Vertrauen, Liebe, Happy End?

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Als Single-Anwältin Megan Jennings von New York aufs Land zieht, ist es wie ein Sprung ins kalte Wasser. Auf einen arroganten Ranchbesitzer kann sie daher gut verzichten – auch wenn Cade Battle der attraktivste Mann ist, der ihr je begegnet ist. Bis sie seine Hilfe braucht …
  • Erscheinungstag 25.10.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751508575
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Als Megan Jennings ihren mitternachtsblauen Mercedes am Rande der Einfahrt zum Haus der Whitaker-Schwestern parkte, blieb ihr vor Staunen der Mund offen stehen. Sah sie wirklich das, was sie zu sehen glaubte? Sie beugte sich vor und starrte durch die Windschutzscheibe. Mehrmals blinzelte sie, doch das Bild blieb dasselbe. Nein, das war keine Sinnestäuschung. Da kämpfte tatsächlich ein Mann mit dem größten Schwein, das ihr jemals vor Augen gekommen war. Dem schweißnassen Oberkörper des Mannes nach zu urteilen, dauerte der Kampf schon eine ganze Weile. Und das quiekende Schwein machte nicht den Eindruck, als würde es sich so schnell geschlagen geben.

Das Tier drängte den Mann gegen die Seitenwand des Trucks. Der Mann ächzte, als er kurzzeitig die Gewalt über das Schwein verlor. Es ließ die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen und trat die Flucht an. Fluchend warf sich der Mann auf das Schwein, und die beiden rollten im Gras.

Megan, die in New York groß geworden war, hatte in ihren achtundzwanzig Jahren schon manch Seltsames gesehen. Bei einem kurzen Spaziergang über den Times Square waren ihr ein nackter Cowboy und Menschen, die als Comic-Figuren verkleidet waren, begegnet. Mit der Zeit hatte sie sich an solche Anblicke gewöhnt und schaute nicht einmal mehr hin. Aber das hier? Das übertraf sogar ihr Vorstellungsvermögen.

Vor einigen Monaten war sie von Manhattan nach Spring Forest in North Carolina gezogen. Die Kleinstadt gefiel ihr; an das langsamere und beschaulichere Tempo hatte sie sich bereits gewöhnt. Doch so etwas hatte sie noch nie gesehen. Ebenso wenig einen Mann, der so gut gebaut war. Das sollte schon etwas heißen; schließlich hatte sie in einer Stadt voller Models und Schauspieler gewohnt, die ihren Lebensunterhalt zumindest teilweise mit ihrem guten Aussehen verdienten.

Fasziniert stieg sie aus und näherte sich langsam dem Ort des Geschehens – mit der gebührenden Vorsicht, um sich gegebenenfalls rasch wieder in die Sicherheit ihres Wagens zu flüchten. Schließlich wusste sie nicht viel über Schweine oder Männer, die mit ihnen kämpften. Ihre hohen Absätze machten aus ihrem Gang über den Kiesweg ein kleines Abenteuer, aber sie wäre nie auf die Idee gekommen, Slipper zu tragen. Obwohl sie jetzt in einer Kleinstadt lebte, hatte sie einige Großstadtangewohnheiten beibehalten. Immer noch trug sie die Hosenanzüge, die sie bei ihrer Arbeit in der New Yorker Anwaltskanzlei getragen hatte. Die Businesskleidung verlieh ihr ein Selbstvertrauen, das ihr nach dem unerwarteten Tod ihrer Familie und den Jahren bei diversen Pflegefamilien abhandengekommen war.

Je näher sie kam, umso beeindruckender sah der Ringer aus. Groß und mit Muskeln, denen man jahrelange harte Arbeit ansah, und ein Gesicht, das man durchaus als sexy beschreiben konnte. Sollte er jemals über einen Berufswechsel nachgedacht haben, hätte er als Model ein Vermögen verdienen können. Angesichts dessen, womit er gerade beschäftigt war – das Schwein verharrte einen Augenblick reglos, ehe es sich auf den Mann stürzte –, war jede andere Tätigkeit eine Verbesserung. Vorausgesetzt natürlich, er würde den Fight mit dem Tier überleben, was man momentan nicht mit Sicherheit sagen konnte.

Die Lippen des Mannes bewegten sich, aber er sprach zu leise, als dass sie seine Worte hätte verstehen können. Neugierig trat sie noch näher.

„Mach nur so weiter, und du wirst bald auf dem Grill landen“, drohte der Mann leise. Seine Stimme war tief und trotz seiner Worte ziemlich sexy. Als Antwort stieß das Schwein grunzend gegen den Mann. „Die Schwestern mögen mich. Die werden mir schon glauben, wenn ich ihnen erzähle, dass du fliehen wolltest. Und dann wirst du zum Sonntagsbraten, und der Rest kommt während der Woche auf den Tisch.“

Dem Schwein schien die Bemerkung nicht zu gefallen; es bockte und trat und machte dem Mann das Leben zur Hölle. Als er es festhielt, sah es aus, als würde er auf dem Schwein reiten wie auf einem Wildpferd. Megan wäre nicht überrascht gewesen, wenn er seinen Cowboyhut, den er die ganze Zeit über nicht verloren hatte, in die Luft geworfen und „Yippie!“ gerufen hätte. Die Szene war so absurd, dass Megan nicht anders konnte, als hemmungslos zu kichern.

Verdutzt schaute der Mann auf, wobei er die Gewalt über das Schwein verlor, das sofort wieder zum Angriff überging. Mit einem Satz rettete er sich hinter die Rampe des Trucks. Megan stockte der Atem, als das Tier drohend den Kopf senkte. Ein erstickter Schrei entrang sich ihrer Kehle, als das Schwein den nackten Oberkörper des Mannes um wenige Zentimeter verfehlte, während es die Rampe hinaufstürmte. Mit einer eleganten Bewegung wich der Mann dem Tier aus, das auf der Ladefläche landete. Im Handumdrehen entfernte der Mann die Rampe und schloss die Klappe.

Wow! Megan merkte, dass sie zu schwitzen begonnen hatte, und fuhr sich mit den Fingern über ihre feuchte Stirn, ehe der Mann die Tropfen sehen konnte. Die Erleichterung darüber, dass dem wackeren Kämpfer nichts passiert war, mischte sich mit dem Gefühl der Belustigung, die das Schauspiel in ihr ausgelöst hatte, und sie begann zu lachen. „Meine Güte. So etwas habe ich ja noch nie gesehen.“

Der Schweinebezwinger warf ihr einen wütenden Blick über die Schulter zu. Das Lachen erstarb ihr in der Kehle. Ganz offensichtlich teilte er ihre Heiterkeit nicht.

Sie wollte sich schon entschuldigen, überlegte es sich dann aber anders. Warum sollte sie ein schlechtes Gewissen haben, nur weil sie die Situation witzig fand? Sie hatte lange genug in strengen Pflegefamilien gelebt, die jede Form von Fröhlichsein unangemessen fanden. Oft hatte sie das Gefühl gehabt, dass sie ihr das Lachen austreiben wollten. Einige von ihnen hätten es tatsächlich beinahe geschafft.

Aber jetzt bestimmte sie selbst über ihr Leben – und über ihre Gefühle.

Der Mann nahm ein kariertes Hemd von der Stoßstange des Trucks und wischte sich damit den Schweiß aus dem Gesicht und vom Oberkörper, bevor er es überstreifte und die unteren vier Knöpfe schloss. Dann zupfte er an dem Stoff, als wollte er die Falten glätten, und versuchte, einen Grasfleck wegzuwischen, was er aber aufgab, als er merkte, dass es aussichtslos war.

Offenbar hatte er keine Lust sich vorzustellen. Also trat sie mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. In dem Moment wurde die Haustür des Farmhauses geöffnet, und Bunny Whitaker, eine der beiden Frauen, mit denen sie einen Termin hatte, kam die Treppe herunter. „Prima. Du hast Little Piggy also in den Truck gekriegt, Cade?“

Little Piggy? Megan schüttelte den Kopf. Das Schwein war alles andere als klein.

„Jawohl, Ma’am.“

Wenn Bunny wüsste, dass ihr Freund damit gedroht hatte, ihr Little Piggy zu Grillfleisch zu verarbeiten, würde ihr das Lachen bestimmt vergehen.

„Er hat doch keine Probleme gemacht, oder?“

„Nein, Ma’am. Kein bisschen.“

Megan riss die Augen auf, als sie seine Lügen hörte. Wenn das kein Problem gewesen sein sollte, dann wusste sie nicht, was eines war.

„Du bist eben ein braver Junge, nicht war, Little Piggy?“ Bunny beugte sich in den Truck und kraulte das Schwein, das zufrieden grunzte.

Bunny richtete sich wieder auf. „Ich bin dir wirklich dankbar dafür, dass du ihn zu dir nimmst. Wir trennen uns nicht gerne von ihm, aber Birdie und ich haben einfach keinen Platz mehr für ihn. Bei dir wird er es gut haben, das weiß ich.“

„Jawohl, Ma’am.“

Bunny schaute sich um und lächelte, als sie Megan entdeckte. „Guten Tag. Ist es schon Zeit für unser Meeting?“

„Ich bin ein wenig früh dran“, gestand Megan und kam näher. „Ich muss mich noch an den Kleinstadtverkehr gewöhnen. Wenn ich mein Büro verlasse, kalkuliere ich immer noch einen Zeitpuffer für einen Verkehrsstau ein. Aber so was gibt es hier ja nicht.“

„Das stimmt. Es sei denn, Gänse überqueren die Straße oder Kühle laufen frei herum. Und es ist auch nicht schlimm, wenn Sie etwas später kommen. Die Leute hier lassen sich nicht von der Uhr terrorisieren. Wenn man Tiere zu versorgen hat, kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren.“ Sie rieb sich die Hände an ihrem Jeansrock ab. „Habt ihr beiden euch schon miteinander bekanntgemacht?“

„Nein“, erwiderte Megan.

Lächelnd winkte Bunny Cade näher. Zögernd schlurfte er in ihre Richtung. Megan hatte das Gefühl, sie sei der Grund für seine Zurückhaltung.

Als er vor ihnen stand, legte Bunny einen Arm um Megans Hüfte. „Das ist Megan Jennings. Sie ist neu in der Stadt. Sie ist nicht nur bildhübsch, sie hat auch einen guten Charakter. Und sie ist die neue Anwältin in Daniel Suttons Kanzlei.“

Megan spürte, wie sie errötete, und versuchte, ihre Verlegenheit hinter einem Lächeln zu verbergen. Sie kannte Bunny noch nicht lange, aber sie wusste, dass die reizende ältere Dame niemals jemanden mit Absicht in eine peinliche Situation bringen würde. Doch beim Blick in das Gesicht des Mannes ahnte sie, dass er weder Megans Aussehen noch sonst etwas an ihr sonderlich attraktiv fand

„Und das ist Cade Battle“, fuhr Bunny fort. „Er ist ein enger Freund von mir und Birdie. Ihm gehört ein Teil der Battle Lands Farm und ist einer der nettesten Menschen, die ich kenne. Wenn Sie einmal Hilfe brauchen, egal wobei, dann sollten Sie Cade anrufen. Er ist absolut zuverlässig.“

Cade war Bunnys überschwängliches Lob sichtlich unangenehm. Unter seiner Bräune errötete er. Als Megan sah, dass sie mit ihrer Verlegenheit nicht allein war, fühlte sie sich gleich besser. Sie hielt ihm die Hand hin. „Schön, Sie kennenzulernen, Cade.“

Ehe er ihre Hand ergriff, wischte er seine am Hemd ab. Sein Griff war fest – im Gegensatz zu seinem Händeschütteln, mit dem manche Männer sie einzuschüchtern versuchten. Das waren in der Regel Anwälte der Gegenseite, die, falls sie ein Gespür für ihre Kollegin gehabt hätten, schnell gemerkt hätten, dass sie sich von einem Klammergriff nicht beeindrucken ließ. Es forderte sie eher dazu heraus, sich noch mehr ins Zeug zu legen.

Cades Handfläche war übersät von Schwielen, zweifellos das Ergebnis seiner täglichen schweren Arbeit. „Ganz meinerseits, Miss Jennings.“

Seine Stimme klang noch verführerischer, wenn er nicht außer Atem war, und verursachte ihr einen wohligen Schauer. Was hatte das wohl zu bedeuten? Sie lächelte. „Nennen Sie mich Megan.“

„Megan“, wiederholte er, erwiderte ihr Lächeln jedoch nicht.

„Sehr schön. Jetzt seid ihr auch befreundet.“ Bunny strahlte zufrieden und wandte sich an Cade. „Ich wollte dir sagen, dass das Essen auf dem Tisch steht. Und Sie, Megan, sind herzlich eingeladen. Wir haben mehr als genug.“

Cade schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Ich kann leider nicht bleiben, Bunny.“

„Warum nicht?“

Die Art, wie er ihrem Blick auswich, erzeugte in Megan einen Verdacht. Sie war weder paranoid noch so eingebildet zu glauben, sie sei der Grund für alles, was um sie herum geschah. Aber in diesem Augenblick hatte sie den Eindruck, dass Cade ihretwegen nicht bleiben wollte.

„Ich muss los. Auf mich wartet eine Menge Arbeit. Und Little Piggy einzugewöhnen könnte länger dauern, als ich zunächst gedacht habe.“

„Okay.“ Bunny sah enttäuscht aus. Doch rasch fing sie sich. „Dann lass mich dir wenigstens ein paar Stücke Kuchen mitgeben.“

„Das ist aber nicht nötig“, wehrte er ab, doch Bunny war bereits im Haus verschwunden.

Weder Cade noch Megan sagten etwas. Sie hatte Cade schon ein paarmal in der Stadt gesehen, aber sie hatten noch nie miteinander geredet. Jedes Mal wenn sie sich zufällig über den Weg gelaufen waren, hatte er sie ebenso stirnrunzelnd angeschaut, wie er es jetzt tat. Jemand hatte ihr einmal erzählt, dass jeder auf der Welt irgendwo einen Doppelgänger hätte. Also tröstete sie sich damit, dass er sie wohl mit einer anderen Frau verwechselte. Eine, die ihm Kummer beschert hatte. Aber jetzt, nachdem Bunny sie einander vorgestellt hatte, musste ihm klar geworden sein, dass sie sich ganz sicher nicht von irgendwoher kannten. Dennoch verhielt er sich äußerst abweisend. Wahrscheinlich war er der mürrischste Mann in der Stadt.

Das Schweigen wurde unangenehm. Doch keiner von beiden machte Anstalten, es zu brechen. Es war ein merkwürdiger Wettstreit, den Megan zu gewinnen gedachte. Sie wusste nicht, ob es eine Rolle spielte, aber sie war fest entschlossen, nicht klein beizugeben. Aus irgendeinem Grund war ihr das wichtig. Obwohl er großartig aussah, dachte sie nicht im Traum daran, sein unfreundliches Verhalten zu akzeptieren.

„So, bitte schön.“ Bunny kam die Treppe herunter. Zwinkernd drückte sie ihm eine Tüte in die Hand. „Ich habe dir auch noch ein paar Hühnerteile eingepackt – falls du auf dem Heimweg hungrig wirst.“

„Danke.“ Er schenkte der älteren Frau ein Lächeln. „Das ist sehr nett.“

Bunny stellte sich auf die Zehenspitzen, um Cade einen Kuss auf die Wange zu drücken. Er war so groß, dass er sich zu ihr niederbeugen musste. Dann warf er Megan einen Blick zu, berührte seinen Hut, stieg ohne ein weiteres Wort in seinen Truck und fuhr davon.

„Nun, ich hoffe, Sie sind hungrig.“ Bunny nahm Megans Arm. „Wir haben eine Menge vorbereitet.“

Megan lächelte und beschloss, sich Cade Battle aus dem Kopf zu schlagen. „Ich sterbe vor Hunger.“

„Gut“, entgegnete Bunny, während sie die Stufen erklommen.

„Kann ich irgendwie helfen?“, fragte Megan, als sie die Küche betraten. Der Duft von gebratenem Hühnchen, frischem Brot, Mais und Sandkuchen stieg ihr in die Nase. Das delikate Aroma erinnerte sie an zu Hause. Oder zumindest an das Zuhause ihrer ersten vierzehn Jahre.

„Nein. Ich habe alles im Griff.“ Birdie kam in die Küche und ging sofort zum Herd. „Setzen Sie sich und fühlen Sie sich wie zu Hause.“

Megan zog einen Stuhl hervor und setzte sich an den alten Eichentisch. Das Farmhaus war zwar hundert Jahre alt, aber die Küche war erst kürzlich renoviert worden.

Megan hatte die Schwestern vor einem Monat kennengelernt, als ihr Chef, Daniel Sutton, sie mit deren Fall betraute. Birdie und Bunny hatten ihr ganzes Leben in diesem Haus verbracht. Keine der Schwestern hatte geheiratet. Sie waren unterschiedlich wie Tag und Nacht und passten trotzdem hervorragend zusammen. Die Schwächen der einen glich die andere mit ihren Stärken aus. Bernadette, die von allen nur Birdie genannt wurde, war groß und schlank und topfit. Sie war energisch und mochte keine dummen Menschen, aber unter der rauen Schale war ein weicher Kern. Gwendolyn oder Bunny, wie sie alle liebevoll nannten, war klein und pummelig mit einem Herzen aus Gold. Sie war verträumt; Megan hielt sie für ein bisschen naiv. Glücklicherweise hatte sie Birdie, die sie beschützte. Sie war immer gut gelaunt und hatte für jeden ein ermunterndes Wort. Megan mochte beide sehr.

„Ist Cade noch draußen?“, fragte Birdie.

„Nein. Er hat noch etwas zu erledigen“, antwortete Bunny.

Birdie ließ ein Grunzen hören. Megan kannte sie noch nicht lange genug, um zu wissen, was das bedeutete. Bunny aber wusste es.

„Genau“, sagte sie. „Ich habe ihm für unterwegs ein wenig Huhn und Kuchen eingepackt.“

Die Schwestern füllten drei Teller. Dann gesellten sie sich zu Megan an den Tisch. „Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen“, begann Megan, nachdem sie sich gesetzt hatten.

„Nicht beim Essen, meine Liebe“, unterbrach Birdie. „Bei Tisch reden wir nie über Geschäftliches. Es ist nicht gut für die Verdauung. Später haben wir noch genug Zeit.“

Eigentlich war Megan es gewöhnt, Geschäftliches beim Essen zu besprechen. Die meisten Dinge waren noch vor dem Nachtisch erledigt. Aber das war in New York gewesen, wo ohnehin alles viel schneller gehen musste. Doch jetzt war sie in Spring Forest, und hier tickten die Uhren anders. Also griff sie zur Gabel und genoss jeden Bissen des köstlichen Mahls.

„Haben Sie sich schon an das Kleinstadtleben gewöhnt?“, erkundigte Birdie sich.

„Es ist natürlich ganz anders als in New York, aber es gefällt mir. Ich mag den Frieden und die Ruhe und den Gemeinschaftssinn. Jeder hilft jedem, wenn Not am Mann ist.“ Nicht, dass sie in New York keine Freunde gehabt hätte. Auf zwei von ihnen konnte sie sich immer verlassen, egal ob sie im selben Haus oder in einem anderen Bundesstaat lebten. Aber sie hatte eine Veränderung gebraucht. Sie musste Tim, ihren Ex-Verlobten, und seine Familie hinter sich lassen.

Sie und Tim hatten sich am ersten Tag an der Universität kennengelernt und sich Hals über Kopf verliebt. Sofort nach ihrem juristischen Examen hatten sie sich verlobt. Seine Eltern und Schwestern hatten sie in der Familie willkommen geheißen. Sie hatte Feiertage und Ferien mit ihnen verbracht, und sie hatten stets eine große Geburtstagsparty für sie arrangiert. Sie war so sicher gewesen, nach all den Jahren, in denen sie von Pflegefamilie zu Pflegefamilie weitergereicht worden war, endlich einen sicheren Hafen gefunden zu haben.

Doch dann hatten sie und Tim sich getrennt. Da es eine freundschaftliche Trennung war, hatte sie geglaubt, mit seiner Familie in Kontakt bleiben zu können. Sie hatte sich jedoch getäuscht. Dass seine Eltern und Schwestern ihre Anrufe nicht erwiderten, konnte sie noch irgendwie entschuldigen. Aber als sie ihren Geburtstag ignorierten, wusste sie, dass sie nicht mehr dazugehörte.

Das Beste in einer solch schmerzhaften Situation, beschloss sie, war ein radikaler Schlussstrich. Aus einem Impuls heraus hatte sie die Namen aller anderen neunundvierzig Bundesstaaten auf einen Zettel geschrieben und in einen Hut gelegt. Sie hatte North Carolina gezogen und dort mit ihrer Jobsuche begonnen. Einen Monat zuvor war sie dann von Daniel Sutton eingestellt worden, der auf diese Weise aus seiner Ein-Mann-Kanzlei eine Ein-Mann-und-eine-Frau-Kanzlei gemacht hatte. Die Sutton-Kanzlei unterschied sich erheblich von der Anwaltssozietät mit fünfhundert Kollegen und Kolleginnen, in der sie zuvor gearbeitet hatte. Es war ein gewaltiger Wechsel – aber kein unangenehmer.

Während des Essens erzählten die Whitaker-Schwestern Megan von dem Tierheim Fellknäuel fürs Leben, das sie ins Leben gerufen hatten, um sich um ausgesetzte oder entlaufene Haustiere zu kümmern, bis sie neue Familien für sie gefunden hatten. Und erst nach dem Nachtisch gelang es Megan, das Gespräch auf den eigentlichen Grund ihres Besuches zu leiten – die Vermögensverhältnisse der beiden. Sie holte eine Akte aus ihrer Ledertasche und schaute von einer Schwester zur anderen. Die Erfahrung hatte Megan gelehrt, dass es nichts brachte, schlechte Nachrichten schönzureden. Also kam sie sofort zum Punkt.

„Nun, meine Damen, ich fürchte, ich habe Ihnen nichts Gutes mitzuteilen. Ihr Bruder Greg hat Ihr Geld veruntreut.“

Bunny rang nach Luft und legte die Hände an die Brust.

Birdie schüttelte den Kopf. „Sind Sie sicher? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gator uns so etwas antun würde. Du, Bunny?“

„Nein.“ Bunnys Stimme klang schmerzverzerrt und war ein kaum vernehmbares Flüstern.

Megan empfand großes Mitleid für die beiden. Bunny traute keinem Menschen etwas Böses zu, und Birdie ließ nichts auf ihren jüngeren Bruder kommen. In ihren Augen hatte er noch nie etwas Falsches getan.

Doch Megan hatte Beweise, dass er sie seit Jahren bestohlen hatte. Trotzdem bezweifelte sie, dass sie die Schwestern überreden konnte, gegen ihn vorzugehen. Auf jeden Fall musste sie es aber versuchen. Bunny und Birdie waren mehr als ihre Mandantinnen. Sie waren Freundinnen. Sie waren mit der ganzen Dorfgemeinschaft befreundet. Sie kümmerten sich um alle, und alle kümmerten sich um sie.

„Ich habe Beweise dafür“, fuhr sie fort und präsentierte ihnen Kopien der Dokumente. Keine der Schwestern berührte die Papierstapel. Sie würdigten sie nicht einmal eines Blickes. „Das sind die Informationen des Sachverständigen, den ich beauftragt habe. Und jetzt bin ich bereit, alle Ihre Fragen zu beantworten.“

„Davon bin ich überzeugt. Wir sind nur noch nicht so weit, jetzt schon darüber nachzudenken“, erwiderte Bunny. „Wir müssen erst einmal klarkommen mit dem, was Sie uns erzählt haben.“

„Das verstehe ich natürlich, aber es ist wichtig, so schnell wie möglich zu reagieren.“

„Das wissen wir, aber momentan müssen wir uns um andere Dinge kümmern. Wir können nicht alles gleichzeitig machen.“

„Was für andere Dinge?“ Megan war klar, dass es den beiden schwerfiel, die Wahrheit zu akzeptieren, aber sie nicht zu akzeptieren, würde den beiden auch nicht helfen – vor allem nicht, wenn sie kurz davorstanden, ihr Haus zu verlieren.

„Rebekah“, platzte es aus Bunny hervor, und Birdie nickte.

„Was ist mit Rebekah?“ Rebekah war die Leiterin von Fellknäuel fürs Leben; Megan hatte sich bereits ein wenig mit ihr angefreundet.

„Irgendetwas stimmt nicht mit ihr“, erwiderte Bunny. „Sie sieht in letzter Zeit immer so müde und erschöpft aus. Als ich mich neulich mit ihr unterhalten habe, wirkte sie richtig krank.“

„Als ich sie vor ein paar Tagen getroffen habe, sah sie vollkommen gesund aus“, konterte Megan in der Hoffnung, wieder zum Thema zurückzukehren.

„Meinst du, es könnte am Stress mit Grant liegen?“, mutmaßte Birdie, ohne auf Megans Worte zu achten. „Unser Neffe ist ein solcher Perfektionist. Vielleicht setzt er sie unter Druck.“

„Das würde mich nicht überraschen“, antwortete Bunny. „Wir sollten mal mit ihm reden und ihm sagen, wie sehr wir Rebekah und ihre Arbeit schätzen.“

„Das ist eine gute Idee“, pflichtete Megan ihr bei. „Aber was machen wir nun mit Ihrem Geld? Wenn Greg Sie weiterhin bestiehlt, bekommen Sie erhebliche Probleme. Unter Umständen verlieren Sie alles – Ihr Haus, den Rest Ihres Grundbesitzes und das Tierheim.“

Bei diesen schrecklichen Nachrichten hörten die Schwestern endlich auf, über Rebekah und Grant zu reden und widmeten ihr ihre ganze Aufmerksamkeit. Birdie warf ihrer Schwester einen Blick zu, ehe sie Megan aufforderte: „Sprechen Sie weiter.“

„Ich würde gerne eine Stiftung ins Leben rufen, die Ihren Besitz und Ihr Geld schützen würde, auf das Ihr Bruder derzeit keinen Zugriff hat. Und wenn wir erst einmal die Kontrolle über den Rest zurückgewonnen haben, werden wir den genauso schützen können. Sollte keine von Ihnen Lust haben oder sich nicht qualifiziert genug fühlen, die Stiftung zu verwalten, kann ich jemanden bestellen.“

Die Schwestern schauten sich lange an. „Das wäre in Ordnung“, sagte Birdie schließlich.

Autor

Kathy Douglass
Als Tochter lesebegeisterter Eltern ist Kathy Douglass mit Büchern aufgewachsen und hat schon früh eins nach dem anderen verschlungen. Dann studierte sie Jura und tauschte Liebesgeschichten gegen Gesetzestexte ein. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder wurde aus der Liebe zum Lesen eine Liebe zum Schreiben. Jetzt schreibt Kathy die Kleinstadt-Romances,...
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