Liebe ist Trumpf

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Für Glamour-Girl Cara, die jüngste der Chatsfield-Erben, ist das Leben ein zügelloses Spiel. Deshalb ist sie perfekt geeignet, sich im Chatsfield, Las Vegas um ein internationales Pokerturnier zu kümmern. Bei dem auch der australische Millionär Aidan Kelly mit von der Partie ist. Von der ersten Begegnung an fasziniert er Cara, auch wenn sie nicht weiß, was sein Herz bewegt: Liebe, Stolz oder Hass? Bis sie unfreiwillig in das Machtspiel zwischen zwei Erzrivalen gerät. Atemlos verfolgt sie, wie Aidan alles auf eine Karte setzt und gewinnt - eine Nacht mit … ihr.
  • Erscheinungstag 04.08.2015
  • Bandnummer 2190
  • ISBN / Artikelnummer 9783733701925
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Eigentlich müsste sich Cara absolut obenauf fühlen.

So wie gestern, als sie erfahren hatte, dass sie den Zuschlag für den lukrativen Demarche Cosmetic Contract an Land gezogen hatte. Damit würde ihre Modelkarriere endlich in eine seriösere Richtung gelenkt. So ganz konnte sie allerdings noch nicht glauben, dass es ihrer Agentin gelungen war, einen derartig großen Fisch an Land zu ziehen. Und ganz sicher wäre sie auch erst nach der offiziellen Verlautbarung, die am nächsten Sonntagabend anlässlich eines schillernden Events stattfinden sollte.

Cara wusste, dass sie schrecklich nervös sein würde, trotz einiger Erfahrung, was Auftritte in der Öffentlichkeit betraf. Denn immer wenn in ihrem Leben endlich einmal etwas glatt zu laufen schien, kam irgendetwas dazwischen. Warum, konnte sie sich selbst nicht erklären.

Doch diesmal war sie fest entschlossen, keinen Fehler zu machen. Ihre Agentin hatte wirklich hart daran gearbeitet, sie im besten Licht erscheinen zu lassen und klarzustellen, dass sie sich verändert hatte. Cara war längst nicht mehr Chatsfields Wild Child und populäres It-Girl, das keine Party ausließ, sondern ein ernst zu nehmendes Model mit beachtlichen Erfolgen, das sich internationaler Wertschätzung erfreute.

Vielleicht trug Harriet Harland mit den beiden letzten Punkten etwas zu dick auf. Doch ihre Agentin glaubte an sie, und Cara wollte sie nicht enttäuschen. Besonders nicht, nachdem sich etliche Menschen nach dem grässlichen Rockvideo von ihr distanziert hatten, zu dem sie sich dummerweise im letzten Jahr von ihrem vorherigen Agenten hatte überreden lassen. Bevor es der Zensur zum Opfer fiel, hatte es sich leider in rasender Geschwindigkeit im Worldwide Net ausgebreitet.

Danach hatte Cara befürchtet, nie wieder einen seriösen Job angeboten zu bekommen. Worin ihr Vater und sie zum ersten Mal einer Meinung waren. Darum wagte sie es auch noch nicht, sich im Glorienschein ihres neuesten Erfolgs zu sonnen. Nicht bevor der Kosmetikvertrag unter Dach und Fach war.

Sie war zu spät dran … viel zu spät, um genau zu sein.

Und diesmal nicht aus eigener Schuld.

Wer hätte aber auch ahnen sollen, dass sie fünf Stunden auf der Landebahn vom Los Angeles International Airport festhängen würde? Und nur wegen eines üblen Gewittersturms, der über der Stadt wütete. Dabei konnte sie noch froh sein, dass der Flieger überhaupt gelandet und nicht nach … na, bei ihrem Glück bestimmt nach Usbekistan umgeleitet worden war. Das hätte noch besser zu dem teuflischen Tag gepasst, der hinter ihr lag.

Okay, vielleicht hätte sie doch den direkten Weg wählen sollen, als sie Order bekam, nach Las Vegas zu fliegen. Aber was wäre dann aus dem Lunch geworden, zu dem sie ihre Agentin als kleines Dankeschön für den neuen Kontrakt eingeladen hatte? Schließlich hatte sie ja nicht ahnen können, dass ihr Treffen sich zu einer kleinen Privatparty ausweiten würde und … wie auch immer, jetzt war es ohnehin zu spät für Reue.

Davon abgesehen war sie in ihrem ganzen Leben noch nie von jemandem unterstützt worden, außer von ihren Geschwistern, und Harriet schien der Termin sehr wichtig zu sein.

„Allemal wichtiger als dieses blöde Kartenspiel heute Abend …“, murrte Cara und hätte am liebsten den Boden geküsst, während sie im Strom der Mitreisenden auf den Ausgang des Fliegers zusteuerte.

Poker war nun wahrhaftig keine weltbewegende Sache. Selbst wenn das Turnier, dessen Gastgeberin sie heute Abend spielen sollte, in einem der angesagtesten Hotels ihres Vaters stattfinden würde. Und dann auch noch in dem Casino mit den höchsten Einsätzen, die in der westlichen Welt üblich waren.

Trotzdem blieb es nur ein Spiel.

Cara warf einen raschen Blick auf ihr Handydisplay, um zu sehen, wie spät es war, und steckte das iPhone in ihre Schultertasche.

Mir bleibt nur noch eine Stunde!

Davon würde die Taxifahrt vom McCarran International Airport zum funkelnden Highlight des Las Vegas Strips eine halbe Stunde verschlingen: dem Chatsfield International mit dem einst berühmtesten Casino von Vegas. Es genau dazu wieder zu machen stand ganz oben auf der Agenda des neuen CEOs ihres Vaters. Gene Chatsfield hatte den ebenso umwerfenden wie arroganten Griechen Christos Giantrakos eingesetzt, um den angeschlagenen Ruf sämtlicher Chatsfield-Hotels wiederherzustellen und damit auch dem altehrwürdigen Familiennamen seinen Glanz zurückzugeben.

So wie vor der Zeit, als ihre Mutter die Familie kurz nach Caras Geburt verlassen und ihr Vater Trost und Vergessen im Alkohol und in den Armen unzähliger Geliebter gesucht hatte. Jetzt hatte er eine Frau gefunden, die sich offenbar von ihren Vorgängerinnen unterschied, und – was für eine Überraschung! – plötzlich sah er wieder einen Sinn im Leben.

Christos, der seinen Job in Caras Augen viel zu ernst nahm, hatte sich darauf versteift, dass alle zukünftigen Hotelerben in den Ehrenrettungsprozess ihres Vaters mit einbezogen wurden. Eine absurde Idee, gegen die sie und ihre Geschwister sich natürlich mit Händen und Füßen sträubten.

Ob es richtig war oder nicht, sich im Familienunternehmen zu engagieren, erschien Cara ungefähr so wichtig wie die Teilnahme an einer Antiatomkraftdemonstration.

Dass Christos ihr dann auch noch schlicht via E-Mail mitgeteilt hatte, dass sie nach Las Vegas zu diesem Pokerturnier sollte – angeblich einem der brisantesten Casinotermine des gesamten Kalenderjahrs –, hatte sie verletzt, obwohl sie das nie zugeben würde. Hält er mich denn für so naiv, dass ich ihn nicht durchschaue? Er wollte sie nur aus dem Weg haben, um sich zusammen mit ihren Geschwistern den wirklich wichtigen Aufgaben widmen zu können.

Am liebsten hätte sie ihm geraten, sich zur Hölle zu scheren, aber die kaum verhohlene Drohung, bei Nichteinhaltung seiner Bedingungen den familiären Geldhahn zuzudrehen, hielt sie schlussendlich davon ab. Wenigstens galt diese Regelung für sie alle. Doch was für Cara noch mehr zählte, war ein gewisser zweifelnder Unterton in seiner harten Stimme, dass sie der ihr gestellten Aufgabe gewachsen sei. Mit anderen Worten: Als Nesthäkchen und notorisches Partygirl zählte sie weniger als ihre Geschwister.

Aber sie würde es Christos Giantrakos schon zeigen. Ihm und meinem Vater! Nicht dass sie von letzterem ein Lob erwartete, wenn sie Erfolg hätte. Wahrscheinlich würde er es nicht einmal mitbekommen.

Nervös zupfte Cara an ihren Stirnfransen und schaute erneut auf die Uhr.

Vielleicht war es wirklich keine Glanzidee gewesen, sich das Haar abschneiden zu lassen und den frechen Bob auch noch Pink einzufärben. Möglicherweise lag ihre Schwester Lucilla auch richtig, wenn sie behauptete, es sei nur eine Gegenreaktion auf Christos’ Forderung gewesen, endlich einmal etwas Nennenswertes für die Familie zu tun. Immerhin wäre die ja für ihre teure Ausbildung aufgekommen und hätte sie mit allem überhäuft, was ihr Herz begehrte.

In dem Moment hatte Cara Giantrakos wirklich gehasst und hätte ihm am liebsten an den Kopf geworfen, dass sie nie bekommen hatte, wonach sie sich am meisten sehnte: ein Elternpaar, das sie liebte.

Aber heute Abend wollte sie es ihm zeigen!

Und wenn sie nächste Woche dann auch noch den Kosmetik-Modelvertrag präsentieren konnte, würde selbst ihr Vater sich nicht nur an ihre Existenz erinnern, sondern einsehen müssen, dass mit ihr zu rechnen war!

Schon viel aufrechter und selbstbewusster betrat Cara die riesige Abfertigungshalle des McCarran International, wo sie von grellen Lichtern und der skurrilen Geräuschkulisse unzähliger Spielautomaten empfangen wurde.

Willkommen in Las Vegas! dachte sie grimmig und fühlte sich wie Dorothy in Der Zauberer von Oz, die auch alles dafür gegeben hätte, in ihre normale Welt zurückkehren zu können. Fast hätte Cara über die Schulter geschaut, ob ihr eine Vogelscheuche oder böse Hexe folgten. Dabei wusste sie doch, dass ihre Peiniger weit weg von hier in London weilten und wahrscheinlich nur darauf warteten, dass sie versagte.

Ihren Louis-Vuitton-Koffer hinter sich herziehend, rauschte sie hocherhobenen Hauptes Richtung Ausgang und versuchte, die neugierigen Blicke zu ignorieren, die ihr auf Schritt und Tritt folgten. Dank ihres Namens, ihrer Model-Karriere und ihrer Neigung, Skandale zu inszenieren, selbst wenn dies nicht vorsätzlich geschah, war ihr Gesicht weltweit bekannt.

Schon von Kindesbeinen an lebte sie wie in einem Goldfischglas. Warum stört es mich jetzt plötzlich, wenn ich vorher nie einen Gedanken darauf verschwendet habe?

Cara atmete tief durch, um den unangenehmen Druck in ihrer Brust zu mildern, und versicherte sich, dass alles bestens laufen würde. Immerhin war sie sicher gelandet. Und eine Stunde … okay, fünfzig Minuten sollten genügen, um ins Hotel zu fahren, kurz zu duschen, sich umzuziehen und mit der Sitzordnung der Teilnehmer am Pokertisch vertraut zu machen. Etwas, das schon längst erledigt wäre, wenn ihr das Casino den Mail-Anhang nicht in einem Format geschickt hätte, das sich im Flieger nicht öffnen ließ.

Egal. Im Improvisieren war sie schon immer groß gewesen.

Sie musste nur noch das Hotel erreichen, und zwar so schnell wie möglich. Und dann dieses eine Event überstehen … oder besser, es sich erobern, um als Sieger vom Platz zu gehen. Cara sah an sich herunter und schnitt eine Grimasse angesichts ihrer dünnen Arme und der extrem schlanken Beine, die in hochhackigen Gladiator-Sandalen steckten. Nicht besonders Ehrfurcht einflößend, aber das war sie nie gewesen. Doch ihr Stolz verlangte, nicht zu kneifen, egal wie schrecklich der Abend auch werden mochte.

Als ihr Handy klingelte, war Cara regelrecht froh über die Ablenkung, wich einer Gruppe Touristen aus und suchte in ihrer Tasche nach dem iPhone. So nahm sie den hochgewachsenen Mann, der ihren Weg kreuzte, nur flüchtig wahr, machte einen späten Schlenker und prallte mit voller Wucht gegen ihn, da er zur gleichen Seite wie sie versuchte auszuweichen.

Der Fremde gab keinen Ton von sich, dafür entrang sich Cara ein spitzer Schrei, weil sie strauchelte und sicher gefallen wäre, hätte er nicht blitzartig reagiert. Sein Griff um ihre Oberarme war fest und traf sie wie ein elektrischer Schlag. Geschockt starrte sie zu ihm und vergaß zu atmen, als sie einem harten Blick aus stahlblauen Augen begegnete. Das markante Gesicht unter dem kurz geschnittenen, dunkelblonden Haar mit der geraden Nase und dem festen Mund wirkte unglaublich maskulin.

Es war das Gesicht eines Kriegers, wie man es früher in den schottischen Highlands gefunden hätte. Es fehlten nur der Tartan-Kilt in Stammesfarben und ein Schwert.

Cara schluckte und gab sich einen Ruck. „Können Sie nicht aufpassen?“

„Ob ich …?“ Aidan Kelly schob die dunklen Brauen zusammen und starrte die fremde Frau an, die blindlings in ihn hineingelaufen war. Nach dreiunddreißig anstrengenden Stunden von Australien hierher fühlte er sich erschlagen, hundemüde, hungrig und war außerdem noch in Zeitnot. Und diese kleine Giftspritze mit dem pinkfarbenen Haar hatte tatsächlich die Chuzpe, ihn anzufauchen, obwohl sie die Schuldige war. Abrupt gab er sie frei. „Lady, nicht ich hatte den Kopf in einer Riesentasche vergraben und …“

„Warum? Ich bin doch ausgewichen und – oh nein!“ Sich an seinem Arm festklammernd sah Cara entsetzt an sich herunter. „Sie haben meinen Absatz ruiniert!“

Aidan schnaubte gereizt. „Ich habe nichts getan.“

Doch sie hörte ihm gar nicht zu, sondern hob den Fuß an und strich mit der freien Hand an ihrem unglaublich langen schlanken Bein entlang bis unterhalb des zarten Knöchels.

Er konnte nicht anders, als den graziösen Bewegungen mit den Augen zu folgen und dabei abwesend ihren betörenden Duft wahrzunehmen.

„So ein Mist, er ist tatsächlich abgebrochen!“

Aidan rollte mit den Augen. Nicht sein Problem. „Nächstes Mal passen Sie besser auf, wohin Sie laufen.“

„Und Sie denken nächstes Mal lieber daran, dass dies hier keine Rennbahn ist, Mister! Das waren meine absoluten Lieblingsschuhe. Ich trage sie schon seit Jahren zu besonderen Gelegenheiten und …“

„So faszinierend Ihre Ausführungen auch sind, ich habe einen dringenden Termin“, unterbrach er sie kühl.

Cara ließ seinen Ärmel los, grummelte etwas vor sich hin, wovon er nur rüde, unverantwortlich und typisch Mann verstand. Dann humpelte sie zu einem freien Sitz in einer der Warte-Lounges hinüber.

Wenn Aidan irgendetwas kennzeichnete, dann sein tiefes Verantwortungsgefühl. Um nichts in der Welt würde er dieser aufgeblasenen englischen Gans erlauben, ihm die Schuld für ihren abgebrochenen Absatz zuzuschieben.

„Was haben Sie da gerade gesagt?“, fragte er gefährlich leise, aber mit einem stählernen Unterton in der dunklen Stimme.

Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass er ihr gefolgt war. Mit schwimmenden Augen und zitternder Unterlippe blickte sie in sein finsteres Gesicht.

Seltsam, plötzlich hatte er das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben, verwarf den absurden Gedanken aber gleich wieder. Er kannte diese Frau nicht und wollte sie auch nicht näher kennenlernen.

„Nicht noch die abgedroschene Masche mit Krokodilstränen!“, rief er entsetzt, als er sah, dass ihre Augen feucht schimmerten.

Verdammt! Wie lange hatte er auf diesen Tag gewartet? Jede Minute, die er sich mit dieser Nervensäge herumschlug, war vergeudet. Was allein zählte, war sein wichtiges Date im Chatsfield-Casino.

„Sie sind kein netter Mann, wissen Sie das?“, schnüffelte Cara beleidigt.

Angesichts dieser schwachen schauspielerischen Leistung schüttelte er nur angewidert den Kopf und zog seine Brieftasche hervor. „Hier ist ein Fünfziger. Das sollte wohl reichen, um den Schaden zu beheben.“

Cara starrte auf den Schein, als könne sie so viel Dreistigkeit nicht fassen. „Wohl kaum“, bemerkte sie dann spröde, hob das Kinn und strich ihr leuchtendes Haar aus dem Gesicht.

Aidan spürte, wie sich etwas in seinem Lendenbereich regte. Ihr schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen hatte beim näheren Hinsehen einen ganz besonderen Reiz. Dazu der weiche erdbeerfarbene Mund und die funkelnden smaragdgrünen Augen, umgeben von einem dichten Kranz dunkler Wimpern.

„Diese Designerschuhe haben mehr als tausend Pfund gekostet.“

Aidan blinzelte und merkte erst jetzt, wie sehr er sich von ihrem Äußeren hatte ablenken lassen. Fast wäre ihm dabei entgangen, dass ihn das unverschämte junge Ding offensichtlich abzocken wollte. „Das glaube ich kaum, Honey“, sagte er gewollt schnoddrig.

„Honey?“

„Ihr Pech, Lady, Sie sind an den Falschen geraten. Nicht gerade neu die Masche, in jemanden reinzurennen, um ihn dann auszunehmen.“

„Auszunehmen?“

Wenn möglich wurden ihre Augen noch größer als ohnehin schon. Aidan wappnete sich gegen ihre fatale Anziehung und widerstand der Versuchung, seinen Blick zu den Brüsten wandern zu lassen oder noch eine Etage tiefer zu den aufregend langen, wohlgeformten Beinen in der knappen Jeans-Shorts. „Lady, ich weiß nicht, ob Sie einfach nur eine abgebrannte Touristin sind oder eine Professionelle, aber ich spiele nun mal nicht gern den naiven Deppen.“

„Eine Professionelle …“ Ihre Augen verdunkelten sich, während sie seine gesamte Erscheinung, inklusive des leichtgewichtigen Koffers, musterte, bevor sie wieder in seine Augen sah. Er registrierte, wie sie die Schultern zurücknahm, und ihm entging auch nicht die verräterische Röte auf den hohen Wangenknochen. Graziös erhob sie sich von ihrem Sitz, und für einen Sekundenbruchteil befürchtete Aidan, eine Ohrfeige zu kassieren, doch zu ihrem eigenen Glück verzichtete sie auf eine weitere melodramatische Geste.

„Sie sind einfach nur widerlich“, entschied Cara.

Er hatte genug von albernen Spielchen. „Ich wette, der Schuh war bereits kaputt.“

Nur mit Mühe gelang es Cara, sich zu beherrschen und sogar eine gewisse Gelassenheit zu demonstrieren. „Mögen Sie fortan in interessanten Zeiten leben, Sir …“, murmelte sie mit eisigem Lächeln und wandte sich ab.

Mit gefurchter Stirn schaute Aidan ihr nach. Wenn er sich nicht täuschte, hatte diese kleine Hexe ihn gerade mit einem chinesischen Fluch belegt. Entschlossen, ihr noch einmal gründlich die Meinung zu sagen, machte er Anstalten, ihr zu folgen, blieb aber stehen, als jemand seinen Namen rief.

„Mr Kelly … Hallo, Mr Kelly!“

Die schrille weibliche Stimme ging ihm durch Mark und Bein. Sie gehörte zu der Stewardess, die ihn schon während des endlosen Flugs keine Sekunde aus den Augen gelassen und ihm pausenlos jede erdenkliche Erfrischung und Ablenkung angedient hatte. Ihr breites Lächeln ließ blendend weiße Zähne sehen und erinnerte an einen Barrakuda auf Beutefang.

Mit einem schnellen Seitenblick erfasste er gerade noch die pinkhaarige Lady, bevor sie in der Masse von Flugpassagieren verschwand, die dem Ausgang zustrebten. Eigentlich schade, dass er die grünäugige Hexe nicht noch einmal wegen ihrer Impertinenz zur Rede stellen konnte.

„Ich habe da etwas für Sie, Mr Kelly …“

„Hoffentlich ist es den Aufstand wert“, knurrte Aidan ziemlich ungnädig.

Ein Blick über die Schulter ließ Cara an eine Szene aus „Vom Winde verweht“ denken.

Wie einst Scarlett O’Hara in der Schicksalsszene platzierte die atemlose Flugbegleiterin eine perfekt manikürte Hand auf der Brust des Mannes, den Cara mangels eines Namens als „Mistkerl“ titulierte. Von Rhett Butlers Südstaatencharme fehlte ihm selbst die kleinste Nuance.

Kein Zweifel, die heiße Stewardess sah das anders und steckte ihm wahrscheinlich gerade ihre Handynummer zu. Vielleicht entführte sie ihn auch direkt in die nächste Besenkammer, um ihn zu vernaschen.

Hoffentlich fängt er sich dabei eine üble Erinnerung ein! dachte Cara gehässig. Widerlicher, anmaßender Mistkerl! Höchste Zeit, von hier zu verschwinden.

Frustriert ob des unliebsamen Vorfalls und ganz zappelig wegen der rasch verstreichenden Zeit, drängte sie sich mit gemurmelten Entschuldigungen und gefrorenem Lächeln in Richtung Ausgang. Glücklicherweise musste sie den arroganten Kerl nie wiedersehen!

Draußen schlug ihr ein harter Regen entgegen. War Kalifornien nicht als der Sonnenstaat berühmt? Wie konnte es da in L. A. und Las Vegas regnen – wo SinCity dazu noch mitten in der Wüste lag?

Cara stellte ihren Koffer ab, rieb die bloßen Arme mit beiden Händen und starrte entsetzt in Richtung der Stelle, wo eigentlich einsatzbereite Taxen in Linie stehen sollten.

Gosh! Ich darf auf keinen Fall zu spät kommen. Nicht heute Abend!

Vor Anspannung mit den Zähnen knirschend, marschierte sie zurück in die Abfertigungshalle und suchte nach einem Hinweisschild für Mietwagen. Als sie sah, dass gefühlte hundert Passagiere bereits vor ihr auf die gleiche Idee gekommen waren, fluchte sie und hastete wieder nach draußen. Dort entschlüpfte ihr eine erneute Verwünschung, weil in dieser Sekunde gleich drei Taxen, bestückt mit erleichterten Passagieren, starteten.

Verdammt! Musste denn heute alles schieflaufen?

In diesem Moment fuhr eine silberne Luxuslimousine vor, die nicht nur von Cara neidisch beäugt wurde. Was hätte sie darum gegeben, selbst so vorausschauend gewesen zu sein! Ein smarter junger Chauffeur stieg aus und musterte die wartende Menge.

Auch Cara blickte nach hinten, um zu sehen, wer der oder die Glücklichen waren, die gleich von hier verschwinden konnten. Als niemand vortrat, wandte sie sich dem Fahrer zu. Der hielt jetzt ein Schild hoch, auf dem „Mr Kelly“ stand.

Mr Kelly … Hallo, Mr Kelly!, glaubte Cara immer noch die schrille Stimme der exaltierten Stewardess zu hören. Waren Mr Kelly und der Mistkerl von eben etwa ein und dieselbe Person? Warum kam ihr der Name nur so seltsam vertraut vor?

Egal, wahrscheinlich war er irgend so ein völlig überschätzter Filmstar. Der Gedanke, an seiner Stelle in dem warmen, bequemen Mercedes von hier verschwinden zu können, erschien ihr zunehmend unwiderstehlich. Natürlich konnte sie das nicht tun, obwohl das dem Mistkerl recht geschehen würde.

Cara schaute über die Schulter zum Terminal, halb in Erwartung, ihn in Begleitung der heißen Saftschubse auftauchen zu sehen, als sie erneut von einer nasskalten Windbö erfasst wurde. Ein kleines Kind nieste und begann zu wimmern.

„Ich wusste gar nicht, dass es in Las Vegas überhaupt regnet“, wunderte sich die Frau neben ihr und breitete ihre dünne Strickjacke wie eine Glucke die Flügel über zwei zitternde kleine Gestalten.

„Oder so unverschämt kalt sein kann“, pflichtete Cara ihr bei.

„Oh … Sie sind Cara Chatsfield, oder?“

„Schuldig …“ Cara lächelte schief, in Erwartung, dass die Frau sich entweder voller Abscheu umdrehen oder vor Aufregung, ihr so unverhofft zu begegnen, kreischen würde.

„Ach, Sie Ärmste!“, sprudelte die Fremde stattdessen hervor. „Sie haben mir so schrecklich leidgetan nach diesem fürchterlichen Skandal im letzten Jahr. Und was mich betrifft, hatten Sie absolut recht, Ihren unfähigen Manager gleich darauf zu feuern.“

„Nun … vielen Dank …“, murmelte Cara völlig überwältigt.

„Ich finde es absolut grässlich, wie skrupellose Menschen versuchen, sich über andere zu erheben. Und Sie haben die volle Wucht der Empörung und Kritik doch nur ertragen müssen, weil Sie eine Frau sind. Über ihren Partner in dem Clip hat man kein böses Wort gehört oder gelesen, obwohl er nicht mehr anhatte als Sie.“

„Nein.“

„Verzeihung, ich … ich will Ihnen auf keinen Fall zu nahe treten“, sagte die Frau errötend und zog ihre frierenden Sprösslinge noch näher an sich.

„Nein, bitte …“, beruhigte Cara sie.

Die Frau seufzte und schaute zur Limousine hinüber. „Ich wünschte, sie würde auf uns warten. Was glauben Sie, wer der Glückliche ist? Vielleicht ein Prinz?“

„Das denke ich kaum.“ Wieder schaute Cara sich um. Ob der Mistkerl immer noch mit seiner Beute in der Besenkammer war? „Vielleicht wartet sie ja auf uns?“

„Ich wünschte, es wäre so …“

Das kleinere der beiden Kinder nieste erneut. Cara straffte die Schultern und trat mit strahlendem Lächeln auf den jungen Chauffeur zu. „Verzeihung, dass ich Sie habe warten lassen“, gurrte sie. „Aber ich habe überraschend eine alte Freundin getroffen.“

„Ma’am?“

„Sie sind doch meinetwegen hier?“

„Ich … äh, nein, Ma’am. Ich warte auf einen Mr Kelly.“

Cara neigte leicht den Kopf und schenkte dem verwirrten Mann ein Lächeln, das seine Knie weich werden ließ. „Okay, eigentlich müsste es Miss Kelly heißen, aber wir haben uns ja trotzdem gefunden, oder nicht?“

„Sie sind Mr Kelly?“

„Das bin ich natürlich nicht“, erklärte sie nachsichtig. „Ich reise inkognito, Sie verstehen? Ich muss das tun, nach diesem Videoclip im letzten Jahr. Sie wissen schon …“

Wie erwartet errötete der arme Kerl bis unter die Haarwurzeln. „Oh, aber ich hatte auf keinen Fall vor …“

Mit einer ungeduldigen Handbewegung brachte Cara ihn zum Schweigen. „Ich möchte nicht darüber reden. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, auch meine Freundin mitzunehmen. Es wäre eine Zumutung für sie und die Kinder, noch länger auf ein Taxi warten zu müssen.“

„Ach, wirklich? Aber …“

„Können wir uns bitte beeilen? Ich habe einen wichtigen Termin im Chatsfield.“

Ihr schlechtes Gewissen machte Cara während der gesamten Fahrt zu schaffen, und wenn sie ihre Entscheidung noch einmal hätte treffen können, wäre sie vermutlich anders ausgefallen. Doch ihre neue Bekannte war so dankbar und erleichtert, dass das ihr Schuldbewusstsein etwas beschwichtigte.

Zum Glück würde sie Mr Kelly nie wiedersehen müssen. Aber vielleicht sollte sie versuchen, seine Adresse ausfindig zu machen und ihm anonym eine Flasche Champagner als Dank zukommen lassen. Die Idee entlockte ihr ein schadenfrohes Grinsen. Bestimmt würde er fuchsteufelswild sein, wenn ihm klar wurde, dass jemand anders in seine Limousine gestiegen war. Fast schade, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte.

2. KAPITEL

Aidan sah kurz einen pinkfarbenen Schopf aufleuchten und ein langes schlankes Bein in einer Limousine verschwinden, bevor der Wagen sich in Bewegung setzte und er nur noch den Rücklichtern nachstarren konnte.

Unglaublich, dass die Frau, die er für eine billige Touristin gehalten hatte, sich eine derartige Luxuskarosse leisten konnte. Aber vielleicht wurde sie auch von einem Liebhaber erwartet, der ihre Abzockermasche nicht so leicht durchschaute wie er.

Angesichts ihrer Figur und Aufmachung war das wohl die wahrscheinlichere Variante. Allein diese unglaublich langen, goldbraun getönten Beine. Kein Zweifel, dass sich ihre Haut unter seinen Fingern wie glatte kostbare Seide anfühlen würde. Besonders auf der Innenseite ihrer Schenkel, während er sich den Weg in die knappen Shorts bahnte, zum Zentrum ihrer Lust. Er konnte sogar ihre atemlosen kleinen Seufzer hören, während er …

Nur mit Mühe gelang es Aidan, sich von der ebenso verlockenden wie absurden Fantasie zu befreien und wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Autor

Michelle Conder

Schon als Kind waren Bücher Michelle Conders ständige Begleiter, und bereits in ihrer Grundschulzeit begann sie, selbst zu schreiben. Zuerst beschränkte sie sich auf Tagebücher, kleinen Geschichten aus dem Schulalltag, schrieb Anfänge von Büchern und kleine Theaterstücke. Trotzdem hätte sie nie gedacht, dass das Schreiben einmal ihre wahre Berufung werden...

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