Julia Extra Band 477

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DER GEFÄHRLICHE PLAN DES GRIECHISCHEN MILLIARDÄRS von TRISH MOREY
Der charismatische griechische Milliardär Alexios weckt unbändige Leidenschaft in Athena. Nach einer Nacht der Sinnlichkeit in seinem Luxusanwesen auf Santorin muss sie jedoch eine schockierende Entdeckung machen: Ihr Traummann hat sie nicht aus Liebe verführt, sondern aus Rache!

SÜSSER ALS DER DUFT DER ZITRONENBLÜTEN von NINA MILNE
"Heirate mich!" Prinz Stefan schlägt der hübschen Holly spontan eine Vernunftehe auf Zeit vor - nur so ist ihm sein Erbteil an einer malerischen Zitronenplantage sicher! Ein Fehler? Obwohl es ein rein geschäftliches Arrangement sein soll, prickelt es bald gefährlich erregend …

FLIRTE NIEMALS MIT DEM BOSS! von ALLY BLAKE
Ausgerechnet der sexy Anzugträger, mit dem Evie morgens im Zug flirtet, stellt sich als ihr neuer Boss Armand Debussey heraus. Gegen jede Vernunft lässt sie sich zu heißen Küssen verleiten - prompt zeigt er ihr danach die kalte Schulter. Verbirgt er womöglich etwas vor ihr?

HEIMLICHE KÜSSE MIT DEM SCHEICH von SHARON KENDRICK
Eine letzte Nacht der Lust will Scheich Zuhal mit seiner heimlichen Ex-Geliebten Jasmine verbringen, bevor er der Pflicht gehorcht und eine standesgemäße Prinzessin heiratet. Doch als er Jasmine wiedersieht, macht sie ihm ein Geständnis, das seine Welt auf den Kopf stellt …


  • Erscheinungstag 07.01.2020
  • Bandnummer 477
  • ISBN / Artikelnummer 9783733714772
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Trish Morey, Nina Milne, Ally Blake, Sharon Kendrick

JULIA EXTRA BAND 477

TRISH MOREY

Der gefährliche Plan des griechischen Milliardärs

Milliardär Alexios Kyriakos verführt die bildschöne Athena nur zu einer Nacht der Lust, weil sie die Tochter seines Erzfeindes ist! Doch sein leidenschaftlicher Racheplan hat ungeahnte Folgen …

NINA MILNE

Süßer als der Duft der Zitronenblüten

Soll Holly es wagen, Prinz Stefan zu heiraten? Wenn sie ihr Erbe behalten will, hat sie keine Wahl. Aber er sieht ihre Ehe als geschäftliches Arrangement – während sie sich heimlich nach ihm verzehrt …

ALLY BLAKE

Flirte niemals mit dem Boss!

Die süße Evie weckt ungeahnt sinnliche Sehnsucht in Selfmade-Milliardär Armand Debussey. Trotzdem sollte er sich von ihr fernhalten – denn er will nie wieder einen geliebten Menschen verlieren!

SHARON KENDRICK

Heimliche Küsse mit dem Scheich

Jasmines Herz schlägt höher, als ihr sexy Ex-Geliebter Scheich Zuhal überraschend bei ihr auftaucht. Doch statt endlich die magischen drei Worte zu sagen, macht er ihr ein unerhörtes Angebot …

PROLOG

Unternehmer Stavros Nikolides plötzlich und unerwartet verstorben.

Beim Lesen dieser Online-Meldung ballte Alexios Kyriakos unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Sein Vater hatte zu diesem Mann aufgeschaut, ihm blind vertraut, und Stavros hatte dieses Vertrauen schamlos ausgenutzt. Er hatte Alexios’ Vater hintergangen und sein Leben zerstört.

Nun hatte der Mann also das Zeitliche gesegnet. Während einer feuchtfröhlichen Champagnerparty mit seiner leicht bekleideten Geliebten an Bord seiner Luxusjacht hatte er einen tödlichen Herzinfarkt erlitten.

Alexios stand auf, ging zur Fensterfront seines Büros und ließ geistesabwesend den Blick über die Akropolis mit dem Parthenon schweifen.

Endlich hatten die Götter sich gerächt. Der Mann war tot. Damit sollte das Kapitel abgeschlossen sein.

Aber das war es nicht.

Alexios fühlte sich um die Gelegenheit betrogen, selbst Rache zu nehmen. Dabei war er fast am Ziel gewesen. Oh, es war so verdammt ungerecht! Wie sehr hatte er sich darauf gefreut, Vergeltung zu üben für das, was Stavros Nikolides seinem Vater angetan hatte. Auf dem Totenbett hatte er seinem alten Herrn versprochen, dem verhassten Widersacher das Handwerk zu legen. Zehn Jahre lang hatte er unermüdlich darauf hingearbeitet. Nun hatten die Götter ihn um die Früchte seiner harten Arbeit gebracht.

Frustriert betrachtete er das Panorama der Stadt. Trotz der fast unerträglichen Hitze in Athen waren viele Touristen unterwegs, um die historischen Sehenswürdigkeiten mit eigenen Augen anzuschauen – die Akropolis, den Parthenon, den Tempel der Athena Nike …

Athena. Alexios stutzte. Da war doch etwas …

Wie elektrisiert kehrte er zum Schreibtisch zurück und scrollte den Artikel hinunter bis zu den Fotos. Eins war extrem unscharf und zeigte sie in einem winzigen Bikini auf einer vor der Amalfiküste ankernden Jacht. Offensichtlich war die Aufnahme mit einem Teleobjektiv geschossen worden. Das andere Bild zeigte sie beim Verlassen des Leichenschauhauses. Dorthin hatte man den Leichnam ihres Vaters gebracht. Sie trug eine Sonnenbrille und wirkte sehr mitgenommen, als sie sich einen Weg zwischen den Reportern hindurchbahnte, die sie bedrängten, um ein Statement zu erhalten.

Athena Nikolides, siebenundzwanzig Jahre alt und das Produkt von Stavros Nikolides’ kurzer Ehe mit einem australischen Model, das es zur Schauspielerin gebracht hatte. Zweifellos war Athena nun die Alleinerbin eines stattlichen Vermögens, das ihr Vater durch unrechtmäßige Machenschaften zusammengerafft hatte.

Athena Nikolides.

Bildschön wie ihre Mutter, reich wie ihr Vater.

Da hatte er seine Rache …

1. KAPITEL

Wie in Trance saß Athena in einem Café in Thera. Nur am Rande nahm sie wahr, dass ihr der bestellte Kaffee gerade serviert worden war. Sie hatte auch keinen Blick für die Caldera von Santorin oder das in der strahlenden Septembersonne glitzernde Meer weit unter ihr.

Nein, sie hatte nur Augen für die Beiboote der drei Kreuzfahrtschiffe. Das ständige Hin und Her der kleinen Boote, auf denen die Passagiere nach einem abwechslungsreichen Tagesausflug zurück zu den Schiffen befördert wurden, wirkte hypnotisierend auf Athena.

Auf Eseln waren die Touristen die steilen Hänge hochgeritten und hatten danach die kleinen, an die Felsen geschmiegten pittoresken Orte mit den engen Kopfsteinpflastergassen besucht.

Tief atmete Athena die salzige Meeresbrise ein und kam langsam zur Ruhe. Die Kopfschmerzen, die sie seit dem Termin in der durchgestylten Kanzlei der Anwälte ihres Vaters in Athen geplagt hatten, ließen allmählich nach.

Noch immer stand sie unter Schock. Daher war es ihr besonders schwergefallen, den in schnellem Griechisch vorgetragenen rechtlichen Ausführungen der Anwälte zu folgen. Zwar beherrschte sie die Muttersprache ihres Vaters in Wort und Schrift, hatte sogar ihren Universitätsabschluss auf Griechisch gemacht und konnte sich fließend unterhalten, aber das hieß noch lange nicht, dass sie sich auch mit der juristischen Terminologie auskannte.

Ihr schwirrte der Kopf, und sie befürchtete, die Anwälte gründlich missverstanden zu haben. Schließlich hob sie die Hand, um den Redeschwall aufzuhalten und zu erklären, dass sie nicht verstanden hatte, worauf die Rechtsanwälte hinauswollten.

Endlich erbarmte sich einer der Herren und wechselte ins Englische.

„Es ist ganz einfach, Athena. Ihr Vater hat alles Ihnen hinterlassen. Sein gesamtes Vermögen. Jeden einzelnen Euro. Sie sind seine Alleinerbin.“

Auch auf Englisch ergab das für sie keinen Sinn. Als sie die Kanzlei nach einer Stunde wieder verlassen hatte, konnte Athena noch immer nicht begreifen, dass ihr Vater sie zu einer der reichsten Frauen Griechenlands gemacht hatte. Wieso? Er hatte sie doch enterbt, als sie noch ein Teenager gewesen war. Und plötzlich gehörte ihr sein gesamtes Vermögen: ein Haus in Athen, eine Luxusjacht mit Hubschrauberlandeplatz und – zur Krönung des Ganzen – eine Insel namens Argos in der Ägäis.

Noch immer völlig überwältigt griff Athena nach der Kaffeetasse und leerte sie in einem Zug.

Ein alter Mann führte gerade einige Esel am Café vorbei. Die Tiere wirkten erschöpft. Kein Wunder, hatten sie doch den ganzen Tag lang die Passagiere der vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffe den steilen gepflasterten Weg zum Vulkankegel hinauf- und wieder hinuntergetragen. Die armen Kreaturen, dachte Athena mitleidig.

Aber die wunderschöne Kykladeninsel Santorin mit ihrer durch mehrere Vulkanausbrüche entstandenen Kesselform, dem unglaublich blauen, endlos tief erscheinenden Meer, das den Krater füllte, mit den von Vulkanasche dunkel gefärbten Klippen, den um den Krater herum erbauten strahlend weißen Häusern und den spektakulären Sonnenuntergängen zog Touristen nun einmal geradezu magisch an.

Auch Athena liebte diese Insel, nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer historischen Bedeutung und der Wetterphänomene. Manchmal war der Wind so stark, dass man Angst hatte, in den Krater geweht zu werden.

Genau dieses Gefühl empfand Athena gerade. Herausgerissen aus ihrem alten Leben und herumgewirbelt in einem mächtigen Sturm.

Es war die richtige Entscheidung gewesen, nach Santorin zu kommen. Umgeben von den Naturgewalten kehrte sie langsam wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Wohin hätte sie auch sonst reisen sollen? Zurück nach Melbourne? Dort war sie nach der Scheidung ihrer Eltern aufgewachsen, dort hatte sie noch alte Schulfreunde. Oder zu dem kleinen Dorf, aus dem ihr Vater stammte? Sie hatte es nur ein einziges Mal besucht – als Kind. Freunde und Verwandte hätten sie herzlich begrüßt, sich um sie gesorgt. Das wäre sicher sehr schön gewesen, hätte sie jedoch zu sehr abgelenkt. Zunächst musste sie erst einmal in Ruhe über alles nachdenken. Auf dieser magischen Insel inmitten der Ägäis konnte sie das ungestört tun.

„Darf ich?“

Der Klang der angenehm tiefen Männerstimme weckte Athenas Interesse. Normalerweise hätte sie nur mit einer einladenden Handbewegung auf die Frage reagiert.

Die Stimme passt zu ihm, stellte sie einen Moment später fest. Der Mann sah fantastisch aus: groß, südländischer Teint, markantes Kinn, dichte dunkle Locken. Und dann diese Augen – dunkel, umrahmt von langen schwarzen Wimpern. Sein intensiver Blick ging ihr durch und durch.

Als der Mann sie anlächelte, wurde ihr bewusst, dass sie seine Frage, ob er sich zu ihr setzen dürfte, noch nicht beantwortet hatte.

„Ja, natürlich.“

Sofort nahm er neben ihr Platz. Dabei streifte er ihren Oberschenkel mit seinem, und die Berührung entfachte ein Feuer in Athena. Schnell rückte sie von ihm ab und atmete tief durch.

„Sie mögen Ihren Kaffee anscheinend stark“, stellte er fest.

„Ja.“ Sie verstärkte den Griff um die kleine Tasse. „Das hilft beim Denken.“

„Denken ist gut“, meinte er, nippte an dem Kaffee, den die Kellnerin ihm gerade serviert hatte, und fügte dann hinzu: „Jetzt brauchen Sie nur noch etwas, das ein Lächeln auf Ihr trauriges Gesicht zaubert.“

Verblüfft schaute sie ihn an. „Entschuldigung, kennen wir uns?“

„Auch ohne Sie zu kennen, sehe ich, dass eine große Last auf Ihren Schultern ruht.“

Wie konnte ein Wildfremder so mit ihr reden? Athena war völlig entgeistert.

„Nein“, sagte er schließlich, wandte den Blick ab und drehte die Kaffeetasse in seinen schönen, gepflegten Händen. „Hätten wir uns schon kennengelernt, würde ich mich garantiert daran erinnern.“

Sein Blick, seine Worte umschmeichelten sie wie eine liebkosende Berührung. Es war eine halbe Ewigkeit her, seit sie sich zuletzt zu einem Mann hingezogen gefühlt hatte. Deshalb sah sie ihm den Kommentar bezüglich ihres Seelenzustands fast nach. Statt aufzustehen und ihrer Wege zu gehen, blieb sie sitzen, vielleicht um die ungewohnten Gefühle noch etwas länger auszukosten.

„Ich heiße Alexios“, sagte er und lehnte sich entspannt zurück, als hätte er alle Zeit der Welt.

„Athena.“

„Aha, die Göttin der Weisheit, der Kunst und des Handwerks.“

„Nicht zu vergessen der Strategie und des Kampfes“, gab sie lächelnd zu bedenken.

Er nickte zustimmend. „Ja, aber sie zeichnet sich durch Gelassenheit aus und kämpft nur für die Gerechtigkeit.“

„Offensichtlich kennen Sie sich sehr gut in der griechischen Mythologie aus“, antwortete Athena beeindruckt.

„Ich bin Grieche. Es wäre eine Schande, wenn ich mein kulturelles Erbe nicht pflegen würde.“

Obwohl sie sich auf Englisch unterhielten, hatte sie bereits vermutet, dass er Grieche war.

Nachdenklich betrachtete sie ihn. „Alexios … Sie setzen sich zum Wohle der Menschheit ein, stimmt’s?“

Sein charmantes Lächeln machte ihn schier unwiderstehlich. Geistesabwesend ließ sie den Blick weiter nach unten gleiten, bis er am Kragen des blütenweißen Oberhemdes hängen blieb, wo der oberste Knopf gelöst war. Fasziniert betrachtete Athena die nackte Haut.

„Gemeinsam könnten wir die Welt retten“, schlug er leise und mit samtweicher Stimme vor.

Ihr wurde bewusst, dass sie ihn anstarrte. Schnell wandte sie den Blick ab. Er flirtet mit mir, dachte sie. Und auch wenn sie nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte, gefiel es ihr. Sie hatte noch nie geflirtet. Außerdem war es eine gefühlte Ewigkeit her, seit sie sich für einen Mann interessiert hatte. „Ach, ich weiß nicht“, sagte sie schließlich.

In diesem Moment drängte sich ein amerikanisches Paar an ihrem Tisch vorbei. Angeregt unterhielten die beiden sich über den faszinierenden Ausblick. Vermutlich waren sie auf einem der Kreuzfahrtschiffe angereist.

Athena ergriff die Gelegenheit, mit ihrem Stuhl wegzurücken und selbst wieder hinaus auf die Caldera zu schauen, wo die Motorboote noch immer unermüdlich zwischen den großen Schiffen und der Insel unterwegs waren. Eindringlich ermahnte sie sich, dass ihr Tischnachbar nur eine kurze Abwechslung gesucht hatte und sich verabschieden würde, sowie seine Tasse ausgetrunken war.

„Ich habe da ein Problem, bei dem mir die Göttin der Weisheit eventuell helfen könnte“, sagte er jedoch und widerlegte damit ihre Theorie.

Misstrauisch musterte sie ihn. „Ich wüsste nicht, wie.“

„Bald wird die Sonne hier am Horizont der romantischsten Insel der Welt im Meer versinken, und ich esse allein zu Abend.“

„Was hat das mit mir zu tun?“

„Sie würden mir sehr helfen, wenn Sie mit mir zum Dinner gehen.“

Enttäuscht wandte Athena sich ab und betrachtete das glitzernde Meer. Sich bei einer Tasse Kaffee unverbindlich mit einem Fremden zu unterhalten, in dessen Gesellschaft sie ein heißes Prickeln verspürte, war eine Sache, aber ein gemeinsames Abendessen? Man hörte ja immer wieder die altbekannten Geschichten von verhinderten Romeos, die sich an einsame Frauen heranmachten und ihnen das Paradies auf Erden versprachen, um sie dann eiskalt auszunehmen.

Nach dem völlig unerwarteten Ausgang des Gesprächs in der Kanzlei heute Morgen musste sie erst recht auf der Hut sein. Natürlich konnte Alexios nichts von der Erbschaft wissen, trotzdem konnte man gar nicht vorsichtig genug sein.

„Tut mir leid, ich bin nicht an einem Date mit einem Playboy interessiert. Vielleicht sollten Sie woanders nach einer Lösung für Ihr … Problem suchen.“

Alexios warf den Kopf zurück und lachte laut. Fasziniert betrachtete Athena die harten Muskeln, die sich unter dem dünnen Stoff seines Hemds abzeichneten, und bildete sich ein, das Testosteron förmlich zu riechen.

„Playboy?“, stieß er hervor. „Das hat noch keine Frau zu mir gesagt.“

Athena schaute ihm wieder in die Augen. Er war wirklich attraktiv und ausgesprochen sexy.

„Nein? Dann machen Sie sich normalerweise nicht an traurige, einsame Frauen auf Santorin ran?“

„Nur wenn sie bildhübsch sind“, antwortete er mit einem unwiderstehlich charmanten Lächeln.

Jetzt lachte auch Athena. Das Gespräch war absurd, der Mann unverschämt, gleichzeitig aber auch sehr erfrischend. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt so amüsiert hatte.

„Da haben Sie’s! Wenn Sie lachen, sind Sie noch schöner.“

Das traf auch auf ihn zu. Die Lachfältchen nahmen ihm das Strenge. Wie er sie anschaute … fast liebevoll, als würden sie sich schon ewig kennen. Irgendwie beunruhigend.

Dabei kannte niemand auf dieser Insel Athena. Keiner wusste, dass sie sich auf Santorin aufhielt. Von der Anwaltskanzlei war sie direkt in ihre Wohnung zurückgekehrt, hatte schnell eine Reisetasche gepackt und im Taxi zum Flughafen den Flug gebucht.

„Also, wie sieht’s aus?“, fragte er. „Leisten Sie mir beim Abendessen Gesellschaft oder wollen Sie den Abend allein und schlecht gelaunt verbringen und Ihren Entschluss ein Leben lang bereuen?“

„Sie sind ja ganz schön selbstsicher.“

„Nein, aber ich möchte mit Ihnen zu Abend essen und Sie näher kennenlernen.“

„Warum?“

„Weil ich spüre, dass mir das sehr gefallen wird.“

Unglaublich, aber sie war gar nicht mehr so abgeneigt, auch wenn es völlig untypisch für sie war, sich mit einem Fremden zu verabreden. Das war viel zu gefährlich. Die Anwälte hatten sie eindringlich gebeten, ab sofort besonders vorsichtig zu sein.

Wäre es wirklich so schlimm, dem einladenden Blick dieser schokoladenbraunen Augen zu erliegen? Sie fand Alexios anziehend. Warum sollte sie nicht auch mal ein wenig Spaß haben? Niemand kannte sie. Möglicherweise hätte man sie früher mal erkannt, als sie noch öfter auf Zeitungsfotos aufgetaucht war. Aber diese Zeiten waren vorbei. Als Teenager war sie eine Zeitlang über die Stränge geschlagen. Inzwischen war Athena klüger, verantwortungsbewusster und entschlossen, nicht wieder für Schlagzeilen zu sorgen. Sie wollte kein Risiko eingehen.

„Ich kann nicht“, sagte sie schließlich. Der Verstand hatte die Oberhand gewonnen. „Vielen Dank für das Gespräch. Es war …“

„… verführerisch?“

„Interessant.“ Sie korrigierte ihn, obwohl seine Beschreibung eher zutraf. Jemand drängte sich hinter ihren Stuhl. Vermutlich ein Kellner, der schnell den Nebentisch abräumen wollte. Daher wartete Athena einen Moment, bevor sie den Stuhl zurückschob und aufstand.

„Es war wirklich nett, mit Ihnen zu plaudern. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“ Sie wollte nach ihrer Tasche greifen, fasste jedoch ins Leere. Suchend sah sie auf dem Boden nach. Nichts.

„Was ist los?“, erkundigte sich Alexios.

„Meine Handtasche ist weg.“ Im nächsten Moment beobachtete Athena, wie ein Mann Richtung Ausgang eilte – mit ihrer Handtasche unter dem Arm!

„Haltet den Dieb!“ Aufgeregt zeigte sie auf den flüchtenden Mann. „Er hat meine Handtasche gestohlen.“

„Sie warten hier!“ Blitzschnell schaltete Alexios und nahm die Verfolgung auf.

Ein Kellner eilte heran. „Ich bin untröstlich. Hoffentlich wird der Dieb schnell dingfest gemacht. Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee bringen? Das geht natürlich aufs Haus“, versicherte er ihr.

Einen weiteren Kaffee konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Ihr Herz klopfte sowieso schon viel zu heftig. In der Handtasche befanden sich Pass und Brieftasche. Alexios musste den Dieb zur Strecke bringen, sonst war sie verloren. Der Typ hatte einen Vorsprung und kannte sich in den Gassen von Thera sicher gut aus.

„Danke, ich hätte lieber ein Wasser.“

Im Handumdrehen kehrte der Kellner mit einer Flasche Mineralwasser und einem kleinen Glas Ouzo zurück. „Der beruhigt die Nerven.“ Aufmunternd lächelte der Mann ihr zu. Eine amerikanische Touristin am Nebentisch schimpfte laut über die Unverfrorenheit des Diebs, fügte aber beruhigend hinzu: „Ihr Mann hat schnell reagiert und wird ihn sicher fangen.“

Abwesend nickte Athena. Gerade war ihr ein schrecklicher Verdacht gekommen: Vielleicht steckten Alexios und der Dieb unter einer Decke. Einer lenkte das Opfer mit Komplimenten ab, der andere schlug zu, wenn die Gelegenheit günstig war.

Ausgerechnet ihr musste das passieren! Statt hier tatenlos herumzusitzen, sollte sie zur nächsten Polizeistation gehen. Athena versprach dem Kellner, später zu bezahlen, doch der winkte nur ab. In diesem Moment erklang lauter Jubel, die Gäste applaudierten, denn Alexios betrat das Café – außer Atem, aber … mit ihrer Handtasche!

Erleichtert schloss Athena kurz die Augen. Dann war Alexios auch schon bei ihr und reichte ihr triumphierend die Tasche.

„Vielen, vielen Dank.“ Schnell überprüfte sie, ob auch nichts fehlte, und sah dann auf. „Ich wollte gerade zur Polizei gehen. Sollten wir den Dieb nicht anzeigen, damit er nicht noch mehr Leute bestiehlt?“

„Das wird nicht nötig sein. Ich habe ihm gründlich die Leviten gelesen. Glauben Sie mir, der schlägt so schnell nicht wieder zu.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll“, sagte Athena leise.

Seine schönen Augen funkelten vergnügt. „Ich wüsste da schon etwas. Essen Sie zusammen mit mir zu Abend.“

Konnte sie jetzt noch Nein sagen? Sie hatte ihn für einen Komplizen des Diebes gehalten, doch Alexios hatte sich als vertrauenswürdig erwiesen. Schuldbewusst blickte Athena zu Boden. Dann fasste sie einen Entschluss und sah strahlend auf. „Ich würde mich sehr freuen, Sie heute Abend zu begleiten.“

2. KAPITEL

Er hatte sie am Haken! Alexios’ Plan war aufgegangen. Nicht, dass er je daran gezweifelt hätte. Alles war wie am Schnürchen gelaufen. In Gedanken rieb Alexios sich die Hände, während er Athena durch die labyrinthartig schmalen, sich windenden Gassen zu dem Tisch führte, den er für zwei Personen hatte decken lassen. Der Ausblick auf den Sonnenuntergang war von hier aus atemberaubend.

„Santorin ist meine Lieblingsinsel. Genau genommen ist Santorin sogar mein Lieblingsort auf diesem Planeten“, erzählte er schließlich, um das Schweigen zu brechen.

„Meiner auch.“

„Tatsächlich? Dann haben wir ja schon was gemeinsam. Ein guter Start, oder?“

Sie lächelte amüsiert. „Das haben wir wohl mit vielen Menschen auf dieser Welt gemeinsam.“

„Stimmt.“ Nachdenklich ging Alexios weiter. Ihm war bewusst, dass er Athena noch lange nicht da hatte, wo er sie haben wollte. Sie war noch immer sehr misstrauisch. Aber sie war auch eine wahre Schönheit. Wenn sie lachte, funkelten ihre tiefblauen Augen, und bezaubernde Grübchen bildeten sich neben ihren aufregend sinnlichen Lippen. Außerdem bewegte sie sich sehr graziös in ihrem verführerischen Kleid im Stil der Fünfziger. Er konnte es kaum erwarten, es ihr auszuziehen …

Mit ihr ins Bett zu gehen wäre sicher ein Vergnügen. Wenn sie dann nach lustvollen Stunden im siebten Himmel schwebte, konnte er sie um ihr Vermögen bringen, ohne dass sie es merkte.

Falls sie ihm dann doch auf die Schliche käme, hätte er seine Rache.

Es war perfekt.

Sie unterhielten sich angeregt, während sie immer wieder müden Eseln auswichen, die ihnen mit Touristen auf dem Rücken entgegenkamen, und standen schließlich hoch oben auf dem Berg vor einem verschlossenen Tor. Alexios gab einen Code ein, stieß das Tor auf und überließ Athena höflich den Vortritt.

Die staunte nicht schlecht, als sie sich weit über der Caldera auf dem Vorplatz eines im venezianischen Stil erbauten Palastes wiederfand. Ein Zeugnis der Besatzung Santorins durch die Venezianer Jahrhunderte zuvor.

„Ich dachte, Sie führen mich in ein Restaurant aus“, sagte sie verblüfft.

„Es ist ein sehr privates Restaurant“, behauptete er. „Mit dem besten Ausblick von ganz Thera. Ich bin hier abgestiegen.“

„Sie sind Gast hier?“

„Kommen Sie, wir gehen auf die Terrasse.“

Athena stand am Tor und rührte sich nicht von der Stelle. „Wer sind Sie?“, fragte sie misstrauisch.

„Alexios. Alexios Kyriakos.“ Mit Blick auf das noch offen stehende Tor erklärte er: „Von innen kann man es ohne Code öffnen. Aber ich kann es auch offen lassen. Falls Sie meinen, flüchten zu müssen.“ Er legte eine Kunstpause ein. „Falls Sie mir immer noch nicht über den Weg trauen.“

Las er da etwa Schuldbewusstsein in ihrem Blick? Nein, er musste sich getäuscht haben. Sie vertraute ihm jetzt.

Zerknirscht schüttelte sie den Kopf und schob sich eine widerspenstige Haarsträhne hinter das Ohr. „Entschuldigung, aber ich bin heute etwas nervös. Insbesondere nach dem Vorfall im Café. Sie können das Tor ruhig schließen.“ Athena trat einen Schritt vor, damit Alexios das imposante Tor zuziehen konnte.

Dann ging er mit ihr ums Haus herum, wo die riesige Terrasse mit dem spektakulären Ausblick auf die kleinen Inseln jenseits der Caldera lag. Durch heftige Vulkanausbrüche vor Tausenden von Jahren war diese zauberhafte Landschaft entstanden. Direkt unter ihnen befand sich die Ausbuchtung einer nackten, aus Vulkangestein geformten Felswand, sodass der Eindruck entstand, sie würden über dem Kraterrand schweben.

Zwischen den Inseln des Archipels ging langsam die Sonne unter.

Athena stützte sich mit den Händen auf die Balustrade und genoss das faszinierende Schauspiel. Der Wind hatte etwas aufgefrischt und trug eine salzige Meeresbrise zu ihnen herüber. „Einfach fantastisch“, sagte sie andächtig.

„Ja, nicht wahr?“ Alexios stand etwas abseits und ließ ihr alle Zeit der Welt, sich an dem Naturschauspiel zu erfreuen. Sie sollte sich sicher und geborgen fühlen. Außerdem bereitete es ihm Freude, Athena einfach nur zu beobachten, bis der richtige Moment gekommen war.

Verzückt wandte Athena sich kurz um. Im Licht des roten Sonnenuntergangs glänzten ihre blauen Augen wie Edelsteine.

„Wir können es uns auch bequem machen und etwas essen“, schlug Alexios vor und deutete auf die offenen Terrassentüren.

Athena folgte seinem Blick und entdeckte einen festlich für zwei Personen gedeckten Tisch.

Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen. „Wie ist das möglich? Wir haben uns doch erst heute Nachmittag kennengelernt.“

Sie ist wirklich sehr misstrauisch, dachte er vergnügt. Wenn sie wüsste …

„Das Personal hat mich zum Abendessen erwartet. Als Sie meine Einladung angenommen haben, brauchte ich nur kurz zu telefonieren und darum zu bitten, für zwei Personen zu decken.“

Sie kam näher, atmete tief den Duft von Thymian und Rosmarin ein, der in kleinen Vasen den Tisch zierte.

„Verstehen Sie jetzt, warum ich diesen Abend nicht allein genießen wollte?“

„Ja. Es ist wunderschön hier oben. Vielen Dank für die Einladung.“

Höflich rückte er ihr einen Stuhl zurecht, setzte sich ihr gegenüber, und schon wurde das Festmahl serviert: frisches, noch warmes Brot; verschiedene Dips; Saganaki mit eingelegten Feigen; fangfrischer, wunderbar zarter Tintenfisch; Fleisch vom Grill und dazu ein wunderbarer Vinsanto.

„Einfach köstlich“, befand Athena, lehnte sich zurück und hob ihr Glas.

Alexios prostete ihr zu. „Freut mich, dass es Ihnen schmeckt.“

„Sagen Sie mal, Alexios, was tun Sie eigentlich hier so ganz allein auf der Insel?“

„Ich habe geschäftlich hier zu tun.“

„Ach ja?“

„Ja. Und ich habe keine Partnerin, die ich hätte mitbringen können.“

Interessiert sah Athena ihn an „Wie kommt’s? Sie machen einen wohlhabenden Eindruck, und hässlich sind Sie auch nicht gerade, wie Sie sehr wohl wissen.“

„Das ist ja mal ein Kompliment.“ Er lachte amüsiert. „Ich bin wohl ein Workaholic. Manche werfen mir vor, ich wäre regelrecht besessen.“

Besessen von der Suche nach Gerechtigkeit.

„So schlimm kann es nicht sein, sonst hätten Sie mich nicht angesprochen.“

„Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, wie einsam es um mich geworden ist. Als ich Sie dann im Café entdeckt habe, war mir klar, dass sich etwas ändern muss.“

„Da laden Sie mir aber ziemlich viel Verantwortung auf die Schultern. Hoffentlich werden Sie nicht enttäuscht.“ Sie lächelte keck.

„Jetzt machen Sie sich über mich lustig“, beschwerte er sich, erwiderte aber gleich darauf ihr Lächeln.

„Tut mir leid, ich bin nicht besonders gut im Flirten.“

„Ich auch nicht. Aber es fängt an, Spaß zu machen. Darf ich fragen, warum Sie allein hier sind?“

„Santorin ist meine Lieblingsinsel. Ich komme her, wenn ich nachdenken will“, erzählte sie.

„Müssen Sie denn über viele Dinge nachdenken?“

„Ja, das müssen wir wohl alle mal“, antwortete sie ausweichend. „Was machen Sie eigentlich beruflich?“

Gut gekontert, dachte er. Irgendwann wird sie mir schon erzählen, was sie umtreibt. Je desinteressierter er sich gab, desto eher würde er ans Ziel kommen.

„Ich habe mit Containerschiffen zu tun, mit Frachtern, mit Fahrplänen. Viel langweiliger Papierkram.“

„Langweilig ist das ganz bestimmt nicht. Führen Sie ein Familienunternehmen?“

„Nein, ich habe keine Familie.“

Erstaunt musterte sie ihn. „Niemanden?“

Verbitterung machte sich in ihm breit. Sein Leben würde ganz anders aussehen, wenn Athenas Vater in seiner Gier nicht alles zerstört hätte. Entschlossen schluckte er seinen Frust hinunter. Immerhin hatte der ihn darin bestärkt, sein Ziel weiterzuverfolgen.

„Nein, niemanden.“

„Oh.“ Sie biss sich auf die Lippe und drängte aufsteigende Tränen zurück. „Dann haben wir noch etwas gemeinsam. Meine Mutter ist gestorben, als ich sechzehn war. Und meinen Vater habe ich vor einem Monat verloren.“

Er warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. Insgeheim triumphierte er jedoch. Athenas Geschichte war traurig, aber sie war nichts, verglichen mit seiner eigenen, die von Verrat und Gier handelte. „Sind Sie nach Santorin gekommen, um darüber nachzudenken?“

„Vielleicht.“ Tränen schimmerten in ihren Augen. Schnell wandte sie den Blick ab und betrachtete das in Rot und Gold getauchte Meer. „Sehen Sie doch! Die Sonne geht gleich unter.“ Sie stand auf und ging zur Terrassenbrüstung.

Alexios folgte ihr. Gemeinsam bewunderten sie die nun rosa schimmernden weißen Häuser entlang der Caldera.

„Wunderschön“, hauchte Athena ergriffen.

Du bist wunderschön, dachte Alexios. Und bald bist du mein. Bei der Vorstellung loderte Verlangen in ihm auf. Es war die perfekte Rache, sogar noch viel verheerender als ursprünglich geplant. Schade nur, dass Stavros sie nicht mehr erlebte.

„Schauen Sie mal!“ Mit den Fingerspitzen berührte er ihren Rücken und zeigte mit der anderen Hand auf eine Segeljacht, die von den Strahlen der untergehenden Sonne in rotgoldenes Licht getaucht wurde.

Athenas Körper reagierte sofort auf die federleichte Berührung. Nun wusste Alexios, dass er am Ziel war. Die geliebte Tochter seines Erzfeindes war reif für sein perfides Spiel. Zuerst würde er ihr den unersättlichen Liebhaber vorgaukeln, sie dann fallen lassen und ihr das Herz brechen. Sein Vater war ja auch an den Machenschaften ihres Vaters zerbrochen. Und dann würde er sie ihrem trostlosen Schicksal überlassen.

Wie verzaubert betrachtete Athena den spektakulären Sonnenuntergang. Es kam ihr vor, als wäre dieses Naturschauspiel exklusiv für sie und Alexios gemacht. Als wären sie die einzigen Menschen auf der Welt.

Als Alexios die Hand zurückzog, war Athena im ersten Moment enttäuscht, denn allein diese leichte Berührung hatte ein erregendes Prickeln in ihrem Körper ausgelöst. Aber sie spürte noch seine Nähe, atmete den Duft seines Aftershaves ein und war umfangen von seiner Körperwärme.

Er war ihr so nahe, unternahm jedoch keinen Versuch, die Stimmung zwischen ihnen zu nutzen. Fast unmerklich lehnte sie sich zurück, sodass ihr nackter Arm seinen berührte. Sofort wurde ihr heiß. Sie wünschte, er würde sie endlich küssen, sozusagen als Zugabe zu dem romantischsten Sonnenuntergang der Welt.

Die Luft zwischen ihnen knisterte förmlich. Doch Alexios machte keine Anstalten, darauf zu reagieren.

Nun war die Sonne im Meer versunken, und die Caldera lag im Dunkeln.

„Wunderbar“, murmelte er schließlich.

Athena stützte sich wieder auf die Brüstung und seufzte enttäuscht, weil Alexios nicht auf ihre sehnsüchtigen Signale reagierte. Offenbar war es ihm tatsächlich nur um eine nette Gesellschaft beim Abendessen gegangen.

Entschlossen wies Athena ihre Libido in die Schranken. „Ja, ein spektakuläres Schauspiel.“ Sie wandte sich um. „Vielen Dank, dass ich es gemeinsam mit Ihnen genießen durfte. Und natürlich auch für das köstliche Abendessen. Jetzt sollte ich mich wohl auf den Heimweg machen.“

„Wollen Sie nicht noch auf einen Kaffee bleiben?“

„Danke, nein.“ Sie schämte sich, weil sie offensichtlich zu viel in seine Einladung hineininterpretiert hatte. Langsam kehrte sie zum Tisch zurück, wo sie ihre Handtasche gelassen hatte. „Ich muss Ihnen etwas gestehen“, sagte sie leise.

„Ach ja?“

Sie nickte. „Ja. Als Sie vorhin dem Dieb nachgelaufen sind, habe ich einen Moment lang gedacht, er wäre Ihr Komplize und ich würde meine Handtasche nie wiedersehen.“

Amüsiert schüttelte er den Kopf. „Das haben Sie mir zugetraut?“

Sie ließ den Kopf hängen. „Es tut mir leid. Aber ich war so schrecklich aufgewühlt.“

„Zuerst haben Sie mich sogar für einen Playboy gehalten“, gab er vergnügt zu bedenken.

„Erinnern Sie mich bloß nicht daran.“

Mit einem Arm stützte er sich an der Wand neben ihr ab. „Sie dachten, ich wollte Sie verführen.“

„Ich habe keine Ahnung, was ich gedacht habe. Aber immerhin war ich allein, und Sie waren sehr charmant. Da habe ich wohl etwas missverstanden. Entschuldigung.“ Entschlossen streckte sie die Hand zum Abschied aus. „Vielen Dank für den bezaubernden Abend.“

Nachdenklich betrachtete Alexios die dargebotene Hand. „Bist du enttäuscht?“, fragte er leise.

„Wieso?“

„Weil ich nicht versucht habe, dich zu verführen.“

„Ach so. Ich weiß nicht …“

Ihre Blicke trafen sich. In seinem las sie Unsicherheit. Athena hätte nicht gedacht, dass dieser Mann ebenso unsicher war wie sie selbst. Eigentlich wirkte er doch sehr souverän.

„Ich wollte dich küssen“, sagte er schließlich leise.

„Wirklich?“

„Ja, als wir beide den Sonnenuntergang beobachtet haben und du vollkommen verzückt warst, habe ich mich danach gesehnt, dich zu berühren.“

„Und warum hast du es nicht getan?“, erkundigte sie sich und versuchte, möglichst beiläufig zu klingen.

„Ich hatte Angst, du würdest davonlaufen.“ Er schaute ihr tief in die Augen. „Wärst du weggelaufen?“

Wieder spürte sie diese Spannung zwischen ihnen. Athena stockte der Atem.

„Hättest du die Flucht ergriffen, Athena?“, hakte er nach.

Sie spürte, dass das keine leichtfertige Frage war. Dieser Mann konnte ihr gefährlich werden. Sie musste aufpassen.

Aber sie wollte nicht aufpassen. Nicht heute. Nicht an diesem besonderen Abend.

„Nein“, stieß sie heiser hervor.

Er beugte sich vor, streichelte zärtlich ihre Wange, ließ den Finger über ihre bebenden Lippen gleiten. „Du bist so wunderschön, viel atemberaubender, als selbst der spektakulärste Sonnenuntergang es sein könnte. Vom ersten Augenblick an habe ich dich begehrt.“

Athena genoss seine Liebkosung, spürte Alexios’ warmen Atem auf ihrer Haut, sehnte sich nach mehr Nähe.

„Ich will nichts mehr, als dich zu küssen. Du musst mich nur darum bitten“, flüsterte er an ihrem Mund.

Instinktiv spürte sie, dass es nicht bei einem Kuss bleiben würde. Dazu war das durch ihren Körper pulsierende Verlangen viel zu heftig. Athena ging aufs Ganze …

„Dann küss mich“, forderte sie.

Er stieß einen heiseren, gleichzeitig triumphierenden Laut aus, der wilde Lust in ihr entfesselte. Dann zog er Athena an sich und küsste sie.

Seine Lippen fühlten sich warm und erstaunlich weich auf ihren an. Sein Kuss war sanft, zärtlich, verführerisch. Als er fordernder wurde, stöhnte sie leise.

Die Knie wurden ihr weich. Sie suchte Halt an Alexios’ muskulösem Körper, ließ die Hände über seine Schultern gleiten. Als auch er sie zu streicheln begann, lösten seine Berührungen ein heißes Pulsieren tief in ihr aus.

Voller Verlangen drängte sie sich ihm entgegen, spürte, wie sehr ihre Nähe und ihr Kuss ihn erregten.

Nein, ein Kuss reichte nicht. Sie wollte alles.

3. KAPITEL

Seufzend öffnete Athena den Mund. Sofort schlüpfte Alexios mit der Zunge zwischen ihre Lippen, lockte sie zu einem erotischen Tanz. Erneut drängte Athena sich enger an den harten Männerkörper, während Alexios ihre Brustknospen verwöhnte und sie damit schier um den Verstand brachte.

Er wurde kühner, umfasste ihren Po mit beiden Händen, und Athena stöhnte lustvoll auf.

Nur äußerst widerstrebend unterbrach Alexios schließlich den leidenschaftlichen Kuss und flüsterte an ihrem Mund: „Bleib bei mir, Athena. Komm in mein Bett.“

Darauf gab es nur eine Antwort. Fordernd küsste sie ihn, presste ihre Lippen auf seine und drängte sich an ihn, wollte ihn komplett spüren. Sie hungerte nach seiner Nähe, nach den intensiven Empfindungen, die er ihr schenken konnte.

Viel zu lange war sie wie betäubt gewesen. Der Tod ihres Vaters und die Folgen hatten sie sehr mitgenommen. Ihre Mutter hatte sie schon vor langer Zeit verloren, nun war sie ganz allein auf der Welt. Zwar war die Beziehung zu ihrem Vater schwierig gewesen, trotzdem fehlte er ihr jetzt. Wie in Trance hatte sie die vergangenen Wochen erlebt. Für Emotionen hatte ihr schlichtweg die Kraft gefehlt.

Zum Glück hatte Alexios sie nun aus diesem Zustand befreit. Endlich empfand sie wieder Lebensfreude, blühte auf wie eine Blume im Frühling, die kraftvoll durch die Schneedecke brach.

Ohne den Kuss zu unterbrechen, hob Alexios sie hoch, stieß eine Tür auf und trug Athena in ein großes Zimmer mit hoher Decke. Dort ließ er sie behutsam auf ein Himmelbett mit rot-goldenen Vorhängen gleiten – die Farben des Sonnenuntergangs. Sein intensiver Blick ruhte auf ihr, ausgestreckt auf seinen Laken. „Du bist so wunderschön.“

Bei seinen liebevollen Worte keimte neue Hoffnung auf ein besseres Leben in ihr auf. Athena wünschte es sich so sehr.

Langsam knöpfte er sein weißes Hemd auf und streifte es ab, und Athena konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Zum Vorschein kamen breite Schultern, ein muskulöser Oberkörper und ein Waschbrettbauch. Die Hose folgte dem Hemd. Die ganze Zeit schaute er Athena tief in die Augen, daher merkte er es, als ihr kurz Zweifel kamen. Schnell beugte er sich vor und küsste sie wieder, während er geschickt den Reißverschluss ihres Kleides öffnete. Ohne Hast zog er ihr das Kleid aus, sodass sie nur in hauchdünnen Dessous seinem heißen Blick preisgegeben war. So schutzlos hatte sie sich noch nie gefühlt.

Erneut unterbrach er den Kuss, um sie eingehend zu betrachten. Dann begann er, sie sanft zu streicheln, die Innenseite ihrer Schenkel, ihre Hüften, die Taille, die Schultern. Fest zog er sie an sich. Ein Beben durchlief Athena. Sie wollte ihn endlich richtig spüren!

Doch er spannte sie auf die Folter, widmete sich ihren Brüsten, während sie seinen Rücken streichelte. Geschickt öffnete Alexios ihren BH, verwöhnte die harten Brustknospen mit Lippen und Zunge, bis Athena sich unter ihm vor Lust wand. Nun schob er die Hand unter ihren Seidenslip und widmete sich ihrem sensibelsten Punkt. Wildes, ungezügeltes Verlangen durchströmte sie, ihr Atem ging immer schneller, sie war dem Höhepunkt so nah. Als sie dann noch spürte, wie er einen Finger in sie hineingleiten ließ, ließ Athena sich fallen und gab sich ihrer Lust hin: Sie bäumte sich auf und kam – heftig, überwältigt von heißen Wogen, die durch ihren Körper liefen, sie in ungeahnte Höhen entführten. Ihr einziger Fixpunkt war der Mann, der ihr diese Freuden bereitete und sich nun über sie beugte und heiße Küsse auf ihrem Gesicht verteilte.

„Tut mir leid“, flüsterte sie verlegen. Sie war so unerfahren, wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

Er verschloss ihr den Mund mit einem Kuss. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“

„Aber …“

„Das war erst der Anfang.“

Atemlos sah sie zu, wie er seine schwarzen Boxershorts auszog. Er ist noch größer, als ich dachte, stellte sie staunend fest und spürte erneut heißes Begehren.

Alexios zog eine Nachttischschublade auf und griff nach einem Kondom. „Da siehst du, was du mit mir machst, mikro peristeri.“

Erstaunt sah sie auf. „Wieso nennst du mich Täubchen?“

Langsam schob er sich zwischen ihre Beine, ließ die Hand zu ihrer Mitte gleiten. „Weil du die ganze Zeit kurz davor warst, mir davonzufliegen.“

Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren, weil er erneut damit begann, sie zu reizen und zu verwöhnen. „Jetzt fliege ich nicht davon.“

„Nein.“ Lächelnd setzte er seine Liebkosungen fort. „Du bist ein wahres Geschenk. Ich bin so glücklich, dass ich dich getroffen habe.“

Er ließ sich alle Zeit der Welt, umspielte mit der Zunge ihre empfindsamen Brustknospen, küsste Athena halb um den Verstand und glitt mit dem Finger in sie. Als sie keuchte und sich um ihn zusammenzog, nahm er einen zweiten Finger dazu und rieb gleichzeitig ihren empfindsamsten Punkt mit dem Daumen. Vor Lust konnte Athena kaum mehr atmen. Nie hätte sie gedacht, dass sie so kurze Zeit später noch einen Orgasmus haben könnte, doch nun steuerte sie direkt darauf zu.

In diesem Moment zog Alexios seine Hand weg und drang mit einer geschmeidigen Bewegung tief in sie ein. „Du bist so unglaublich schön“, raunte er an ihrem Mund.

Es fühlte sich wunderbar an, so von ihm ausgefüllt zu sein. Ihr ganzer Körper kribbelte vor Verlangen, schon bevor Alexios begann, sich zu bewegen. Erst langsam, dann immer schneller. Sie fanden einen gemeinsamen Rhythmus, und der Raum war erfüllt von Athenas Stöhnen, von Alexios’ Keuchen, von geflüsterten Koseworten. Die Spannung wuchs und wuchs, bis sie es beide nicht mehr aushalten konnten. „Alexios!“ In dem Augenblick, als Athena ihre Lust hinausschrie, gab auch er sich ganz dem unbeschreiblichen Gefühl hin, das sie gemeinsam geschaffen hatten.

Alexios stand am Fenster und schaute hinaus auf den schlafenden Vulkan. Am Himmel stand eine silberne Mondsichel, in der Bucht lag eine weiße Jacht vor Anker.

Er wandte sich um, warf einen Blick aufs Bett. Dort lag Athena im Mondschein, das lange Haar auf dem Kopfkissen ausgebreitet. Sie schlief tief und fest. Erst war sie auf seine List hereingefallen, dann war sie in sein Bett gesunken – einfach so. Das hatte er erwartet. Aber mit ihrem sexuellen Appetit hatte er nicht gerechnet. Oder damit, dass sie sich in seinen Armen so hingebungsvoll fallenließ. Er hatte den Eindruck, dass auch sie davon überrascht gewesen war.

Wie bedauerlich, dass Stavros Nikolides nicht mehr erleben konnte, wie seine wunderschöne Tochter nackt und höchst befriedigt auf dem Bett seines Erzfeindes lag. Auf dem Bett des Mannes, dessen Vater er eiskalt hintergangen und in den Ruin getrieben hatte.

Bei näherer Betrachtung musste Alexios jedoch feststellen, dass diese Vorstellung unlogisch war. Wäre Stavros noch am Leben, hätte er ja seinen ursprünglichen Rachefeldzug durchführen können, der Nikolides selbst zum Ziel hatte. Dann wäre Athena allerdings auch nicht in seinem Bett gelandet. Alles war gut so, wie es war. Rache schmeckte süß.

Ja, Stavros würde für seine gemeinen Machenschaften teuer bezahlen. Alexios ballte die Hand zur Faust und versetzte der Wand neben ihm einen Hieb. Diese unglaubliche Ungerechtigkeit ließ ihn fast zerspringen vor ohnmächtiger Wut. Doch nun hatte er ja ein Ventil gefunden.

„Alexios?“, fragte Athena verschlafen hinter ihm. Ihre heisere, schläfrige Stimme klang erstaunlich sexy. Am liebsten hätte er sich gleich wieder zu ihr gelegt. „Was ist los? Kannst du nicht schlafen?“

„Ich habe nachgedacht“, erklärte er.

„Worüber?“

Er massierte seine Hand. „Darüber, was wir morgen unternehmen könnten.“

„Musst du denn nicht arbeiten?“

„Die Arbeit kann warten. Es sei denn, du fliegst mir gleich wieder davon, mein Täubchen.“

Sie zögerte, biss sich auf die Unterlippe, kam dann zu einem Entschluss. „Wenn du willst, bleibe ich.“

Zufrieden lächelnd kehrte er zurück ins Bett und zog Athena in die Arme. „Perfekt.“

Die Segel blähten sich im warmen Wind der Ägäis, das Boot nahm Fahrt auf. Schließlich waren die Kreuzfahrtschiffe und die ausgetretenen Touristenpfade in weite Ferne gerückt. Athena und Alexios lagen an Deck und sonnten sich, nachdem sie ausgiebig im strahlend blauen Wasser der Caldera geschwommen waren.

Die Felswände auf dieser Seite der Insel waren so steil, dass man sie kaum erklimmen konnte. Vom Hafen aus gab es nur einen sehr gefährlichen Weg. Es war interessant, das um den Krater gelegene Inselarchipel aus dieser Perspektive zu betrachten. Die Lagen aus Bimsstein und Asche, die der Vulkan vor über dreitausend Jahren bei heftigen Eruptionen ausgespuckt hatte und die die Felswände bildeten, waren farblich deutlich voneinander zu unterscheiden. Die gewaltigen Explosionen hatten die Insel fast vollständig zerstört und damals fast alle Bewohner in den Tod gerissen.

„Was gibt’s denn da so Interessantes zu sehen?“ Alexios drehte sich auf die Seite und folgte Athenas Blick.

„Ach, ich finde es einfach erstaunlich, dass wir hier ganz friedlich auf einem aktiven Vulkan segeln, der vor Jahrtausenden eine ganze Zivilisation ausgelöscht hat. Wir schaukeln hier sanft auf der Caldera, die in der Sonne glitzert wie Brillanten, und können uns kaum vorstellen, dass sich so eine Katastrophe jemals wiederholen wird.“

„Die Menschen damals müssen panisch reagiert haben, als der Vulkan ausgebrochen ist“, vermutete Alexios. „Es muss eine schreckliche Katastrophe gewesen sein.“

„Na ja, die meisten Bewohner hatten die Insel schon lange davor verlassen.“ Athena richtete sich auf. „Es gab immer wieder verheerende Erdbeben. Viele Familien sind auf ihren Booten entkommen und haben in Anatolien und auf Kreta eine neue Heimat gefunden. Die Menschen, die die ursprüngliche Insel noch eher verlassen hatten und sich in weiter entfernten Regionen ansiedelten, haben richtig Glück gehabt.“

„Wieso?“

„Weil die verheerende Eruption einen Tsunami auslöste, der sich einige Hundert Meilen ausgedehnt hat. Die Flotte der Minoer an der Nordküste Kretas wurde vollständig zerstört. Nicht nur Santorin – oder Thera, wie die Insel damals genannt wurde – war betroffen, durch den Vulkanausbruch wurde auch Asche in die Luft geschleudert. Jahrelang verhinderte eine dunkle Aschewolke, dass das Sonnenlicht auf die Erde dringen konnte. Die Vegetation lag komplett brach, sodass die Menschen, die den Vulkanausbruch überlebt hatten, verhungerten. Das war das Ende der minoischen Zivilisation.“

Erstaunt setzte Alexios sich auf und musterte sie.

Athena lachte verlegen. „Entschuldige, da ist es mal wieder mit mir durchgegangen. Ich bin Archäologin, und mein Spezialgebiet ist die minoische Kultur.“

Zärtlich griff Alexios nach ihrer Hand und küsste ihre Fingerknöchel. „Kein Grund, sich zu entschuldigen. Ich habe leider nur wenig Ahnung von Geschichte. Erzähl mir mehr, ich finde das sehr interessant.“

Lächelnd gehorchte sie. „Die Legende um Atlantis soll hier vor mehr als dreitausend Jahren entstanden sein. Eine unglaublich reiche und kultivierte Zivilisation wurde vom Meer verschluckt.“

„Was hältst du davon?“, fragte er neugierig.

„Ich kann mir das durchaus vorstellen, denn es stimmt mit Aufzeichnungen der alten Ägypter überein. Auch Plato hat darüber berichtet. Die Ägypter trieben Handel mit den Minoern, bis die plötzlich von der Bildfläche verschwanden. Es musste also etwas sehr Drastisches mit ihnen passiert sein. Jedenfalls ergibt das mehr Sinn als die Theorie von einer mitten im Atlantik versunkenen Insel, oder?“

Schweigend schaute Alexios sie an. In seinen dunklen Augen flackerte Begehren. „Weißt du eigentlich, wie leidenschaftlich du wirkst, wenn du von deiner Arbeit erzählst? Du strahlst, und die Punkte in deinen Pupillen glitzern golden.“

Verlegen senkte sie den Kopf. „Ich habe ja gesagt, dass ich kein Ende finden kann, wenn es um meine große Leidenschaft geht.“

Behutsam umfasste er ihr Kinn und schaute ihr zärtlich in die Augen. „Dafür brauchst du dich doch nicht zu schämen. Im Gegenteil. Ich finde deine Leidenschaft ansteckend. Ich kann mir sogar vorstellen, wie der Vulkan sich vor dem Ausbruch gefühlt hat.“ Hingerissen küsste er sie.

Athena spürte ein leichtes Flattern in ihrem Innern, als wäre die ganze Welt ins Wanken geraten.

Zärtlich und federleicht war der Kuss. Schließlich löste Alexios sich wieder von ihr. „Bist du glücklich?“ Lächelnd wartete er auf ihre Antwort.

„Ja“, sagte Athena schließlich heiser und wunderte sich über sich selbst. Wohl zum ersten Mal in ihrem Leben war sie tatsächlich glücklich.

„Du klingst erstaunt.“

„Vielleicht bin ich das ja auch.“ Wieder einmal hatte sie auf Santorin ihren Seelenfrieden gefunden. Sie liebte diese Insel so sehr.

Als Alexios nach ihrer Hand griff, spürte Athena wieder diese besondere Verbindung zu ihm. Nun küsste er erst den Handrücken, dann die Innenfläche, und ein erregendes Prickeln durchlief Athenas Körper. Und dann dieser Blick – verführerisch und unglaublich sinnlich. Ihr wurde heiß vor Vorfreude.

„Dein Bikini gefällt mir“, raunte er mit dieser tiefen Samtstimme, die ihren Körper zum Klingen brachte. Mit begehrlichem Blick betrachtete er ihre Brüste. „Ich kann es kaum erwarten, ihn dir auszuziehen.“

Sie erschauerte lustvoll, und ihre Brustwarzen richteten sich auf, dabei hatte Alexios sie noch nicht einmal berührt. Stattdessen war er damit beschäftigt, die Bänder ihres Bikinis zu lösen. Als er Athenas sehnsüchtigen Blick auffing, beugte er sich vor und küsste sie wild und verlangend. Allein der Gedanke, ihm zu widerstehen, war sinnlos.

Seinem Vorschlag, mit der Segeljacht auf der Caldera zu kreuzen, hatte sie begeistert zugestimmt, aber bedauernd erwähnt, sie hätte keinen Badeanzug mitgebracht. Daraufhin hatten sie zunächst eine Boutique aufgesucht. Athena konnte sich nicht so recht für einen der Einteiler entscheiden, da hielt Alexios ihr eine Auswahl Bikinis vor die Nase. Einen Bikini hatte sie zuletzt während ihrer Sturm-und-Drang-Zeit an der Amalfiküste getragen. Letztendlich hatte sie sich dann zu dem weißen Hauch von Nichts überreden lassen, das Alexios ihr nun auszog. Er hatte sie so begehrlich angeschaut, als er den Bikini hochhielt, dass sofort heißes Verlangen durch ihren Körper geströmt war.

Schließlich beendete er den Kuss und sah ihr schwer atmend in die Augen. „Wir sollten unten weitermachen“, raunte er heiser und zog sie mit sich unter Deck.

Er war so umsichtig, umwarb sie, als wäre sie etwas ganz Besonderes. Er machte sie einfach glücklich.

Aber hatte sie es überhaupt verdient, glücklich zu sein?

In den vergangenen Wochen hatte sie ein Wechselbad der Gefühle durchlebt. Zuerst Verzweiflung über den Tod ihres Vaters, zu dem der Kontakt vor Jahren abgebrochen war. Sie bedauerte, nicht den ersten Schritt auf ihn zugemacht zu haben. Dann plagten sie Schuldgefühle, weil ihr Vater ihr offensichtlich verziehen hatte, ohne ihr das je mitzuteilen.

Nun hatte sie diesen unwiderstehlichen Mann kennengelernt, durch den sich ihr Leben vielleicht wieder zum Besseren wendete.

In der eleganten Kajüte mit viel Holz und Messing und einem frisch bezogenen breiten Bett zog Alexios die Bänder des Bikinis ganz auf. Erst landete das Oberteil auf dem Boden, das Unterteil folgte.

In aller Seelenruhe ließ er bewundernd den Blick über die nackt vor ihm stehende Athena gleiten. Heißes Begehren stand in seinen Augen.

Bei der Erinnerung an ihre gemeinsame Nacht, in der sie beide schier verrückt nacheinander gewesen waren, zitterte Athena vor Verlangen nach diesem faszinierenden Mann. Sie zog ihn an sich, schob die Hand unter den Bund seiner Badehose und umfasste seine Erektion.

Lustvoll stöhnend schloss Alexios die Augen und warf den Kopf in den Nacken. „Du hast ja keine Ahnung, wie wunderbar sich das anfühlt, was du mit mir machst, Athena.“ Er schlug die Augen wieder auf, führte Athena aufs Bett und legte sich zu ihr, nachdem er sich schnell die Badehose abgestreift hatte.

„Ist es wirklich so gut?“ In diesem Moment fühlte es sich an, als hätte sie Macht über ihn. Es war berauschend, dass er so heftig auf sie reagierte. Verlangend ließ sie den Blick über seinen schönen Körper wandern.

„Lass es mich dir zeigen.“ Er brachte sich über ihr in Position und drang tief in sie ein.

Es war, als wären ihre Körper füreinander geschaffen, so gut ergänzten sie sich. Immer schneller wurde der Rhythmus, immer intensiver die Lust, bis sie gemeinsam einen überwältigenden Orgasmus erlebten.

Daran könnte ich mich gewöhnen, dachte Athena verzückt, als sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.

„Verdammt!“

Sein unerwarteter Fluch riss sie aus ihrem angenehmen Dämmerzustand. „Was ist denn?“

Hastig löste er sich von ihr. „Ich habe das Kondom vergessen. Bei dir alles okay?“

Nach einer Schrecksekunde nickte Athena.

Erleichtert atmete er auf und zog sie wieder an sich. „Da kannst du mal sehen, was du mit mir anstellst.“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Schulter. „Zum Glück hat wenigstens einer von uns an Verhütung gedacht.“

Ach, das meinte er mit okay. Sie stutzte. Zwar war ihre Periode schon immer sehr unregelmäßig gewesen, aber ihre fruchtbaren Tage in diesem Zyklus würden erst noch kommen …

Besser, sie ließ Alexios in dem Glauben, sie würde verhüten. Jetzt zuzugeben, dass sie es nicht tat, wäre peinlich gewesen. Also nahm sie seine Hand, die er um eine Brust gelegt hatte, und küsste sie zärtlich.

„Ja, ein Glück“, flüsterte sie und hoffte, dass alles okay war. Lange konnte sie nicht grübeln, denn Alexios’ Liebkosungen wurden schon wieder drängender.

Das ist alles viel zu einfach, dachte Alexios, als er Stunden später wieder mit Athena auf dem Sonnendeck lag. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und würde bald im Meer versinken.

Auch heute Abend würde er mit Athena im venezianischen Palast zu Abend essen. Dieses Mal hatte sie seine Einladung ohne zu zögern angenommen. Sie war Wachs in seinen Händen. Bald würde er Anton anweisen, die Papiere vorzubereiten, die Athena unterschreiben sollte, um ihm das gesamte Vermögen ihres Vaters zu überschreiben.

So einfach und vor allem so befriedigend hatte er sich das nicht vorgestellt. Ihr Vater wäre zweifellos ein weitaus schwierigerer Gegner gewesen.

Süß und unschuldig lag sie ganz entspannt da, nichtsahnend, welchen perfiden Plan er ausgeheckt hatte.

Er liebte es, sie anzuschauen, wenn sie kam. Wirklich schade, dass er diesen Anblick bald nicht mehr genießen konnte.

Das Geräusch eines sich nähernden Motorboots riss ihn aus seinen Gedanken.

Athena hatte es auch gehört und streckte sich wohlig wie ein zufriedenes Kätzchen. „Ist das unser Boot? Werden wir jetzt abgeholt?“

Selbst ihre schläfrige Stimme erinnerte an ein Schnurren. Er beugte sich über sie. „Ja, wir müssen jetzt aufbrechen, mikro peristeri.“

Lächelnd zog sie ihn zu sich herunter und küsste ihn. „Vielen Dank für diesen wunderschönen Tag, Alexios“, flüsterte sie an seinen Lippen.

„Gern geschehen“, antwortete er mit einem zufriedenen Lächeln. Am liebsten hätte er Athena gleich wieder vernascht. Ja, das war die beste Rache, die er sich vorstellen konnte.

4. KAPITEL

Schlaflos lag Athena in Alexios’ breitem Bett. Man sollte meinen, dass sie nach einem Tag, den sie überwiegend im Wasser oder im Bett verbracht hatten, wie eine Tote schlafen sollte. Aber sie war einfach zu aufgekratzt.

Zärtlich betrachtete sie den tief und fest schlafenden Mann an ihrer Seite. Hatten sie sich wirklich erst gestern kennengelernt?

Kaum zu glauben. Noch nie hatte sie sich so schnell und so heftig auf einen Mann eingelassen. Nun konnte sie sich kaum noch vorstellen, je wieder eine Nacht zu verbringen, ohne in Alexios’ starken Armen zu liegen. Er war ihr blitzschnell unter die Haut gegangen. Sehr ungewöhnlich, denn normalerweise war sie ausgesprochen misstrauisch und hielt Männer auf Distanz.

Ob Alexios schon viele Frauen verführt hatte? Waren es immer nur kurze Affären gewesen? Arbeitete er normalerweise wirklich rund um die Uhr? So viele Fragen, aber eigentlich waren die Antworten unwichtig. Nur eins zählte für Athena: Sollte es für ihn nur eine Affäre sein, dann sollte sie möglichst noch lange andauern.

Außerdem muss ich ja auch bald wieder in mein eigenes Leben zurückkehren, dachte Athena. Die Arbeit an der Uni im Fachbereich für Altertümer machte ihr viel Spaß. Zunächst wollte sie jedoch die sinnlichen Freuden mit diesem sexy Mann genießen, der sie als etwas ganz Besonderes betrachtete. Sie streckte sich wohlig, kuschelte sich enger an ihn und atmete den ihm eigenen Duft ein, der ihr inzwischen sehr vertraut war und den sie liebte. Noch ein tiefer Atemzug, dann war sie eingeschlafen.

Ah, das fühlte sich wundervoll an. Jemand streichelte Athena, langsam, rhythmisch und ganz sanft. Seine Hände schienen überall zu sein, glitten über ihre Brüste, die Taille, die Schenkel. So wurde sie am nächsten Morgen geweckt. Mit jeder Liebkosung stieg ihr Verlangen. Leise stöhnend schmiegte sie sich an Alexios’ warmen Körper.

„Habe ich dich geweckt?“, murmelte er an ihrem Hals und küsste sie.

„Ja.“

„Tut mir leid“, flüsterte er und setzte das erregende Spiel fort. Intensiv widmete er sich ihren Brustknospen.

„Mir nicht“, antwortete Athena. „Mach weiter!“ Sie stöhnte, als er eine Spur heißer Küsse über ihren Bauch zog und sich dann mit Lippen und Zunge der Stelle widmete, an der sie es sich am meisten ersehnte. So könnte gerne jeder Tag beginnen!

Als Athena das nächste Mal aufwachte, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie war. Ihr Handy klingelte. Sie war allein, das Laken neben ihr fühlte sich kalt an. Ach ja, Alexios hatte versprochen, sich später mit ihr zu treffen. Er musste zu einem wichtigen Termin.

Gähnend griff sie nach dem Telefon und lächelte erfreut, als sie im Display den Namen des Anrufers las.

„Professor! Wie geht es dir?“

„Wo bist du?“, fragte ihr alter Freund und Mentor aufgebracht. „Ich habe bei dir geklingelt, aber du hast nicht aufgemacht.“

„Ich bin auf Santorin. Was ist denn los?“

„Taucher haben vor der zyprischen Küste ein minoisches Schiffswrack gefunden, das Metallbarren geladen hatte. Du wirst es nicht glauben, Athena, aber selbst nach Jahrtausenden im Schlick glänzen die Barren noch rot-gold.“

Dann musste es sich um Orichalcum handeln! Sie war wie elektrisiert. Das sagenumwobene rot-goldene Metall von Atlantis! Bis vor einigen Jahren hatte man es für einen Mythos gehalten – bis auf einem vor Sizilien entdeckten Wrack ein ähnlicher Fund gemacht worden war.

Sie wurde immer aufgeregter. „Wer weiß davon?“

„Nur einige Fischer.“

„Die Fundstelle muss sofort abgesichert werden.“ Vor einigen Jahren war es zu Plündereien des vor Sizilien gefundenen Wracks gekommen. Das musste dieses Mal unbedingt verhindert werden.

Hastig stand sie auf, suchte Kleidungsstücke zusammen und fragte den Professor: „Wie schnell können wir eine Expedition organisieren?“

„Du weißt selbst, dass es dazu Zeit und Mittel braucht. Ich habe schon mit dem Finanzminister gesprochen. Leider ist das Ministerium auch von erheblichen Kürzungen betroffen, so wie der gesamte Regierungsapparat. Ich bezweifle, dass wir für dieses Projekt Sondermittel erhalten.“

„Aber es geht hier um einen Fund aus der hellenischen Bronzezeit. Sie müssen uns unterstützen“, rief Athena ungehalten. „Wenn du recht hast, ist dieser Fund noch sehr viel bedeutender als das Wrack vor Sizilien.“

„Stimmt. Es ist die bisher bedeutendste Entdeckung. Und der Fundort liegt in griechischen Hoheitsgewässern. Ich weiß auch nicht, was es da zu zögern gibt.“

Athena konnte sich genau vorstellen, wie niedergeschlagen Loukas war. Wahrscheinlich raufte er sich gerade verzweifelt die spärlichen grauen Haare. Natürlich waren die Sparmaßnahmen der Regierung notwendig, aber es mussten Mittel für die professionelle Erforschung der Fundstelle lockergemacht werden, und zwar so schnell wie möglich. Sonst würden die Plünderer auch dort ihr Unwesen treiben. Die einmalige Chance, mehr über die minoische Zivilisation zu erfahren, wäre dann für immer vertan. Nein, das durfte nicht geschehen. Es musste doch eine Möglichkeit geben …

Natürlich! Innerlich stieß Athena einen Jubelschrei aus. Sie war ja keine mittellose Archäologin mehr, die auf Spenden und Fördergelder angewiesen war, wenn sie ein Projekt durchziehen wollte.

Entschlossen suchte sie in der Handtasche nach der Visitenkarte der Anwaltskanzlei. Schließlich hatten die Juristen ihre Hilfe zugesagt. Dann können sie gleich mal damit anfangen, dachte Athena und schwenkte die Karte in der Luft.

„Vergiss das Ministerium, Loukas. Wir ziehen das selbst durch. Kannst du bitte Boote und Taucher organisieren? Ich nehme den nächsten Flug nach Athen.“

„Wie soll das gehen, Athena? Einige werden vielleicht unentgeltlich mitmachen, aber wie sollen wir die Boote ohne Bezahlung chartern?“

„Ich übernehme die Finanzierung.“

„Du?“

Athena lachte fröhlich. „Ja, Loukas. Ich muss mich selbst noch daran gewöhnen, aber ich bin seit zwei Tagen Milliardärin.“

Anton erwartete Alexios bereits im Büro und wunderte sich über die Verspätung seines Chefs.

Das geht ihn nichts an, beschloss Alexios. „Yassou, Anton.“ Er setzte sich an seinen Schreibtisch.

„Alles ist vorbereitet. Sowie Sie das Okay geben, veranlasse ich, dass die Anteile des Mädchens am Nikolides-Konzern auf Sie übertragen werden. Damit ist der Konzern Geschichte. Erst die Immobilien, dann die Reederei, schließlich die Insel Argos. Alles fällt Ihnen sozusagen in den Schoß.“

„Gute Arbeit, Anton.“ Alexios hatte nur mit halbem Ohr zugehört, denn er überflog gleichzeitig die E-Mails, auf die er an diesem Morgen reagieren musste.

„Wann soll das Feuerwerk denn losgehen?“, erkundigte Anton sich ungeduldig.

„Das werde ich Ihnen dann schon sagen. Vielen Dank, Anton.“

Doch der dachte gar nicht daran, das Büro zu verlassen. Er ballte die Hände zu Fäusten und sagte schroff: „Ich dachte, Sie wollten so schnell wie möglich Vergeltung für die Schmach, die Stavros Ihrem Vater angetan hat.“

Ungehalten sah Alexios auf. „Sicher. Immerhin habe ich ja zehn Jahre auf diesen Moment hingearbeitet. Es ist alles eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Den erfahren Sie zuerst.“

Widerstrebend stand sein Stellvertreter nun auf. Seine Verärgerung war nicht zu übersehen.

„Ist noch was, Anton?“

„Nein“, stieß der wütend hervor. „Ich verstehe nur nicht, warum Sie noch warten wollen.“

„Befürchten Sie, der Plan könnte auffliegen, wenn wir noch ein, zwei Tage warten?“, fragte Alexios misstrauisch.

„Nein.“

„Gut, dann machen wir es, wie ich es gesagt habe, Anton. Athena wird wohl kaum bereit sein, einen Stapel Dokumente zu unterzeichnen, ohne dass es ihr plausibel erscheint. Ich suche noch nach einer guten Begründung.“

Anton rang sich ein Lächeln ab. „Selbstverständlich. Es ist nur … ich habe so hart gearbeitet, um das alles zu ermöglichen.“

Alexios stand auf. „Nicht nur Sie. Am härtesten habe ich gearbeitet. Deshalb will ich den Triumph ja auch voll auskosten. Ich habe die Frau fast so weit. Je mehr sie mir vertraut, desto tiefer wird sie verletzt. Logisch, oder?“

Widerstrebend nickte Anton. „Sagen Sie Bescheid, wenn’s losgehen kann.“

„Sicher.“ Alexios kam um den Schreibtisch herum und klopfte seinem Stellvertreter auf die Schulter. „So machen wir’s.“

Endlich hatte Anton verstanden und verließ das Büro.

Alexios sah ihm nach. Der junge Mann, der als Kind auf der Straße gelebt hatte und dem er den Besuch der Kostas Stiftungsschule ermöglicht hatte, zeigte großes Potenzial. Er war wirklich sehr gerissen. Allerdings musste er noch viel lernen. Es war eine Sache, die Pläne seines Chefs umzusetzen, aber es ging nicht, sie als seine eigenen zu betrachten.

Ich allein entscheide, wann ich Rache nehme, dachte Alexios. Das Netz, das er um Athena webte, wurde immer dichter. Es gab kein Entkommen. Doch das ahnte Athena nicht. Mittlerweile vertraute sie ihm beinah blind. Genau das würde sie zerstören. Bis dahin wollte er aber noch seinen Spaß mit ihr haben.

Nur widerstrebend verriet die Haushälterin, wo sich Alexios’ Büro befand. Aber Athena hatte es sehr dringend gemacht.

Obwohl sie nur eine Affäre mit Alexios verband, fand sie es nur anständig, ihm persönlich mitzuteilen, dass sie so überstürzt abreisen musste.

Es wurde Zeit, sich von Santorin und ihrem Liebhaber zu verabschieden. Die Insel hatte sie schon immer verzaubert, Alexios verstärkte diesen Zauber noch. Aus der Entfernung würde sie seine Wirkung auf sie schon richtig einordnen. Wenn sie erst wieder arbeitete, käme ihr das magische Intermezzo auf Santorin sicher bald wie ein Traum vor. Außerdem war es besser für ihr Ego, die Affäre selbst zu beenden, bevor Alexios ihr den Laufpass gab.

Auf dem Weg zu seinem Büro stieß sie fast mit einem Mann zusammen, der es offensichtlich sehr eilig hatte. „Signomi“, rief sie ihm vorwurfsvoll nach. Schließlich hätte er sich entschuldigen müssen. Immerhin wusste sie nun, dass die Besprechung vorbei war. Also klopfte sie an die Bürotür.

„Was ist denn noch?“, rief Alexios von drinnen.

Zögernd öffnete sie die Tür und betrat das Büro. „Entschuldige, aber ich muss mit dir sprechen.“

„Ach, du bist es.“ Er sprang auf und eilte ihr entgegen. Zärtlich gab er ihr einen flüchtigen Kuss. „Ich dachte, es wäre jemand anders.“

„Der Mann, der gerade rausgelaufen ist? Sehr glücklich wirkte er nicht gerade.“

Beunruhigt sah er sie an. „Hast du mit ihm gesprochen?“

„Nein, aber er war sehr unhöflich. Egal. Hör zu, Alexios.“

„Ja, was ist denn so wichtig?“, fragte er lächelnd.

Dieses Lächeln, bei dem sie sofort schwach wurde. Es würde ihr fehlen.

Athena riss sich zusammen. „Ich muss sofort zurück nach Athen.“

„Nein, das geht nicht“, widersprach er heftig.

Sie lachte, erstaunt über die harsche Reaktion. „Tut mir leid, aber ich habe keine Wahl.“

„Das verstehe ich nicht.“ Wütend funkelte er sie an. „Du hast doch Urlaub.“

Erschrocken löste sie sich von ihm. „Der ist jetzt vorbei. Ich muss wieder an die Arbeit. Wir wussten doch beide, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt ist.“

„Aber doch jetzt noch nicht.“ Er marschierte zum Fenster und sah hinaus auf die Caldera.

„Warum bist du denn so wütend, Alexios?“

Er wandte sich wieder um. „Entschuldige, die Besprechung eben hätte besser laufen können. Nun gut, darum kümmere ich mich später. Warum musst du so überstürzt abreisen? Ich begehre dich, Athena. Ich will nicht, dass du schon gehst.“

Sie lächelte zärtlich. „Glaub mir, ich würde sehr gern noch bleiben, aber es geht nicht. Man hat ein Schiffswrack mit Orichalcum entdeckt. Es ist über dreitausend Jahre alt. Weißt du, wie bedeutsam das ist? So einen Fund hat man bisher nur auf dem Wrack gemacht, das vor Sizilien gesunken war. Aber das war lange nicht so alt und lag in italienischen Hoheitsgewässern. Das neu entdeckte Wrack stammt aus der Zeit der Minoer und liegt in griechischem Hoheitsgebiet. Ich muss ein Team zusammenstellen und die Expedition leiten.“

„Kann das nicht jemand anders tun?“

„Nein, Alexios.“ Zärtlich umfasste sie sein Gesicht. Er wirkte ehrlich enttäuscht. „Ich bin Archäologin, und dies ist mein Spezialgebiet. Von so einem Fund träumt jeder Archäologe. Es ist sozusagen der Jackpot. Den werde ich mir ganz sicher nicht entgehen lassen.“

„Wie lange wirst du damit beschäftigt sein?“

„Schwer zu sagen. Das hängt davon ab, wie schnell wir alles organisieren können. Der Sommer eignet sich am besten für Tauchgänge. Wir haben jetzt schon September, viel Zeit bleibt uns nicht.“

„Gut. Natürlich darfst du dir das nicht entgehen lassen. Ich bringe dich nach Athen.“

Sofort fiel Athena die schäbige kleine Wohnung ein, die sie nahe der Universität gemietet hatte. Freiwillig würde Alexios sich wohl nicht in diesem Stadtteil blicken lassen. „Danke, aber das ist nicht nötig, Alexios“, sagte sie daher schnell.

„Ich will dich nicht verlieren, Athena.“ Zärtlich umfasste er ihre Hände. „Ich habe so lange nach dir gesucht.“

Diese Bemerkung löste ein süßes Flattern in Athenas Schoß aus. Niemals hätte sie gedacht, dass Alexios mehr als eine kurze Affäre mit ihr wollte. „Gut, dann können wir uns treffen, wenn ich in Athen bin. Ich werde ja nicht die ganze Zeit vor Ort sein. Ist dir das recht?“

„Natürlich.“ Er zog sie an sich. „So schnell entkommst du mir nicht, mein Täubchen.“

Glücklich erwiderte sie seinen zärtlichen Kuss. Vielleicht meinte das Schicksal es doch gut mit ihr, und die dunklen Zeiten lagen hinter ihr. Ein minoisches Wrack, das sie tagsüber erforschen konnte, und ein unwiderstehlicher Mann für leidenschaftliche Nächte. Konnte das Leben schöner sein?

„Pack schon mal deine Sachen, Athena, ich organisiere einen Hubschrauber.“

„Ich habe schon einen Flug gebucht.“

„Flüge sind für Durchschnittsmenschen. Zu denen zählst du nicht. Du bist etwas ganz Besonderes und fliegst mit mir.“

Die Worte und der liebevolle Kuss überzeugten sie. Sie wollte ihm so gern glauben.

Alexios stand am Fenster und betrachtete die Inseln rund um den Krater. Mit Athenas plötzlicher Abreise hatte er nicht gerechnet. Sein Rachefeldzug für das, was ihr Vater seinem Vater angetan hatte, war noch lange nicht beendet. Aber mit einem über dreitausend Jahre alten Schiffswrack – genau Athenas Spezialgebiet – hatte niemand gerechnet.

Gut, dann musste sein Plan eben abgeändert werden. Es wäre ja nicht das erste Mal. Am Endergebnis würde sich dadurch nichts ändern. Vielleicht war es sogar besser, wenn Athena weit entfernt auf einem Bergungsboot war, wenn ihr Leben plötzlich und völlig unerwartet im Chaos versank. Er selbst konnte ihr dann einfach den Rücken kehren. Sollte sie doch allein mit dem Schicksalsschlag fertig werden. Sie musste für die Sünden ihres Vaters zahlen. Fast tat sie ihm nun doch leid. Aber nur fast …

Der Hubschrauberflug nach Athen dauerte nicht lange. Dort wartete bereits ein Wagen, der sie zu Athenas Adresse brachte.

Während Athena dem Fahrer noch die Anschrift mitteilte, rutschte Alexios bereits auf die Rückbank. Er hatte gar nicht zugehört, denn er wusste bereits, wo sie wohnte. In seinem Büro gab es einen ganzen Aktenordner mit Informationen über sie.

Athena schwebte noch im siebten Himmel, weil Alexios darauf bestanden hatte, sie höchstpersönlich nach Athen zu bringen.

„Ich bringe dich zur Tür“, sagte er, half ihr aus dem Wagen und begleitete sie zum Eingang. Die Luft zwischen ihnen schien zu knistern. Athena wurde es ganz leicht ums Herz. Hatte sie sich etwa in diesen wunderbaren Mann verliebt? In seiner Gesellschaft fühlte sie sich unbeschwert, die ganze Welt erschien ihr in den leuchtendsten Farben.

Sie schmiegte sich an ihn, als sie Arm in Arm zum Haus gingen, und atmete seinen unnachahmlichen Duft nach Sandelholz und seiner ganz eigenen maskulinen Note ein. „Du duftest fantastisch“, sagte sie, als sie vor der Tür standen.

„Und du schmeckst fantastisch“, sagte er und küsste sie so wild und leidenschaftlich, dass ihr die Knie weich wurden.

Es muss Liebe sein, dachte sie verträumt, als er den Kuss schließlich beendete, um Atem zu schöpfen. Würde sonst ihr Herz wie verrückt klopfen? Würde sie sonst diese enorme Anziehungskraft empfinden? Würde sie sich sonst ständig danach sehnen, eins mit ihm zu sein?

„Vielleicht sollten wir oben weitermachen“, schlug Alexios rau vor.

„Gute Idee.“ Sie schlang ihm die Arme um den Nacken und drängte sich fordernd an ihn.

Er schickte den Chauffeur wieder los und folgte ihr in die Wohnung. Plötzlich spielte es keine Rolle mehr, dass die Wohnung in einem heruntergekommenen Stadtteil lag und sehr schlicht eingerichtet war. Solange sie und Alexios zusammen waren und sich leidenschaftlich liebten, rückte alles andere in den Hintergrund.

Im Morgengrauen wachte Athena auf. Alexios schlief noch tief und fest in dem Bett, das sie damals gebraucht gekauft hatte. Nun war ihr diese ärmliche Umgebung doch etwas unangenehm. Schnell schob sie den Gedanken beiseite. Sie musste sich jetzt darauf konzentrieren, ein Bergungsteam zusammenzustellen, das möglichst schnell mit der Arbeit am Schiffswrack beginnen konnte. Zuerst wollte sie sich jedoch Alexios anvertrauen. Sie vertraute ihm, vielleicht liebte sie ihn sogar.

Nun erwachte auch er, streckte die Arme nach ihr aus und zog sie an sich.

Kalimera, Athena“, sagte er heiser und küsste sie.

Ein Prickeln durchlief sie, als sie seine Erektion an ihrem Schoß spürte. „Ich muss zur Arbeit, Alexios“, protestierte sie, als er seine warmen Hände über ihren nackten Körper gleiten ließ.

„Später“, raunte er.

So gern sie ihm auch nachgegeben hätte, es ging nicht. Sie musste standhaft sein. Außerdem wollte sie ihm noch etwas mitteilen. „Nein, Alexios. Bitte. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“

Das wirkte. Sofort schaute er sie aufmerksam an. „Was denn?“, fragte er neugierig.

Athena lächelte. Vielleicht dachte er, sie würde ihm jetzt ihre Liebe gestehen. Das sollte ja abschreckend auf Männer wirken, besonders wenn sie nur an einer Affäre interessiert waren. Für so ein Geständnis war es aber noch viel zu früh. Sie kannten sich ja erst seit wenigen Tagen. Außerdem war Athena sich ihrer Gefühle noch nicht hundertprozentig sicher, und sie wollte Alexios erst näher kennenlernen.

Sie atmete tief durch und betrachtete lächelnd die Falte, die sich zwischen seinen schwarzen Augenbrauen gebildet hatte. „Keine Angst, es ist nichts Schlimmes.“ Sie überlegte, wie sie das, was sie ihm zu sagen hatte, am besten formulieren sollte. „Ich weiß, dass du ziemlich wohlhabend sein musst. Sonst könntest du nicht so einfach über Hubschrauber und Chauffeure verfügen.“

„Stimmt, ich führe ein recht erfolgreiches Unternehmen.“

„Du hältst mich für eine arme Archäologin. Bis vor Kurzem war ich das auch. Aber als mein Vater vor einem Monat gestorben ist, hat er mir etwas Geld hinterlassen.“

Alexios löste sich von ihr und stützte sich auf einen Ellenbogen auf.

Liebevoll sah Athena zu ihm auf. Auch in der Morgendämmerung sah er umwerfend aus. Nun strich er sich über die stoppeligen Wangen. „Etwas Geld?“

„Genau genommen ist es eine Menge Geld. Mein Vater war Stavros Nikolides. Vermutlich hast du den Namen schon mal gehört.“

Verzweifelt rieb Alexios sich die Nasenwurzel, presste den Finger darauf und versuchte, gegen die Welle des Hasses anzukämpfen, die ihn durchflutete. Er musste sich zusammenreißen, ganz cool bleiben. Schließlich konnte er Athena doch nicht verraten, dass er nur wegen ihres Vaters mit ihr im Bett lag. „Hier in Griechenland hat wohl jeder den Namen schon mal gehört“, sagte er schließlich ausdruckslos.

„Vermutlich. Jedenfalls hat er mir alles hinterlassen – sein Unternehmen, sein Vermögen, einfach alles.“

Aufmerksam schaute er sie an. „Wie findest du das?“

„Irgendwie seltsam. Es fällt mir schwer, das zu verinnerlichen. Ich habe an dem Tag davon erfahren, als wir beide uns auf Santorin kennengelernt haben. Du hast gesagt, ich sähe aus, als würde ich die Last der ganzen Welt auf meinen Schultern tragen.“

Ja, er erinnerte sich nur zu genau. Sie hatte verloren auf ihn gewirkt. Und er hatte innerlich jubiliert, weil er seinem Ziel so nah war. Aber er musste sich in Geduld fassen, wenn er den größtmöglichen Schaden anrichten wollte. Erst dann war die Vergeltung erfolgreich. Bald wird es so weit sein, beruhigte er sich. Nur jetzt nicht aus der Rolle fallen …

„Ich weiß.“ Nur mit Mühe brachte er die Worte heraus, doch Athena fiel nicht auf, wie er mit sich kämpfte. Sie dachte zurück an den schicksalhaften Tag.

„Ich fühlte mich wie erschlagen und stand unter Schock. Gleichzeitig war ich traurig, weil ich die ganze Zeit nichts davon geahnt hatte. Ich konnte mich nicht mal von meinem Vater verabschieden.“

Unwillig setzte Alexios sich auf. Davon wollte er nichts hören. Stavros Nikolides war sein Erzfeind. An dem Plan, ihm alles zu nehmen, was er sich erschlichen und aufgebaut hatte, wurde nicht gerüttelt. „Dann bist du also keine arme Archäologin mehr?“

„Nein.“ Sie lächelte. „Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich erst jetzt damit rausrücke.“

„Na ja, ich dachte, du vertraust mir“, sagte er gekränkt.

„Das tue ich ja auch“, versicherte sie ihm schnell. „Aber ich musste mich erst mal mit der neuen Situation zurechtfinden. Du verstehst sicher, dass ich … vorsichtig sein muss.“

„Natürlich verstehe ich das. Danke, dass du mir dein Geheimnis anvertraut hast.“ Er legte ihr einen Arm um die Schultern und zog Athena wieder an sich. „Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, dir ein Geständnis zu machen.“

Sofort lehnte sie sich zurück. „Was denn für ein Geständnis?“

„Ich bin gar kein Gast im venezianischen Palast auf Santorin.“

„Er gehört dir?“ Sie kniff die Augen zusammen.

„Ja.“

„Das ist ja fantastisch.“ Sie lächelte amüsiert. „Hätte ich gewusst, dass ein so reicher Playboy mit mir anbandeln wollte, wäre ich zuerst nicht so ablehnend gewesen und hätte die Einladung zum Abendessen gleich angenommen.“ Neckend sah sie ihn an und zog mit den Fingernägeln Kreise um seine harten Brustwarzen.

Alexios hielt ihre Hand fest. Die Gefahr war gebannt. Gerade noch rechtzeitig hatte er das Gespräch in eine andere Richtung gelenkt. Er musste höllisch aufpassen. Athena besaß das Talent, das Biest in ihm zu besänftigen. Aber das durfte nicht sein. Der Racheplan musste ausgeführt werden. Athena fraß ihm aus der Hand, vertraute ihm ihre Geheimnisse an. Jetzt hatte er sie genau dort, wo er sie haben wollte.

„Hättest du gewusst, dass der Palast mir gehört, wärst du vielleicht verschreckt gewesen. Das wollte ich verhindern.“

Sie lachte. „Vermutlich hast du recht. Ich bin ja den ganzen Tag schon sehr nervös gewesen.“ Athena schaute ihm in die Augen. „Sag mal, wie reich bist du eigentlich?“

„Einige Milliarden werden es schon sein. So genau weiß ich das gar nicht. Es ist mir nicht wichtig.“

„Aha. Und was ist dir wichtig?“

Das Versprechen einzulösen, das ich meinem Vater auf dem Sterbebett gegeben habe.

„Was ich mit dem Geld anfangen kann. Ich kann es vermehren und so die Zukunft meiner Familie und Mitarbeiter sichern.“

Außerdem brauche ich es, um meinen Rachefeldzug zu finanzieren.

„Aber du hast doch gar keine Familie.“

„Eines Tages werde ich eine haben.“ Sowie sein Plan aufgegangen war. „Wenn ich die richtige Frau gefunden habe.“

Seine Eltern hatten vierzig Jahre lang eine glückliche Ehe geführt. Bis ihnen auf grausame Weise die Lebensgrundlage unter den Füßen weggezogen worden war. Warum sollte er nicht auch eine glückliche Familie haben? Noch musste er sich auf die Umsetzung des Racheplans konzentrieren, aber danach …

Täuschte er sich, oder schimmerten Athenas Wangen plötzlich rosig? Machte sie sich vielleicht Hoffnungen, die richtige Frau für ihn zu sein?

Niemals!

„Macht es einen Unterschied, dass wir beide reich sind?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber es ist lustig, dass sich zwei Milliardäre zufällig in einem Café kennenlernen, oder?“

Nun, zufällig war das nicht gerade gewesen. Alexios gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. „Offenbar haben die Göttin der Weisheit und der Kämpfer zum Wohle der Menschheit noch eine Gemeinsamkeit.“

„Das ist auch gut so.“

„Wieso?“ Fragend schaute er sie an.

„Na ja, man hat mich vor Mitgiftjägern gewarnt. Aber wenn du selbst reich bist, wirst du ja wohl kaum hinter meinem Vermögen her sein.“

Ihm wurde ganz anders. Mühsam rang er sich ein Lächeln ab. „Nein. Warum sollte ich?“

5. KAPITEL

In Loukas’ Büro beugten sich Athena und er über die Expeditionspläne. Stäubchen tanzten im spärlichen Sonnenschein, der durch das ungeputzte Fenster auf die Bücherwände und den unter Papierstapeln ächzenden Schreibtisch fiel, der ebenso alt war wie sein Besitzer. Athenas Laptop war wohl das einzige Zugeständnis an die Moderne.

Taucher, Boote, Sonargeräte und die Absicherung der Fundstelle – Athena hatte sich um alles gekümmert. Wenn man mit Geld für eine ruhige See hätte garantieren können, wäre sie auch dazu bereit gewesen.

Loukas sah auf. „Ich glaube, wir haben alles zusammen. Es ist wundervoll, dass du das alles aus eigener Tasche finanzierst, Athena“, fügte er dankbar hinzu.

„Mir macht das Freude. So viel Geld könnte ich sowieso niemals allein für mich ausgeben. Jetzt hat es wenigstens einen Nutzen.“

„Sag mal, hattest du wirklich keine Ahnung, dass dein Vater dich als Alleinerbin eingesetzt hat?“, erkundigte er sich ungläubig.

„Nein. Vor einigen Jahren wurde mir durch einen Anwalt mitgeteilt, dass mein Vater mich enterbt hat. Seitdem hatte ich nie wieder was von ihm gehört. Ich weiß nicht, wann oder warum er seine Meinung geändert hat. Vielleicht weil ich sein einziges Kind bin.“

„Möglich, aber vielleicht war er auch stolz auf dich, weil du eine herausragende Studentin warst und ausgezeichnete Arbeit in deinem Fachgebiet leistest“, gab Loukas zu bedenken.

Nachdenklich blickte Athena vor sich hin. Gelegentlich hatte Stavros sie zum Mittag- oder Abendessen in eins seiner Lieblingsrestaurants eingeladen, um zu erfahren, wie ihr Studium lief. Allerdings war es Athena immer so vorgekommen, als erledigte er damit lästige Pflichttermine mit der Tochter, die ihm immer fremd geblieben war. „Er hat nie erwähnt, dass er stolz auf mich war.“

„Hat er seine Gefühle denn je gezeigt?“

Athena lachte. Sie erinnerte sich an lautstarke Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, die sie bis auf die Straße verfolgt hatten, wo auch immer sie ihn gerade in einer seiner Villen besucht hatte. „Eigentlich nur, wenn er wütend auf mich war. Als Teenager war ich aber auch ziemlich aufsässig. Damals hatte er keinen Grund, stolz auf mich zu sein. Es war also keine Überraschung, dass er mich enterbt hat. Trotzdem habe ich darunter gelitten.“

„Weil du fortan allein zusehen musstest, wie du deinen Lebensunterhalt verdienst?“

„Teilweise. Aber am schlimmsten hat mich getroffen, dass ich plötzlich nicht mehr das beliebte Partygirl war. Nach und nach haben sich alle meine Freunde von mir abgewendet.“ Ihr Handy klingelte. Es war Alexios, der später wieder mit ihr essen gehen wollte. Jeden Abend besuchten sie ein anderes Restaurant und genossen dort die Aussicht auf die Küste oder den Hafen. Anschließend liebten sie sich bis spät in die Nacht. Athena konnte es kaum erwarten. Alexios war unersättlich. Verträumt legte sie nach dem Gespräch das Handy auf den Tisch.

Neugierig beobachtete Loukas sie. „Was ist passiert, Athena?“

„Was meinst du?“

„Du bist ganz verändert, wirkst viel glücklicher.“

„Natürlich bin ich glücklich. Wir stehen kurz vor der Expedition meines Lebens.“

„Stimmt. Bist du sicher, dass das alles ist? Du verbringst viel mehr Zeit am Handy als sonst. Hast du vielleicht einen neuen Freund?“

Eigentlich war ihr das alles noch zu frisch mit Alexios. Sie kannten einander erst seit wenigen Tagen, und niemand wusste, was sich daraus entwickeln würde. Schon morgen könnte alles zu Ende sein. Sie sollte die Beziehung also lieber noch geheim halten. Andererseits war Loukas ihr Mentor, ihr ältester Freund, dem sie blind vertraute.

Also gab Athena sich einen Ruck und lächelte strahlend. „Du hast recht, ich habe auf Santorin jemanden kennengelernt.“ Einen Mann, mit dem sie seitdem jede Nacht verbracht hatte – entweder in seinem Athener Penthouse oder in ihrer winzigen Wohnung. Es spielte keine Rolle, wo sie sich liebten.

Loukas strahlte. „Deshalb leuchten deine Augen, deshalb schimmern deine Wangen so rosig. Ich habe mir doch gleich gedacht, dass ein Mann dahintersteckt.“

„Er tut mir gut, Loukas. Er heißt übrigens Alexios.“

„Ach, dann ist er Grieche? Das ist gut. Dann wird er dich uns wohl nicht abspenstig machen. Du musst uns unbedingt erhalten bleiben, Athena.“

„Hör auf, Loukas!“ Sie lachte amüsiert. „Wir haben uns gerade erst kennengelernt, und es wäre noch viel zu früh, gemeinsame Zukunftspläne zu schmieden.“

„Du machst aber einen schwer verliebten Eindruck auf mich. Manchmal geht das ganz schnell. Jedenfalls freue ich mich sehr für dich. Du warst viel zu lange allein.“

„Ich weiß nicht so recht.“ So genau hatte sie noch nicht darüber nachgedacht. Jetzt war sie wieder bei der Arbeit und musste sich darauf konzentrieren, was ihr zugegebenermaßen schwerfiel, denn Alexios ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Schon jetzt freute sie sich auf die gemeinsame Liebesnacht mit ihm. „Vielleicht ist es nur eine Episode, die bald wieder vorbei ist. Aber er trägt mich auf Händen und gibt mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Das fühlt sich ziemlich gut an.“

Der alte Mann lachte vergnügt.

„Oje, ich klinge wohl wie ein verknallter Teenager. Du musst ihn kennenlernen, Loukas. Er wird dir gefallen. Da bin ich ziemlich sicher.“

„Gut, ich bin schon sehr gespannt auf den Mann, der dich wachgeküsst hat.“ Freundschaftlich legte er ihr einen Arm um die Schultern. „In unserem Job läuft man leicht Gefahr, sich in der Vergangenheit zu vergraben. Du musst aber in der Gegenwart leben. Sonst machst du eines Tages die Augen auf und merkst, dass du nicht mehr der Jüngste bist und das Leben an dir vorbeigerauscht ist.“

Diese wehmütigen Worte ließen Athena aufhorchen. Schließlich sprach Loukas nur selten über private Dinge. Sie wusste bloß, dass er keine engen Verwandten hatte.

„Sprichst du von dir, Loukas? Hast du deshalb nie geheiratet?“

„Ach, ich bin so ein Idiot“, stieß er harsch hervor. „Ich dachte, ich hätte noch so viel Zeit und Maria würde auf mich warten.“ Resigniert hob er die Hände. „Natürlich hat sie das nicht getan. Sie war klug genug, nicht auf den Mann zu warten, der nur für seine staubigen Ausgrabungsarbeiten brannte. Sechs Kinder hat sie bekommen. Die sind inzwischen alle erwachsen und haben selbst Nachwuchs. Maria ist bestimmt die beste Mutter und Großmutter, die man sich denken kann.“ Er hob den Finger, der nach einem Bruch schief zusammengewachsen war. Bei einer Ausgrabung hatte sich ein Fels gelöst und war ihm auf die Hand gefallen. „Hör auf mich, Athena! Wenn du der Liebe begegnest, ergreif sie mit beiden Händen. Das Leben ist zu kurz. Man darf seine Zeit nicht sinnlos verschwenden, sonst ist man am Ende ganz allein.“

Sie nickte, wegen seiner traurigen Geschichte den Tränen nahe. Das Leben hatte ihrem guten Freund viele Narben zugefügt – körperliche und seelische.

„So, nun aber genug davon. Was sagtest du, wie viele Taucher wir brauchen?“

Innerhalb einer Woche hatten Athena und Loukas alles zusammen. Das musste rekordverdächtig sein. Alle Beteiligten brannten darauf, bei dieser Expedition mitzumachen. Die Taucher verschoben andere Aufträge, um dabei zu sein. Schließlich erhielt man nur einmal im Leben die Gelegenheit, zu einem minoischen Wrack zu tauchen und seine Schätze zu bergen.

Athena behielt die Wettervorhersagen im Blick, hoffte, dass die Koordinaten stimmten, die man ihr gegeben hatte, und dass noch niemand sich illegal an der Fracht bedient hatte, die seit drei Jahrtausenden auf dem Meeresboden lag. Hoffentlich handelte es sich tatsächlich um einen Fund größter Tragweite. Es wäre die Krönung von Loukas’ beachtlicher Karriere, und ihrer eigenen täte es auch keinen Abbruch.

Ihr war etwas übel vor Aufregung, als es nun endlich losging. Vielleicht lag es auch am Seegang, der das kleine Schiff zum Schaukeln brachte. Dabei war Seekrankheit eigentlich ein Fremdwort für Athena.

Es war ein warmer Morgen. Die Sonne war gerade aufgegangen. An Bord herrschte gespannte Vorfreude.

Die Taucher machten sich bereit für den ersten Tauchgang, hoben die Daumen und ließen sich rückwärts ins Meer fallen.

„Jetzt wissen wir bald mehr“, sagte Loukas und legte Athena freundschaftlich den Arm um die Schultern.

Sie rang sich ein Lächeln ab. Gerade rebellierte ihr Magen schon wieder. Außerdem zogen Wolken auf. Hoffentlich sind wir überhaupt am richtigen Ort, dachte sie. Würden die Taucher etwas finden, bevor das Wetter umschlug? Wenn nun doch schon Räuber das Wrack geplündert hatten? So viele Unwägbarkeiten – kein Wunder, dass ihr übel war. Um sich zu beruhigen, atmete sie tief die salzige Meeresbrise ein.

Eins stand für Athena allerdings fest: Sollten sie heute schon etwas finden, würde sie dafür sorgen, dass Loukas’ Name für immer mit diesem Fund verbunden war. Ganz egal, was sie dafür tun musste.

Gemeinsam gingen sie in die Kajüte, wo auf einem Monitor bereits die ersten Bilder der Kameras erschienen, die die Taucher mit sich führten. Im Licht der starken Taschenlampen konnte man bewachsene Felsen und Pflanzen auf dem Meeresboden erkennen. Schwärme kleiner Fische huschten vor den Tauchern hin und her.

Angestrengt blickte Athena auf den Bildschirm und versuchte, das Schaukeln des Boots zu ignorieren. Stunden schienen zu vergehen. Tatsächlich waren erst vierzig Minuten um, als Athena aufgeregt auf eine Ecke des Monitors zeigte. „Da!“

Auf den ersten Blick sah es aus wie ein bewachsener Felsvorsprung, doch bei näherer Betrachtung waren die Umrisse zu regelmäßig. „Sieh doch, Loukas! Könnte das eine Amphora sein?“

Die Augen des alten Professors leuchteten auf.

Am Abend rief Athena Alexios an, um ihm aufgeregt von der Entdeckung zu erzählen. Der verstand zunächst kein Wort. Er hörte nur laute Stimmen und Musik.

„Du glaubst nicht, was wir gefunden haben“, rief Athena triumphierend. „Sechsundvierzig Barren und drei völlig unbeschädigte Amphoren. Wir haben auch viele andere Dinge geborgen, die wir natürlich auch untersuchen werden. Es war ein fantastischer Tag.“

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Alexios, als sie ihren Wortschwall unterbrechen musste, um Luft zu holen.

„Sechsundvierzig Barren! Das ist der bisher größte je verzeichnete Fund. Unglaublich, oder?“

Ihre Erregung war ansteckend. Alexios spürte, wie er sofort hart wurde. Sie fehlte ihm so sehr. Jede Nacht hatten sie vor Auslaufen der Boote Richtung Fundort zusammen im Bett verbracht. Immer wieder hatte er sie genommen. Jetzt sehnte er sich danach, bei ihr zu sein, den großen Triumph mit ihr zu feiern, ihn mit ihr auszukosten, eins mit ihr zu sein. „Ich muss dich sehen“, sagte er rau.

„Ich weiß nicht, wie lange wir noch hier sind.“

Das Team schien ausgelassen zu feiern. „Bei dir herrscht ja eine Superstimmung. Wo genau steckst du überhaupt? Ich kann dich kaum verstehen.“

„Wir feiern in einer Bar am Hafen.“ Sie nannte ihm den Namen, dabei musste sie schreien, so laut war es. Er hörte Gelächter, dann rief jemand nach Athena.

Alexios spürte einen Stich der Eifersucht, fühlte sich ausgeschlossen von einem Teil ihres Lebens, der ihr so wichtig war. Das konnte er nicht zulassen. Er war so nah am Ziel. Jetzt durfte nichts mehr schiefgehen.

„Ich hole dich zum Abendessen ab. Dann können wir beide auf deinen Erfolg anstoßen, Athena.“

Autor

Trish Morey
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