezu besessen an deinem Erfolg arbeitest. Wann hast du denn genug Millionen gesammelt, um dich zurückzulehnen und zu entspannen?“

Sie spürte, wie sich sein Griff versteifte.

„Ich dachte, du hättest Kopfschmerzen.“

„Na, und? Sie reichten nicht aus, um mich vor dem Tanzen zu bewahren, warum sollte ich mich jetzt nicht unterhalten dürfen?“

Yannis führte sie in eine elegante Drehung, um einem Paar auszuweichen, das ihnen in den Weg geriet. Die plötzliche Bewegung machte sie atemlos und schwindlig, sodass sie sich kurz an ihm festklammern musste. „Wenn ich ganz ehrlich bin, dann überrascht es mich, dass du es noch nicht getan hast“, brachte sie hervor, als sich ihre Atmung wieder normalisiert hatte. „Ich weiß, dass man dich und Rafe immer als Playboys bezeichnet hat, aber von euch beiden kamst du mir immer wie der Familienmensch vor. Ja, ich hätte erwartet, dass du längst verheiratet bist.“

„Vielleicht hätte ich es ja auch längst sein sollen!“, erklärte er zornig und blieb abrupt stehen. Rasch überblickte er die zahlreichen Paare, die mittlerweile tanzten, ganz so, als wolle er prüfen, ob sie ihrer Schuldigkeit Genüge getan hatten. Als er zufrieden schien, ließ er sie los. „Jetzt kannst du gehen.“

2. KAPITEL

Frauen mit Kopfschmerzen. Wer brauchte sie schon?

Yannis zerrte an seiner Krawatte, dann nahm er seine goldenen Manschettenknöpfe ab und ließ sie auf den Nachttisch fallen, während er seinen Blick mit einigem Bedauern durch die leere Suite und über das große Doppelbett schweifen ließ.

Er hätte Susannah doch mitnehmen sollen. Dann wäre er jetzt wenigstens nicht allein, sondern sie könnte seine Schultern und Schläfen massieren und sich um den anderen pochenden Teil seines Körpers kümmern … Kolasi. Warum zur Hölle er Lust auf Sex verspürte, nachdem er die schlimmste Nacht seines Lebens hinter sich hatte, war ihm ein Rätsel.

Nein, nicht die schlimmste Nacht seines Lebens. Die hatte er vor dreizehn Jahren erlebt. Der heutige Abend mochte unangenehm und anstrengend gewesen sein, aber er reichte mit Sicherheit nicht an jene damalige Nacht heran.

Dennoch verdiente er doch bestimmt eine Entschädigung dafür, dass er Marietta hatte wiedersehen müssen? Wütend streifte er das Hemd ab, warf es zu Boden, dann legte er sich aufs Bett und starrte blicklos gegen die Decke.

Seine Bemerkung darüber, dass sie sich verändert hatte, hatte ihr gar nicht gefallen. Doch es stimmte. Im Laufe der Jahre hatte sich ihr Körper verändert – ihre Brüste waren voller geworden, ihre Hüften weiblicher, und sie sah verführerischer aus denn je.

Zornig klopfte er das Kissen in Form, ehe er sich erneut zurücklegte. Also gut, sie hatte sich verändert. Nicht, dass es für ihn eine Rolle spielte, wie sie aussah.

Yannis schob seufzend einen Arm unter den Kopf. Er war ruhelos und unzufrieden, und er wollte nicht weiter an sie denken, doch genau in diesem Moment kam ihm ein Gesprächsfetzen ihrer heutigen Begegnung in den Sinn. Sie hatte gesagt, dass sie ihn immer für einen Familienmenschen gehalten hatte. Vor langer Zeit war das vielleicht auch so gewesen – bevor er erfahren hatte, was Familien von einem erwarteten.

Und auch wenn er Elena schlussendlich doch nicht geheiratet hatte – nicht nach jener Nacht – die Erleichterung war nur von kurzer Dauer gewesen, denn der daraus resultierende finanzielle Ruin seiner Familie hatte seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Es dauerte Jahre, um an der Seite von Rafe das Familienvermögen zurückzugewinnen. Jahre, in denen er sich sowohl geistig als auch körperlich bis an seine eigene Belastungsgrenze trieb. In all diesen Jahren hatte es keinen Platz für Frauen in seinem Leben gegeben – es sei denn, sie verfügten über einen warmen Körper, ein kaltes Herz und ein beschränktes Haltbarkeitsdatum.

Nein, Ehe und Familie standen nicht auf seiner Prioritätenliste.

Keinesfalls.

Er war schon beim Frühstück und las die Zeitung, als sie nach unten auf die Terrasse kam. Marietta zögerte. Im ersten Moment überlegte sie, ob sie umdrehen und sich etwas aufs Zimmer bringen lassen sollte. Sie hatte sich schon fast dazu entschlossen, als Yannis ihre Anwesenheit zu spüren schien und über die Schulter blickte. Nur für eine Sekunde, aber er hatte sie gesehen. Die kalte Verachtung in seinen Augen war mehr als deutlich gewesen. Wenn sie jetzt verschwand, würde es so aussehen, als liefe sie davon. Er hatte ihr schon einmal vorgeworfen, Angst zu haben – keineswegs würde sie ihm die Genugtuung verschaffen, es noch einmal zu tun.

Also straffte sie die Schultern und stählte sich innerlich. Es gab nichts, dessen sie sich schämen müsste. Gut, sie hatte einen furchtbaren Fehler gemacht, als sie noch sehr jung gewesen war, aber das hatte sie akzeptiert und ihr Leben fortgesetzt. Offensichtlich war er derjenige, der ein Problem hatte.

„Buongiorno“, grüßte sie lässig. Sie hegte die feste Absicht, ihm nicht zu zeigen, wie gern sie einer weiteren Begegnung mit ihm aus dem Weg gehen würde. „Was für ein perfekter Tag für eine Hochzeit.“

Das war es tatsächlich. Der Himmel strahlte azurblau, und die Sonne zauberte glitzernde Reflexe auf die Wasseroberfläche des Meeres, das nur von dem großen schwarzen Vulkanfelsen durchschnitten wurde, den man Iseos Pyramide nannte.

Marietta wandte sich von dem spektakulären Blick ab und nahm ihm gegenüber Platz. Eigentlich ging ihr Mut nicht so weit, ihm in die Augen zu schauen, doch ob es nun Neugier war oder ein einfacher Impuls – sie blickte zu ihm auf.

Ich hätte wissen müssen, dass er mich ansieht.

Für einen Moment versenkten sich ihre Blicke ineinander, ja sie verschmolzen beinahe, ehe Marietta sich losriss und sich von dem Dienstmädchen, das gerade auftauchte, etwas Kaffee einschenken ließ.

„Gut geschlafen?“, erkundigte sie sich beiläufig. Ein innerer Dämon trieb sie dazu, ihn zu provozieren, um ihm nicht zu zeigen, wie sehr er sie aus dem Gleichgewicht brachte.

Yannis faltete die Zeitung zusammen, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Ich habe wunderbar geschlafen.“

„Sehr schön“, erwiderte sie und lächelte viel zu übertrieben. Wenn sie eine Erinnerung gebraucht hatte, wie breit seine Brust war oder wie muskulös sein Oberkörper, dann hatte sie gerade eine bekommen. Rasch gab sie etwas Joghurt in ein Schälchen zusammen mit heimischem Honig und schlug das Angebot von Brot und Gebäck aus. „Ich treffe Sienna um zehn“, erklärte sie, um ihren Fokus auf etwas Neutrales zu richten. „Deshalb habe ich nicht viel Zeit.“

„Solltest du nicht besser ein anständiges Frühstück zu dir nehmen?“

„Ist an Joghurt mit Honig etwas Unanständiges? Das war mir gar nicht bewusst.“

Während sie den Löffel zum Mund führte, merkte sie deutlich, dass er jede ihrer Bewegungen verfolgte. Plötzlich wurde die Verärgerung von einem anderen, wesentlich sündhafteren Gefühl verdrängt.

Lass ihn doch zusehen.

Die Lippen halb geöffnet, die Augen halb geschlossen, hielt sie kurz inne, ehe sie den Mund ganz öffnete und den cremigen Joghurt genüsslich vom Löffel leckte.

Ihr Mund hat ganz eindeutig etwas Unanständiges an sich.

Yannis sah gebannt zu, wie ein bisschen Honig an ihrer Lippe hängen blieb, ein kleiner Tropfen, der in der Sonne golden schimmerte. Nur mit äußerster Mühe konnte er sich davon abhalten, sich vorzubeugen und den Tropfen eigenhändig zu entfernen. Wenn er nur wüsste, wie er es ohne ihr Wissen tun könnte. Er beobachtete immer noch fasziniert, wie ihre rosa Zungenspitze vorschnellte und den Tropfen von den Lippen leckte, auf denen sich gleich darauf ein Lächeln abzeichnete.

Genauso gut hätte sie ihn mit der Zungenspitze berühren können. Ein Stromstoß erfasste seinen Körper, als er sich an einen Moment erinnerte, in dem sie es getan hatte. So jungfräulich und unerfahren sie auch gewesen war – sie hatte die Spitze seiner Männlichkeit mit der Zunge berührt. Sie hatte ihn gekostet.

Und es war nicht genug gewesen.

„Mmm, es schmeckt köstlich“, schwärmte sie und tauchte den Löffel erneut in die Schale. „Vielleicht solltest du dir auch etwas Unanständiges gönnen?“

„Ich habe bereits mein Frühstück bestellt“, knurrte er und blickte zur Seite. Ihre Worte rührten an einen dunklen, unbekannten Teil von ihm, noch viel verstörender war jedoch die Tatsache, dass sie ihn in einer Art und Weise erregten, die er nie für möglich gehalten hätte. Zu seiner Befriedigung bestätigten sie ihm allerdings auch etwas: Sie hatte gelogen, als sie gesagt hatte, sie habe sich verändert. Da hatte sie behauptet, erwachsen geworden zu sein, und dabei spielte sie immer noch dieselben albernen Spielchen. So viel zum Thema Erwachsenwerden.

Frustriert schob er den Stuhl zurück und trat an den Rand der Terrasse. Er brauchte Abstand, sowohl geistig wie körperlich. Unter sich sah er das endlos weite, glitzernde blaue Meer, das nur von einem gelegentlichen Schiff und von dem rauen schwarzen Felsen durchbrochen wurde, der ein paar Kilometer vor der Küste aus den Fluten ragte. Vage erinnerte er sich an die Legende, die mit dem Fels verbunden war – die Legende vom Ungeheuer von Iseo, das einmal im Monat das umliegende Gewässer durchkämmte auf der Suche nach verirrten Seeleuten, die es verschlingen konnte.

Es war doch wirklich komisch, dass manche Leute glaubten, ihre Ungeheuer würden sich nach dem Kalender richten. Yannis hatte gelernt, dass das Leben nicht so einfach war. Ungeheuer und Gefahren konnten jeden Tag auftauchen und wurden nicht vom Kalender diktiert. Eher von einer Frau. Und in seinem Fall von der Frau, die gerade hinter ihm saß.

Nur noch ein Tag, sagte er sich, während er die Hände zu Fäusten ballte. Nur noch ein Tag, und er würde von hier verschwinden. Weg von ihr.

Als er sich umdrehte und wieder am Tisch Platz nahm, während sein Frühstück serviert wurde, zwang er sich, ein normales Gespräch aufzunehmen. „Wirst du hier in Montvelatte bleiben, jetzt wo du Prinzessin bist?“

Marietta musste lachen. Diese Frage meinte er tatsächlich ernst. „Bei dir klingt es so, als wäre Prinzessin zu sein eine Berufswahl.“

„Hast du etwas Besseres zu tun?“

Sie warf ihm einen zornig funkelnden Blick zu, doch da er nicht zu ihr hinüberschaute, war es verschwendete Liebesmüh genauso wie eine schnippische Antwort. Ganz offensichtlich stand sein Urteil über sie bereits fest.

„Wusstest du nicht, dass ich Schmuckdesignerin bin?“

„Das ist ein Vollzeit-Job?“

Darauf ging sie nicht ein, stattdessen antwortete sie auf seine Ausgangsfrage. „Mein Partner Xavier und ich stehen gerade vor einer größeren Expansion. In Kürze werden wir eine Filiale in Honolulu eröffnen, was sehr aufregend ist. Also ja, ich weiß zwar nicht, ob es ‚besser‘ ist, aber ich habe etwas anderes zu tun.“

Xavier? Ihre Stichelei zum Schluss ignorierte er, um sich stattdessen auf diese überraschende Information zu stürzen. Ihm war nicht klar gewesen, dass sie liiert war, insbesondere nach ihrem Kommentar vom Vorabend, sie sei zu beschäftigt. Ganz offensichtlich war sie nicht so beschäftigt.

„Und wer ist dieser Xavier? Warum ist er jetzt nicht mit dir hier?“

Es war ihr entrüsteter Gesichtsausdruck, der ihm deutlich machte, dass er weniger eine Frage gestellt, denn eine Antwort befohlen hatte.

„Weil die Eröffnung in weniger als zwei Wochen stattfindet. Davon abgesehen – warum sollte er eingeladen sein?“

„Du hast doch gesagt, dass er dein Partner ist.“

Langsam blinzelte sie, woraufhin er sofort bereute, so nachgehakt und damit den Eindruck erweckt zu haben, es spiele eine Rolle für ihn. Natürlich war es ihm völlig egal – es ging ihm nur darum, zu sehen, wie sie sich in Widersprüche verstrickte. Ganz sicher würde sie das tun.

„Xavier Delahunty“, begann sie nach einer wohl kalkulierten Pause, „ist mein Geschäftspartner. Zusammen betreiben wir Paua International, einen kleinen, aber wachsenden Schmuckkonzern. Xavier regelt das Geschäftliche, während ich die Chefdesignerin bin. In Auckland arbeiten wir schon seit einigen Jahren mit Paua-Muscheln und Silber, wobei wir in letzter Zeit auch Pazifik-Perlen verwendet haben.

In der neuen Filiale in Honolulu“, fuhr sie fort, „werden wir die neue Kollektion präsentieren. Wenn es gut läuft, wollen wir weiter auf den US-Markt und in Europa expandieren.“

Es gab nicht vieles, was Yannis Markides überraschen konnte. Doch dieser Frau gelang es nicht zum ersten Mal.

„Mir war nicht klar, dass du einen Beruf hast.“

„Nein? Wahrscheinlich hast du geglaubt, ich würde die ganze Zeit nur Däumchen drehen und darauf warten, dass ich Prinzessin werde. Wohingegen du so viel Geld angehäuft hast, dass du nicht mal Zeit zum Luftholen hattest. Warum bist du so besessen, Yannis? Ist Geld so sexy, dass du lieber ein Vermögen anhäufen willst, anstatt dir eine Ehefrau zu suchen?“

Jegliches Bedauern darüber, dass er sie falsch eingeschätzt hatte, war mit einem Mal wie fortgespült. Zu der vertrauten Verachtung, die er für sie empfand, gesellte sich eine gewisse Befriedigung. Das klang schon eher nach ihr. Er hatte nichts anderes von ihr erwartet.

„Vielleicht“, entgegnete er, „wäre es schön gewesen, die Wahl gehabt zu haben.“

Mit katzenhaften Augen sah sie ihn an und versuchte, hinter die Bedeutung dieser rätselhaften Bemerkung zu gelangen. Die Frage lag bereits auf ihren Lippen, doch da tauchte das Dienstmädchen auf und bot ihr noch mehr Kaffee an. Yannis wandte sich wieder seiner Mahlzeit zu. Es war, als sei ihm mit einem Schlag wieder eingefallen, weshalb er eigentlich hier war. Nicht, um alte Rechnungen zu begleichen, sondern einfach nur, um seinen Hunger zu stillen.

Und dieser Hunger hatte absolut nichts mit ihr zu tun!

Sienna lag immer noch in der duftenden Badewanne, als Marietta die Suite betrat. Gerade brachte ihr die Kammerzofe angewärmte Handtücher und kümmerte sich um alle Wünsche und Bedürfnisse der Braut und zukünftigen Fürstin.

Marietta war froh, dass sie einen Augenblick für sich hatte. Die Begegnung mit Yannis auf der Terrasse hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht – viel mehr, als sie zuerst angenommen hatte, und ihre Gefühle befanden sich immer noch in Aufruhr. Yannis schien fest entschlossen, sie zu hassen, egal was sie sagte oder tat, dabei hatte sie immer noch keine Ahnung, was der Grund dafür war.

Also gut, mit sechzehn war sie in sein Bett geschlüpft und hatte sich ihm angeboten. Damit hatte sie sich lächerlich gemacht. Aber abgesehen davon – was war an ihrem Verhalten so unverzeihlich gewesen?

Vergiss ihn! Morgen würde sie nach Hawaii fliegen und sich ganz auf die Eröffnung der neuen Filiale konzentrieren. Sie würde in ihren Beruf und ihr normales Leben zurückkehren und keinen Gedanken mehr an Yannis Markides verschwenden.

Sienna kam aus dem Badezimmer und brachte eine Wolke aus Wasserdampf mit sich. Sie strahlte so glücklich, dass Yannis’ merkwürdiges Verhalten plötzlich irrelevant war. „Heute heirate ich Rafe“, verkündete sie so ungläubig, als könne sie es immer noch nicht fassen. Die Liebe, die aus den Augen ihrer zukünftigen Schwägerin sprach, hüllte Marietta ein wie ein warmer Mantel. Wieder einmal stockte ihr der Atem angesichts einer derart unverfälschten und wahren Liebe – einer Liebe, die erwidert wurde. Sie lächelte und sog die positiven Schwingungen in sich auf. Ihr Bruder war ein verdammt glücklicher Mann, daran bestand keinerlei Zweifel.

Orgelmusik erfüllte die uralte Kirche und erzeugte eine erwartungsvolle Spannung. Überall waren diskrete Kameras positioniert, die die Adelshochzeit in alle Winkel des Globus’ übertragen würden.

Schon nach normalem Standard handelte es sich um eine kleine Hochzeit, doch für eine Fürstenfamilie war sie geradezu winzig. Braut und Bräutigam gaben sich mit jeweils nur einem Trauzeugen zufrieden, allerdings hatte der schreckliche Skandal, der das kleine Inselfürstentum in jüngster Zeit erschüttert hatte, dafür gesorgt, dass das Interesse riesig war. Nachdem der ehemalige Fürst und sein Bruder wegen Mordes inhaftiert worden waren, wollte die ganze Welt zusehen, wie der neue Fürst – ein unehelicher Sohn – seine Braut heiratete, die von Beruf Pilotin war. Die Medien fragten bereits offen, ob eine solche Verbindung funktionieren könne.

Yannis, der neben Raphael stand und dessen Nervosität und Vorfreude spürte, war absolut sicher, dass sein Freund dafür sorgen würde, dass es funktionierte. Rafe wartete auf seine Braut. Die Hände im Rücken verschränkt, lächelte er und betrieb Small Talk, doch Yannis sah ganz genau, dass sich auf seiner Stirn ein feiner Schweißfilm gebildet hatte und dass er ständig über die Schulter schaute. Es war das erste Mal, dass Yannis seinen ältesten Freund so erlebte, was schon ein wenig beunruhigend war.

Ob er selbst auch so nervös und aufgeregt wäre, wenn er denn jemals heiratete? Nein, das bezweifelte er. Wenn es nach ihm ging, dann heiratete er allenfalls aus geschäftlichen Gründen – zu beiderseitigem Nutzen, wirtschaftlich vernünftig.

Ohne Gefühlsduselei.

Plötzlich wechselte der Organist zum Hochzeitsmarsch über und kündigte damit den Einzug der Braut an. „Wunderschön“, hörte er Rafe wispern, woraufhin Yannis sich umdrehte und sein Herz einen Schlag aussetzte.

„Ja, das ist sie“, hörte er sich zustimmen, dabei wusste er im selben Moment, dass sie beide über unterschiedliche Frauen sprachen. Damit hatte er kein Problem. Ein kurzer Blick bestätigte ihm, dass Sienna umwerfend aussah – keine Frage.

Aber es war Mariettas Erscheinung, die ihn völlig in ihren Bann zog – Marietta, die der Braut voranschritt. Ihr Kleid imitierte das Kleid der Braut, doch es bestand aus einem golden schimmernden Stoff, der mit jeder Bewegung die Farben der Glasfenster reflektierte und die Trägerin zu einem wahren Kunstwerk machte.

Ach was, Kunstwerk. Sie war eine Göttin. Wann hatte sich das unschuldige Mädchen zu einer raffinierten Verführerin entwickelt? Denn hatte sie ihn nicht noch an diesem Morgen verführt? Mit ihrem sinnlichen Mund, mit provozierenden Worten und ihrer rosigen Zungenspitze?

Ihr Körper war wie für Sex geschaffen. Sex, der ihm einst auf dem Silbertablett serviert worden war. Sex, den er abgelehnt hatte.

Als sie die letzten Meter zum Altar hinunterschritt, stockte ihm der Atem. Warum hatte er sie abgewiesen? Welcher Wahnsinn hatte ihn damals befallen? Denn ein Mann musste wahnsinnig sein, wenn er eine solche Frau zurückwies.

Marietta kam immer näher. Ihr Blick richtete sich überallhin, nur nicht auf ihn. Es lag an seiner äußersten Willensstärke, dass er sie schließlich doch dazu zwang, ihn anzusehen. Er konnte die Fragen in ihren großen blauen Augen förmlich lesen. Sie schluckte schwer und riss sich von seinem Blick los. Stattdessen warf sie ihrem Bruder ein wohlwollendes Lächeln zu, obwohl der nach wie vor völlig in den Anblick seiner Braut versunken war. Ein Gefühl, das Eifersucht erstaunlich nahe kam, befiel Yannis, was natürlich vollkommen absurd war. Rafe war ihr Bruder. Warum sollte sie ihn nicht auf diese Weise anlächeln, und weshalb störte es ihn, dass sie es tat? Dennoch irritierte es ihn immer noch, als sie ihren Platz auf der gegenüberliegenden Seite einnahm und den Weg für Sienna freigab. Yannis nutzte diesen Augenblick, um sich wieder zur Ordnung zu rufen.

Sie sollte nicht diese Wirkung auf ihn haben. Sie durfte es nicht. Trotzdem waren seine Hände feucht, sein Puls pochte viel zu heftig, und all das war völlig widersinnig. Doch als Sienna neben Rafe an den Altar trat, wusste Yannis eines mit absoluter Sicherheit. Er wollte dieses Lächeln für sich selbst. Er wollte sie.

Vor dreizehn Jahren hatte er einen flüchtigen Blick auf das Paradies werfen können – ein Paradies, das ihm durch die damaligen Umstände verwehrt worden war, selbst wenn er selbst diese Entscheidung getroffen hatte.

Heute war seine Chance gekommen, sich das zu nehmen, was ihm zustand.

Und sto thiavolo, genau das würde er auch tun!

3. KAPITEL

Die Feierlichkeiten dauerten eine kleine Ewigkeit. Allein der Empfang war zehnmal größer und eleganter als das opulente Probedinner vom Vorabend. Egal, wo Marietta sich im Saal aufhielt, egal, in welche Richtung sie sich wendete, um zu fliehen, es war immer Yannis, der sich in ihrem Blickfeld befand, immer Yannis, der den Mittelpunkt des Raumes einzunehmen schien.

Er war noch immer wütend. Das erkannte sie an seiner Haltung, an seinen angespannten Schultern. Doch in seinen Augen war noch eine andere Form von Energie zu sehen – ein Hunger, der sie in seiner Intensität schockierte. Ein Hunger, der ganz allein auf sie gerichtet war.

Rasch wandte sie sich von einer weiteren solchen Begegnung ab, einem weiteren unangenehmen, glühenden Blickkontakt, und eilte auf den Tisch mit den Erfrischungsgetränken zu. Nur noch ein paar Stunden, sagte sie sich beschwörend, während sie nach einem Glas Zitronenwasser griff und sich wie eine Ertrinkende auf die kühle Flüssigkeit stürzte. Ihr war furchtbar heiß. Nur noch ein paar Stunden, und die Hochzeit war vorbei. Dann konnte sie Montvelatte verlassen.

Natürlich würde sie ihren Bruder und seine frisch angetraute Frau vermissen. Aber zumindest war ihr vor der Hochzeit etwas Zeit mit den beiden vergönnt gewesen – Zeit, die sie ohne Yannis’ unverhohlenes Missfallen mit ihnen hatte verbringen können. Außerdem kamen in ein paar Monaten Siennas Zwillinge zur Welt, und dann würde sie zurückkehren.

Als die antike Standuhr die volle Stunde schlug, setzte sie ihr Glas ab und blickte auf. Verdammt. Es war an der Zeit. Tief Luft holend versuchte sie, ihre Anspannung zu überwinden. Himmel, sie war noch nicht bereit, wieder mit ihm zu tanzen, nicht nach gestern Abend und ganz besonders nicht nach dem Blick, den er ihr zugeworfen hatte, als sie den Gang zum Altar hinabgeschritten war.

Nicht wenn es mich dazu bringt, Dinge zu fühlen, die ich nicht fühlen will.

Wie schaffte er das? Ein einziger Blick von ihm genügte, um ihre Gefühle in eine emotionale Achterbahnfahrt zu verwandeln. Zuvor waren seine Signale eindeutig gewesen. Er hasste sie, Punkt. Doch jetzt schien er vollkommen zweideutige Signale auszusenden.

Rasch wich sie einer größeren Gruppe von Gästen aus, wechselte immer mal w...

Autor

Michelle Celmer

Michelle Celmer wurde in Metro, Detroit geboren. Schon als junges Mädchen entdeckte sie ihre Liebe zum Lesen und Schreiben. Sie schrieb Gedichte, Geschichten und machte selbst dramatische Musik mit ihren Freunden. In der Junior High veröffentlichten sie eine Daily Soap Opera. Ungeachtet all dessen, war ihr Wunsch immer Kosmetikerin zu...

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Fiona Hood Stewart
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