Romana Extra Band 176

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

DIE FARBEN UNSERER LIEBE von NATHALIE DELANAY

Heiß glüht die Sonne Andalusiens, als der charmante Adrián plötzlich im mediterranen Garten von Street-Art-Künstlerin Liz auftaucht. Beim Malunterricht verliert sie ihr Herz an ihn. Bis sie erfährt, dass er als Anwalt für ihre streitsüchtigen Nachbarn arbeitet und ihr Paradies bedroht …

ROMANTISCHE VERSUCHUNG IN ROM von ANNIE CLAYDON

Der Liebe hat Workaholic Dr. Joe Dixon abgeschworen. Doch dann hilft die schöne Ärztin Bel in seiner Klinik in Rom aus. Bei abendlichen Spaziergängen durch die Gassen der Ewigen Stadt verspürt er insgeheim Gefühle, die er sich lange verboten hatte. Aber darf er es wagen, Bel zu vertrauen?

LIEBESMÄRCHEN AUF WHITMORE CASTLE von MICHELE RENAE

Magischer Sommerabend in Maine: Finanzchefin Mabel fühlt sich wie eine Prinzessin, als sie im Ballsaal von Whitmore Castle mit dem geheimnisvollen Jamison tanzt. Obwohl er am nächsten Tag abreisen wird, lässt sie sich zu einer Liebesnacht verführen. Mit ungeahnten Folgen …


  • Erscheinungstag 29.08.2026
  • Bandnummer 176
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539333
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nathalie Delanay, Annie Claydon, Michele Renae

ROMANA EXTRA BAND 176

Nathalie Delanay

1. KAPITEL

Liz Castellani sprang vom Podest, trat einige Meter zurück und betrachtete kritisch ihr Werk.

An der Wand vor ihr zeichnete sich die erste Schicht einer Dschungellandschaft ab, durch die ein Tiger geradewegs auf den Betrachter zuzulaufen schien.

Während Liz das entstehende Bild auf Proportionen und Perspektive prüfte, merkte sie, wie heiß ihr die Nachmittagssonne auf den Kopf brannte. Sie zog ihre Basecap tiefer ins Gesicht und trat in den Schatten einer Zeder. Sie lebte nun seit fünf Jahren in Andalusien und war die sommerliche Hitze gewöhnt, aber sie hatte auch gelernt, sich vorzusehen.

Ihr Blick schweifte vom Entwurf des lebensgroßen Street-Art-Gemäldes ab und irrte durch den weitläufigen mediterranen Garten, der sie umgab. Die Wiesen, Bäume und Büsche, die sie am frühen Morgen gewässert hatte, spendeten wohltuende Frische, die üppigen Blüten der Blumen auf den Beeten trotzten tapfer der Sonne. Auf einem winzigen Platz plätscherte ein Springbrunnen, der mit maurischen Mosaiksteinen verziert war.

Das Einzige, was das idyllische Bild störte, war die benachbarte Fischkonservenfabrik der Mendoza S.A., die nur notdürftig von Olivenbäumen und einer hohen Hecke kaschiert wurde. Wenigstens hielten sich Lärm, Luftverschmutzung und Fischgeruch durch neueste technische Schutzmaßnahmen in Grenzen.

Liz kräuselte die Stirn, als sie daran dachte, wie dieses Unternehmen ihr vor zehn Tagen ein Angebot unterbreitet hatte. Sie wollten ihr das Grundstück abkaufen, damit sie darauf ihre hässliche Fabrik erweitern konnten.

Finanziell war die gebotene Kaufsumme korrekt gewesen, doch Liz schauderte bei der Vorstellung, ihr herrlicher parkähnlicher Garten könne platt gewalzt und in ein trostloses Gewerbegebiet verwandelt werden. Genauso hing sie an dem Haus, das sie bewohnte und das sie zusammen mit dem Grundstück von ihrem Vater geerbt hatte.

Und was sollte dann aus den drei Künstlern werden, denen sie auf dem Gelände preiswert Ateliers vermietete? Für die moderate Miete, die sie ihnen abnahm, würden sie anderswo keine gleichwertigen Werkstätten finden.

Wie aufs Stichwort verließ die Bildhauerin Paula ihren Pavillon und kam auf sie zugeschlendert, eine schlanke Brünette Anfang dreißig, die ihr fröhlich zuwinkte. Sie bewohnte ihr Atelier seit vier Jahren, um dort Tier-Skulpturen herzustellen, und fast genauso lange waren sie beide bereits befreundet.

Holà, Liz.“

Liz zog sich die Atemschutzmaske vom Gesicht, mit der sie sich vor den Dämpfen ihrer Sprühfarben schützte, und küsste ihrer Freundin die Wangen.

Paula musterte interessiert die bemalte Wand. „Ist das ein Entwurf für eine neue Auftragsarbeit?“

„Nein, das will ich auf dem Street-Art-Festival malen, das übernächste Woche in Marokko stattfindet. Was hältst du davon?“ Mit schief gelegtem Kopf betrachtete Liz kritisch ihr Werk und notierte sich geistig, den Gecko rechts unten im Bild zu vergrößern und den Ozelot auf dem Ast oben links stärker hervorzuheben.

„Du weißt, ich liebe alles, was du malst. Der Tiger sieht jetzt schon total lebendig aus, als ob er einen gleich anspringt“, stellte Paula fasziniert fest.

„Alle Tiere auf dem Bild gehören zu bedrohten Arten“, erklärte Liz. „Das Festival steht unter dem Motto ‚Klimawandel und Artensterben‘.“

„Dann hoffe ich mal, das zieht die Stimmung nicht runter! Gibt es bei uns was Neues?“ Paula war in den letzten drei Tagen auf einem Workshop in Madrid gewesen und erst am Vormittag in die Künstlerkolonie zurückgekehrt.

„Eigentlich nicht.“

„Was ist aus dem Kaufangebot von Mendoza geworden?“ Sie wies mit dem Kinn in Richtung Fabrik.

Liz zuckte mit den Schultern. „Ich denke, das ist vom Tisch. Ich habe ihnen vorgestern unmissverständlich gesagt, dass mein Grundstück nicht zum Verkauf steht, egal zu welchem Preis. Es hat ihnen nicht gepasst, aber solche Unternehmen werden sich daran gewöhnen müssen, dass nicht alles käuflich ist.“

„Gut.“ Paula atmete erleichtert auf. „Es wäre für uns alle schwierig geworden, zu erschwinglicher Miete neue Ateliers in der Größe zu finden, die wir brauchen.“

„Ich weiß.“ Liz blickte auf eine riesige Skulptur aus Edelstahl und Bronze, die das andere Ende des Gartens zierte und vom Metallkünstler Raul stammte. Paula ihrerseits verwandelte regelmäßig mit der Heckenschere einige der dichten Büsche in Tierfiguren, und die Mosaik-Einlegearbeit am Springbrunnen stammte von der Keramikdesignerin Sofia. Alle Künstler brachten sich bei der Gartengestaltung und der Gartenpflege ein.

„Und so einen schönen Rahmen wie du kann uns niemand bieten“, fuhr Paula dankbar fort. „Es sei denn, es stünde eine Location mit direktem Blick aufs Meer zur Verfügung“, ergänzte sie scherzhaft.

Liz versetzte ihr amüsiert einen Klaps gegen den Oberarm, wobei sie prompt einen schwarzen Fleck auf der Haut ihrer Freundin hinterließ. Hastig wischte sie sich die Finger an ihrem bereits von oben bis unten mit verschiedenen Farben befleckten Overall ab.

Paula beäugte misstrauisch ihren Arm. „Geht das wieder ab?“

„Auf der Haut schon, ist ja nur Acrylfarbe.“ Liz zog sie zu dem Podest vor der Wand, tränkte ein sauberes Tuch mit Wasser aus einer Flasche und wischte Paula den dunklen Tupfer vom Arm. „Jetzt bist du wie neu. Und ich muss weitermachen.“

„Ja, ich auch. Bleibt es bei unserem Essen heute Abend?“

„Klar. Ich hole dich um halb acht ab.“

Liz griff nach ihren Sprühdosen und arbeitete konzentriert weiter.

Bereits auf der Kunsthochschule hatte sie einen Studiengang für Urban Art und Street Art besucht und beschlossen, sich darauf zu spezialisieren. Sehr zum Leidwesen ihres Vaters Fernando Castellani, eines bekannten Malers, der sich mit ausdrucksstarken Landschaften und Porträts einen Namen gemacht hatte und sich gewünscht hätte, sein einziges Kind würde in seine Fußstapfen treten.

Artig malte Liz deshalb hin und wieder pittoreske Landschaften und fertigte Auftragsporträts an, erst ihm zuliebe, dann um Geld zu verdienen. Ihre Leidenschaft gehörte jedoch der Straßenkunst, bei der sie ihre Ansichten ausdrücken und aktuelle Themen aufgreifen konnte. Ihre Werke berührten auf diese Weise viel mehr Menschen, als wenn sie in einer Galerie oder bei einem Privatbesitzer hängen würden.

Ihr Vater hatte es schließlich akzeptiert und war letztlich stolz darauf gewesen, dass seine Tochter sich in dieser männerdominierten Kunstsparte durchsetzte und immer mehr bezahlte Aufträge für ihre „Fassadenschmierereien“, wie er ihre Bilder mit gutmütigem Spott nannte, erhielt.

Eigens für sie hatte er bei der Gestaltung der Künstlerkolonie zwei freistehende Wände mauern lassen, damit sie dort Experimente machen konnte, die dann einfach immer wieder übermalt wurden.

„Holà.“

Liz hörte eine unbekannte männliche Stimme hinter sich und wandte sich um.

Vor ihr stand ein schlanker braunhaariger Mann in sandfarbener Hose und weißem Hemd. Er hatte entschlossene, gut geschnittene Gesichtszüge mit einer kühn vorspringenden Nase, die ihm zusammen mit dem energischen Zug um den Mund etwas leicht Hochmütiges verlieh. Sie schätzte ihn auf Mitte oder Ende dreißig.

Er beschattete die Augen gegen die Sonne mit der Hand und blinzelte zu ihr hinauf. „Ich suche Elizabeth Castellani.“

„Sie haben sie gefunden.“ Liz zog sich die Maske ab, lächelte und stieg vom Tritthocker, den sie benötigte, um an den oberen Bildrand zu gelangen. „Allerdings nennen mich alle Liz.“

Er reichte ihr die Hand, um ihr vom Podest zu helfen, und automatisch griff sie zu. Sein warmer, trockener Händedruck war überaus angenehm, und sie hatte es nicht eilig, seine feingliedrige, aber dennoch kräftige Hand wieder loszulassen.

Der fremde Besucher hatte ungeheure Präsenz, obwohl er kaum mehr als mittelgroß war. Liz, die gerade mal eins zweiundsechzig maß, fand es angenehm, nicht den Kopf in den Nacken legen zu müssen, um einem Mann ins Gesicht zu sehen. Sie musste an sich halten, ihn nicht fasziniert anzustarren.

„Was kann ich für Sie tun, Señor?“

„Mein Name ist Adrián Serrano. Ich bin Kunstsammler, und jemand hat mir den Tipp gegeben, mich hier einmal umzuschauen.“

Seine Stimme, die geschult wie die eines Schauspielers klang, verursachte ihr ein wohliges Prickeln im Nacken. Obwohl sie als Malerin eher visuell veranlagt war, reagierte sie bei Männern oft stark auf klangvolle Stimmen, die ihr manchmal durch und durch gingen.

„Ja, das ist richtig. Zurzeit haben wir allerdings keine offizielle Ausstellung.“ Sie musste mühsam nach Worten suchen, so sehr brachte dieser Adrián Serrano sie durcheinander. „Erst im Oktober wieder. Aber die Künstler, die hier ihre Ateliers haben, zeigen Ihnen bestimmt gerne ihre Arbeiten, wenn Sie Interesse haben.“

„Das wäre schön.“ Er wies auf ihr Gemälde. „Das hier sieht auch beeindruckend aus, aber da müsste ich wohl die Mauer kaufen und sie mir in den Vorgarten stellen.“

Liz lachte und ihre Anspannung löste sich. „Ich kann es Ihnen auch an Ihre Hauswand oder an eine Gartenmauer sprühen, wenn Sie mich damit beauftragen.“

„Das überlege ich mir noch“, gab er scherzhaft zurück. „Ich habe außerdem erfahren, dass Sie Malunterricht für Laien geben …“

Sie nickte. „Jeden Dienstag- und Donnerstagabend von achtzehn bis zwanzig Uhr. Allerdings ist zurzeit Sommerpause.“

„Ich würde gerne Privatstunden nehmen, geht das?“

„Privatstunden?“ Überrascht blickte sie ihn an. „Ja, aber natürlich kostet es deutlich mehr.“

„Kein Problem. Ich bin nicht besonders talentiert und benötige intensive Betreuung“, bekannte Adrián mit einem charmanten Zwinkern seiner braunen Augen. „Und ich möchte schnelle Fortschritte machen.“

Liz lächelte. „Offenbar sind Sie hochmotiviert, das ist genauso wichtig wie Talent. Vielleicht sogar noch wichtiger, denn vieles beim Malen ist Handwerk, das man erlernen kann, wenn man nur fleißig genug übt. Welche Technik interessiert Sie?“

„Ich weiß nicht genau … Acryl ist einfacher als Aquarell, oder?“

„Das stimmt.“

„Dann fange ich damit an“, beschloss er.

„Wann passt es Ihnen zeitlich?“

„Abends, nach achtzehn Uhr. So oft wie möglich in der nächsten Zeit. Jetzt in der Urlaubszeit habe ich etwas mehr Luft, das will ich ausnutzen.“

„Ich schaue nach, wann ich es einrichten kann, und melde mich mit Terminvorschlägen bei Ihnen“, versprach sie. „Haben Sie eine Visitenkarte?“

Adrián zögerte kurz. „Nein, leider nicht. Ich meine, ich habe keine dabei. Wenn Sie was zu schreiben haben, notiere ich Ihnen meine Kontaktdaten.“

„Tut mir leid, die Wand ist gerade nicht frei“, scherzte Liz mit einer Geste zu den Farbdosen. „Kommen Sie, gehen wir ins Haus. Da können Sie sich auch die Hände waschen.“ Sie wies auf seine Finger, auf denen ihre wie vorhin bei Paula Spuren hinterlassen hatten.

„Oh, ja.“ Mit gerunzelter Stirn musterte Adrián die grüne Farbe auf seinen Händen und hielt sie weit von sich, um seine Kleidung nicht zu beschmutzen.

Seine Hose und sein Hemd schienen aus hochwertigem Material zu sein und wirkten teuer, genau wie die tabakbraunen Lederschuhe, bemerkte Liz. Logisch, wenn er Kunstsammler war und beim Malen für Einzelstunden bezahlen wollte, war er sicher wohlhabend. Was er wohl beruflich machte?

„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht von der Arbeit abhalten“, entschuldigte er sich.

„Das macht nichts, ich wollte ohnehin für heute Schluss machen.“ Sie griff nach dem Korb, in dem sie ihre Sprühdosen und Acrylmarker transportierte, um ihn mit ins Haus zu nehmen.

„Wer hat mich denn empfohlen?“, erkundigte sie sich, als sie nebeneinanderher auf ihr Haus zugingen, das an der Stirnseite des Gartens lag.

„Es war auf irgendeinem Empfang, dass diese Künstlergemeinde erwähnt wurde, ich weiß nicht mehr von wem.“ Adrián machte eine vage Geste. „Ich habe Sie gegoogelt und auf der Website gelesen, dass Sie auch Malunterricht geben. Sind Sie eigentlich mit Fernando Castellani verwandt?“

Liz nickte. „Er war mein Vater.“

„Richtig, er ist ja vor einigen Jahren gestorben“, murmelte er. „Mein Beileid.“

„Danke. Es ist jetzt schon drei Jahre her.“ Sie presste kurz die Lippen aufeinander. „Als Vermächtnis hat er mir dieses Anwesen hinterlassen.“

„Ein wunderschöner Garten. Und interessante Gebäude.“ Er musterte die filigranen Arabesken über den Hufeisenbögen der Fenster. „Besonders das da.“ Adrián zeigte auf eins, das mit unterschiedlich bemalten und gebrannten Azulejos verkleidet war und fröhlich-bunt wie ein Lebkuchenhäuschen wirkte.

„Das ist das Atelier einer Keramikkünstlerin. Bis auf das Haus, in dem ich wohne, sind das alles Ateliers“, erzählte Liz. „Mein Vater hat sie im landestypischen Stil bauen lassen, um sie gegen geringes Entgelt an junge Künstler zu vermieten, die er talentiert fand. Nur die großen Fenster sind natürlich nicht maurisch, aber Künstler benötigen nun mal viel Licht. Und statt eines Innenhofs hat er fürs Wohnhaus eine Terrasse bevorzugt.“

„Die Stilbrüche machen es gerade so interessant – eine perfekte Verschmelzung von Tradition und Moderne.“ Adrián schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln.

Dieses Mandat ist eine angenehme Abwechslung, dachte Adrián Delgado, als er Liz Castellani durch die Terrassentür ins kühle, dunkle Haus folgte.

Es machte ihm Spaß, im Auftrag der Fischkonservenfabrik Mendoza S.A. in die Rolle eines Kunstinteressierten zu schlüpfen. Wobei sein Interesse nicht ganz aus der Luft gegriffen war, schließlich sammelte er tatsächlich Kunst, wenn auch vor allem als Geldanlage.

Deswegen hatte er dieses Mandat erhalten, das eine große Chance für ihn bedeutete. Er hatte sich vor einem Jahr mit einer eigenen Anwaltskanzlei selbstständig gemacht und benötigte unbedingt renommierte Großunternehmen, von denen er regelmäßig Mandate als Wirtschaftsfachanwalt erhielt.

Gewöhnlich gingen solche Firmengruppen zu bekannten Großkanzleien, und es war sein Glück, dass die übliche Rechtsvertretung der Mendoza S.A. zu ausgelastet war, um kurzfristig diesen Fall zu übernehmen. Außerdem war Juan Navarro, der CEO von Mendoza, ein langjähriger Freund von ihm.

Liz zog die Basecap von ihrem Kopf, und eine Flut schwarzer Haare fiel um ihr Gesicht, das bemerkenswert hübsch war, wie Adrián trotz des gedämpften Lichts feststellte. Nun gefiel ihm sein Auftrag noch besser, da er dadurch die Gesellschaft einer attraktiven Frau genießen konnte.

„Wo kann ich …?“ Er hob fragend seine grün betupfte Hand.

Liz wies ihm den Weg zum Gäste-WC, wo er sich die Hände wusch.

Als er zurückkehrte, hatte sie sich aus dem fleckigen Overall geschält und stand nun in knielangen Leggins und einer luftigen rot gemusterten Tunika vor ihm, worunter sich deutlich ihre femininen Kurven abzeichneten, mit einer schlanken Taille, vollen Brüsten und gerundeten Hüften. Bei ihrem Anblick spürte Adrián, wie sein Blut in Wallung geriet.

Liz hatte die Fensterläden des Wohnzimmers geöffnet, und im hereinfallenden Tageslicht bemerkte er, dass ihre Augen azurblau waren wie das Mittelmeer an einem Schönwettertag – ein ausgesprochen reizvoller Kontrast zu ihrer Haarfarbe und den hochgeschwungenen dunklen Augenbrauen.

Wer hätte gedacht, dass sich so eine atemberaubende Frau unter dem saloppen Outfit einer Straßenmalerin verbarg. Er fühlte sich zu ihr hingezogen wie ein Hufeisen zu einem Magneten.

Sofort schalt er sich für diese unprofessionellen Gedanken und räusperte sich verlegen. Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, wandte er sich von Liz ab und betrachtete ein gerahmtes Gemälde an der Wand. Auch ohne die Signatur von Fernando Castellani hätte er dessen Stil erkannt.

„Das stellt diesen Garten dar, oder?“

„Ja. Papa hat es kurz vor seinem Tod gemalt.“ Sie seufzte.

Er warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. „Wie kam das mit seinem Tod? Wie alt war er? Ich besitze ein Bild von ihm, habe mich aber nie mit seinem Werdegang beschäftigt“, gestand er.

„Er war erst sechsundsechzig. Lungenkrebs hat ihn binnen eines halben Jahres dahingerafft.“ Liz starrte einen Moment trübselig ins Leere.

„Tragisch“, murmelte Adrián. „Konnten die Ärzte eine Ursache feststellen?“

„Nicht eindeutig. Möglicherweise waren es Spätfolgen durch giftige Schwermetalle in Farben, die er in seiner Anfangszeit verwendet hat. Damals wurde das noch nicht gut kontrolliert. Sie sagten, Sie besitzen ein Bild von ihm?“ Ihre Miene wurde wieder lebhafter. „Welches?“

„Es heißt ›Mädchen in englischem Garten‘. Es zeigt …“

„Ich weiß“, unterbrach sie ihn und legte eine Hand auf ihre Brust, die sich plötzlich heftig hob und senkte. „Es zeigt mich im Alter von vierzehn Jahren im Garten meines Elternhauses in Wales.“

Sie war ganz blass geworden, und ihm wurde klar, dass dieses Gemälde große Bedeutung für sie haben musste.

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte sie abrupt.

Tatsächlich verspürte er Durst und nickte dankbar. „Gerne ein Glas Wasser oder eine andere Erfrischung.“

„Okay.“ Liz wies auf die Couchgarnitur. „Bitte setzen Sie sich doch.“

Beinahe fluchtartig verließ sie das Wohnzimmer, und Adrián konnte nicht umhin, ihr wohlgefällig nachzublicken.

Er ließ sich in den Ledersessel sinken und sah sich um. Das Wohnzimmer mit den wuchtigen Möbeln aus Eichenholz und rauem cognacbraunem Leder wirkte zu gediegen für eine Frau von höchstens dreißig, doch vermutlich hatte sie das alles von ihrem Vater geerbt und nichts verändern wollen.

Als Liz mit zwei gefüllten Wassergläsern zurückkehrte, entschloss er sich, zunächst eine hoffentlich unverfängliche Frage zu stellen.

„Sie sind in Wales in Großbritannien großgeworden?“

Sie nickte und stellte eins der Gläser vor ihn hin. „Meine Mutter ist Waliserin.“

„Und Ihr Vater Spanier, stimmt’s?“

„Zur Hälfte. Seine Mutter stammt ebenfalls aus England, aber er ist in Andalusien aufgewachsen.“ Sie setzte sich ihm gegenüber auf die Couch. „Ich bin in Malaga geboren worden, doch kurz vor meiner Einschulung haben sich meine Eltern entschlossen, nach England zu übersiedeln.“

„Ihr Spanisch ist jedenfalls nahezu perfekt“, lobte Adrián. Die Künstlerin hatte nur einen Hauch von Akzent, den er sehr anziehend fand.

„Danke. Als kleines Kind habe ich mehr Spanisch gesprochen als Englisch, das kommt mir jetzt zugute.“

„Aber Ihr Vater ist irgendwann in seine Heimat zurückgekehrt?“, tastete er sich behutsam vor.

„Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich fünfzehn war.“ Liz’ sanfte Züge verdüsterten sich. „Kurz nachdem er dieses Bild von mir im Garten gemalt hatte. Er hat es mitgenommen, als er hierhergezogen ist.“

Also war dieses Gemälde praktisch ihre letzte Erinnerung an alte Zeiten. Adrián betrachtete die Malerin nachdenklich. „Ihnen scheint viel an dem Bild zu liegen … Warum wurde es verkauft?“, fragte er und runzelte die Stirn.

„Papa hat mich nie gefragt, ob ich es haben möchte. Wahrscheinlich brauchte er Geld nach der Scheidung und dem Umzug. Es war teuer, dieses Grundstück bebauen und von einem Gartenarchitekten gestalten zu lassen.“ Sie hob hilflos die Schultern. „Aber das ist lange her. Wann und wo haben Sie das Bild gekauft?“

Adrián dachte nach. „Vor dreieinhalb Jahren auf einer Auktion. Es war im Besitz eines reichen Andalusiers, dessen Wertgegenstände nach seinem Tod versteigert wurden.“

„Vor dreieinhalb Jahren, das war also kurz vor Papas Tod. Danach sind die Preise für seine Gemälde sprunghaft gestiegen“, murmelte sie. „Darf ich fragen, wie viel Sie dafür bezahlt haben?“

„Fünfzehn- oder zwanzigtausend Euro, ich weiß es nicht mehr genau.“

Unter dichten schwarzen Wimpern hervor warf Liz ihm einen Blick zu, in dem er Sarkasmus las. Er ahnte, was sie dachte. Ihm war bewusst, wie privilegiert jemand war, für den es kaum eine Rolle spielte, ob er nun fünftausend Euro mehr oder weniger für ein Gemälde ausgab. Allerdings konnte die Tochter von Fernando Castellani, die ein solches Anwesen und sicher noch etliche Bilder ihres Vaters ihr Eigen nannte, selbst kaum eine arme Kirchenmaus sein.

Liz beugte sich zu einem Beistelltischchen, griff nach Notizblock und Kugelschreiber, die dort lagen, und reichte ihm beides. „Für Ihre Kontaktdaten. Ich würde fünfzig Euro für eine Doppelstunde nehmen, ist das okay?“

Adrián nickte. Er würde der Mendoza S.A. die Kosten auf die Spesenabrechnung setzen und amüsierte sich, weil er auf diese Weise zu gesponsertem Malunterricht kam.

Er notierte eine alte private Mailadresse, in der sein Nachname nicht auftauchte – für den Fall, dass Liz ihn googeln würde, hatte er es vorgezogen, ihr nicht seinen richtigen Nachnamen zu geben –, und die Nummer eines Handys, das die Firma ihm für die Zeit des Auftrags überlassen hatte. Im Mailbox-Text würde er den erfundenen Namen Serrano nennen.

„Danke. Ich melde mich morgen.“

Als sie ihn anlächelte, überfiel ihn schlagartig die Lust, ihre schön geschwungenen Lippen zu küssen, die ihn an reife Kirschen erinnerten.

Adrián schluckte und musste sich erneut räuspern. Es würde schwierig werden, bei diesem Auftrag einen kühlen Kopf zu bewahren. Vielleicht wäre es doch besser, wenn die Besitzerin dieser Künstlerkolonie eine nicht ganz so verführerische Frau wäre.

Sein eigenes Handy klingelte in seiner Hosentasche, wie um ihn zur Pflicht zurückzurufen. Er zog es hervor und warf einen Blick aufs Display. Ein wichtiger Mandant, den er in der kommenden Woche in einem Wirtschaftsstrafprozess verteidigen sollte. Er drückte den Anruf weg, würde aber zeitnah zurückrufen müssen.

Kurz lehnte er sich behaglich im Sessel zurück, trank durstig sein Wasserglas leer und stellte sich vor, wie Liz’ Haare unter seiner zärtlichen Berührung seine Handfläche kitzeln würden. Dann überlegte er, ob sich ihre leicht gebräunte Haut so zart anfühlte, wie sie aussah. Zu schade, dass er das unter diesen Umständen wohl nie herausfinden würde.

Zum ersten Mal spürte er Bedauern darüber, dass er sich gezwungen sah, sie hereinzulegen.

2. KAPITEL

Zwei Abende später schlüpfte Adrián durch das kleine schmiedeeiserne Gartentor, zog es hinter sich sorgsam wieder zu und nahm den Weg, der zum Haus von Elizabeth Castellani führte. Er freute sich auf diese Malstunde. Schon lange bewunderte er Gemälde von alten Meistern und modernen Kunstmalern, nun würde sich zeigen, ob er selbst vielleicht auch eine künstlerische Ader hatte.

Die Hitze des Tages war lauer Luft gewichen, und die Abendsonne warf ihren goldenen Schein über die Anlage. Noch bevor das Haus hinter den Hecken, Bäumen und blühenden Büschen auftauchte, entdeckte er Liz, die mit einem Schlauch in den Händen ein Blumenbeet wässerte.

Sie trug wieder ihren farbbeklecksten Overall und die rote Basecap über dem zusammengebundenen Haar.

Als er sich näherte, winkte sie ihm zu. „Holà! Tut mir leid, ich bin etwas spät dran. Bin aber sofort fertig.“

Er blieb vor ihr stehen. „Sie kümmern sich selbst um den Garten?“

„Zu Lebzeiten meines Vaters hatten wir einen Gärtner, aber das kann ich mir nicht mehr leisten“, gab sie zu. „Also teilen wir Künstler uns die Gartenpflege.“

„Er ist wunderschön, muss aber auch ein Klotz am Bein sein“, stellte er fest und blickte sie prüfend an. „Wären Sie das nicht gerne los?“

„Überhaupt nicht!“, rief sie beinahe empört. „Es macht viel Arbeit, ja, aber auch Spaß. Ich liebe diesen Garten, und dadurch, dass ich mich selbst darum kümmere, fühle ich mich noch mehr mit ihm verbunden. Ich möchte es nicht missen.“

Der unwillige Ausdruck in ihren Augen wich einem warmen Leuchten. Adrián seufzte leise, und sie sah ihn erstaunt an.

„Sie scheinen sich Sorgen um meine Kräfte oder meine freien Kapazitäten zu machen“, bemerkte sie belustigt. „Keine Angst, ich habe ja nicht jeden Tag Gartendienst. Außerdem ist das schließlich auch eine Art Ausgleichssport. Noch dazu liebe ich die Natur.“

Er nickte etwas gequält. „Sie können stolz auf dieses Anwesen sein.“

„Oh, das bin ich. Und dankbar für dieses Vermächtnis meines Vaters.“ Liz stellte das Wasser ab und rollte den Gartenschlauch zusammen. „Es hängen so viele Erinnerungen daran. Wir haben hier zwar nicht lange zu zweit gewohnt und gearbeitet, aber diese kurze Zeit umso intensiver genutzt.“

Adrián ließ seinen Blick über den Garten schweifen bis zur Hecke, die größtenteils, aber nicht vollständig, die dahinterstehenden Industriegebäude verbarg. „Die Fabrik da stört sicher ein bisschen, oder?“

Liz verzog das Gesicht. „Es geht, was Lärm und Dreck betrifft. Nicht der Rede wert. Auch der Fischgeruch hält sich in Grenzen. Schlimmer ist, dass sie seit Neuestem auf mein Grundstück scharf sind, um ihre Fabrik zu erweitern.“

„Hm, das ist in der Tat unangenehm“, murmelte Adrián. „Aber Sie könnten bestimmt eine hohe Summe aus denen herausholen und sich anderswo eine Traumvilla am Meer dafür kaufen – ebenfalls mit Garten und Atelier.“

„Kommt nicht infrage. Alles, was ich will, liegt hier“, erklärte sie sehr bestimmt. „Es würde mir das Herz brechen, wenn das Anwesen platt gewalzt würde.“

„Das kann ich verstehen“, gab Adrián zu und meinte es auch so.

Es würde wohl noch schwieriger werden als gedacht, Elizabeth Castellani dazu zu bringen, das Gelände zu verkaufen. Erstens, weil sie es offenbar für keine Summe der Welt tun wollte, und zweitens, weil er selbst es ebenfalls jammerschade fände, wenn dieser blühende Garten zerstört und in ein trostloses Industriegebiet umgewandelt werden würde.

Als Anwalt konnte er allerdings damit umgehen, gegen seine privaten Ansichten zu handeln. Es ging nur um juristische Fakten, nicht um seine persönliche Meinung. Er vertrat die Interessen des Unternehmens, das dieses Grundstück kaufen und für eigene Zwecke nutzen wollte – mehr hatte ihn nicht zu interessieren.

Er straffte sich und folgte Liz.

Liz war gespannt darauf, ob Talent in diesem so kühl und beherrscht wirkenden Mann schlummerte, in dessen Augen meist sorgfältig verborgene Lebenslust funkelte.

Sie war unerwartet aufgeregt, als sie mit Adrián zusammen ins Haus ging. Es hatte beinahe etwas Intimes, mit ihm allein zu sein, auch wenn sie ihn nur ins Atelier führte. Doch für eine leidenschaftliche Malerin wie sie war das Atelier fast genauso persönlich wie ihr Schlafzimmer.

Fernando Castellani hatte es mit extragroßen Fenstern und großzügigen Dachluken ausstatten lassen, damit genug Tageslicht hereinkam. In den beiden Jahren, als sie hier gemeinsam gearbeitet hatten, hatten ihre Staffeleien einander gegenübergestanden.

Nach seinem Tod hatte sie ihrem Vater, den sie auch als Künstler verehrt hatte, eine Art Schrein errichtet: In einer Ecke des Raumes stand noch seine Staffelei mit dem letzten, unvollendeten Ölgemälde und dem kleinen Schemel davor, auf dem er gesessen hatte, wenn er des Stehens müde geworden war. Am Querbalken der Staffelei hing sein bekleckster Malkittel und an der Wand dahinter ein Porträt, das sie selbst ein Jahr vor seinem Tod von ihm angefertigt hatte.

Mit ehrfürchtig gefalteten Händen blieb Adrián vor der Gedenkstätte stehen.

„Haben Sie dieses Porträt gemalt?“

„Ja.“

„Sehr gelungen. Eine schöne Hommage.“

Er wirkte seltsam berührt.

„Danke.“ Sie seufzte. „Wir hätten noch so viel machen können. Er ist viel zu früh von mir gegangen, nachdem ich ihn gerade erst wiedergefunden hatte … Genau genommen habe ich ihn zweimal verloren.“

„Mein Vater starb, als ich zwölf war“, murmelte er.

„Das tut mir leid.“ Sie blickte ihn mitfühlend an. „Das muss schlimm gewesen sein. Ich war immerhin erwachsen, aber für ein Kind muss das schwer zu verkraften sein.“

„Meine Mutter und ich hatten noch Glück, dass sein jüngerer Bruder eine Art Vaterrolle für mich übernommen hat.“

Adrián starrte weiter auf das Porträt des Künstlers. „Natürlich haben wir nicht zusammengelebt, aber Onkel Rafael hatte immer ein offenes Ohr für meine Probleme und wurde zu einer verlässlichen Bezugsperson für mich. Ich weiß nicht, ob ohne ihn etwas aus mir geworden wäre. Mama hatte nach dem Tod meines Vaters nicht die Kraft, mir echten Halt zu geben, fürchte ich“, sagte er nachdenklich.

Dann sah er endlich wieder sie an und lächelte schief. „Pubertierende Jungs können manchmal unausstehlich sein und brauchen eine feste Hand.“

„Das ist nicht nur bei Jungs so.“ Liz gluckste. „Meine Mutter lässt keine Gelegenheit aus, mir unter die Nase zu reiben, wie unausstehlich ich nach der Scheidung meiner Eltern war.“

„Du hattest sicher gute Gründe dafür.“

Sie verzog den Mund.

Adrián schob sich verlegen eine Haarsträhne aus der Schläfe. „Entschuldige, ich habe einfach Du gesagt, das ist mir so rausgerutscht.“

Liz lächelte ihn an. „Alles gut, wir können gerne dabei bleiben.“ Ohnehin war es in Andalusien üblich, sich sehr schnell zu duzen, nicht nur in Künstlerkreisen.

Sie sah einen Schatten über sein Gesicht huschen und fügte verwirrt hinzu: „Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Schon okay, bleiben wir dabei“, erwiderte er zögernd.

Etwas hatte sich in seiner Miene verschlossen und Liz fragte sich, was sie Falsches gesagt haben könnte. Eben noch hatten sie so vertraut miteinander geredet.

Sie verkniff sich die Frage danach, ob Adrián seinem Onkel noch immer nahestand. Möglicherweise war es ein schwieriges Thema für ihn.

Sein Lächeln wirkte etwas gezwungen, doch in seinen Augen lag Wärme, als er sie anblickte und fragte: „Wollen wir loslegen?“

„Klar. Bitte setz dich.“ Sie wies zur Tischgruppe in einer anderen Ecke des Ateliers, wo sie stets ihre Malkurse abhielt und wo bereits das benötigte Material bereitlag. Am Telefon hatte sie mit Adrián vereinbart, dass sie ihm alle Malutensilien zur Verfügung stellen und nach Verbrauch berechnen würde.

Liz stellte einen hohen runden Hocker vor die Arbeitstischgruppe und platzierte eine mit Obst gefüllte Keramikschale darauf. „Hier ist dein heutiges Modell.“

Adrián verzog den Mund, und ihr fiel auf, dass seine Lippen zwar eher schmal, aber durchaus sinnlich waren.

„Eine Obstschale? Wirklich?“

„Stillleben sind das A und O, gerade für Anfänger. Oder wolltest du gleich mit einem Selbstporträt starten?“, zog sie ihn auf.

„Lieber nicht. Aber vielleicht würden mich eine Flasche Wein und ein Stück Käse als Stillleben mehr inspirieren.“

„Das merke ich mir fürs nächste Mal“, versprach sie.

Er rückte den Block zurecht und nahm einen Bleistift.

Liz setzte sich neben ihn und erklärte ihm einige Details zum Aufbau eines Bildes, zum Goldenen Schnitt und den groben Regeln der Perspektive.

Adrián lauschte aufmerksam und nickte folgsam.

Sein herbes Aftershave stieg ihr in die Nase und unwillkürlich atmete sie tief ein. Sie hatte bereits bei ihrer ersten Begegnung zwei Tage zuvor registriert, dass er keinen Ring trug, und fragte sich nun, ob er wohl eine Freundin hatte.

Zwar war sie nicht unbedingt an einer festen Bindung interessiert, doch bei ihren Flirts und Abenteuern achtete sie stets darauf, sich nicht in eine bestehende Beziehung hineinzudrängen.

„Reicht das so?“, wollte Adrián schließlich wissen und hielt ihr den skizzierten Obstkorb unter die Nase, bei dem die Banane der Schwerkraft trotzte und der Apfel nach einer Mandarine aussah.

Liz nickte lächelnd und verbesserte mit ein paar raschen Strichen den Apfel. Dafür, dass Adrián kaum Vorkenntnisse hatte, war es gar nicht so übel, und sie wollte ihn nicht durch zu viele Korrekturen demotivieren. „Als Skizze ist das in Ordnung. Wir bringen dann mit den Farbschattierungen Tiefe hinein.“

Sie schob ihm eine kleine Holzkiste hin, die mit Tuben in verschiedenen Farben gefüllt war. Adrián kramte darin herum und zog die heraus, die er benutzen wollte.

Während er sich mit dem Pinsel abmühte, studierte Liz seine Züge. Es juckte sie plötzlich in den Fingern, ihn zu porträtieren.

Sie nahm einen Skizzenblock und ließ ihre Hand über das Papier gleiten, während sie so unauffällig wie möglich zwischen Adrián und ihrer Skizze hin und her blickte. Aber er merkte es doch.

„Zeichnest du mich jetzt etwa gerade?“, fragte er halb belustigt und halb irritiert.

„Nur aus Spaß, ein schneller Entwurf. Du hast ein interessantes, ausdrucksstarkes Gesicht.“

„Tatsächlich? Darf ich mal sehen?“

Liz hielt ihm den Skizzenblock hin. „Ist noch nicht richtig ausgearbeitet.“

„Ich erkenne eine gewisse Ähnlichkeit“, gab er zu. „Aber habe ich wirklich einen so verbissenen Zug um den Mund?“

Sie lachte. „Wenn du dich konzentrierst, ist das offenbar so. Solltest du mich irgendwann mal mit deinem Porträt beauftragen, würde ich schon dafür sorgen, dass du eine entspanntere Miene hast.“

„Ach ja?“

Er lächelte ihr direkt in die Augen und ihr wurde heiß. Sie wusste jetzt schon, wie sie am liebsten dafür sorgen würde, dass er sich entspannte. Als sie ihn beobachtet hatte, war bei ihr mit Macht der Wunsch aufgekommen, Adriáns Gesicht mit Küssen zu bedecken und diese Verkniffenheit zu lösen. Sie schalt sich für ihre unprofessionellen Gedanken und konzentrierte sich wieder auf sein entstehendes Stillleben.

3. KAPITEL

Adrián blickte von der Staffelei auf, auf die er den Acrylblock gestellt hatte, und ließ den Blick über die Altstadt von Cádiz schweifen, die fast rundum vom Atlantik umgeben war.

Die Augustsonne schickte ihre letzten Strahlen über das Meer, ließ es glitzern und brachte die weißen Häuser an der Meerespromenade zum Leuchten.

„Das Licht an der Costa de la Luz ist außergewöhnlich“, sinnierte Liz und lehnte sich an die breite Mauer der Strandpromenade. „Cádiz ist ja berühmt für sein flirrendes Licht und die Atmosphäre, die es schafft, aber bei Sonnenuntergang wird es erst richtig spektakulär.“

Adrián blickte sie an und fand sie noch weitaus spektakulärer als das Meerespanorama. Er wünschte, er wäre in der Lage, ein Porträt von ihr zu malen. Ihre vom Wind zerzausten Haare, von denen sich immer wieder Strähnen über ihr fein gezeichnetes Gesicht legten, ihr glatter Teint, dem die Abendsonne einen goldenen Schimmer verlieh, und ihre vollen Lippen, die dafür sorgten, dass ihm jegliche Konzentration aufs Malen abhandenkam.

Er hatte Liz vorgeschlagen, seinen heutigen Malunterricht an die Küste zu verlegen, nicht nur, weil er lieber Landschaften als Stillleben malen wollte, sondern auch, weil das Alleinsein mit ihr im Atelier beim letzten Mal etwas Quälendes gehabt hatte. Sie war wie eine verbotene Frucht, von der er nicht naschen durfte.

Er hatte den Moment der Vertrautheit genossen, als sie sich über ihre Väter ausgetauscht hatten. Doch als es ihm wie von selbst über die Lippen gekommen war, sie zu duzen, war ihm klar geworden, dass er sich nicht zu sehr auf sie einlassen durfte. Es würde unweigerlich der Moment kommen, wo sie ihn hassen würde, und das vermutlich umso mehr, je besser sie sich vorher verstanden hatten.

Es wäre ihm albern vorgekommen, das Du zurückzunehmen, aber es war besser für sie beide, wenn die Distanz zwischen ihnen so groß wie möglich blieb.

Liz hatte seiner Idee, ans Meer zu fahren, sofort zugestimmt. Sie hatte den ganzen Tag in ihrem Atelier verbracht, um eine Auftragsarbeit fertigzustellen, und war froh gewesen, herauszukommen.

Nachdem sie alle Malutensilien in einen Korb gepackt hatten, waren sie mit seinem Wagen an die äußerste Spitze der Landzunge gefahren, auf der die Altstadt von Cádiz lag. Dort hatten sie sich ein Plätzchen gesucht, wo er die Staffelei aufstellen konnte, direkt neben der hüfthohen Balustrade der Strandpromenade.

Der goldene Sonnenschein konnte nur bei flüchtiger Betrachtung darüber hinwegtäuschen, dass der Atlantik wie so oft rau und aufgewühlt war, und Adrián fand großen Gefallen daran, mit heftigen Strichen die windgepeitschten Wellen zu malen.

„Die gekräuselte Wasseroberfläche solltest du am Horizont glätten, sonst hast du keine Tiefenwirkung.“

Liz beugte sich so dicht zu ihm, dass ihm ihr blumiges Parfüm in die Nase stieg.

„Darf ich?“

Als sie ihm den Pinsel aus der Hand nahm, berührten sich ihre Finger, was bei ihm sofort ein Kribbeln auslöste, das bis in seine Lenden zog.

Es drängte ihn, sie an sich zu ziehen und sie leidenschaftlich zu küssen. Zumal er eindeutige Signale empfing, dass sie nicht dagegen wäre.

Diese Gelüste musste er aber ganz schnell wieder verdrängen. Er durfte keinesfalls intim mit ihr werden, solange sie nicht seine wahre Identität kannte. Und danach würde sie kein Interesse mehr an einer Romanze mit ihm haben. So oder so würde er ihr niemals näherkommen können, und das nagte an ihm.

Zu allem Überfluss musste er am Montag früh beim CEO der Mendoza S.A. antanzen, um Bericht zu erstatten.

Missmutig starrte er auf sein Gemälde, das trotz der Eingriffe und Erklärungen seiner Lehrerin nicht seinen Erwartungen entsprach. „Das sieht aus wie das Bild eines fünfjährigen Kindes“, knurrte er. „Ich glaube, ich lasse es für heute.“

Liz berührte kurz seinen Handrücken. „Es ist extrem schwer, das Meer zu malen. Noch dazu in der freien Natur. Es wäre leichter, erst einmal von einem anderen Gemälde oder Foto abzumalen. Und dieses spezielle Licht bei Sonnenuntergang ist selbst für erfahrene Maler eine Herausforderung. Also lass dich bitte nicht entmutigen.“

Ihre zierliche Hand, die wie so oft von einem Farbstrich geziert wurde, ruhte nun auf seiner. Ohne zu überlegen, ergriff Adrián sie und führte sie an seine Lippen. Als in Liz’ Augen ein Ausdruck trat, als wolle sie ihn küssen, ließ er ihre Hand sinken und wich zurück.

Über ihr Gesicht huschte ein Hauch von Enttäuschung.

„Gehen wir einen Happen essen?“, fragte er rasch. „Ich habe Hunger.“

„Gut“, stimmte sie zu. „Du sollst ja nicht darben müssen für die Kunst.“

Er konnte aus ihrem Tonfall nicht heraushören, ob sie nur scherzte oder ein wenig beleidigt über seine wortlose Zurückweisung war.

Sie packten die Malausrüstung ein und brachten sie zum Wagen zurück. Sie hatten einen Parkplatz in der Nähe der Catedral de Cádiz ergattert, einem Bau im Barockstil mit kostspieligem Marmor.

Auf der Suche nach einem Restaurant schlenderten sie durch die symmetrisch angeordneten Straßenfluchten mit den barocken Häuserfassaden, die sich zu zahlreichen belebten Plätzen öffneten, auf denen Cafés und Restaurants zur Einkehr einluden.

Adrián musste sich zusammenreißen, nicht nach Liz’ Hand zu greifen oder gar den Arm um sie zu legen, wie so viele Paare, die ihnen entgegenkamen. Es war die Zeit, in der die Stadtbewohner ihren Abendspaziergang genossen. Ein appetitlicher Geruch nach frittiertem Fisch und Meeresfrüchten aus den unzähligen Fischbratereien der Altstadt hing in der salzigen Luft.

Liz schnupperte. „Riecht verführerisch, jetzt bekomme ich auch Appetit.“

Adrián konnte ihr nur zustimmen, doch er wusste, wonach ihm noch deutlich mehr der Sinn stand als nach gebratenem Fisch.

Sie kehrten in ein Lokal mit baskisch-andalusischer Küche ein und fanden einen Platz auf der anheimelnd beleuchteten Terrasse. Es gab Hausmannskost und Fisch aus der Bucht von Cádiz.

Liz wurde aus ihrem neuen Malschüler nicht schlau. Ständig sandte er ihr ambivalente Signale. Sie könnte schwören, dass er sie begehrte, sie las es deutlich in seinem Blick, doch immer, wenn er sich einen Schritt vorgewagt hatte, zog er sich wieder zurück. Er musste gebunden sein, anders konnte sie sich das nicht erklären. Oder mochte er nur keine Intimitäten in der Öffentlichkeit?

„Hast du am Wochenende was Besonderes vor?“, erkundigte sie sich beiläufig und nahm sich einen der marinierten Champignons aus dem Tapas-Schälchen. Sie wollte Adrián nicht direkt fragen, ob er liiert war, das könnte er missverstehen, hoffte jedoch, durch vorsichtige Fragen mehr über ihn zu erfahren. Von selbst war er nicht allzu mitteilsam.

„Ich werde einen guten Teil des Wochenendes arbeiten müssen.“ Er knabberte an einer mit Speck ummantelten gebratenen Pflaume.

„Was machst du eigentlich beruflich?“

„Ich bin Unternehmensberater. Dienstag früh habe ich eine wichtige Präsentation, für die ich noch einiges vorbereiten muss.“

„Ah. Ist sicher nicht lustig für deine Frau oder Freundin, wenn du auch am Wochenende arbeitest.“ Liz blinzelte ihm zu.

Adrián lächelte. „Ja, darüber gab es gelegentlich bereits Beschwerden. Allerdings bin ich zurzeit ungebunden. Das hat in dieser Hinsicht durchaus Vorteile.“

Sie nickte erleichtert. „Das stimmt. Ich hatte auch schon Freunde, die sich daran gestoßen haben, dass ich keine festen Arbeitszeiten habe und oft am Wochenende oder mitunter bis tief in die Nacht hinein malen will.“

„Wie war das, als du mit deinem Vater zusammen in der Künstlerkolonie gelebt hast?“, fragte er interessiert. „Habt ihr euch gegenseitig inspiriert?“

Liz musste nachdenken. „Als ich zu ihm gezogen bin, hatte ich bereits begonnen, mich von seinen Arbeiten durch die Street Art abzugrenzen. Er konnte dieser Kunstform nicht viel abgewinnen, daher habe ich ihn ganz sicher nicht inspiriert. Umgekehrt schon eher.“

„Er hat dich also nicht als Malerin auf Augenhöhe betrachtet?“ Adrián blickte sie nachdenklich über den Rand seines Weinglases hinweg an, bevor er einen Schluck daraus nahm.

„Anfangs nicht. Als ich frisch von der Kunsthochschule kam und mich auf Urban Art spezialisiert habe, war ich für ihn kaum mehr als eine Fassadenschmiererin.“ Sie rümpfte die Nase über die verächtliche Bezeichnung ihrer Kunst, mit der sie so oft konfrontiert wurde. „Er war aber relativ zufrieden mit den klassischeren Motiven, die ich zwischendurch gemalt habe. Erst als ich immer öfter bezahlte Aufträge für Straßenkunst bekommen habe, fing er an, mich ernst zu nehmen.“

Sie spielte nachdenklich mit ihrer Serviette. „So oder so hat er mich aber immer gefördert. Es war seine Idee, die beiden Mauern im Garten zu bauen, damit ich darauf Entwürfe machen kann. Und natürlich hat er mir viele Tipps für Porträts und Landschaften gegeben, wenn wir im Atelier gemalt haben.“

„Verzeih mir, wenn ich das so offen sage – du bist eine umwerfend schöne Frau …“

Adrián ließ den Rest Wein in seinem Glas kreisen, während sein Blick fast sehnsüchtig auf ihrem Gesicht ruhte.

„Er hat dich sicher häufig gemalt. Warst du so etwas wie eine Muse für ihn?“

Liz spürte, dass ihre Wangen heiß wurden, obwohl sie häufig Komplimente zu ihrem Aussehen erhielt. Sie freute sich zu hören, dass sie Adrián gefiel. Nach seinem Zurückweichen hatte sie sich gefragt, ob sie überhaupt sein Typ war.

Ihre Blicke versanken für einen Moment ineinander, und am liebsten hätte Liz alles, was auf dem Tisch zwischen ihnen stand, beiseitegefegt, sich darübergebeugt und Adrián geküsst. Sie war sicher, dass er dieses Mal keinen Rückzieher machen würde. Allerdings war ein vollbesetztes Restaurant für einen ersten Kuss keine gute Wahl.

Sein Blick wurde fragend, und ihr fiel auf, dass er noch auf eine Antwort wartete. Was war noch gleich die Frage gewesen? Sie fühlte sich auf einmal völlig konfus. Besonders, als Adrián auch noch belustigt lächelte.

Amüsierte er sich etwa insgeheim über sie? Testete er nur seine Verführungskraft? Was für ein Katz- und Mausspiel trieb er mit ihr? Am liebsten hätte sie sich mit der Speisekarte Luft zugefächelt, doch sie wollte sich nicht noch mehr Blöße geben.

Zum Glück brachte der Ober in diesem Moment die von ihr bestellte Tortilla und für Adrián Seeteufel mit Kartoffeln.

„Guten Appetit“, wünschte Adrián und schenkte ihr Wein nach.

„Danke, dir auch.“

Sie begannen zu essen, und Liz fiel endlich wieder ein, was Adrián sie gefragt hatte.

„Ich habe dir ja noch gar nicht geantwortet“, sagte sie so unbekümmert wie möglich und schob sich in einer sinnlichen Geste ein winziges Stück Tortilla in den Mund.

„Worauf?“, fragte er verwirrt, ohne den Blick von ihren Lippen zu nehmen.

„Ob ich eine Muse für meinen Vater war.“

„Ja, richtig.“ Sein Blick folgte kurz ihrer Goldkette, deren Anhänger tief in ihrem Dekolletee baumelte, und kehrte mühsam zu ihren Augen zurück. „Und?“

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.“ Liz hob die Schultern. „Papa hat mich natürlich in mehreren Altersstufen porträtiert, die Bilder hat er meiner Mutter und meinen Großmüttern geschenkt.“

„Dann hast du ja noch Bilder von dir, die er gemalt hat. Oder hast zumindest Zugriff darauf.“

Adrián lächelte ihr so fürsorglich zu, dass ihr ihre Vermutung, er könne sich zuvor insgeheim über sie lustig gemacht haben, albern vorkam.

„Ja, aber erstens besitze ich sie nicht – auch wenn ich sie vermutlich eines Tages erben werde – und zweitens ist es nicht das Gleiche wie jenes Bild, das er kurz vor der Scheidung gemalt hat. Ich mag außerdem das Motiv mit dem englischen Garten extrem gerne.“

„Warum hat er nicht eins von dir in eurem andalusischen Garten gemalt?“

Liz ließ kurz ihr Besteck sinken. „Seit einigen Jahren haben ihn hin und wieder Rheumaschübe geplagt und er konnte nicht mehr so viel malen. Unter anderem ist er auch deswegen nach Andalusien zurückgezogen – das oft feuchtkalte Wetter in England hat er nicht gut vertragen“, sagte sie bekümmert. „Jedenfalls hat er zum Schluss fast nur noch Auftragsbilder gemalt oder zumindest welche, die sich mit Sicherheit gut verkaufen ließen. Wenn da eine Person mit drauf ist, die der Interessent nicht kennt, kann das ein Hindernis darstellen.“

„Verstehe.“ Routiniert entfernte Adrián einige verbliebene Gräten aus seinem Fischfilet und legte sie am Tellerrand ab.

„Es ist uns beiden wohl auch nicht in den Sinn gekommen, dass er mich in unserem Garten hier malen könnte“, gab Liz zu. „Wir waren immer zu beschäftigt, und mir ist es sowieso lästig, Modell zu sitzen. Papa hat den Garten gemalt, das Bild hast du ja in meinem Wohnzimmer gesehen. Keiner von uns beiden hat gefunden, dass es das Werk bereichern würde, wenn ich dort irgendwo sitze.“ Sie lachte.

„Schade. Ich hätte das durchaus als Bereicherung empfunden.“ Wieder versank sein funkelnder Blick in ihrem. „Es wäre eine schöne Erinnerung gewesen.“

„Ach, weißt du, die Erinnerungen der letzten Jahre von meinem Vater im Garten dieser Künstlerkolonie sind in meinem Herzen.“ Liz legte sich die Hände auf die Brust. „Und selbstverständlich haben wir zahlreiche Fotos. Wir sind auch viel zusammen unterwegs gewesen, haben Barcelona, Sevilla, Granada besichtigt, natürlich die Alhambra, die unfassbar schöne Motive bietet – wenn es nicht durch den Ansturm von Touristen so schwierig wäre, dort die nötige Ruhe zum Malen zu finden.“

„Also gefällt es dir in Andalusien?“

Adrián lächelte so hoffnungsvoll, dass sie auf jeden Fall bejaht hätte, um ihn nicht zu enttäuschen. Zum Glück war eine Notlüge nicht erforderlich.

„Und wie! Ich liebe die milden Winter, die mediterrane Natur, die vielen Sonnentage und die gute Küche.“

Er schmunzelte und Liz wurde bewusst, dass sie klang, als würde sie aus einem Reiseführer vorlesen. Sie dachte darüber nach, was ihr noch gefiel. „Außerdem mag ich den entspannteren Lebensstil und die Geselligkeit in Andalusien.“

„Hast du noch Familie in Spanien?“

„Verwandte meines Vaters leben in der Nähe von Granada und Almería, aber ich kenne sie nicht gut und es ist zu weit, um sich schnell mal zu treffen.“

„Was machst du so, wenn du nicht malst? Hast du Hobbys?“ Adrián nahm einen Schluck aus seinem Weinglas.

„Viel Zeit bleibt mir nicht zwischen der Verwaltung des Anwesens, der Gartenpflege, den Malschülern und den Malarbeiten“, erklärte sie. „Ich gehe manchmal im Meer schwimmen oder fahre durch die Gegend, auf der Suche nach Motiven oder Aufträgen. Und letztes Jahr habe ich einen Kurs im Flamencotanzen besucht.“

„Das ist toll“, sagte er anerkennend. „Hat es dir Spaß gemacht?“

„Oh ja. Ich tanze ohnehin gerne und liebe die spanische Kultur – mit Ausnahme vom Stierkampf“, fügte sie verächtlich hinzu.

„Der fällt für mich auch nicht unter Kultur“, pflichtete Adrián ihr bei. „Das klingt, als würdest du auf unbestimmte Zeit hier wohnen bleiben wollen.“

Schimmerte da wirklich ein Funken Hoffnung in seinen Augen oder bildetet sie sich das nur ein?

„In meiner DNA muss verankert sein, dass ich hier geboren bin“, sagte sie lachend. „In erster Linie bin ich zwar hergezogen, um bei meinem Vater zu sein, aber jetzt habe ich nicht die Absicht, jemals wieder nach England zurückzukehren.“

„Freut mich, dass es dir so gut in meiner Heimat gefällt.“

Noch besser gefiel ihr in diesem Moment das Lächeln, das in seinen Mundwinkeln spielte und ihn aussehen ließ, als liege ihm viel daran, dass sie in der Region blieb. Erneut hätte sie ihn zu gern geküsst.

„Ich fühle mich sehr wohl in Cádiz. Es ist nicht unübersichtlich groß, aber es ist immer viel los. Der Karneval, die verschiedenen Kulturfestivals … Die Stadt ist so liberal und weltoffen“, schwärmte sie.

„Nicht zu vergessen die Musik-Cafés am Meer und die urigen Tapas-Bars“, ergänzte Adrián.

„Wohnst du eigentlich direkt in Cádiz?“, erkundigte sie sich.

„Ja, nicht weit von hier. In der Nähe der Playa de la Victoria.“

„Schönes Viertel. Muss toll sein, so nah an einem der Stadtstrände zu wohnen. Sag mal …“ Liz druckste herum. „Ich wollte dich etwas fragen.“

„Nur zu.“ Er blickte sie erwartungsvoll an.

„Darf ich mir das Gemälde von meinem Vater, das bei dir hängt, mal angucken? Ich habe es lange nicht mehr in natura gesehen.“

Adrián zögerte merklich.

„Ich will mich nicht bei dir einladen“, sagte sie hastig. „Es muss auch keinesfalls heute sein. Ich würde es nur unheimlich gerne noch einmal sehen.“

Er nickte. „Es lässt sich bestimmt irgendwann einrichten.“

„Danke. Das würde mir viel bedeuten.“

„Sag mal, wenn dir das Gemälde so viel bedeutet, kannst du es nicht nach einem Foto kopieren?“, fragte Adrián. „Oder falls nicht, kennst du bestimmt Profis, die dazu in der Lage wären.“

„Sicher. Aber das wäre nicht das Gleiche. Ich wüsste ja, dass es nicht seine Hand war, die den Pinsel geführt hat. Ich wüsste, dass es nicht dasselbe Gemälde ist, für das ich damals unter der warmen Junisonne Englands posiert habe. Und in diesem Alter fiel es mir sehr schwer, stundenlang still zu stehen.“ Liz lachte, doch ihre Stimmung verfinsterte sich.

Dieses Bild war die letzte Erinnerung an ein harmonisches Zuhause. Auch wenn es hinter der Fassade nicht immer so harmonisch zugegangen war. Offiziell waren ihre Eltern zumindest noch zusammen gewesen und sie hatte sich an die Hoffnung klammern können, dass alles zwischen ihnen wieder in Ordnung kommen würde. Sie hatte nicht geahnt, dass ihre Mutter zu dieser Zeit bereits zwei oder drei Liebhaber gehabt hatte.

Heftig zerknüllte sie ihre Papierserviette.

Adrián sah sie erstaunt an. „Alles okay?“

Sie zwang sich zu nicken. „Wie war es bei dir, nachdem dein Vater gestorben ist? Du hast Halt bei deinem Onkel gefunden, aber wie war das mit deiner Mutter? Hat sie wieder geheiratet?“

„Inzwischen schon. Sie ist lange allein geblieben. Der plötzliche Tod meines Vaters war ein Schock für sie, den sie lange nicht überwunden hat. Sie war Onkel Rafael sehr dankbar, dass er sich um mich gekümmert hat. Und“, fügte er zögernd hinzu, „dass er uns auch finanziell unterstützt hat. Sonst hätte ich nicht studieren können.“

„Das war echt nobel von ihm. Er muss ein feiner Mensch sein.“

Eine Spur von Unwillen legte sich über Adriáns Züge.

„Das ist er bestimmt, allerdings hat er im Gegenzug auch Gehorsam und Disziplin von mir verlangt. Er und seine Frau haben keine Kinder bekommen – ihre gemeinsame Anwaltskanzlei war ihr Baby. Eine Art Teilzeitvaterschaft war also perfekt für ihn.“

„Ach, er war Anwalt … Dann konnte er es sich ja leisten, euch finanziell zu unterstützen“, meinte Liz mit schärferem Unterton als beabsichtigt. Sie konnte Anwälte nicht ausstehen.

Er antwortete nicht, und sie biss sich verlegen auf die Lippen. „Tut mir leid. Ich wollte nicht taktlos sein.“

„Schon in Ordnung. Klar war es Mutters und mein Glück, dass Rafael so gut verdient hat. Hätte er vom Mindestlohn leben müssen und drei eigene Kinder gehabt, hätte das alles anders ausgesehen.“

„Geschwister hast du nicht, oder?“

Adrián schüttelte den Kopf.

„Also sind wir beide Einzelkinder“, sagte sie nachdenklich.

„Ich hoffe, das ist nicht unsere einzige Gemeinsamkeit. Lass uns weitere entdecken.“ Er zwinkerte und prostete ihr zu.

Liz schmunzelte in sich hinein. Für seine Verhältnisse fing er offenbar gerade einen heftigen Flirt mit ihr an. Sie würde seinen Auftauknopf schon noch finden und den feurigen Andalusier unter seinem beherrschten Auftreten hervorkitzeln.

„Ich bin sicher, wir finden so einiges, das wir beide mögen …“ Unwillkürlich hatte sie ihre Stimme eine Oktave tiefer rutschen lassen und bemerkte, wie sein kleiner Adamsapfel hüpfte, als er schluckte.

„Es wäre bestimmt aufregend, diese Gemeinsamkeiten aufzuspüren“, bestätigte Adrián leise.

Unter seinem Lächeln wurde ihr erneut heiß.

Eine kurze Pause entstand, die Li...

Autor

Annie Claydon

Annie Claydon wurde mit einer großen Leidenschaft für das Lesen gesegnet, in ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit hinter Buchdeckeln. Später machte sie ihren Abschluss in Englischer Literatur und gab sich danach vorerst vollständig ihrer Liebe zu romantischen Geschichten hin. Sie las nicht länger bloß, sondern verbrachte einen langen und...

Mehr erfahren
Michele Renae
Mehr erfahren

Für weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte wenden Sie sich bitte an info@cora.de.