Romana Exklusiv Band 406

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  • Erscheinungstag 17.10.2026
  • Bandnummer 406
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539227
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Chloe Edmondson, Kandy Shepherd, Nicky Night

ROMANA EXKLUSIV BAND 406

Chloe Edmondson

1. KAPITEL

Wer ist Alex Carrington? Die Frage prangte als Schlagzeile auf fast allen Zeitungen, die an der Rezeption des luxuriösen London Carrington Spa Hotels auslagen.

Alex unterdrückte den Impuls, sie alle einzusammeln und in den Müll zu verfrachten. Da hatte sein Vater ihm wirklich eine schöne Erbschaft hinterlassen!

Seit Wochen war er Zielscheibe der wildesten Spekulationen seitens der Presse. Und das, obwohl er sein Leben lang fast gar keinen Kontakt zu James Carrington gehabt hatte. Der hatte es vorgezogen, durch die Weltgeschichte zu tingeln und sich mit unzähligen schönen Frauen ablichten zu lassen. An seinen Sohn Alex und dessen Mutter Luisa im fernen Portugal hatte er keinen Gedanken verschwendet.

Nun war James Carrington tot, und Alex sollte in seine Fußstapfen treten. Aber er dachte gar nicht daran, das Vermächtnis seines Vaters fortzusetzen. Als der Anwalt ihm bei der Testamentseröffnung einen Brief ausgehändigt hatte, in dem stand, James Carrington wisse sein Erbe bei seinem Sohn „in besten Händen“, hatte Alex bitter aufgelacht.

Alex besaß sein eigenes, florierendes Imperium aus gut aufeinander abgestimmten Unternehmen, das er von Lissabon aus leitete. Damit hatte er auch ohne die Hilfe seines Vaters schon mit sechsunddreißig Jahren ein ansehnliches Vermögen erwirtschaftet. Er wusste, dass man ihm einen untrüglichen Geschäftssinn nachsagte, denn er kaufte Firmen auf, die kurz vor dem Bankrott standen, fand ihre Schwachstellen und sanierte sie so weit, dass sie mehr Gewinn abwarfen als jemals zuvor.

Ein Unternehmen, das Alexandre Ferreira Carrington umstrukturiert hatte, befand sich anschließend in einem wirtschaftlich guten Zustand. Um dies zu erreichen, war er bereit, mitunter zu unkonventionellen Mitteln zu greifen, weshalb seine Geschäftsfreunde ihn für ein wenig sonderbar hielten. Aber das war Alex herzlich egal, denn das Ergebnis stimmte immer.

Das Überprüfen von Geschäftsunterlagen war seine Spezialität, und so hatte er sofort erkannt, dass mit den Büchern des London Carrington Spa Hotels etwas nicht stimmte. Obwohl in bester Lage an der berühmten Park Lane und nahezu ständig ausgebucht, schrieb es wesentlich schlechtere Zahlen als vergleichbare Häuser der Hotelgruppe in anderen europäischen Großstädten. Woran das lag, konnte er noch nicht sagen, doch genau deshalb war er jetzt hier.

„Willkommen im Carrington Spa. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, begrüßte ihn eine freundliche Blondine Anfang zwanzig, die hinter der Rezeption stand.

Sie trug eine tadellos sitzende Hoteluniform und wirkte sehr souverän. Ein weiterer Pluspunkt auf seiner inneren Checkliste.

Überhaupt war der erste Eindruck überraschend positiv. Der Eingangsbereich hatte einen hellen, gepflegten Marmorfußboden. Die sandfarbenen Wände harmonierten mit den lässig arrangierten Sitzgelegenheiten aus hellem Leder. Alles wirkte elegant und hochwertig.

Auch die Hotelbar und der daran anschließende Restaurantbereich hatten ihn bei einem unauffälligen ersten Blick zufriedengestellt. Dort herrschten warme Rottöne vor, die einen angenehmen Kontrast zum eher kühlen Eingangsbereich erzeugten. Details aus Chrom am Mobiliar ließen auch diesen Bereich edel wirken. Das Personal machte durchgängig einen zuvorkommenden und kompetenten Eindruck, soweit er es auf die Schnelle beurteilen konnte.

Zumindest augenscheinlich schien die Hotelmanagerin hervorragende Arbeit zu leisten. Wenn nur die Zahlen in der Bilanz diese Arbeit widerspiegeln würden …

„Mein Name ist Alexandre Ferreira. Ich habe einen Termin mit der Hotelmanagerin. Würden Sie mich bitte zu ihr bringen? Ich komme im Auftrag der Firmenleitung.“

Diese Strategie hatte er sich im Vorfeld zurechtgelegt, denn Alex wollte noch nicht, dass die Mitarbeiter in London ihn als den neuen Inhaber erkannten. Wenn er herausbekommen wollte, was mit dem Hotel nicht stimmte, musste er der Managerin Melissa Jenkins auf den Zahn fühlen, ohne dass sie ahnte, mit wem sie es zu tun hatte.

Also hatte er sich entschlossen, den Namen seiner Mutter zu verwenden, Ferreira. Persönlich kannte ihn niemand, denn seine Mutter und er lebten sehr zurückgezogen, und er konnte sich darauf verlassen, dass keine Fotos oder sonstigen Informationen über ihn im Internet kursierten. Bekannt war nur der Name Alex Carrington, mit dem er das Erbe seines alles andere als medienscheuen Vaters angetreten hatte.

„Selbstverständlich. Bitte folgen Sie mir“, sagte die junge Rezeptionistin.

Sie brachte ihn in die erste Etage, wo eine dezente Türbeschriftung auf den Verwaltungsbereich hinwies. Von dem ruhigen, eleganten Hotelkorridor aus gelangten sie in einen schmucklosen Gang. Aus zahlreichen offenen Türen drangen die Geräusche reger Geschäftigkeit. Es war wie der Eintritt in ein anderes Universum.

Hier regierte also Melissa Jenkins. Ihren Namen kannte er aus den Akten. Deshalb zögerte er nicht, als er ihn auf dem silbernen Schild neben einer schweren Holztür sah. Er klopfte und griff nach dem Türknauf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Die Rezeptionistin hinter ihm räusperte sich leise.

„Vielen Dank, Miss …“

„Taylor“, murmelte sie.

„Sie können gehen.“

Er bedachte sie mit einem knappen Nicken und trat ein.

Das Büro war erstaunlich klein, wenn man bedachte, dass hier alle Fäden des berühmten Londoner Luxushotels zusammenliefen. An den Wänden standen Regale mit schweren Aktenordnern und unzähligen Büchern über Marketing, Wirtschaft und Unternehmenskultur. Vor dem Fenster, durch das man auf die Park Lane hinaussah, kümmerte eine fast vertrocknete Topfpflanze vor sich hin.

Es war unglaublich heiß und stickig hier drinnen. Doch auch die trockene Sommerhitze, die seit Tagen über London brütete, konnte diese Raumtemperatur nicht erklären. Am liebsten hätte er sofort angeordnet, dass man das Fenster öffnete und für eine angemessene Durchlüftung sorgte. Doch er hielt sich zurück, weil niemand ahnen durfte, dass er hier das Sagen hatte.

Was ihn jedoch am meisten überraschte, war die Frau, die hinter dem Schreibtisch saß, der den größten Teil des Büros einnahm und über und über mit Papieren und Dokumenten bedeckt war.

Sie war viel jünger, als er erwartet hatte, höchstens dreißig Jahre alt. Nicht im Entferntesten die gestandene Mittfünfzigerin, die er sich an der Spitze eines Luxushotels vorgestellt hätte.

Zugegeben, er hätte sich besser über sie informieren können, dann wäre er vorgewarnt gewesen. Doch es gehörte zu seinen Prinzipien, möglichst unvoreingenommen an eine Unternehmensprüfung heranzugehen, und so hatte er sich die Mühe gespart.

Vor allem aber war Melissa Jenkins nicht nur jünger als erwartet, sondern auch atemberaubend schön. Glänzendes rotes Haar fiel in sanften Wellen über ihre schmalen Schultern. Obwohl ihr nüchternes, marineblaues Etuikleid sich alle Mühe gab, sie möglichst neutral aussehen zu lassen, war er sofort wie gefesselt von den strahlend grünen Augen in ihrem ebenmäßigen hellen Gesicht.

Sie hätte als Model arbeiten können, wenn sie nicht zufällig die Managerin eines sündhaft teuren Hotels gewesen wäre. Sie bewegte sich geschmeidig wie eine Tänzerin, als sie aufstand und ihm auf eleganten hochhackigen Schuhen entgegenkam.

„Sie müssen Mr. Ferreira sein“, sagte sie mit einem knappen Lächeln, das gerade ausreichte, um als höflich durchzugehen, aber keine Missverständnisse zuließ. Betont brüsk streckte sie ihm ihre Hand entgegen.

Es war ganz offensichtlich, dass sie nicht im Geringsten beabsichtigte, sich mit dem portugiesischen Abgesandten der Firmenleitung anzufreunden.

Nun, das konnte Alex nur recht sein. Denn als er ihre Hand nahm und zur Begrüßung in ihre schönen grünen Augen sah, durchzuckte ihn wie ein Blitz die Erkenntnis, dass er dieser Frau niemals hätte widerstehen können, wenn sie sich unter anderen Umständen begegnet wären.

Als er ihre zarten Finger in seiner großen Hand hielt, spürte er einen gefährlichen Moment lang die Spannung, die sofort zwischen ihnen in der Luft lag. Er stellte sich vor, wie er sie in einer Bar in der Nähe seiner Stadtvilla in Lissabon angesprochen hätte. Wie hätte sie sich dort verhalten?

Sie war sicher zwanzig Zentimeter kleiner als er und hatte eine schmale Taille, die er mit beiden Händen hätte umfassen können. Automatisch erwachte in ihm das Bedürfnis, sie in die Arme zu schließen und zu beschützen.

Doch dann wurde ihm wieder bewusst, dass das hier keine Bar in Lissabon, sondern ein Londoner Hotel war. Und Melissa Jenkins war die Frau, die er verdächtigte, diesem Hotel empfindlich zu schaden, indem sie bei der Abrechnung Geld unterschlug.

Das Letzte, was diese Frau brauchte, war sein persönlicher Schutz.

Himmel, sieht der gut aus, war das Erste, was Melissa durch den Kopf ging. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

Mit Mühe ignorierte sie Alexandre Ferreiras hochgewachsene, aufrechte Gestalt und seinen schlanken, durchtrainierten Körper. Sie sah über seine breite Brust hinweg, die sich unter seinem eng geschnittenen Hemd abzeichnete, und bemühte sich, auch das beinahe olivfarbene Gesicht mit den tiefdunklen Augen nicht allzu sehr auf sich wirken zu lassen.

Als ihr Blick auf seine kurzen dunklen Haare fiel, von denen einige widerspenstig vom Kopf abstanden, musste sie den Impuls unterdrücken, mit den Händen in die kleinen Locken zu fassen.

Und er duftete so gut – frisch gewaschen, obwohl er vermutlich gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen war, und mit einer leicht herben Note, die seine Männlichkeit unterstrich und in ihrer Magengegend ein Prickeln aufkommen ließ.

Wäre er nicht aus Lissabon hergeschickt worden, um ihr auf die Finger zu schauen, hätte sie ihn glatt für perfekt halten können.

Aber so …

Sie war unglaublich wütend gewesen, als die neue Firmenleitung sie per E-Mail informiert hatte, dass Alex Carrington einen Manager aus den eigenen Reihen beauftragt hatte, mit ihr gemeinsam das Hotel zu leiten. Was versprach er sich davon?

Seit sie vor drei Jahren das London Carrington Spa Hotel übernommen hatte, waren die Buchungen von Quartal zu Quartal in die Höhe geschossen. Gut, sie hatte selbst bemerkt, dass die Umsatzzahlen diese Entwicklung nicht in dem Maße widerspiegelten, wie sie erwartet hatte. Aber an dem Thema war sie schließlich dran, indem sie gemeinsam mit dem Buchhalter Dennis Breswick die Betriebsausgaben durcharbeitete, um Möglichkeiten für Einsparungen zu finden.

Das Haus war in hervorragendem Zustand, und selbst die letzte der Mitarbeiterbefragungen, die sie regelmäßig einmal im Jahr durchführte, war mehr als zufriedenstellend ausgefallen. Alle waren einhellig der Meinung, dass Melissa Jenkins die richtige Frau für den Managerposten war.

Selbst James Carrington hatte ihr das mehrfach persönlich gesagt. Warum also musste sein Sohn sofort an ihr zweifeln, sobald er nach dem Tod des Vaters dessen Stelle eingenommen hatte?

Wahrscheinlich nur, weil er genauso ein Chauvinist war wie viele andere in der Branche. Was das Hotelgewerbe betraf – und wahrscheinlich eine Menge anderer Berufszweige –, gab es immer noch viel zu viele Männer, die glaubten, eine Frau hätte keine Führungsqualitäten.

Als Zimmermädchen, Kellnerinnen oder auch als Rezeptionistinnen waren Frauen gut genug. Vor allem, wenn sie sich ein bisschen zurechtmachten und „was fürs Auge boten“, wie James Carrington es einmal ausgedrückt hatte.

Aber wenn es um leitende Positionen ging – sprich, um ihren Posten als Hotelmanagerin –, da musste natürlich ein männliches Pendant her, das dafür sorgte, dass Melissa nicht zu viel Unfug trieb.

Lächerlich!

Doch natürlich konnte Alexandre Ferreira nichts dafür, dass dieser Snob Alex Carrington ausgerechnet ihn ausgesucht hatte, um sie zu kontrollieren. Ferreira machte nur seine Arbeit, und Melissa durfte es ihm nicht übelnehmen.

Laut der E-Mail sollten sie sich die Leitung des Londoner Hotels bis auf Weiteres teilen. Aber das war betriebswirtschaftlicher Unsinn, und Carrington, den sie natürlich längst gegoogelt hatte, war für seinen Geschäftssinn bekannt. Melissa konnte also sicher sein, dass Carrington sich früher oder später für einen von ihnen entscheiden würde, und dann wollte sie diejenige sein, die auf ihrem Posten blieb.

Sie musste eben zeigen, dass sie in ihrem Job besser war als der Neue. Sie war lange genug im Geschäft, um zu wissen, wie gut sie ihre Sache machte. Sie musste nur dafür sorgen, dass Carrington von ihren Fähigkeiten erfuhr.

Also zwang sie sich zu einem höflichen Lächeln, als Alexandre Ferreira ihre Hand nahm.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Jenkins“, sagte er mit einer Stimme, die so tief und rauchig war, dass sie ihr durch und durch ging. Warum musste der Mann auch so verflucht sexy sein?

Reiß dich zusammen, Melissa!

Sie konnte es sich nicht leisten, sich vom südländischen Charme des attraktiven Portugiesen ablenken zu lassen. Bevor er das Büro betreten hatte, war sie die aktuellen Umsatzzahlen durchgegangen, und die waren alles andere als beruhigend gewesen. Obwohl Dennis gerne betonte, dass ein kleiner Gewinneinbruch völlig normal sei.

Gerade in der jetzigen Situation konnte Melissa sich kein schlechtes Ergebnis erlauben. Wenn sie sich mit der Attraktivität ihres Konkurrenten beschäftigte, statt sich ums Geschäft zu kümmern, hatte sie die Schlacht so gut wie verloren.

Nein, sie musste seine Anziehungskraft ignorieren und sich immer wieder sagen, dass es an ihr war, allen zu beweisen, was sie draufhatte.

„Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohlfühlen“, entgegnete sie kühl. „Wie lange beabsichtigen Sie zu bleiben? Ich nehme an, es ist nur ein vorübergehendes Engagement, oder?“

Man kann es ja mal probieren.

Er legte den Kopf schief, ein amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen. „Wollen Sie mich schon wieder loswerden? Das ging ja schnell.“

„Ganz und gar nicht. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Sicher können wir einiges voneinander lernen. Ich denke, dass wir hier in England die Dinge etwas anders angehen als in Portugal.“

Seine Augen funkelten, und das machte ihn nicht weniger attraktiv. „Sie meinen, Sie wollen mir zeigen, wie der Hase läuft, weil Sie es hier besser können?“

Gott, kann der spitzfindig sein!

„Ganz und gar nicht. Aber …“ Jetzt geriet sie tatsächlich ins Stocken.

Einen Moment lang suchte sie nach den richtigen Worten, während er sie weiterhin mit seinem intensiven Blick musterte, der ihr langsam, aber sicher die Röte in die Wangen treiben würde, wenn sie nicht zum Angriff überging.

„Lassen wir die Haarspalterei. Sie wissen genau, dass ich nicht übermäßig erfreut darüber bin, dass mir ein zweiter Manager vor die Nase gesetzt wird. Das geht nicht gegen Sie persönlich. Aber Ihnen wäre es auch nicht recht, wenn Sie ein Hotel leiten würden und man es Ihnen plötzlich nicht mehr zutraut.“

Kurz wirkte er überrumpelt von ihrer unmissverständlichen Situationsbeschreibung. Dann erschien wieder dieses arrogante Lächeln auf seinem Gesicht, das sie schier rasend machte.

„Ich sehe schon, unsere Zusammenarbeit wird ausgesprochen reizvoll werden.“

Statt auf Melissas Aussage einzugehen oder etwas gegen die Spannung zu unternehmen, die in der Luft lag, sah er sich in aller Ruhe in ihrem kleinen Büro um.

In seinen Augen musste der Raum ziemlich schäbig wirken. Dabei war sie eigentlich sehr zufrieden mit ihrem Büro. Es gab zwar noch ein größeres am Ende des Flurs, wo nicht diese stickige Atmosphäre herrschte, die von der Wäscherei ein Stockwerk tiefer herrührte. Melissa hatte sich jedoch für diesen Raum entschieden, weil er sich genau in der Mitte des Angestelltenbereichs befand.

Sie bevorzugte eine offene Unternehmenskultur, und wenn sie mitten unter ihren Mitarbeitern saß und ihre Bürotür offen ließ, war sie für ihre Kollegen stets ansprechbar. Die Tür war nur geschlossen, wenn sie die Abrechnung machte oder dringend und in Ruhe nachdenken musste – wie über das Problem mit den schlechten Zahlen. Dann wussten ihre Mitarbeiter, dass sie nicht gestört werden wollte.

Und sie liebte diesen Raum. Mit ihm verband sie viele gute Erinnerungen. Gerade in den Wintermonaten konnte es hier unglaublich gemütlich werden, wenn zum Beispiel alle Mitarbeiter des Hotels zu einem kleinen improvisierten Umtrunk zusammenkamen. Daran war natürlich jetzt in der sommerlichen Hitze nicht zu denken. Draußen herrschten für Londoner Verhältnisse geradezu wüstenähnliche Zustände, und bei diesen Temperaturen in einem so beengten Raum beisammen zu sein, wäre schlicht nicht auszuhalten gewesen.

Trotzdem ärgerte sie der kritische Blick des neuen Kollegen.

„Wenn Sie möchten, rufe ich jemanden, der Ihnen den Rest des Hotels zeigt.“

Wieder bedachte er sie mit diesem intensiven, neugierigen Blick aus seinen schönen tiefbraunen Augen. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, hätte ich gern, dass Sie mir alles zeigen.“

Wie bitte? Bin ich etwa seine Angestellte?

Melissa fühlte sich zutiefst beleidigt, und daran änderte auch sein weicher Akzent nichts, der ihr in jeder anderen Situation vermutlich den Verstand geraubt hätte.

„Ich fürchte, dazu habe ich keine Zeit.“

„Nun, wenn Sie die Zeit dafür aufbringen würden, könnten wir gemeinsam überlegen, an welchen Stellen sich noch das eine oder andere verbessern ließe“, wandte er aalglatt ein. „Aber da Sie offensichtlich nicht abkömmlich sind, kann ich auch allein zur Tat schreiten.“

Daher weht also der Wind!

Wenn sie seine unhöfliche Bitte ausschlug und ihn mit jemand anderem durchs Hotel schickte, würde sie damit leben müssen, dass er all das, was sie mit viel Liebe und Mühe aufgebaut hatte, einfach ruinierte, indem er seine Verbesserungen vornahm – oder das, was er dafür hielt.

Das London Carrington Spa Hotel war ein sensibler Organismus – ein fein abgestimmtes Getriebe, in dem jedes Rädchen seinen Platz hatte. Wenn Alexandre Ferreira, der das nicht wissen konnte, daran herummurkste, würde alles in sich zusammenfallen, und Melissas gesamte Arbeit von drei Jahren wäre zunichte gemacht.

„Ich begleite Sie natürlich gerne“, stieß sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und quälte sich ein kleines Lächeln ab.

Sie ahnte bereits, dass die Zusammenarbeit mit diesem Mann ausgesprochen schwierig werden würde. Er strahlte genau die Art von arroganter Alphatier-Haltung aus, die sie an Männern so sehr hasste.

Aber sie würde ihm schon zeigen, wer die besseren Führungsqualitäten hatte!

2. KAPITEL

Wenig später beobachtete Melissa, wie Alexandre Ferreira das große Chefbüro am Ende des Angestelltenkorridors bewunderte, das der alte James Carrington stets für sich in Anspruch genommen hatte.

Das dunkelblaue Sakko hatte er längst ausgezogen und in Melissas Büro zurückgelassen. So trug er nun ein tadellos gebügeltes weißes Hemd, das er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte, und eine dunkle Anzughose, deren eng anliegender Sitz seine straffen Oberschenkel betonte.

Sie hatte ihn durchs ganze Haus geführt und ihm alles genauestens gezeigt. Genauestens zeigen müssen, denn er machte keine halben Sachen, wenn es darum ging, jedes noch so kleine Detail zu hinterfragen.

Er fragte, warum sie dem Küchenchef erlaube, die Menüfolge selbst zusammenzustellen, ohne ihr Okay einzuholen. Oder weshalb sogar die Aushilfen in der Wäscherei Melissa duzen dürften. Sie sei schließlich die Chefin und die Aushilfen – nun ja – nur Hilfskräfte. Wie sie bloß darauf gekommen sei, den Restaurantbereich rot streichen zu lassen, obwohl aktuelle innenarchitektonische Trends doch vor allem Grau- und Erdtöne bevorzugten. Und so weiter und so fort.

Dabei hatte er mitunter eher neugierig als kritisch gewirkt. Aber es hatte Melissa trotzdem verrückt gemacht, dass er alles hinterfragte und schon bei der ersten Hausbegehung verdeutlichte, dass er sich ausnahmslos überall einmischen würde.

Offensichtlich war er ein Kontrollfreak, und solange die Firmenleitung in Lissabon es für nötig hielt, ihn an Ort und Stelle zu belassen, würde sie all die Entscheidungsfreiräume mit ihm teilen müssen, die James Carrington ihr überlassen hatte. Sie würde sich abstimmen müssen mit einem Mann, der zu allem und jedem eine Meinung hatte und sich schon jetzt wie der alleinige Boss des London Carrington Spa Hotels aufführte.

War ja klar, dass ihm gerade dieses Büro gefallen musste, dachte Melissa missmutig.

Schließlich war es das größte im Haus, genau jenes, das auch James Carrington ganz selbstverständlich für sich beansprucht hatte, wenn er manchmal für kurze Zeit in seinem Londoner Hotel gewesen war.

Melissa dachte nicht gern an diese Zusammentreffen zurück. Zwar hatte sie bei ihm einen großen Entscheidungsspielraum und allerlei Freiheiten gehabt. Aber wenn der „Big Boss“, wie er hinter seinem Rücken genannt wurde, vor Ort gewesen war, hatte es jedes Mal unnötige Turbulenzen gegeben.

Zum einen war es ziemlich anstrengend gewesen, dass ihm auf Schritt und Tritt die Presse folgte. Während seiner Aufenthalte war Melissa plötzlich von der Hotelmanagerin zur Pressesprecherin mutiert, ohne überhaupt die Qualifikation dafür zu haben oder es auch nur zu wollen.

Und dann war es leider so gewesen, dass sie sich in James Carringtons Nähe stets gefragt hatte, was den Mann eigentlich befähigte, eine Hotelgruppe zu leiten. Abgesehen natürlich von der Tatsache, dass er ein Sprössling der Carrington-Familie war und die Hotels geerbt hatte, was auf seinen Sohn jetzt genauso zutraf.

Das war ein ketzerischer Gedanke, und sie hätte ihn niemals offen ausgesprochen. Aber Carrington senior war ihr oft gedankenlos und ein wenig unberechenbar vorgekommen. Im einen Moment hatte er Melissas Arbeit gelobt und im nächsten anzügliche Witze über ihre schlanken Beine gemacht. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, dass sein Sohn kein bisschen besser war.

Sie war immer froh gewesen, wenn Carrington weitergereist war und sein Büro verwaist zurückgelassen hatte. In seiner Abwesenheit hätte sie es für sich in Beschlag nehmen können. Aber dieser Gedanke hatte ihr widerstrebt. Sollte das „Big Office“ ruhig dem „Big Boss“ gehören. Sie hatte ihr Räumchen in der Mitte des Geschehens. Und das war auch gut so.

Obwohl sie zugeben musste, dass dieses Chefbüro durchaus bemerkenswert war. Die Einrichtung war hell und beinahe klinisch sauber. Während sich auf ihrem Schreibtisch die Unterlagen türmten, war dieser hier leer und unbenutzt. An den Wänden hingen keine Kalender oder Ablaufpläne, und auch die Sitzgruppe aus hellem Leder wartete in einer Ecke des Büros vergeblich auf Gäste oder Besprechungen.

Eine unscheinbare Tür hinter der Sitzecke führte in einen kleinen Privatbereich mit Bett und eigenem Badezimmer – eine ideale Rückzugs- und Übernachtungsmöglichkeit für den Hotelbesitzer, die James Carrington allerdings nie genutzt hatte. Für ihn hatte man immer die teuerste Suite reservieren müssen, damit es ihm bei seinem Aufenthalt an nichts fehlte. Das kleine Privatzimmer war ihm zu wenig gewesen.

Natürlich verfügte dieses Büro im Gegensatz zu ihrer kleinen Kammer über eine Klimaanlage. Begierig sog Melissa die kühle Raumluft ein, in der noch eine leichte Geruchsnuance nach frischem Holz lag, die nur neue oder wenig genutzte Möbel verströmten.

Allzu tief durfte sie allerdings nicht einatmen, denn dann stieg ihr außerdem Alexandre Ferreiras Duft in die Nase, und der kitzelte verführerisch an ihren Nervenenden.

Mittlerweile hatte er sich alles genau angesehen, hatte mit der Hand über die glatte, weiße Oberfläche des Schreibtischs gestrichen und wirkte dabei ausgesprochen zufrieden.

Nun wandte er sich wieder Melissa zu, und sie musste ein Seufzen unterdrücken, als er ihr einen seiner unergründlichen Blicke zuwarf. Schon wieder spürte sie beim Anblick seiner durchdringenden dunkelbraunen Augen dieses Flattern in der Magengegend.

„Ich denke, ich werde dieses Büro beziehen, da es ja offensichtlich leer steht“, verkündete er mit einem viel zu selbstbewussten Unterton in der Stimme.

„Schon klar. Nehmen Sie sich ruhig das größte Büro“, entgegnete sie spitz, bevor sie sich auf die Zunge beißen konnte.

Er musterte sie mit zur Seite geneigtem Kopf. „Wenn Sie es wollten, warum haben Sie es nicht längst bezogen?“

„Ich brauche diese Bestätigung nicht.“

Sie wusste selbst nicht, was in sie gefahren war und ihr derart bissige Bemerkungen über die Lippen rutschten. Irgendetwas an ihm schien sie ständig zu reizen.

Nun erschien auf seinem Gesicht ein amüsiertes Lächeln. „Bestätigung? Sie glauben, ich will das große Büro, damit ich mich wichtiger fühle?“

„Nun ja …“ In ihrem Nacken kribbelte es nervös, während er sie betrachtete. Aber davon würde sie sich nicht beeindrucken lassen. „Ich finde nur, dass man keine Statussymbole braucht, um ein Hotel zu leiten. Es kann manchmal wesentlich effektiver sein, mit den Mitarbeitern auf Augenhöhe zu bleiben.“

„So? Finden Sie? Meiner Erfahrung nach schadet ein wenig Abgrenzung keineswegs, wenn man zeigen möchte, wer das Sagen hat.“

Das Funkeln in seinen Augen ließ sie offensiv das Kinn vorschieben. „Wir werden sehen, wessen Führungsstil sich für dieses Hotel besser eignet.“

„Ist das eine Herausforderung, Miss Jenkins?“ Um seine Mundwinkel zuckte es.

„Das ist es allerdings, Mr. Ferreira. Ich glaube kaum, dass wir hier beide gleichzeitig gebraucht werden, und ich beabsichtige nicht, Ihnen meinen Posten zu überlassen.“

Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen, aber sein Blick provozierte sie, und ihre überreizten Nerven brachten sie dazu, unvernünftige Dinge zu tun.

Trotzdem schien er weit weniger beeindruckt als erhofft, denn er lachte laut auf.

„Herausforderung angenommen.“ Er streckte seinen Arm aus, um die Wette per Handschlag zu besiegeln. „Wie wollen wir die Bedingungen festlegen? Sollen wir einen unbeteiligten Kampfrichter hinzuziehen?“

Doch sie schreckte davor zurück, seine Hand zu ergreifen, nachdem er ihre Sinne auch ohne jede Berührung schon unnötig durcheinander brachte.

„Lassen Sie den Unsinn. Ich habe zu tun.“

Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und wollte aus dem Büro eilen, um in ihrem stillen Kämmerlein endlich wieder über die Arbeit nachzudenken statt über gutaussehende, provokante Portugiesen. Schlechte Umsatzzahlen änderten sich nicht von allein.

Doch er schnaubte hinter ihr. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber ich sage Ihnen gleich: Der Punkt für das schönere Büro geht an mich.“

Darauf knallte sie die Tür hinter sich zu, um das Lachen zu ersticken, das er hinter ihr ausstieß.

Dass er sich auf ihre Kosten amüsierte, war eine Kriegserklärung, und Melissa würde nicht klein beigeben.

Das Arbeitsverhältnis zwischen ihm und Melissa Jenkins war ziemlich angespannt, überlegte Alex zwei Tage später, als er spätabends an seinem Schreibtisch saß und einige Unterlagen durchging. Sie rieben sich an jedem noch so kleinen Kritikpunkt, den er äußerte.

Die Frau schien so sehr darauf bedacht, sich ihm gegenüber zu behaupten, dass sie bei jeder seiner Bemerkungen bissig zurückschnappte, als hätte er ihre sämtlichen Qualitäten infrage gestellt. Und ihm war außerdem aufgefallen, dass sie es tunlichst vermied, sein Büro zu betreten, wenn es nicht ausdrücklich etwas zu besprechen gab.

Dabei fand er die Hotelmanagerin bei näherer Betrachtung gar nicht mal so schlecht in ihrem Job. Er verstand nur nicht, warum sie darauf bestand, zu ihren Mitarbeitern ein derart enges Verhältnis zu pflegen, sodass ihre Tür den ganzen Tag offen stand und jeder sie mit Vornamen ansprach.

So etwas hätte es in seinem Unternehmen nicht gegeben. Alex blieb zu seinen Mitarbeitern auf Distanz, weil er sich nur mit genügend Abstand wohl genug fühlte, um freie, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Sich emotional allzu sehr auf Mitarbeiter einzulassen, bedeutete immer auch das Risiko, nicht mehr rational handeln zu können, wenn es um Budgetkürzungen oder ähnlich unpopuläre Maßnahmen ging.

Allerdings musste er zugeben, dass Melissa Jenkins mit ihrem Führungsstil durchaus Erfolg hatte. Das vertrauensvolle Verhältnis zwischen ihr und den Angestellten trieb anscheinend alle zu guten Ergebnissen an, und es schien ihrer Autorität seltsamerweise nicht zu schaden.

Tatsächlich schien Alex der einzige Mensch in diesem Hotel zu sein, zu dem sie kein freundschaftliches Verhältnis zu pflegen wünschte. Dass sie bei einem Außenstehenden, der sie möglicherweise bei Fehlern ertappen könnte, derart auf der Hut war, bestätigte ihn in seinen Vermutungen. Offensichtlich hatte sie etwas zu verbergen.

Fast hätte er ihr das „Du“ angeboten, nur um sie aus der Reserve zu locken. Aber so weit ging er dann doch nicht.

Denn sich mit ihr anzufreunden, barg gewisse Gefahren für seine Mission. Diese Frau war viel zu attraktiv und gefährdete auch so schon seine Konzentrationsfähigkeit und professionelle Urteilskraft. Sich ihr emotional anzunähern, könnte ihn vom eigentlichen Grund seines Aufenthalts in London abhalten.

Dennoch musste es ihm irgendwie gelingen, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Je eher er herausfand, wer für die Verluste des Hotels verantwortlich war, desto früher konnte er den Schuldigen überführen, den Betrieb sanieren, die ansonsten reibungslos funktionierende Hotelkette seines Vaters in einzelne Glieder zerlegen und Stück für Stück verkaufen.

Er brauchte die Carrington Spa Hotels nicht und wollte sie so schnell wie möglich loswerden. Erst dann würde er James Carrington endgültig aus seinem Leben verbannen können.

Alex rieb sich mit der flachen Hand über die müden Augen. Längst war es draußen dunkel geworden, und die Papiere auf seinem Tisch lagen im goldenen Lichtkegel seiner Schreibtischlampe.

Bisher war er nicht fündig geworden. In keiner Akte, in keinem Buchhaltungsprotokoll fand er einen Anhaltspunkt für betrügerische Machenschaften. Nur immer wieder dieselben miesen Zahlen, aber keine Begründung dafür, wo sie herkamen. Keine Kontoverschiebungen, keine dubiosen Überweisungen in Melissas Auftrag, die seinen Verdacht bestätigt hätten.

Sie schien ausgesprochen professionell und umsichtig vorgegangen zu sein.

Aber Alex war nicht von gestern. Er hatte bisher noch jeden Fehler im System eines kränkelnden Unternehmens gefunden, und er würde so lange weitergraben, bis er auch diesen hier ausgemacht hatte.

Nur leider nicht mehr heute Abend, wie er sich gähnend eingestand. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es bereits kurz vor Mitternacht war, und seine Konzentration ließ allmählich nach.

Also erhob er sich vom Chefsessel und trat an die Fensterfront des Büros. Bis auf die kleine Lampe auf seinem Schreibtisch hatte er kein Licht gemacht, und der Blick auf den nächtlich beleuchteten Hyde Park war wunderschön. Dort waren noch immer Spaziergänger unterwegs, und hier und da hockten verliebte Pärchen auf den Rasenflächen. Es war eine laue Sommernacht nach einem weiteren brütend heißen Tag, und die Stimmung vor seinem Fenster erinnerte ihn an Lissabon, wenn Einheimische und Touristen den portugiesischen Sommer genossen.

Wie es wohl wäre, mit der schönen Melissa Jenkins durch den Park zu flanieren?

Der Gedanke erschreckte ihn, denn allzu deutlich sah er den schlanken, biegsamen Körper vor sich, der in einem nüchternen Business-Kostüm steckte und danach verlangte, von Alex berührt zu werden. Ihre Haare trug sie in seiner Vorstellung offen, und er bewunderte, wie die schimmernden Wellen über ihre zarten Schultern fielen. Ihr Bild war überdeutlich in seinem Kopf – so deutlich, dass er sich umdrehte, um nachzusehen, ob sie tatsächlich hinter ihm stand.

„Was machen Sie denn noch hier?“

Er erkannte an ihrem kritischen Gesichtsausdruck, dass sie gesehen hatte, wie er zusammengezuckt war.

Einen kurzen Moment lang war er sprachlos. Dann war sie also doch kein Traumbild gewesen, sondern eine Reflexion in der Fensterscheibe. Ganz offensichtlich war er überarbeitet und gehörte ins Bett.

Aber natürlich schaffte er es, sich zusammenzureißen. „Ich bewundere die Aussicht. Wunderschön.“

Dabei ließ er unwillkürlich seinen Blick über ihren Körper wandern, dessen verlockende Rundungen sich unter dem figurbetonten Kleid und der kurzen Jacke abzeichneten.

Sie hob demonstrativ ihr Handgelenk und schaute auf die Uhr. „Es ist fast Mitternacht. Warum sind Sie noch hier?“

Er verkniff sich die Bemerkung, dass sie ihn das nicht hätte fragen können, wenn sie nicht genauso ein Workaholic wäre wie er. Irgendwie gefiel ihm die Vorstellung, dass sie etwas gemeinsam hatten.

„Nun, ich mache jetzt gleich Feierabend. Was hat Sie aufgehalten? Normalerweise gehen Sie früher nach Hause, glaube ich.“

Kurz meinte er so etwas wie Unruhe in ihr aufsteigen zu sehen. Dann hatte sie sich wieder im Griff.

„Ich musste noch einige Zahlen durchgehen“, antwortete sie, mied jedoch seinen Blick.

Das war der Moment! Jetzt hätte er nachhaken können, welche Zahlen sie meinte. Doch statt etwas zu sagen, folgte er unwillkürlich ihrem Blick, der an etwas hängen geblieben war. Ihre schönen grünen Augen weiteten sich.

Sie starrte auf die offene Tür hinter der Sitzgruppe, die zu den privaten Räumlichkeiten des Chefs führte. Ein Lichtstrahl fiel heraus, und von der Stelle aus, wo sie sich gegenüberstanden, konnte man das benutzte Bett und seine Reisetasche erkennen.

Automatisch dachte er daran, wie es wohl wäre, sie in dieses Zimmer zu locken, ihr verführerische Worte ins Ohr zu flüstern und dabei gleichzeitig den Reißverschluss ihres Kleides zu öffnen …

Hör auf, Alex!

Um sich zu beruhigen und seine aufkeimende Erregung zu unterdrücken, schloss er für einen Moment die Augen.

Sie musste seine Gedanken erraten haben, denn als er sie wieder ansah, bemerkte er ihre Unruhe. Nervös strich sie eine unsichtbare Falte am Kleid glatt, zog die kurze Jacke enger um die Brust, und ihr Blick huschte zwischen ihm und der offenen Tür hin und her.

„Schlafen Sie etwa hier?“

Der zornige Tonfall hinter dieser Frage überraschte ihn.

„Wo sonst?“

„Ich dachte, Sie wollten am Empfang um ein Hotelzimmer bitten. Hatten Sie nicht gesagt, Sie wollten das mit Miss Taylor klären?“

„Nun, alle Hotelzimmer sind erfreulicherweise ausgebucht. Da dachte ich mir, ich beziehe diese kleine Suite, bis ich etwas anderes gefunden habe.“

Und warum auch nicht? Dafür ist sie schließlich gemacht.

Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Dieses Zimmer gehört dem Inhaber der Hotelkette“, bemerkte sie scharf. „Das können Sie doch nicht einfach für sich in Beschlag nehmen! Und am Ende bekomme wahrscheinlich ich den Ärger, weil ich Sie nicht an dieser Dreistigkeit gehindert habe!“ Ihre Augen schossen wütende Blitze auf ihn ab. „Falls der neue Big Boss junior sich überhaupt einmal blicken lässt.“ Den letzten Satz hatte sie so leise gemurmelt, dass sie vermutlich dachte, er hätte ihn nicht mitbekommen.

Er musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Big Boss junior. Dass sie mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg halten konnte und ihm sogar schon einen Spitznamen zugedacht hatte, gefiel ihm irgendwie. Allerdings würde er ihr zu gegebener Zeit klarmachen müssen, dass er ganz und gar nicht James Carringtons Juniornachfolger war.

„Ich bin sicher, Mr. Carrington hat nichts dagegen, wenn ich es benutze. In London ist bezahlbarer Wohnraum Mangelware, und ich konnte so schnell nichts Angemessenes finden.“

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn tatsächlich hatte Alex überhaupt nicht nach einer Wohnung gesucht. Warum sollte er? Dieses tadellose kleine Zimmerchen neben seinem Büro stand zur Verfügung und ersparte ihm obendrein den Weg zur Arbeit. Er hatte nicht vor, sich unnötig lange in London aufzuhalten, und brauchte keine luxuriöse Wohnung für seinen Komfort, auch wenn er sich ohne Weiteres jedes noch so teure Apartment hätte leisten können. Ein Bett und ein kleines Badezimmer reichten ihm vollkommen aus.

Diese Frau war ihm ein Rätsel. Sie sah aus, als wolle sie ihm den Kopf abreißen, nur weil er vermeintlich Alex Carringtons Räumlichkeiten blockierte. Und das, obwohl sie ganz offensichtlich nicht besonders viel von ihrem neuen Boss hielt.

„Trotzdem können Sie nicht dauerhaft hier wohnen bleiben. Ich glaube kaum, dass das den Mitarbeitern einen guten Eindruck vermittelt. Allerdings bin ich überrascht, dass noch niemand bemerkt hat, dass Sie hier eingezogen sind.“

„Allzu oft kommen ja selbst Sie nicht in meinem Büro vorbei. Offensichtlich meiden Sie mich.“

Er konnte ein amüsiertes Grinsen nicht unterdrücken, als er sah, wie ihre Mimik von wütend auf irritiert umschlug.

„Ich meide Sie nicht. Ich habe nur zu tun.“

Er nickte. „Und es liegt nicht daran, dass Sie mir übelnehmen, dass ich angeblich Ihren Job gefährde?“

„Unsinn.“ Doch sie wich seinem Blick aus.

„Nun ja, wenn das so ist, dann werden Sie mir doch sicher mit einer Unterkunft behilflich sein, oder? Als gute Kollegin, meine ich.“

„Sie meinen, Sie wollen bei mir einziehen?“

Beinahe hätte er nach Luft geschnappt, so plötzlich kam diese Unterstellung. Auch Melissa wirkte nicht minder überrascht über ihre eigenen, impulsiven Worte.

„Danke. Aber das ist nicht nötig … Ich hatte eher gedacht, Sie könnten mir vielleicht einen Makler empfehlen. Oder so etwas in der Art.“

Einen Moment lang starrte sie ihn schweigend an. Dann fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn.

„Nein, eigentlich haben Sie ja recht. Sie können nichts für das seltsame Verhältnis zwischen uns, und ich habe mich bisher nicht wie eine gute Kollegin verhalten. Ich hätte mich um eine Unterbringung für Sie kümmern müssen, da ich mich vor Ort viel besser auskenne und außerdem so etwas wie Ihre Gastgeberin bin. Da es im Hotel keine freien Zimmer gibt, kann ich Ihnen nur mein Gästezimmer anbieten. Wenn Sie möchten, können Sie es nutzen, bis Sie etwas Eigenes finden. Natürlich helfe ich Ihnen bei der Suche.“

Der Gedanke war verlockend. Jeden Abend mit dieser wunderschönen Frau nach Hause zu gehen …

„Das ist sehr nett von Ihnen. Aber ich kann Ihr Angebot wirklich nicht annehmen.“

Sie räusperte sich. „Das werden Sie müssen. Wenn Alex Carrington erfährt, dass Sie in seiner Suite wohnen, sind wir beide unseren Job schneller los, als Sie ‚Wohnraummangel‘ sagen können. Zumindest wenn er nur ein kleines bisschen nach seinem Vater kommt.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln, das beinahe warmherzig ausfiel, und wenn es in seinem Büro nicht so dunkel gewesen wäre, hätte er beinahe geglaubt, dass sie dabei leicht errötete.

Es sah bezaubernd aus, und er beeilte sich, ihr Lächeln mit einem eigenen zu beantworten. „Wenn Sie wirklich sicher sind …“

Natürlich nahm er ihren großzügigen Vorschlag nur an, um ihr außerhalb der Arbeit genauso auf den Zahn fühlen zu können wie im Büro. Sie war sicher schlau genug, um belastendes Material nicht am Ort des Geschehens zu verstecken, sondern lieber mit nach Hause zu nehmen. Und wenn er ein Zimmer in ihrer Wohnung hatte, würde sich früher oder später die Gelegenheit ergeben, dass er in ihrer Abwesenheit ein wenig herumschnüffelte.

„Ich bestehe darauf.“ Noch immer hielt sie ihr Lächeln aufrecht, obwohl er ein leichtes Zittern in ihren Mundwinkeln erkannte, als strenge es sie zunehmend an.

Am liebsten hätte er dieses Zittern weggeküsst.

Gut, ja, vielleicht wollte er ihr Gästezimmer auch deshalb beziehen, weil er sich zu dieser Frau hingezogen fühlte wie zu keiner anderen bisher. Aber Alex war wirklich nicht der Typ Mann, der sich von Gefühlen leiten ließ.

Er grinste schief. „Lassen Sie mich noch kurz meine Sachen packen. Ich bezahle das Taxi.“

„Taxi?“ Sie lachte hellauf. „Du liebe Güte! Wir sind in London. Wir nehmen natürlich die Tube!“

„Die U-Bahn?“

Alex konnte sich nicht erinnern, in Lissabon jemals mit der Metro gefahren zu sein. Als wohlhabender Mann hatte er es nicht nötig, sich von Hunderten anderer Menschen einquetschen zu lassen.

Sie zwinkerte belustigt. „Ich weiß nicht, wie gut Carrington Sie bezahlt, Mr. Ferreira. Doch ich werde mein Geld ganz sicher nicht für ein teures Black Cab aus dem Fenster werfen, wenn ich die älteste Untergrundbahn der Welt direkt vor der Haustür habe.“

Mit einem unruhigen Gefühl im Bauch ging Alex in die Suite, um seinen Koffer zu packen. Er würde höllisch aufpassen müssen, dass er nicht verriet, wer er war, wenn er bei ihr wohnte.

Melissa war klug, und sie war viel zu gut aussehend. Diese Frau konnte ihm ganz schön gefährlich werden. Ob es wirklich eine gute Entscheidung war, sie so dicht an sich heranzulassen?

3. KAPITEL

Was habe ich mir nur dabei gedacht, ihn mitzunehmen?

Melissa musste ernsthaft an ihrem Verstand zweifeln. Reichte es nicht, dass Alexandre Ferreira ihr schon bei der Arbeit auf Schritt und Tritt folgte, all ihre Akten durchging und überhaupt alles minutiös kontrollierte und mit ihr besprechen wollte, was sie tat? Brauchte sie das wirklich auch noch in ihrem Privatleben?

Sie war nicht davon überzeugt, dass er seine Neugierde nach Feierabend einfach so abstellen konnte. Ihn bei sich einziehen zu lassen, bedeutete höchstwahrscheinlich, dass sich das Kompetenzgerangel auch im Privatleben fortsetzen würde. Eine schrecklich unliebsame Vorstellung.

Und dennoch öffnete sie ihm die Tür zu ihrem kleinen Apartment in Shoreditch. Sie liebte diesen Stadtteil, weil er für Londoner Verhältnisse noch einigermaßen erschwinglich war und gleichzeitig über ein buntes kulturelles Leben verfügte. Hier konnte man sich in Galerien die Werke von Künstlern ansehen, die noch weitgehend unbekannt waren, und in Restaurants die verschiedensten Landesküchen ausprobieren. Gerade jetzt, im Hochsommer, fühlte es sich manchmal an, als sei man nicht in England, sondern habe eine spontane Fernreise zu einem entlegenen südländischen Ziel unternommen.

Melissas Wohnung lag im fünften Stock eines alten Gebäudes, dessen Stuckfassade sicher schon elegantere Tage in blendendem Weiß gesehen hatte. Der Besitzer hatte es allerdings vor einigen Jahren knallrot angestrichen. Dieser Rotton hatte ihr so gut gefallen, dass sie an ihn gedacht hatte, als sie das Restaurant im Carrington Spa Hotel hatte renovieren lassen.

Nachdem sie die Fahrt in dem antiken Fahrstuhl überstanden hatten, der kaum genug Platz für Alexandre Ferreiras große Reisetasche bot, gingen sie den in Moosgrün gehaltenen Korridor entlang bis zur allerletzten Tür auf der linken Seite.

„Da sind wir“, verkündete Melissa mit mehr Freundlichkeit in der Stimme, als sie empfand.

Sie stieß die dunkle Holztür auf und ließ ihren neuen Mitbewohner eintreten.

„Ich weiß, es ist ziemlich beengt. Aber bis Sie eine andere Bleibe gefunden haben, wird es schon gehen.“

Da erst kam Melissa der Gedanke, dass sie ja nur ein einziges Sofa hatte! Wenn sie sich also in den nächsten Tagen oder Wochen gemütlich vor dem Fernseher ausbreiten wollte, würde sie ihre Couch immer auch mit dem Mann teilen müssen, der ihr bei der Arbeit das Leben schwermachte.

Und alles nur, weil sie befürchten musste, ihren Job zu verlieren, wenn herauskam, dass sie Ferreira in Alex Carringtons Privaträumen wohnen ließ. Und natürlich, weil ihr klargeworden war, wie wenig kollegial sie sich ihm gegenüber bisher verhalten hatte. Niemand sollte ihr nachsagen können, sie sei kein Teamplayer. Für Kollegen – selbst die gleichgestellten – zu sorgen, war eine der Kernaufgaben einer Hotelmanagerin, und sie wollte dieser Aufgabe nachkommen.

Aber sie würde dafür sorgen müssen, dass er schnellstmöglich eine andere Bleibe fand. Das wurde ihr jetzt klar. In ihrer winzigen Dreizimmerwohnung wirkte seine männliche Ausstrahlung schier überwältigend, und obwohl sie sonst so vernünftig war, konnte sie gerade nicht sicher sein, ob sie ihm auf Dauer würde widerstehen können.

Himmel!

Sie musste sich ja schon jetzt bewusst davon abhalten, ihren Blick auf seinen knackigen Hintern zu richten, als er vor ihr durch den Flur zum Wohnzimmer ging. Ob er in ihrem Gästezimmer wohl sein tägliches Workout machen würde?

Beim Gedanken an einen freien Oberkörper mit festen Bauchmuskeln, der von klitzekleinen glitzernden Schweißperlen überzogen war, wurde ihr Mund trocken. Sie musste sich wirklich besser im Griff haben, wenn sie das hier durchstehen wollte.

Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war eine Affäre mit genau dem Mann, der ihr den Job streitig machen wollte.

„Das ist wirklich eine schöne Wohnung“, kommentierte er freundlich. „Tolle Möbel. Und ich mag diesen offenen Übergang zwischen Wohnzimmer und Küche.“

Es stimmte, ihre Möbel waren wirklich besonders, denn sie hatte jedes einzelne Stück auf dem Portobello Road Market erstanden, wo es samstags Secondhandmode und Antiquitäten gab. Alle waren ziemlich originell und passten, obwohl sie bunt durcheinander gewürfelt waren, in ihrer Besonderheit perfekt zueinander.

Aber das war ihr persönliches Hobby, und es ging Alexandre Ferreira nun wirklich nichts an.

„Sie müssen nicht nett sein, um hier wohnen zu dürfen“, entgegnete sie spitz.

Er lachte. „Sie suchen wirklich immer Streit, oder?“

Das amüsierte Funkeln in seinen Augen passte ihr gar nicht.

„Nur mit Ihnen.“

Sie ging in das kleine Gästezimmer neben der Küche, und er folgte ihr kopfschüttelnd.

Den Raum nutzte sie normalerweise als Zwischenlager. Hier landeten die Kleidungsstücke, die es in die Waschmaschine, danach aber noch nicht wieder in ihren Kleiderschrank geschafft hatten. Daher lag auf dem breiten Bett, das die Hälfte des Zimmers einnahm, ein kunterbuntes Sortiment aus Strumpfhosen, Kleidern, Blusen, Röcken, Leggings und – jetzt etwas peinlich – Dessous.

Fast hätte sie ihrem Gast die Tür vor der Nase zugeschlagen, als sie die Unordnung erblickte.

„Geben Sie mir einen Moment“, murmelte sie und spürte, wie ihre Wangen zu glühen begannen.

Das war das Ärgerliche, wenn man naturrotes Haar hatte. Die Haut war so hell, dass jeder immer sofort sehen konnte, was in einem vorging, weil sich der Teint bei Peinlichkeiten nur allzu gern an die Haarfarbe anpasste.

Eilig schnappte sie sich eine herumliegende Tasche und stopfte zuerst die cremeweiße und roséfarbene Spitzenunterwäsche hinein.

Als sie sich halb zu Alexandre Ferreira umdrehte, hatte er ihr taktvoll den Rücken zugekehrt.

„Ich … ich hab nicht mit Besuch gerechnet“, stammelte sie, während sie in Windeseile auch die übrigen Kleidungsstücke einsammelte und einige Fächer des Schranks so umsortierte, dass eine Hälfte für ihn frei war.

Seit wann hatte sie eigentlich so viele Klamotten?

Zum Schluss kickte sie noch einige herumliegende High Heels unters Bett.

Dann schulterte sie die prall gefüllte Tasche und räusperte sich. „Sie können sich jetzt umdrehen.“

Als er ihr das Gesicht zuwandte, hatte er wieder dieses selbstgefällige Grinsen auf den Lippen.

„Alles bereit?“

„Ja.“ Wenn sie nur nicht erröten würde! „Ich konnte ja nicht wissen, dass ich von der Arbeit einen Obdachlosen mit nach Hause bringen würde!“

Er lachte. „Natürlich nicht.“

„Sonst ist es hier eigentlich immer perfekt aufgeräumt.“

„Selbstverständlich.“

„Ich hatte eben … Waschtag.“

„Na klar.“

Er machte sich über sie lustig!

Allerdings war sein schiefes Grinsen erstaunlich charmant, wie sie zu ihrem Leidwesen feststellen musste.

Unwillig schüttelte sie diesen Gedanken ab. An Alexandre Ferreira war ganz und gar nichts charmant!

Er warf seine Reisetasche aufs Bett. „Es ist Ihre Wohnung. Ich bin froh, wenn ich überhaupt ein Plätzchen bekomme.“ Er legte eine Hand seitlich an den Mund, als würde er ihr ein Geheimnis verraten. „Anstatt unter einer Brücke zu schlafen, wissen Sie?“

Gegen ihren Willen musste sie lächeln.

Doch sie hatte ihre Mimik binnen Sekunden wieder im Griff. „Ich hole Ihnen frische Bettwäsche.“

Dann sah sie zu ihm hoch, und sein belustigter Blick ließ sie innehalten. „Aber glauben Sie bloß nicht, dass ich Ihnen das Bett beziehe! Wir sind keine Freunde oder so, und das hier ist keine Der-Gast-ist-König-Situation. Ich lasse Sie bloß hier wohnen, weil ich ein netter Mensch bin. Ihren Kram regeln Sie selbst.“

Damit drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Dann fiel ihr allerdings etwas ein, und sie streckte noch einmal den Kopf durch die Tür.

Er hatte bereits sein Hemd aufgeknöpft.

Nervös blickte sie zu Boden. „Das Bad ist hier drüben, eine Tür weiter. Nicht zu verwechseln mit meiner Schlafzimmertür, die …“ Sie schluckte. „Die für Sie absolut tabu ist, verstanden?“

Sie hörte das Rascheln von Stoff. Himmel! Hatte er das Hemd jetzt ganz ausgezogen?

Mit klopfendem Herzen verschwand sie in ihr Schlafzimmer.

Das konnte ja heiter werden, wenn sie zukünftig zum liebeshungrigen Teenager mutierte, sobald sie ihn auf dem Weg ins Bad oder nach seinem morgendlichen Training antraf – oder was auch immer es für Möglichkeiten gab, sich in halb bekleidetem Zustand über den Weg zu laufen, wenn man sich eine Wohnung teilte, die eigentlich nur auf die Bedürfnisse einer Person zugeschnitten war.

Am nächsten Tag machte Alex deutlich früher Feierabend als in der Nacht zuvor. Melissa Jenkins hatte ihm zu seiner Überraschung angeboten, ein einfaches Dinner zu kochen, wenn er für den passenden Wein sorgte.

„Schließlich sind wir Mitbewohner und keine Freunde. Da teilt man sich die Kosten“, hatte sie betont, und Alex hatte einmal mehr schmunzeln müssen.

Gegen seinen Willen fand er ihre direkte Art zunehmend anziehend. Sie war unglaublich klug und schlagfertig. Ständig musste man bei ihr auf der Hut sein, und auch mit ihr zu streiten, war um Längen interessanter als mit anderen Frauen.

So war es vermutlich nicht weiter verwunderlich, dass er in der ersten Nacht in ihrem Apartment wenig geschlafen hatte. Allein die Vorstellung, dass sie auf der anderen Seite des kleinen Flurs in dem einzigen Zimmer schlief, das sie ihn nicht hatte sehen lassen, war so aufregend gewesen, dass er kein Auge zugetan hatte.

Und nun war er schon wieder seit Stunden auf den Beinen, hatte beinahe alle Unterlagen des Hotels durchgearbeitet und lange, ausführliche Besprechungen mit verschiedenen Mitarbeitern gehabt, die ihm bei der Aufklärung der Ungereimtheiten in den Abrechnungen helfen sollten.

Unter anderem auch mit Dennis Breswick, dem Leiter der Buchhaltung, der allerdings ebenfalls keine Erklärung für die schlechten Zahlen hatte. Melissa Jenkins musste ihre Aktivitäten ausgesprochen gut verschleiert haben, wenn selbst ihre Buchhaltung noch keine Lunte gerochen hatte.

Also musste er darauf hoffen, dass er bei ihr fündig wurde. Je schneller, desto besser, denn Alex bemerkte sehr wohl, dass die Anziehungskraft, die die schöne Rothaarige auf ihn ausübte, seine nüchterne Urteilskraft zunehmend gefährdete.

Heute Abend werde ich mich jedenfalls nicht von ihr einwickeln lassen, schwor er sich, während er auf dem Heimweg durch die trockene Hitze der Ostlondoner Straßen in einem kleinen Weinladen mit überraschend internationaler Auswahl einen portugiesischen Vinho Verde aussuchte.

Doch schon als sie ihm die Wohnungstür öffnete, geriet sein Vorsatz ins Wanken.

Sie hatte das strenge Business-Kostüm gegen einen lässigen Freizeitlook getauscht. Der dünne Stoff ihres sommerlichen Tops umspielte ihre Kurven und war fast durchscheinend, sodass sich ihr verführerischer Spitzen-BH darunter deutlicher abzeichnete, als ihr vermutlich bewusst war. Die kurze Jeans schmiegte sich an ihren Po wie eine zweite Haut. Alex musste aufpassen, sie seine plötzlich aufwallende Erregung nicht spüren zu lassen.

Für einen viel zu langen Augenblick klebte seine Zunge am trockenen Gaumen fest.

Dann fasste er sich wieder. Er zog die Weinflasche aus seiner Tasche und schnupperte demonstrativ.

„Hier riecht es fantastisch. Was gibt es denn?“

Sie hob abwehrend die Hand. „Nur einen frischen Salat mit gebratenen Champignons und Walnüssen. Dazu Antipasti von einem kleinen italienischen Delikatessengeschäft um die Ecke. Ich finde, die sind bei der Hitze draußen genau das Richtige.“

Plötzlich ungeduldig, aus dem Anzug und dem durchgeschwitzten Hemd herauszukommen, drückte er ihr die Weinflasche in die Hand.

„Kann ich mich noch schnell umziehen?“

Sie nickte knapp. „Ich lege solange den Wein auf Eis.“

Doch ihm entging nicht, wie ihr Blick über seinen Körper wanderte, der darauf sofort reagierte.

Fogo! Er musste wirklich auf der Hut sein, solange er mit ihr unter einem Dach lebte. Vor allem, wenn sich ihre Wangen so zauberhaft röteten wie jetzt.

Hastig drängte er sich an ihr vorbei, um im Gästezimmer zu verschwinden, bevor sie bemerken konnte, wie sich der Stoff seiner Hose über seiner Männlichkeit zu s...

Autor

Kandy Shepherd

Kandy Shepherd liebte das Schreiben schon immer. Um ihrer Leidenschaft auch beruflich nachzukommen, wandte sie sich dem Journalismus zu, arbeitete für angesehene Frauenmagazine und machte sich in dieser Branche als Redakteurin schnell einen Namen. Sie mochte ihren Job – doch noch lieber wollte sie Geschichten schreiben! Also ließ sie den...

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