Julia Exklusiv Band 366

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

SIZILIANISCHE LIEBESTRÄUME von CHANTELLE SHAW
Kalt wie Eis! Salvatore Castellano lässt die junge Darcey selbst bei sizilianischer Hitze frösteln – erst als er sie leidenschaftlich in seine Arme zieht, spürt sie, hinter seiner Fassade brodelt ein Vulkan! Aber kann sie einen Mann, der seine Tochter so kühl behandelt, je lieben?

HOCHZEIT AUF GRIECHISCH von JACQUELINE BAIRD
Verstohlen wischt sich Helen eine Träne aus dem Auge, als sie auf ihren Bräutigam Leon Aristides zugeht. Denn der mächtige Tycoon will nur eine Vernunftehe, während Helen in seiner Villa am Fuße der Akropolis schon lange und besonders nachts von seiner Liebe träumt …

WIE EINST IN JENEM SOMMER ... von KATHRYN ROSS
Nur eine zärtliche Erinnerung – bis Carrie den attraktiven Andreas auf einer griechischen Insel wiedersieht! In seiner Villa am Meer ist Carrie dem Olymp der Liebe so nah wie in jenem Sommer. Doch diesmal schlägt Andreas überraschend eine Blitzhochzeit vor ...


  • Erscheinungstag 18.08.2023
  • Bandnummer 366
  • ISBN / Artikelnummer 9783751519564
  • Seitenanzahl 512
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Chantelle Shaw, Jacqueline Baird, Kathryn Ross

JULIA EXKLUSIV BAND 366

1. KAPITEL

„Da ist jemand, der Sie sprechen möchte. Ein Mann …“

Überrascht sah Darcey von ihrem Schreibtisch auf. Ihre sonst so unerschütterliche Sekretärin wirkte sichtlich nervös.

„Er heißt Salvatore Castellano“, fuhr Sue fort, „… und sagt, James Forbes habe ihn an dich überwiesen. Er möchte eine Sprachtherapie für seine Tochter.“

„Aber James weiß doch, dass unsere Abteilung geschlossen wird“, entgegnete Darcey irritiert. James Forbes leitete das Programm für Hörimplantate im Krankenhaus und hatte in den letzten Monaten immer wieder lautstark gegen die kostenbedingte Schließung der Abteilung für Sprachtherapie protestiert.

Sue hob die Schultern. „Das habe ich Mr. Castellano auch gesagt, aber er besteht darauf, mit Ihnen zu sprechen.“ Verschwörerisch sah sie Darcey an. „Ich glaube, er ist es nicht gewohnt, dass man ihn abweist. Typischer Südländer eben. Sie wissen ja, wie die sind. Dunkel und heißblütig … Ich darf das gar nicht sagen“, stammelte sie, errötete und kicherte verlegen. „Schließlich bin ich seit zwanzig Jahren mit Brian verheiratet. Aber der Mann da draußen ist verdammt attraktiv!“

Er besteht darauf, mich zu sprechen? Darcey war schon jetzt von dem Mann beeindruckt. Immerhin hatte er es geschafft, Sue aus der Fassung zu bringen. Allerdings hegte sie keinerlei Befürchtungen, dass er auf sie eine ähnliche Wirkung haben könnte. Sie hatte schon lange kein Interesse mehr an Männern, bei denen jede Frau schwach wurde, sondern würde sich ab jetzt mit lauwarm und sicher zufriedengeben. Auch wenn das langweilig war. Nur nie wieder einen Frauenheld! So wie ihr treuloser Exmann.

Sie warf einen Blick aus dem Fenster und sah eine elegante schwarze Limousine neben ihrem Mini parken. Ihr Vertrag mit der Gesundheitsbehörde war bereits gekündigt. Sie musste Salvatore Castellano also nicht treffen, wenn sie nicht wollte. Aber verdammt, warum eigentlich nicht? Zuhause warteten lediglich ein leeres Haus und ein einsames Abendessen auf sie. Wenn überhaupt. Sie war heute viel zu müde zum Kochen.

„Dann lassen Sie ihn mal herein.“

Während Sue in den Flur zurücktrat, fuhr Darcey fort, die Schubladen in ihrem Schreibtisch auszuräumen. Die Aktenschränke waren bereits leer. Sie musste nur noch die Zeugnisse über ihre zahlreichen Qualifikationen und Fortbildungen an der Wand abhängen.

Es war ein Jammer, dass ihre akademischen Abschlüsse, die sie zu einer absoluten Expertin in ihrem Bereich machten, nicht ausreichten, um ihren Job zu sichern. Das Budget der Londoner Gesundheitsbehörde war drastisch gekürzt worden, und die Einsparungen hatten sie die Stelle gekostet. Nun war sie gezwungen, sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen und die Vergangenheit endlich zu akzeptieren. Die Entscheidung, sich im Sommer für ein paar Monate eine Auszeit zu nehmen, fühlte sich richtig an. So hatte sie genug Zeit, um Pläne für ihre Privatpraxis zu schmieden. Darcey träumte schon lange davon, eine eigene Praxis zu eröffnen. Noch wichtiger war allerdings, endlich über ihren Exmann hinwegzukommen, der sie so schamlos betrogen hatte.

Ihr Blick fiel auf das Namensschild auf ihrem Schreibtisch. Seit ihrer Hochzeit mit Marcus hieß sie Rivers. Sie hatte den Namen nach der Scheidung behalten. Es war angenehm, wenn nicht jeder gleich wusste, dass sie zu der berühmten Schauspielerfamilie Hart gehörte – so wie Marcus damals. Er hatte sie nur geheiratet, weil er sich davon Vorteile für seine eigene Schauspielerkarriere erhoffte. Es hatte unglaublich wehgetan, als ihr das klar geworden war. Leider war sie so verliebt gewesen, so verzaubert von Marcus’ Witz und Charme und seinem guten Aussehen, dass sie seinen Heiratsantrag sofort angenommen hatte. Nach nur vier Monaten Beziehung! Eine derart impulsive Entscheidung war absolut untypisch für sie.

Gedankenversunken ging Darcey zum Fenster und griff nach der Topfpflanze auf der Fensterbank. Den buschigen Farn hatte sie vor zwei Jahren geerbt, als sie den Posten als Sprachtherapeutin für Kinder angenommen hatte. Die Pflanze war fast vertrocknet gewesen, und Sue wollte sie entsorgen. Doch Darcey liebte Herausforderungen. Mittlerweile war der Farn zu einer prächtigen Pflanze herangewachsen.

„Keine Sorge, du kommst mit“, murmelte sie. Irgendwo hatte sie gelesen, dass Pflanzen darauf reagierten, wenn man mit ihnen sprach. Und es schien tatsächlich, als hätten ihre aufmunternden Worte über all die Monate hinweg ihre Wirkung nicht verfehlt. Selbstverständlich behielt sie dieses kleine Geheimnis für sich. Wenn jemand herausbekäme, dass sie – die angesehene Akademikerin, die sich immer so professionell und sachlich gab – mit ihrer Grünpflanze sprach. Nicht auszudenken!

Nach kurzem Klopfen öffnete sich die Bürotür erneut. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie Sue einem dunkelhaarigen Mann bedeutete einzutreten. Das Sonnenlicht fiel durch die großen Fenster und tanzte über seine markanten Gesichtszüge. Darceys erster Gedanke war, dass er rein gar nichts mit Marcus gemeinsam hatte. Aber er wirkte auch nicht wie ein Langweiler. Und er war auf keinen Fall jemand, mit dem sie sich sicher fühlen würde. Sie begriff, warum Sue so fasziniert von ihm war. Er war heiß. Sogar verdammt heiß!

Fast könnte man denken, dass er aus einem anderen Jahrhundert stammt, dachte sie. Aus einer Zeit, als Ritter noch blutige Gefechte ausgetragen hatten, um hilflose Jungfrauen aus der Gefahr zu retten. Verblüfft über ihre lebhafte Fantasie zwang Darcey sich, den Mann ein wenig objektiver zu betrachten. Doch das Bild eines mittelalterlichen Ritters hatte sich in ihr Gehirn gebrannt. Vielleicht lag es an der gefährlich erotischen Mischung aus schwarzer Kleidung und lässiger Lederjacke, die seine breiten Schultern betonte. Auch seine Größe war beeindruckend. Er stieß beinahe mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Darcey schätzte, dass er mindestens einen Meter neunzig groß sein musste.

Ihr Herz machte einen Satz, als ihr Blick über sein Gesicht glitt. Er war nicht so hübsch wie Marcus. Nicht so jungenhaft. Nein, er war ein Mann, wie man ihn sich vorstellte: markante Gesichtszüge, große Nase und dunkle, stechende Augen unter dichten schwarzen Augenbrauen. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts. Die Lippen, fest aufeinandergepresst, sahen aus, als würde er nur selten lächeln. Sein dunkelbraunes gestuftes Haar fiel ihm fast bis auf die Schultern und ließ ihn verwegen aussehen. Darcey hatte das Gefühl, dass er sich nur wenig aus seinem Äußeren machte.

Während sie ihn ansah, registrierte sie etwas verwundert ein Kribbeln in ihrem Bauch. Ein längst vergessenes Gefühl. Seit sie herausgefunden hatte, dass Marcus mit diesem Glamour-Model mit den gigantischen Brüsten schlief, hatte sie keinerlei sexuelles Verlangen mehr verspürt. Die plötzliche Erregung in ihr kam so unerwartet, dass sie nach Luft ringen musste. Dieser Mann strotzte nur so vor Kraft und Männlichkeit. Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde sie sich des fundamentalen Unterschieds zwischen Mann und Frau bewusst.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie noch immer die Luft anhielt. Verlegen räusperte sie sich und bemühte sich, Salvatore Castellano anzulächeln.

„Mr. Castellano? Was führt Sie zu mir?“

Sein Blick fiel auf das Namensschild auf ihrem Schreibtisch, und er runzelte die Stirn.

„Sind Sie Darcey Rivers?“

Er sprach mit starkem Akzent. Italienisch, vermutete Darcey. Unwillkürlich richtete sie sich auf. Er hatte etwas Arrogantes an sich, das ihr nicht gefiel.

„Ja, das bin ich“, entgegnete sie kühl.

„Ich hatte jemand Älteres erwartet.“

James Forbes hatte Salvatore erzählt, Darcey Rivers sei eine erfahrene und renommierte Sprachtherapeutin. Er hatte sofort ein Bild von einer grauhaarigen, seriös wirkenden älteren Dame mit Brille und Tweed-Anzug vor Augen gehabt. Stattdessen stand er einer jungen Frau mit herzförmigem Gesicht und modischer Bobfrisur gegenüber, die auch als Studentin durchgehen könnte. Ihr kupferfarbenes Haar glänzte im hellen Sonnenlicht wie Seide. Abschätzig ließ er den Blick über ihre zierliche Figur und das perfekt sitzende Kostüm gleiten. Es erinnerte an den Stil aus den 40er-Jahren. Als er die Stilettos bemerkte, die sie dazu trug, musste er ein Lächeln unterdrücken. Mit den hohen Absätzen hoffte sie wohl, größer zu wirken. Sie war hübsch, wenngleich keine klassische Schönheit. Ihr Mund war zu breit und ihre grünen Augen zu groß für ihren zarten Körperbau, der sie fast elfenhaft wirken ließ. Die Bluse war bis oben hin zugeknöpft, und er fragte sich, ob sie tatsächlich so prüde war, wie ihre Erscheinung vermuten ließ.

Unter den prüfenden Blicken des Fremden errötete Darcey. „Es tut mir leid, wenn ich Sie enttäuscht haben sollte“, entgegnete sie mit ironischem Unterton.

„Ich bin nicht enttäuscht, Miss Rivers.“

Seine Stimme war tief und ein wenig rau. Darcey spürte, wie sich ihre Nackenhaare leicht aufstellten.

„Ich bin nur etwas erstaunt“, fuhr er fort. „Sie scheinen für eine so gute Qualifikation fast zu jung zu sein.“

Darcey wusste, dass sie mindestens fünf Jahre jünger aussah, als sie tatsächlich war. Irgendwann, vielleicht mit fünfzig, würde sie vielleicht froh darüber sein, ständig jünger geschätzt zu werden. Doch im Job machte ihr das nur Probleme. Sie wurde einfach nicht ernst genommen. Dazu kam noch ihr Name. Sobald die Leute herausfanden, dass sie ein Kind der berühmten Schauspielerfamilie Hart war, musste Darcey sich dafür rechtfertigen, ihren Eltern nicht auf die Bühne gefolgt zu sein. Wenigstens schien Salvatore Castellano nichts von ihren Wurzeln zu wissen.

„Ich bin achtundzwanzig“, erklärte sie knapp. „Und Rivers ist der Name meines Ehemanns.“

Sein Gesichtsausdruck verriet nichts. „Verzeihen Sie, Mrs. Rivers.“

Warum zum Teufel habe ich das gesagt? fragte Darcey sich. Offensichtlich war es eine unbewusste Reaktion auf seinen Kommentar, sie sähe jung aus. „Eigentlich bevorzuge ich Ms Rivers.“

Er zuckte nicht mit der Wimper. Doch Darcey hatte das unangenehme Gefühl, dass seine dunklen Augen direkt in ihre Seele blickten.

Mit einer schnellen Bewegung stieß er die Bürotür hinter sich zu und kam langsam in ihr Büro. „Gut, dass wir das geklärt haben“, murmelte er trocken. „Vielleicht könnten wir uns jetzt setzen, und ich erkläre den Grund für meinen Besuch?“

Seine Arroganz machte sie wütend. Rote Flecken breiteten sich auf ihren Wangen aus. Am liebsten hätte sie ihn hinausgeworfen. Doch dann hielt sie inne, da ihr erst jetzt auffiel, dass er humpelte.

„Ein Oberschenkelbruch“, erklärte er etwas unwirsch, als er ihren Blick bemerkte. „Es ist bei einem Autounfall vor einigen Jahren passiert.“

Dass ihm aufgefallen war, wie sie ihn anstarrte, war ihr peinlich. Irgendwie fühlte sie sich in seiner Anwesenheit, als wäre sie wieder sechzehn. Unreif und furchtbar unsicher – das völlige Gegenteil ihrer restlichen Familienmitglieder, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzten.

„Sei doch nicht immer so ein schüchternes Mäuschen“, hatte ihr Vater ständig gepredigt. „Zeig dich deinem Publikum, und glaub an dich selbst. Wenn du es nicht tust, wie sollen die anderen dann an dich glauben?“

Ihr Vater hatte leicht reden. Joshua Hart lag die Schauspielerei im Blut. Er galt seit dreißig Jahren als einer der besten Shakespeare-Darsteller. Charismatisch, aufregend und impulsiv – und als Vater oft distanziert, wenn er sich gerade wieder einmal auf eine Rolle vorbereitete. Wenn es eins gab, worüber Joshua Hart sich keine Gedanken machen musste, dann war es mangelndes Selbstbewusstsein.

„Die Schauspielerei steckt dir im Blut“, hatte er oft versucht, Darcey zu ermuntern.

Auch ihre Mutter Claudia war eine talentierte Schauspielerin, genau wie Darceys Bruder und ihre zwei Schwestern. Sie alle waren in die Fußstapfen ihrer Eltern getreten und standen nun auf der Bühne. Nur Darcey hatte einen anderen Weg gewählt – und ihren Vater damit tief enttäuscht. Es war noch nie einfach gewesen, mit ihm auszukommen, doch während der letzten Jahre hatte sich eine spürbare Distanz zwischen ihnen entwickelt, und Darcey sehnte sich danach, sie zu überbrücken.

„Ms Rivers?“

Salvatore Castellanos scharfer Tonfall holte sie zurück in die Realität. Ohne ihre Einladung abzuwarten, hatte er sich hingesetzt, das verletzte Bein steif vor sich ausgestreckt. Darcey war entschlossen, wieder die Kontrolle über die Situation zu erlangen.

„Ich fürchte, ich kann Ihnen nur ein paar Minuten widmen, Mr. Castellano“, erklärte sie kühl. „Ich habe heute viele Termine.“

Erstaunt blickte er auf.

„Tatsächlich? James Forbes meinte, Sie hätten Ihre Tätigkeit hier bereits eingestellt, weil die Station geschlossen wird.“

Jetzt hatte er sie erwischt. In Wahrheit hatte sie für den restlichen Nachmittag überhaupt nichts geplant. Seufzend setzte sie sich in ihren Schreibtischstuhl und trommelte mit den Fingern nervös auf der Armlehne.

„Das ist richtig“, entgegnete sie. „Ich bin heute nur hier, um mein Büro zu räumen. Aber danach habe ich … einige private Dinge zu erledigen.“

Was mag sie vorhaben? fragte Salvatore sich. Fährt sie nach Hause zu ihrem Mann? Will sie vielleicht einen faulen Sommernachmittag mit ihm im Bett verbringen? Ein schneller Blick auf ihre linke Hand, und er stellte überrascht fest, dass sie keinen Ehering trug. Dann runzelte er die Stirn, als er sich seiner eigenen Gedanken bewusst wurde. Darcey Rivers’ Privatleben geht mich überhaupt nichts an.

„Ich bin hier, weil ich eine Sprachtherapeutin für meine hörbeeinträchtigte Tochter brauche“, erklärte er. „Rosa ist fünf und trägt seit zwei Monaten Cochlea-Implantate. Sie kommuniziert per Zeichensprache, aber sie kann nicht sprechen.“

Der leichte Sandelholz-Duft seines Aftershaves stieg Darcey in die Nase. Es fiel ihr schwer, sich auf seine Worte zu konzentrieren. Denn alles, woran sie in diesem Augenblick denken konnte, war, dass Salvatore Castellano aus der Nähe noch attraktiver wirkte. Um nicht zu sagen unheimlich sexy.

Verdammt noch mal! Angestrengt versuchte sie, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. „Hat Ihre Tochter ihre Implantate in England anpassen lassen?“

„Ja, James Forbes ist ihr Audiologe. Er hat mir gesagt, Sie planen, eine Privatpraxis zu eröffnen?“

„Das ist richtig, und ich hoffe sehr, dass es klappt“, bestätigte Darcey und nickte. „Zunächst werde ich mir allerdings eine kleine Auszeit nehmen und den Sommer in Südfrankreich verbringen. Es tut mir leid, Ihnen nicht helfen zu können, Mr. Castellano. Aber ich kann Ihnen gern die Adressen einiger Sprachtherapeuten hier in London geben, bei denen Ihre Tochter in den besten Händen ist.“

Nichts an Salvatore Castellanos Gesichtsausdruck deutete darauf hin, dass ihre Antwort ihn enttäuschte. Es waren seine eiskalte Stimme und sein eindringlicher Blick, die ihr einen Schauer über den Rücken jagten.

„James hat mir gesagt, Sie seien die beste Therapeutin weit und breit. Und ich möchte nur das Beste für meine Tochter und bin bereit, einen guten Preis dafür zu zahlen.“

Darcey runzelte die Stirn. „Es geht mir nicht um Geld …“

„Ms Rivers, seien wir doch ehrlich. Denn eines habe ich in meinem Leben gelernt: Es geht immer um Geld.“

Seine verbitterte Antwort machte sie wütend. Glaubt er etwa, ich will nur eine eigene Praxis haben, damit ich mehr Geld verdiene? Alles, was Darcey sich davon erhoffte, war mehr Freiheit, um ihre eigenen Ideen umzusetzen und damit die Chancen für hörgeschädigte Kinder zu verbessern. Das lag ihr sehr am Herzen. Aber sie hatte das Gefühl, dass Salvatore Castellano es nicht verstehen würde, selbst wenn sie versuchte, es zu erklären. Also probierte sie es anders.

„Ich verstehe, dass Sie und Rosas Mutter gern möchten, dass die Therapie sobald wie nur möglich beginnt. Schließlich ist erwiesen, dass Kinder mit CI die besten Chancen auf gute Kommunikations- und Sprachfähigkeiten haben, wenn sie so schnell wie möglich nach dem Einsatz des Implantats ihre Therapie erhalten.“ Sie zögerte und überlegte, warum Rosas Mutter nicht hier war. Sind die Eltern sich etwa nicht einig, was das Beste für ihr Kind ist? Während ihrer Laufbahn als Therapeutin war sie oft genug Zeugin derartiger Auseinandersetzungen gewesen.

„Darf ich davon ausgehen, dass die Mutter Ihrer Tochter mit Ihrer Entscheidung, einen Sprachtherapeuten zu engagieren, einverstanden ist?“, erkundigte sie sich vorsichtig.

„Meine Frau ist gestorben, als Rosa noch ein Baby war.“

Erschrocken sah Darcey ihn an. Sie wusste nicht, was sie mehr entsetzte: die Tatsache, dass das kleine taube Mädchen keine Mutter mehr hatte oder die völlige Emotionslosigkeit seiner Stimme.

„Das tut mir leid“, murmelte sie und starrte ins Leere. Rosa war bereits fast ihr ganzes Leben in ihre stille Welt eingesperrt. Dank der Implantate konnte sie nun hören, aber die vielen ungewohnten Geräusche verunsicherten und ängstigten sie womöglich. Und dann musste sie auch noch ohne Mutter aufwachsen – und mit einem Vater, der so viel Gefühl wie ein Brocken Granit hatte.

Gedanken an ihre eigene Mutter kamen ihr in den Sinn. Vor sechs Monaten war bei Claudia ein bösartiges Melanom entdeckt worden. Glücklicherweise hatte sie gut auf die Behandlung angesprochen. Doch Darcey erinnerte sich genau an ihre Verzweiflung darüber, ihre Mutter womöglich zu verlieren. Ihr Mitgefühl für Salvatore Castellanos kleine Tochter war unbeschreiblich.

Erst jetzt bemerkte sie, dass er sie beobachtete. Aus der Ferne hatten seine Augen schwarz gewirkt. Jetzt sah sie, dass sie dunkelbraun waren, umrahmt von langen schwarzen Wimpern. Ob er freundlicher aussieht, wenn er lächelt? Lächelt er überhaupt jemals? Ihr Blick fiel auf den verkniffenen Zug um seinen Mund. Würden seine Lippen weicher, wenn er sie küsste?

Als sie sich bei ihren eigenen Gedanken ertappte, sog sie scharf die Luft ein und zwang sich, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. „Ich würde Ihrer Tochter wirklich gern helfen, Mr. Castellano, aber wie ich bereits erwähnte, werde ich die nächsten Monate nicht im Land sein.“

„Sie sagten, Sie fahren an die französische Riviera?“

„Ja. Meiner Familie gehört eine Villa in Le Lavandou, wo ich mich die meiste Zeit aufhalten werde. Vielleicht fahre ich auch eine Zeit an der Küste entlang, womöglich sogar bis nach Italien.“

Seine Gesichtsmuskeln zuckten. „Das klingt, als würden Sie allein unterwegs sein. Begleitet Ihr Mann Sie nicht?“

Fast hätte sie ihm gesagt, dass ihn das gar nichts angehe. Doch der seltsame Ausdruck in seinen Augen hielt sie davon ab. „Ich bin geschieden“, gab sie steif zurück.

„Und es gibt keinen anderen Mann in Ihrem Leben? Keinen Partner, der Sie nach Frankreich begleitet?“

„Hören Sie, ich weiß wirklich nicht …“

„Wenn das nämlich so ist …“, unterbrach er sie, „… dann sehe ich keinen Grund, warum Sie nicht den Sommer auf Sizilien verbringen und meiner Tochter die Hilfe geben könnten, die sie so dringend benötigt. Sie erwähnten ja bereits, dass Sie Italien besuchen möchten, und Sizilien ist der schönste Teil von Italien. Wobei ich natürlich ein wenig voreingenommen bin. Schließlich ist Sizilien meine Heimat.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich ein wenig. Es war nicht unbedingt ein Lächeln. Aber der leichte Hauch von Humor in seinen Augen brachte Darcey von ihren feindseligen Gedanken ab. Offensichtlich war der Mann nicht komplett aus Eis.

„Sie sind Sizilianer?“

„Mit Leib und Seele.“

Mit einem Mal war sein Akzent viel stärker. Und zum ersten Mal seit er ihr Büro betreten hatte, hörte Darcey Emotionen in seiner Stimme. Er schien unheimlich stolz auf seine Herkunft zu sein.

„Ich wohne in einem Schloss, das einer meiner Vorfahren im dreizehnten Jahrhundert erbaut hat. Torre d’Aquila ist später renoviert worden und verfügt nun über sämtliche Annehmlichkeiten, die man sich nur vorstellen kann“, versicherte er ihr. Scheinbar hatte er ihren zweifelnden Gesichtsausdruck falsch interpretiert. „Sie würden es sehr bequem haben. Es gibt einen Pool, und zum Strand ist es auch nicht weit.“

Darcey schüttelte den Kopf. „Mr. Castellano, ich bin mir sicher, dass Ihr Schloss wunderschön ist. Aber ich habe gar nicht zugestimmt, nach Sizilien zu kommen. Erstens spreche ich kein Italienisch und bin gar nicht in der Lage, Rosa ihre Muttersprache beizubringen ….“

„Ich habe aus mehreren Gründen beschlossen, dass es für Rosa besser ist, wenn sie Englisch lernt“, unterbrach er sie. „Meine Frau war halbe Engländerin. Ich möchte, dass Rosa die Sprache ihrer Mutter lernt. Und James Forbes glaubt, dass sie nun, wo sie mit den Implantaten hören kann, ganz automatisch Italienisch lernen wird.“

„Gut möglich, ich kenne selbst Kinder mit CI, die zweisprachig aufwachsen. Aber ich finde, man sollte sich erst einmal darauf konzentrieren, Rosa eine Sprache beizubringen. James hat Ihnen sicher erklärt, dass das Erlernen von Sprache ein sehr langsamer Prozess ist, auch wenn Ihre Tochter nun hören kann. Sie wird viel Unterstützung und Geduld von ihrer Familie benötigen – und natürlich eine intensive Sprachtherapie.“

„Sie kann sich in britischer Zeichensprache verständigen. James sagte mir, dass auch Sie diese Sprache beherrschen.“ Salvatore lehnte sich über den Schreibtisch und fixierte Darcey. „James hat sich wirklich sehr lobend über Ihre Fähigkeiten geäußert. Aber was viel wichtiger ist, er sagt, Sie hätten ein besonderes Einfühlungsvermögen im Umgang mit diesen Kindern.“

„Meine Schwester hat als Kind nach einer Gehirnhautentzündung den Großteil ihres Hörvermögens verloren“, erklärte Darcey. „Als ich mitbekommen habe, wie sehr Mina am Anfang unter ihrer Taubheit gelitten hat, stand mein Berufswunsch fest. Ich wollte diesen Kindern helfen, damit sie ein besseres Leben führen können.“

Salvatore hörte die Emotionen in Darceys Stimme und spürte, dass sie weich wurde. Entschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen, zog er ein Foto seiner Tochter aus seiner Jacketttasche und reichte es ihr.

„Rosa ist sehr schüchtern. Sie ist viel allein, weil sie durch ihre Behinderung sehr unsicher im Umgang mit anderen Kindern ist. Ich hoffe, dass sie glücklicher und selbstbewusster wird, wenn sie sprechen kann. Und ich bin überzeugt, dass Sie ihr dabei helfen können, Darcey. James Forbes hat mir versichert, es gäbe niemand Besseren als Sie.“

Oh, mein Gott! Die Art, wie er ihren Namen aussprach, ließ ihr einen wohligen Schauer über den Rücken laufen. Seine dunklen Augen hatten etwas Hypnotisierendes, und seine Worte berührten sie. Außerdem hatte er recht. Sprechen zu können, war ein Geschenk. Zu viele Menschen nahmen es als selbstverständlich hin. Darcey dachte daran, wie Mina ihr anvertraut hatte, dass sie sich furchtbar einsam und ausgeschlossen fühlte, seit sie nicht mehr hörte.

Nachdenklich betrachtete sie das Bild des hübschen kleinen Mädchens mit den wilden dunklen Locken. Sie sah wie ein ganz normales fünfjähriges Kind aus. Erst als Darcey genauer hinsah, bemerkte sie den Anflug von Schmerz in ihren Augen, und ihr Herz wurde schwer.

Es konnte ja nicht schaden, sich die Kleine wenigstens einmal anzusehen und kurz zu untersuchen. Danach könnte sie sie an einen ihrer Kollegen überweisen, dessen Stelle ebenfalls gekürzt worden war. Er wäre sicher interessiert daran, mit Rosa zu arbeiten.

Es war Darcey nicht bewusst, dass Salvatore sie die ganze Zeit beobachtete. Sie hat wunderschöne Augen, stellte er fest. Sie waren von einem ungewöhnlichen Grün. Unwillkürlich musste er an einen funkelnden Smaragd denken. Es verblüffte ihn, dass sie ein gewisses Interesse bei ihm hervorrief. Es war lange her, seit ihn eine Frau das letzte Mal beeindruckt hatte. Der zarte Duft ihres Parfüms – eine sinnliche Mischung aus Jasmin und Rosen – berauschte seine Sinne. Sein Blick blieb an den goldenen Sommersprossen auf ihrer Nase und ihren Wangen hängen.

Ein wenig betroffen kniff er die Lippen fest zusammen, als er sich wieder an den Grund für seinen Besuch erinnerte. Seine Tochter brauchte einen Sprachtherapeuten. Und Ms Rivers hatte die besten Qualifikationen. Dass sie obendrein auch noch attraktiv war, spielte keine Rolle. Mit Frauen hatte er schon lange nichts mehr am Hut. Seine einsame Kindheit hatte ihn gelehrt, seine Gefühle zu kontrollieren. Und der Verlust seiner Erinnerung vor vier Jahren hatte diese emotionale Distanz zu Frauen noch verstärkt.

„Alles, worum ich Sie bitte, ist, mich zu meinem Haus hier in London zu begleiten, um Rosa kennenzulernen“, sagte er. „Und dann sehen wir weiter.“

Darcey biss sich auf die Lippe. „Es ist nicht so, dass ich Ihrer Tochter nicht helfen will, Mr. Castellano …“

„Gut“, fuhr er dazwischen. „Dann sollten wir uns jetzt am besten auf den Weg machen, damit Sie Rosa kennenlernen können.“ Er stand auf und sah auf Darcey herab, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. „Glauben Sie, dass Sie Ihre Nachmittagstermine verschieben könnten? Ich wäre Ihnen sehr verbunden …“

Dieser Mann war es scheinbar gewohnt, immer alles zu bekommen, was er wollte. Doch sie musste zugeben, dass seine Entschlossenheit sie beeindruckte. Und er setzte sich für seine Tochter ein, und zwar mit aller Macht.

„Ich … ich denke schon.“ Ihre Wangen röteten sich. „Allerdings habe ich bereits gepackt und werde am Freitag definitiv nach Frankreich fahren. Ich sehe also keinen Sinn darin, Ihre Tochter zu untersuchen, da ich sie ohnehin nicht langfristig behandeln kann.“

Ihre Blicke trafen sich, und Darcey zuckte zusammen.

„Hören Sie …“, beschwor er sie, „… ich spreche im Namen meiner Tochter. Denn Rosa kann ihre Gedanken, Hoffnungen und Ängste nicht in Worte fassen. Und ich glaube, Sie wissen, was das bedeutet.“

Er spielte mit ihrem Mitgefühl. Darcey wusste es. Und er hatte Erfolg damit. Ergeben hob sie die Hände. „Also gut. Ich komme mit, um Ihre Tochter zu sehen. Ich werde die Sprachtherapiestufe einschätzen, die sie benötigt, und den Fall dann an einen meiner Kollegen weiterleiten, wenn Sie das möchten. Aber ich warne Sie, Mr. Castellano – bilden Sie sich nur nicht ein, dass ich mit Ihnen nach Sizilien kommen werde!“

2. KAPITEL

„Lassen Sie nur, ich nehme meinen Wagen“, winkte Darcey ab, als sie neben Salvatore den Parkplatz überquerte. Trotz seines verletzten Beins konnte sie kaum mit ihm Schritt halten. Ihre Stiletto-Absätze klapperten auf dem Asphalt.

„Das ist nicht nötig. Wir müssen einmal quer durch London fahren. Ich bringe Sie nachher wieder zurück, damit Sie Ihren Wagen abholen können.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich kenne Sie nicht, Mr. Castellano. Und ich steige grundsätzlich nicht zu Fremden ins Auto.“

„Ich verspreche Ihnen, nicht auf dem Rücksitz über Sie herzufallen“, entgegnete Salvatore trocken.

Im Gehen warf er einen verstohlenen Blick auf die kleine Frau an seiner Seite und fragte sich, ob das Funkeln in ihren grünen Augen auf ein heißblütiges Temperament schließen ließ. Nach außen hin wirkte sie kühl und gefasst. Doch unter dieser Fassade schien ein explosives Bündel sexueller Energie zu stecken.

Stirnrunzelnd wandte er den Blick ab, irritiert von seinen eigenen Gedanken. „Sie können auch gern vorn neben meinem Chauffeur Platz nehmen.“

Durch die getönten Scheiben des Bentleys sah Darcey die Umrisse eines Fahrers hinter dem Lenkrad. Sie runzelte die Stirn. Dieser Mann musste eine Menge Geld haben.

„Und vielleicht sollte ich noch das Rätsel um meine Person lösen“, fuhr Salvatore fort und lächelte. „Damit ich kein Fremder mehr für Sie bin. Trinken Sie Wein?“

Überrascht sah sie zu ihm auf. „Gelegentlich. Mein Vater interessiert sich für guten Wein und hat eine große Weinsammlung.“

„Dann wird er sicher wissen, dass die Castellano-Weine die besten in ganz Sizilien sind.“ Er griff in seine Jackentasche und zog eine Visitenkarte heraus, die er ihr reichte.

Neugierig betrachtete Darcey das Logo auf der Karte – und erkannte es.

„Castellano-Wein! Natürlich! Ich kenne das Etikett der Weine aus Delikatessenläden. Mein Vater liebt diesen Wein. Er sagt, er sei das Beste, was Sizilien jemals hervorgebracht hat.“ Unsicher sah sie Salvatore an. „Und Sie arbeiten für das Unternehmen?“

„Es gehört mir“, entgegnete er knapp. „Jedenfalls gehören mir das Weingut, die Kellerei und ein Weinvertrieb unter dem Dach der internationalen Castellano-Gruppe. Seit mein Vater sich aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hat, teilen mein Zwillingsbruder und ich uns die Leitung des Unternehmens.“

Salvatore öffnete die hintere Tür des Bentleys.

„Und? Wo Sie jetzt alles über mich wissen, was Sie wissen müssen, nehmen Sie da mein Angebot an, Sie zu meinem Haus in Mayfair zu fahren?“

Darcey verarbeitete immer noch, was er ihr gerade erzählt hatte. Der Mann musste Multimillionär sein! Kein Wunder, dass er ein Haus im teuersten Stadtteil von London hatte.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich würde trotzdem lieber selber fahren.“ Denn das bedeutete, dass sie gehen konnte, wann immer sie wollte.

Salvatore kniff die Augen zusammen. Er war es nicht gewöhnt, dass man seine Angebote ausschlug. Und Darceys Eigensinnigkeit irritierte ihn.

„Ich folge Ihnen“, rief sie ihm zu, während sie in ihren Wagen stieg. Aber sagen Sie mir lieber noch Ihre Adresse, falls wir uns verlieren sollten. „Ich gebe sie in mein Navi ein.“

„Die Straße heißt Park Lane“, erklärte er. „Das ist in der Nähe von Marble Arch.“

Angestrengt riss er den Blick von ihrem Oberschenkel los, der beim Einsteigen unter dem hochgerutschten Rock zu sehen war. Den leichten Anflug sexuellen Interesses unterdrückte er energisch. „Übrigens sollten wir uns Rosa zuliebe besser duzen. Das macht es leichter für sie. Außerdem ist Darcey ein sehr hübscher Name.“

Darcey war das verräterische Funkeln in seinen Augen nicht entgangen. Es war ihr unangenehm.

„Mein Vater ist halb Ire und halb Franzose. Er hat den Namen für mich ausgesucht, weil er in beiden Ländern vorkommt.“

„Salvatore bedeutet Retter.“ Zu Darceys Überraschung lachte er verbittert, und für einen kurzen Moment sah sie einen höchst gequälten Ausdruck in seinem Gesicht, der sie erschreckte. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle.

„Ironischer könnte es nicht sein“, murmelte er mit leerem Blick.

Sie fragte sich, wovon er sprach. Doch bevor sie ihn danach fragen konnte, war er auch schon in den Bentley gestiegen und hinter den dunklen Scheiben aus ihrem Blickfeld verschwunden. Was für ein geheimnisvoller Mann. Und er ist das Letzte, was ich zwei Tage vor meinem Urlaub brauche, dachte Darcey, als sie ihren Mini startete und dem Bentley auf die Straße folgte. Seit Wochen träumte sie von goldenen Stränden, schmelzendem Brie-Käse auf knusprigem französischem Brot und Rotwein. Sie bereute ihre impulsive Entscheidung, Salvatores Tochter zu treffen, bereits. Doch als sie sich das Foto von Rosa in Erinnerung rief, konnte sie nicht anders, als tiefes Mitgefühl für das kleine Mädchen mit den traurigen Augen zu empfinden.

Der Londoner Verkehr zur Rushhour war wie immer chaotisch. Es dauerte nicht lange, und Darcey verlor den Bentley aus dem Blickfeld. Als sie schließlich im Schritttempo die Oxford Street am Hyde Park entlangfuhr und in die Park Lane bog, war sie viel zu sehr mit der Suche nach Salvatores Hausnummer beschäftigt, um die berühmten Londoner Sehenswürdigkeiten eines Blickes zu würdigen. Gleich darauf erspähte sie den Bentley, der vor einem beeindruckenden neoklassischen Herrenhaus parkte. Dankbar, dass ihr kleines Auto in jede Parklücke passte, zwängte sie sich in eine Lücke am Straßenrand und stieg aus dem Wagen.

Salvatore stand auf den Stufen vorm Haus und war in ein Gespräch mit einer aufreizend gekleideten Blondine mit beneidenswertem Dekolleté vertieft. Darcey sah an ihrer Körpersprache, dass sie stritten. Mit einem Mal wandte sich die Frau um und lief die Treppen hinunter, doch er war sofort an ihrer Seite und griff nach ihrem Arm.

Unsicher blieb Darcey am Wagen stehen und beobachtete die Szene. Sie wollte nicht mitten in den offensichtlichen Beziehungsstreit platzen. Endlich riss die Frau sich los und stieg in ein wartendes Taxi. Erst jetzt wagte Darcey es, auf das Haus zuzugehen.

Salvatore hatte sie bereits gesehen und kam ihr schnellen Schrittes entgegen. Seine maskuline Ausstrahlung wurde in keiner Weise durch die leichte Unregelmäßigkeit seines Gangs beeinträchtigt. Dieser Mann war einfach umwerfend, auch wenn sie es sich nicht eingestehen mochte.

„Vielleicht sollte ich besser wieder fahren“, stieß sie hervor, und ihr Herz pochte wild in ihrer Brust, als er vor ihr stehenblieb. Seit ihrer Scheidung vor achtzehn Monaten hatte sie nicht das leiseste Interesse an Männern verspürt. Und nun raubte ihr Salvatores potente Männlichkeit fast den Verstand.

Erstaunt hob er die Augenbrauen.

„Ich sah Sie … entschuldige, dich … mit deiner Freundin streiten und dachte mir, dass du ihr vielleicht nachfahren möchtest.“

„Das war nicht meine Freundin“, entgegnete er kühl. „Sharon war die Nanny meiner Tochter. Sie hat mir gerade mitgeteilt, dass sie entgegen unserer Vereinbarung nicht mit nach Sizilien kommen wird.“

„Und wer kümmert sich nun um Rosa?“

„Eins der Hausmädchen hat ein Auge auf sie.“

Darcey dachte daran, wie traurig Rosa sein musste. Wieder hatte sie jemand verlassen. Eine Frau, die vielleicht ein Mutterersatz für sie gewesen war. „Die arme Kleine“, murmelte sie leise.

In Salvatores dunklen Augen waren keinerlei Emotionen zu erkennen. „Es ist tatsächlich sehr bedauerlich, da Sharon außer mir die Einzige in unserem Haus war, die die Zeichensprache beherrscht.“ Er warf Darcey einen auffordernden Blick zu. „Aber komm doch erst mal herein, Darcey, und begrüße meine Tochter.“

Damit ging er zurück zum Haus, und nach kurzem Zögern folgte Darcey ihm. Der graue Marmor und die eleganten antiken Möbel in der Eingangshalle erinnerten an ein Fünf-Sterne-Hotel. Alles wirkte steril und unpersönlich. Sicher hatten die Innenausstatter ihr Bestes gegeben, und es war tatsächlich ein prachtvoll eingerichtetes Haus. Doch es wirkte ebenso kalt und ungemütlich wie sein Eigentümer.

Während sie die geschwungene Treppe hinauf in den ersten Stock gingen, sah Darcey Salvatore von der Seite an. „Das Haus ist wirklich überwältigend“, kommentierte sie höflich.

„Findest du? Für meinen Geschmack gibt’s hier viel zu viel kalten Marmor.“ Wieder hatte sich der verbitterte Unterton in seine Stimme geschlichen. „Mein Bruder hat das Haus damals für seine Familie gekauft. Doch sie leben jetzt auf Sizilien und kommen nur selten her. Ich habe es ihm abgekauft. Die meiste Zeit jedoch vermiete ich es an einen arabischen Scheich. Wir haben nur die letzten beiden Monate hier gewohnt, weil Rosa ihre Implantate in London eingesetzt wurden.“

Oben führte Salvatore Darcey einen langen Gang entlang und öffnete schließlich eine Tür. Als sie eintrat, fiel ihr sofort auf, dass jemand halbherzig versucht hatte, den Raum kinderfreundlich zu gestalten. Mit Postern von Feen an den Wänden und einem großen Puppenhaus in der Ecke. Eine Bewegung am Fenster erregte ihre Aufmerksamkeit. Ein kleines Mädchen glitt von der Fensterbank und kam quer durch das Zimmer auf sie zu gerannt.

Rosa war recht groß für ihr Alter und noch viel hübscher als auf dem Foto. Ihr lockiges Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Das Schönste an ihr jedoch waren ihre dunkelbraunen Augen mit den unendlich langen Wimpern. Ein winziger Kopfhörer an einem langen Kabel, das unter ihrem T-Shirt verschwand, war der einzige Hinweis auf ihre Hörbeeinträchtigung. Darcey wusste, dass von dem Kopfhörer ein weiteres Kabel magnetisch mit dem Implantat in ihrem Kopf verbunden war und sie in die Lage versetzte zu hören.

Rosas Augen strahlten beim Anblick ihres Vaters, doch als sie näher kam, wurde sie immer langsamer. Ihr unsicheres Lächeln traf Darcey bis ins Herz. Sie sah dem kleinen Mädchen an, dass es erwartete, vom Vater in die Arme geschlossen zu werden. Stattdessen tätschelte er ihr nur kurz den Kopf. Wie irgendein Onkel, der es nicht gewohnt war, Kinder um sich zu haben.

Warum nimmst du deine Tochter nicht in den Arm? wollte Darcey ihn fragen. Er schien das kurze Aufflackern von Schmerz in Rosas Augen gar nicht wahrzunehmen. Aber Darcey sah es, und es brach ihr fast das Herz.

Es erinnerte sie an ihre eigene Kindheit. An die vielen Male, wo sie sich von ihrem Vater abgelehnt gefühlt hatte. Joshua hatte nie absichtlich kühl sein wollen. Er war einfach nur zu oft mit sich selbst beschäftigt gewesen und bekam gar nicht mit, wie andere Menschen sich fühlten. Erst als sie älter wurde, hatte Darcey sein künstlerisches Temperament verstanden. Als Kind jedoch war sie unglaublich verletzt gewesen und hatte geglaubt, etwas falsch gemacht und ihren Vater verärgert zu haben.

Sie ging in die Hocke, um auf einer Höhe mit Rosa zu sein.

„Hallo, Rosa. Ich bin Darcey“, sagte sie sanft und kommunizierte die Worte gleichzeitig in Zeichensprache.

Hallo, antwortete Rosa – ebenfalls in Zeichensprache –, jedoch ohne einen Versuch zu sprechen. Dann sah sie zu ihrem Vater auf. Wo ist Sharon?

Salvatore zögerte, bevor er ihr signalisierte: Sie besucht einen Freund.

Wann kommt sie zurück?

Wieder zögerte er. Sie kommt nicht zurück.

Darcey sah, wie Rosas Unterlippe zu zittern begann, und warf Salvatore einen auffordernden Blick zu. Warum tröstete er seine Tochter nicht und versicherte ihr, dass er immer für sie da sein werde, auch wenn ihre Nanny nicht mehr wiederkam?

Stattdessen sagte er: Darcey ist hier, um mit dir zu spielen.

Oh, ja, schieb das Problem ruhig einem anderen zu, dachte sie und strafte ihn mit Blicken. Sie verstand einfach nicht, was sein Problem war. Offensichtlich war ihm sein kleines Mädchen wichtig, sonst würde er sich nicht so vehement für eine Therapie einsetzen. Aber er schien unfähig zu sein, seine Gefühle für sie zu zeigen.

Vielleicht war da auch einfach nichts. Vielleicht hatte er keine Gefühle. Darcey mochte gar nicht darüber nachdenken, was das für seine fünfjährige Tochter bedeutete, die ohnehin schon unter ihrer Taubheit und dem Verlust ihrer Mutter litt. Wenn ein Kind dringend auf die Liebe seines Vaters angewiesen war, dann war es Rosa. Doch Salvatore schien das nicht zu kümmern.

„Ich werde Rosa gründlich untersuchen müssen, um einschätzen zu können, welche Art von Sprachtherapie sie benötigt“, erklärte Darcey ihm. „Es sollte aber nicht länger als eine Stunde dauern.“ Als er zur Tür ging, runzelte sie die Stirn. „Ich hatte eigentlich angenommen, du würdest bei der Untersuchung dabei sein wollen.“

„Ich lasse dich lieber in Ruhe deine Arbeit machen und rufe die Agentur an, um einen Ersatz für Sharon zu organisieren.“ Salvatore verschwieg ihr, dass er gerade eine dringende Nachricht von seinem Bruder mit der Bitte um Rückruf erhalten hatte.

„Aber …“

„Es ist wahrscheinlich einfacher, mit Rosa zu arbeiten, wenn ich nicht dabei bin“, beendete er das Gespräch abrupt und wandte sich um, nicht ohne Darceys scharfen Blick aus dem Augenwinkel zu bemerken. Er wusste, dass sie nicht viel von ihm als Vater hielt. Und sie hat recht, dachte er grimmig und voller Schuldgefühle. Er war nicht der Vater, der er gern wäre. Er wusste einfach nicht, wie ein liebender Vater sich verhielt. Sein eigener Vater war immer distanziert gewesen. Und über seine Mutter wollte er gar nicht erst nachdenken.

Er war fünf gewesen, als Patti ihn gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Sergio verlassen hatte. Sie war mit ihm nach Amerika gegangen und hatte Salvatore bei seinem Vater zurückgelassen – ohne sich auch nur von ihm zu verabschieden. Salvatore hatte geglaubt, sie liebte nur Sergio und nicht ihn. Erst später hatte er erfahren, dass sie auch Sergio schlecht behandelt hatte und Alkoholikerin gewesen war.

Er wusste nicht, ob er erleichtert über das sein sollte, was er erfahren hatte oder nicht. So viele Jahre hatte er seine Mutter heimlich angebetet und geglaubt, er wäre es nicht wert, geliebt zu werden. Dieser Glaube steckte noch immer tief in ihm. Vielleicht war das der Grund, warum es ihm so schwerfiel, Gefühle zu zeigen.

Er wünschte, es wäre anders. Er wünschte, er könnte ein so liebender Vater für Rosa sein wie sein Bruder es für seinen Sohn Nico war. Doch ihn quälte noch immer der Gedanke, dass er schuld am Tod von Rosas Mutter war. Eines Tages würde Rosa die Wahrheit erfahren und ihn hassen.

Der vorwurfsvolle Blick in Darcey Rivers leuchtenden grünen Augen hatte ihn tief getroffen. „Ich bin in meinem Büro“, murmelte er. „Drück einfach die neun auf dem Telefon an der Wand, wenn du etwas brauchst, und einer meiner Mitarbeiter wird dir behilflich sein.“

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, musste Darcey ein Kopfschütteln unterdrücken. Salvatore zog es scheinbar vor, dass eine Nanny sich an seiner Stelle um sein Kind kümmerte. Und nun, da keine Nanny mehr da war, war sie an der Reihe. Es tat ihr weh, Rosas trauriges Gesicht zu sehen. Darcey zwang sich zu einem Lächeln und kniete sich neben das Mädchen. Dein Puppenhaus gefällt mir, wandte sie sich an Rosa. Wollen wir damit spielen?

Aus ihren dunklen Augen betrachtete Rosa sie für einige Sekunden. Sie hat die gleichen Augen wie ihr Vater, bemerkte Darcey. Doch sie wollte jetzt nicht an Salvatores attraktives Gesicht denken. Es ging ihr langsam auf die Nerven, dass sie sich von diesem kalten und rätselhaften Mann derart angezogen fühlte. Sie war aus rein beruflichen Gründen hier. Und sie war entschlossen, sich ausschließlich auf das kleine Mädchen zu konzentrieren, das sie schüchtern anlächelte.

Während der nächsten Stunde stellte Darcey fest, dass Rosa ein hochintelligentes Kind war. Sie beherrschte die Zeichensprache fast perfekt, doch sie wollte es nicht einmal versuchen zu sprechen. Darcey wusste nicht, ob sie es nicht konnte oder sich nur nicht traute. Das Kind würde sehr viel Zuspruch benötigen und musste eine Menge Selbstvertrauen entwickeln.

Die Tür zum Kinderzimmer öffnete sich, und Darcey sah über die Schulter in der Erwartung, dass Salvatore zurückgekehrt war. Doch stattdessen stand ein Butler in der Tür und informierte sie, dass es Abendbrotzeit für Rosa war.

„Mr. Castellano ist verhindert und bittet Sie, seine Tochter ins Esszimmer zu begleiten.“

Darcey blieb gar nichts anderes übrig, als zu nicken, nachdem Rosa ihre kleine Hand in ihre geschoben hatte und sie vertrauensvoll anlächelte.

In dem pompösen Esszimmer war nur ein einziger Platz am Ende eines langen Tischs gedeckt.

Isst dein Vater nicht mit dir zu Abend? erkundigte Darcey sich bei Rosa.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Papa isst später. Abends ist er immer in seinem Büro.

Wieder bedauerte Darcey das Mädchen, das trotz des größten Luxus um sie herum so allein und isoliert aufwuchs.

Bleibst du hier und spielst mit mir? signalisierte ihr Rosa, nachdem sie ihren Teller leer gegessen hatte.

Darcey realisierte, dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als dazubleiben und auf sie aufzupassen, während sie auf Salvatore wartete. Schließlich war sonst niemand da. Sie spielten noch eine Weile im Kinderzimmer, bis Darcey entschied, dass es Zeit für Rosa war, ins Bett zu gehen. Geschickt entfernte Rosa den kleinen Batteriekasten, den sie den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte, und das Gerät hinter ihrem Ohr.

Ich habe Angst im Dunklen, informierte sie Darcey, als diese die Vorhänge zuzog und die Nachttischlampe ausknipsen wollte. Lässt du das Licht an?

Darcey nickte. Sie erinnerte sich daran, wie Mina die Dunkelheit gehasst hatte, weil sie sich von allem abgeschnitten fühlte, wenn sie weder sehen noch hören konnte. Rosa erinnerte sie unglaublich an ihre kleine Schwester. Vielleicht hatte sie sich dem Mädchen darum sofort verbunden gefühlt. Doch während Mina mit der Unterstützung ihrer liebenden Eltern und Geschwister aufgewachsen war, hatte Rosa niemanden außer ihrem gefühlskalten Vater.

Er mochte der anziehendste Mann sein, der ihr je begegnet war, doch unter seiner Fassade war er keinen Deut besser als ihr egoistischer Exmann. Es war Zeit, dass jemand Salvatore Castellano mit ein paar unangenehmen Wahrheiten konfrontierte.

Salvatore stand schlechtgelaunt am Fenster seines Büros und sah auf die dunklen Silhouetten der Bäume im Hyde Park. Nachdem er mit seinem Bruder gesprochen hatte, hatte er permanent telefoniert. Auf einem der Weingüter hatte es einen Großbrand gegeben. Es war so viel zu organisieren gewesen, dass er die Zeit dabei vollkommen vergessen hatte. Es tat ihm leid, dass er Rosa so lange allein gelassen hatte, doch eines der Zimmermädchen hatte ihn informiert, dass Darcey sie bereits ins Bett gebracht hatte.

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Jetzt war sie sicher vollends überzeugt, dass er ein Rabenvater war. Die Wahrheit jedoch war viel komplizierter. Er liebte seine Tochter von ganzem Herzen. Aber mit Liebe hatte er nicht viel Erfahrung. Und er hatte schlicht und einfach keine Ahnung, was er tun musste, um Rosa näher zu kommen.

Schmerzerfüllt schloss er die Augen. Hinter seiner Stirn pochte es. Die Migräne, die ihn seit dem Autounfall vor vier Jahren regelmäßig heimsuchte, plagte ihn in letzter Zeit immer öfter. Es war kein Wunder, dass die Kopfschmerzen direkt nach dem Telefongespräch mit Sergio eingesetzt hatten. Er hatte von seinem Bruder erfahren, dass sein alter Freund Pietro bei dem Brand ums Leben gekommen war. Der ältere Winzer hatte bei dem Versuch, das Feuer zu löschen, einen Herzinfarkt erlitten. Pietro war für ihn wie ein Vater gewesen. Sobald Salvatore in den Schulferien aus dem Internat nach Hause gekommen war, war er zuerst zu Pietro gelaufen, um ihm hallo zu sagen. Salvatores Vater Tito war immer viel zu beschäftigt gewesen in seinem Büro und hasste es, gestört zu werden.

Es war eigenartig, dass er sich so gut an seine Kindheit erinnerte, jedoch an nichts im Zusammenhang mit dem Unfall. Was war passiert, nachdem er sich an jenem Abend hinter das Steuer gesetzt und mit Adriana von der Party nach Hause fahren wollte? Seine Erinnerung setzte erst an der Stelle wieder ein, wo er im Krankenhaus aufgewacht war und man ihm mitgeteilt hatte, seine Frau sei gestorben, als der Wagen auf einer Bergstraße außer Kontrolle geraten und einen Abhang hinuntergestürzt sei.

Der Arzt hatte ihm gesagt, er könne froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein. Sein Gedächtnisverlust sei eine Art Verdrängungsmechanismus und psychisch bedingt. Damit wolle er die grausame Tatsache, dass er am Tod seiner Frau schuld sei, ausblenden.

Wieder einmal spürte Salvatore das vertraute frustrierende Gefühl, dass er jedes Mal empfand, wenn er versuchte, sich an den Unfall und seine Ehe zu erinnern. Es war einfach unfassbar, dass er eine Frau geheiratet hatte, die ihre gemeinsame Tochter zur Welt gebracht hatte und doch so gut wie keine Erinnerung an ihre Beziehung hatte. Seine Schwiegermutter hatte im gesamten Schloss Bilder von Adriana aufgehängt. Doch wenn er seine verstorbene Frau auf diesen Bildern ansah, spürte er keinerlei Verbindung zu ihr.

Der Spezialist meinte, es sei wahrscheinlich, dass sein Erinnerungsvermögen irgendwann zurückkäme. Bis dahin jedoch fühlte Salvatore sich wie eingesperrt – an einem dunklen Ort ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, unfähig, sich selbst zu verzeihen.

Ein leises Klopfen drang an sein Ohr, und er wandte sich zur Tür. Auf sein Herein betrat Darcey den Raum. Und wieder überraschte ihn seine heftige körperliche Reaktion auf diese Frau. Vorhin, in ihrem Büro, hatte er die sexuelle Chemie zwischen ihnen ignoriert. Aber jetzt konnte er sich ihrer Anziehungskraft kaum entziehen.

Auf seinem Gesicht jedoch war nichts von diesen Gefühlen abzulesen. „Schläft Rosa?“, erkundigte er sich.

„Interessiert dich das wirklich?“ Ihre grünen Augen funkelten vor Wut. „Deine Tochter ist vor einer knappen Stunde ins Bett gegangen und hat noch ewig wach gelegen in der Hoffnung, du würdest kommen und ihr eine gute Nacht wünschen.“

„Das tut mir leid.“ Salvatores Augen waren angesichts von Darceys Standpauke schmal geworden. „Ich musste mich um einige sehr wichtige Angelegenheiten kümmern.“

„Du kannst dich bei Rosa entschuldigen, nicht bei mir!“ Salvatore schien sich nicht einmal darüber bewusst zu sein, wie sehr sein kleines Mädchen ihn brauchte. Fassungslos starrte sie ihn an und wünschte, sie könnte seine intensive männliche Ausstrahlung einfach ignorieren. Er hatte sein Jackett ausgezogen und die Hemdsärmel hochgekrempelt. Alles an diesem Mann war gefährlich attraktiv. Aber sie suchte weder Gefahr noch Aufregung – sie suchte überhaupt keinen Mann. Und schon gar keinen, der ihr ihre eigene Weiblichkeit derart bewusst machte.

„Was kann schon wichtiger sein als deine eigene Tochter? Wie kannst du sie so viele Stunden einer völlig Fremden überlassen?“, fuhr sie ihn an. Sie wollte nur noch hier raus. Und sie wusste, dass sie sich nicht von ihrem Mitleid für Rosa überrollen lassen durfte. Das Einzige, was sie sicher wusste, war, dass sie weg musste von Salvatore Castellano. „Das arme Ding hat keine Mutter – und wie ich das sehe auch keinen Vater!“

Ihre Worte trafen Salvatore als hätte sie ihn geschlagen. Er war es nicht gewohnt, kritisiert zu werden. Und es irritierte ihn, dass er das Bedürfnis verspürte, sich vor Darcey zu rechtfertigen.

„Ich sage Rosa normalerweise jeden Abend gute Nacht, aber wie gesagt, heute Abend ist mir etwas dazwischen gekommen.“ Er erzählte Darcey von dem Brand, dem Tod von Pietro und dem Chaos, das der Zwischenfall auf seinen Weingütern in Sizilien ausgelöst hatte. „Ich hab Rosa nicht vergessen, aber ich gebe zu, ich habe die Zeit aus dem Blick verloren.“

Müde strich er sich mit der Hand durchs Haar, und Darcey bemerkte die tiefen Ringe unter seinen Augen. Er verbarg seine Emotionen sehr gut. Trotzdem spürte sie, dass er sich große Sorgen um die bei dem Brand verletzten Arbeiter machte.

„Die Agentur, die mir Sharon vermittelt hat, hat keine andere Nanny, die Gebärdensprache kann. Ich hatte noch keine Zeit, andere Agenturen zu kontaktieren. Danke, dass du so lange da warst und auf Rosa aufgepasst hast. Darf ich dich dafür zum Abendessen einladen? Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“

„Nein, danke“, schnappte Darcey. „Ich muss gehen.“ Die Vorstellung, auch nur fünf Minuten länger mit Salvatore verbringen zu müssen, erfüllte sie mit Panik. Seine Erklärungen ergaben Sinn, doch sie spürte, dass es Probleme in der Beziehung zu seiner Tochter gab, die sie nicht verstand.

Ohne ein weiteres Wort eilte sie aus dem Büro zurück in die Eingangshalle, wo ihr Laptop und ihre Jacke auf einer Bank lagen. Als sie gerade die Tür nach draußen öffnen wollte, stoppte Salvatores Stimme sie.

„Kannst du es wirklich mit deinem Gewissen vereinbaren, Rosa ihrem Schicksal zu überlassen?“

„Sie ihrem Schicksal überlassen? Ich?“ Wutentbrannt wirbelte sie herum. „Und das kommt ausgerechnet von ihrem Vater, der weder Zeit noch Lust hat, sich mit seiner Tochter zu beschäftigen. Der das lieber seinem Personal überlässt. Ich glaube nicht, dass ich ein schlechtes Gewissen haben muss!“

Noch während sie sprach, musste Darcey zugeben, dass ihr Gewissen sie stärker plagte, als ihr lieb war. Sie hatte noch immer das Bild von Rosas vertrauensvollem Gesichtsausdruck vor sich, als sie sie vorhin zugedeckt hatte.

„Ich habe alle Unterlagen zusammengestellt, die du benötigst, um einen Sprachtherapeuten zu finden, der bereit ist, nach Sizilien zu kommen.“

„Meine Tochter hat bereits eine Beziehung zu dir aufgebaut.“

„Ich nehme an, das hast du von deinem Butler erfahren?“, gab sie mit ironischem Unterton zurück. Zwar verfehlten seine Worte ihre Wirkung nicht, doch sie versuchte, sich nicht von ihm einwickeln zu lassen.

„Nein, ich habe selbst gesehen, dass Rosa dich mag.“

Salvatore zögerte. Und zu Darceys Überraschung flackerten für einen kurzen Moment Emotionen in seinem Blick.

„Ich habe euch vorhin beim Abendessen beobachtet. Ich wollte mich eigentlich dazu setzen, aber ihr schient euch so gut zu verstehen. Da wollte ich nicht stören …“

Überrascht sah Darcey ihn an. „Du hättest ruhig dazu kommen können.“

„Ich hatte den Eindruck, dass Rosa sich wohlgefühlt hat mit dir und wollte euer Gespräch nicht unterbrechen.“

In Wahrheit war er eifersüchtig gewesen. Eifersüchtig, weil seine kleine Tochter mit dieser fremden Frau lachte und Spaß hatte. Rosa lachte nur selten. Zumindest lachte sie in seiner Anwesenheit nie. Wirklich glücklich schien sie nur zu sein, wenn sie mit ihrem Cousin Nico spielte.

Salvatore wünschte, er könnte die Distanz zu seiner Tochter irgendwie überwinden. Je älter sie wurde, desto größer wurde die Kluft zwischen ihnen. Er wusste einfach nicht, wie er sie erreichen konnte. Und wenn er ganz ehrlich war, musste er zugeben, dass er es unglaublich schwierig fand, ihre Taubheit zu akzeptieren. Insgeheim gab er sich die Schuld an ihrer Behinderung.

Darcey konnte ihr helfen. Und nicht nur das, ihre Anwesenheit würde Rosa gut tun. Sie schien einen guten Draht zu Kindern zu haben. Er musste diese Frau einfach überzeugen, nach Sizilien zu kommen.

„Rosa braucht dich.“

Darcey zögerte. Salvatore wusste, dass sie kurz davor war, ja zu sagen. Sein Blick glitt zur Tür. Der Butler stand im Türrahmen.

„Das Abendessen für Sie und Ihren Gast ist angerichtet, Sir.“

„Danke, Melton. Ms Rivers und ich kommen sofort“, entgegnete Salvatore ruhig.

3. KAPITEL

„Es ist mein Fehler, dass du so lange bleiben musstest, und ich möchte dir wenigstens ein Essen anbieten. Es ist schon spät, und du hast doch sicher Hunger“, sagte Salvatore und sprach schnell weiter, als er sah, dass Darcey ablehnen wollte. „Außerdem ist mein Koch Franzose und sehr temperamentvoll. Wenn ich ihn verärgere, serviert er mir zum Frühstück Froschschenkel.“

Sie musste ein Lachen unterdrücken. Es erstaunte sie, dass Salvatore offensichtlich Sinn für Humor hatte. Und sie war hin und hergerissen. Einerseits wollte sie gehen, was am vernünftigsten wäre. Andererseits wollte sie Rosa helfen.

Während sie noch überlegte, hatte Salvatore bereits die Tür zum Esszimmer geöffnet.

„Komm, das Essen steht schon auf dem Tisch“, forderte er sie auf.

Er klang mit einem Mal ganz freundlich. Die unerwartete Wärme in seiner Stimme ließ Darceys Widerstand schmelzen.

Kaum hatte sie im Esszimmer Platz genommen, erschien auch schon der Butler, um duftende französische Brühe zu servieren. Das pikante Aroma machte ihr bewusst, wie hungrig sie tatsächlich war. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, seit sie ihr Sandwich zum Mittagessen gegessen hatte.

Den Wein lehnte sie dankend ab und entschied sich für Wasser. Zu ihrer Überraschung trank auch Salvatore keinen Wein. Leider war er nicht gerade der gesprächigste Gastgeber. Angestrengt suchte sie nach einem Gesprächsthema und fragte ihn nach seiner Tätigkeit als Weinhändler. Doch er antwortete nur einsilbig. Der Brand schien ihn immer noch sehr zu beschäftigen. Darcey ahnte, dass es sehr schwierig werden würde, ihn dazu zu bringen, mehr mit seiner Tochter zu sprechen.

Es war geradezu eine Erleichterung, als der Butler kam, um den Hauptgang zu servieren. Lachs mit Kräuterpanade und neue Kartoffeln. Als sie nach Messer und Gabel griff, bemerkte sie, dass beides aus Silber war – passend zum Tischleuchter in der Mitte. Versonnen sah sie sich im übrigen Raum um und bemerkte ein auffallend schönes Gemälde an der Wand.

„Ist das etwa ein Original-Monet?“, erkundigte sie sich neugierig. Sie hatte vor Kurzem in der Zeitung gelesen, dass ein Bild von Monet für mehrere Millionen Pfund verkauft worden war.

Salvatore warf einen flüchtigen Blick auf das Bild an der Wand. „Ja, das ist es.“

Nun war Darceys Interesse geweckt. Wenn der Mann sich für Kunst interessierte, steckte unter der harten Fassade vielleicht doch etwas Menschliches.

„Bist du ein Kunstliebhaber?“

„Ich interessiere mich eher aus Investitionsgründen für Kunst.“

Sie verzog den Mund. „Interessieren dich Dinge grundsätzlich nur, wenn dabei Geld für dich rausspringt?“

„Geld regiert die Welt“, gab er knapp zurück. „Und wo wir gerade von Geld sprechen …“ Er kritzelte etwas auf ein Stück Papier und schob es ihr über den Tisch zu. „Das ist der Betrag, den ich bereit bin zu zahlen, wenn du mit nach Sizilien kommst.“

Als sie die völlig unangemessen hohe Summe auf dem Scheck sah, blieb Darcey fast das Herz stehen.

„Ich hoffe, das ist ein ausreichender Ausgleich dafür, dass du auf deinen Urlaub verzichtest. Das Geld kannst du sicher gut für den Aufbau deiner privaten Praxis brauchen.“

„Das schon …“, murmelte sie. Wenn sie das Geld nähme, bräuchte sie keinen Kredit von der Bank. Und sie könnte mindestens ein Jahr lang Urlaub machen. „Du scheinst ja große Erwartungen in mich zu setzen.“

„Ich vertraue James Forbes’ Urteil – und natürlich habe ich deine Qualifikationen vorher überprüfen lassen.“

Er glaubte tatsächlich, sie sei käuflich! Schließlich bekam er mit seinem Geld sonst auch immer alles, was er wollte. Sie konnte Rosa nicht einem solchen Menschen überlassen. Einem Vater, der überhaupt keine Gefühle für sie hatte.

„Du hast wirklich keine Ahnung“, stieß sie hervor, griff nach dem Scheck und zerriss ihn vor seinen Augen.

Salvatore war enttäuscht. Warum hatte er geglaubt, Darcey wäre anders als die unzähligen Frauen vor ihr, die sich von seinem Reichtum hatten verführen lassen? Er ärgerte sich über sich selbst. Nachdem sie den Monet an der Wand entdeckt hatte, versuchte sie nun, so viel wie möglich für sich herauszuholen.

„Wie viel willst du?“, erkundigte er sich kühl.

„Weißt du was, du kannst dir dein Geld sonst wo hinstecken!“

Verunsichert sah er sie an. „Was meinst du?“

„Glaubst du wirklich, du musst nur ein paar Scheine auf den Tisch legen, und die Welt ist wieder in Ordnung? Dein Geld nützt dir überhaupt nichts! Damit lernt Rosa nicht sprechen. Was sie braucht, ist Zeit, Geduld und liebevolle Unterstützung – und zwar nicht nur von einem Therapeuten“, rief sie aufgebracht. „Sie braucht diese Dinge von dir!“

Sein verschlossener Gesichtsausdruck sagte mehr als tausend Worte. Innerlich seufzte Darcey und verabschiedete sich von ihrem Traumurlaub in Frankreich. Sie hatte eine Aufgabe. Und ihr Gewissen hätte es ohnehin nicht zugelassen, Rosa sich selbst zu überlassen.

„Ich komme mit nach Sizilien.“ Sie sah die Überraschung in seinem Gesicht und fuhr fort. „Alles, was ich verlange, ist eine Summe, die meinem normalen monatlichen Gehalt als Sprachtherapeutin entspricht. Mehr nicht. Ich bin bereit, in deinem Schloss zu wohnen und mit Rosa drei Monate lang eine intensive Sprachtherapie zu machen. Dann werde ich euch helfen, einen Therapeuten zu finden, der sie langfristig betreut. Ende September muss ich wieder in London sein. Das sind meine Bedingungen“, schloss sie.

„Was ist Ende September?“

„Das hat persönliche Gründe.“

Fast hätte Darcey ihm gesagt, warum sie Ende des Sommers wieder in London sein musste. Doch sie wollte nicht, dass er es wusste. Bisher hatte sie nur schlechte Erfahrungen damit gemacht, wenn die Leute erfuhren, dass sie ein Spross der berühmten Schauspielerfamilie Hart war. Das beste Beispiel dafür war ihr Exmann.

Sofort hatte sie wieder die Bilder vor Augen: Marcus mit einer nackten Frau in ihrem Bett! Er hatte nicht einmal den Anstand gehabt, betroffen zu wirken. Später hatte er ihr glatt ins Gesicht gesagt, er habe sie nur geheiratet, um Joshua Harts Schwiegersohn zu werden und seine eigene Schauspielerkarriere voranzutreiben.

In den eineinhalb Jahren seit ihrer Scheidung war ihr Schmerz über Marcus’ Betrug langsam erträglicher geworden. Aber eines hatte Darcey sich geschworen: Sie würde nie wieder so naiv sein.

„Ich werde wegen des Brands früher als geplant nach Sizilien zurückkehren“, erklärte Salvatore. „Meinst du, du schaffst es, bis morgen Mittag fertig zu sein? Wir fliegen mit meinem Privatjet. Gib mir deine Adresse, und ich schicke dir morgen einen Wagen vorbei.“

Dieser Mann ließ sich durch nichts aufhalten, dachte Darcey entnervt. Sie schüttelte den Kopf. „Ich muss noch einiges erledigen. Dafür brauche ich mehr Zeit. Ich werde selbst einen Flug buchen und am Wochenende nachkommen.“

Es störte Salvatore, dass er mit Darcey offensichtlich über jedes Detail erst diskutieren musste. „Mir würde es besser passen, wenn du morgen mitkommst.“

Hätte sie sein großzügiges finanzielles Angebot angenommen, hätte er mehr Macht über sie. Er konnte immer noch nicht fassen, dass sie den Scheck einfach zerrissen hatte. Ihm war deutlich bewusst, dass er nun nicht so über sie verfügen konnte, wie er es gern gewollt hätte. Und sie wusste das auch. Das war eine neue Situation für ihn, die er nicht mit Geld...

Autor

Chantelle Shaw
Chantelle Shaw ist in London aufgewachsen. Mit 20 Jahren heiratete sie ihre Jugendliebe. Mit der Geburt des ersten Kindes widmete sie sich ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter, ein Vollzeitjob, da die Familie bald auf sechs Kinder und verschiedene Haustiere anwuchs.

Chantelle Shaw entdeckte die Liebesromane von Mills & Boon,...
Mehr erfahren
Jacqueline Baird
Wenn Jacqueline Baird nicht gerade an einer Romance schreibt, dann liest sie viel und spielt gern Karten. Falls das Wetter es erlaubt, schwimmt sie häufig im Meer und bedauert, dass sie seit einer schweren Knieverletzung nicht mehr Segeln kann. Zwar ist sie dadurch zu einem „Leben an Land“ verurteilt, aber...
Mehr erfahren
Kathryn Ross
Kathryn Ross wurde in Afrika geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in England und Irland. Eigentlich ist sie ausgebildete Therapeutin, aber die Liebe zum Schreiben war stärker, und schließlich hängte sie ihren Beruf an den Nagel. Als Kind schrieb sie Tier- und Abenteuergeschichten für ihre Schwester und Freundinnen. Mit...
Mehr erfahren